31.12.1998  Beitrag drucken

Fiktives Kapital

Norbert Trenkle und Robert Kurz

Kapital ist einerseits definiert als Vernutzung („Ausbeutung“) von Lohnarbeit, andererseits als Verwandlung von Geld in mehr Geld. Fiktives Kapital entsteht dann, wenn der zweite Teil der Definition den ersten nicht mehr enthält, und zwar nicht etwa als bloß subjektive Einbildung, sondern als gesellschaftliche Realität. Die Möglichkeit des fiktiven Kapitals ist gegeben mit dem zinstragenden Kapital des Kreditsystems; dieses ist Kapital, aber nicht direkt, sondern indirekt: sozusagen „Realkapital in spe“. Es wird nicht direkt als Produktivkapital benutzt, sondern an anderes Kapital für diesen Zweck verliehen, wofür in Gestalt des Zinses ein Anteil vom Mehrwert bzw. Profit des Realkapitals abfällt. Auf diese Weise existiert neben den kapitalistischen Waren- und Arbeitsmärkten noch ein Finanz- oder Geldkapital-Markt. Allerdings kann durch die Differenz von produktivem und zinstragendem Kapital der ganze Prozeß auch auseinanderfallen und eben „fiktiv“ werden, wenn das zinstragende sich pseudo-unabhängig vom produktiven Kapital ganz für sich allein vermehren soll.

Denn ein Kredit ist ja nichts weiter als Vorschuß auf zu produzierenden Wert. Solange er dazu verwendet wird, Investitionen im Produktionsbereich vorzufinanzieren, die die Vernutzung lebendiger Arbeitskraft, also Mehrwertproduktion nach sich ziehen, wird er im Sinne der Verwertung „richtig“ verausgabt. Wird ein Kredit aber für bloßen Konsum oder für Infrastrukturmaßnahmen, also nicht wertmäßig produktiv verausgabt oder erweisen sich die getätigten Investitionen vom Standpunkt des Weltmarkts aus als unproduktiv, weil sie nicht zu konkurrenzfähiger Produktion führen, dann sind die im Kredit vorgeschossenen Werte verpulvert. Die anfallenden Zinszahlungen und Tilgungen können dann nicht aus den Erträgen der mit diesem Kredit getätigten Investitionen gezahlt, sondern müssen aus einer anderen Quelle gedeckt werden.

Der vergebene Kredit wird zu „fiktivem Kapital“. Er steht in den Büchern der Bank und verzinst sich im günstigsten Falle auch; es könnte so erscheinen, als würde er sich „ganz normal“ im Produktionsprozeß verwerten. Tatsächlich aber fehlt diesem Kredit jegliche produktive Grundlage. Es stehen keine Fabriken, Maschinen oder Arbeitslöhne dahinter, sondern lediglich die pure Verpflichtung des betreffenden Schuldners (Regierung, Unternehmen oder Privatperson), den Kredit zu „bedienen“. Der Schuldendienst wird, soweit überhaupt möglich, aus Einnahmequellen geleistet, die mit dem Kredit in keinem unmittelbaren Zusammenhang stehen (und eigentlich „Wert“ für ganz andere Zahlungszwecke darstellen müßten, wodurch das Problem nur verschoben wird) oder gar aus neuen Krediten.

Natürlich muß die Unhaltbarkeit dieses Zustands früher oder später auffliegen, aber bis dahin können eine ganze Menge weitere Verkettungen des fiktiven Kapitals aufgebaut werden, solange der Kredit noch – scheinbar – „bedient“ wird. Wenn beispielsweise als „Guthaben“ verbuchte ausstehende Zins- und Tilgungszahlungen von in Wirklichkeit schon fiktivem Kapital im Vorgriff auf ihren unterstellten zukünftig realen Eingang wieder beliehen und damit Konsum- oder Investitionsgüter eingekauft werden, so sind auch diese doch anscheinend ganz realen Produktionen letztlich „ungültig“, weil die dafür verausgabten Gelder nur scheinbar existieren. Sobald schließlich das ganze Kartenhaus des fiktiven Kapitals zusammenbricht, werden in einer Kettenreaktion alle darauf aufgebauten Zahlungsverpflichtungen in die Luft gesprengt und das mittlerweile den gesamten Globus umspannende „Kettenbrief“-System entpuppt sich als grandiose Publikumsverarschung.