31.12.1996  Beitrag drucken

Krisis 18 — Editorial

So manche Leser werden, wenn sie diese Ausgabe der »Krisis« aufschlagen und ihr Schwerpunktthema registrieren, erst einmal mit Skepsis reagieren. Die Kritik von »Arbeit«, Wertform und Warengesellschaft (kurz »Wertkritik«) mag ja als aparte Beschäftigung eines geschmäcklerischen Theorieclubs interessant erscheinen, und womöglich kann man sich damit interessant machen und Punkte sammeln im allgemeinen Selbstdarstellungs- und Selbstwert-Theater. Die Frage nach der Aufhebung der Warengesellschaft jedoch ernsthaft als lebenspraktische und mit Bezug auf soziale und gewerkschaftliche Bewegungen zu stellen, mutet doch reichlich utopisch und weltfremd an, und es scheint sich der Verdacht aufzudrängen, daß der Versuch, das Problem der Überwindung der herrschenden Vergesellschaftungsform im Kontext »unmittelbarer« gesellschaftlicher Probleme aufzurollen, nur eine Reise in Richtung Wolkenkuckucksheim bedeuten kann.

Dieses Mißtrauen ist leicht zu erklären. Angesichts der realen Entwicklung können die krisentheoretischen Überlegungen, die für gewöhnlich als der eigentliche Gegenstand des wertkritischen »Krisis«-Ansatzes betrachtet werden, sich immer auf eine gewisse Evidenz stützen. Die These, die Warengesellschaft sei drauf und dran, ihre eigenen Grundlagen unwiederbringlich zu zerstören, läßt sich zwar durch bloßen Rekurs auf die Empirie nicht beweisen; die Krisenwirklichkeit liefert aber immerhin reichlich Anknüpfungspunkte, um diese Argumentation als plausibel oder zumindest als denkmöglich erscheinen zu lassen. Bei der Beschäftigung mit dem Problem einer tatsächlichen und positiven Aufhebung des modernen warenproduzierenden Systems zeigt sich die gesellschaftliche Realität hingegen nicht so hilfreich.

Solange sich die theoretische Kritik der Warenform z.B. mit der Misere der Politik auseinandersetzt oder sich der Kritik des Subjektbegriffs und der Geschlechterbeziehung widmet, versteht sich zumindest die Existenz des Forschungsgegenstands von selber. Beim Versuch, eine Perspektive der Systemaufhebung zu umreißen, ist nicht einmal das der Fall. Die neue Systemkrise hat zwar die traditionellen Oppositionsbewegungen paralysiert und die alten antikapitalistischen Konzepte über den Haufen geworfen. Mit den alten Antworten auf die Frage, wie denn die kapitalistische Vergesellschaftungsform zu überwinden sei, scheint sich jedoch erst einmal die Aufhebungsperspektive überhaupt verflüchtigt zu haben. Der laufende gesellschaftspolitische Diskurs behandelt jedenfalls die Unüberwindbarkeit der Geld- und Warenlogik als selbstverständliches Axiom, das keinerlei Begründung mehr nötig hat; und selbst im linken Antikapitalismus spielt die Idee einer anderen Vergesellschaftungsform (und die Debatte um deren Konkretisierung bzw. gesellschaftliche Mobilisierung) schon lange keinerlei Rolle mehr.

Noch jeder Obskurant, der sein Schlafzimmer von Außerirdischen belagert wähnt, kann derzeit mit Talk-Show-Terminen rechnen und wird vom werten Publikum ernst genommen; wer hingegen einen Gedanken auf ein so absonderliches Phantasma wie die emanzipative Überwindung der Warenproduktion und gar die Aufhebung des heiligen Geldes und des ebenso heiligen demokratischen Staates verschwendet, scheint sich der Lächerlichkeit preiszugeben und muß sich womöglich Fragen nach seinem Geisteszustand gefallen lassen.

