31.12.2002  Beitrag drucken

Der unterschätzte Schwiegersohn

NICHT UNFREUNDLICHE ANMERKUNGEN ZU PAUL LAFARGUE UND DESSEN ESSAYISTIK

Streifzüge 3/2002

von Franz Schandl

„Paul Lafargue (1842-1911) ist nur als Schwiegersohn von Karl Marx bekannt, der das ,Recht auf Faulheit‘ proklamierte. Andere Facetten seiner vielseitigen Persönlichkeit und seines theoretischen Werkes sind weithin unbekannt“ (S. 373), befindet Fritz Keller, der Herausgeber des vor einigen Monaten erschienenen Essaybands von Lafargue. Dem ist so. Aber dem sollte abgeholfen werden.

Gemocht hat er ihn ja schon, ausgehalten nicht immer. Eigentlich war Karl Marx durchaus angetan von Paul Lafargue. Der sei ein „sehr guter Freund“ und „kreuzguter Kerl“, „hübsch“, „intelligent“, „energisch“. (Zit. nach Hans-Magnus Enzensberger (Hg.), Gespräche mit Marx und Engels, Frankfurt am Main 1973, S. 715). Als Marx dann merkt, dass die Aufmerksamkeit des Gegenübers noch mehr seiner Tochter Laura gilt als ihm selbst, wird er allerdings argwöhnisch und beklagt „die Gewohnheiten eines allzuvertrauten Umganges“. (Fritz Keller, Nachwort zu Paul Lafargue, Die Religion des Kapitals, Wien, o.J., S. 105)

Die Liebe und der Breitengrad

Denn, so der Wächter seiner Töchter ganz Vater seiner Zeit, seiner „Meinung nach äußert sich wahre Liebe in Zurückhaltung, Bescheidenheit und sogar Schüchternheit des Verliebten gegenüber dem Idol“. Der junge Lafargue scheint der Etikette und den Vorstellungen von Jenny und Karl Marx nicht so ganz entsprochen zu haben: „Falls sich Ihre Liebe zu ihr nicht in der Form zu äußern vermag, wie es dem Londoner Breitengrad entspricht, werden Sie sich damit abfinden müssen, sie aus der Entfernung zu lieben“, poltert er. (Ebenda) Aber es ging auch noch derber: überhaupt habe „unser Neger“ „kein Gefühl der Scham“. (Marx; zit. nach Enzensberger (Hg.), S. 715)

Da schwingen zweifellos rassistische Ressentiments mit. Der auf Santiago de Cuba geborene „medizinische Kreole“ (Marx) zählte zu seinen Vorfahren französische Kolonisatoren, karibische Ureinwohner, Mulatten und Juden. Eine bunte Mischung. So ganz ins Bild des weißen, männlichen und einheimischen Arbeiterfunktionärs dürfte Lafargue nie gepasst haben. Schließlich bekommt er seine Laura aber doch, auch wenn der Alte vorher von seinem zukünftigen Schwiegersohn noch „völlige Klarheit über Ihre ökonomischen Verhältnisse“ einfordert. Am 2. April 1867 wird in Paris geheiratet. Friedrich Engels macht den Trauzeugen. Nach dem Fall der Pariser Kommune muss das Ehepaar nach Spanien und dann nach England fliehen. In nur zwei Jahren sterben den Lafargues alle Kinder, drei an der Zahl.

Erst 1882, nach der Amnestie für die Kommunekämpfer, kehren Paul und Laura nach Paris zurück. Lafargue sollte in den nächsten Jahren zum „geistig bedeutendsten Führer des Sozialismus in Frankreich“ werden, wie der spätere Revisionist Eduard Bernstein bemerkte. Die meiste Zeit zieht Lafargue als Agitator durch die Lande. In diesen Jahren entsteht auch seine heute bekannteste Streitschrift gegen die Arbeitssucht: „Das Recht auf Faulheit“. Am 26. November 1911 scheiden Paul und Laura Lafargue freiwillig aus dem Leben, indem sie sich Zyankali spritzen. Vorher waren sie noch in der Oper gewesen und hatten fürstlich gespeist. Amüsieren, dinieren, liquidieren – welch Abgang! 15.000 Menschen folgten dem Trauerzug zum Père Lachaise.

