31.12.1997  Beitrag drucken

Krisis 19 — Editorial

Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenläufige Momente. Kritik läßt sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewußtsein von Nähe und Verstrickung. Radikale Kritik ist über das, was sie überwinden und abstreifen will, schon hinaus und weiß doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz mit ihrem Gegenstand verschlungen ist. Dementsprechend hat sie keinen festen und eindeutigen Standort, sondern oszilliert beständig zwischen Innen- und Außenperspektive und kann sich überhaupt nur in dieser Pendelbewegung entfalten. Allein indem die Kritik ihren Gegenstand von sich stößt und zum Gegenüber macht, kann sie dessen innere Logik erkennen; und im selben Maße, wie sie ihn verstehen lernt, wird er ihr zusehends fremdartiger.

Natürlich bewegt sich auch die Kritik der Warengesellschaft in einem solchen Spannungsfeld. Sie ist überhaupt nur in der Lage, die herrschende gesellschaftliche Verkehrsform zu fassen, weil sie nicht im blinden Selbstlauf des warengesellschaftlichen Prozesses mittreiben will und sich einen virtuellen Beobachterplatz an einem anderen Ufer sucht. Diese Distanzierung eröffnet ihr indes keinen Zugang zum kontemplativen Glück bloßer Theorie und reiner Anschauung (der Begriff »theoria« bedeutet im Altgriechischen »Anschauung«). Wenn die Warenkritik nämlich auf den Fluß der gegenwärtigen Entwicklung blickt, dann sieht sie immer nur jene Strudel, in denen sie um ihr Schicksal kämpfen muß, denen sie aber auch ihre Entstehung verdankt.

Kritik braucht zunächst einmal Abstand. Wer eine totalitäre Vergesellschaftungsform in Frage stellt, die mit ihren Emanationen in allen gesellschaftlichen Sektoren und allen Weltregionen gegenwärtig ist, kann diese Distanz nur durch die radikale Historisierung der gegenwärtigen Ordnung herstellen. Der wertkritsche Ansatz ist dementsprechend ständig bemüht, die gesellschaftlichen Formen, die im Laufe der Moderne zur scheinbar selbstverständlichen Grundlage jedes übergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhangs aufgestiegen sind, als spezifische Phänomene einer bestimmten Epoche zu dechiffrieren. Was dem Alltagsverstand und den in der Theoriesphäre konkurrierenden affirmativen Ideologien als selbstverständlich und damit als unaufhebbar erscheint, soll in seinem Gewordensein und damit auch in seiner Vergänglichkeit begriffen werden.

Diese Orientierung rückt die Wertkritik in gewisser Weise in die Nähe der Geschichtswissenschaft. Soweit diese nicht einem unkritischen Universalismus aufsitzt, muß es ihr darum gehen, den besonderen Merkmalen und Strukturen vergangener Gesellschaftsarchitekturen nachzuspüren, ohne dabei die Verhältnisse der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft zu projizieren und damit zu verabsolutieren. Angesichts dieser Gemeinsamkeit darf man indes nicht übersehen, welches zusätzliche, der Geschichtswissenschaft fremde Problem die Historisierung der gegenwärtigen Gesellschaft aufwirft. Beim Streifzug durch die Vergangenheit hat der Betrachter mit seiner eigenen Epoche und ihren vertrauten Prinzipien immer ein Kontrastmittel zur Hand, das es ihm erleichtert, sich die Spezifika seines Gegenstandes zu vergegenwärtigen. Dagegen bleibt die Kritik der Warengesellschaft zu diesem Zweck ausschließlich auf die Kraft der Negation verwiesen. Mehr noch: Während beim Blick auf bereits untergegangene Gesellschaften sich von ganz alleine versteht, daß deren zu rekonstruierenden Strukturprinzipien nur ein historisch beschränkter Gültigkeitsbereich zukommt, hat die Wertkritik, wenn sie auf die Vergänglichkeit der herrschenden Formprinzipien insistiert, beständig gegen die Schwerkraft fest verankerter Wahrnehmungsmuster und gegen eingeschliffene Sprachgewohnheiten zu argumentieren. Dieser Widerstand zwingt dem Historisierungsbemühen eine bestimmte Schwerpunktsetzung auf. Anders als in der Geschichtswissenschaft, in der die Vergeschichtlichung von (Struktur-)Begriffen und Kategorien für gewöhnlich nur deren Relativierung bedeutet, zielt Historisierung im wertkritischen Zusammenhang im wesentlichen auf Begriffskritik.