Die Wertkritik kommt nicht umhin, diese affirmative Grundstimmung des herrschenden Bewußtseins (das noch den möglichen eigenen Untergang als kitzelndes Denkspiel betrachtet, ohne sich in seinem destruktiven Tun stören zu lassen) zur Kenntnis zu nehmen und damit zu rechnen. Sie kann es sich allerdings nicht leisten, davor zu kapitulieren und das Aufhebungsproblem ad acta zu legen. Theorie kann sich nicht an Demoskopie halten, und eine gesellschaftskritische Theorie am allerwenigsten. Würde die Wertkritik an diesem Punkt dem Zeitgeist nachgeben, die Überwindungsperspektive fahren lassen und zur blanken Katastrophentheorie mutieren, so hätte sie damit ihre eigene Grundlage zerstört und würde restlos zerfallen. Das gilt nicht nur der vortheoretischen gesellschaftskritischen Intention wegen, sondern auch rein theorieimmanent. Das krisentheoretische Moment der Wertkritik ist isoliert vom Aufhebungsgedanken gar nicht denkbar.

Diese Einschätzung mag irritieren. Jedenfalls steht sie in einem eklatanten Gegensatz zu einer gängigen Wahrnehmung der Wertkritik. Nicht nur viele Kritiker, sondern auch wohlwollende Rezipienten vollziehen genau dieses Auseinanderdividieren von Krisen- und Aufhebungsperspektive. Abgelöst von der Denkmöglichkeit einer praktischen Aufhebung des wertförmigen Zusammenhangs erscheint das Insistieren auf die Krise und absolute Schranke der Wertvergesellschaftung als pure Untergangstheorie mit Gruseleffekt. Soweit unsere Analyse auf dem Markt der Meinungen eine Nische erobern konnte, wurde sie eben unter diesem Vorzeichen wahrgenommen, also getrennt vom eigentlichen theoretischen Ansatz der Wertkritik. Das betrifft auch einen Großteil der Publikationsmöglichkeiten außerhalb der »Krisis«: Wenn von uns Beiträge angefordert werden, dann mit Vorliebe solche in Richtung Katastrophenanalyse.

Die für die wertkritische Theoriebildung in den letzten Jahren zentralen Probleme (Demokratiekritik, Geschlechterverhältnis, Subjektkonstitution usw.) treffen dagegen vergleichsweise auf eine eher bescheidene Nachfrage, und die Orientierung auch der Krisenanalysen auf eine Aufhebung von Warenform und Staat wird am liebsten mit Höflichkeit übergangen. Die heraufziehende Krisenepoche, so macht es den Eindruck, erzeugt nicht nur Weltuntergangspropheten, sondern vor allem auch das Bedürfnis nach ihnen, und die Wertkritik kann sich dem nicht so ohne weiteres entziehen. Soweit publizistische Aufmerksamkeit erregt wird, verdankt sich diese in erster Linie der untergründigen »Apokalypse Now«-Stimmung, die nach Futter giert. Insbesondere die Bücher von Robert Kurz wurden als eine gelungene Synthese von Realanalyse und Horror-Roman (relativ) populär, die bestens zum heraufziehenden Millennium paßt. Der Kontext dagegen, in dem diese Analysen stehen, bleibt systematisch ausgeblendet.

So wenig sich dieser Rezeptionshintergrund wegleugnen läßt, so wenig darf er mit dem theoretischen Ansatz selber verwechselt werden. Die Wertkritik drängt aus ihrer eigenen Logik heraus zur Aufhebungsfrage. Sie kündet weder vom Weltuntergang noch vom unaufhaltsamen Zerfall jeder Vergesellschaftung, sondern versucht stattdessen die Unhaltbarkeit einer ganz besonderen, historisch begrenzten Vergesellschaftungsform aufzuzeigen und deren sukzessive Erosion nachzuzeichnen. Genau diese historische Dimension der Kritik verleiht den krisenanalytischen Kategorien überhaupt erst ihre Trennschärfe. Eine historisch verortbare Formation ist aber immer zugleich auch eine prinzipiell überwindbare. Eine Krisentheorie, die das Gefüge der totalisierten Warenform nicht als ein System ontologischer Bestimmungen gelten läßt, sondern deren immanente Widersprüchlichkeit und Unhaltbarkeit herausarbeitet, kann die von ihr analysierte Entwicklung gar nicht als eine fatale historische Endlosschleife begreifen, in der kapitalistische Herrschaft sich ad infinitum reproduziert, ohne ihre Ausgangsannahmen zu dementieren. Wer die Ontologie von Arbeit und Wert verwirft, hat die Möglichkeit einer Vergesellschaftung jenseits dieser Kategorien implizit bereits unterstellt.

