31.12.2000  Beitrag drucken

Kurzreferat für das „Konkret Sommergelage“ (30.6. – 2.7.2000)



Norbert Trenkle

1. Zuallererst muß ich die Fragestellung im Titel dieses Podiums in Frage stellen: „Klassenkampf oder Aussteigerbewegung?“ suggeriert eine grundsätzlich falsche Alternative, die deshalb auch aus gutem Grund weder im „Manifest gegen die Arbeit“ noch in anderen Schriften der Gruppe Krisis aufgeworfen wird. Wie kommt es aber, daß dies trotzdem in den betreffenden Diskussionen andauernd unterstellt wird? Wieso können sich die meisten Linken bis heute jenseits des Klassenkampfes offenbar nur kleinkarierte Alternativ- oder Subsistenzökonomie vorstellen?

Offensichtlich steht der Klassenkampf im linken Denken immer noch für das Äußerste an möglicher Radikalität antikapitalistischer Praxis. Und zwar nicht nur bei den übriggebliebenen Nostalgikern der Arbeiterbewegung, sondern bezeichnenderweise auch noch bei den meisten derjenigen, die jede Hoffnung auf eine proletarische Weltrevolution längst aufgegeben haben und die als Kritiker des traditionellen Marxismus auftreten. Denn für sie ist das Ende des Klassenkampfes gleichbedeutend mit der Aufgabe jeder Hoffnung auf eine mögliche emanzipatorische Aufhebung des Kapitalismus, ja mehr noch: mit der resignierten Überzeugung, daß der Kapitalismus auf immer und ewig die Welt beherrschen wird, daß er eine hermetisch in sich abgedichtete Totalität sein soll, die jeden Widerspruch verdaut und aus der es kein Entrinnen gibt. Die Radikalität dieses Pessimismus ist eine Radikalität zweiter Ordnung: eine Radikalität, die sich aus der aufgegebenen Radikalität des Klassenkampfes ableitet und die daher dem Denken, das sie vorgeblich kritisiert, negativ verhaftet bleibt. Im Grunde genommen handelt es sich um nichts anderes, als um die einfache pessimistische Umkehrung der optimistischen, aufklärerischen Geschichtstelologie der Arbeiterbewegung, wonach der Sozialismus zwangsläufig auf den Kapitalismus folgen sollte, weil dies angeblich in irgendwelchen „objektiven Gesetzen der Geschichte“ angelegt sei. Deshalb fühlen sich nicht nur die letzten Mohikaner des Klassenkampfes, sondern auch die meisten ihrer wütendsten Kritiker von der Feststellung getroffen, daß der Klassenkampf immer schon ein kapitalistisch immanenter Kampf war, der von sich aus niemals über den Horizont der modernen Warengesellschaft hinausgewiesen hat.

2. Diese Feststellung ist mit ein wenig Distanz zur linken Denktradition gar nicht so schwer zu verstehen. Der Klassenkampf verstand sich als Kampf zwischen den Standpunkten von Arbeit und Kapital, die jeweils von zwei antagonistischen sozialen Subjekten repräsentiert wurden. Dabei wurde unterstellt, daß die Arbeiterklasse (zumindest „an sich“) Trägerin eines historisch-revolutionären Auftrags sei; weil sie vom Kapital bzw. der Kapitalistenklasse unterdrückt und ausgebeutet werde, sollte sie angeblich ein „objektives Interesse“ an der Beseitigung der Kapitalherrschaft und an der Herstellung einer befreiten, kommunistischen Gesellschaft haben. Doch diese Zuschreibung basiert auf einem grundlegenden Mißverständnis. Als Repräsentantin des Standpunkts der Arbeit war die Arbeiterklasse per se die Vertreterin eines kapitalistisch immanenten Standpunkts. Denn die Arbeit ist keine überhistorische Kategorie, wie es das herrschende Bewußtsein wissen will, das gewohnheitsmäßig alle Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft in die Vergangenheit und in die Zukunft projiziert. Arbeit ist vielmehr eine ganz bestimmte, historisch spezifische Form der gesellschaftlichen Tätigkeit, nämlich die Tätigkeitsform des Kapitals. In der gesellschaftlichen Realabstraktion „Arbeit“ drückt sich exakt dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber dem stofflich-sinnlichen Inhalt dessen aus, was getan wird und wie es getan wird, wie in der Realabstraktion „Wert“. Schon Marx hat ja bekanntlich festgestellt, daß der Wert bzw. das Kapital nichts anderes ist als „tote Arbeit“, d.h. die Darstellungsform der vergangenen Verausgabung abstrakter menschlicher Energie.

