31.12.2002  Beitrag drucken

Die Bedeutung von „labor“

BLICK AUF EINIGE STELLEN BEI LATEINISCHEN AUTOREN UND EINIGE BEMERKUNGEN ÜBER DIE „TYRANNEI DER UHR“

von Paolo Lago (aus dem Italienischen übersetzt von Lorenz Glatz)

„Das Dasein als Knecht ist der Inhalt der Abstraktion ,Arbeit‘. So ist es kein Wunder, dass dieser abstrakte Begriff in der Antike die metaphorische Nebenbedeutung von Leid und Unglück angenommen hat (etwa im Lateinischen)“ — Robert Kurz

Im „Manifest gegen die Arbeit“ der Gruppe Krisis lesen wir in Abschnitt 8 (Arbeit ist die Tätigkeit der Unmündigen): „Laborare bedeutete im Lateinischen so viel wie ‚Schwanken unter einer schweren Last‘ und meint allgemein gefasst das Leiden und die Schinderei des Sklaven.“ Tatsächlich bedeutet „laborare“ genau genommen „sich abmühen“, „sich plagen“, „sich um etwas Sorgen machen“, während es „labare“ ist, das „unter einer schweren Last schwanken“, „dem Fallen nahe sein“ bedeutet. Nach dieser kleinen Präzisierung können wir von diesem Satz des Manifests ausgehen, einen kurzen Blick auf die Verwendung des Wortes „labor“ bei einigen lateinischen Autoren (mit Schwerpunkt Vergil) werfen und werden dabei feststellen, wie es häufig einen negativen Sinn annimmt.

Ein Versuch, das fragliche Wort semantisch abzugrenzen, begegnet uns bei Cicero, der in den Tusculanae disputationes 2, 35 Folgendes schreibt: „Interest aliquid inter laborem et dolorem. Sunt finitima omnino, sed tamen differt aliquid. Labor est functio quaedam vel animi vel corporis gravioris operis et muneris; dolor autem motus asper in corpore alienus a sensibus. Haec duo Graeci illi, quorum copiosior est lingua quam nostra, uno nomine appellant. Itaque industrios homines illi studiosos vel potius amantis doloris appellant, nos commodius laboriosos: aliud est enim laborare, aliud dolere“. (Es besteht ein Unterschied zwischen ,labor‘ und ‚dolor‘. Sie liegen ganz nahe beisammen, machen aber doch einen Unterschied: ‚Labor‘ ist die Ausführung eines schweren Werks oder einer Pflicht – ob geistig oder körperlich -, dolor‘ hingegen eine den Sinnen widerstrebende körperliche Empfindung; beides benennen die Griechen, deren Sprache reicher als unsere ist, mit einem einzigen Wort [pónos]: und so nennen sie geschäftige Menschen Anhänger, ja Liebhaber von ‚dolor‘ [philopónous], wir hingegen nennen sie passender ‚laboriosos‘, denn ‚laborare‘ und ‚dolere‘ sind verschiedene Dinge).

Das Wort „labor“, von dem sich italienisch „lavoro“ ableitet, liegt demnach in seiner Bedeutung sehr nahe bei „dolor“ – italienisch „dolore“ – und „laboriosos“ (d.h. ausdauernde, aktive, entschlossene Arbeiter – die Champions des Arbeitsmarkts sozusagen) bezeichnet fast schon masochistische „Liebhaber von Schmerzen“ (die philóponoi der Griechen), eine Art leidenschaftliche Büßer. Cicero legt mit der ihn auszeichnenden subtilen Genauigkeit Wert auf den Bedeutungsunterschied der beiden Worte, auf einen Unterschied nämlich, der bei seiner Geringfügigkeit, wie wir gesehen haben, sonst leicht übersehen würde.

