31.12.2000  Beitrag drucken

Neues vom Weltuntergang?

Replik zu Norbert Trenkles „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen – in Streifzüge 1/2000

Streifzüge 2/2000

von Michael Heinrich

Über gute Argumente und böse Absichten

Als Autor ist man über Besprechungen seiner Arbeiten stets erfreut. Auch wenn sie äußerst kritisch sind, läßt sich aus der Auseinandersetzung doch meistens etwas lernen. Der Artikel von Norbert Trenkle ist nun gleich in doppelter Hinsicht aufschlußreich: er spricht nicht nur inhaltliche Fragen an, die in meinem Buch „Die Wissenschaft vom Wert“ behandelt werden, er demonstriert auch eine weitere Facette der für die Krisis-Gruppe typischen Denkweise. In einer Besprechung von Robert Kurz „Schwarzbuch des Kapitalismus“ (Konkret 3/2000) hatte ich darauf hingewiesen, daß Kurz trotz heftigster Abgrenzung vom „Arbeiterbewegungsmarxismus“ einige von dessen zentralen Elementen reproduziert: so etwa einen technologisch begründeten Geschichtsdeterminismus (Einführung der Mikroelektronik führt zum Zusammenbruch des Kapitalismus) und eine moralische Kapitalismuskritik (der Kapitalismus wird an Zwecken gemessen, die er überhaupt nicht hat, so etwa, wenn das „Scheitern“ des Kapitalismus konstatiert wird, insofern er Arbeitslosigkeit und Elend produziert). Trenkles Text läßt ein weiteres Element aus diesem Spektrum erkennen: auf Positionen, die von der eigenen Auffassung abweichen, wird nicht in erster Linie durch inhaltliche Kritik geantwortet, den Abweichlern werden vielmehr finstere Absichten unterstellt, aufgrund deren sie überhaupt ihre abweichenden Positionen vertreten. In der Geschichte der Arbeiterbewegung kennt man dieses Verhalten von autoritär strukturierten kommunistischen Parteien. Noch weit mehr Erfahrung damit hat die katholische Kirche und zumindest an diesem Punkt teilen beide dasselbe Denkmuster. Da sich die Führung von Partei bzw. Kirche nicht nur im Besitz der einzigen Wahrheit glaubt, sondern diese Wahrheit auch noch als eine ganz offensichtliche betrachtet, die jedermann sofort einleuchten müßte, kann Kritik nur zwei Umständen geschuldet sein: entweder der geistigen Unfähigkeit des Kritikers oder seiner bösen Absicht, die Verbreitung der Wahrheit zu verhindern.

Die erste Variante des Umgangs mit Kritikern konnte man bereits in dem von der Krisis herausgegebenen „Manifest gegen die Arbeit“ nachlesen. Dort wird im ersten Absatz die zentrale These des Manifests formuliert, dass der „Leichnam der Arbeit“ die Gesellschaft beherrschen würde und daß sich „alle Mächte rund um den Globus“ zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet hätten. Im zweiten Absatz heißt es dann: „Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorübergehende Krise, sie stößt an ihre absolute Schranke.“ Wer also die Weltsicht der Krisis nicht teilt, dem wird ganz einfach vorgeworfen, er habe „das Denken verlernt“.

Da mir Trenkle das Denken anscheinend noch zutraut (was mich natürlich freut), ich aber trotzdem anderes vertrete als die Krisis, schließt er messerscharf, daß üble Absichten hinter meiner Position stecken müssen. Trenkle entlarvt diese Absichten bereits im Untertitel seines Textes: Motiv meiner Argumentation sei der Versuch, „die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen“. Schon auf der ersten Seite erfährt man dann noch mehr: „genau darauf kommt es ihm [als mir, M.H.] auch an“ – nämlich: eine „Kompatibilität zwischen der Marxschen Theorie und der positivistischen bürgerlichen Volkswirtschaftslehre“ (S. 16) herzustellen. Nach einigen weiteren Entlarvungen kann Trenkle dann am Ende seines Textes triumphierend erklären: „Heinrichs Interesse ist bekannt: eine fundamentale Krise darf nicht sein“ (S. 21).

