31.12.1998  Beitrag drucken

„In einem evakuierten Gefäß fällt eine Flaumfeder …“

Zur Frage, wie sich dieses Gesetz unter Bedingungen des tendenziellen Falls der Profitrate verhält

Erschienen in: Krisis 21/22

Roger Behrens

Es heißt im „Vorwort zur Neuauflage“ von Peter Bulthaups Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften einleitend: „Unter dem Titel ‚Technikfolgenabschätzung‘ wird gegenwärtig eine Diskussion geführt, in der die Folgen der industriellen Entwicklung als Kriterien erscheinen, nach denen diese Entwicklung zu steuern sei . . . Moralische Vertretbarkeit und ökologische Minimalschädigung haben sich an der ökonomischen Standortsicherung zu messen, die im allfälligen Zweifelsfall alle moralischen und ökologischen Bedenken niederschlägt . . . Die Aktualität dieser Schrift verdankt sich dem Fortbestehen eines Zustands, in dem die gesellschaftliche Funktion der Naturwissenschaft nicht darin besteht, ‚die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern‘.“ (S. 7f.) Das Buch erschien in seiner ersten Auflage Anfang der 70er Jahre bei Suhrkamp; damit griff es seinerzeit in jene Diskussionen ein, die sowohl von kritisch-theoretischer Seite, etwa Marcuses Eindimensionaler Mensch, wie auch von konservativer Seite (genannt seien Schelsky und Gehlen) soziologisch den gesellschaftlichen Stellenwert der Naturwissenschaften im Zuge der Technisierung der Produktion und des Alltagslebens einzuordnen versuchten. Maßgeblich galt dann als Resultat dieser Diskussionen Jürgen Habermas‘ Aufsatzsammlung Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘ (Frankfurt/M. 1968), vor allem der gleichnamige Text sowie „Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt“. Obgleich Habermas nur peripher zitiert wird, kann Bulthaups Schrift als heimliche Auseinandersetzung mit der Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘ gelesen werden, also als Diskussion der Thesen, daß erstens eine Verschmelzung von Technik und Herrschaft stattfindet, daß zweitens Wissenschaft und Technik zur entscheidenden Produktivkraft geraten, daß drittens eine Verwissenschaftlichung von Technik stattfindet, die viertens der Technologie eine ideologische und mithin legitimatorische Funktion überantwortet, was fünftens zu einer Eleminierung des Unterschieds von Praxis und Technik führe (freilich sind aus den Habermasschen Texten noch mehr Thesen herauszulesen, doch scheinen die erwähnten fünf für den Kontext der Bulthaupschen Untersuchung die wichtigsten zu sein).

Man möchte meinen, daß die Differenzen und Kontroversen zwischen Bulthaup und Habermas marginal sind; ebenso wie Habermas ist es auch Bulthaup darum zu tun, seine Überlegungen in politisch-ethische Konsequenzen münden zu lassen. Habermas schreibt beispielsweise: „Wenn aber Technik aus Wissenschaft hervorgeht, und ich meine die Technik der Beeinflussung menschlichen Verhaltens nicht weniger als die Beherrschung von Natur, dann verlangt das Einholen dieser Technik in die praktische Lebenswelt, das Zurückholen der technischen Verfügung partikularer Bereiche in die Kommunikation handelnder Menschen erst recht der wissenschaftlichen Reflexion . . . Freilich läßt sich Bildung dann nicht länger auf die ethische Dimension der persönlichen Haltung einschränken; in der politischen Dimension, um die es geht, muß vielmehr die theoretische Anleitung zum Handeln aus einem wissenschaftlich explizierten Weltverständnis folgen. Das Verhältnis von technischem Fortschritt und sozialer Lebenswelt und die Übersetzung wissenschaftlicher Informationen ins praktische Bewußtsein ist keine Angelegenheit der privaten Bildung“ (Habermas, S. 112f.). Und Bulthaup läßt sich in ähnlicher Resultatsausrichtung zitieren, wenn er mit Habermas‘ Forderung nach Vermittlung von Wissenschaft und Technik mit der Lebenspraxis übereinstimmend betont: „Die Angst, eine solche Einsicht könne zum Plädoyer für die Änderung der bestehenden Verhältnisse werden, profitiert von der vor der drohenden Katastrophe, die kaum durch die Weigerung, sie zur Kenntnis zu nehmen, aufzuhalten sein wird, sondern allenfalls dadurch, daß die technokratische Beschränkung des Bewußtseins aufgehoben wird. Naturwissenschaftliche Bildung, nicht als die selbstverständlich vorauszusetzende Kenntnis der Methoden und Resultate einzelner Disziplinen, sondern als deren Reflexion, die die Funktion dieser Methoden und Resultate im Wissenschaftsprozeß wie im Reproduktionsprozeß der Gesellschaft begriffe, könnte diese Aufhebung leisten“ (Bulthaup, S. 25).