Die Immanenz des Klasenkampfes war nur deshalb zunächst noch nicht so offensichtlich, weil der Standpunkt der Arbeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht gesellschaftlich als gleichberechtigter anerkannt war. Die Arbeiterschichten standen insofern noch außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, als sie zwar ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen mußten, aber nicht mit den Rechten des freien und gleichen Warenbesitzers ausgestattet waren. Diese Rechte mußten erst erkämpft werden und das war es, was die Arbeiterbewegung in den Zentren des Weltmarkts zustande brachte – und auch nur zustande bringen konnte. Im wesentlichen waren dies: das Recht auf gewerkschaftliche Interessenvertretung, die vollgültige Anerkennung als Staatsbürger (insbesondere die Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts) sowie der Zugang zu einem mehr oder weniger ausdifferenzierten Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem, das die Voraussetzungen für eine allgemeine Verkäuflichkeit am Arbeitsmarkt schuf und eine gewisse Absicherung gegenüber den Unwägbarkeiten der Marktbewegung bot.

3. In diesem Kampf um die Anerkennung trat die Identität der Arbeit mit dem Kapital immer deutlicher in Erscheinung. Im Zuge der zweiten industriellen Revolution, also dem Fordismus, waren es zunächst die Repräsentanten des Kapitals (das Management und Führungspersonal), die sich vom Vorwurf der Arbeiterbewegung, sie seien Nicht-Arbeiter und „Parasiten“, offensiv absetzen, indem sie sich, wie Henry Ford selbst als „erste Arbeiter ihres Unternehmens“ bezeichneten. Und dies durchaus zu Recht, denn auch sie sind ja letztlich nur Funktionäre des abstrakten Selbstzwecks der Verwertung, von dem sie ohne Wenn und Aber gehorchen müssen, auch wenn sie in den oberen Rängen der gesellschaftlichen Hierarchie sitzen. Im Zuge der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik und dem davon ausgelösten fundamentalen Krisenprozeß haben sich die Akzente noch einmal verschoben: Nun identifiziert sich umgekehrt die Arbeit mit dem Kapital. Das Leitbild ist jetzt der „Mensch als Unternehmer seiner Arbeitskraft“, wie es die bayerisch-sächsische Zukunftskommission ausdrückt, also der Mensch, der gewissermaßen immer und überall „im Dienst“ ist, weil er sich jederzeit verkaufen muß. In der sozial-ökonomischen Praxis entsprechen dem die Figuren des „Scheinselbständigen“ und des „Subunternehmers“, die sich mit allen möglichen Abstufungen von den privilegierten Sektoren der Weltmarktzentren bis in den „informellen Sektor“ der Slums an der kapitalistischen Peripherie immer stärker durchsetzen. Ideologisch geht dies im allgemeinen mit einer noch weitergehenderen Identifikation der kapitalistischen Subjekte mit ihrem Dasein als arbeitende Affen einher – gerade weil sie nun stündlich um das Überleben in diesem Dasein kämpfen müssen und es keine Alternative dazu zu geben scheint.

4. Paradoxerweise fallen so die Überidentifikation mit der Arbeit und deren Krise, also das weltweite Abschmelzen der Wert- und Arbeitssubstanz durch den Prozeß der dritten industriellen Revolution, historisch zusammen. Unter diesen Bedingungen ist der Standpunkt der Arbeit nicht mehr nur einfach ein immanenter Interessenstandpunkt, sondern er mutiert zum Standpunkt einer ebenso illusionären wie fanatischen Verteidigung der Verwertungslogik. Unter dem Banner der Arbeit führen diejenigen, die sich noch die Chance auf einen einigermaßen annehmbaren Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft ausrechnen, einen immer aggressiveren Ausgrenzungskrieg gegen die wachsende Mehrheit der kapitalistisch „Überflüssigen“. Was als annehmbare Verkaufsbedingung gilt, hängt dabei natürlich vom jeweiligen Bezugsrahmen ab, weshalb der Ausgrenzungskrieg auch auf allen Ebenen und mit allen Abstufungen geführt wird. Der polnische Arbeitsmigrant, der von deutschen Grenzpolizisten abgeschoben wird, konkurriert in Polen mit russischen Arbeitsmigranten, für deren Ausgrenzung er möglicherweise sogar selbst noch plädiert. Festzuhalten ist deshalb: Der Standpunkt der Arbeit kann heute weniger denn je Bezugspunkt einer Emanzipation vom warenproduzierenden System und seinen Zwängen sein. Radikale Kapitalismuskritik setzt vielmehr die radikale Kritik der Arbeit voraus. Und diese wiederum schließt ein, daß auch der Klassenkampf als Modell gesellschaftlicher Emanzipation verworfen werden muß.