Mit Spekulationen darüber, was eine Kritik jenseits aller inhaltlichen Argumente motiviert hat, kann man zwar Stimmungen schüren, den Gegner beim Publikum anschwärzen und die eigene Position immunisieren, die angeblich gar nicht kritisiert, sondern nur „abgewehrt“ werde; für eine inhaltliche Auseinandersetzung sind solche Spekulationen aber gänzlich irrelevant – unabhängig davon, ob die vermuteten Absichten vorhanden sind oder nicht. Dies läßt sich an Trenkle selbst demonstrieren: aus seinem einleitenden Absatz, daß mein Buch in „akademischen Kreisen“ als „fundiert“, der Ansatz der Krisis-Gruppe dagegen als „oberflächlich“ gilt, könnte man schließen, daß Trenkle ob solcher Reaktionen doch etwas beleidigt ist (zumal er in Anm. 14 zugeben muß, daß meine Thesen nicht nur in akademischen, sondern auch in „traditionell-linksradikalen Kreisen“ positiv rezipiert werden). Aber selbst wenn dieses Beleidigtsein das Motiv von Trenkles Kritik sein sollte – es wäre für die inhaltliche Auseinandersetzung völlig irrelevant: denn auch aus einem beleidigten Kopf kann ein kluger Gedanke oder eine zutreffende Kritik entspringen, mit der man sich dann inhaltlich auseinandersetzen muß.

Allerdings macht es Trenkle seinen LeserInnen nicht ganz leicht zur inhaltlichen Ebene seines Textes durchzudringen. Neben der Entlarvung böser Absichten findet sich bei ihm noch ein weiteres Verfahren, den Opponenten noch vor der inhaltlichen Auseinandersetzung anzuschwärzen: man etikettiert die nicht genehme Position mit einem zwar nur vage bestimmten, aber eindeutig negativ besetzten Attribut. Bei Trenkle spielt diese Rolle der Ausdruck „positivistisch“. Ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, diesen Begriff näher zu bestimmen, wird er von Trenkle geradezu inflationär verwendet: ich würde positivistisch argumentieren, bringe typisch positivistische Einwände, würde Marx in einen positivistischen Ökonomen verwandeln etc. Positivismus war ursprünglich eine erkenntnistheoretische Richtung, die allein von den unmittelbar „gegebenen“ Wahrnehmungskomplexen ausgehen wollte. Im Gefolge des sogenannten „Positivismusstreits in der Soziologie“ in den 60er Jahren wurde Positivismus im linken Mainstream (der von der Krisis ansonsten wortreich kritisiert wird) zum weitgehend inhaltsleeren Schimpfwort, mit dem nicht nur flächendeckend die „bürgerliche“ Wissenschaft belegt wurde, sondern gerne auch solche Interpretationen des Marxismus, die von der eigenen abwichen. Diese Tradition setzt auch Trenkle fort.

„Zusammenbruchsdiagnose“ bei Marx?

Im Zentrum von Trenkles inhaltlicher Argumentation steht – wie von einem Vertreter der Krisis auch nicht anders zu erwarten – die Zusammenbruchstheorie.1 Die Krisis-Gruppe sieht darin die schärfste Spitze der Marxschen Theorie. In der „Wissenschaft vom Wert“ hatte ich die Auffassung vertreten, daß Marx zwar in den „Grundrissen“ von 1857/58 an einer vielzitierten Stelle zusammenbruchstheoretisch argumentiert habe, im danach entstandenen „Kapital“ aber nicht mehr. Als Beleg dafür, daß Marx auch noch im dritten Band des Kapital eine Zusammenbruchstheorie vertreten habe, führt Trenkle die bekannte Passage aus dem 15. Kapitel an, wo Marx davon spricht, daß die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion das Kapital selbst sei, daß das Mittel (Entwicklung der Produktivkräfte) in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck (Kapitalverwertung) gerate (MEW 25, S. 260). Trenkle wirft mir vor, ich hätte diese Stelle mit Absicht nur gekürzt zitiert, um schließen zu können, hier würde es gar nicht um einen Zusammenbruch gehen. Von Zusammenbruch, unüberwindlicher Schranke oder irgendeiner Art von Ende des Kapitalismus ist aber auch in der längeren Textpassage, die Trenkle seinen LeserInnen präsentiert, nicht die Rede.2

Marx spricht nicht vom Ende der kapitalistischen Produktionsweise, sondern vom „beständigen Widerspruch“, in der sich diese Produktionsweise befindet. Dies scheint auch Trenkle irgendwann bemerkt zu haben und so sieht er sich zu einer bemerkenswerten Hilfskonstruktion gezwungen: „… darüberhinaus versteht es sich im Kontext der an Hegels Philosophie orientierten Marxschen Begrifflichkeit auch von selbst, daß ein beständiger Widerspruch letztlich zu einer endgültigen Aufhebung und damit in diesem Fall zur Sprengung der herrschenden Produktionsweise drängt“ (S. 18, Hervorhebungen von Trenkle). Was sich hier alles „auch von selbst“ versteht, ist schon erstaunlich. Die Hegelsche Philosophie – eine der komplexesten Gestalten abendländischer Geistesgeschichte – wird auf die simple Aussage heruntergebracht, daß Widersprüche zu ihrer Aufhebung drängen. Das Verhältnis Marx-Hegel, ebenfalls kein einfaches Thema, wird darauf reduziert, daß sich die Marxsche Begrifflichkeit an Hegels Philosophie „orientiert“ habe, unbestimmter kann man es kaum formulieren. Diese Unbestimmtheit hindert Trenkle aber nicht die weitreichendsten Schlußfolgerungen zu ziehen: Aufgrund dieser „Orientierung“ der Begrifflichkeit müsse Marx den Zusammenbruch des Kapitalismus im Sinn gehabt haben – auch wenn er nicht davon spricht! Wer solche Konstruktionen als ernst gemeinte Argumente offeriert, sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn sein Ansatz als „oberflächlich“ gilt.3

Profitratenfall: innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise oder Sprung in die Empirie?