Noch einmal Habermas: „Die Irrationalität der Herrschaft, die heute zu einer kollektiven Lebensgefahr geworden ist, könnte nur durch eine politische Willensbildung bezwungen werden, die sich an das Prinzip allgemeiner und herrschaftsfreier Diskussion bindet. Rationalisierung der Herrschaft dürfen wir nur erhoffen von Verhältnissen, die die politische Macht eines an Dialoge gebundenen Denkens begünstigen. Die lösende Kraft der Reflexion kann nicht ersetzt werden durch die Ausbreitung technisch verwertbaren Wissens“ (Habermas, S. 119). Beide argumentieren also im weitesten Sinne für eine Demokratisierung wissenschaftlich-technischer Kompetenzen, das heißt gegen das positivistische Diktat arbeitsteiliger Spezialisierung und isolierter Funktionalisierung von Wissenschaft und Technik. Insofern ist Bulthaups Text als unbedingte Ergänzung zu Habermas‘ Aufsätzen zu lesen. Gleichwohl sind Differenzen auszumachen, die dem Bulthaupschen Buch einen weit größeren Rahmen als nur den der Ergänzung zu Habermas einräumen: Bulthaups Analysen gruppieren sich um eine Fragestellung und erlangen im Ergebnis eine kritische Dimension, an die Habermas – trotz ähnlicher, ja: derselben Thematik – nicht heranreicht. Als Erklärung bietet sich zunächst eine genauere Vergegenwärtigung von Fragerichtung und behandeltem Material an. Habermas befragt die Technik beziehungsweise die zur Technologie geronnene Wissenschaft; Bulthaup hingegen untersucht die spezifischen Bedingungen der Naturwissenschaft, die unter kapitalistischen Verhältnissen zur Technologie führen. Habermas diskutiert die Technologie in ihrer sozial-ökonomischen Erscheinung – deshalb kann er Marx und Marcuse gleichermaßen rezipieren wie Gehlen oder Schelsky;(1) deshalb bietet sich für ihn als Referenzfolie des wissenschaftlichen Forschungsstands zum Beispiel die Futurologie, repräsentiert etwa durch Herman Kahn; Bulthaup hingegen rekurriert auf die Naturwissenschaft in ihrer immanenten Logik, was er an Galilei, Descartes, d’Holbach oder Kant veranschaulicht. Habermas beschäftigt sich mit der Technik aus dem Blickwinkel einer wissenschaftstheoretisch motivierten Debatte und bereichert diese um Aspekte der Ökonomiekritik. Deshalb ist Verständigung sein Modell und die geforderte Demokratisierung der Zielhorizont; ökonomische Mißstände sollen durch demokratische Verfahren – herrschaftsfreie Kommunikation – im Dialog gelöst werden. Bulthaup kritisiert das wissenschaftstheoretische Vorgehen vollständig; seine Analyse der gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaft ist durch eine grundlegende Kritik der Produktionsverhältnisse motiviert; eine Demokratisierung des naturwissenschaftlichen und technischen Wissens ist nur ein Zwischenschritt zur Emanzipation, der mit Verständigung nicht gleichzusetzen ist; erst eine Revolutionierung der Produktionsverhältnisse in ganzer Breite würde einem anderen Funktionszusammenhang von Gesellschaft und Naturwissenschaft Raum bieten, und das meint letztlich: Umwälzung des Verhältnisses von Mensch und Natur. „Nur dann, wenn ökonomische Fragen durch politische Diskussion von den Betroffenen entschieden werden können, wären die objektivierten Kausalverhältnisse nicht mehr in die naturwüchsigen Herrschaftsverhältnisse verschränkt, dominierte das in den Mitteln objektivierte Potential der Gattung nicht mehr blind die Zwecke, die mit ihm zu verwirklichen wären. Wenn die Forderung der Wertfreiheit interpretiert werden darf als die Befreiung der Wissenschaft von irrationaler Herrschaft, die Ablösung der Herrschaft über Menschen durch die gemeinschaftliche Verwaltung von Sachen. So gewendet ist Wertfreiheit kein methodologisches Prinzip, das in den positiven Wissenschaften je schon verwirklicht ist, sondern das von der Idee der Wissenschaft antizipierte Ziel, das nur politisch zu erreichen ist.“ (Bulthaup, S. 125f.)

