31.12.2000  Beitrag drucken

Gelichter der Aufklärung

Das „Schwarzbuchs Kapitalismus“ zwischen Subjektkritik und Subjektontologie

Versão português

In Genua liest man über den Gefängnistoren und auf den Ketten der Galeerensträflinge dies Wort Libertas. Diese Anwendung des Leitwortes ist schön und gerecht. In der Tat sind es nur die Bösewichter jeder Art, die den Bürger daran hindern, frei zu sein. In einem Land, wo dieses ganze Gelichter auf den Galeeren wäre, würde man sich der vollkommensten Freiheit erfreuen. — Jean-Jacques Rousseau, der Gesellschaftsvertrag

Ernst Lohoff

Das schwarze Bedürfnis

Dass eine Publikation mit radikal gesellschaftskritischem Anspruch Furore macht, passiert nicht alle Tage. Dem Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz ist dieses seltene Schicksal widerfahren. Hans-Martin Lohmann feierte den achthundert Seiten starken Wälzer überschwenglich im Zentralorgan des liberalen Bildungsbürgers gleich als „die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland“ („Zeit vom 16.12.99). Weniger euphorisch, eher aufgescheucht zeigten sich die Rezensenten der meisten anderen Blätter. Eine wahre Schimpfkanonade ging auf die „Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus“ (FAZ 24.1.2000) nieder. Beim Schwarzbuch, so der Tenor, handelt es sich nur um die“Bekenntnisse eines frustrierten 68ers“ (NZZ vom 10.3.2000). Dessen Autor meint sich vor der geneigten Öffentlichkeit in einer „gebundenen Sammlung indoktrinärer postmarxistischer Flugschriften“ (SZ vom 14.2.2000) auskotzen zu müssen.

Hätte die Neuerscheinung tatsächlich nur altbekannte traditionsmarxistische Inhalte präsentiert, sie wäre natürlich sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Freilich erklären die theoretischen Qualitäten des „Abgesangs auf die Marktwirtschaft“, so der Untertitel, die Wirkung des Buches genausowenig. Es hat vielmehr „Skandal gemacht“ (SZ 22.12.99), weil es einen Nerv trifft und mit seinem ganzen Duktus ein keineswegs so seltenes Bedürfnis bedient.

Der Marktwirtschafts-Terror hat in der letzten Dekade wahrlich unverschämte Formen angenommen. Schon lange sind die Exekutoren der „schönen Maschine“ nicht mehr so brutal vorgegangen wie nach dem Untergang des Realsozialismus. Noch nie haben sie mit so unsäglich dummer Arroganz die gnadenlose (Selbst)zurichtung zum Rädchen im Wertverwertungsbetrieb als Menschheitsbeglückung verkauft wie heute – in dem sicheren Gefühl, dass es keine Alternative zu ihrem irren Zynismus gibt. Eine solche Entwicklung kann indes einfach nicht nur Einverständnis erzeugen. Bei denjenigen, die mit dem rasanten allgemeinen Verblödungsprozess nicht so recht Schritt halten können, weckt der Vormarsch von marktwirtschaftlicher Menschenverachtung und Don’t-worry-be-happy-Idiotismus auch Widerwillen. Eine solche Situation schreit aber nach Stimmen, die dem untergründigen Unbehagen Ausdruck verleihen und in aller Unschuld Zumutungen Zumutungen nennen.

Westlich des Rheins lieferte Viviane Forrester mit ihrer 1996 erschienen Streitschrift „Terror der Ökonomie“ diesem diffusen kritischen Impuls einen Bezugspunkt. Ihre eher moralische denn in einem strengen Sinn kapitalismusanalytische Argumentation fügte sich dabei allerdings nicht nur bestens zu den sozialen Protestbewegungen, die Ende 1995 das Land erschütterten sie ließ sich auch mit der Sozialstaatsnostalgie, wie sie in der Folge Bordieu und Co zum Programm erhoben haben, kurzschließen.

Auf der östlichen Rheinseite hat sich die bereits in Zeiten der „Sozialpartnerschaft“ eingeübte sadomasochistische Identifikation mit den Systemimperativen weit mehr verallgemeinert als in Frankreich. Das verunmöglicht nicht nur bis auf Weiteres die Entstehung selbst so beschränkter Ansätze von praktischem sozialen Widerstand wie sie sich im westlichen Nachbarland immerhin noch regen die vorauseilende Selbstunterwerfung durchtränkt offenbar auch den offiziösen und halboffizösen Geistesbetrieb viel gründlicher. Niemand bringt hierzulande noch genug Distanz zum Sachzwangirrssinn auf, um mit einer zumindest vom Impetus her scharfen Kritik á la française das untergründige Unbehagen zu artikulieren. Angesichts einer geschlossenen Front von jämmerlichem Konformismus blieb die Aufgabe, das Unmittelbarste laut und deutlich auszusprechen und den kapitalistischen Ist-Zustand grauenhaft zu nennen, verrückterweise einem Vertreter der wohl grundsätzlichsten und dementsprechend scheinbar abseitigsten Sorte von Gesellschaftskritik überlassen. Damit neben der rassistisch-reaktionären Kritik überhaupt noch eine irgendwie plausibel klingende deutsche Gegenstimme zur reinen Marktdiktatur vernehmbar wurde, musste sich ein Autor zu Wort melden, der mit der fundamentalen Wertkritik einen fast schon esoterisch anmutenden Ansatz zum theoretischen Hintergrund hat.