Wenn dieser Zusammenhang in der Auseinandersetzung mit der Wertkritik bislang weitgehend ausgeblendet blieb, so natürlich vor allem deshalb, weil er sich der Zeitgeistkonjunktur und den landläufigen Wahrnehmungsrastern sperrt. Das gesellschaftliche Makroklima wirkt, ob wir wollen oder nicht, auch auf den Einzugsbereich einer neuen Gesellschaftskritik. Die landläufige Lesart mag die innere Kohärenz des Ansatzes zerstören und von der Wertkritik nur mehr eine Karikatur übrig lassen: Solange der Traum von der Aufhebung der bestehenden Gesellschaftsform per se als das anachronistische Hirngespinst einiger unverbesserlicher Alt-68er gehandelt wird, liegt es vielleicht nahe, das aufhebungstheoretische Moment der wertkritischen Argumentation ebenfalls unter diese Kategorie zu subsumieren, um es augenzwinkernd beiseite zu schieben.

Dieser eingefahrene Mechanismus läßt sich nicht so ohne weiteres außer Kraft setzen. Darüber sollte man allerdings nicht übersehen, daß die »Krisis« an der einseitig krisentheoretischen Umdeutung der wertkritischen Position nicht ganz unschuldig ist. Wenn viele, die auf diesen Versuch einer Transformation radikaler Gesellschaftskritik stoßen, der Aufhebungsseite ungefähr so viel Beachtung schenken wie beim Kotelettessen dem längst abgenagten Knochen, dann reflektiert das auch die Schwerpunktsetzung unserer bisherigen Publikationen. Zehn Jahre lang haben wir uns vornehmlich darauf konzentriert, die objektiven Schranken (nicht nur in ökonomischer Hinsicht) deutlich zu machen, an denen die Fortschreibung von Marktwirtschaft und Demokratie zerschellen muß. Die Frage, wie eine (immer schon als möglich unterstellte) systemüberwindende Praxis im neuen Kontext zu denken sei, trat dagegen in den Hintergrund, und die Antworten, soweit sie erkennbar waren, blieben im Vergleich zur Krisenprognostik reichlich blaß.

Die vorliegende Ausgabe der »Krisis« soll helfen, die Lücke ein wenig zu verkleinern. Bei der schon öfter in Aussicht gestellten Annäherung an das Aufhebungsproblem stellt sich allerdings eine grundsätzliche theorieimmanente Schwierigkeit. Das Problem der Emanzipation vom Wert unterscheidet sich von allen anderen Erkenntnisfeldern einer Kritik an der modernen bürgerlichen Form. Das Spezifische des Gegenstands erzwingt also auch eine spezifische Herangehensweise. Die Aufhebung läßt sich weder als die unmittelbare Fortsetzung der Krisentheorie noch in Analogie dazu denken.

Die altlinken ebenso wie die bürgerlichen Gegner der Wertkritik zeihen den Ansatz der »Krisis« regelmäßig des »Objektivismus«. Sie werfen der krisentheoretisch ausformulierten Wertkritik vor, daß sie mit ihrer streng begrifflichen und logischen Orientierung dem bunten Ensemble gesellschaftlicher Wirklichkeit Gewalt antue und es einem deterministischen Schema gemäß zurechtstutze. Dieser Vorwurf trifft durchaus etwas Richtiges, er richtet sich allerdings an den völlig falschen Adressaten. Die Kritiker merken gar nicht, daß sie selbst es sind, die gerade mit ihrer Weigerung, die real objektivierende Potenz der Wertvergesellschaftung ernst zu nehmen, diese in Wahrheit beschönigen und der radikalen Kritik entziehen. Die wertkritisch vermittelte Subjekt-, Demokratie- und Ökonomiekritik orientiert sich zwar tatsächlich in gewisser Weise an einem abstrakten Reduktionismus, aber negativ. Dieser Reduktionismus hat also seinen Ursprung nicht in der wertkritischen Methodik, sondern im praktischen Reduktions- und Abstraktionsprozeß, den die herrschende Vergesellschaftungsform tagtäglich real vollzieht und der ja gerade Gegenstand der Kritik ist.