Für die Frage, ob die Durchschnittsprofitrate langfristig fällt oder steigt, ist das Verhältnis der Wachstumsraten von organischer Kapitalzusammensetzung und Mehrwertrate entscheidend. Im dritten Band des „Kapital“ versucht Marx nachzuweisen, daß die Mehrwertrate langfristig nicht so stark steigen kann, als daß damit das Wachstum der organischen Zusammensetzung kompensiert werden könnte. In meinem Buch versuchte ich in einem ersten Schritt zu zeigen, daß die Begründungsversuche, die sich dazu bei Marx und in der marxistischen Literatur finden, unzureichend sind: Mit der im dritten Band entwickelten Argumentation läßt sich über eine langfristige Bewegungstendenz der Profitrate nichts aussagen, so meine Folgerung. In einem zweiten Schritt berücksichtigte ich dann ein Argument, das im dritten Band nicht auftaucht: eine neue Produktionsmethode wird nur dann eingeführt, wenn das für sie zusätzlich benötigte konstante Kapital (pro Wareneinheit) kleiner ist als das (pro Wareneinheit) eingesparte variable Kapital. Mit anderen Worten: es werden keine Produktivkraftsteigerungen eingeführt, die beliebig viel zusätzliches konstantes Kapital benötigen. Mit einer einfachen Rechnung läßt sich zeigen, daß die Durchschnittsprofitrate nicht sinkt, wenn alle Einzelkapitale bei der Einführung neuer Produktionsmethoden diesem Kriterium genügen.

Trenkle meint nun, der gerade skizzierte Argumentationsgang sei „bezeichnend“ für meine „positivistische und formalistische Vorgehensweise“ (S. 19): ich würde eine zusätzliche Bedingung einführen, in der das Beweisziel schon enthalten sei und dabei unzulässigerweise ein Kalkül der einzelwirtschaftlichen Ebene (unter welchen Bedingungen wird eine neue Produktionsmethode eingeführt) auf die makroökonomische Ebene (Durchschnittsprofitrate) übertragen.

In seinem Eifer, mich wieder einmal als Positivist zu entlarven, ist es Trenkle offensichtlich entgangen, daß gar nicht ich es bin, der willkürlich eine zusätzliche (und noch dazu fragwürdige) Bedingung für den Einsatz neuer Produktionsmethoden einführt. Vielmehr ist es Marx, der diese Bedingung im 13. Kapitel des ersten Kapital-Bandes einführt und zwar nicht als irgendeine, sondern als die zentrale wertmäßige Bedingung, unter der es im Kapitalismus zur Anwendung von Maschinerie kommt. Ich habe lediglich dieses Argument aus dem ersten Band (mit voller Quellenangabe) bei der Diskussion über den dritten Band des „Kapital“ berücksichtigt.4 Aber lassen wir die Quellenlage auf sich beruhen und kommen zu Sache selbst.

Trenkle wendet sich prinzipiell gegen jede „Modellrechnerei“ und erklärt, es hieße die Marxsche Theorie mißzuverstehen, wenn man alle Momente formalisieren und in ein mathematisches Modell packen wolle (S. 20). Nun ist es zwar richtig, daß man nicht die gesamte Marxsche Theorie in ein mathematisches Modell packen kann, allerdings finden sich bei Marx eine Reihe quantitativer Aussagen (wie etwa zum Profitratenfall) und auch die Krisis benutzt solche Aussagen („Schrumpfen der Wertmasse“). Zieht man jedoch quantitative Folgerungen, dann muß man es sich auch gefallen lassen, daß zumindest diese Folgerungen in einem quantitativen Rahmen diskutiert und geprüft werden.

Trenkle zieht sich allerdings nicht hinter diesen Generaleinwand zurück, er versucht auch zu zeigen, daß das von mir herangezogene Kriterium des ersten Bandes (das eingesparte variable Kapital muß größer sein als die Zusatzausgabe an konstantem Kapital) nur eines von mehreren kapitalistischen Motiven sei. Trenkle zählt eine Reihe weiterer Motive auf, wobei ihm aber offensichtlich nicht immer klar ist, in welchem Zusammenhang sie zu dem von ihm kritisierten Kriterium aus dem ersten Band des „Kapital“ stehen. So schreibt er beispielsweise, daß die Einzelkapitale auch unter dem Zwang stehen „im technologisch-organisatorischen Wettbewerb mitzuhalten“ (S. 19). Das ist ja richtig, aber wie setzt sich dieser Zwang durch? Indem mit den technisch fortgeschritteneren Methoden billiger produziert werden kann. Und warum kann mit den neuen technischen Methoden billiger produziert werden, obwohl doch die neue Maschinerie zusätzliche Kosten verursacht? Weil die Zusatzkosten für Maschinerie geringer sind als das, was an Löhnen eingespart wird, womit wir wieder bei dem Kriterium wären, das Trenkle gerade loswerden wollte.