Für Habermas scheint die Naturwissenschaft ein Erkenntnisfortschritt darzustellen, der dem sozial-ökonomischen parallel läuft; es geht um eine Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur, die sich zweckrational als Technologie im Kapitalismus auflöst. Wenig Auskunft gibt Habermas darüber, wie sich überhaupt wissenschaftliche Erkenntnisse einstellen, unter welchen Voraussetzungen somit von Wissenschaft zu sprechen ist (zumal von der exakten Wissenschaft) und welche Erklärungskraft naturwissenschaftliche Erkenntnisse hiernach haben. Bulthaup – insbesondere in der Chemie bewandert – steckt hingegen sehr genau ab, welche Reichweite Naturwissenschaft hat und haben kann; er deckt auf, mit wieviel Illusion auch heute noch naturwissenschaftliche Erkenntnismodelle belastet sind. Ebenso zeigt er, daß es vorkapitalistische Vorläufer exakter Naturwissenschaft gegeben hat, die mithin ein ganz anderes Naturbild zeitigten. „Die theoretischen Begriffe, in der Chemie etwa der des Elements, der Verbindung, des Atoms, des Moleküls, und die Schemata wie das Mandelejewsche System der Elemente, selbst schon Resultate der Forschung, erklären in ihrer allgemeinen Definition keine einzige Naturerscheinung. Erst die Untersuchung der Reaktionen eines bestimmten Elements, die Eigenschaften einer bestimmten organischen Verbindung – und die Zahl der bekannten organischen Verbindungen hat die Millionengrenze längst überschritten – sind Gegenstände der Chemie. Wenn auch die allgemeinen Begriffe Voraussetzungen wissenschaftlich-systematischer Arbeit sind, bleiben sie doch als allgemeine leer. Sie bekommen erst Bedeutung, wenn durch sie Methoden entwickelt werden, mit denen empirisches Material dem Naturzusammenhang systematisch abgewonnen und für sich rationell organisiert wird“ (S. 11). Für die heutige Naturwissenschaft hat das zur Folge: „Tendenziell zunehmend werden die Untersuchungsmethoden nicht mehr bei der Bearbeitung der zu untersuchenden Probleme entwickelt, sondern umgekehrt die zu untersuchenden Probleme von den schon vorhandenen Methoden bestimmt“ (S. 14). Zum Kriterium der Reproduzierbarkeit des experimentellen Vorgehens gerinnt schließlich, daß „einzelne Naturerscheinungen aus dem Naturzusammenhang sorgfältig isoliert werden“ (S. 19). Resultat: „Der Gesamtzusammenhang der Naturerscheinungen ist mit den Methoden der exakten Naturwissenschaften nicht zu fassen“ (S. 22). So wie einzelne Naturerscheinungen zu ihrer exakten Bestimmung isoliert, also vom Naturganzen abstrahiert werden, operiert auch die Naturwissenschaft abstrakt-unsinnlich: „Die Anschauung bildete nicht länger die Basis der begrifflichen Abstraktion, statt dessen wurde die hypothetische Konstruktion des Prozesses, der als die Erscheinungen hervorbringender gedacht wurde, zum Prinzip theoretischer Einsicht“ (S. 31). „Ist die richtige Versuchsanordnung einmal gefunden, so bleibt sie normativ für die Reproduzierung des Versuchsergebnisses. Dadurch entsteht der Schein, die normative Methode, das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit, sei deren Wesen“ (S. 46). Das hat nun insgesamt zu tun mit der Qualität der Arbeit, die solchen Verhältnisprozessen zwischen Mensch und Natur zugrundeliegt. Die Naturwissenschaft des Kapitalismus definiert die totale „Vorherrschaft der in Methode und Apparatur vergegenständlichten Arbeit über die lebendige wissenschaftliche Arbeit. Nach dem ihr immanenten Entwicklungsgesetz transformiert sich jede Naturwissenschaft in Technologie“ (S. 46).

