31.12.2002  Beitrag drucken

Krisis 25 – Editorial



Wir leben in Zeiten okzidentaler Verbrüderung. Kein Orden, der nicht Treueschwüre und Dankesbriefe ans Pentagon schickt. Darüber sollten kleinere Rangeleien (z. B. EU contra USA) nicht hinwegtäuschen. Auch nicht, dass die Treue nicht persönlich, sondern ganz sachlich verstanden wird, sie gilt nicht den werten Herren im Weißen Haus, sondern den Herrenwerten der weißen Männer. Ja, um die Zivilisation und um die Aufklärung geht es, das ist der letzte gemeinsame Nenner, für den jetzt im Namen der säkularisierten Religion des Werts Krieg geführt wird.

In den Vereinigten Staaten machen nicht nur Huntington und Fukuyama auf gerechten Krieg, nein, auch Linksdemokraten wie Amitai Etzioni und Michael Walzer zeigen, wo und wem sie sich zugehörig fühlen: dem american dream von freedom and democracy. In einem Brief von US-Intellektuellen „What we’re fighting for: A letter from America“ (zit. nach: Neue Zürcher Zeitung, 23./24. Februar 2002, S. 7) heißt es ganz hingebungsvoll: „Der klarste politische Ausdruck des Glaubens an die naturgegebene Menschenwürde ist die Demokratie.“ Dass die „amerikanischen Werte“ universell sind, daran zweifelt keiner dieser Intellektuellen. Klar ist, „dass das Beste von dem, was wir allzu leichtfertig ‚amerikanische Werte‘ nennen, nicht nur Amerika gehört, sondern vielmehr das gemeinsame Erbe der Menschheit und somit eine mögliche Grundlage der Hoffnung für eine auf Frieden und Gerechtigkeit aufgebaute Weltgemeinschaft ist.“ Und wem es nicht gehören will, dem wird man gehörig mit den diversen Stellwägen ins Gesicht fahren. Von der Kulturindustrie bis zum Kreuzzug.

„Die Prinzipien des gerechten Krieges lehren uns, dass Aggressions- und Landeroberungskriege niemals annehmbar sind“ – Wovon reden die? Doch nicht etwa von der Staatswerdung der USA oder deren Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg? „Kriege um des nationalen Ruhmes willen, für Landgewinn oder zu anderen Nichtverteidigungszwecken dürfen wohl nicht legitim sein“ (sic!). „Die primäre moralische Rechtfertigung eines Krieges ist der Schutz der Unschuldigen vor sicherem Schaden.“ – Daher werden die amerikanischen Bürger dadurch geschützt, dass man die afghanischen Nichtbürger bombardiert. Dort wirft man dann Flugzettel mit folgendem Inhalt ab: „Das Töten von Zivilisten als Vergeltung oder sogar um die Aggression von Menschen abzuwenden, die mit ihnen sympathisieren, ist also moralisch falsch.“ Und wenn sie lachen könnten, sie würden, die Bombardierten.

„Gibt es einen gerechten Krieg? Im Namen welcher Werte lässt er sich rechtfertigen?“, fragt die Neue Zürcher im Vorspann zu besagtem Dokument. Nun denn: Die Antwort auf die erste Frage liegt in der zweiten. Diese Frage verrät mehr, als eine Antwort jemals zu Protokoll geben könnte: Die Durchsetzung des Werts und seiner Werte sind die konstitutionellen Größen jedes gerechten Krieges. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit fallen hier zusammen, dass es unschöner gar nicht mehr geht. Nie würde es uns einfallen, diesen Krieg gegen den Terror als ungerecht zu schelten, nein, er ist geradezu ein neuer Höhepunkt all der gerechten Feldzüge. Ja, er nähert sich ob des Fehlens handfester ökonomischer Interessen immer mehr der reinen Gerechtigkeit an. Amerika führt den gerechtesten aller Kriege. Wer den Krieg weiterhin mit dem Banner der Gerechtigkeit bekämpfen will, gibt nur zu erkennen, dass er von jenem nicht viel erkannt hat. Was heute stört, ist nicht, dass zu wenig Gerechtigkeit herrscht, sondern dass die Gerechtigkeit stets deutlicher ihr wahres Gesicht zeigt. Hinter der verschmitzten Charakterlarve sitzt die Fratze des Werts, mit der alles gerechtfertigt werden kann.