Die schreiende Diskrepanz zwischen der Reichweite der Position, von der aus das Schwarzbuch argumentiert, und dem beschränkten und recht unspezifischen Bedürfnis, das dieses Buch vorderhand bedient, lässt sich bei der Rezeption des Buches mit Händen greifen. Die vom Schwarzbuch angetanen Rezensenten in den offiziellen Medien – bei einem Gutteil der Leserschaft dürfte es kaum wesentlich anders aussehen – goutieren den Versuch, den Kapitalismus – und das auch in Bezug auf seine Durchsetzungsgeschichte – zu delegitimieren. Die dahinterstehende Gegenperspektive, eine auf deren Aufhebung zielende Kritik von Geld, Arbeit und Subjekt, wird von den wohlwollenden Besprechern des Buches entweder höflichkeitshalber gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder sie wird als eigentlich überflüssiger Verbalradikalismus beiseite geschoben. Die entschiedenen Apologeten des Status quo unter den Schwarzbuch-Kritikern kommen auf die Konsequenzen und Grundlagen der Analyse wiederum höchstens zu sprechen, um von dem angeblich „offensichtlichen Nonsense“ auf die Unhaltbarkeit der ganzen Darstellung zu schließen. („Man muss dieses Buch von hinten aufrollen, muss erst einmal diesen – aus Sicht des Autors durchaus konsequenten – Unfug vor Augen haben, bevor man an die Bewertung des Ganzen geht“ („Zeit“ vom 16.12.2000).

Es wäre mehr als voreilig, wollte man von der recht breiten Aufnahme des Schwarzbuchs auf eine zunehmende Bereitschaft, radikale Gesellschaftskritik aufzugreifen, schließen. Der Erfolg war vielmehr damit verbunden, dass bei der Rezeption die wertkritischen Essentials weitgehend auf der Strecke blieben. Für diese Aussparlogik sind freilich nicht allein die Vorzeichen verantwortlich zu machen, unter denen die Arbeit von Kurz nun einmal gelesen und wahrgenommen wird. Das Schwarzbuch kommt mit seiner Diktion der Neigung, den theoretischen Hintergrund im Halbdunkel zu lassen, auch von sich aus entgegen und es konnte auch nur „einschlagen“, weil es das tut. Dass der „Abgesang auf die Marktwirtschaft“ ziemlich große Kreise zog, während der „Krisis“ als Organ wertkritischer Selbstverständigung im Großen und Ganzen nach wie vor nur innerhalb der linken Debatte eine gewisse Bedeutung zukommt, ist weder als rein verlagstechnisches Problem zu sehen, noch verbirgt sich hinter diesem Unterschied eine bloße Popularisierungsleistung. Das Schwarzbuch versteht es, Wertkritik in einer Form zu präsentieren, in der die für den herrschenden Alltagsverstand sperrigen Momente unbemerkt mitgeschluckt und weitgehend unverdaut wieder ausgeschieden werden können. Die Suggestivkraft, die nicht nur in der Sache, sondern auch in der Darstellungsweise liegt, verführt den Leser zu einem voreiligen Einverständnis. Man kann sich durch diesen Geschichtskrimi ohne Schwierigkeit hindurchschmökern und dabei über die grundlegenden Implikationen hinweglesen.

Das Schwarzbuch hat nicht nur in den „bürgerlichen“ Medien ein breites Echo gefunden. Nimmt man die Rezensionen in „Konkret“ und „Jungle World“ zum Maßstab, kann man allerdings nicht unbedingt behaupten, dass sich die linke Rezeption des Schwarzbuchs positiv von der übrigen abheben würde. Die Kritiker hielten der neuen Veröffentlichung von Kurz entgegen, was sie gegen den Ansatz der „Krisis“ schon immer mal vorbringen wollten oder sowieso bei jeder Gelegenheit gewohnheitsmäßig vorbringen. Jeder, dem Kurz oder irgend ein anderer Krisis-Autor in den letzten Jahren über die sorgsam gepflegte Blumenrabatte gerollt war, schrie auf, erklärte selbige zum Nabel der Welt, und verkaufte das Ganze dann als eine Besprechung des Schwarzbuchs (1). Für das Neue, das sich in Kurz „Abgesang auf die Marktwirtschaft findet, zeigten die Rezensionen durch die Bank genausowenig Gespür wie für den spezifischen Charakter des Buches und den damit verbundenen Problemen.

Wertkritik als Subjektkritik

Eine Besprechung hebt sich indes von dieser Sorte Verlautbarung angenehm ab: das Dossier von Udo Wolter „Das wundersame Überleben des unmittelbaren Subjekts“ (Jungle World vom 21.6.2000). Nicht, dass Wolter alle wichtigen Aspekte des Schwarzbuchs kritisch durchleuchtete – das würde bei diesem ebenso voluminösen wie in der Sache weitausgreifenden Oeuvre auch den Rahmen selbst einer sehr umfänglichen Besprechung sofort sprengen dafür hebt er auf die grundsätzlichste im Schwarzbuch enthaltene Fragestellung ab und berührt damit gleichzeitig genau diejenige theoretische Grundsatz-Problematik, über die sich die Kurzsche Darstellung hinwegmogelt, das Subjektproblem.

