31.12.1999  Beitrag drucken

Post und Bahnhof

Proben einer Kritik der „Postmoderne“

„Nichtig ist das Denken, welches Gedachtes mit Wirklichem verwechselt.“ — Theodor W. Adorno

von Franz Schandl

Das Fassungslose will außer Fassung bringen, nicht aber sich selbst fassen lassen. Etwas zu kritisieren, was es in den Augen ihrer Vertreter gar nicht so richtig gibt, ist ein mühsames Unterfangen. Nichtsdestotrotz wird es, weil notwendig, hier versucht.

Handelt es sich bei der sogenannten Postmoderne also um einen verifizierbaren Epochenbegriff oder handelt es sich um eine Selbstbezeichnung resp. Bezeichnung einer bestimmten Richtung in Philosophie, Architektur, Politik, Design etc.? Oder aber handelt es sich um einen Jargon, an dessen Phraseologie sich zuerkennen und aberkennen läßt? Tauglich bloß für das Spiel der Abgrenzungen und Eingemeindungen?

Die Postmoderne ist gar nicht erst auf den Begriff zu bringen, da die Kategorie des Begriffs ihr nicht zugehörig ist. So bleibt sie der freien oder – wäre das Wort nicht so strapaziert – der beliebigen Assoziation überlassen. Postmodern ist daher ein Schlagwort, unter dem dieses oder jenes verstanden werden kann, aber eben nichts genaues. Was selbstredend auch dazu führt, daß die Postmoderne selten wo anzutreffen ist, aber überall vermutet werden kann. Sie ist ein flüchtig Ding.

Selten, daß ein Wort so universell verwendet werden konnte wie dieses. Je möglicher es ist, desto unmöglicher es wird. Es funktioniert wie ein Schwamm, je nach Bedürfnis saugt er auf oder preßt er aus. Die postmodernen Sektoren haben sich vielfach immunisiert. Verallgemeinerungen weisen sie als unzutreffend zurück. Manchmal auch zurecht. Sprechen wir von der Postmoderne, dann ist man bereits in der Falle gegangen. Sprechen wir allerdings nicht von ihr, von der so flott gesprochen wird, dann bleibt sie unbehelligt, dann haben wir uns selbst des Urteils beraubt und sie im Dunkeln gelassen. Also sprechen wir.

Unbegriff Postmoderne

Postmoderne macht lediglich dann einen Sinn, wenn die Kategorie der Moderne einen Sinn gemacht hat. Diese ist Ausgangspunkt und Absetzungsbegriff. Aber, so gilt es gleich zu fragen, hat sie einen Sinn? Das Paradoxe der Moderne ist, daß sie immer und doch nie gewesen ist. Als neuzeitliche Kategorie für eine ewige Jetztzeit, ist sie als haltbare Kennzeichnung auch nur irgendeiner Periode völlig ungeeignet. Das gilt auch für die zweite Moderne oder die Postmoderne. Schon das Reden von einer Moderne (anstatt einer steten und hier einmal qualitätslos aufgefaßten Modernisierung) zeigte diese Verunsicherung an. Noch klarer kommt dies in der Postmoderne zum Ausdruck.

Postmoderne geriert sich als ein Danach. Gleichzeitig bleibt sie damit aber in der Kategorie der Moderne verstrickt, bietet keine alternierende, sondern vermag sich nur noch deuten als die Befangenheit des sich Auflösenden. Diese hat in ihrer unbestimmten Ziellosigkeit nichts Mobilisierendes mehr an sich, sondern wirkt demobilisierend, demotivierend und dadurch schließlich ideologisch stabilisierend. Sie will nicht voran, ist sie doch schon im Jenseits.

