31.12.1999  Beitrag drucken

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Ernst Lohoff

Schon immer galt: Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit. Auch im Kosovo verschwindet, seitdem die Waffen sprechen, das reale Geschehen hinter dichten Propagandawolken. Nach mehr als einem Monat NATO-Luftangriffen ist es für den Beobachter nach wie vor kaum möglich, sich einen Überblick über das aktuelle Geschehen in Jugoslawien zu verschaffen. Die Kombattanten haben die Öffentlichkeit vom Informationsfluß abgesperrt und beliefern sie ersatzweise mit Propaganda. Niemand weiß dementsprechend Genaueres über die zivilen Opfer, die hinter den militärischen Vollzugs- und Erfolgsmeldungen der NATO stehen, keiner kann klar zwischen tatsächlichen, lancierten und frei erfundenen Greueln unterscheiden. Die Sprache der Herren des Krieges beherrscht die Szene und sie ist allemal die Sprache der Unmenschlichkeit und der Lüge. Ob die Vertreibung von Menschen mit dem Begriff „ethnische Säuberung” zu einer Art überfälligem nationalen Frühjahrsputz verharmlost wird oder im NATO-Jargon die von Bomben und Cruise Missiles zerfetzten jugoslawischen Frauen und Kinder zum „Kolateral-Schaden” neutralisiert werden, das Orwellsche Neusprech feiert allemal fröhliche Urständ.

Gelogen wurde in allen Kriegen seit der Antike; gezielte Desinformation gehören genauso zum modernen „Ernstfall” wie Artillerie und Uniformen. Den ersten NATO-Feldzug der Geschichte zeichnet indes darüber hinaus etwas qualitativ Neues aus. Die Stunde des Krieges ist diesmal nicht einfach die Stunde abgefeimter Verwirrungsstrategien, sondern die radikaler Entwirklichung. Das militärische Schauspiel löscht gleichermaßen für Publikum wie Akteure die soziale Realität Postjugoslawiens vollständig aus und phantasiert sie in eine den Mustern des 2. Weltkrieges nachempfundene Scheinwelt hinein. Die Kriegsparteien führen nicht einfach nur ihre Bevölkerung hinters Licht. Es gehört offenbar zu den Grundregeln der NATO-Intervention, selber nicht zu wissen und auch gar nicht wissen wollen, mit welchem Gegner man es zu tun hat und was für eine Schlacht da eigentlich geschlagen wird. Wenn die NATO – entgegen jeder militärischen Logik – den Kosovo-Krieg als eine reines Scheibenschießen aus der Luft zu führen gedachte, dann symbolisiert die Unlust, auch nur einen Fuß ins „Feindesland” zu setzen, auch den narzistisch weltvergessenen Charakter des Kreuzzuges gegen das serbische Menschrechts-Heidentum.

Nach einer leicht angegrauten Definition gilt der Krieg als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Als Clausewitz diese Sentenz unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege formulierte, ging es ihm darum, Krieg als rationales Instrument staatlichen Handelns zu legitimieren und seine Nachplapperer tun das bis heute. Gerade im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt lohnt es sich indes, diese Sentenz einmal gegen den Strich zu lesen und den Krieg als Verlängerung und logische Folge des vorangegangen Zustandes zu fassen. Die Seltsamkeit der Militäraktion läßt Rückschlüsse auf jene diplomatisch-politischen Interventionen zu, die zum Krieg geführt haben. Mehr noch, dass der NATO-Einsatz sich seiner ganzen Anlage nach durch einen Zug ins Unwirkliche auszeichnet, spiegelt getreulich den Grundcharakter westlicher Weltpolitik in den 90er Jahren wieder. Auf dem Balkan tobt kein neuer Eroberungskrieg alter Prägung mit irgendwelchen positiven Kriegszielen. Die NATO führt unter dem Banner des Menschrechts den ersten lupenreinen Entwirklichungskrieg der Geschichte und setzt damit der Entwirklichungs-Politik die Krone auf, die sie eine ganze Dekade lang konsequent verfolgt hat.