Über die in anderen Texten von Krisis-Autoren entwickelten Positionen geht das Schwarzbuch vor allem an einem Punkt hinaus. Es verweist im Bruch mit der marxistischen Tradition die berühmte „zivilisatorische Mission des Kapitals“ kategorisch ins Reich der Fabel. Weil Kurz historisch deskriptiv die Warengesellschaft von Anfang an delegitimiert, erscheint bei ihm insbesondere auch die Aufklärung in ungewohnt düsterer Beleuchtung. Lichtgestalten wie Kant oder Rousseau gelten ihm als Dunkelmänner, die genauso in die Geisterbahn der Modernisierungsgeschichte gehören, wie Hardcore-Liberale vom Schlage Mandevilles oder de Sades. Damit gewinnt die Kritik der Warengesellschaft nicht nur eine zusätzliche, historische Dimension die Darstellung im Schwarzbuch bricht zugleich in zweierlei Hinsicht mit dem klassischen materialistischen Geschichtsbild. Die 800 Seiten lassen sich als eine einzige „Gegendarstellung“ zu der vom Evolutionismus des 19. Jahrhunderts ererbten Vorstellung lesen, die Historie wäre als Höherentwicklung und als Abfolge bestimmter determinierter Stadien zu verstehen (2). Mit seiner „Verschwörungstheorie ohne Verschwörer“ (Handelsblatt) stellt Kurz außerdem den hohen Stellenwert heraus, der den liberalen Vordenkern von Hobbes bis Smith bei der Installation der „schönen Maschine“ zukam. Glaubt man dem Schwarzbuch, so waren die liberal-totalitären Ideen viel mehr als nur passiver Reflex realer historischer Veränderungen. Indem die geistige Bewegung der praktischen vorausgeeilt ist, hat sie ihr den Weg vorplaniert und sie damit in gewisser Weise überhaupt erst ermöglicht.

Die Abrechnung mit dem Aufklärungsdenken im Schwarzbuch hat allerdings einen Haken. Sie spart dessen genuinen Beitrag zur Modernisierungsgeschichte, nämlich seinen Anteil an der Subjektkonstitution, aus. In der Darstellung des Schwarzbuchs erschöpft sich die Mitverantwortung der Aufklärer für die Durchsetzung abstrakter, über den Wert vermittelter Herrschaft im Wesentlichen letztlich darin, die „schöne Maschine“ und die dazugehörige Menschendressur propagiert zu haben. Die Frage nach einem inneren Zusammenhang zwischen der emphatischen aufklärerischen Subjektvorstellung und dem automatischen Subjekt, dem Wert, ist damit indes noch nicht ins Blickfeld gerückt, geschweige denn beanwortet (3). Wo das emphatische Subjektdenken unbehelligt davon kommt, ist die Aufklärung aber noch nicht wirklich dingfest gemacht.

Wertkritik ist mehr als nur eine Kritik der herrschenden Produktions- und Distributionsweise. Sie beinhaltet wesentlich auch eine radikale Kritik der für diese Gesellschaft charakteristischen Bewusstseins-, Wahrnehmungs- und Beziehungsformen. Das grundlegenste Merkmal warengesellschaftlicher Welterfahrung aber ist in der Spaltung der Wirklichkeit in das aus seinem Zusammenhängen herausabstraktifizierte Subjekt und eine von ihm strikt getrennte und damit zum äußeren Faktum gewordene Realität zu sehen. Ob individuell oder kollektiv (4): der Subjekt-Status ist nur zu erringen, indem alles, was das soziale und menschliche Dasein überhaupt ausmacht, als etwas Fremdes behandelt wird. Das bürgerlichen Denken identifiziert diese Fremdheit mit Freiheit. Hinter dem dichotomische Gegensatz von Individuum und Gesellschaft, von Subjekt und sozialem Gefüge verbirgt sich aber nur nichts anderes als die perfide Logik ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit. Indem das Subjekt sich als herausgelösten Handlungsträger zelebriert, hat es die Objektivierung des gesellschaftlichen Zusammenhangs immer schon anerkannt. Es ist ihr ausgeliefert und exekutiert sie – und das ist wesentlich- zugleich durch die Form, in der es als Subjekt mit seinesgleichen in Beziehung tritt.

Die Identität von Subjektkonstitution und der Herrschaft des Werts, kennzeichnet auch die Naturbeziehung. Menschen können nicht zu Subjekten mutieren, ohne dass sich ihnen ihr vielfach gegliederter „anorganischer Leib“ (Marx), in eine Ansammlung passiver Körper auflöst. Der Erhöhung zum Subjekt degradiert den Rest der Welt zur in sich zusammenhanglosen passiven Verfügungsmasse. Diese der Inwertsetzung vorausgesetzte Entwertung der unbelebten und belebten Natur, spart natürlich auch das Verhältnis des Menschen zu seiner inneren Natur nicht aus. Mit dem Naturbezug nimmt auch der Selbstbezug eine ebenso eindimensionale wie herrschaftliche Gestalt an. Das Subjekt kommt zu sich, indem es in der gleichen zergliedernden und subsumierende Weise auf sich selber zugreift, die es im Umgang mit der äußeren Natur eingeübt. Das Subjekt wäre keins, würde es sich nicht auch zu seinen eigenen Bedürfnissen, zu seiner Sinnlichkeit und seiner Körperlichkeit wie zu einem äußeren Gegenstand verhalten.

In erster Linie kommt dem Aufklärungsdenken bei der Herausbildung der Warengesellschaft eine Schlüsselrolle zu, weil es genau diese Art von Welterfahrung „erfunden“ und ihre Verallgemeinerung in die Wege geleitet hat. In der Selbstzweckhaftigkeit des weltvergessenen Subjekts steckt bereits die Selbstzweckhaftigkeit der weltzerstörenden „schönen Maschine“.

Die Wurzeln des modernen Zurichtungsprozesses lassen sich mindestens bis Descartes zurückverfolgen. Bei ihm erscheint das der Welt fremde Subjekt noch als reines Erkenntnisproblem. Er lässt das nach sicherem Wissen suchende metaphysische Subjekt so verloren durch die Welt stolpern, dass ihm als einzige Gewissheit das solipsistische „cogito, ergo sum“ übrig bleibt. Drei Jahrhunderte Modernisierungsgeschichte hatten im Kern nichts anderes zum Inhalt als die Übertragung dieser solpistischen Grundhaltung auf die Alltagspraxis. Am Ende des langen Weges steht das (post)moderne Subjekt, das allein durch Arbeit und Konsum sich seiner schieren Existenz und der einer Außenwelt versichern kann.