Was an der wertkritischen Theorie als angeblich objektivistisch inkriminiert wird, ist nichts anderes als die Reflexion auf das in Soziologie und VWL ebenso wie im altmarxistischen Mainstream ausgeblendete Diktat des Werts, d.h. die (historisch zunehmende) Zwangssubsumtion der gesellschaftlichen Prozesse unter eine subjektlose Realabstraktion. Die Gewalt der Reduktion geht also nicht vom wertkritischen Gedanken aus, der wertkritische Gedanke decouvriert vielmehr die reduktionistische Gewalt der bürgerlichen Realität. Wenn die Wertkritik die bürgerliche Gesellschaft als einen Quasi-Naturgegenstand behandeln kann und muß, dann nur deshalb, weil sie es mit einer objektivierten Verkehrsform zu tun hat, die tatsächlich absurderweise zu einer Art zweiten Natur geronnen ist. Indem die Kritik dieses Verhältnisses die Verkehrung einer gesellschaftlichen Beziehung zu einer dem Wollen und Begehren der Menschen vorgeschalteten Größe bis zu Ende denkt, bezieht sie sich in allen ihren Analysen immer schon negatorisch auf ihren Erkenntnisgegenstand und dessen »Objektivität«, statt die Warengesellschaft wie die vorgeblichen linken Subjekt-Emphatiker oder Realo-Pragmatiker als ein Ensemble positiver Fakten anzuerkennen.

Der feine, aber gravierende Unterschied zwischen Objektivismus in einem affirmativen Sinne und radikaler Kritik des herrschenden Realobjektivismus bestimmt nachhaltig den Status des wertkritischen Aufhebungsdenkens. Es ist der Unterschied zwischen denen, die sich unter Ignoranz der real objektivierenden Warenform Befreiung auf dem Boden dieser Form in die Tasche lügen wollen, und denen, die sagen, was real ist, um diesen Zustand ernsthaft angreifen zu können. Weil es sich bei der modernen Warengesellschaft um die höchste und letzte Form fetischistisch verfaßter Gesellschaftlichkeit handelt, ist ihre Aufhebung identisch mit dem Ausbruch aus der Zwangsgesetzlichkeit einer zweiten Natur überhaupt.

Es wäre aber ein Widerspruch in sich, wollte man die Überwindung des realen Determinismus selber deterministisch denken. Wer die katastrophische Eigendynamik in den ökonomischen wie in den subjekttheoretischen Aspekten der totalisierten Warenform noch so detailliert und geduldig untersucht, wird aus diesen Analysen nie auch nur ansatzweise so etwas wie eine Aufhebungsbewegung extrapolieren können. Wenn es jemals einen Übergang zu einer bewußten Vergesellschaftung geben soll, dann kann er nicht dem Selbstlauf der Krisendynamik entspringen; er fällt vielmehr mit dem bewußten, willentlichen Ausstieg aus dem automatischen Prozeß in eins.

Auf den ersten Blick scheint die Aufhebungsfrage damit in ein nicht mehr zugängliches Ungewisses zu entschwinden. Wer darauf beharrt, daß der Ausbruch aus dem subjektlosen Krisenprozeß nicht als dessen logisches Zwangsresultat zu denken ist, so scheint es, kann eine Vergesellschaftung jenseits des warenförmigen Universums zwar noch als abstrakte Denkmöglichkeit festhalten; er ist aber nicht mehr imstande, diese Möglichkeit in irgendeiner Weise programmatisch und sozusagen operationell zu antizipieren. Bei näherem Hinsehen führt dieser Schluß allerdings in die Irre. Sowenig der historische Schritt von einer bewußtlosen zu einer bewußten Gesellschaftlichkeit die bloße Fortentwicklung schon in der determinierten Logik enthaltener Tendenzen sein kann, sowenig ist er voraussetzungslos. Wer eine Schwelle überschreitet, steht dabei zwangsläufig immer mit einem Bein auf dem Boden dessen, was er hinter sich läßt, und kann sich nicht beziehungslos und gleichgültig dazu verhalten.

Als bestimmte Negation der leerlaufenden Wertmaschinerie taucht die postwertförmige, postmonetäre Gesellschaft nicht als deus ex machina plötzlich aus dem Nichts auf. Ebensowenig kann sie das Resultat eines pur empirischen, begriffs- und bestimmungslosen trial-and-error-Prozesses sein. Sie kann vielmehr nur als die konkrete Antwort auf das von der Krisengesellschaft geheckte immanente Widerspruchspotential entstehen. Die nach-warenförmige Gesellschaft kommt als die gewendete Krise zur Welt und bleibt in ihrer Durchsetzungsbewegung mit dem vermittelt, was sie da wendet. Von daher ist es durchaus möglich, von der wertkritischen Krisenanalyse ausgehend heute schon die Konfliktfelder grob zu umreißen, auf denen sich über den arbeitsgesellschaftlichen Wahn hinausweisende Bewegungsansätze herausbilden können; und es läßt sich auch in etwa die Stoßrichtung angeben, der solche Strömungen folgen werden.