Und dieses Recht versteigt sich in schwindlige Höhen. „Die am 11. September Umgekommenen wurden widerrechtlich getötet, mutwillig und mit kalkulierter Bosheit – eine Art des Tötens, die man, um präzise zu sein, nur Mord nennen kann.“ Gegen die widerrechtliche Tötung setzen sie also auf die rechtliche Tötung. Mord darf man das nicht nennen, selbst wenn es solcher ist. Nun will das Imperium ein internationales Gewaltmonopol durchsetzen. Es will also überall Gewalt anwenden, genau das, was es den Gewaltpolen verwehrt, sofern sie nicht vom Imperium gelenkt, toleriert, gefördert oder hofiert werden.

Der Rekurs auf die Gründungsideale, das fade Aufzählen demokratischer Gepflogenheiten, das stupide Insistieren auf „Grundwahrheiten“, etwa die unermüdliche wie unerträgliche bürgerliche Grundlüge, dass alle Menschen frei geboren sind, das alles verweist nur darauf, dass es hier führende Wissenschaftler gibt, die absolut nichts mehr verstehen wollen, aber zumindest wissen, dass sie Patrioten zu sein haben. Amerika soll nun über die ganze Welt kommen. Es regieren die Durchhalteparolen. Michael Walzer veröffentlichte am 2. März 2002 in Die Welt folgerichtig einen Text unter dem Titel „Wir müssen gewinnen“. Doch, was kann da gewonnen werden? Wie soll dieser Sieg ausschauen? Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass diese Herren nichts mehr anderes antreibt als der ideologische Instinkt. Dass sie funktionieren wie Biomaschinen von Demokratie und Wert.

„What we’re fighting for: A letter from America“ ist ein beschämendes Dokument. Es ist aufgeklärtes Geschwätz im Endstadium. Regression pur. Diese Intellektuellen bewegen sich auf der Ebene vorprogrammierter Arbeitsbienen. Es ist wie das sich ins Delirium versetzende Raunen der bürgerlichen Vernunft, das sich hier einmal mehr als der Weisheit letzter Schluss intoniert. Indes jene versiegt. Mehr sagen solche Schriftstücke nicht aus.

Die ganze Website von www.american.values.org ist übrigens voll mit frömmelndem Gewäsch der „civil society“. Andacht hat Denken ersetzt. Es herrscht das Gebet. Und führe uns nicht in Versuchung: „Wir verpflichten uns, alles zu tun, um uns vor den schädlichen Versuchungen – insbesondere der Arroganz und des Chauvinismus – zu hüten, denen kriegführende Nationen so oft zu erliegen scheinen. Gleichzeitig bekunden wir einstimmig und feierlich, dass es für unseren Staat und seine Verbündeten überaus wichtig ist, diesen Krieg zu gewinnen. Wir kämpfen, um uns zu verteidigen, aber wir glauben auch daran, dass wir kämpfen, um die universellen Grundsätze der Menschenrechte und der Menschenwürde zu verteidigen, die die beste Hoffnung für die Menschheit sind.(…) Wir hoffen, dass dieser Krieg, indem er einem gnadenlosen globalen Übel ein Ende setzt, die Möglichkeit einer auf Gerechtigkeit gegründeten Weltgemeinschaft zu stärken vermag.“ Amen.

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Sie ruhen in Unfrieden, so könnte man auch den Zustand der Linken beschreiben. Der ist insgesamt bejammernswert. Genügsamkeit, Obskurantismus und Durchgeknalltheit bestimmen die Restbestände. Da wollen wir zwar weder mitspielen, noch das irgendwie mittragen, doch mitnehmen tut es einen trotzdem. Schmerzlich hatten wir in den letzten Monaten zur Kenntnis zu nehmen, dass Kritik und Emanzipation, vor allem aber die innerlinke Kommunikation alles andere als auf dem Niveau der Anforderungen sind. Was uns besonders stört, ist das wieder um sich greifende Sektensyndrom in der radikalen Linken, das Wiederaufleben kannibalistischer Orgien. Diese schädigen nicht nur deren Träger – was nicht schön, aber zu verkraften wäre, sondern darüber hinaus den ganzen Sektor der Gesellschaftskritik – was schon weniger lustig ist.