Die negative Dialektik der Aufklärung

Das Schwarzbuch lässt in seiner historisch-deskriptiven Kritik der „schönen Maschine“ die subjektkritische Dimension weg bzw. im Ungefähren. Dementsprechend fällt auch die Kritik am Aufklärungsdenken zwar im Ton, nicht aber in der Sache scharf aus. An diesem Punkt hakt Wolters Kritik zunächst ein. Er macht gegen die Darstellung von Aufklärung und Modernisierung im Schwarzbuch die Sichtweise der „Dialektik der Aufklärung“ geltend. Während Adorno und Horkheimer auf der Gleichzeitigkeit von Emanzipation und Herrschaft“ beharrten, argumentiere Kurz grobschlächtig und unterschlage die emanzipativen Momente der Moderne und der Aufklärung.

Worin diese emanzipativen Momente bestanden haben sollen, weist Wolter nicht aus. Eine gewisse Andeutung hätte man sich als Leser, insbesondere angesichts der erdrückende Materiallast, die das Schwarzbuch zu Tage fördert, schon erhofft. Dennoch steht zunächst einmal Behauptung gegen Behauptung. Der Hinweis auf Heerscharen von schwarzen Raben beweist schließlich auch nicht, dass es gelbe, weiße oder grüne Raben nicht gibt und nie gegeben hat.

Wolter bemüht für seine Gegenthese Adorno und Horkheimer als Kronzeugen. Es lässt sich von daher mutmaßen, dass er wie die Kritische Theorie letztlich im Prozess der Subjektkonstitution die apostrophierten befreienden Moment verorten würde. Sein zentraler Vorwurf an die Adresse von Kurz stützt diesen Verdacht jedenfalls. Nicht daran, dass sich im Schwarzbuch Emanzipation noch immer auf Subjekt zu reimen scheint, stößt er sich, suspekt ist ihm lediglich die Subjektontologie, die er bei Kurz am Werk sieht. Unterstellt er damit nicht indirekt, mit der klassischen Kritischen Theorie, dass allein das Subjekt die Grundlage jeder emanzipatorischen Perspektive bildet, diese Grundlage aber leider verloren gegangen ist?

Wie dem auch sei. Versteht man Wertkritik als Subjektkritik, so ist es jedenfalls keineswegs ausgemacht, dass die „Dialektik der Aufklärung“ über ihren Gegenstand „differenzierter“ urteilt als das Schwarzbuch, weil ihr eine tiefere Kapitalismusanalyse zugrunde liegt. Vielmehr drängt sich ein anderer Verdacht auf. Weniger der reale historische Prozess warengesellschaftlicher Durchdringung war so furchtbar ambivalent, sondern die Haltung der kritischen Theorie zu ihm. Adorno und Horkheimer sahen die mörderischen Folgen von Aufklärung, Modernisierung und Umformung von Menschen zu Subjekten, sie konnten sich letztlich aber selber nicht konsequent aus der geistigen Tradition lösen, die all diesen Schrecken zugrunde lag. In der Angst vor dem Irrationalen in der Moderne hat die Kritische Theorie eine halbversöhnliche Haltung gegenüber deren Zwillingsbruder, die Aufklärungsvernunft, an den Tag gelegt. Sie hat davor zurückgescheut, die eigentlich logische Konsequenz zu ziehen und die Möglichkeit von Befreiung als Aufhebung von Subjekt und Ratio zu denken. Genau deshalb geriet die Kritische Theorie auch in die Nähe einer lediglich negativ gewendeten Geschichtsteleologie. Mit dem emanzipativen Moment, das irgendwann einmal auf der Strecke geblieben sein soll, wurde in den Aufklärungsprozess und in die Konstitution des Warensubjekts etwas hineingeheimnist, das in beidem noch nie enthalten war. „Vernunft schlägt“ keineswegs „in Irrationalität und Barbarei um“, wie die von Wolters bemühte Formel lautet. Die abstrakte Aufklärungsvernunft ist schlicht per se barbarisch, und Vernunft und Irrationalität sind so identisch wie Arbeit und Kapital.

Ein grundsätzlich subjektkritische Argumentation verfängt sich weder in den für die Kritische Theorie charakteristischen Aporien noch muss sie jedes emanzipative Moment in der Geschichte leugnen. Allerdings sind befreiende Bestrebungen dann ganz anders zu verorten: Von einer „Dialektik der Aufklärung“ kann gewissermaßen höchstens im Sinne einer „negativen Dialektik“ die Rede sein. So etwas wie eine emanzipative Perspektive konnte immer nur im Widerstand gegen den Prozess von Rationalisierung, Verfleißigung und Aufklärung aufscheinen, sie war aber nie in dieser Entwicklung selber enthalten. Das Schwarzbuch hat das zwar nicht kategorial entwickelt, aber macht diese These am historischen Material plausibel.

Subjekt durch die Hintertür

Es gibt keinen Grund, in die düsteren Farben, in denen das Schwarzbuch das Bild des Kapitalismus malt, ein paar hellere Farbspritzer zu mischen und Reste vom Glauben an die Aufklärung zu retten. Erst recht besteht kein Anlass die emphatische Subjektvorstellung der Aufklärung auf irgendeinen anderen Hoffnungsträger zu projizieren. Gerade in dieser Hinsicht legt die Kritik von Wolter die Finger in eine vorhandene Wunde.