Aus traditions-marxistischer Perspektive ist eine solche Aussage gleichbedeutend mit der Aufforderung überhaupt jeden Kampf und jedes Eingreifen in soziale Konflikte aufzugeben, mit dem Appell an ein abstraktes Menschheitsinteresse und der wolkigen Utopie „irgendwie“ aus dem Kapitalismus „auszusteigen“. Doch darum geht es natürlich nicht. Aus dem Kapitalismus kann man nicht aussteigen, wie aus einem Zug, denn es handelt sich nun einmal um ein weltumspannendes System, das außerdem nicht unabhängig von den Menschen existiert, sondern, als soziale Beziehungsform, immer auch notwendig in ihnen und durch sie hindurch. Daß sich dieses System in einem unumkehrbaren Krisenprozeß befindet, heißt nicht, es würde sich in Wohlgefallen auflösen; vielmehr entfaltet es gerade in diesem Krisenprozeß noch einmal die ganze Wucht seiner in Jahrhunderten akkumulierten Destruktivitäts-Potentiale. Daher kann eine emanzipatorische Aufhebung der Warenproduktion auch nur das Ergebnis einer bewußten und konfrontativen Intervention in diesen Prozeß durch eine radikal antikapitalistische Bewegung sein.

5. Eine solche Bewegung zeichnet sich freilich heute nicht einmal in Ansätzen ab. Außerdem läßt sich auch keinesfalls ein bestimmtes Kollektivsubjekt bestimmen, daß aufgrund seiner spezifischen sozialen Lage dazu prädestiniert wäre, den harten Kern einer solchen Bewegung abzugeben. Insofern hängt die radikale Kritik der Warengesellschaft gewissermaßen in der Luft. Sie kann nur darauf setzen, daß die Art und Weise, wie die kapitalistisch präformierten Menschen auf die verschärften Zumutungen des Krisenprozesses reagieren nicht von vornherein zwingend determiniert ist. Denn auch wenn der Krisenprozeß die ganze Palette der regressiven Reaktionsformen (Antisemitismus, Rassismus, sozialdarwinistische Ausrottung der „Überflüssigen“, Erlösungssekten, individueller und kollektiver Amoklauf etc.) freisetzt, bleibt hier doch ein unaufhebbares Moment von Entscheidungsfreiheit. Niemand muß so reagieren, sondern kann sich zumindest prinzipiell auch für den Widerstand und den Kampf gegen die herrschende Form der Vergesellschaftung entscheiden (was natürlich auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Konstituiertheit durch diese Vergesellschaftung miteinschließt). Entscheidungen dieser Art werden massenhaft aber nicht im luftleeren Raum getroffen, sondern immer nur im Rahmen sozialer Konflikte und Auseinandersetzungen, die sich an den Widersprüchen und Zumutungen des kapitalistischen Krisenprozesses entzünden.

Nur hieraus können sich die Ansätze einer sozialen Emanzipationsbewegung bilden, die dann auch in der Lage wären, erste Schritte einer umfassenden Aneignung des gesellschaftlichen Zusammenhangs zu unternehmen, die mehr sind, als das Besetzen von Nischen oder das Schaffen individueller Freiräume. Eine zentrale Aufgabe von radikaler Kapitalismuskritik muß es daher heute sein, die gesellschaftlichen Konfliktlinien neu zu bestimmen, und dabei Bezugs- und Orientierungspunkte zu schaffen, an denen sich soziale Proteste ausrichten können, die es ermöglichen aus der Falle zwischen Illusionen über immanente Reformen welcher Art auch immer und regressiv-aggressiven Reaktionsweisen herauszugelangen. Das schließt Kritik dieser Reaktionsweisen und der illusorischen Alternativen ebenso ein, wie eine Konkretisierung und Vermittlung der Kapitalismuskritik an den Gegenständen der jeweiligen Konflikte. Ansatzpunkte dafür gibt es viele; und keinesfalls nur solche, die sich auf die Kritik der Arbeit in einem engen Sinne reduzieren lassen. Das können theoretische, publizistische und praktische Interventionen gegen den zunehmenden staatlichen Arbeitszwang ebenso sein, wie gegen den Rassismus, die soziale Ausgrenzung, die Privatisierung des öffentlichen Raums, die Gentechnologie etc.

Was jetzt aus Perspektive einer fundamentalen Kritik der Warengesellschaft ansteht, ist, einen öffentlichen Diskurs zu entwickeln, der den Rahmen für solche Interventionen abgeben und bereits bestehende Initiativen zusammenbringen kann, ohne sie zu vereinheitlichen. Das schließt freilich auch ein, daß der enge Rahmen des weitgehend selbstbezüglichen linksradikalen Spektrums aufgesprengt wird und nicht zuletzt auch, daß die paradoxerweise gerade hier noch weitgehend vorherrschende nationale Fixierung der Debatten endlich überwunden wird. In diesem Sinne kann die jüngste Bourdieu-Initiative für die „Einberufung der Generalstände der sozialen Bewegungen“ durchaus ein Vorbild sein, auch wenn sie dem Inhalt und der nostalgischen Ausrichtung auf den keynesianischen Sozialstaat nach scharf kritisiert werden muß.


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