Ideologie und Realität der One World

Nach langen Jahren des Kalten Krieges hatte sich der Westen allmählich mit der Existenz einer getrennten, seinem politischen und ökonomischen Zugriff nicht unmittelbar ausgelieferten Abteilung der Weltwarengesellschaft abgefunden. Ihren ideologischen Ausdruck fand diese Gewöhnung in der Konvergenztheorie, die, insbesondere auf dem Ostufer des Atlantiks, mit dem Übergang zur „Entspannungspolitik” in der politischen Klasse an Beliebtheit gewann. Dieser Ansatz betrachtete Kapitalismus und Realsozialismus als konkurrierende Spielarten der „Industriegesellschaft” und damit als Ordnungssysteme, die letztlich ganz ähnlichen Sachzwängen und Entwicklungstrends unterworfen sind.

Jede Ahnung von der inneren Verwandtschaft von westlicher Marktwirtschaft und östlichem Staatssozialismus war indes über Nacht weggeblasen, als letzterer Ende der 80er Jahre Bankrott anmelden mußte. Der Sache nach drängte es sich zwar schon damals eigentlich auf, diesen Konkurs mit dem laufenden Globalisierungsprozeß und dem Übergang zur dritten industriellen Revolution in Beziehung zu setzen. Wenn die Weltmarktkonkurrenz im Zuge der neuen technologischen Entwicklungen und der durch sie induzierten gewaltigen Investitionserfordernisse eine neue Qualität gewinnt, ist es vom Standpunkt der Systemidentität schließlich nur evident, dass dadurch neben den Ländern der Dritten Welt zuerst den ökonomisch schwächeren, realsozialistischen Konkurrenten der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die Perspektive einer Krise des warengesellschaftlichen Gesamtsystems war für den plötzlich allein dastehenden Westen aber viel zu beängstigend, um sie auch nur ansatzweise ins Auge zu fassen. Vom Verlust seines liebsten Feindes überrascht, flüchtete sich die verbliebene Weltmacht mit ihren Verbündeten lieber in billigen Triumphalismus. Der Realsozialismus wurde zum historischen Holzweg erklärt, zu einer Verirrung, die auch nicht im Entferntesten irgendetwas mit der wahren, also der kapitalistischen Gestalt der Warengesellschaft zu tun hat. So konnte der Westen sich und dem Rest der Welt suggerieren, dessen schmähliches Ende demonstriere nur die kraftstrotzenden Gesundheit der Marktwirtschaftsherrlichkeit.

Mit dieser Illusion im Rücken machten die eingebildeten Sieger sich daran, die Welt umzugestalten. Den Not leidenden Staaten in Ost und Süd wurde gepredigt, sie müßten nur brav ihren Kotau vor den westlichen Prinzipien machen und dem reinen Markt huldigen, um sich einen Weg aus der Stagnation und dem Elend des Sozialismus hin zu Wachstum und allgemeinen Wohlstand im globalen Kapitalismus zu eröffnen. Der IWF konnte dieser Botschaft mit seinen Kreditbedingungen zwar den nötigen Nachdruck verleihen, der gewünschte Erfolg blieb allerdings aus. Für all die Weltregionen, die überhaupt nur dank der staatssozialistischen Entwicklungsregimes mit ihrer partiellen Abschottung vom Weltmarkt wenigstens ansatzweise ins fordistische Zeitalter industrieller Massenarbeit hatten eintreten können, hält die schöne neue High-tech Welt verschärfter Konkurrenz einfach kein Plätzchen mehr bereit. Die Marktreformen setzten denn auch keine Akkumulationsdynamik in Gang, sie beschleunigten vielmehr nur die Auszehrung der vorhandenen volkswirtschaftlichen Substanz. Länder wie Polen, Tschechien und Slowenien können sich dank Billiglohnoption einstweilen als verlängerte Werkbänke westlicher Betriebe über die Runden retten. In den übrigen Staaten in Ost und Süd bleibt selbst das ein Traum. Unter den Bedingungen von Globalisierung und mikroelektronischer Revolution bedeutet die Entfesselung totaler Konkurrenz für die breite Masse der Bevölkerung das Herausfallen aus der Geldwirtschaft überhaupt, während die Aktivitäten der neuen Schicht von „Businessmen” sich nur mit der Kategorie der Plünderungsökonomie fassen lassen. Zwischen Kamtschatka und Tirana findet die Marktwirtschaft am Ende des 20. Jahrhunderts ihre Avantgarden in der organisierten Kriminalität und in den mit der Mafia verschwisterten Überresten der alten Staatsapparate und den ihr adäquaten Inhalt im Ausschlachten der Modernisierungsruinen.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Neubesetzung ethnischer Grenzen in den multinationalen Staaten Osteuropas, aber auch in Afrika und Asien, zu verstehen. Die Zerfallsnationalismen liefern nicht nur eine billige Pseudoerklärung für die allgemeine Misere. Der Ausschluß der eigenen Nachbarn aus der gemeinsamen Gesellschaft und ihre Umdefinition zu Fremden, erlauben vor allem die plünderungsökonomische Fortsetzung der Marktkonkurrenz mit höheren Weihen auszustatten und sie in den Stand eines politischen Programm zu erheben. Insbesondere für die Angehörigen der Repressionsapparate bankrotter Staaten ist der neue Spaltungsnationalismus überaus attraktiv, schließlich bietet er ihnen die Aussicht, gerade ihr spezielles Humankapital durch die Beraubung und Vertreibung ehemaliger Mitbürger zu verwerten. Eine verwildernde Armee, die längst nicht mehr aus Steuern unterhalten werden kann, muß eben Beute machen und mit der organisierten Kriminalität fraternisieren – und was bietet dazu eine bessere Gelegenheit als ein nationaler Feldzug im Inneren. Mindestens genauso vielversprechend ist die nationale Perspektive aber auch für eine ambitionierte lokale Mafia, die in den aus der alten Modernisierungsgemeinschaft exkommunizierten Bevölkerungsteilen verankert ist. Ihr bietet sich die einmalige Chance, als angebliche Befreiungsbewegung, ja als Staatsmacht im Wartestand aufzutreten und sich als einzig legitime Vertreterin einer ansonsten mit dem blanken Überleben beschäftigten Bevölkerung aufzuspielen.