Dass es als Subjektkritik verstandene Wertkritik eigentlich verbietet, die Gegenbewegungen der Vergangenheit ihrerseits als eine Art Antisubjekt darzustellen, weiß Kurz genau. In seinem Aufsatz „Subjektlose Herrschaft“ (Krisis13) hat er es selber dargelegt. Dementsprechend finden sich im Schwarzbuch immer wieder Formulierungen eingestreut, die sich gegen eine idealisierende Sicht der Sozialrevolten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wenden und auf der Vielschichtigkeit dieser Bewegungen beharren. Die Diktion des Schwarzbuchs dementiert indes über weite Strecken diese Warnungen wieder. Kurz schlägt eine Tonart an, die nur einer von der Wertkritik schon entsorgten Klaviatur zu entlocken ist.

Das resultiert zum Teil sicherlich aus der Schwerpunktsetzung des Schwarzbuchs. Sein eigentliches Thema ist die kapitalistische Entwicklung und ihre Subsumtionsgewalt. Die Sozialrevolten des 18. und 19. Jahrhunderts werden letztlich lediglich als eine Art von Kontrastmittel bemüht, vornehmlich um den „verhausschweinten“ Charakter der bereits auf die Integration in die Welt von abstrakter Arbeit und Wert ausgerichteten klassischen Arbeiterbewegung herauszustellen. Die mit dem Vormarsch der kapitalistischen Logik identische Zwangsvereinheitlichung färbt bei einem in dieser Weise beschränkten Zugang aber sehr leicht auf die Darstellung der angeführten widerständigen Momente ab. Dass die große Dampfwalze der Moderne diese Gegenbewegungen allesamt überrollt hat, lässt diese in einer Kohärenz erscheinen, die ihnen nie zukam. Damit entsteht der Eindruck, wir hätten es doch wieder mit einem Subjekt zutun.

Diese falsche Vereinheitlichung betrifft – und auch hier hat Wolter recht – nicht nur die Sozialrevolten einer fernen Vergangenheit. Dem vom Schwarzbuch bedienten, aber eben auch osmotisch adaptierten recht diffusen Protestimpuls entsprechend erscheint der Kontrapunkt zur kapitalistischen Versachlichungslogik überhaupt ebenso nebulös wie einförmig und damit unveränderlich. Beschworen wird nicht viel mehr als der ewige Wille, beim kapitalistischen Irrsinn nicht mitzumachen. Woraus sich dieser Wille jeweils speisen kann, was er über den Verweigerungsgestus hinaus zum Inhalt hat, bleibt unausgeleuchtet. Der existenzielle Gestus hilft über die theoretische Leerstelle hinweg, aber nur um den Preis, dass die beschworene Widerständigkeit genau die Färbung annimmt, die mit Wertkritik eigentlich unvereinbar ist, nämlich die einer conditio humana.

Dass Kurz die Naturalisierung des kapitalistischen Irrsinns mit aller Entschiedenheit bekämpft, ist richtig und wichtig. Der Grundtenor, jede Art von Rebellion sei viel weniger erklärungsbedürftig als die Tatsache, dass Menschen die kapitalistischen Zumutungen verinnerlicht und sich zu eigen gemacht haben, passt als polemische Zuspitzung gut zur Intention des Schwarzbuchs, dem Kapitalismus jede Legitimation abzusprechen. Dummerweise droht die Denaturalisierung des Kapitalismus aber in eine Naturalisierung des Widerstands gegen die kapitalistischen Zwangsgesetze umzuschlagen. Der Ton allgemeiner Empörung, den das Schwarzbuch anschlägt, ist ebenso monoton und einförmig wie das mit sich identische Subjekt.

Dass das Schwarzbuch an einem nicht ganz unwesentlichen Punkt Analyse durch Empörung ersetzt, spiegelt sowohl das beschränkte Bedürfnis des breiteren Publikums wider als auch den Stand von Gesellschaftskritik in dieser Frage. Es wäre allerdings mehr als fatal, wollte sich Wertkritik mit der im Schwarzbuch angebotenen Auflösung begnügen und sie als Antwort verkaufen, statt die ungelöst Frage, die sich hier stellt, auch offen zu legen: Wie lässt sich Emanzipation überhaupt subjektkritisch denken? Wie für die Vergangenheit, wie für das 21. Jahrhundert?

Die Niederlage vor der Niederlage

Wolter wirft Kurz vor, die Sozialrevolten des frühen 19. Jahrhunderts zu idealisieren. Vor allem die Verbreitung antisemitischer Muster in diesen Bewegungen nimmt er als Indikator für den ambivalenten Charakter dieser Strömungen. Kurz behandelt den Antisemitismus als ein der Welt der „moral economy“ an sich wesensfremdes Element, das sich auch nur in Deutschland mit den Sozialrevolten amalgamiert hat. Wolter sieht dagegen einen inneren Zusammenhang zwischen einem allgemeineren über Deutschlands Grenzen hinaus verbreiteten Ressentiment gegen die Juden und dem lokal-bornierten, in vielerlei Hinsicht reaktionären und repressiven Charakter, den er diesen Sozialrevolten zuschreibt.

So wenig ich diesen Streit entscheiden kann und will, die Woltersche Skepsis scheint mir doch zumindest auf ein grundsätzliches Problem der Darstellung im Schwarzbuch zu verweisen. Bei den Sozialrevolten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts handelte es sich in gewisser Hinsicht selber bereits um kupierten Widerstand. Ludditen und Co. hatten sich im Wesentlichen auf den Kampf mit den unmittelbaren Repräsentanten der Zirkulationssphäre kapriziert. So wandten sie sich beispielsweise nicht mehr offensiv gegen das territorialstaatliche Regime. (Wolter spricht das an, wenn er auf den Topos des gerechten Herrschers zu sprechen kommt, der in diesen Bewegungen präsent war.) Das ist ein Indiz dafür, dass wesentliche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen kapitalistischer Herrschaft bereits etabliert und letztlich akzeptiert waren, als sich der „Maschinensturm“ erhob. In anderen Zusammenhängen betont Kurz gern und regelmäßig, die Rolle der frühneuzeitlichen Staatsbildungskriege beim warengesellschaftlichen Take off. Seltsamerweise führt ihn das im Schwarzbuch aber nicht dazu, die Reichweite der Sozialrevolten des 19. Jahrhunderts zu relativieren.