Hugo und Zola

Schade nur, dass der vorliegende Band mit dem schwächsten Beitrag beginnt. Im frühen Essay „Die bürgerliche Korruption“ aus dem Jahre 1866 zieht der Autor in geradezu grobschlächtiger Manier über die Bourgeoisie her: „Ihr moralischer und körperlicher Verfall ist erschreckend“, heißt es da. „Die Bourgeoisie ist verfault (…). Sie ist ein elender Haufen.“ „Die politische Welt besteht nur aus Prostitution.“ (Alle Zitate auf S. 16) Über das Klischee des (ver)prassenden Reichen kommt dieser Artikel kaum hinaus. Aber er demonstriert, liest man die folgenden Aufsätze, wie Lafargue sich in den nächsten Jahren entwickelt hat. Was folgt, ist meist von erlesener Güte.

Etwa die Aufsätze über literarische Größen wie Victor Hugo und Emile Zola. „Victor Hugo, der der öffentlichen Meinung nie um 24 Stunden voraus war, stets aber seine Schritte den Umständen anzupassen wusste“ (S. 38), wird vorgestellt als früher Marktkünstler (S. 35) vom Typus des Großschriftstellers als Großverdiener. „Bei Hugo dient alles der Reklame“ (S. 60), behauptet Lafargue. Der Marktkünstler bedurfte freilich der Initialzündung des Staates, namentlich Ludwigs XVIII. Schon 1822 war Hugo mit einer Jahrespension für seine Dichtungen belohnt worden. 1823 wurde diese auf 2.000 Francs verdoppelt (S. 38): „Victor und seine Brüder Abèle und Eugene belagerten tapfer und hartnäckig diese literarischen Fonds“ (S. 38), schreibt Lafargue. Sie galten als „ministerielle Sonderschreiberlinge“. (S. 38)

1848: „Die Republik wird ausgerufen. Victor Hugo verliert keine Minute und verwandelt sich in einen Republikaner. Leute, die nur Äußerlichkeiten achten, beschuldigen ihn der Wankelmütigkeit, weil er nacheinander Bonapartist, Legitimist, Orleanist, Republikaner war. Eine etwas genauere Untersuchung zeigt jedoch im Gegenteil, dass er unter all diesen Regimen nie sein Verhalten änderte, dass er immer, ohne sich vom Antritt oder Sturz einer Regierung ablenken zu lassen, einen einzigen Zweck verfolgte, sein persönliches Interesse, dass er immer ,hugoistisch‘ blieb, was schlimmer ist als egoistisch, wie dieser erbarmungslose Spötter Heine sagte, den Hugo, unfähig ein Genie zu würdigen, nicht riechen konnte.“ (S. 46-47)

Doch die „Hugomanen“ (S. 43), von denen der Autor spricht, dürften sich zumindest zwischenzeitlich durchgesetzt haben. Das vor allem in und durch die Arbeiterbewegung geprägte Bild Hugos ist ein anderes als das von Lafargue gezeichnete. Bei ihm wird der Schöpfer der „Elenden“ selbst als ein Elendiglicher vorgeführt. Wobei diese Einschätzung sich um das eigentliche Werk nicht kümmert. Ein individueller Kretin muss nicht unbedingt ein schlechter Schriftsteller sein. Aber zweifellos, Hugos gibt es in der publizierenden Zunft gar viele, dazumal wie heute. Sie werden sogar serienmäßig hergestellt. Das geflügelte Wort vom „gemachten Autor“ verrät genau das, was es sagt.