Bei ihrem Kampf gegen die Verklärung spezifisch bürgerlicher Verhältnisse zu den einzig denkbaren Mustern gesellschaftlicher Vermittlung steht der Kritik der Warengesellschaft keine andere existierende gesellschaftliche Praxis als Anrufungsinstanz zur Verfügung. Dieser Umstand zwingt sie in ihrer Historisierung nicht nur auf die Ebene des Begriffs, er prägt zugleich auch nachhaltig das begriffliche Instrumentarium, das sie den ontologisierten bürgerlichen (Real-)Kategorien entgegenhält. Die wertkritischen Schlüsseltermini sind allesamt negativ gefärbt und bleiben für gewöhnlich selbst dort noch notorisch negatorisch, wo sie versuchen, eine Alternative zum Bestehenden zu formulieren. Während die traditionelle Systemopposition mit dem »Sozialismus« einst ein positives Gegenprinzip anzubieten hatte, muß der wertkritische Ansatz auf die Proklamation abstrakt-allgemeiner Prinzipien verzichten. Formeln wie »Antipolitik« oder »unmittelbare Vergesellschaftung« bestimmen sich offensichtlich schon ihrer semantischer Struktur nach über ihr Gegenteil; aber auch eine Aussage wie die, eine »postmonetäre Gesellschaft« habe ihre Reproduktion an »stofflichen« und »sinnlichen« Kriterien auszurichten, macht ohne ihren immer schon mitgedachten Kontrapunkt der Wertform keinen Sinn. Jedenfalls dürften die Mitglieder einer von der Waren- und Gelddiktatur befreiten Gesellschaft schwerlich auf die Idee verfallen, mit den Sammelbegriffen »stofflich« oder »sinnlich« zu hantieren, wenn sie zwischen all den Gesichtspunkten abwägen, die bei der konkreten Ausgestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion eine Rolle spielen (Optimierung des Ressourcenverbrauchs, befriedigende Organisation und Verteilung der gesellschaftlichen Tätigkeiten, Reduktion der in der Produktion gebundenen menschlichen Lebenszeit, Schaffung von vernetzten, dezentralisierten und kooperativen Strukturen, Berücksichtigung ästhetischer Gesichtspunkte etc.).

Ist Kritik der warengesellschaftlichen Wirklichkeit immer wesentlich auch Kritik der warengesellschaftlichen (Real-)Kategorien, so fällt sie notwendig mit einer fortgesetzten Begriffsdekonstruktion zusammen. An der Entwicklung des Krisis-Ansatzes läßt sich das unschwer nachzeichnen. Wer sich die aufeinanderfolgenden Entwicklungsetappen der wertkritischen Position vergegenwärtigen will, findet in den umgestürzten Begriffsklötzen kaum übersehbare Wegmarken. Immer wieder haben wir Kategorien historisiert und in ihrem scheinbar ontologischen Gehalt destruiert, auf die wir uns einige Ausgaben der Krisis zuvor noch positiv bezogen hatten. Nachdem die »Arbeit« zunächst einmal nur in ihrer abstrakten Form aufgehoben werden sollte (Nr. 4), blieb sie schließlich ganz auf der Strecke (Nr. 10 und Nr. 15). Die Abwendung von der Politikemphase mündete im »Ende der Politik«. Der Kritik am »Klassenkampf« als systemimmanentem Interessengegensatz (Nr. 7) und am Subjektapriorismus (Nr. 10) folgte der Abschied von einer affirmativen Subjektvorstellung (Nr.13). Und das von Roswitha Scholz in die wertkritische Diskussion hineingetragene »Abspaltungstheorem« (Nr. 12) hat den geschlechtsneutralen Schein des wertförmig konstituierten abstrakten Individuums aufgebrochen.

Damit ist natürlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Eine ganze Reihe von aus dem marxistischen und bürgerlichen Universum ererbten Begriffen wie etwa der Materialismus oder der Revolutionsbegriff bedürften einer »wertkritischen Dekonstruktion«; und zweifelsohne muß auch noch eine Vielzahl blinder Flecken in der eigenen Theoriebildung aufgedeckt werden. Natürlich ruft dieser fortgesetzte Prozeß der Begriffsdemontage auch Unwillen hervor, der sich nicht nur aus der Befürchtung vor einer weiteren Radikalisierung der Kritik speist. Schon mehrfach ist in unserem Diskussionskontext die Befürchtung geäußert worden, wir könnten in einen selbstzerstörerischen antiontologischen Amoklauf abdriften und schließlich auch den begrifflichen Boden mitzerstören, auf dem sich so etwas wie die Kritik der Warenform überhaupt nur formulieren läßt.