Die Postmoderne ist nicht die Antwort auf die Moderne, sondern die unaufgelöste Frage, jene mythologisiert lediglich ihr Zerfallen, das kein Neues mehr erkennen will, ja nicht einmal mehr anstrebt, sondern als große Erzählung diskreditiert. Was im Begriff ist zu kollabieren, ist nicht die Moderne, sondern der kapitalistische Selbstläufer der Modernisierung. Die sogenannte Postmoderne ist als das selbstreferentielle Unbehagen dieser zu verstehen, das sich jedoch sofort nach unmittelbarer Behaglichkeit sehnt, ein Auflösungsphänomen, das ganz in der Gegenwart verhaftet bleibt. Alles andere ist eine Überschätzung. Ihre Potenz reicht nirgendwo über diese hinaus. Auf die Frage, was postmodern sei, antwortet auch Jean-Francois Lyotard: „Sicher hat es an der Moderne teil.“ Dem zumindest ist uneingeschränkt beizupflichten.

Das Präfix Post sagt eigentlich aus, daß man zugibt, nicht zu wissen, was denn da gerade abläuft oder geschieht. Post sagt, daß man Bahnhof versteht. Wobei das Vorankleben der Etikette, das ständige Präfigieren Ausdruck ist, etwas nicht definitiv festlegen zu können. Das ist nicht so tragisch, nur sollte es benannt, als das Fragile deutlich werden. Positiv verstanden, als Fixierung, wird post zu einer intellektuellen Anmaßung sondergleichen. Wenn sie tatsächlich das „Schlüsselwort unserer Zeit“ (Ulrich Beck) ist, so ist das ein Schlüssel, der nicht sperrt.

Totalität als Verblendung

Die Marx folgende Gesellschaftskritik war geprägt von der kritischen Kategorie der Totalität. Sie geht von ihr aus, um sich eben gegen das Totale zu wenden. „Daß ohne Beziehung auf Totalität, das reale, aber in keine handfeste Unmittelbarkeit zu übersetzende Gesamtsystems nichts Gesellschaftliches zu denken ist“, war weitgehend Konsens gewesen. „Deuten heißt primär: an Zügen sozialer Gegebenheit der Totalität gewahr werden“, schreibt etwa Theodor W. Adorno. Oder der ungarische Marxist Georg Lukacs: „Nicht die Vorherrschaft der ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung unterscheidet entscheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern der Gesichtspunkt der Totalität. Die Kategorie der Totalität, die allseitige, bestimmende Herrschaft des Ganzen über die Teile ist das Wesen der Methode, die Marx von Hegel übernommen und originell zur Grundlage einer ganz neuen Wissenschaft umgestaltet hat.“ Derselbe: „Konkrete Untersuchung bedeutet also: Beziehung auf die Gesellschaft als Ganzes.“

Der Kapitalismus ist bloß als Ganzes denkbar. Reduziert auf bestimmte ökonomische oder soziale Funktionen (Ausbeutung, Ungleichheit, Macht, Profit, Zins) ist er nicht faßbar. Das Kapitalverhältnis ist kein isolierbarer Ort der Gesellschaft, der eben neben anderen besteht, sondern der Wert ist das tendenziell absolutistische Gebot all seiner Formen und Ausdrücke. Alle Sphären, Bereiche und Vergegenständlichungen sind ihm zugehörig. Er fungiert dabei nicht als Zentrum, das irgendwelche Peripherien überfällt und in Abhängigkeit bringt, sondern als apriorisches Struktur des Gesellschaftlichen.

Ganz anders sieht das die Postmoderne: Die Frage nach der Totalität ist ihr eine totalitäre. „Das Problem ist die Totalisierung“, sagt Wolfgang Welsch, dem zumindest zu verdanken ist, in seinen Schriften immer alles auf den einfachsten Punkt zu bringen. Nicht das objektive Verhältnis, also die kapitalistische Gesellschaftsformation beherbergt die Schrecken des 20. Jahrhunderts, nein, es waren die Meisterdenker, allen voran der vielgehaßte Hegel, die da durch die Totalität den Totalitarismus stifteten. Lyotard schreibt: „Wir haben die Sehnsucht nach dem Ganzen und dem Einen, nach der Versöhnung von Begriff und Sinnlichkeit, nach transparenter und kommunizierbarer Erfahrung teuer bezahlt. (…) Die Antwort darauf lautet: „Krieg dem Ganzen“ (…).“