Natürlich können sich einzelne Kapitalisten bei der Einführung neuer Technologien auch irren (so ist wohl Trenkles Hinweis zu verstehen, daß es auch gescheiterte Fusionen gibt, Anm. 15), oder es können neue Technologien eingeführt werden, die kurzfristig Verluste bringen (ein weiteres Beispiel von Trenkle) – aber diese Verluste nehmen die Kapitalisten doch nur deshalb in Kauf, weil sie sich langfristig höhere Gewinne versprechen und die kommen eben nur zustande, wenn durch die Einführung der neuen Technologien die Kosten sinken, wobei wir wieder bei dem Kriterium aus dem ersten Band wären.

Die Argumentationsweise von Trenkle ist hier aber nicht wegen seiner unbegriffenen Beispiele interessant, sie ist vor allem in methodischer Hinsicht aufschlußreich: Trenkle, der mir weiter oben in seinem Text vorgeworfen hatte, ich würde Marx ein „empiristisch-induktives Erkenntnismodell unterschieben“ und damit dessen „Einsichten in das Wesen und die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise grundsätzlich entwerten“ (S. 16) macht hier selbst einen unreflektierten Sprung in die kapitalistische Empirie und läßt jede „innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise“ hinter sich. Nur zur Erinnerung: Marx wollte im „Kapital“ nicht eine besondere Phase des Kapitalismus analysieren, sondern dessen innere Logik, die allen seinen Entwicklungsphasen unterliegt (soweit wird wohl auch noch Trenkle zustimmen). Das hat aber Konsequenzen für die Argumentationsweise (und hier kommt Trenkle schwer ins Trudeln): Man kann nämlich nicht besondere Bedingungen als Begründung für allgemeine, dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise geschuldete Tendenzen anführen. Sowohl im 13. Kapitel des ersten Bandes (Maschinerie), als auch im 13. Kapitel des dritten Bandes (Profitratenfall) will Marx allgemeine Tendenzen aufzeigen, die jeder kapitalistischen Produktion immanent sind, die dementsprechend auch nur aus den allgemeinen Bestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet werden dürfen. In diesem Sinne führt Marx das Kriterium für die Anwendung neuer Produktionsmethoden im ersten Band ein: es folgt allein aus der Bestimmung des Kapitals, daß sein einziger Zweck die Verwertung ist und nicht aus den besonderen Umständen unter denen die Verwertung stattfindet (mit solchen Umständen glaubt aber Trenkle, dieses Kriterium relativieren zu können). Daßelbe gilt für das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate im dritten Band: Marx will demonstrieren, daß es sich um ein allgemeines Gesetz jeder kapitalistischen Produktion handelt, daher verwendet er zu dessen Begründung auch nur die allgemeinsten Bestimmungen des Kapitals und nicht Eigenschaften, die vielleicht in einer bestimmten Entwicklungsphase auftreten (wie die von Trenkle erwähnte, gegenwärtig große Steuer- und Abgabenlast zur Herstellung der Infrastruktur). Will man das Marxsche „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ ernsthaft diskutieren, dann muß man sich schon auf die Voraussetzungen einlassen, unter denen es von Marx formuliert wird, und das sind allgemeine, sich auf die „innere Logik der Produktionsweise“ beziehende und keine besonderen, aus der jeweiligen Empirie aufgegriffene wie bei Trenkle.

Die Untiefen der „Makroökonomie“

Den Streit um das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate hält Trenkle aber sowieso nicht für so wichtig, denn der Kern der „Zusammenbruchsdiagnose“ würde sich mit ihm gar nicht erfassen lassen. Diesen Kern finde man vielmehr im „Schrumpfen der Wertmasse“. Auch wenn die Profitrate steigt, könne die gesamtgesellschaftliche Wertmasse abnehmen, „womit die Grundlage der Kapitalverwertung also unterhöhlt wird“ (S. 19). Das Ganze möchte Trenkle als „kritische Analyse des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs“ verstanden wissen, während eine Untersuchung der Profitrate auf die „partikulare einzelkapitalistische Perspektive“ (S. 20) hinauslaufe, die hier nichts zu suchen habe.