Es mag in den Ohren historischer Materialisten reichlich verrückt klingen, aber vielleicht wurden die vorentscheidenden (nicht nur) geistigen Kämpfe, die den Vormarsch der Wertvergesellschaftung einleiteten, noch im religiösen Gewand ausgefochten, und zwar lange bevor die Warenproduktion auf breiter Front die alltäglichen Reproduktionsbeziehungen umwälzte. Wer nach sozialen Bewegungen sucht, die sich nicht nur den Konsequenzen der Warenlogik sperrten, sondern noch für einen anderen Kosmos stehen, muss schon auf die Ketzerbewegungen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit rekurrieren. Sie hatten noch eine Weltdeutung zum Hintergrund, die der modernen in jeder Hinsicht, von der Sicht der Natur bis hin zur prinzipiellen Ablehnung des Geldes (5) Paroli bieten konnte. Spätestens mit Ende der Bauernkriege und der Niederschlagung der Wiedertäuferbewegung war dieses Kapitel in Deutschland abgeschlossen und die Ebene allgemeiner Weltdeutung preisgegeben.

Kurz macht für den „verhausschweinten“ Charakter der klassische Arbeiterbewegung wesentlich verantwortlich, dass sie bereits auf einer verheerende Niederlage aufbaut und die akzeptiert. Über die Sozialrevolten des frühen 19. Jahrhunderts lässt sich in gewisser Weise indes das Gleiche sagen.

Emanzipation heißt Emanzipation vom Subjekt

Wolter klassifiziert die Sozialrevolten des frühen 19. Jahrhunderts als „Mélange ambivalenter Elemente“. Dagegen lässt sich zunächst einmal wenig einwenden. Weil er diese Aussage kritisch meint, stellt sich allerdings die Frage, was er daran für problematisch hält. Heißt das, in den Sozialrevolten kamen Momente zum Tragen, die überhaupt nur in eine kapitalismuskompatible bzw. stinkreaktionäre Richtung treiben konnten, oder ist ihm jedwede Mélange von vornherein suspekt? Sollte Letzteres der Fall sein, so dürfte Wolter nie mit irgendeiner vergangenen oder denkbaren künftigen Strömung glücklich werden. Emanzipative Bewegungen können überhaupt nur als Mélange unterschiedlicher, teilweise auseinanderlaufender Motive entstehen. Wollte man Einheitlichkeit fordern, so hieße das nur, die Subjektvorstellung einzuklagen und die warengesellschaftliche Subsumtionslogik in der Form eines vermeintlich emanzipativen Anspruchs zu reproduzieren.

Als praktisch durchgesetzter Imperativ und nicht allein als theoretischer Anspruch hat genau das die Entwicklung der klassischen Arbeiterbewegung wesentlich mitbestimmt. Sie entstand ursprünglich als Konglomerat aus spontanen, unmittelbar auf die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen gerichteten Kämpfen, verschiedensten Ansätzen genossenschaftlicher Selbstorganisation und gesellschaftskritischen Diskursen. Gerade in der Unterordnung ihrer gegengesellschaftlichen Aspekte unter das „Primat der Politik“ vollzog sich im Kern die Integration dieser Opposition in die warengesellschaftliche Ordnung (6). In dem Maße wie die Arbeiterbewegung glaubte, als (politisches) Subjekt agieren zu müssen und in dieser Orientierung alles andre zum bloßen Vorfeld dieses Eigentlichen degradierte, verflüchtigte sich das gegenüber der bloßen Modernisierungsfunktion Sperrige an ihr.

Nicht nur in den Revolten des frühen 19. Jahrhunderts, auch in anderen sozialen Bewegungen der Vergangenheit leuchtete etwas über die warengesellschaftliche Form Hinausweisendes auf. Der Hintergrund dafür war stets in der Kollision von warengesellschaftlicher Transformation und traditionellen Lebens- und Denkweisen und den damit einhergehenden Ungleichzeitigkeiten zu suchen. Die Aussicht auf Befreiung ist weder der Modernisierungswelle noch irgendeiner Unterströmung in ihr zuzuordnen noch im Wesen des Felsens zu verorten, an dem sie sich bricht. (Beides würde auf ontologisches Denken bzw. Subjektdenken hinauslaufen.) Sie entstand vielmehr als eine seltene Form historischer Gischt und verschwand, sooft das Hindernis vom Prozess der Moderne abgeschliffen oder ganz zerrieben war. Wo das Bewusstsein, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse auch anderen Regeln folgen können als den von der Konkurrenz induzierten, noch präsent war, machte die Zertrümmerung des alten sozialen Gefüges eine Neukomponierung sozialer Beziehungen zumindest denkbar und in diese Neukomponierung konnten eben auch aus ihrer alten Ordnung herausgerissene Elemente in einem befreienden Sinne eingehen. Weil mit der Verallgemeinerung des Werts immer größere Teile warengesellschaftlicher Weltdeutung und Welterlebens selbstverständlich und verinnerlicht wurden, verblasste diese Gegenperspektive allerdings. Auch wo Widerständiges sich neu formierte, büßte es tendenziell in den letzten zweihundert Jahren an Reichweite ein.