Die Wertkritik ist keine Theorie, die auf ewige Gültigkeit Anspruch erheben könnte. Sie wird im unmittelbarsten Sinne des Wortes mit dem Verlust des Gegenstands ihrer Kritik selber gegenstandslos. Sie erreicht die Grenze ihres Gültigkeitsbereiches dort, wo die Menschen die Wertlogik sprengen. Dieses Sprengen als solches läßt sich theoretisch weder vollziehen noch vorwegnehmen. Die Bedingungen und Voraussetzungen dafür sind hingegen sehr wohl heute schon einer konkreten Bestimmung zugänglich; diese Konkretisierung ist sogar selber ein Moment der notwendigen Voraussetzung.

Wenn die »Krisis« sich dieser Aufgabe zu stellen versucht, dann weniger deshalb, weil es sich dabei um eine interessante intellektuelle Fingerübung handelt, und auch nicht deshalb, weil der theoretische Ansatz vervollständigt werden soll. Es geht vielmehr darum, daß Überlegungen zur Antipolitik und Antiökonomie einer neuen Transformationsgeschichte zumindest mittelfristig auch eine gewisse praktische Bedeutung zukommen könnte. Gerade in einer Zeit, in der sich der Zerfall der globalisierten warengesellschaftlichen Ordnung längst mit Händen greifen läßt, könnte angesichts der Lähmung des oppositionellen Denkens und der dauernd beschworenen Alternativlosigkeit der herrschenden Ordnung schon der Versuch, die Frage der Alternative jenseits von Warenform, Markt und Staat nicht mehr bloß metaphorisch aufzuwerfen, als eine Art Katalysator der praktischen Kritik wirken. Die Funkstille der sozialen Opposition ist sicherlich nicht darauf zurückzuführen, daß das Bedürfnis, die herrschende Ordnung zu überwinden, spurlos entschwunden wäre. Der diffuse Wunsch hat nur keine formulierte Zielbestimmung und kein Bezugssystem emanzipatorischen Denkens mehr, in dem er reale Gestalt annehmen könnte.

Eine Neuformulierung der Ziele sozialer Emanzipation ist freilich immer nur negatorisch gegenüber dem Istzustand nicht nur der Krisengesellschaft, sondern auch ihrer nicht mehr zureichenden alten Kritik möglich. Wir beginnen daher mit zwei Artikeln, die, obzwar auf sehr unterschiedlichen Ebenen angesiedelt, erst einmal negativ das Aufhebungsfeld analysieren.

Robert Kurz setzt sich in seinem Essay »Die letzten Gefechte« mit dem Abstieg der sozialen und gewerkschaftlichen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Anhand des Pariser Mai 1968, des Pariser Dezember 1995 und des »Bündnis für Arbeit« in der BRD wird das Ausbrennen des alten Klassenkampfes samt seiner intellektuellen Begleitmusik skizziert und die Frage nach einem neuen Begriff sozialer Bewegung aufgeworfen, der nicht mehr bloß den immanenten Gegensatz der warenförmigen Funktionssubjekte widerspiegelt.

Ernst Lohoff versucht in seinem Beitrag »Determinismus und Emanzipation« zunächst einmal die Gleichzeitigkeit von Systemkrise und Paralyse der Systemopposition zu erklären, um dann die grundsätzliche Differenz zwischen den traditionellen antikapitalistischen Bewegungen in der Durchsetzungsphase der Warengesellschaft und einer künftigen Aufhebungsbewegung zu umreißen. Die eher auf einer metatheoretisch-geschichtsphilosophischen Ebene angesiedelten Überlegungen konzentrieren sich dabei auf den Vorwurf des Objektivismus gegenüber der Wertkritik.