Der westliche Blick auf Jugoslawien

In keiner anderen Region Europas ist der innere Zusammenhang von suizidalen Marktwirtschaftsreformen, Ethnisierung und dem Übergang zur Plünderungswirtschaft derart in Reinkultur zu studieren wie im ehemaligen Jugoslawien. Die Entwicklung im zerfallenen Titostaat ist indes auch dafür exemplarisch, wie es der Westen traumtänzelnd vermeidet, der Realität seiner glorreichen One World von Demokratie und Marktwirtschaft in die häßliche Fratze zu sehen. Schlimmer noch, hier läßt sich beobachten wie er mit seiner Leugnungsstrategie seinen Beitrag zu dem Barbarisierungsprozeß leistet, dem er so demonstrativ verständnislos gegenübersteht.

Seit den 60er Jahren erfreute sich Jugoslawien von allen sozialistischen Staaten im Westen sicherlich mit Abstand der größten Beliebtheit. Schuld daran war nicht allein seine politische Distanz zur Sowjetunion seit dem Bruch mit Stalin. Belgrad sammelte auch deshalb Pluspunkte, weil es unter dem Fähnchen des Selbstverwaltungssozialismus stets den Part des Vorreiters bei der sukzessiven Aufweichung zentralstaatlicher Planung durch die Stärkung marktwirtschaftlicher Elemente gespielt hatte. Dieser Avantgarderolle gemäß war Jugoslawien auch das erste sozialistische Land, das durch IWF-Kredite unterstützt voll auf den Übergang zur totalen Marktwirtschaft setzte und damit ein völliges Desaster erlebte. Bereits 1989 endete der Traum von der neoliberalen Umgestaltung Jugoslawiens unter dem Präsidenten Markovic mit massenhaften Betriebsschließungen, die das Bruttosozialprodukt drastisch einbrechen ließen, mit einer vierstelligen Inflationsrate und dem Rückgang der Masseneinkommen um 30 Prozent. Als angesichts dieser Bilanz einer marktwirtschaftlichen Umgestaltung die zentrifugalen Kräfte überhand nahmen und das von Tito geschaffene Staatswesen zerrissen, log sich der westliche Dr. Eisenbart über das Versagen seiner Wirtschaftskunst hinweg, indem er die Wirkung zur Ursache erklärte. Die gesamte vorhergehende Entwicklung war schlagartig vergessen, um der Legendenbildung Platz zu machen. Die ethno-nationalistischen Wirren, die von Burundi bis Indonesien in allen möglichen vom Weltmarkt für überflüssig erklärten Regionen aufbrechen, wurden als Einbruch einer atavistischen Gewalt gedeutet, die eine vielversprechend marktwirtschaftliche Entwicklung leider blockiere. Spätestens 1991, als Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit durchsetzen, waren die ökonomischen Hintergründe des Konflikts und die Misere des „Selbstverwaltungs-Sozialismus” restlos im Pulverdampf verschwunden. Während realiter ein Streit konkurrierender, mit den Insignien staatlicher Macht ausgestatteter Banden um die gesamtjugoslawische Konkursmasse zu toben begann, imaginierte sich der Westen einen Kampf zwischen neu entstehenden, regulären Nationalstaaten zurecht, die noch ihre genauen Grenzen abzustecken hätten.