Diesen langristigen Trend zur Entradikalisierung zu konstatieren, heißt nicht, ihn per se für irreversibel zu erklären. Die Zerstörung überlebender vorkapitalistischer Momente bildet nämlich nicht den einzig möglichen Ausgangspunkt für die Entstehung emanzipativer Widerständigkeit. Sie kann prinzipiell auch dort aufflammen, wo von der Wertlogik selber geschaffene, aber in die Jahre gekommene Konstellationen vom automatischen Subjekt überrollt zu werden drohen. Was einmal als Bestandteil warengesellschaftlicher Zurichtung historisch wirksam wurde, sich mit dem Übergang zu neuen Stufen kapitalistischer Herrschaft indes in einen Anachronismus verwandelt, taugt unter Umständen in einem neuen Kontext durchaus ebenso zur emanzipativen Umbesetzung. Vom kapitalistischen Standpunkt dysfunktional gewordene Haltungen werden in einem herrschaftlichen Sinne transformiert oder verschwinden schließlich. Sie können jedoch eben auch eine Verbindung mit Gesellschaftskritik eingehen. Der egalitaristische Impetus beispielsweise fungierte zweifellos im hereinbrechenden Zeitalter der fordistischen Arbeit als Moment der Gleichschaltung und begleitete die Einordnung des Menschenmaterials in die „schöne Maschine“. Es ist aber deswegen nicht von vornherein ausgeschlossen, dass er sich im Übergang zur postfordistischen Apartheidsgesellschaft gegen die für das neue Stadium charakteristische Ausgrenzungslogik mobilisieren lässt und damit zu etwas ganz Anderem mutiert. Selbst vom ergrauten Bildungsideal, lange Inbegriff von Menschendressur, lässt sich vielleicht Ähnliches sagen. Mit der Reduktion von Wissen auf Information, auf unmittelbar verwertbare und isolierte Kenntnisse, gewinnt die Idee, überhaupt Zusammenhänge zu denken, fast schon per se eine Affinität zu Subversion. Gerade die ungeheure Beschleunigung, die heute die warengesellschaftliche Entwicklung erfährt, schafft eine Vielzahl von potentiellen Reibungsflächen.

Damit sie als solche wirksam werden und ein emanzipatorischer Funke entstehen kann, muss allerdings ein Moment hinzutreten. Eine ebenso radikale wie greifbare Kritik der modernen Warengesellschaft hat deren Weltdeutungsmonopol zu brechen und einen ersten provisorischen geistigen Bezugsrahmen zu schaffen, in dem verschiedene widerständige Impulse korrelieren und zusammenlaufen können. Die Sozialrevolten des frühen 19. Jahrhunderts verliefen letztlich im Sande, weil das allgemeinste Terrain schon preisgegeben war. Im 21. Jahrhundert wird sich eine emanzipative Perspektive von vornherein überhaupt nur abzeichnen, wenn Gesellschaftskritik gerade auch auf dieser Ebene die Initiative an sich zieht und die geistige Lufthohheit des warengesellschaftliche Irreseins bricht.

Der Tod auf der Datenautobahn

Man kann die Akzeleration der warengesellschaftlichen Entwicklung kaum beschreiben geschweige denn begreifen, ohne auf den Siegeszug der Mikroelektronik zu sprechen zu kommen. In den letzten Kapiteln des Schwarzbuchs spielt sie denn auch logischerweise eine Schlüsselrolle. Die Überlegungen von Robert Kurz lassen allerdings gerade den zentralen, für die Entwicklung einer emanzipativen Perspektive entscheidenden Punkt aus. Er hebt zum einen darauf ab, dass die Anwendung der Mikroelektronik durch die flächendeckende Verdrängung lebendiger Arbeit neue Krisenpotenzen schafft er feiert zum anderen die Mikroelektronik als ein probates Hilfsmittel künftiger direkter Vergesellschaftung. Über die weltweiten „Datennetze“ könnten in einer befreiten Gesellschaft unschwer Koordinationsfunktionen direkt abgewickelt werden, die heute beim Geld, dem Medium indirekter Vergesellschaftung, liegen. Die Frage, in welche Richtung die Mikroelektronik unter kapitalistischen Bedingungen die sozialen Beziehungen verändert, geht hingegen unter. Mit ihr verschwindet auch das Problem, ob angesichts dieser Entwicklungen die Ergebnisse der mikroelektronischen Revolution überhaupt emanzipativ umgewidmet werden könnten. Erst recht bleibt die Frage ungestellt, wie eine solche digitale „Instandbesetzung“ ins Werk zu setzen sei. Wenn Wolter demgegenüber auf Rudi Schmiede rekurrierend die Informationsarbeit als „im wörtlichen Sinn abstrakte Arbeit“ bezeichnet und damit als Inbegriff der neuerlichen Unterwerfung, macht er dieses Manko sichtbar.

Anschlussfähig an eine emanzipative Perspektive dürften eher Bedürfnisse und Haltungen sein, die vom hereinbrechenden Informationszeitalter platt gemacht werden, als die Vollidentifikation mit dessen Segnungen. Dennoch macht es sich Wolter mit seinem Analogieschluss, man könne nicht wie Kurz das Automobil als per se warengesellschaftliche Technologie verdammen und auf der Datenautobahn in die Emanzipation rollen wollen, vielleicht doch etwas zu einfach. Anders als eine konkrete technologische Entwicklung wie das Automobil lässt die grundlegende Innovation Mikroelektronik im Prinzip durchaus unterschiedliche Ausgestaltungen und Anwendungen zu. Sie kann je nach vorausgesetztem sozialen Zweck in verschiedenen technischen Formen ihren Niederschlag finden. Sowohl die voreilige Produktivkraftkritik wie eine naive Technikbegeisterung verstellen den Blick aufs Wesentliche: die Ausgestaltung von Technologie ist selber Schlachtfeld. Dieses Terrain wird heute eindeutig vom warengesellschaftlichen Imperativ beherrscht, die Umgebung der Menschen in Kaufdinge aufzulösen und sie selber in isolierte, enteignete Monaden zu verwandeln. Auf der Datenautobahn rollt auf die Individuen warengesellschaftliche Zurichtung und nicht Emanzipation zu. Es gibt weder Grund, diese Tatsache zu leugnen noch sie als etwas Unveränderliches vom Selbstlauf der technologischen Entwicklung aufgeherrschtes zu mystifizieren.