Ein Déjà-vu folgt dem nächsten. Man fühlt sich zurückversetzt in schlimmste Zeiten der K-Gruppen. Was man faktisch überwunden glaubte, drängt wieder einmal durch, auch wenn der Heiland Arbeiterklasse nicht selbst in Erscheinung tritt, sondern durch den Staat Israel oder irgendeinen nationalen Befreiungskampf ersetzt wurde. Gestus und Habitus wurden nicht ersetzt. Sie werden vielmehr reinkarniert. Es ist die Farce der Farce, die hier eine zombiotische Existenz gefunden hat. Das einzige, was man sich dort noch holen kann, ist eine Leichenvergiftung. Es ist wahrlich ein Aufstand der Leichen. Die Akteure gleichen Figuren in falschen Filmen, in letzter Zeit besonders beliebt sind die antifaschistischen Kostümfeste. Ein gespenstisches Gespenster-Sehen jagt Phantome.

Die Linke ist nicht weniger verrückt als die Gesellschaft, die sie bekämpft. Im Minimundus fällt diese Verrücktheit nur umso übler auf, vor allem denen, die sich kritisches Denken nicht abgewöhnen lassen. Ärgerlich, ja lästig sind vor allem die kreischenden Fanclubs gleichenden Kindergartenkader, die, sei’s in die Revolution, sei’s an die Klassen- oder Befreiungsfront, sei’s in einen abendländischen Kinderkreuzzug geschickt werden. Wir werden die Faszination solcher Unsinnigkeiten reflektieren müssen, vor allem auch die psychopathologische Ebene. Insgesamt aber wird die Beschäftigung mit dem Milieu abnehmen, auch wenn einige Mühlsteine noch beseitigt werden müssen.

Seit dem 11. September wurde (und vielfach: bewusst!) ein Klima geschaffen, in dem das Atmen zusehends schwerfällt. Namentlich in antideutschen Bezügen hat ein sich überschlagender Anti-Antisemitismus jeden Boden unter den Füßen verloren. Bekenntnis und Jargon prägen dort das Auftreten, wie es schlimmer nicht mehr geht. Wo Kenntnis fehlt, fällt Bekenntnis nicht schwer, wo Begriffe abgehen, hilft ein hermetischer Jargon weiter. Mit diesem Markenzeichen erkennt man zumindest das identitäre Gegenüber als das sichselbstseiende Du. (Ähnliches gilt selbstredend für diverse ML-, Trotzki-, Stalin- oder Anarchosekten.) Im schlechtesten Falle fürchten wir, dass ganze Kohorten von Youngsters durch ihre Zusammenhänge regelrecht verschlissen werden. Von diesen Kinderkreuzzügen, diesen Deportationen der Ohnmacht, werden nur wenige wohlbehalten zurückkommen.

Unverständliches Kauderwelsch verkennt sich oft als höhere Eingebung. Dass „tausend jüngere seinen Jargon nachplapperten“, hatte schon Günther Anders zu Recht an den Adorniten gestört (Anders, Ketzereien, München 1982, S. 317). Die antideutsche Provinz suhlt sich in nichts so sehr wie in ihrer schweren Jargonitis. Jochen Bruhn etwa ist der Großmeister einer Selbstverdunkelung, die das Unverständliche in die Denkschwäche des Rezipienten projiziert und nicht in die Formulierungsschwäche des Autors. Indes wäre diese Geschichte so leicht zu lösen wie Andersens „Des Kaisers neue Kleider“. Man bräuchte in der Dunkelkammer nur ein Licht anknipsen. Den Apologeten, den frischen wie den unfrischen, sei jedenfalls geflüstert: Wenn sie nichts verstehen, dann verstehen sie zumindest noch etwas, sollten sie aber tatsächlich etwas verstehen, dann verstehen sie wirklich nichts mehr. Wo solch ein Autor dann nicht mehr weiterweiß, greift er regelmäßig in den Schmutzkübel oder in die Mülltonne, wo er irgendwelche Uralttexte von Robert Kurz ausgräbt und einem selbstgenügsamen Publikum verfüttert. Das darf dann lachen, ohne zu begreifen, dass es den Falschen verlacht.