Wir denken jedoch, daß diese Angst übertrieben ist. Gelegentlich mag es der manchen als brusttrommelnd erscheinende »Krisis-Duktus« vielleicht vergessen machen, aber der antiontologische Impuls zielt keineswegs auf die Schaffung eines begriffslosen Nirwana ab. Zum einen erkennt die Wertkritik durchaus die Gültigkeit von unterschiedliche Gesellschaftsformen übergreifenden (Real-)Kategorien an, ohne sie freilich für unaufhebbar zu erklären: dazu gehören etwa die Begriffe des Fetischismus, der Herrschaft oder des Patriarchats. Zum anderen bestreiten wir nicht, daß es auch so etwas wie eine conditio humana gibt, so z.B. den Stoffwechselprozeß mit der Natur. Damit sind aber auch Bezugspunkte gesetzt, von denen die begriffliche Argumentation ausgehen kann. Diese Bestimmungen wirken sicherlich meist dürr und blaß. Der von Marx entlehnte Terminus »Stoffwechselprozeß mit der Natur« etwa kann als bloße Denkabstraktion schwerlich mit der empirischen Lebensfülle einer in mehrhundertjähriger geschichtlicher Entwicklung aufgeladenen Denk- und Realabstraktion wie der »Arbeit« konkurrieren. Doch gerade dies verweist auf seine theoretische Berechtigung, insofern er nämlich der Gefahr falscher Ontologisierung spezifisch bürgerlicher Verhältnisse entgeht.

Der Angriff auf die Subjektkategorie, die Dechiffrierung von Subjektivität als Form bewußtloser weil formblinder Bewußtheit, bedeutet keineswegs, die Möglichkeit selbstbewußten gesellschaftlichen Handelns zu leugnen. Doch muß die Frage nach den möglichen Akteuren und Handlungsträgern einer neuen emanzipatorischen Praxis neu gestellt werden. Dabei verdeutlicht der Verzicht auf eine emphatische Besetzung der Subjektkategorie die Tiefendimension der notwendigen Aufhebung der Warenform. Der emphatische Subjektbegriff muß fallen, weil er die Vorstellung eines souveränen Handlungsträgers transportiert, der ein fremdes und passives Objekt namens Gesellschaft nach seinem Bilde modelt, und weil damit »Emanzipation« genau in die Form gezwängt wird, in der sich das Warensubjekt auf seine Gesellschaftlichkeit bezieht. Zugleich verweist die Subjektkritik darauf, daß die Befreiung von der Warenform nichts mit der Freisetzung irgendeiner verborgenen Substantialität (»der Arbeit«, »des Lebens« oder irgendeiner anderen metaphysischen Wesenheit) zu tun hat, sondern sich im Gegenteil nur negativ-aufhebend auf die existierenden Sozialkategorien beziehen kann.

Anders als der postmoderne Dekonstruktivismus hat die wertkritische Begriffskritik keine Affinität zu einem Standpunkt der Beliebigkeit. Ihr Ausgangspunkt ist die gegenwärtige Krise und Unhaltbarkeit der herrschenden gesellschaftlichen Realkategorien und deren notwendige Aufhebung. Insofern bietet die bisherige Theoriebildungspraxis kaum Anlaß für die Befürchtung, die fortgesetzte wertkritische Begriffskritik könne schließlich ins geistige Niemandsland und in die Sprachlosigkeit führen. Dennoch hat das Mißtrauen gegen ein bedingungsloses »heiteres Begriffeknacken« noch in anderer Hinsicht durchaus seine Berechtigung. Muß, wie oben angedeutet, Wertkritik ihrem Wesen nach beim Blick auf die Warengesellschaft zwischen Innen- und Außenperspektive oszillieren, so gehört die Begriffskritik eindeutig der Außenperspektive an. Würde Wertkritik sich allein auf die Aufgabe fortgesetzter Begriffsdekonstruktion konzentrieren, dann stellte sie damit die Dialektik, der sie als Kritik ihre Existenz verdankt, letztlich still. Damit schlüge Historisierung aber in Quasi-Ethnologisierung um. Die Wertkritik verkäme zu einer merkwürdigen Geheimlehre, deren Anhänger daraus ihr Selbstbewußtsein ziehen, daß sie sich gegenüber den Alltagswilden der Warengesellschaft als eine Art Völkerkundlerverein im Stil des 19. Jahrhunderts inszenieren.