Dass er auch ausgezeichnete Literaturwissenschaft liefern kann, beweist Lafargue in seinem Aufsatz über Emile Zola. Während Hugo der Verachtung preisgegeben wird, ohne dass Lafargue sich auf dessen Oeuvre einlässt, kommt Zola in den Genuss einer sehr differenzierten Betrachtung, die Lob und Kritik recht gleichmäßig verteilt. Emile Zolas Leistung bestehe darin, in den „Rougon-Macquart“ sich Themen angenommen zu haben, die bisher als verpönt galten, man denke nur an Romane wie „Der Totschläger“ oder „Germinal“. Arbeiter und Arbeiterklasse rücken hier ins Zentrum des Geschehens. Im Vorwort zum erstgenannten Band schreibt Zola 1877: „Es ist ein Werk der Wahrheit, der erste Roman über das Volk, der nicht lügt und der den Geruch des Volkes atmet.“

Nicht zuletzt verstehen die „Rougon-Mac- quart“ sich als „Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich“. Es ging Zola vorrangig darum, den Romanen einen „naturwissenschaftlichen Anstrich zu geben“. (S. 95) Allerdings reduziert sich seine Sozialgeschichte des Öfteren tatsächlich auf eine Naturgeschichte. Zolas „Verbrechertheorien“ nennt Lafargue zurecht „vulgär-fatalistisch“ (S. 95), ja man kann durchaus von einer „organischen Fatalität“ (S. 96) sprechen. Dieses biologistische Element ist eherner Bestandteil der Komposition des Romanzyklus.

Was Lafargue an Zola bemängelt, ist, dass er die Presse, dieses „Magazin von Gift“ (Balzac), weitgehend ungeschoren lässt, oder dass er von einigen Dingen, über die er schreibt, keine Ahnung hat. Etwa wenn er von und über Marx und dessen Theorien spricht, schaffe er es nicht, über „sozialistische Gemeinplätze, die seit zehn Jahren abgedroschen sind“ (S. 122), hinauszukommen. Weiters: „Was man jedoch Zola zum Vorwurf machen kann und darf, ist der Umstand, dass er das, was er für Wirklichkeit ausgibt, ohne Espirit, ohne Satire und Humor darstellt. Er schreibt langweilig. Er ist kein Schriftsteller, der sich an seinem Werk berauscht, vielmehr ein gewissenhafter Arbeiter, der eine Aufgabe erledigt, die ihn nicht besonders interessiert.“ (S. 119) Was auch heißt: „Ein Schriftsteller, der nicht philosophiert, ist nur ein Handwerker.“ (S. 120)

Darin sieht er überhaupt die Schwäche des Naturalismus: „Der Naturalismus, der auf dem Gebiet der Literatur dasselbe ist, wie der Impressionismus auf dem Gebiete der Malerei, brandmarkt Reflexionen und Generalisationen. Seiner Theorie nach muss sich der Schriftsteller vollkommen passiv verhalten, er muss einen Eindruck aufnehmen und wiedergeben, er darf nicht über diese Aufgabe hinausgehen, er darf nicht die Ursache einer Erscheinung, eines Vorgangs analysieren, er darf nicht die Wirkung eines Vorganges andeuten. Sein Ideal ist es, einer photographischen Platte zu gleichen. Diese rein mechanische Methode der künstlerischen Wiedergabe des Lebens ist ungemein leicht; sie erfordert keinerlei Vorstudien und nur einen geringen Aufwand bei der geistigen Mühe. Aber wenn das Gehirn, das die Rolle der photographischen Platte spielt, nicht sehr empfänglich und vielseitig ist, so läuft man Gefahr, nur ein unvollständiges, unvollkommenes Bild zu erhalten, das von der Wirklichkeit weiter entfernt ist, als das Gemälde, das die zügelloseste Fantasie von ihr entwirft. Die Methode beweist nichts als die geringe geistige Begabung der naturalistischen Schriftsteller.“ (S. 120)