Staatlichkeitstheater und Gewalt

Mit dieser Wendung ins Phantasmagorische macht sich die westliche Politik schon insofern am postjugoslawischen Elend mitschuldig, als sie kräftig zur Legitimierung sämtlicher Kriegsherren beiträgt. Die westliche Staatenwelt findet ausgerechnet in denjenigen ihre natürlichen Ansprechpartner, die ihren Status als politisches Subjekt dem Umstand verdanken, dass sich schießen lassen können und eine Fahne zum Hissen gefunden haben. Die zivile Gesellschaft der postjugoslawischen Staaten ist angesichts der desolaten und durch die militärischen Verwicklungen noch weiter verschlimmerten Lage sowieso weitgehend in Agonie gefallen. Das bloße individuelle Durchwursteln hat alles andere in den Hintergrund treten lassen. Aber selbst wenn sie sich einmal ansatzweise zu Worte meldet, wie etwa bei der über Monate sich hinziehenden Protestbewegung gegen die allzu dreisten Wahlmanipulationen Milosevics im Winter 1996/97, taugt sie dem Westen nicht als Bezugsgröße. Einige freundliche Interviews mit dem hierzulande beliebten, weil gut Deutsch sprechenden Djindjic bleiben das Höchste der Gefühle. Für die offizielle Politik hat das alles aber keine Relevanz. Es hätte sicher auch etliche gute Gründe gegeben, der von Rugova geführten albanischen Parallelregierung im Kosovo mit gehöriger Skepsis zu begegnen. Im Westen fiel sie indes gerade und nur deshalb durchs Raster, weil sie auf offene Gewaltanwendung verzichtete. Als werdende Staatsmacht wurde erst die in viel höherem Maße mafiotisch durchsetzte UCK anerkannt – schließlich hatte die mit ihrer Schießwut und den Morden an serbischen Polizisten ihre Politikfähigkeit mit aller Deutlichkeit unter Beweis gestellt.Der Westen hat sich aber nicht nur darauf beschränkt, die poststaatliche Plünderungsordnung allgemein anzuerkennen, indem er die amtierenden Abrißunternehmer und Kleptokraten als einzig denkbare Repräsentanten ihrer jeweiligen Gesellschaften behandelt. Der „Unruheherd Balkan” liegt schlicht und einfach den marktwirtschaftlichen Kernländern geographisch zu nahe, und die Auswirkungen, insbesondere die Flüchtlingsströme, treffen sie zu unmittelbar, als dass der Westen das dortige Geschehen genauso desinteressiert zur Kenntnis nehmen könnte, wie die ständigen Metzeleien in längst abgeschriebenen Weltregionen wie Afrika. In ihrer anachronistischen Fixierung auf das Ränkespiel souveräner Nationalstaaten ist die einzige Form, in der sich die westliche Außenpolitik in klassisch politischer Manier auf bewaffnete Konflikte beziehen kann, aber die Parteinahme, das heißt: die Bestimmung von Freund und Feind.

Warum Hitler heute Milosevic heißt

Nicht ganz zufällig fiel die Wahl bei der Besetzung der unverzichtbaren Schurkenrolle ausgerechnet auf Serbien. Restjugoslawien ist in den Augen des Westens ein Ärgernis, weil es als einziges Zerfallsprodukt des Titostaates versäumt hat, seinen offiziellen Schwur auf die Marktwirtschaftsherrlichkeiten abzulegen. Die Verbrechen des Milosevicsregimes fallen zwar kaum aus dem üblichen poststaatlichen Rahmen – der Umgang des NATO-Mitglieds Türkei mit den Kurden steht jedenfalls der Belgrader Kosovopolitik in keiner Hinsicht nach. Dass die restjugoslawische Führung ihre Untaten lieber mit staatssozialistischen Reminiszenzen als mit marktwirtschaftskonformer Ideologie flankiert, macht sie indes in höchstem Maße strafwürdig. Gerade weil der Osten in der Praxis der schönen Globalisierungswelt nur einen Platz auf der Müllhalde finden kann, muß der Westen umso entschiedener auf seinem Weltdeutungsmonopol bestehen und zeigt sich entschlossen, ihm bei entsprechender Gelegenheit auch mit Waffengewalt Geltung zu verschaffen.