In den Komödien des Plautus wird „labor“ häufig Sklaven in den Mund gelegt, wodurch gerade ein Grundzug ihrer sozialen Stellung kenntlich wird. Bei Plautus jedenfalls bezeichnet dieses Wort oft das Gespinst von Täuschung und Betrug, das die „schlauen Sklaven“ der Komödie aushecken – es steht also in Zusammenhängen wie „ich muss die Last der Schwierigkeiten ganz auf meine Schultern laden“. Dabei muss man bedenken, dass die plautinischen Sklaven mit allen diesen Verwicklungen, die für sie durch das Eingreifen anderer, die freie Bürger sind, stets eine ganze Reihe von Gefahren, von der Folter bis zum Galgen, einschließen, nicht um ihrer selbst willen zu tun bekommen, sondern vielmehr wegen ihrer jungen Herren, die sich in Liebes- oder andere Abenteuer stürzen, die sie aus eigenem kaum bestehen könnten. (Ein interessanter Einzelfall kommt im „Persa“ vor, wo der Verliebte ein Sklave ist, der hier eine ganze Menge Schwierigkeiten nicht durch seinen Herrn, sondern durch sich selbst bekommt.)

Gehen wir nun weiter zu Vergil, zunächst zu den Georgica. Dort lesen wir 1, 145-146: „Labor omnia vicit / improbus“, was wir zuerst einmal so übersetzen wollen: „Alles besiegte die mühvolle Arbeit“. Laut Enciclopedia Virgiliana s.v. labor ist dieser Leitsatz nach wissenschaftlicher Mehrheitsmeinung auch unter Berücksichtigung anderer Passagen im Gedicht schlicht ein vergilischer Lobpreis der Arbeit. Tatsächlich forcierte schon Servius in seinem Vergilkommentar eine rein quantitative Auslegung des Terminus „improbus“, indem er ihn fast zu einem Synonym von „indefessus“ (unermüdlich) und „assiduus“ (beständig, emsig) werden ließ. „Es ist jedoch schwierig“, heißt es in der Enciclopedia weiter, „die auch im psychologischen und moralischen Sinn negative Bedeutung des Adjektivs, wie sie sich aus anderen Vergilstellen ergibt, völlig zu eliminieren: Auf Tiere gemünzt ist das Attribut im Sinne von ‚unmäßig‘, ‚maßlos‘, ‚gefräßig‘ zu verstehen (Georg. 1, 119 und 388; 3, 431, aber nicht in Aen. 12, 250), auf Äneas oder auf Amor bezogen bezeichnet es Erbarmungslosigkeit, Grausamkeit (vgl. Aen. 4, 386 und 412; 12, 261).“ Man kann also den Schluss ziehen, dass „labor improbus“ in unserem Fall – wenn man den Gedanken der Mühe und des Leidens miteinbezieht – dem „pónos“ der Griechen sehr nahe kommt, der, wie Cicero bemerkt hat, in der lateinischen Sprache zwei unterschiedlichen Begriffen entspricht. Wir können daher die oben angebotene Übersetzung zu „Alles besiegte die grausame Arbeit“ modifizieren.

Darüber hinaus wird „labor“ in den Georgica auch unter die Missgeschicke eingereiht, die das menschliche Leben betreffen: „subeunt morbi tristisque senectus / et labor, et durae rapit inclementia mortis“ (3, 67-68, durch Enjambement hervorgehoben) („Nachfolgen Krankheit und trostloses Alter / und Mühsal, dahin rafft uns Mitleidlosigkeit grausamen Todes“).

In der Aeneis wird „Labor“ sogar personifiziert und – zusammen mit anderen – in ein unterweltliches Ungeheuer – Labos (eine archaische Form für „labor“) – verwandelt. Die fragliche Stelle ist 6, 275-277: „pallentesque habitant Morbi tristisque Senectus / et Metus et malesuada Fames ac turpis Egestas, / terribiles visu formae, Letumque Labosque“. („Dort wohnen die bleichen Krankheiten, das trostlose Alter, die Furcht und der schlechtberatende Hunger und hässlicher Mangel, / schrecklich anzuschauende Gestalten, der Tod und die Mühsal“.) Labos, der das italienische Wort „lavoro“ auf die Welt bringen wird, steht hier bezeichnenderweise am bedeutungsschwangeren Schluss- und Höhepunkt dieser ersten Reihe von Scheusalen der Unterwelt. Dass der Begriff „Qual“, „schwere Mühsal“ im vergilischen Gebrauch von „labor“ eingeschlossen ist, beweist auch eine andere Passage der Aeneis, wo es heißt, dass die Selbstmörder gern ins Leben zurückkehren und dafür jegliche Mühe auf sich nehmen würden: „quam vellent aethere in alto / nunc et pauperiem et duros perferre labores!“ (6, 436-37) („Wie möchten sie oben am hohen Himmel jetzt Armut und harte Mühsal ertragen!“)