Zu „Germinal“ vermerkt Lafargue: „Um einen Roman der geschilderten Art zu schreiben, müsste sein Verfasser in nächster Nähe eines dieser ökonomischen Ungeheuer gelebt, er müsste seine Natur, sein innerstes Wesen erfasst und durchdrungen, er müsste vor Zorn über die Gräuel, deren Urheber das Monster ist, gezittert haben. Ein derartiger Autor ist bis jetzt noch nicht aufgetreten, ja es scheint uns unmöglich, dass er auftritt (…). Es ist daher unvermeidlich, unausbleiblich, dass diese Aufgabe Belletristen zufällt, die auf sie als Konsequenz ihrer geringen praktischen Kenntnisse, der Art und Weise ihres Lebens und ihres Denkens in der Regel keineswegs vorbereitet sind. Es fehlt ihnen die Erfahrung, und sie beobachten die Menschen und Dinge der zu schildernden Welt nur oberflächlich.“ (S. 102)

Mit andern Worten gibt das auch Zola selbst zu erkennen. Im zitierten Vorwort von „Der Totschläger“ heißt es: „Ach, wenn man wüsste, wie sehr sich meine Freunde über die verblüffende Legende erheitern, mit der man die Menge belustigt! Wenn man wüsste, wie sehr der Blutsäufer, der blutdürstige Romanschriftsteller ein biederer Bürger ist, ein Mann des Studiums und der Kunst, der brav in seinem Winkel lebt und dessen einziger Ehrgeiz es ist, ein Werk zu hinterlassen, das so umfassend und so lebendig wie nur möglich ist.“ Lafargue gibt zu verstehen, dass man das den Romanen ankennt, und der Rezensent des Rezensenten würde sich dem anschließen, aber auch folgendem Satz: „Zolas Talent ist jedoch so mächtig, dass trotz der Unvollkommenheit seiner Beobachtungsmethode und trotz seiner zahlreichen dokumentarischen Irrtümer seine Romane die bedeutendsten literarischen Zeugnisse unserer Epoche bleiben. Ihren ungeheuren Erfolg hat er sich wohl verdient.“ (S. 107) Vor allem „Das Geld“ ist „das Werk eines ,maître'“. (S. 115)

Katholischer Kommunismus?

Ausgesprochen instruktiv ist auch der Artikel über das Leben und Wirken des Dominikanermönchs Thomas Campanella, wenngleich jener die Grenzen Lafargues deutlich demonstriert. Der Ausgangspunkt von Campanellas „Sonnenstaat“ wird so beschrieben: „Und man konnte die Kirche nur bekämpfen, wenn man den Kampf in den religiösen Bereich verlegte und sie im Namen geistlicher Interessen angriff, als deren Hüterin und Repräsentantin sie auftrat (…). Da man sie militärisch nicht fertig machen konnte, erledigte man sie theologisch.“ (S. 252) „Man griff die katholische Kirche auf geistigem Gebiet nur an, um sie auf weltlichem zu enteignen. Die Reform der Religion war nur ein Mittel, um eine wirtschaftliche Reform zu erreichen.“ (S. 269)

Von Widersprüchen geprägt war Campanellas Verhältnis zu den Juden. So tritt er anfänglich als deren Verteidiger auf, bezieht sich oftmals positiv auf die „Kabbala“. Nachdem er aber im Papsttum die zu errichtende Einheit der Gesellschaft inauguriert sah, hatten Juden, Mohammedaner, Protestanten und andere Götzendiener ganz entschieden bekämpft zu werden. (S. 278) Campanella wurde gar zum Parteigänger der spanischen Monarchie und der Habsburger, einer, der verkündet: „Das ungeheure Wachstum der spanischen Monarchie ist das Werk Gottes. Er hat das frömmste der Völker Europas gewählt und mit dem göttlichen Siegel gestempelt, um sich seiner für seine durch die Vorsehung festgelegten Absichten zu bedienen. Er hat ihm die Schlüssel zur neuen Welt gegeben, damit überall, wo die Sonne leuchtet, die Religion Jesu Christi ihr Fest und ihr Opfer habe. Der katholische König soll die ganze Welt unter seinem Szepter vereinen, sein Titel ist kein leeres Wort mehr. Das Kruzifix in der einen und das Schwert in der anderen Hand soll er den Protestantismus und den Islam bekämpfen, bis er das Verschwinden vom Erdboden durchgesetzt haben wird, denn seine Mission besteht darin, den Triumph der Kirche dadurch herbeizuführen, dass er ihre Feinde zerschmettert und den Fuß auf ihren Nacken setzt.“ (S. 279)