Die Reaktion fällt umso heftiger und unmäßiger aus, als Restjugoslawien nicht nur für seinen eigenen Ungehorsam, sondern auch stellvertretend bombardiert wird. Solange der Westen es lieber nicht riskiert, Rußland gegenüber auf den Tisch zu hauen und der bankrotte Koloß, nicht zuletzt aufgrund seines atomaren Potentials, trotz der Abkehr von den marktwirtschaftlichen Kahlschlag-Programmen weiterhin mit Notkrediten versorgt werden muß, exekutiert man ersatzweise wenigstens an Belgrad ein Exempel. Der Aufschrei, mit dem fast die gesamte politische Klasse Rußlands auf die NATO-Intervention in Jugoslawien reagiert hat, resultiert wohl weniger aus panslawistischen Anwandlungen; in erster Linie hat man wohl nur zu gut verstanden, welcher Esel auch gemeint ist, wenn die NATO auf den jugoslawischen Sack eindrischt.Für den Weltpolizisten USA ist das treibende Motiv beim antiserbischen Feldzug sicherlich die Tabuisierung des globalen Kapitalismus und die Verteidigung seiner Position als Interpret der demokratisch-marktwirtschaftlichen Prinzipien. Auch jene Weltregionen, für welche die Weltwirtschaft keine Verwendung hat, sollen sich gefälligst an die zivilisierte Variante kapitalistischer Verkehrsformen halten – zumindest der Form halber und in der unmittelbaren Nachbarschaft der kapitalistischen Zentren. Beim deutschen Welthilfspolizisten kommt noch eine zweite, davon zu unterscheidende Komponente hinzu: ihr eigenes Faible fürs ethnizistische Denken. Deutschland hat die Begründung des nationalen Gedankens über Blut und Abstammung nicht nur zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden und einige Jahrzehnte später diese seltsame Errungenschaft an die „geschichtslosen Balkanvölker” (Friedrich Engels) weitergegeben, es hat auch im Rahmen seiner imperialistischen Ambitionen ein ums andere mal die Ethnokarte ins Spiel gebracht, exzessiv im 2. Weltkrieg. Eine solche tief eingeschliffene Gewohnheit verflüchtigt sich nicht so schnell, nur weil das im Globalisierungsprozeß endgültig denationalisierte deutsche Kapital keine Eroberungsinteressen auf dem Balkan mehr hat. Es läßt sich auch im neuen Kontext, also bei der polizeilichen, juristischen und ideologischen Absicherung Mitteleuropas gegenüber dem Immigrationsdruck recyceln. Die bundesdeutsche Außenpolitik zeigt sich gegenüber der Vielzahl ethno-nationalistischer Ambitionen offen, weil ihr die eigene ehtnizistische Tradition einflüstert, potentielle Zuwanderer ließen sich vom Schweifen in die mitteleuropäische Ferne eher abhalten, wenn sie nationale Homelands besitzen, die sie für ihr Vaterland halten können. Die radikale Ethnisierung läuft auf die Legitimation einer rigorosen Abschiebepraxis hinaus und die Anerkennung der vielen fremden Nationen kündet nur von einem übermächtigen Bedürfnis, den „deutschen Volkskörper” einzuigeln. Dass in den deutschen Medien der Rückkehrwille der geflüchteten Kosovo-Albaner stets an prominenter Stelle positiv herausgestellt wird und, dass man – natürlich immer nur zum Wohl der Opfer- entschieden an einer möglichst heimatnahen Unterbringung festhält, macht ziemlich deutlich, woher der Wind eigentlich weht.

Westsonne für das Treibhaus des Ethnonationalismus

Natürlich werfen sich die regierenden Bandenchefs selbst in die Pose des Staatsmannes und verklären, während sie die Reste des ehemaligen „sozialistischen Eigentums” in ihre eigenen Taschen und in die ihrer Klientel schaufeln, dieses Unternehmen zur Neubegründung regulärer Staatlichkeit. Seinen Erfolg verdankt diese Übung im Wesentlichen aber erst der Beziehung zum Westen. Das gilt zunächst natürlich für die zu Verbündeten gemachten Staatsmarodeure, etwa in Kroatien und insbesondere in Bosnien-Herzegowina. Sie werden nicht nur moralisch aufgewertet, die Kreditgewährung durch den Westen und die Umleitung inmternationaler Hilfe durch die „staatlichen” Kassen verschaffen ihnen nach dem Zusammenbruch der volkswirtschaftlichen Grundlagen überhaupt erst eine provisorische finanzielle Basis für die Aufrechterhaltung ihrer Pseudostaatlichkeit und für die private Bereicherung.