Wir können also mit H. Altevogt (in Labor improbus. Eine Vergilstudie, Münster 1952, S. 5-51) den Schluss ziehen, dass der vergilische Begriff von labor – abgesehen von sporadischen Lobpreisungen der Feldarbeit – wesentlich einer negativen Auffassung zuneigt, so sehr, dass er Konnotationen von Unterweltlich-Höllischem und deutlich Schaden Stiftendem annimmt.

Nach dieser gerafften Analyse des Gebrauchs von „labor“, könnte man auch an Senecas De otio erinnern, wo die Wahl eines Lebens in Einsamkeit und fern von politischen Aufgaben dargelegt wird (der Dialog ist ja auf das Jahr 62 datierbar, auf den Moment des Rückzugs des Autors aus dem politischen Leben), eine Wahl, die Seneca in den früheren seinem Freund Serenus gewidmeten Dialogen, De constantia sapientis und De tranquillitate animi, nur gestreift hatte. De otio ist jedoch in erster Linie eine Verherrlichung des Lebens und Handelns des stoischen Weisen, in dem das otium nur als eine erzwungene Wahl auferlegt wird, als einzige Alternative zu einer unheilbar kompromittierten politischen Situation.

Betrachten wir nunmehr das Satyricon des Petronius. Hier lesen wir 26, 9-10: “ ,quid vos?‘ inquit ,nescitis, hodie apud quem fiat? Trimalchio, lautissimus homo. horologium in triclinio et bucinatorem habet subornatum, ut subinde sciat quantum de vita perdiderit'“ („Was ist mit euch? Wisst ihr nicht, bei wem es heute etwas gibt? Trimalchio, ein ganz feudaler Mann. Eine Uhr hat er im Speisesaal und einen Trompeter in Aufmachung, damit er immer wieder weiß, wieviel er von seinem Leben eingebüßt hat“). – Hier spricht ein Sklave, der die Hauptfiguren dieses Einleitungsteils des Satyricon, die pleitegegangenen Reisenden Enkolpios, Askyltos und Giton zum „Gastmahl des Trimalchio“ einlädt. In der oben zitierten Partie erscheint zum ersten Mal der Name des Trimalchio, des neureichen Freigelassenen, der in maßlosem Luxus im „Sittenverfall“ des 1. Jh. n. Chr. lebt und der uns unweigerlich an eine bekannte Spitzenpersönlichkeit der heutigen italienischen Politik denken lässt (vielleicht auch an mehr als eine). Sein Leben ist, wie wir eben gelesen haben, ständig von einer Uhr begleitet, d.h. er ist beständig Opfer der „Tyrannei der Uhr“, um die Worte George Woodcocks zu verwenden. Dieser Uhr (nach der wahrscheinlichsten Hypothese dürfte es sich um eine Wasseruhr von jenem Typ handeln, der von Ktesibios erfunden und von Heron und Vitruv beschrieben wurde) ist ein Trompeter beigestellt, ein Sklave mit der Aufgabe, Zeit zu dokumentieren, also eine Art Vorgänger des „time keeper“ der kapitalistischen Industrie. Tatsächlich lesen wir im Artikel von Woodcock (The Tyranny of the Clock, erschienen im März 1944): „,Zeit ist Geld‘ wurde einer der Schlüsselsätze der kapitalistischen Ideologie und der mit der Arbeitszeitkontrolle beauftragte Angestellte war der bedeutendste der neuen Funktionärstypen, die von der kapitalistischen Ordnung eingeführt wurde.“