Da klingt es dann schon einigermaßen verwunderlich, ja geradezu verharmlosend, wenn Lafargue das verteidigt: „Doch diese religiöse und politische Einheit, zu deren Durchführung Campanella ohne Zaudern an die Gewalt appelliert, verlangt er nur, um der Zwietracht ein Ende zu bereiten und auf der Erde Friede und Glück zu begründen. Sein ganzes langes und schmerzerfülltes Leben hindurch strebte seine Tätigkeit nur nach einem Ziel, der Einführung des Kommunismus.“ (S. 279) Dieser Kommunismus von Habsburgs Gnaden unter der Fuchtel des Papstes, den Hauptkräften von Inquisition und Gegenreformation, ist freilich eine Vorstellung, die man sich besser nicht vorstellen soll. Und dort, wo jener vorgestellt wird, verheißt er ausgesprochen Schreckliches.

So schlägt unser Mönch gar vor, dass Menschen sorgfältig gleich Hunden und Pferden gezüchtet werden müssen. (S. 289) Die schönsten Frauen werden zur Fortpflanzung ausgesucht und die zeugenden Paare dementsprechend ausgewählt. (S. 291) Solche Utopien erinnern uns heute fatal an nazistische Züchtungsprojekte einer blonden Rasse. Lafargue schweigt dazu. Nicht einmal zu des Dominikaners Feindschaft zur Erotik äußert er sich. Völlig kommentarlos schreibt er über die (wohl männlichen) Bewohner des Sonnenstaates: „Sie lieben die natürliche und nicht die künstliche Frau. Diejenige, die versuchte, sich zu bemalen, zu schminken oder durch hohe Absätze größer zu machen, würde mit dem Tode bestraft werden. Aber die Verhängung einer so unbarmherzigen Strafe schmerzt sie niemals, denn keine ihrer Frauen denkt daran, zu solchen Kunstmitteln zu greifen, um sich zu verschönern, und selbst wenn sie Verlangen danach hätte, so würde sie kein Mittel haben, um es zu befriedigen.“ (S. 291)

Dieser Kommunismus, dem Kloster entsprungen, bleibt in ihm ganz und gar gefangen. Das Luftschloss ist ein halluziniertes Konvikt: große Schlafsäle, große Speiseräume etc. – eine katholische Männerphantasie sondergleichen. Der Philosoph Ernst Bloch nannte sie eine „bürokratische Utopie“, ein „Lied der Ordnung, mit Herr und Aufsicht“. (Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main 1985, S. 607) Mehr eine frühjakobinische Schablone eines bürgerlichen Zwangswesens als der sympathische Entwurf einer befreiten Gesellschaft. Glück tritt auf als Gottesdienst und als Staatsdienst. (Vgl. Bloch, S. 612-613) Aber, wer sollte (wie Campanella) nach 27 Jahren in neapolitanischen, also spanischen Kerkern nicht irre geworden sein.

Campanellas Kommunismus ist einer der Züchtungs- und Züchtigungsphantasien. Dass der ansonsten strenge Kritiker Lafargue ihn unkritisiert lässt, legt den Verdacht nahe, dass dieser durchwegs dem autoritären Sozialismusverständnis seiner Zeit nicht nur Tribut zollte, sondern ihm weitgehend verhaftet blieb. Campanella ist gleich Fichte ein Vorläufer des Staatssozialismus, nicht des Kommunismus. Es passt daher schon, wenn etwa 1944 „der Herausgeber einer Neuauflage des ,Sonnenstaates‘ in einem dem Partito Communista Italiano nahestehenden Verlag (…) Campanellas Utopie für den Kommunismus nach russischem Vorbild vereinnahmt“. (S. 301) Zumindest in diesem Artikel läuft Paul Lafargue nicht aus dem Glied des Arbeiterbewegungsmarxismus.