Interessanterweise findet sich ein Gegenmodell solcher Instrumentalisierung in der Magie, die auf der Kunstfertigkeit nicht reproduzierbarer Abläufe beruht; Schmiede standen einst in unmittelbarer Nachbarschaft zu Zauberern und Magiern. In der Alchemie, der Goldmacherei, ist diese Idee der Verfügung über Natur schon gereift zum „abstrakten Wille[n] zur Aneignung der Naturkräfte durch die menschliche Gattung,“ obgleich sie noch verkennt, „daß die Aneignung der Naturkräfte nur durch die in ihr sich konstituierende gesellschaftliche Arbeit möglich ist“ (S. 42).

An diesem Punkt der Konstitutionsentwicklung von Wissen über die Natur und von der Natur haben Gernot Böhme und Hartmut Böhme eingegriffen: in ihrem Buch Feuer – Wasser – Erde – Luft präsentieren sie in äußerster Detailgenauigkeit eine Kulturgeschichte der Elemente. Sie zeigen – für den europäischen Raum beschränkt-, inwiefern sich das Naturbild des Menschen über die Vorstellung bestimmter Elementarkräfte herausgebildet hat; die Elemente sind und werden zugleich. Und selbst in der modernen Naturwissenschaft ist die Vierheit der Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft noch nachzuweisen. „Die Elemente sind immer beides zugleich: Gegebenes und Hervorgebrachtes, physei und thesei, natura naturans und natura naturata, Signifikat und Signifikant, continens und contentum, also das von Natur her Zusammenhaltende und das an Natur vom Menschen Zusammengehaltene, das Gemäße und das Gemessene, die umfassende Grenze und das (von uns) Begrenzte“ (Böhme u. Böhme, S. 13). In den Elementen „buchstabieren“ die Kulturen ihr Verhältnis zur Natur – deshalb eine Kulturgeschichte der Elemente. Man kann nun sagen, daß die Autoren durchaus in der Radikalität Bulthaups das Naturverhältnis des Menschen via Naturwissenschaftsverständnis in Frage stellen, allerdings diese Radikalität depotenzieren, indem sie noch den Habermassche Demokratisierungsentwurf unterbieten, wenn sie resümieren: „Dieses Projekt geht von der Auffassung aus, daß die erkennende Beziehung des Menschen gegenüber der Natur, wie sie sich mit der neuzeitlichen Wissenschaft durchgesetzt hat, eine entfremdete ist, daß die damit verbundene Technik manipulativ und ausbeuterisch ist und tendenziell die Lebensgrundlagen des Menschen untergräbt. Aus dieser Einsicht entsteht die Forderung einer Anerkennung des Eigenwertes und der Eigenständigkeit der Natur wie auch der Natürlichkeit des Menschen, d.h. seiner Leiblichkeit, als wesentlich zu ihm gehörig“ (S. 311). Will diese sympathische Empfehlung jedoch nicht als Ökologismus und schlechter ontologischer Naturalismus erscheinen, wofür sie allerdings in dieser Konsequenzenlosigkeit gehalten werden muß, wäre die Bulthaupsche Einsicht keine bloße Zutat, „daß moralisches, d.h. vernünftig bestimmtes Handeln und ökologischer Schutz von Ressourcen und Lebensbedingungen nicht mit den Erfordernissen kapitalistischen Wirtschaftens zusammengehen können.“ (Bulthaup, S. 7) Die Marxsche Formel vom Naturalismus = Humanismus kann nur eingelöst werden, wenn diese Gleichheit sich nicht durch Tauschwertäquivalenz aufrechnet. „Je mehr [die] Produktionsweise infolge ihrer eigenen Dynamik historisch überholt ist, je mehr sie durch den drohenden Fall der Profitrate ökonomisch gefährdet wird, um so mehr muß die Kritik der Zweckrationalität, der scheinhaften Identifizierung von technischer und ökonomischer Rationalität, als Angriff auf Rationalität schlechthin denunziert werden, sonst würde in der Zweckrationalität die Herrschaft offenbar …“ (Bulthaup, S. 124).

Fußnoten und Literatur

1) Zur Genese des Habermasschen Begriffes der Technologie aus dem Einfluß der Technikphilosophie Martin Heideggers sei empfohlen: Josef Keulartz, Die verkehrte Welt des Jürgen Habermas, Hamburg 1995, S. 58-105.

Peter Bulthaup, Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften, zu Klampen Verlag: Lüneburg 1996 (2. Aufl.)

Gernot Böhme und Hartmut Böhme, Feuer – Wasser – Erde – Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente, Beck Verlag: München 1996