Ihre kritische Intention kann sich die Wertkritik nur bewahren, indem sie sich gegen eine solche einseitige Auflösung sperrt und dagegen auch die Innenperspektive geltend macht. Die vorliegende Ausgabe der Krisis folgt dieser Orientierung, indem sie zum einen, wie schon die beiden vorhergehenden Nummern, vorzugsweise »exoterische« Themen behandelt; zum anderen werden »esoterisch«-antiontologische Fragen von vornherein realanalytisch gewendet.

Besonders deutlich wird dies vielleicht an Ernst Lohoffs Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats Der Tod des sterblichen Gottes. Die neuere historisierende Kritik an der Nation, die nationale Identität als ein modernes Phänomen entlarvt hat, setzt der Autor weitgehend voraus. Er versucht in seinem Gang durch die Durchsetzungsgeschichte des Nationalstaats klarzulegen, welchem historischen Bedingungszusammenhang dieses Realkonstrukt in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten seine Wirksamkeit verdankte. Dabei bleibt er bei der Frage nach den Voraussetzungen für den globalen Siegeszug des nationalstaatlichen Modells aber nicht stehen, sondern macht den nächsten logischen Schritt und untersucht die heute aufscheinenden historischen Grenzen des Nationalstaats. Damit kehrt er zum anti-ontologischen Ausgangspunkt zurück, der aufgehoben ist in der Analyse des realen Zerfallsprozesses der nationalstaatlichen Ordnung.

Robert Kurz leitet mit seinem Thesen-Artikel „Antiökonomie und Antipolitik“ den Themenblock zur Frage von Aufhebungsbewegung und Aufhebungsökonomie ein, der die einschlägigen Essays der vorherigen Krisis-Ausgabe fortsetzt. Wir wollen uns keineswegs von jetzt an auf dieser Ebene eingraben und erst recht geht es nicht darum, plötzlich unvermittelt »praktisch zu werden«, wie uns einige Kritiker schon vorgeworfen haben, denen »die ganze Richtung nicht paßt«. Zu einer Weiterentwicklung der Wertkritik gehört es aber mit Sicherheit, für eine Aufhebung des warenproduzierenden Systems theoretische Bestimmungen zu finden und auch in dieser Hinsicht die Kategorien des Arbeiterbewegungs-Marxismus kritisch zu transformieren.

Wie sich diese Entwicklung einer neuen Theorie für die Aufhebung der wertförmigen Reproduktion gesellschaftspraktisch vermittelt, ist eine ganz andere Frage, die sicherlich nicht aus dem Stand und mit der geringen Reichweite weniger Personen gelöst werden kann. Es ist ja auch nicht unser Ziel, mit irgendeiner alternativen Schweinezucht anzufangen, sondern hinsichtlich der bisherigen »sozialistischen« Zielbestimmung mit allen ihren (unaufgearbeiteten) Implikationen theoretisch zu intervenieren und in der sozialökonomischen Aufhebungsfrage das Marxsche Theoriesystem ganz genauso historisch zu entzerren wie auf anderen Ebenen der Theoriebildung. Wenn die ontologisierte »Arbeit« nicht mehr der historische Hebel und die etatistische »Planung« in unaufgehobenen Warenkategorien nicht mehr der ökonomische Zielhorizont sein können, dann müssen sich aus der Kritik dieser altmarxistischen Vorstellungswelt auch veränderte Zielsetzungen und Wege der Transformation bestimmen lassen.

