31.12.1999  Beitrag drucken

Thesen zum Kongreß „Anders arbeiten – oder gar nicht?!“

(23. – 25. April 1999 in Berlin)

Norbert Trenkle

1. Die Vorstellung, es könne ein „Anders Arbeiten“ in einem „alternativen“ oder „Dritten Sektor“ neben der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie geben, war schon immer eine Illusion. Denn der Dritte Sektor steht nicht jenseits von Markt und Staat, sondern ist deren notwendige Ergänzung und Existenzbedingung. Er erfüllt die Systemfunktion, all die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten und Aufgaben aufzufangen, die sich betriebswirtschaftlich nicht „rentieren“, die der Staat in eigener Regie nicht organisieren kann oder will und die auch nicht (oder nicht in ausreichendem Maße) auf die Familien (und das heißt immer noch größtenteils: auf die Frauen) abgewälzt werden können. Diese systemstabilisierende Funktion gewinnt logischerweise im gleichen Maße an Gewicht, wie immer weniger Menschen ein Auskommen in der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie finden, weil ihre Arbeitskraft dort nicht mehr benötigt wird. Je weiter also die Krise der Arbeitsgesellschaft voranschreitet, desto größer wird auch der ökonomische und politische Anpassungsdruck auf den Dritten Sektor und desto kleiner werden die ohnehin schon begrenzten Frei- und Spielräume die er barg. Wenn er also heute staatlicherseits zunehmend als sozialer Puffer entdeckt wird (wie etwa im Bericht der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission), dann ist das keine Willkür und kein Mißbrauch, sondern politisch einfach nur folgerichtig. Organisiert sich dagegen kein konsequenter Widerstand, dann wird der Dritte Sektor bald völlig auf eine Form prekärer Überlebenswirtschaft und auf ein Instrument staatlicher Notstandsverwaltung reduziert sein.

2. Die sogenannte Krise der Arbeitsgesellschaft ist nichts anderes, als eine fundamentale Krise der kapitalistisch verfaßten Gesellschaft. Grundlage dieser Gesellschaft ist die massenhafte In-Bewegung-Setzung und Vernutzung von Arbeitskraft in betriebswirtschaftlichen Prozessen der Warenproduktion, deren einziger Zweck die ständig wachsende Verwertung, also: Vermehrung, von Kapital ist. Wenn die Kapitalverwertung ins Stocken gerät und dauerhaft rückläufig wird, weil aufgrund der erreichten technologischen Standards in den Kernsektoren der Weltmarktproduktion (Stichwort: mikrolektronische Revolution) immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden, dann bedeutet dies, daß die Grundlage des modernen Systems der Warenprduktion wegbricht; also, daß es an seine absolute historische Schranke stößt.

3. Diese fundamentale, immanent unlösbare kapitalistische Krise ist kein plötzlicher, auf einen Punkt zusammengezogener Zusammenbruch, sondern ein sich über mehrere Jahrzehnte hinziehender Zusammenbruchsprozeß. Begonnen hat dieser Prozeß in der Mitte der siebziger Jahre mit dem Ende des fordistischen Nachkriegsbooms. Seitdem ist eine Weltregion nach der anderen unter die Räder gekommen, das heißt: vom Weltmarkt für unbrauchbar erklärt worden und in extremes ökonomisches und soziales Elend gestürzt worden (was nicht selten auch staatliche und kriegerische Zerfallsprozesse auslöst). Davon betroffen waren zunächst weite Teile der Dritten Welt, dann der gesamte ehemalige Ostblock und schließlich auch die jahrelang als Erfolgsmodelle gepriesenen südostasiatischen „Tigerländer“. Auch in den kapitalistischen Kernländern wurde der Lebensstandard für breite Bevölkerungsschichten kontinuierlich gesenkt, aber ein flächendeckender Durchschlag der Krise konnte zunächst noch aufgeschoben werden – vor allem mit Hilfe einer gewaltigen Staatsverschuldung und einer Aufblähung des Spekulationssektors. Die Grenzen dieser Aufschubstrategie sind jedoch mittlerweile erreicht. Wir stehen deshalb vor einer gewaltigen Verschärfung des Krisenprozeßes, und das heißt: vor schwersten sozial-ökonomischen Einbrüchen, die außerdem den überall grassierenden Rassismus und Nationalismus noch weiter schüren dürften.