Der Herostratentrupp der Hardcore-Antideutschen leistet deutsche Wertarbeit. Gründlich. Die Scheinblüte identitärer Vergatterung missverstehen sie nun gar als Erfolg. Richtiger ist hingegen, dass hier ein Projekt der Abstoßung schlicht und einfach einiges kaputtgemacht hat oder im Begriff ist vieles kaputtzumachen. (Näheres dazu ist in den letzten beiden Ausgaben der Streifzüge (3/2001; 1/2002) nachzulesen). Solidarhaft, Jargonitis, Denunziationismus und vor allem Identifikationismus beherrschen diese Szene: Wir sind gut, weil uns die anderen für ungut halten, so der identitätsstiftende Raster. Motto daher: Man darf uns nicht leiden dürfen. Die Aversion der anderen bestätigt unsere Aversion. Zumindest dies ist gelungen. Wenige wenden sich diesem Grauen freilich direkt zu. Nicht wenige werden sich allerdings im Grauen abwenden. Man darf sich da nichts vorlügen. Die Wild-um-sich-Schlagenden beschädigen nicht nur sich. Dass viel Energie in solch Auseinandersetzungen verschwendet werden muss, spricht Bände. Dass sie sich nicht von selbst erledigen (wie wir tendenziell in aller Gutmütigkeit angenommen haben), sondern erledigt werden müssen.

Die aktuellen Radikalismuswettbewerbe funktionieren als Ranking der Rabiaten. Wer sich barbarischer aufführt, hat Recht. Wer etwa Scharon Nachgiebigkeit gegenüber dem „palästinensischen Vernichtungskollektiv“ unterstellt (außerdem will dieser wohl windelweiche Opportunist auch noch einen mickrigen Palästinenserstaat dulden) oder Bush mangelnde Entschlossenheit gegenüber dem Terrorismus vorwirft, der ist schon wer in dieser Szene. It’s a hit. Um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, müssen die Hardcore-Antideutschen die Gangart permanent verschärfen, bis hin zum selbst provozierten Übergriff auf die eigene Truppe, der dann als wahrhaft schlagender Beweis der eigenen Bedrohung dienen soll. Ärgerlich ist auch das „Softcore-Antideutschtum“. Die unzähligen „Bahamas-Light“-Varianten sind zwar moderater im Ton, aber immer noch befinden sie sich in inhaltlicher Geiselhaft. Auf niedrigerem Aggressionslevel verkünden sie dasselbe.

Ihr Geschäft ist die Denunziation. Da laufen die Antideutschen zur Höchstform auf, weil es ihre Äußerungsform ist. Da sind sie deutsch wie tüchtig. Wertarbeiter sondergleichen. Wie etwa jener berüchtigte Justus Wertmüller, den man einen Diffamator ersten Ranges nennen könnte. Sozusagen eine halbautomatische Pumpgun pathischer Projektion. Wer abweicht, und sei’s auch nur eine Nuance, wird erschossen. Denn immer geht es ums Ganze. Wertmüller erspäht Nazis auf den ersten Blick, zumindest im Nachhinein weiß er nun, dass auf Krisis-Seminaren „die neofaschistischen Öko-Rauschebärte von der Silvio-Gesell-Fangemeinde“ sich herumtreiben. Wahrlich, man sieht es diesen Krisis-Leuten direkt an. Robert Kurz darf in der bahamotischen Hirntragödie bereits als Oswald Spengler auftreten. So jauchzt und jodelt der Antideutsche: Dass wir inzwischen wie (oder gar: als?) Faschisten zu bekämpfen sind, wissen wir seit der Dritten Kommandoerklärung der Bahamas, jener mit dem alles sagenden Titel „Zur Verteidigung der Zivilisation“: „Wenn allerdings Antikapitalismus von den Nürnbergerischen und anderen islamisch-deutschen Gemeinschaftswerken nicht mehr unterscheidbar ist, wenn er nicht mehr die Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung auf ihrem höchsten Niveau einfordert und blind ist für die Gefahren eines Antikapitalismus, der nur noch den vorzivilisatorischen egalitären Schrecken bereithält, dann muss man ihn bekämpfen wie jede andere faschistische Gefahr auch“ (Bahamas 37).