In seinem Beitrag versucht Robert Kurz, die Frage des »Herankommens« an eine sozialökonomische Aufhebung der wertförmigen Reproduktion zu entwickeln und in Beziehung zur systemimmanenten sozialen Auseinandersetzung zu bringen. Zentraler Punkt dabei ist die Frage der »Keimform« und ihres Verhältnisses zur »Politik«. In Abgrenzung sowohl von etatistischen Modellen als auch von alternativökonomischen Konzepten kleiner Warenproduktion wird die Frage der Entkopplung bestimmter Reproduktionsbereiche von der Warenform als solcher erörtert. Wie ist auf der Höhe der mikroelektronischen Produktivkräfte ein Übergang zu befreiten sozialen Zonen denkbar, in denen Momente autonomer Reproduktion ohne lokalistische Bornierung entwickelt werden können? Wie können sich diese Ansätze mit einer gesamtgesellschaftlichen Zielsetzung und gleichzeitig mit systemimmanenten sozialen Abwehrkämpfen in der kapitalistischen Krise vermitteln? Die alten Probleme des Verhältnisses von »Reform und Revolution«, von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, von alternativen Reproduktionsformen und »Machtfrage« erscheinen auf der historischen Stufenleiter einer anzustrebenden Aufhebungsbewegung gegen die Wertökonomie in neuer Gestalt, für die noch keine Begriffe gefunden sind. Der Beitrag will keine abschließenden Antworten geben, sondern die Problemfelder umreißen, um überhaupt Voraussetzungen für eine weitergehende Auseinandersetzung zu schaffen.

In seinem anschließenden umfangreichen Artikel „Der Dritte Sektor“ gibt Volker Hildebrandt einen Überblick über die einschlägige akademische und politische Debatte zu diesem Thema. Es zeigt sich, wie stark die Konzepte des »Dritten Sektors« noch warenlogischen Kategorien verhaftet sind, ökonomisch illusionäre Programme vertreten und sogar klammheimliche Affinitäten zu barbarischen Verarbeitungsformen der kapitalistischen Krise hervorbringen können. Hildebrandt unterzieht insbesondere die Ansätze des US-amerikanischen Autors Jeremy Rifkin, des deutschen PDS-Theoretikers Joachim Bischoff und von Autoren aus dem gewerkschaftlichen Spektrum einer ausführlichen Kritik. Gleichzeitig versucht er aber auch, die transzendierenden Momente in der Debatte über den »Dritten Sektor« herauszufiltern und die notwendige Auseinandersetzung in eine »dialogische Form« zu bringen. Die dabei angerissene Kritik an einer selbstgenügsamen Einigelung der wertkritischen Position wird sicherlich ebensowenig unwidersprochen bleiben, wie die Forderung nach normativen Setzungen einer emanzipatorischen Ethik. Hildebrandt eröffnet damit eine Diskussion über mögliche Dilemmata einer Aufhebungsbewegung, die aufgelöst werden müssen.

Gaston Valdivias Beitrag »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit« setzt sich mit dem modernen Zeitverständnis und dem merkwürdigen Paradoxon auseinander, daß eine Gesellschaft, die ständig »Zeit spart«, permanent unter »Zeitknappheit« leidet. In einem kurzen historischen Durchgang zeigt der Autor, wie absonderlich die moderne Vorstellung von der »Zeit« als homogener und quantifizierbarer Substanz ist und setzt sich mit der gesellschaftlichen Praxis und ihrer historischen Genese auseinander, die diese Art von Zeitwahrnehmung konstituiert. Der zweite Teil des Aufsatzes widmet sich der merkwürdigen Dialektik von Rationalisierung und Ökonomisierung der »Zeit« und der zunehmenden »Zeitverknappung«. Er zeigt, wie ein wachsender Anteil der in dieser Gesellschaft verausgabten »Zeit« einzig und allein zur Aufrechterhaltung der Logik des warenproduzierenden Systems dient und insofern von einem emanzipatorischen Standpunkt aus geradezu »verschwendet« wird.

Ernst Lohoff für die Redaktion

PS: Aus dem Krisis-Zusammenhang gibt es einige Neuigkeiten zu berichten. Erstens führt der Förderverein Krisis jetzt in einem festen halbjährlichen Rhythmus thematisch vielfältiger als bisher angelegte Seminare durch. Zweitens wurde, wie schon lange geplant, jetzt endlich das »Institut für kritische Gesellschaftstheorie« gegründet. Drittens ist in Ergänzung zur Krisis eine zweite Zeitschrift  mit dem Namen Karoshi gegründet worden, die ab Frühjahr 1997 erscheinen soll. Und viertens schließlich ist die Krisis jetzt sowohl im Internet mit einer eigenen Homepage als auch im CL-Netz mit einem Diskussions- und Informationsbrett präsent. Nähere Informationen zu all diesen Punkten finden sich im Anschluß an das Editorial und auf den letzten Seiten dieser Krisis-Ausgabe.