4. Nichts ist angesichts dieser Situation gefährlicher, als Zweckoptimismus zu verbreiten und Beruhigungspillen zu verteilen. Wenn etwa in dem Einladungsfaltblatt zu diesem Kongreß postuliert wird, der Dritte Sektor stehe „für die Chance, >entfremdete Arbeit< durch selbstgewählte und gesellschaftlich nützliche Arbeit zu ersetzen“, dann muß im Gegenzug gefragt werden, wieso denn diese „Chance“ bisher nicht genutzt worden ist. Wieso sind denn die kleinen Spielräume und Nischen, die es etwa Anfang der 80er Jahre immerhin noch gab, nicht größer, sondern kleiner geworden (und zwar sowohl für diejenigen, die sich als Kleinstunternehmen oder Genossenschaft auf dem Markt bewegen, als auch für diejenigen, die am Tropf des Staates hängen)? Wenn ein Kongreß wie dieser Sinn machen soll, dann muß er sich selbstkritisch mit dieser Frage auseinandersetzen und sich von jeder Illusion verabschieden, die kapitalistische Verwertungsmaschinerie könne durch einen Sektor „ökologisch sinnvoller, gesellschaftlich nützlicher und sozial gesicherter Beschäftigung“ (Einladungsfaltblatt) ergänzt und entschärft werden. Sonst spielt er nolens volens der kapitalistischen Krisenverwaltung ideologisch in die Hände. Denn die hat längst die unscharfe und halbherzige Gesellschaftskritik der ehemaligen „Neuen sozialen Bewegungen“ adaptiert und spricht, etwa aus dem Munde des Herrn Ulrich Beck, umso penetranter von den großartigen Chancen „sinnvollen Arbeitens“ im Dritten Sektor, je eifriger der staatliche Arbeitszwang und die soziale Apartheidsgesellschaft durchgesetzt werden. Wenn die AkteurInnen des Dritten Sektors oder Teile davon ihren emanzipatorischen Anspruch ernst nehmen wollen, wenn sie wirklich ein „Jenseits von Markt und Staat“ anstreben, dann müssen sie sich als erstes von jeder Verharmlosungs-Rhetorik verabschieden und offensiv-unmißverständlich gegen das warenproduzierende System und seine Katastophendynamik Stellung beziehen. Nur von einem solchen Standpunkt aus kann überhaupt wieder eine ernstzunehmende emanzipatorische Perspektive entwickelt werden. Denn es gibt kein „Jenseits von Markt und Staat“ ohne ein „Gegen Markt und Staat“.

5. Eine solche emanzipatorische Perspektive kann nicht im Detail theoretisch vorweggenommen und ausgemalt werden, ihre Umrisse lassen sich aber durchaus skizzieren. Beginnen wir mit einer notwendigen Abgrenzung. Keine Perspektive stellen Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, Arbeitsumverteilung oder Existenzgeld dar. Denn sie setzen allesamt, ein mehr oder weniger reguläres Weiterfunktionieren der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie voraus. Damit wird erstens die grundsätzlich destruktive Form der warenproduzierenden Produktions- und Lebensweise nicht in Frage gestellt. Und zweitens wird nicht ernsthaft mit dem Krisenprozeß gerechnet: durch die Umverteilung von Arbeitszeit oder Geld kann das kontinuierliche Abschmelzen der Arbeitsmasse in den Kernsektoren der Weltmarktproduktion (also die fundamentale Krise der Arbeitsgesellschaft) nicht aufgehalten werden. Da aber in der kapitalistischen Gesellschaft nur produziert wird, wenn Kapital verwertet wird, und Kapital nur verwertet werden kann, wo Arbeit verausgabt wird, schließt sich der Zirkel. Jede Strategie der Umverteilung von Arbeitszeit und Geld muß letztlich den Strukturzwang der Krisendynamik akzeptieren, daß die verfügbare Masse des warenförmigen und monetären Reichtums zurückgeht (was momentan nur verschleiert wird, durch die gewaltigen Massen an realwirtschaftlich ungedecktem Geldkapital an den Finanzmärkten) und läßt sich deshalb auf die Logik der Krisenverwaltung ein, die darauf hinausläuft, immer größere Teile der Weltbevölkerung auszugrenzen – sei es nach Kriterien kapitalistischer „Leistung“ oder nach solchen nationalistischer und rassistischer Definition.

6. Eine emanzipatorische Perspektive kann deshalb nur in der direkten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums in seiner stofflich-konkreten Form durch eine soziale Bewegung bestehen. Das heißt: der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie müssen die Produktions- und Existenzmittel entrissen werden, um sie selbstverwaltet, kooperativ und bedürfnisorientiert für die Entwicklung eines reichen und selbständigen sozialen Zusammenhangs jenseits von Markt und Staat zu nutzen. Ich spreche hier nicht von der schlechten Utopie einer „alternativen Marktwirtschaft“ warenproduzierender Selbstverwaltungsbetriebe, Genossenschaften und Tauschringe; ebensowenig von einer lokal bornierten Subsistenzwirtschaft auf bäuerlich-handwerklicher Basis. Die Perspektive muß vielmehr sein, neue Formen und Institutionen direkter sozialer Kommunikation und Verständigung über alle gesellschaftlichen Angelegenheiten zu schaffen, die dem erreichten Stand der Produktivität, des Wissens und dem entwickelten Bedürfnisniveau entsprechen. Es versteht sich von selbst, daß dies nicht aus dem Stand möglich ist, sondern in einem längeren Prozeß und in beständiger Konfrontation mit der zunehmend verwildernden kapitalistischen Gesellschaft entwickelt werden muß. Zunächst aber kommt es darauf an, eine solche Perspektive des radikalen Bruchs mit den kapitalistischen Kriterien und Institutionen überhaupt erst einmal wieder denkbar zu machen. Denn nur so kann ein gemeinsamer Fokus und Orientierungsrahmen für eine neue radikal-oppositionelle Bewegung enstehen. Der praktische Ausgangspunkt einer solchen sozialen Bewegung ist nicht ein privilegierter sozialer Ort oder ein bestimmtes soziales Interesse (wie etwa im Fall der Arbeiterbewegung). Sie kann vielmehr prinzipiell überall dort in Ansätzen enstehen, wo sich Menschen gegen die kapitalistischen Zumutungen (und das heißt heute wesentlich: gegen die Zumutungen der Krisenverwaltung) zur Wehr setzen und dabei eine grundsätzliche Haltung der Verweigerung entwickeln.


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