Hier ist jedenfalls der Punkt, wo Lafargue widersprochen werden muss. Wenn er gar meint: „Die Utopie Campanellas ist eine der kühnsten und schönsten Utopien, die je geschrieben worden ist“ (S. 281), dann ist das strikt zu verneinen. Es ist unmöglich, dem Lafargueschen Lobgesang auf diese gott- und sonnenverbrannte Mischung aus mönchischem Spartanertum und klerikalem Fanatismus, Zahlenmetaphysik und Frauenfeindschaft zu folgen.

Exkurs: Demokratisierte Todesstrafe

Im „Sonnenstaat“ Campanellas hat natürlich auch der Krieg seinen angestammten Platz. Wie später bei Hegel dient er zum Schutz gegen die Verweichlichung. (S. 283) Fehlen darf natürlich auch nicht – wir hörten von ihr bereits bei den geschminkten Frauen – die Todesstrafe, obwohl sie zweifellos ihren Demokratisierungsschub erfahren soll. In der Lafargueschen Fassung: „Da in einem kommunistischen Staat (sic!, F.S.) freier und gleicher Menschen für einen Henker kein Platz ist, wird das Urteil vom Volk eigenhändig vollstreckt, indem es den Verurteilten steinigt; der Ankläger wirft den ersten Stein. Dieses an die zwar gerechte, aber häufig grausame Rechtspflege der Barbaren erinnernde Verfahren wird durch folgende Einschränkung gemildert: Der Verurteilte muss anerkennen, die Strafe verdient zu haben, sonst wird er nicht bestraft.“ (S. 290)

Was dieser freilich ganz selbstverständlich tut. „Der schuldig Befundene muss sich in diesem Fall mit dem Kläger und dem Zeugen versöhnen, indem er ihnen, gleichsam als Ärzten seiner Krankheit, Kuss und Umarmung gibt“, heißt es bei Campanella im Original. (Zit. nach Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 612) Dem Verurteilten wird „sogar das Refugium genommen, ein Rebell zu sein oder ein beharrender Ketzer. So triumphiert totaler Konformismus“, meint Ernst Bloch. (Ebenda) Dieses Ritual der Selbstbezichtigung liest sich wie eine Vorwegnahme der Moskauer Schauprozesse.

Die „demokratische“ Steinigung – alle haben Steine zu werfen – ist eine der brutalsten Strafen überhaupt, ein Superlativ der Hinrichtung. Der Tod soll nicht nur eine Bestrafung sein (was schlimm genug ist), er soll auch noch langsam erlitten werden. Die Steinigung atmet wie die Verbrennung den Ungeist der Inquisition. Gesteht das Hängen dem Gehenkten noch ein Mindestmaß an Ehre zu, der Tod kommt schnell und außer dem gebrochenen Genick darf der Leib unversehrt bleiben, verdeutlichen Steinigung und Verbrennung geradezu triebhafte Mordeslust, an der die Zuschauer sich aufgeilen können. Ja, die Steinigung erzeugt nicht nur ein erregtes Publikum, sie schafft lüsterne Mitmacher, die sich gegenseitig aufwiegeln, wo jeder sofort in Verdacht gerät, der keinen Stein wirft. Zuschauer und Täter sollen eins werden, das ist das vornehme Ziel der Steinigung.

Betrachten wir es von der Seite des Opfers: Bei der Zerschmetterung und Verbrennung der noch lebenden Körper sollen die Verurteilten die Vorhölle des Todes so richtig auskosten müssen, nein: dürfen! Die Seele wird aus dem Leib geschrien, der „Delinquent“ wird jeder Menschlichkeit beraubt. Das Töten soll so grausam sein, dass der zu Tötende geradezu nach dem Tod fleht, dass er seine Peiniger bittet, doch endlich ein Ende zu machen. Das von Christen versprochene „unendliche Leben“ kehrt negativ als „unendliches Sterben“ wieder. Kann man ersteres nur versprechen, so kann man letzteres auch veranstalten. Nichts ist dabei schlimmer, als wenn der zu Tode zu Folternde zu früh stirbt. Da wird der Meute so richtig die Stimmung verdorben.