Zunächst einmal fällt auf, daß Trenkle den „Gesamtzusammenhang“ abstrakt der einzelkapitalistischen Perspektive gegenüberstellt und darin ganz unkritisch der Unterscheidung von Mikro- und Makroökonomie der etablierten Volkswirtschaftslehre folgt.5 In der Volkswirtschaftslehre wird dabei von den fertigen Phänomenen ausgegangen: das Einzelkapital und der gesamtwirtschaftliche Zusammenhang werden so aufgefaßt wie sie in der Empirie sichtbar sind. Im Unterschied dazu ist sich Marx darüber im Klaren, daß weder das Einzelkapital noch dieser gesamtwirtschaftliche Zusammenhang einfach „gegeben“ ist, sondern erst kategorial entwickelt werden muß. Dabei bedeutet kategoriale „Entwicklung“ nicht einfach nur Beschreibung, sondern Auflösung eines realen, in der Empirie vorhandenen Zirkels. Der reale Zirkel besteht darin, daß sich das Gesamtkapital einerseits aus den Einzelkapitalen konstituiert, es den Einzelkapitalien andrerseits aber den Rahmen ihrer Bewegung vorgibt: Voraussetzung und Resultat schlagen ineinander um. Marx löst diesen Zirkel auf, indem er das individuelle Kapital und die Konstitution des Gesamtkapitals auf der Darstellungsebene jedes Kapital-Bandes gesondert betrachtet (also gerade nicht in die Empirie springt) und damit eine ganze Stufenfolge von Vermittlungen erhält, anstatt nur abstrakt zwei Ebenen gegeneinander zu stellen (vergl. dazu den letzten Teil des neu eingefügten fünften Kapitels in der „Wissenschaft vom Wert“). Für Trenkle reduziert sich dieser komplexe Zusammenhang darauf, daß es einen Unterschied von einzelkapitalistischer und gesamtkapitalistischer Ebene gibt, daß auch bei gestiegener Profitrate der Einzelkapitale die gesamtgesellschaftliche Wertmasse sinken könne, wenn sich die Zahl der Kapitale vermindert. Soll es sich dabei aber um eine dauerhafte Tendenz handeln, dann wäre dafür auch eine Begründung und nicht nur die Konstruktion der bloßen Möglichkeit erforderlich. Was Trenkle und die Krisis-Gruppe zu begründen versuchen, ist jedoch nur der zweite Teil der Aussage, das „Schrumpfen der Wertmasse“.6

Daß sich in der unreflektierten Rede von der „Wertmasse“ ein naiv-substanzialistisches Verständnis von Wert Bahn bricht, welches davon ausgeht, daß bereits die Verausgabung von Arbeit allein Wert konstituiert, noch ohne jede gesellschaftliche Vermittlung im Tausch, will ich hier nicht weiter ausführen.7 Zumal das von der Krisis behauptete „Schrumpfen“ noch auf einer weiteren Verballhornung Marxscher Begrifflichkeiten beruht, nämlich dem Unterschied von im kapitalistischen Sinne „produktiver“ (mehrwertbildender) und „unproduktiver“ (nicht mehrwertbildender) Arbeit. Bei Marx hat diese Unterscheidung nichts mit dem stofflichen Inhalt der jeweiligen Tätigkeit zu tun, sondern mit ihrer Formbestimmung: Das Backen einer Pizza ist unproduktive Arbeit, wenn es als persönliche Dienstleistung eines Kochs für den Konsum seines Arbeitgebers erfolgt (die Pizza ist nicht einmal Ware, sie wird nicht getauscht); dagegen ist dieselbe Backtätigkeit „produktive“, mehrwertbildende Arbeit, wenn sie in einem kapitalistisch geführten Restaurant erfolgt. Die Krisis löst den formspezifischen Unterschied von produktiver und unproduktiver Arbeit de facto (eine explizite Klärung der Begriffe sucht man in ihren Texten vergeblich) in einen stofflichen Unterschied auf: „industrielle“ Produktionsprozesse seien produktiv, „Dienstleistungen“ dagegen im wesentlichen unproduktiv (so auch Trenkle 1999, S.124ff.), müßten also aus den im industriellen Prozeß geschaffenen Werten bezahlt werden. Da nun gleichzeitig behauptet wird, daß aufgrund der Einführung der Mikroelektronik die industriellen Arbeitsplätze in rasendem Tempo verschwinden, ist das „Schrumpfen der Wertmasse“ im Handumdrehen abgeleitet, was dann auch noch zum „Zusammenbruch“ des Kapitalismus führen soll.