Wo der „vorzivilisatorische Schrecken“ droht, muss man dieser neudeutschen Logik entsprechend sich eben nach der Decke des zivilisatorischen Schreckens strecken. Da wird durchgemixt und aufgemischt, dass es so eine Unfreude ist. Man lese etwa Wertmüllers völlig abgedrehten Artikel „Unter Bauern“ (Konkret 1/2002). Da wird man eingemeinschaftet, dass man nur so staunt. Aber ganz ehrlich, die „Abscheu vor den verwirrenden Reizen“ (Wertmullah) treibt uns zur „Denunziation ausgelebter Individualität“(Wertmullah), schließlich propagieren wir „Verzicht auf den Luxus als Tugend“(Wertmullah). Und vor „verrücktester Künstlichkeit und Grenzenlosigkeit“ (Wertmullah), da graust es uns ganz besonders. Am wenigsten halten wir die aus, die „wild entschlossen, ihren Spaß … haben“ (Wertmullah). Da verstehen wir, die wir sowieso keinen Spaß verstehen, überhaupt keinen Spaß mehr.

Man muss schon subjektiv als Belustigung nehmen, was objektiv eine Belästigung ist. Noch nicht bekannt war dem zivilisationsgeifernden Muezzin allerdings, dass die finsteren Bauerngestalten seines antideutschen Trauerspiels, also Bové und Bin Laden, Zapata und Lohoff bei einem geheim gehaltenen Treffen der Welt sogar die Eliminierung der USA in Aussicht gestellt haben. In der Sonderresolution „Gegen Stöckelschuhe und Netzstrümpfe. Aufruf zur Vernichtung des Glücks“ wird explizit festgehalten, dass Antideutsche im zu errichtenden „Bauernsozialismus“ als Landarbeiter sich für die Volksgemeinschaft nützlich machen müssen. Praktische Enturbanisierung bedeutet, dass nach dem getanen Tagwerk bei naturtrübem Apfelsaft und alpenländischer Volksmusik das Auswendiglernen von Koransuren und Krisisseiten auf den leuchtenden Pfad führen soll. Auch der berüchtigte Anti-Antisemitismus darf dann nur noch ungekeult vertreten werden. Oh Justus, so ist es und nicht anders.

Sollte das kollektive Gezwänge in der Bahamas-Stube tatsächlich den Vorschein „ausgelebter Individualität“ darstellen, ist Flucht angesagt. Aber vielleicht ist „ausgelebt“ sowieso als vorbei, tot, beendet, vorüber und gewesen zu lesen. So trifft dann selbst noch der durchgeknallteste Geisterseher ungezielt ins Schwarze. Am ehesten noch sind die Wertmullah-Banden in ihrer Gemütlichkeit mit Stammtischen in der Oberpfalz zu vergleichen. Wenn sich da wie dort das Glück ankündigt, ziehen wir das Unglück vor. Aber was soll man noch sagen: Wer dem Glücksversprechen bürgerlicher Provenienz aufsitzt, ist ein Komplize des Glücksverbrechens desselben.

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Nach all den Zerwürfnissen stellt sich dringlicher denn je die ganz banale Frage: Wer ist unser Publikum? Wen wollen wir ansprechen? Kurzum: Die sich hartnäckig durchsetzende implizite Orientierung auf die radikale Linke und ihre Restbestände sollte denn doch entschiedener hinterfragt werden. Jene unterläuft mehr, als sie jemals beschlossen wurde. Nicht, dass die radikale Linke kein Bezugsfeld darstellt, ist gemeint, wohl aber doch, dass es sich dabei nicht um das primäre oder gar einzige handeln soll. Sowohl in der Krisis selbst als auch in den Außenpublikationen müssen wir dem deutlicher Rechnung tragen. Nicht alles, was uns so passiert, müsste uns auch passieren. Vieles, was bisher eher zufällig sich gestaltete, sollte doch mehr unter das Kommando ausgesprochener Absichten gestellt werden.

Die Alternative zur linksradikalistischen Durchgeknalltheit kann aber nicht in der Neuauflage reformistischer Illusionen à la ATTAC liegen. Dieser Sozialstaats- und Polit-Romantizismus krankt an allen Ecken und Enden. Auch wenn zugegeben werden soll, dass dort zur Zeit die Entwicklungsmöglichkeiten einzelner Segmente und vor allem Individuen besser einzuschätzen sind als in den sich abkapselnden Sektensümpfen. Was auch ein wichtiger Gesichtspunkt ist.