Eine mindestens genauso entscheidende Rolle spielt die westliche Beihilfe aber auch für die Absicherung der Politiksimulation auf Seiten des serbischen „Schurkenstaates”. Normalerweise dürfte es um die Stabilität eines Regimes, unter dessen weiser Führung sich das Bruttosozialprodukt, selbst gemessen am Katastrophenjahr 1989, in der folgenden Dekade noch einmal halbiert hat, nicht sonderlich gut bestellt sein. In einem Land, in dem die offizielle Wirtschaft längst hinter der Schattenwirtschaft verschwunden ist und in dem sich die Bewohner mittlerweile vornehmlich von den Produkten des eigenen privaten Ackers ernähren und von den Zuwendungen im Ausland arbeitender Verwandter, gibt es sicherlich viele Gründe das Weite zu suchen, aber beim besten Wille keinen mehr zur Identifikation mit der Regierung und ihrem Programm. Indem er Serbien kontrafaktisch als eine niederzuringende Nationalökonomie behandelt, bringt der Westen aber das Kunststück fertig, dem Regime nicht nur ein Alibi für die Diskrepanz zwischen den angeblichen vielversprechenden Zukunftsperspektiven und der realen Misere zu verschaffen und damit den komatösen Zustand zu verlängern, in dem die Gesellschaft versunken ist. Indem sie das „serbische Volk” in Kollektivhaftung für das Wüten der paramilitärischen Killerbanden und der herrschenden Kleptokraten nimmt, impfen Westeuropäer und Amerikaner „den Serben” jene hysterisch-verzweifelte Staatsbürgerlichkeit erst ein, vor der sie sich mit Grauen abwenden. Das restjugoslawische Staatswesen verliert beständig weiter an realer Integrationsfähigkeit; es ist außerstande seinen Bewohnern eine im Sinne der Arbeitsgesellschaft reguläre Lebensperspektive zu bieten. Solange dies aber als ein dem Land von den Westeuropäern und Amerikanern auferlegter Ausnahmezustand erscheint, wird die Identifikation mit dem Serbentum zum Ersatz für die verlorene soziale Existenz. Schon beim Embargo, während der Kämpfe in Bosnien-Herzegowina wurde dies offensichtlich. In den Bombennächten wiederholt sich das Spiel in verschärfter Form. Die Zerstörung der Brücken, Fernsehsender, Eisenbahnlinien und „nebenbei” auch Wohnhäuser, die der Westen für eine adäquate Antwort auf den ethnonationalen Wahn hält, schürt das Treibhausklima, in dem dieser prächtig gedeihen und jede andere Regung überwuchern kann.

Hightech versus Lowtech

Die amerikanische Außenminsterin Albright hat pünktlich zum Beginn der NATO-Luftangriffe erklärt, die USA und ihre Verbündeten würden nicht das serbische Volk, sondern nur dessen uneinsichtige Regierung attackieren. Mit dieser von westlichen Politikern hundertfach wiederholten feinen Unterscheidung haben allerdings die kriegsgeilen Medien in den NATO-Staaten nicht viel anfangen können und den Bewohnern Serbiens ist die Differenz erst recht entgangen. Das hat allerdings weniger mit ideologisch motivierter Uneinsichtigkeit zu tun, als mit der Logik der NATO-Kriegsführung selber. Eine Luftstreitkraft, die ausgeschickt wird, der angeblich hochgerüsteten und zu allem entschlossenen jugoslawischen Armee ihre Offensivkraft zu nehmen, kann gar nicht anders, sie muß bei der Verfolgung ihres Auftrags den Begriff des militärischen Ziels exzessiv interpretieren und sie ist auch vernichtungstechnisch darauf ausgelegt. Reguläre Verbände sind nun einmal wesentlich von Nachschubwegen und von der laufenden Kriegsproduktion abhängig. Zivile und militärische Infrastruktur gehen ineinander über. Die Führung der französischen Revolutionstruppen konnte vielleicht noch einigermaßen glaubhaft die Losung „Friede den Hütten, Krieg den Palästen” ausgeben, als die Nachbarländer erobert wurden. Mit dem Übergang zur industriellen Kriegsführung, mit ihrer Generalmobilmachung der Gesellschaft, ist Albrights schlechtes Remake auf diese Parole zum Anachronismus geworden. Seit dieser Zeit war es immer die selbstverständlichste militärische Notwendigkeit dem Munitionsarbeiter die Behausung wegzubomben und ihn und den Rest der Feindpopulation nach Möglichkeit auszuhungern.