Was von der Krisis als „Schrumpfen der Wertmasse“ bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Übersetzung eines in Soziologie und Ökonomie schon lange diskutierten Phänomens – des „Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft“ – in eine verballhornte Marxsche Begrifflichkeit. Während bürgerliche Politik und Wissenschaft diesen Übergang feiert, Chancen entdeckt und riesige Beschäftigungspotentiale sieht, betont die Krisis-Gruppe immer wieder, daß erstens ein solches Beschäftigungswunder nicht zu erwarten ist (weder von den „Dienstleistungen“ noch von einem Akkumulationsschub der klassisch-industriellen Sektoren) und daß zweitens viele der neu entstehenden Jobs am Rande der Armutsgrenze entlohnt werden, so daß sich die Elendsbereiche der Gesellschaft ausdehnen. Beide Punkte sind richtig (und werden auch keineswegs nur von der Krisis so gesehen) – nur hat das alles noch längst nichts mit einem „Zusammenbruch“ des Kapitalismus zu tun. Was verschwindet ist der klassische Industriekapitalismus, der in seiner fordistischen Phase in der Lage war – allerdings auch nur in einigen Ländern und nur für einige Jahre – „Vollbeschäftigung“ herzustellen. Das Verschwinden dieser Form des Kapitalismus (und jeder Hoffnung auf eine erneute „Vollbeschäftigung“) ist aber keineswegs mit dem Ende des Kapitalismus identisch, wie die Krisis meint.

Eine Debatte über diesen Punkt wird allerdings auch noch dadurch erschwert, daß in den Texten der Krisis zwar ständig von Zusammenbruch, Zusammenbruchskrise, Fundamentalkrise etc. die Rede ist, aber völlig ungeklärt bleibt, wie dieser Zusammenbruch eigentlich aussehen soll: ist damit eine weitgehende Verelendung, Entzivilisierung und Brutalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse gemeint (bei Fortexistenz eines kapitalistischen Kernbereichs) oder tatsächlich ein Zusammenbruch von Geldwirtschaft und Warenproduktion. Ich hatte diese Frage in meinem letzten Beitrag in den Streifzügen explizit aufgeworfen, eine klare Antwort läßt sich bei Trenkle aber auch jetzt nicht entdecken. Lediglich in einer Fußnote bemerkt er: „Mit der Sprengung der herrschenden Produktionsverhältnisse ist nichts anderes gemeint, als daß diese an ihre objektive Schranke stoßen, also unhaltbar werden.“ (Anm. 8) Wie das aber aussieht, wenn sie „unhaltbar“ werden, das würde man schon gerne etwas genauer erfahren.

Vom Finanzsystem und mancherlei Fiktionen

Allerdings scheint auch die Krisis-Gruppe in letzter Zeit etwas ungeduldig geworden zu sein, was den als sicher geglaubten Zusammenbruch des Kapitalismus angeht. Für dessen Ausbleiben wird der Finanzsektor verantwortlich gemacht. Hier fände das überschüssige Kapital „fiktive Anlagemöglichkeiten“ (S. 20), die aber nur zu einer riesigen Finanzblase führen würden, deren Platzen nicht zu verhindern sei. Wie schon der Ausdruck „fiktive Anlagemöglichkeit“ andeutet, wird die Marxsche Kategorie des „fiktiven Kapitals“ hier in einem recht eigentümlichen Sinne gebraucht, denn eine „fiktive Anlage“ ist etwas anderes als eine Anlage in fiktivem Kapital. Von Trenkle erfahren wir, „fiktives Kapital“ sei eine „Sonderform“ des zinstragenden Kapitals, nämlich diejenige Form, bei der „die Ansprüche auf eine bestimmte Wertsumme und deren Verzinsung nicht (mehr) durch die reale Verwertungsbewegung gedeckt sind“ (S. 20). Folgt man dieser Auffassung, dann wäre „fiktives Kapital“ diejenige „Form“ des Kapitals, die sich als ungedeckt erweist und somit wertlos wird. Der Verwertungserfolg bzw. -mißerfolg dient hier zur Grundlage einer kategorialen Unterscheidung: insofern ist jede Anlage in „fiktivem Kapital“ automatisch „fiktiv“ im Sinne von wertlos.

Im Gegensatz dazu macht Marx seine Kategorien nicht daran fest, ob eine Spekulation erfolgreich war oder nicht, ihm geht es bei kategorialen Unterscheidungen stets um unterschiedliche Formbestimmungen von Wert und Kapital. Die Kategorie des „fiktiven Kapitals“ führt Marx im Unterschied zum industriellen Kapital und zum Handelskapital ein: während beim industriellen Kapital das vorgeschossene Geldkapital den Kreislauf Geldkapital, produktives Kapital, Warenkapital, Geldkapital vollzieht (beim Handelskapital den Kreislauf Geldkapital, Warenkapital, Geldkapital), spricht Marx von fiktivem Kapital, wenn das vorgeschossene Geldkapital zum Kauf von bloßen Ansprüchen (auf Zins- und Tilgungszahlung bei Krediten, auf Dividendenzahlung beim Aktienkauf) verwendet wird. Dieser Unterschied ist deshalb wesentlich, weil industrielles Kapital und fiktives Kapital völlig unterschiedliche Bewegungsformen besitzen, von unterschiedlichen Momenten beeinflußt werden etc. All das ist Gegenstand der kategorialen Analyse. Ob jedoch die Verwertung, die gleichermaßen Zweck des industriellen wie des fiktiven Kapitals ist, erfolgreich ist oder nicht (ob sich die Kapitalanlage im nachhinein als „fiktiv“ erweist oder nicht), konstituiert bei Marx zurecht nirgendwo eine kategoriale Unterscheidung.