Kreuzigen, Steinigen, Häuten, Verbrennen, Vergasen (und in gewisser Hinsicht auch der elektrische Stuhl), bedeuten Hereinnahme der Folter in die Tötung, diese darf kein Akt sein, sondern will (in doppeltem Wortsinn) den Prozess fortsetzen. Der Verurteilte soll wimmern und plärren, gerade dadurch sich verraten und die pathische Lust der Unbefriedigten durch seinen Schmerz befriedigen. Wir würden dies negative Begierde nennen. Eine verheerende Verunglückung des Gefühls, die sich nun im Unglück anderer suhlt und weidet. Ihr Ort ist der Dickdarm und was ihn füllt, erfüllt auch sie. Aber das sind hier nur hingeworfene Rudimente einer Typologie der Todesstrafe anhand diverser Hinrichtungsarten.

Überleitfigur

Zurück zu Lafargue. Vieles mehr ist diesem dicken Buch zu entnehmen, z.B. eine vorgreifende Kritik des Journalismus (S. 104), eine Antizipation künstlich hergestellter Menschen (S. 20) und noch andere Schätze. Etwa ein Essay über die Entwicklung der Sprache nach der Französischen Revolution von 1789. Lafargue erzählt uns, wie „die leidenschaftliche, heftige Sprache der Zeitungen und Flugschriften“ (S. 158) geboren wurde und Eingang in die sprachlichen Konventionen fand, er erzählt von neu erfundenen Wörtern, von welchen, die wiederbelebt wurden, und von solchen, die verschwunden sind. Er erzählt vom Kampf der Gelehrten um Gebrauch und Verbot von Wörtern, mokiert sich über die „Worthenker“, die die Sprache von „der revolutionären Schmutzkruste reinzuwaschen“ (S. 158) versuchten. „Trotz dieser tollen Jagd auf Wörter und Redensarten erhielt sich nichtsdestoweniger eine ganze Menge von ihnen in der Sprache, die durch die Bresche der Revolution eingedrungen waren.“ (S. 159) Die neue Zeit war voll von neuem Vokabular.

Nicht nur die Sprache verändert sich, auch der Mensch hat kein ehernes Wesen: „Der Mensch ist in Wirklichkeit keineswegs das unveränderliche Geschöpf der Romantiker und Moralisten, welches gelehrig die von den Nationalökonomen gehörte Lektion nachplappert. Und mit dem Hinweis auf diese behauptete Unveränderlichkeit des Typus Mensch begründen die gut bezahlten Verteidiger der kapitalistischen Vorrechte ihre unfehlbare Widerlegung der kommunistischen Theorien. Sie messen die Menschheit mit der kapitalistischen Elle und rufen triumphierend aus: ,Der Mensch ist ein Egoist und wird ewig Egoist bleiben. Wenn das Privatinteresse nicht mehr der einzige Beweggrund des Handelns sein kann, so zerstört ihr die Gesellschaft, so haltet ihr den Fortschritt auf, und wir fallen in die Barbarei zurück.‘ Der Mensch ist aber, wie alles in der Natur, in einem Zustande beständiger Umwandlung begriffen, er erwirbt, entwickelt und verliert Laster und Tugenden, Gefühle und Leidenschaften.“ (S. 210)

Lafargue ist mehr als eine der vielen Leitfiguren des Marxismus gewesen, sein Denken und Handeln ging keinesfalls darin auf, sondern reicht darüber hinaus. Eigentlich handelt es sich bei ihm schon um eine Überleitfigur. Seine Befangenheit in den obligaten Gedanken war geringer als die vieler Zeitgenossen. Seien wir sicher, dass die meisten Koryphäen der Arbeiterbewegung in ihrer historischen Relevanz schrumpfen werden, während die Lafargues noch wachsen wird. Fritz Keller hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Zweifellos, diese Veröffentlichung hat mehr als dokumentarische Bedeutung.

