31.12.2001  Beitrag drucken

Der Zusammenstoß der Barbareien

Français: Le „choc“ des barbaries

Anselm Jappe

Die Flüsse fließen stets ins Meer zurück, und die kapitalistische Globalisierung schlägt auf ihr Zentrum zurück, auf das Zentrum ihres Zentrums. Wenn alles globalisiert ist, die Märkte nie schlafen und die westlichen Waren bis in die letzte Ecke der Welt vordringen, wie kann man sich dann wundern, dass auch Krieg und Terror niemanden verschonen?

Sicher, an den Attentaten in New York und Washington beeindrucken die Zahl der Opfer, der spektakuläre Charakter und der unbedingte Wille der Attentäter zum größtmöglichen Gemetzel. Aber im Grunde ist Amerika nur das passiert, was die weitaus meisten Länder in den letzten sechzig Jahren kennengelernt haben, von Guatemala bis Kambodscha, von Serbien bis Vietnam, vom Irak bis Biafra, um vom Zweiten Weltkrieg ganz zu schweigen.

So furchtbar 5 000 Tote sind, beschleicht einen doch das ungute Gefühl, dass Amerikaner, erst recht, wenn sie in Manhattan arbeiten, offenbar gleicher als andere sind. 100 000 tote Algerier, 200 000 Tschetschenen, eine halbe Million Sudanesen, eine Million Ruandesen, oder wieviel immer es auch waren, denn niemand hat sie gezählt, haben keine Schweigeminuten verdient und keine Unterbrechung der Fernsehprogramme.

Niemand sprach vom »schwersten Kriegsakt seit 1945« und keine europäische Hausfrau sank im Fernsehsessel zusammen, als die Russen Groszny plattmachten. Kein Deutscher und kein Italiener sagte, dieser Tag habe sein Leben verändert, als die Serben in Tuzla mordeten oder die Kroaten in der Krajna. Kein europäischer Präsident hielt Sonderansprachen im Fernsehen, als der Iran-Irak-Krieg auf seinem Höhepunkt stand.

Alle Toten verdienen Respekt, und es sind sicher nicht die Bushs und Putins, die glauben machen können, unschuldige Tote rührten sie zu Tränen. Aber die Erschütterung in aller Welt über die Opfer im World Trade Center erinnert ein wenig an die Sympathiewellen für Lady Diana oder andere Personen aus der Regenbogenpresse, während das untergegangene Immigrantenschiff und das bombardierte Flüchtlingslager niemanden interessieren.

Den Europäern gehen die Opfer in New York so nahe, weil sie nun nicht mehr glauben können, dass nur weit hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen. Ein Tornado bewegt sich, und es ist Unsinn zu glauben, ewig in seinem unbewegten Zentrum leben zu können, glücklich lächelnd inmitten eines globalen Müll- und Trümmerhaufens. 5 000 Tote bei einem Anschlag hat es noch nie gegeben, aber bei »normalen« Bombenangriffen auf Großstädte sehr wohl.

Was hier die westliche Öffentlichkeit so empört, ist der besonders dreiste Bruch des staatlichen Gewaltmonopols, dass also Terroristen sich anmaßen, das zu tun, was jedem westlichen Staat erlaubt ist. Soll das heißen: recht geschieht es den Amerikanern, warum sollen sie es besser haben, um so mehr, als sie selbst oft Haupt- oder Mitschuldige an den Kriegen anderswo waren?

Nein. Aber es ist unbestreitbar, dass die Opfer nicht einem »religösen Fanatismus« zum Opfer gefallen sind, den man wie ein Unkraut aus dem Garten der Welt ausrupfen wird. Sie sind vielmehr von der Logik erschlagen worden, deren Hauptvertreter und -nutznießer das Land ist, in dem sie sich gerade befanden.

Es gibt nur eine Kraft, die es an Fanatismus und Vernichtungswut mit dem islamischen Fundamentalismus aufnehmen kann, und das ist der Marktfundamentalismus. Die Islamisten, so sehr sie auch selber an ihr idealisiertes Mittelalter glauben mögen, sind ja keinesfalls mit Pferden und Krummsäbeln wie zur Zeit der großen Eroberungen angerückt. Damals konnte man vielleicht vom »Zusammenstoß der Zivilisationen« sprechen.