„Befreie die politische Aktion von jeder vereinheitlichenden und totalisierenden Paranoia“, sagt Foucault. „Gib dem den Vorzug, was positiv ist und multipel, der Differenz vor der Uniformität, den Strömen vor den Einheiten, den mobilen Anordnungen vor den Systemen!“ Nur, was können die mobilen Anordnungen anderes sein als die besonderen Ausdrücke des Systems? Woher sollten sie sonst rühren? Können Ströme etwas anderes sein als Einheiten im Fluß? Ist die „Ordnung der Dinge“ nicht ihre gesellschaftliche Lage? Sind deren Beinhaltungen gar auf sich selbst zu reduzieren, und aus sich selbst zu erklären?

In dem vom Partikluarismus geprägten Desinteresse an der Totalität liegt die Selbstbegrenzung der Postmoderne, die außer lauter differenten Folgen nun keine zugrundeliegenden Verhältnisse mehr ausmachen will. Die offensichtliche Schwierigkeit, den Zusammenhang zu denken, wurde übersetzt in die Aversion gegen jene, die unbedingt an der Totalität festhalten, die sich vom Ganzen einen positiven und/oder negativen Begriff machen.

Auch wenn einem die organische Konfiguration der Gesellschaft partout nicht erscheinen will, ist sie doch als Präfiguration stets zugegen. Postmodernes Denken gefällt sich in konstruierten Dualitäten (wo doch gerade diese als Einheit zu dekonstruieren wären), hingegen das System ihr bloß Konstrukt ist, eine beliebige Gedankenabstraktion, nicht aufgeherrschte Realabstraktion, der sich alle bürgerlichen Subjekte unterstellen müssen.

Uns interessiert vielmehr die Vielheit der Einheit und die Einheit der Vielheit. Vielheit und Einheit sind nur unterschiedliche Ausdrücke desselben. Die bürgerliche Vielfalt – und wir kennen nur diese – ist die kapitalistische Multiplikation desselben, den Einen, des Unausgesprochenen, des Vorausgesetzten, des Akzeptierten. Ihre Grundform ist das gleichgültige Dasein der Waren – alles darf sein, was verwertbar ist.

Wobei das Gesamte, das Allgemeine ideell desavouiert, reell aber gerade deswegen nicht angekratzt wird. Das Ganze wird in der Postmoderne nicht kritisiert, sondern eskamotiert. Es wird weggeblendet, nur „Eigenlogiken“ interessieren. Wer jedoch die Eigenheit einer vergesellschaftlichen Verdichtung nicht als Spezifizierung der Allgemeinheit betrachtet, sondern als ihre krude Erscheinungsweise, also als sie selbst, verengt Erkenntnis auf einen sachlichen Pragmatismus, der nicht unähnlich dem gesunden Menschenverstand sich an den Unmittelbarkeiten hochrankt. Wer im Exemplar nicht die Gesellschaft sieht, sieht jenes nicht.

Es ist jedenfalls ein bezeichnender Taschenspielertrick von der Totalität im Denken auf das Totalitäre im Sollen zu schließen. Ebenso könnte man jene die zentral von Kapitalismus sprechen, Kapitalisten nennen. Der Postmodernismus hat jedenfalls einen nicht unerheblichen Beitrag zur Renaissance der schon erledigt geglaubten Totalitarismustheorie geleistet. Die beliebte Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus ist von den Seminaren bis zum Boulevard wieder mehrheitsfähig geworden ist. Von Hegel über Hitler bis zu Honecker wird alles in diese Kategorie gepreßt.