Der Band ist ausgezeichnet ediert. Der vom Herausgeber besorgte, etwas wuchtige (wenn auch nicht in jedem Fall gelungene) Anmerkungsapparat erinnert an die seligen Ausgaben der DDR. Was bei aller Ambivalenz und Klobigkeit durchaus als Kompliment zu verstehen ist, ist doch nimmermehr davon auszugehen, dass Personen und Ereignisse als bekannt vorausgesetzt werden können. Was gelegentlich stört, ist der Schrifttyp, vor allem die etwas abstruse Idee, Zitate in Großbuchstaben zu setzen.

Aber insgesamt hat man ganz einfach Freude, so was lesen zu dürfen. Die Essays sind streckenweise sogar äußerst amüsant. In der Arbeiterbewegung gibt es unter den Autoren ja nicht wenige Langeweiler. Paul Lafargue war keiner, er war auch kein Jünger, kein Plagiator, kein Nacherzähler. Er war eigenständig und originell. Konventionen werden nicht beachtet, Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Zum Beispiel: „Der Proletarier ist ein Bürger, der wenigstens in der Theorie über bürgerliche Rechte verfügt.“ (S. 365) Proletarier als Bürger zu bezeichnen stand dazumals völlig quer zum propagierten Klassenantagonismus. Das war jenseits des Klassenstandpunkts. Aber gerade dieses „Jenseits“ ist heute interessant an Paul Lafargue. Schließlich handelt es sich bei ihm ja auch um jenen Theoretiker wie Praktiker aus der Arbeiterbewegung, der am Heldenlied der Arbeit kratzte. Das erforderte schon einigen Mut.

Ansätze der Wertkritik

„Die kapitalistische Entwicklung hat die Menschheit auf ein so niedriges Niveau hinuntergedrückt, dass sie nur noch ein Motiv kennt und kennen kann: das Geld. Das Geld ist der große Motor, das Alpha und Omega aller menschlichen Handlungen geworden.“ (S. 109) „In dieser Atmosphäre der Konkurrenz leben wir von der Wiege bis zur Bahre.“ (S. 89) Auch das hört sich anders an als die vielbeschworenen Klassenkämpfe als Motor der Geschichte.

Ja, es finden sich auch etwas verquere Anklänge an das, was heute Wertkritik heißt: „Der Pantheimus und die Seelenwanderung der ,Kabbala‘ sind weiter nichts als metaphysische Ausdrücke für den Wert der Waren und ihren Austausch. Der Wert ist ebenso wie das Sein, welches in jedem erschaffenen Ding lebt, in allem Käuflichen und Verkäuflichen enthalten, jede Ware besitzt eine bestimmte Wertgröße, so wie jedes belebte und unbelebte Ding in verschiedenen Abstufungen an den Eigenschaften des Seins teilnimmt. Der Wert einer Ware wandert in eine andere, wie in einer Ware der Wert des Rohstoffes und eines Teils der bei ihrer Erzeugung gebrauchten Werkzeuge wieder auflebt. Alle Waren, wenn auch von noch so verschiedener Qualität, drücken die verschiedenen Quantitäten ihres Wertes in Geld aus, welches die Ware par excellence wird und die Einheit der Waren verkörpert.“ (S. 277-278)

Der frühe Arbeitskritiker Lafargue hatte zumindest das Gespür, wo es hätte weitergehen können. Aber diesen kühnen Gedanken folgte damals fast niemand. So ganz traute er ihnen ja selbst nicht.

Paul Lafargue, Essays zur Geschichte, Kultur und Politik. Hgg. von Fritz Keller, Karl Dietz Verlag, Berlin 2002, 392 Seiten, 27 Euro.