Wir müssen jedoch beachten, dass es sich im Satyricon nicht um eine Kontrolle der Arbeit handelt, sondern um eine Kontrolle von etwas, das man mehr oder weniger als „Zeitvertreib“ beschreiben könnte, um ein Mahl, ein Bankett. Ein „Zeitvertreib“ in einer Gesellschaft wie der des 1. Jh. n. Chr., die mit den Worten von Marino Barchiesi (L’orologio di Trimalcione (struttura e tempo narrativo in Petronio) [Die Uhr des Trimalchio (Erzählstruktur und -zeit bei Petron)] in: I moderni alla ricerca di Enea, Roma, 1981, S. 132) „den politischen Aufgaben entrückt ist und nur geringe kulturelle Kreativität“ besitzt – also der unseren in gewisser Beziehung ähnlich ist. Eine Gesellschaft, die auf „Schauspiel“, besser: „spectaculum“ beruht. Barchiesi fährt denn auch fort: „Nicht nur umgibt und beobachtet die Urbs den kaiserlichen Hof, als ob er Ort eines Theaters wäre, nicht nur ist die Urbs ihrerseits Bühne Italiens und der Welt, sondern das Individuum (jenes, das zählt oder zählen will) lebt, um sich leben zu sehen und gesehen zu werden“ (S. 133). Das „Gastmahl des Trimalchio“ (streng ausgerichtet auf Zurschaustellung) und die Charakterisierung des Gastgebers spiegeln also die Strukturmerkmale einer Gesellschaft wieder, in der auch der Zeitvertreib, die Zerstreuung, streng von der Uhr-Maschine kontrolliert werden – wie in einem modernen Feriendorf oder anderen zeitgenössischen Formen des Zeitvertreibs. Es erscheint uns interessant aus Barchiesis Essay (wo übrigens auf S. 138 die Uhr als „Henker“ bezeichnet wird) einen weiteren Satz zu zitieren: „Das ganze ‚Gastmahl‘ wird zur Darstellung einer Art Maschine, welche die Menschen zu Automaten reduziert und das Eindringen des Zufalls ausschließt“ (S. 140). Das ‚Gastmahl‘, der Zeitvertreib, die Zurschaustellung des selbstzweckhaften Luxus und des Geldes wirkt auf derselben Ebene wie eine Fabrik, eine Industrie, insofern sie nämlich dieselbe Wirkung zeitigt: die Reduktion der Menschen zu Automaten. Auch hier kann man an heutige Vergnügungsstätten wie Diskotheken, Feriendörfer und Bäder denken, wo – wie bei Fabriken – draußen endlose Reihen von geparkten Autos stehen und drinnen eine große Menge Körper der mechanischen Herrschaft verschiedener vorgegebener „Rhythmen“ unterworfen sind.

Zum Abschluss sei uns ein nicht unbeträchtlicher Zeitsprung von der lateinischen Literatur zum Kino gestattet. Im Film „Shining“ (1980) von Stanley Kubrick nimmt die Hauptperson Jack Torrence (Jack Nicholson) die Stelle eines Hausmeisters in einem großen Berghotel an – für die Wintersaison, in der das Hotel, in dem er samt Familie einzieht, geschlossen ist. Durch die Isolation wird er schließlich verrückt und will Frau und Sohn mit einer Axt töten. Nun ist die fragliche Person aber ein Schriftsteller und verbringt in diesen Wintertagen Stunden um Stunden eingeschlossen mit seiner Schreibmaschine. Während vieler Tage stapelt sich auf seinem Schreibtisch Seite um Seite, bis wir endlichentdecken, dass er unzählige Male einzig den Satz „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ geschrieben hat. In der Originalversion jedoch lautet dieser Satz ein wenig anders: „All work and no play makes Jack a dull boy“, d.h. „Immer Arbeit, niemals Spiel – das macht Jack trüb und dumm“. Trüb und dumm – ein Produkt der Arbeitsmaschine, fähig Frau und Sohn mit der Hacke zu erschagen.