Anerkennung als Abblendung

„Real ist, was Menschen als real definieren“, paraphrasiert Max Preglau einen Konsens der Postmoderne. So weit war der Idealismus auch schon mal gewesen. Das objektiv sich durchsetzende, somit das herrschende Bewußtsein wird zum Um und Auf dieser Realität. Kriterien wie Wirklichkeit und Wahrheit verschwinden hinter dieser Gleichsetzung von Erscheinung und Wesen. Medienkompatibilität als Affirmation der Kulturindustrie ist damit vorgegeben. Realismus ist angesagt.

Viel ist überhaupt vom Anerkennen die Rede. Das hat was für sich, aber nicht zweifellos. „Lyotard setzt eine Strategie dagegen, die von der Anerkennung der Individualität und Heterogenität auszugehen versucht (…)“ schreibt Peter Engelmann in seinem Reclam-Bändchen „Postmoderne und Dekonstruktion“. Das klingt immer gut, nur was heißt es? Die zivilgesellschaftliche Heterogenität ist die durch die kapitalistischen Verhältnisse hervorgebrachte. „Das Allgemeine sorgt dafür, daß das ihm unterworfene Besondere nicht besser als es selbst ist“, sagt Adorno.

Die anzuerkennende Individualität der Subjekte ist Schein, sie sind Charaktermasken ihrer sozialen Rollen. Wird Anerkennung rigoros und nicht spezifisch verstanden, ist sie Legitmationsideologie. Die eingeforderte Anerkennung des Bestehenden war seit jeher das Programm jeder Herrschaft gewesen. Anerkennen ist noch kein Erkennen, doch setzt ein emanzipatorisches Anerkennen ein Erkennen voraus, will es nicht willenlos und inhaltslos, d.h. abstrakte Form der Gleichgültigkeit werden.

Kurzum, nicht alles, was existiert, ist uns (gleich) anerkennenswert. Die Toleranz hat dort einen Sinn, wo in ihr nicht die Ignoranz vorherrscht. Unbedingte Toleranz und reine Ignoranz sind nämlich eins. Die Definition unzähliger Zumutungen als Lebensstil gehört genau hier vermerkt. Manches ist ganz einfach schlichtweg zu beseitigen. Wirksam.

Differenz als Indifferenz

Solange Kapitalismus ist, ist das kategorische Beharren auf Differenz als bloße Unterscheidung nichts anderes als das Einebnen der Widersprüche durch Nebeneinanderstellung. Jeder Unterschied ist als bestimmte Konstellation von Beinhaltungen zu sehen, jede Differenz allein als prozessierende Größe der Dynamik zu haben. Differenz meint daher Differenzierung, sie ist nie alleine krude Verwirklichung, sondern geht mit Entwirklichungen Hand in Hand. Nichts ist unbeschädigt oder unbescholten.

Die Menschen so zu nehmen wie sie sind, ist eine Verachtung der Menschen sondergleichen. Sie meint Erhebung der Erniedrigung. Nicht jede Möglichkeit ist zu ermöglichen. Anerkennung als unbestimmter Reflex ist blanke Affirmation. Sollte das Verhungern einmal Vergangenheit sein, dann werden wir diesen Verlust der Vielfalt nicht bedauern. Sollte gar der Krieg verschwunden sein, werden wir nicht im Zeichen der Pluralität für ihn demonstrieren. Aber vielleicht ist das schon totalitär?

Möglichkeit nennt sich in der Postmoderne die Zumutung, die sich als solche nicht mehr erkennt. Die oft gepriesene Flexibilisierung des postmodernen Individuums etwa ist primär eine Zwangsveranstaltung der Gesellschaft an ihren Mitgliedern. Die Arbeitskraftverkäufer sind diesen Anforderungen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ökonomie in Zeiten der Globalisierung giert nach der Entsicherung sozialstaatliche Maßnahmen, will Fluchtpunkte und Rettungsnetze eliminieren. Die Zerlegung des fordistischen Arbeitsplatzbesitzers – sein Aufmachen an allen Ecken und Enden – ist eine destruktive Veranstaltung, wenngleich daraus diese Figur nicht als positiver Gegenpol zum Flexi-Individuum gelten soll.