Heute ist der Islamismus ein Zweig der inhaltslosen Weltvergesellschaftung über den Wert, die es nötig hat, sich lokal mit verschiedenen Pseudo-Inhalten zu bekleiden. Ein Millionär mit Bart, der angeblich in einer afghanischen Grotte sitzt, bekämpft Milliardäre ohne Bart, die in Wolkenkratzern sitzen, und bringt erst einmal deren Angestellte um – denn wenn sich die Könige raufen, müssen die Bauern Haare lassen.

In der letzten Zeit hat sich immer mehr derjenige Teil von Marx‘ Theorie bewahrheitet, in welcher er das Ende des Kapitalismus nicht auf das Einwirken eines äußeren Subjekts, nämlich des Proletariats, zurückführt, sondern auf die Entfaltung der Produktivkräfte selbst. Vielleicht haben wir es hier mit so etwas zu tun. Nicht der Islam als Gegensubjekt hat zugeschlagen, sondern eine entfremdete Gestalt der modernsten Produktivkräfte, beinah eine List der Unvernunft.

Alles scheint von den Organisatoren des Attentats benutzt worden zu sein: Computer und Internet, Steuerparadiese und Flugsimulatoren, Satellitentelephone und Börsenspekulation. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie, im Unterschied zu den Fans der New Economy, die Grenzen der Wirksamkeit dieser Mittel kennen und im entscheidenden Augenblick die lasergesteuerte Bombe durch das Taschenmesser und das Satellitentelephon durch handgeschriebene Zettelchen zu ersetzen wissen.

Hochhäuser zu bauen, in denen 50 000 Menschen zusammengepfercht sind, und Attentate auf diese Hochhäuser zu planen, um so viele Opfer wie möglich zu erzeugen, gehört derselben geistigen Ebene an. Die Vorstellung eines Hochhauses, das unter keinen Umständen einstürzen könne – das behauptete nämlich sein Erbauer in einem alten Interview, das amerikanische Fernsehkanäle ausstrahlten, während die Türme einstürzten – gehört so zum Wesen des industriellen Kapitalismus wie die unsinkbare Titanic.

Der Gigantismus des Stahl gewordenen Kapitals fordert den Gigantismus derjenigen geradezu heraus, die ihren Erfolg an der Zahl der erlegten »Feinde« messen. Die weltweite Verbreitung idiotischer Videogames und von Katastrophen- und Science-Fiction-Filmen, offenbar die einzige Möglichkeit, um die Leere der Warengesellschaft auszufüllen, musste logisch den Versuch erzeugen, die Spielchen in Wirklichkeit umzusetzen.

Ohne die Allgegenwart der Medien wäre die Idee dieses Attentats vielleicht gar nicht entstanden, das offenbar sogar in seinen Verlaufsformen für das Fernsehen konzipiert worden ist. Einer der Stichwortgeber der kapitalistischen Moderne, Jeremy Bentham, verkündete als Ziel »das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl«. Das Endergebnis dieser mechanistischen Vorstellung ist dann der kalt kalkulierte Versuch, das größtmögliche Unglück der größtmöglichen Zahl zu erzeugen.

Noch ein Hinweis: Man weiß heute, dass die Regierung Roosevelt über die japanische Intention informiert war, Pearl Harbour anzugreifen. Sie ließ es geschehen, um die zaudernde amerikanische Öffentlichkeit zum Kriegseintritt zu bewegen. Bin Ladens Kopf wird vielleicht bald Bush auf einem silbernen Tablett präsentiert, und das wäre noch die beste Lösung. Ob damit die Wertvergesellschaftung aufhört, weitere Monstren zu produzieren, ist mehr als zweifelhaft. Dann könnte leider Italiens Staatspräsident, der alte Carlo Azeglio Ciampi, Recht haben, der in einer Fernsehansprache kurz nach den Attentaten die Bürger nicht »beruhigte«, sondern sich traurig fragte : »Wer weiß, was für schreckliche Gemetzel im Dunkeln noch vorbereitet werden.«