31.12.1999  Beitrag drucken

Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit — Vorwort

Fast eine Milliarde Menschen hungern, die Massenarmut frißt sich von der Peripherie in die Zentren voran. Aber kein Meteor hat die Erde getroffen, auch der Atomkrieg ist ausgeblieben, die Ernten sind gut, Wissen und technische Hilfsmittel stehen in überreichem Ausmaß zur Verfügung. Was leider fehlt, sagt man uns händeringend, seien genügend »Arbeitsplätze«. Während ungeheure Ressourcen vor unseren Augen brachliegen und andere in sonderbaren Pyramidenprojekten verschwinden, öden Politikdarsteller, Menschen- und Krisenverwalter, Management-Gurus und Querdenker die Öffentlichkeit auf allen Kanälen mit einem Dauerdiskurs über die »Schaffung von Arbeitsplätzen« an. Die Bevölkerung ganzer Regionen wimmert nach dem »Investor«, weil sie sonst ihre eigenen Köpfe und Hände nicht mehr »beschäftigen« kann. Was ist das für eine verrückte Gesellschaftsordnung, die derartige Absurditäten möglich macht?

Den wenigsten ist heute noch bewußt, daß die abstrakte »Arbeit« in den Zuchthäusern und sogenannten Irrenanstalten des 17. und 18. Jahrhunderts erfunden wurde, als die Menschen von den frühmodernen Despotien zur »Beschäftigung« für ihnen fremde Zwecke gezwungen wurden. Das ständige Gerede von »Beschäftigungsmöglichkeiten« entstammt eigentlich einem Anstaltsjargon. Was einstmals als äußerer Zwang begann, hat sich heute zu einem verselbständigten System der allgemeinen Entmündigung entwickelt, in dem die Menschen wie Geisteskranke, Sträflinge oder Fünfjährige im Kindergarten »beschäftigt« werden sollen, statt gemeinsam Sinn und Zweck ihres Tuns zu bestimmen. Dieses irrationale System stößt jedoch zunehmend an Grenzen. Denn wie uns die Spezialisten der »Bundesanstalt für Arbeit« sagen, wird es leider nie mehr »Vollbeschäftigung« geben.

Wir haben es mit Zuständen zu tun, die nach radikaler Kritik geradezu schreien. Aber die bisherige Gesellschaftskritik zeigt sich paralysiert, weil sie selbst tiefer in die Logik des herrschenden Wahnsystems verstrickt ist, als sie wahrhaben will. Alles hätten sich Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, sozialistische und kommunistische Parteien vorstellen können, nur eines nicht: daß einmal der »Standpunkt der Arbeit« selbst hoffnungslos obsolet werden könnte. Erst in der Weltkrise am Ende des 20. Jahrhunderts stellt sich heraus, wie sehr die vermeintlich überhistorische Kategorie »Arbeit« in Wahrheit die spezifische, von allen Bedürfnissen losgelöste Tätigkeitsform des modernen warenproduzierenden Systems ist. Wenn die bitter nötige radikale Kapitalismuskritik jemals wieder Fuß fassen will, muß sie sich in einer kopernikanischen Wende gegen die »Arbeit« selbst richten. Wir brauchen keine »Beschäftigung«, sondern einen vernünftigen Einsatz der Produktivkräfte, die längst über »Arbeitsgesellschaft« und Warenproduktion hinausgewachsen sind.

Die folgenden »Attacken gegen die Arbeit« sind Produkte eines Diskurses, der seit Ende der 80er Jahre im Kontext der Theoriezeitschrift »Krisis – Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft« geführt wird. Wir wollen damit keine endgültigen Wahrheiten verkünden. Es geht vielmehr darum, das Feld einer Debatte zu eröffnen, vor der die Linke bisher zurückscheut, weil ihr eine abgelebte Geschichte noch in den Knochen steckt. Parallel zu diesem Buch ist ein »Manifest gegen die Arbeit« erschienen.

Nürnberg, im August 1999

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