Dass die Hightech-Luftarmada der NATO nur in ihren Planspielen auf eine hochgerüstete, klassisch-fordistisch Armee trifft und es in Wirklichkeit nur mit Überresten der einst so stolzen Titoarmee und mit irregulären Verbänden zu tun hat, setzt diesen militärischen Imperativ keineswegs außer Kraft. Er setzt sich vielmehr nur in völlig verrückter Form durch. Die NATO-Luftarmada legt die zivile Infrastruktur Jugoslawiens nicht deshalb in Schutt und Asche, weil sie zugleich die Infrastruktur der Vernichtung wäre. Sie ist drauf und dran Jugoslawien auf mittelalterliches Niveau zurückzubomben, weil die westliche Vernichtungsmaschine keine für sie geeigneten militärisch-strategischen Ziele vorfindet und deshalb ersatzweise jene „targets” „ausklicken” muß, für die sie vornehmlich gebaut ist.

Im März, zu Beginn des Krieges, schwadronierten NATO-Strategen noch von einer drohenden Massenmobilisierung. Mit den 2,2 Millionen jugoslawischen Wehrpflichtigen, von denen damals die Rede war, wird es das westliche Militärbündnis schon deshalb nie zu tun bekommen, weil schon heute Dreiviertel aller Einberufenen angesichts der schlechten Versorgungslage der Armee, ihren Gestellungsbefehlen keine Folge leisten und das Regime sich daran gewöhnt hat, diesen Schwund im Großen und Ganzen zu akzeptieren; überdies wäre für die anstehende „ethnische Säuberung” des Kosovo eine weitergehende militärische Mobilisierung auch völlig überflüssig und es gibt aktuell wie künftig keinerlei Grund, der NATO auf offenem Feld serbische Truppen als lebende Zielscheiben zu präsentieren. Im Kosovo hat die NATO denn auch maximal 40 000 Mann ausgemacht, vorzugsweise sogenannte Polizeikräfte. Da diese Truppen mit vergleichsweise simplen Mitteln und mit geringem logistischen Aufwand ihr blutiges Geschäft verrichten und ihr Auskommen in erster Linie über das Ausplündern der albanischen Bevölkerung sichern, sind sie aus der Luft indirekt, also durch die Kappung des Nachschubs nur sehr bedingt zu treffen. Ein unmittelbares Bombardement verbietet sich weitgehend, es sei denn, die NATO wäre gewillt die albanischen Opfer mitzubombardieren; und deshalb werden die Schergen es auch gar nicht darauf anlegen, die albanischen Kosovaren vollständig hinauszudrängen um so der NATO ein freies Schußfeld zu verschaffen. Die gigantischste Militärmaschine der Geschichte muß aber, da sie einmal angeworfen wurde, weiterlaufen und das heißt: Ziele definieren und vernichten. Und das müssen vor allem Flughäfen, Elektrizitätswerke und Eisenbahnlinien sein. Denn bereits ein Blick auf die Landkarte gibt darüber Auskunft, dass die Sprengung aller Donaubrücken die Schlagkraft der serbischen „Sicherheitskräfte” im Kosovo überhaupt nicht tangiert – genausowenig wie die Zerstörung der seit vielen Jahren praktisch stillstehenden Autofabrik von Kragujevac. Die NATO kann sich um solche Kleinigkeiten nicht kümmern. Sie hat die jugoslawische Bevölkerung mit ihren Mitteln genauso als Geisel genommen wie Milosevic und Co. die albanische Bevölkerung im Kosovo. Solange die serbischen „Sicherheitskräfte” und die NATO weniger einen Krieg gegeneinander als vielmehr zwei Parallelkriege führen – einen Low-Tech-Krieg auf dem Boden des Kosovo und einen High-Tech-Krieg vom jugoslawischen Luftraum aus – kann dieses perverse Spiel der laufenden Exekution von Geiseln lange, viel zu lange weiterlaufen.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Je perfekter das Mittel, desto verheerender die Wirkung, wenn Mittel und Zweck nicht zusammenpassen. Weil die NATO einen Entwirklichungskrieg führt und hochgerüstet über ein Schlachtfeld irrt, das sie nicht kennt und nicht kennen will, kann dieser Waffengang trotz der haushohen militärischen Überlegenheit für sie bestenfalls als Phyrrussieg enden. Bereits als die Annahme, die Belgrader Führung würde augenblicklich einknicken, sobald es mit den angekündigten NATO-Luftschlägen ernst wird, sich als haltlos erwies, war Niederlage und Blamage besiegelt. Und auch diese eklatante Fehlspekulation war keinesfalls eine zufällige irrige Einschätzung von Milosevics Charakter, sondern dokumentiert die völlige Blindheit des Westens für die Logik poststaatlicher Kriegsführung. Ein Staatsmann, der Entwicklungsregime repräsentiert, könnte natürlich nicht ungerührt zusehen, wenn Fabriken, Straßen und Kasernen von fremden Angreifern aus der Luft dem Erdboden gleich gemacht würden, ohne dass eine Möglichkeit zur Abwehr oder zum Zurückschlagen besteht. Er müßte wohl oder übel den Forderungen der Herren der Lüfte erst einmal nachgeben. Als zynischer Verwalter einer Modernisierungsruine, der gar nicht mehr den Anspruch hat die jugoslawische Gesellschaft in irgendeine Zukunft zu führen, kann Milosevic viel entspannter mit einer solchen Situation umgehen. Ihm geht es nicht darum, die territoriale Integrität Restjugoslawiens zu retten, für sein weiteres Überleben als chimärischer Staatsmann wäre es fast schon ideal, wenn das Kosovo ihm gewaltsam von einer Übermacht entrissen würde. Für Milosevic wäre ein Bodeneinsatz der NATO und ein anschließendes Protektorat über den mehrheitlich von Albanern bewohnten Teil keine Bedrohung, ein solches Vorgehen würde ihm nur den Nimbus eines zweiten Fürsten Lazar einbringen und den Fortbestand seiner Macht über die serbischen Kernregionen bis ins nächste Jahrtausend hinein sichern.