Unterscheidungen sind keine unentscheidbaren Daseinsgrößen. Jede Unentschiedenheit gegenüber ihnen, kann sich als fahrlässig, ja als gemeingefährlich erweisen. Der Eindeutigkeit ist keine Unbestimmtheit entgegenzuhalten, sondern der Versuch die Varianz möglicher Bestimmungen am Gegenstand zu erläutern. Gehalt und Inhalt zu erkennen und wiederzugeben sind eine stete Aufgabe.

Vielheit als Einheit

Dativ wie Akkusativ. Sie stehen auf dem und auf den Pluralismus. Doch worauf steht der Pluralismus? Kann er mehr sein als der Markt (in) der Politik? Die Vielfalt der Postmoderne gleicht einem indifferenten Demokratismus. Diese Pluralität ist, wie Günther Anders sagte, „warenhausartig“. Was uns mißfällt, ist das demokratische Flanieren des Geistes, das ähnlich dem Käufer im Geschäft aussucht, was gefällt und das Ganze dann auch noch als Selbstbestimmung und Befreiung mißversteht. Analog zu Marx könnte man sagen: Der Reichtum der Postmoderne erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Gefälligkeiten. Die einzelne Gefälligkeit ist ihre Elementarform. Der Eklektizismus ihre Methode.

Daß der postmoderne Duktus inzwischen allseitig verwendbar geworden ist, ist Zufall nicht. Als Jargon sind seine Versatzstücke bis in das Alltagswissen oder in die Alltagspolitik eingesickert. Keine gesellschaftliche Kraft, die diesem Vokabular nicht Tribut zollt, indem es dieses wie selbstverständlich in ihre Erklärungsmuster einbaut. Den postmoderne Modeschmuck erkennt man als terminologische Kette in den Sagern, Phrasen und Nullaussagen. Heideggerisch formuliert: Es spricht mit ihnen. Mögen sie es verstehen oder nicht, die Sprache ist die Herrin ihrer Sprecher.

Es ist ziemlich ärgerlich. Sogar ein fundamentaler Konsens im Denken wird implizit angenommen, oft explizit unterstellt. So hat man etwa Politikverdrossenheit zu beklagen und für Politisierung einzutreten. Eine dezidierte Abweichung liegt außerhalb einer Pluralität, die Nuance und Variation zur Differenz erhoben hat. Die Zivilgesellschaft ist zu akklamieren, entsprechende Bekenntnisse sind abzulegen. Davon abzuweichen erscheint geradezu als absolute Unmöglichkeit im öffentlichen Diskurs (auch so ein Wort!), da mag dieser noch so auf seine Toleranz Wert legen, die freilich einmal mehr eine immanente ist: Alles zuzulassen, was zulässig ist; alles denunzieren, was den Betrieb stört. Pluralismus ist ein anderes Wort für multiplen Monismus.

Konventionelle Rückblendungen

Einerseits wird so das Ende der Ideale und Utopien ausgerufen, andererseits wimmelt es in postmodernen Texten geradezu vom Modernisierungsvokabular, daß man unweigerlich an eine bewußte Reinkarnation der guten alten Aufklärung denken muß: „Postmoderne bedeutet nicht Inhaltslosigkeit oder Beliebigkeit, wie ihre Gegner gern behaupten. Postmoderne, so könnte die paradoxe Formulierung lauten, bedeutet inhaltlich die Wiederaufnahme der Grundideen der Moderne. Postmoderne wäre dann ein erneuter Anlauf zur Durchsetzung und Weiterführung des politisch-gesellschaftlichen Kerngedankens der Moderne, des Prinzips der Freiheit des Individuums, und des Bemühens um eine gesellschaftliche Ordnung auf dieser Basis.“ So Engelmann. Das ist nicht paradox, genau das ist der Fall, und das paßt auch zusammen.