Wird nun einerseits davon gesprochen, daß das fiktive Kapital in den letzten Jahren enorm zugenommen hat (und wenn man den Marxschen Sinn der Kategorie zugrunde legt, ist dies auch völlig richtig) und wird andererseits davon ausgegangen, daß dem fiktiven Kapital der Bankrott immer schon auf der Stirn geschrieben steht, dann ist es natürlich ein Leichtes zu folgern, daß das ganze Finanzsystem nur in einem großen Crash enden könne. Daß das Finanzsystem eine Krise zunächst aufschieben und sie dann verstärken kann, ist unstrittig. Nur reduziert Trenkle und die Krisis-Gruppe das Finanzsystem allein auf diesen Punkt. Bereits die Ausweitung von Kreditbeziehungen erscheint dann als Krisensymptom, da der Kredit dem fungierenden Kapital als etwas völlig anderes gegenübergestellt wird. Nicht gesehen wird dabei, daß das Finanzsystem nicht bloß eine äußerliche Zutat zur „realen“ kapitalistischen Akkumulation ist, sondern daß es dieser inhärent ist. Sowohl die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeit des Kreditsystems erwächst gleichermaßen aus dem kapitalistischen Geldsystem (vergl. dazu das dritte Kapitel des ersten „Kapital“-Bandes) wie auch aus dem Zirkulationsprozeß des Kapitals (vergl. dazu die Erörterungen zur Notwendigkeit des wechselseitigen Vorschusses der Kapitalisten bei der Untersuchung des Gesamtreproduktionsprozesses im zweiten Band des „Kapital“). Daß das Kreditsystem das Steuerungszentrum kapitalistischer Akkumulation ist, wird von Marx schließlich im dritten Band des „Kapital“ hervorgehoben, aber nur ansatzweise untersucht (vergl. dazu die „Wissenschaft vom Wert“, S.299ff). Da Trenkle das Kreditsystem aber einzig auf das Moment von „Krisenaufschub und Krisenverschärfung“ reduziert, und mit seinem schiefen Begriff des „fiktiven Kapitals“ ist auch kaum etwas anderes möglich, ist es nicht allzu verwunderlich, daß er mir vorwirft, ich würde die „Einheit von Finanzüberbau und Realakkumulation immer schon harmonistisch“ voraussetzen (S. 21). Daß die – unbewußte -Steuerung der Akkumulation über das Kreditsystem keineswegs krisenfrei von statten geht, liegt auf der Hand, „harmonisch“ ist hier gar nichts. Um die tatsächliche Krisenhaftigkeit dieser Steuerung zu verstehen ist allerdings mehr erforderlich als die gebetsmühlenartige Wiederholung der Prophezeiung vom großen Crash – zumindest sollte mit präzisen Begriffen gearbeitet werden.

Auch hier kann man, wie schon weiter oben, nur feststellen: wer derart ungenau mit den verwendeten Kategorien umgeht und zwar den für die eigene Argumentation zentralen Kategorien wie produktive Arbeit, fiktives Kapital und Zusammenbruch, der muß sich nicht wundern, daß sein Ansatz als „oberflächlich“ gilt. Am Eingang seines Artikels bezieht sich Trenkle auf Thomas Kuhn, der in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ gezeigt hat, daß Beiträge, die später als wissenschaftliche Revolutionen galten, zunächst auf Ablehnung stießen und als „theoretisch indiskutabel“ angesehen wurden. Diese Beobachtungen von Kuhn sind vollkommen richtig, nur leider kann man nicht den Umkehrschluß ziehen, daß das, was abgelehnt wird, auch schon ein verkannter Geniestreich sei. Vieles von dem, was als „oberflächlich“ und „theoretisch indiskutabel“ gilt, ist eben tatsächlich nur „oberflächlich“ und „theoretisch indiskutabel“.


Literatur

Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929.

Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 1999.

Ders.: Untergang des Kapitalismus? Die „Krisis“ und die Krise, in: Streifzüge 1/1999.

Ders.: Blase im Blindflug, in: Konkret 3/2000

Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1976.

Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus, Frankfurt/M. 1999.

Krisis: Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999.

Trenkle, Norbert: Es rettet Euch kein Billiglohn! in: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.): Feierabend, Hamburg 1999.