Die absehbare weitere Entwicklung in Serbien ist schon unerquicklich genug. Weit verhängnisvoller – und auch das leider nicht nur für die westlichen Staatschefs – dürften aber die anderen langfristigen Folgen des Kosovo-Krieges sein. Aus gutem Grund hat sich der Westen auch nach dem Ende des Realsozialismus an das im 16. Jahrhundert von Jean Bodin formulierte Prinzip staatlicher Souveränität gehalten und sich grundsätzlich gegen Grenzverschiebungen und separatistische Bestrebungen gewandt. Selbst bei der Aufteilung Jugoslawiens wurde dieses Axiom insofern noch gewahrt, als an die Stelle des Völkerrechtssubjekts Gesamtjugoslawien die Teilrepubliken in ihren gegebenen Grenzen gesetzt wurden. Die UCK ist dabei vorzuführen, wie man den Weltpolizisten dazu bringt, diesen Grundsatz über den Haufen zu werfen. Das Beispiel wird rund um den Globus und vor allem in Südosteuropa genügend Nacheiferer finden. Indem der Westen sich anmaßt, zwischen legitimer und illegitimer Souveränität zu unterscheiden, hat er die Büchse der Pandora geöffnet. Die Zeichen der Zeit stehen damit auf eine weitere Balkanisierung nicht nur des Balkans, mit allen seinen grauenhaften Konsequenzen. Der NATO-Einsatz hat nicht nur die so oft apostrophierte „humanitäre Katastrophe” im Kosovo verschlimmert statt sie zu mildern, er hat außerdem den Keim für eine ganze Reihe neuer Katastrophen gelegt. Allein die „Albanerfrage” könnte noch für vier Pseudo-Staatsgründungen herhalten. Die starke albanische Minderheit in Mazedonien dürfte als erste versucht sein, das kosovarische Vorbild zu kopieren. Zur Disposition steht aber auch die staatliche Einheit von Albanien selbst, wo Nord und Süd seit der Pyramidenspiel-Revolution immer weiter auseinanderdriften. Der Westen wird kaum in der Lage sein auch nur die albanische Brandherde mit seinen irrwitzigen Methoden zu löschen – vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Er kann für „Stabilität” gar nicht sorgen, weil er selbst ein wesentliches Moment des zunehmenden Verrücktwerdens seines eigenen Systems, des warenproduzierenden Weltsystems ist.