Und Wolfgang Welsch schreibt: „Postmodernes Denken entspricht darin einer Haltung, für die Demokratie verbindlich wurde. Die Postmoderne bedroht nicht – wie manche, von Irrationalismus redend, ihr unterstellen wollen – die demokratische Tradition der Moderne, sondern entwickelt eine grunddemokratische Vision. Denn in ihr wird Pluralität grundsätzlich anerkannt und freigegeben. Und erst unter der Bedingung solch grundsätzlicher Pluralität macht Demokratie eigentlich Sinn.“ Rekonstruktion würden wir das nennen, nicht Dekonstruktion.

Der Postmoderne ist nicht vorzuwerfen, daß sie zuwenig traditionsverhaftet ist, nein sie ist es viel zu viel des Guten. Während die Postmoderne also an nichts mehr glauben will, glaubt sie umso frenetischer an Politik, Demokratie und Gerechtigkeit. Das Dekonstruieren hat seine Grenzen an den Grundparametern der bürgerlichen Gesellschaft. Jacques Derrida sagt das auch explizit, wenn er in „Marx‘ Gespenster“ bezüglich Gerechtigkeit von einer „gewissen Nichtdekonstrurierbarkeit“ spricht. Daß Gerechtigkeit nicht anderes ist als der ideelle Reflex des Rechts, ohne einen positiven Begriff desselben gar nicht gedacht werden kann, aber woher denn.

Gegen Fukuyma gewandt, profiliert Derrida sich schließlich als der bessere Demokrat, wenn er schreibt, „daß weder die Vereinigten Staaten noch die Europäische Gemeinschaft die Vollendung des universalen Staates oder der liberalen Demokratie erreicht haben, ja daß sie, wenn ich so sagen darf, noch nicht einmal von ferne berührt haben.“ Die Konventionalität dieser Zeilen ist himmelschreiend. Einmal mehr wird in abgeschmackter Manier eine ideelle Demokratie gegen die reelle zu Felde geführt, anstatt zu fragen, was Demokratie ist und was sie leistet.

Gewünscht wird die „Re-politisierung“. Der Globalisierung und dem Monetarismus gelte es, „ein entschieden politisches Projekt entgegen(zu)setzten.“ Hier trifft sich die Postmoderne geradewegs mit dem von ihr wenig geschätzten Linkstraditionalismus. Beide sehnen sich in geradezu rührender Weise nach dem Wiederaufstieg der Politik. Sie sind einfach dafür, ohne die Bedingungen einer solchen Möglichkeit benennen zu können. Lyotard beschert uns auch gleich einen ontologischen Politik-Begriff, der jede Genese des Formprinzips ausläßt, so als wäre die Dekonstruktion niemals postmodernes Programm gewesen. Dafür schöpft er tief aus dem Bottich der Ewigkeit und verkündet: „Politik ist dort, wo ein Konflikt droht, zwischen den diversen, in jedem Moment möglichen Verkettungen“. In der Politik möchte er „so wenig Unrecht wie möglich“. Ja, wenn das nicht merheitsfähig ist. Wahrlich, wir sagen Euch, das ist die Auflösung der Politik im Gewäsch.

Von Repolitisierung kann nur reden, wem Politik als Form nicht prekär ist. Politik erscheint (in) der Postmoderne gerade als der Imperativ der Selbstbestimmung, als das sich zwar wandelnde, aber doch ewige formlos-unbestimmte und mit allerlei zu füllende Wollen hin zur Freiheit. Ein Wollen, das nur bezweckt werden muß. Politik als eine ahistorische Größe wird so zu einer eigentlichen Grundkategorie des Daseins. Daß Politik oder Demokratie bestimmte und bestimmbare Formen der Gesellschaftlichkeit darstellen und so möglicherweise struktive Schranken haben könnten, wie das etwa ganz unterschiedliche Denker wie Jean-Marie Guehenno oder Robert Kurz nahelegen, hat sich auf jeden Fall in postmodernen Kreisen noch nicht herumgesprochen.