Mit einer bloßen Umnutzung der technischen Lösungen, mit denen das Kapital die Welt beglückt, ist es jedenfalls nicht getan. Wenn die Anwendung der Mikroelektronik irgendeine emanzipatorische Bedeutung gewinnen soll, müsste sie sich gerade an das adaptieren, was mit ihre heutigen Mission inkompatibel ist. Ein Medium, das nur Daten, Fakten, Infos und wie die anderen Formen herrschenden Unwissens noch heißen mögen, transportiert, wäre mit dem gegenläufigen und völlig verstaubten Wunsch vereinbar zu machen, selber zu denken, und zwar in Zusammenhängen. Das omnipräsente Medium der Zusammenhanglosigkeit, der Beliebigkeit und sinnlosen Beschleunigung wäre mit dem Bedürfnis nach Entschleunigung und nach Entmüllung des Daseins in Einklang zu bringen. Es kann kein historisches Subjekt geben, das diese anspruchsvolle Aufgabe löst. Vielleicht braut sich noch eine Mélange zusammen, die so etwas schafft.

1) Der Prokla-Ökonom Michael Heinrich behauptet, das Schwarzbuch zu besprechen („Konkret“ 4/2000), kommt aber einzig und allein mit einer ziemlich karikaturhaften Darstellung der „Zusammenbruchstheorie“ der „Krisis“ daher, um dem selber gezimmerten Popanz dann ein paar Schrägheiten aus seiner zum Inbegriff „seriöser“ Werttheorie erhobenen „Wissenschaft vom Wert“ entgegenzusetzen. Heinrich ficht nicht im Mindesten an, dass es sich bei der zu besprechenden Veröffentlichung keineswegs um ein Grundsatzwerk der Kritik der Politischen Ökonomie handelt, sondern im Wesentlichen um eine historische Arbeit, die politökonomische Grundsatzfragen naturgemäß nur streifen kann bzw, auf eine empirische Ebene herunterbrechen muss. Der Antideutsche Günther Jakob hält sich in seiner Besprechung (Konkret 2000/5) genauso wenig mit der Vorlage auf. Für ihn schrumpft das gesamte Schwarzbuch wiederum auf das 22seitige Kapitel, das sich in enger Anlehnung an den Ansatz von Moishe Postone mit der „negativen Fabrik Auschwitz“ beschäftigt. Jedes Bemühen, die Judenvernichtung überhaupt mit dem Horrorprozess der Moderne in Beziehung zu setzen, gilt als Entschuldung der Täter. Kurz hat das versucht. Schon der Versuch ist strafbar. Wer so etwas denkt, muss als linker Nolte denunziert werden. Jakobs antideutscher Konkurrent Martin Janz verfährt ähnlich (Jungle World 8.3.2000). Das schwarze Buch behandelt die Shoa anders als es die Richtlinien der „Bahamas“-Redaktion vorsehen, ergo muss er die rote Karte zücken. Thomas Kuczynski hat ein ganz anderes Problem. Er kann die despektierliche Haltung der „Krisis-Gruppe“ gegenüber der heiligen Arbeit einfach nicht gutheißen, er widmet deshalb seine Besprechung des Schwarzbuchs („Jungle World“ ??)in einen ziemlich kruden Verriss des „Manifests gegen die Arbeit“ um.

2) In der „Krisis“ wurde dieser Aspekt bisher nur meinem Aufsatz „Determinismus und Emanzipation“ aus der Krisis 18 angerissen. In der internen Diskussion spielt die Abstoßung vom materialistischen Geschichtsverständnis eine recht zentrale Rolle.

3) Eine historisch-deskriptive angelegte Arbeit wie das Schwarzbuch kann diese Aufgabe gar nicht lösen. Dazu bedürfte es einer ganz anderen, nämlich einer kategorial-analytischen Vorgehensweise und ferner einer immanenten Auseinandersetzung mit den Schlüsselwerken der Aufklärung. Dummerweise suggeriert die manchmal allzu fulimant geratene Schreibe des Schwarzbuchs aber, dass schon alles gesagt ist, was zu sagen sei.

4) Der Subjektbegriff wird landläufig in einem doppelten Sinn verwendet. Er bezeichnet sowohl die individuelle Ebene, wie die von Metasubjekten à la Arbeiterklasse oder Nation. Dieser Sprachgebrauch ist weder zufällig noch verweist er auf eine bloße Analogie. Vielmehr verbirgt sich dahinter so etwas wie eine Strukturidentität. Es würde den Rahmen sprengen, diesen Zusammenhang hier zu entwickeln. Wenn ich später, bei der Frage des Emanzipationssubjekts vornehmlich auf der Ebene der Metasubjekte argumentiere, ist er aber bereits unterstellt.

5) In den Ketzerbewegungen, aber auch in den innerkirchlichen Reformbewegungen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit figuriert das Geld noch als der „Kot des Teufels“.

6) Es war dabei ein nur sekundäres Problem, ob die „Eroberung der Staatsgewalt“ als revolutionärer Akt oder als Ergebnis von Wahlerfolgen gedacht wurde.