Norbert Trenkle stellt in seinem Artikel »Weltgesellschaft ohne Geld« einige Überlegungen zu einer gesellschaftlichen Reproduktion jenseits von Markt und Staat an. Er kritisiert das gängige Argument, das Geld sei als Medium gesellschaftlicher Synthesis unverzichtbar und zeigt, daß gerade unter Bedingungen hochentwickelter Produktivkraft neue Formen direkter Vergesellschaftung nicht nur möglich, sondern vor allem auch notwendig werden. In diesem Zusammenhang fragt der Autor zum einen nach positiven Anknüpfungspunkten in den Konzepten zur Dezentralisierung von Stoffkreisläufen im Umfeld der Ökologie- und Sustainability-Debatte. Zum anderen setzt er sich mit den obsolet gewordenen marxistischen Planungsvorstellungen auseinander, die, weil sie sich immer schon in den Kategorien von Arbeitsmengen, Ware und Geld bewegten, notwendigerweise autoritär-zentralistischen Charakter annehmen mußten. Dagegen wird der Gedanke einer enthierarchisierten vernetzten Planung gesetzt, deren Ausgangs- und Bezugspunkt konsequenterweise weder die Einzelnen in ihrer Unmittelbarkeit als »Konsumenten« noch die Einzelbetriebe als »unmittelbare Produzenten« sein können, sondern stattdessen kommunitär organisierte, lokale Grundeinheiten eines dezentralisierten Gesellschaftszusammenhangs.

In seinem zweiten Beitrag versucht Ernst Lohoff, Kriterien für das Problem einer gesellschaftlichen Vermittlung der Aufhebungsfrage zu entwickeln. In einem »postpolitischen Streifzug« wird dabei die Formel vom »Ende des politischen Zeitalters« konkretisiert. Dieser Streifzug führt zu einigen unmittelbar praktischen gesellschaftlichen Problemfeldern, an denen sich angesichts der Krise der Arbeitsgesellschaft und des Steuer(ungs)staates Ansätze einer Aufhebungsbewegung herausbilden könnten. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Handlungsspielräume sich einer oppositionellen Bewegung gerade in der Konfrontation mit dem Doppelversagen von monetärer und etatistischer Regulation eröffnen könnten, wenn sie die Fixierung auf die zerfallende arbeitsgesellschaftlich-etatistische Normalität aufgibt und sich stattdessen auf gesellschaftliche Selbstorganisation orientiert.

Heinz Weinhausen setzt sich in seinem Artikel »Sphärenklänge« mit André Gorz auseinander, einem der wichtigsten Theoretiker der Alternativbewegung in den 80er Jahren. Dabei wird gezeigt, daß die »dualwirtschaftliche« Konzeption eines Zurückdrängens der Warenbeziehungen zugunsten »autonomer Tätigkeiten« einerseits durchaus Ansatzpunkte für eine neue systemoppositionelle Orientierung in der Krise der Warengesellschaft birgt. Dies vor allem auch deshalb, weil Gorz im Gegensatz zum traditionellen Marxismus nicht die »Befreiung in der Arbeit« sondern die »Befreiung von der Arbeit« einklagt. Allerdings unterschätzt Gorz andererseits den fundamentalen Charakter der »Krise der Arbeitsgesellschaft«, wenn er sich der Illusion hingibt, die »autonome Sphäre« könnte friedlich und dauerhaft mit einem »heteronomen warenförmigen Sektor« koexistieren.

Auf einer ganz anderen Ebene liegt der Artikel »Dimensionen des Mülls« von Franz Schandl. Er untersucht den Zusammenhang zwischen Müllerzeugung und warenproduzierendem System auf einer sehr grundsätzlichen Ebene und will auf diese Weise größere begriffliche Klarheit in die weitgehend empiristisch orientierte ökologische Diskussion bringen. Es geht darum, »den Müll anhand der gesellschaftlichen Grundfragen abzuhandeln bzw. umgekehrt die gesellschaftlichen Grundfragen anhand des Mülls zu erklären«. Vor diesem Hintergrund setzt Schandl sich mit den verschiedenen Konzepten kapitalistischer »Müllbeseitigung« auseinander, die hilflos bleiben müssen, weil sie an das Grundproblem einer Produktion um der Produktion willen nicht rühren. Die Müllberge wachsen weiter und die Abfallwirtschaft wird zu einer der wenigen Wachstumsbranchen.

Ernst Lohoff für die Redaktion der KRISIS, März 1996