Gängige Vorurteile über die aktuelle Politik werden zusammengetragen, um sodann eine ordentliche Politik einzufordern. Endlich wird das Staatsbürgerkundelehrbuch auch wirklich eingelöst. Anstatt der großen Erzählung werden die bürgerlichen Gute-Nacht-Geschichten, eine nach dem anderen aufgetischt: Die Fabel von der Demokratie, das Märchen von der Gerechtigkeit, die Sage von der Politik. Anschließend wird gestritten wie die Zimmer ausgemalt oder tapeziert werden. Da sollte man doch gleich die Positivisten ranlassen, die verstehen mehr vom Handwerk.

Praktizierte Postmoderne

Etwa Joschka Fischers Grüne oder so. Einer ihrer postmodernen Zudenker, der Hamburger Sozialwissenschafter Joachim Raschke hat bereits vor Jahren ausdrücklich ausgesprochen, daß Postmodernisierung und Realpolitisierung eins sind. Was er rät und vorschlägt, liest sich wirklich wie ein Bilderbuch antipostmoderner Vorurteile über die Postmoderne. Es ist keine Persiflage, die hier verbreitet wird: Ausgegangen wird von der originellen und überhaupt nicht ideologischen Gegenüberstellung von „FundamentalistInnen und Vielfalts-Protagonisten“ Erstere haben einen wesentlichen Anteil an der „Beschneidung postmoderner Potentiale.“ Da findet sich der „Abschied von den letzten Wahrheiten“ ebenso wie der „Lob des Partikularen“. Gefordert wird eine „Gelegenheitsvernunft“, ein „Pluralisierungsschub“, und selbstverständlich „ahistorisches Zitieren von Geschichte“.

Der Mann, der das hier projektierte Profil freilich am besten verkörpert, ist aber kein Linker, sondern ein Rechter: Jörg Haider. Wenn Haider als postmoderner Politiker im Sinne als ein adäquater „Politiker“ der postmodernen Karnevalisierung, somithin als postpolitischer Politiker ausgewiesen wird, dann nicht, weil er sich auf die Postmoderne beruft (obwohl auch das noch passieren wird), sondern weil er den Zersetzungsprozeß der Politik am geschicktesten anzuwenden und zu inszenieren versteht. Das Spielerische, das die Postmoderne da des öfteren einfordert, niemand hat das so gut drauf wie Jörg Haider. Ja, er ist geradezu der Prototyp des postmodernen Rechten, wobei die Beliebigkeit allerdings ihren Boden hat, namentlich in der Volksgemeinschaft und im Wirtschaftsstandort sich fest verortet fühlt. Über Demokratie und Markt, Volk und Staat läßt Haider nichts kommen, sie sind substantiell, Bestandteil jedes postmodernen Cocktails. Doch es ist dieser scharfe Mix, der das von der Kulturindustrie stimmungsmäßig trainierte Publikum entsprechend abholt und die Freiheitlichen aufsteigen läßt. Die rasende Journaille ist ihr Dünger.

Spezifische Inhalte jenseits eines nationalistisch inszenierten Liberalismus fungieren als taktische Variablen. Gestern noch deutschnational, heute österreichpatriotisch; gestern für die Dritte Republik, heute wieder für die Zweite; vorgestern Einpeitscher für den EU-Beitritt, gestern vehementer Gegner und Profiteur der Anti-EU-Stimmung, jetzt, an die Regierung gekommen, bekennt Haider sich „meinetwegen“ zur EU, um tags darauf schon gegen den Euro zu sein. Was er gestern gesagt hat, ist ihm heute ziemlich egal, interessiert seine Kontrahenten mehr als ihn selbst. Was ihn treibt, ist der Wille zur Macht. Konsequent und rücksichtslos.