Anmerkungen

1 Um den Umfang meiner Replik nicht zu sprengen, werde ich im folgenden nur auf einige der von Trenkle angesprochenen Punkte eingehen, was aber nicht heißt, daß es zu den anderen nichts zu sagen gäbe.

2 Apropos gekürzte Zitate: In Anm. 10 zitiert Trenkle eine Bemerkung von Marx, worin es um die „überflüssige Arbeiterbevölkerung“ als „Schranke“ der kapitalistischer Produktionsweise geht (MEW 25, S.274), was Trenkle als weiteren Beleg für seine zusammenbruchstheoretische Argumentation ansieht. Von irgendeiner Art von Zusammenbruch ist dort zwar auch nicht die Rede, dafür aber von „periodischen Krisen“, was gerade im Gegensatz zu Trenkles Zusammenbruchsvorstellung steht – diesen Teil des Zitats hat Trenkle allerdings ausgelassen.

3 Wundern muß man sich auch über ein anderes Argument. Ich hatte darauf hingewiesen (Wissenschaft vom Wert, S.360), daß Engels an zwei Stellen den Begriff „Zusammenbruch“ bzw. „Zusammenbrechen“ in den Marxschen Text aufgenommen hatte (ohne dies als eigene Formulierung kenntlich zu machen, so daß die Leser annehmen mußten, Marx habe so formuliert) und daß Engels in einem gekennzeichneten Einschub von der „altersschwachen“ kapitalistischen Produktionsweise spricht, die sich mehr und mehr selbst „überleben“ würde (MEW 25, S.273). Daraus hatte ich gefolgert, daß die Engelssche Edition des dritten Bandes (die auch nach wie vor in MEW 25 vorliegt) zusammenbruchstheoretischen Interpretationen, wie sie dann z.B. von Henryk Grossmann (1929) vertreten wurden, Vorschub geleistet habe. (Dies gilt unabhängig von Engels‘ eigener Auffassung eines „Zusammenbruchs“, auf die sich Trenkle in seinem Artikel kapriziert). Trenkle meint nun, mein Verweis auf Engels sei schon deshalb absurd, weil sich der gekennzeichnete Engelssche Einschub 13 Seiten hinter der oben angesprochenen Stelle (MEW 25, S.260) befindet, auf die er seine eigene zusammenbruchstheoretische Interpretation hauptsächlich stützt: als ob eine Passage, die sich auf S.273 befindet nicht auch das Verständnis von S.260 beeinflussen könnte. Wie um Himmels willen werden bei der Krisis eigentlich wissenschaftliche Texte gelesen?

4 Dies macht Marx nicht, wobei allerdings zu bedenken ist, daß das Manuskript des dritten Bandes nicht nur ein Fragment blieb, sondern auch vor dem Manuskript zum ersten Band geschrieben wurde. In manchen Punkten ist der erste Band daher theoretisch weiter fortgeschritten als der dritte Band.

5 Auch explizit spricht Trenkle nicht nur in seinem Streifzüge-Artikel ohne jede kritische Distanz vom „makroökonomischen Zusammenhang“ (S.19, vergl. auch Trenkle 1999).

6 Profit und Profitrate verschwinden in den neueren Veröffentlichungen der Krisis völlig aus ihrem Blickfeld. In einem anderen Text heißt es bei Trenkle der „objektivierten Logik der Kapitalverwertung“ komme es nur darauf an „wieviel ökonomischer ‚Wert'“ produziert werde (Trenkle 1999, S.115) und im „Manifest gegen die Arbeit“ ist davon die Rede, daß das Kapital davon lebe „massenhaft menschliche Energie durch Verausgabung von Arbeitskraft in seine Maschinerie aufzusaugen, je mehr desto besser“ (Manifest, S.27). Aber weder das Einzelkapital noch das Gesamtkapital saugt Arbeit um der Arbeit willen auf oder produziert Wert um des Wertes willen: Zweck der kapitalistischen Produktion ist immer noch Mehrwert und Profit.

7 In seinem Artikel macht mir Trenkle den Vorwurf, den Wert zu einer Kategorie der Zirkulation zu machen (S. 16). Wenn man wie Trenkle meint, der Wert müsse doch entweder in der Produktionssphäre oder in der Zirkulationssphäre entstehen und man ihm sagt, der Wert des Brötchens entsteht nicht in der gleichen Weise in der Backstube wie das Brötchen selbst, dann muß sich ihm natürlich die Folgerung aufdrängen, hier werde die Entstehung des Werts in die Zirkulation verlagert. Das Problem ist jedoch, daß bereits die Frage: entsteht der Wert in der Produktionssphäre oder in der Zirkulationssphäre falsch gestellt ist. Vergl. zur Kritik am Substanzialismus von Trenkles Wertauffassung meinen früheren Beitrag in Streifzüge 1/1999.