Seine Aussagen sind flexibel, den jeweiligen Vorhaben und Erfordernissen angemessen. Daß sie insgesamt nicht zusammenpassen, steht auf einem anderen Blatt. Passen müssen sie, und das tun sie. Der beliebige Austausch von Symbolen und Zeichen, Emblemen und Wörtern, Assoziationen und Chiffren, schadet Haider keineswegs, im Gegenteil, er ist Bedingung des Verkaufserfolgs der Marke Haider. So flexibel ist wirklich niemand.

Die FPÖ ist in Ansätzen eine postpolitische Bewegung. Die regressiven Potentiale des Postmodernismus kommen hier ganz ungeschminkt zu sich. An den Freiheitlichen präludiert sich das rechte Ende von Politik und Partei, von Interesse und Klasse. Herkömmliche Maßstäbe und Kategorien taugen daher wenig zur Erfassung dieses Phänomens. Rat- und Fassungslosigkeit etablierter Politik und Wissenschaft sind so auch Folgen antiquierter Betrachtungsweisen.

Ausblendung

Der Postmodernismus hat aber auch seine Meriten. Vor allem, was die Theoretisierung von unkonventionellen Fragestellungen betrifft, hat er dem Marximus und dem Positivismus einiges voraus. Das Nomadologische seiner Streifzüge hat das Forschungsfeld erheblich erweitert. Wer meint, dort nichts lernen zu können, irrt.

Gerade aber deswegen: Ein zentraler Vorwurf an die Postmoderne ist, daß dort, wo stets die Post abgeht, viel zu wenig Post ist. Sie sitzt im Knast der Modernisierung. Gitter und Mauern nimmt sie zwar wahr, aber erkennt sie nicht. Was folgt ist eine Philosophie der Stäbe, eine Phänomenologie der Ziegel, eine Epistemologie des Mörtels. Postmodernes Theoretisieren ist ein äußerst beschränktes, nicht weil es zu radikal ist, sondern umgekehrt, weil es sich viel zu wenig von den Prämissen bürgerlichen Denkens gelöst hat. Die Postmodernen zwar einiges drucheinandergebracht, aber letztlich den Anspruch auf transvolutionäre Gesellschaftskritik in ihrem partikularen Wahn unterlaufen und hintertrieben.

Die Postmodernen sind die letzten Wiedergänger der Aufklärung. Ihre Post ist ein Prae. Es ist die Vorzukunft, die sich hier anschickt, was meint, daß einerseits die Modernisierung zu Ende geht, aber keine positive Aufhebung derselben in Sicht ist. Die Postmoderne ist kein Transformator, sondern ein Oszillator, d.h. eine Bewegung schwingender Teilchen, mal da, mal dort, aber abhängig vom Kraftfeld, das sie umschwirren.

Die Postmoderne, die in all ihren Bedeutungsvarianten nur ein Zerfallsprodukt der Modernisierung ist, hat also nicht die Moderne entzaubert, wie sie selbstbewußt behauptet, sondern umgekehrt, sie geradezu neusprachlich verzaubert. Was wir haben, ist ein neuer Code.

LITERATUR:

Günther Anders, Ketzereien, München 1982.

Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main 1992.

Theodor W. Adorno u.a., Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt 1972.

Jacques Derrida, Marx‘ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt am Mian 1995.

Jacques Derrida, Ich mißtraue der Utopie, ich will das Un-Mögliche, Die Zeit, 5. März 1998.

Peter Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990.

Michel Foucault, Dispositive der Macht. über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin (West) 1976.

Jean-Francois Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?; in: Peter Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990.

Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein (1923), Darmstadt und Neuwied 1970.

Max Preglau, Zum Begriff „Postmoderne“; in: Max Preglau/Rudolf Richter (Hg.), Postmodernes Österreich?, Wien 1998.

Franz Schandl, Das Phänomen Haider. Prototyp einer neuen Rechten in Europa?, Krisis 23, Erlangen 2000, S. 23-46.

Joachim Raschke, Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind, Köln 1993.

Wolfgang Welsch, unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1987.