Nehmen wir zum Beispiel die sogenannte Anti-Globalisierungsbewegung: „Mischt euch ein“ contra „Mischt sie auf“ (Jungle World 45/2001) ist unserer Meinung nach eine unfruchtbare Gegenüberstellung, an der man lediglich Identitäten festmachen kann. Damit hat es sich aber schon. Kritik hat nicht nur pointiert zu sein, sie hat auch sensibel zu agieren. Sie muss Einstiegsmöglichkeiten bieten. Die Luken sind nicht dichtzumachen, sondern offen zu halten. Uns geht es darum, sich die Bewegungen als gesellschaftliche Mischmaschinen genauer anzuschauen, über Möglichkeiten und Grenzen zu sprechen. Einmischen wird aufmischen nicht ausschließen. Vice versa. Außerdem gilt es die Position nicht immer gleich zur Konfrontation zu steigern, zumindest wenn man sich strategische Optionen offen halten will, die sich jenseits der Rechthaberei bewegen.

Über die Ideologiekritik hinaus wird es notwendig sein, selbst eine adäquate Sozialkritik zu leisten, die die Verkürzungen der Kapitalismuskritik (wenn auch anderer Natur) auch bei sich selbst bemerkt. Dieses Terrain ist zu besetzen. Was früher soziale Frage hieß, darf weder den Traditionalisten überlassen werden, noch darf es sträflicherweise aufgegeben werden, weil man dort zu Recht ein Einfallstor nationaler Propaganda vermutet. Wertkritik heißt nicht bloß zu zeigen, dass die Wertvergesellschaftung eine paradoxe Gesellschaftsform darstellt, sondern auch, dass selbst die immanenten „Fortschritte“ sich gleichsam erschöpfen, d.h. von der Unmöglichkeit in der Unmöglichkeit zu sprechen, nicht die Möglichkeiten in der Unmöglichkeit herbeizuphantasieren. Jene verlangt aber auch: Kein Feld, kein Thema ist ob seiner Widrigkeiten auszuschließen.

In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, den Realismus gründlich zu demaskieren (vgl. ansatzweise Robert Kurz, Der Zusammenbruch des Realismus, Krisis 14), ja überhaupt Wünsche und Vorschläge nicht dem Kriterium der Sachlichkeit unterzuordnen. Wer heute bloß einfordert, was aktuell erfüllbar erscheint, domestiziert sich zum Erfüllungsgehilfen der Herrschaft. Darf man also Unrealistisches fordern? Zweifellos, man muss es sogar. Aber um seriös zu bleiben, hat man gleichzeitig die Unhaltbarkeit desselben mit in die Debatte bringen. Das klingt vorerst etwas verrückt, aber nur diese Verrückung lässt einerseits ein konsequentes und konkretes Nein zu den Zumutungen zu, ohne gleich wieder selbst den Illusionen aufzusitzen.

Die Alternative dazu wäre ein abstraktes Nein, doch das hilft nicht viel weiter. Was strategische Option meint, ist diesseits von Attentismus und reiner Kritik. „Wer nicht Nein sagt zur kapitalistischen Totalität, dem geschieht es schon recht, den kapitalistischen Zumutungen ausgeliefert zu werden“, dieser zynische und elitäre Standpunkt ist unserer nicht. Zwar lässt sich Arroganz gegenüber diversen Beschränkungen nie so ganz vermeiden, sie sollte sich allerdings nicht zur Tugend erheben. Notorische Besserwisser gibt es schon genug.

Wie Kritik sich nicht auf Erfahrung reduzieren darf, so darf sie diese auch nicht subtrahieren. Damit ist kein plattes Anknüpfen zu verstehen, wohl aber ein Auslegen und Darlegen derselben, ein Kenntlichmachen ihrer formbestimmten Resonanz. Das ist aber doch etwas anderes als ein schlichtes Abtun. Übersetzungen sind notwendiger denn je, will Kritik auch verstanden werden, nicht eine Geheimwissenschaft einiger Erleuchteter bleiben. Solche Kritik, da mag sie noch so niveauvoll und substanziell sein, wird über kurz oder lang in ihrer Abgehobenheit verhungern.

Solange keine Perspektive in Sicht, d.h. eine solche weder begreifbar geschweige denn greifbar ist, wird der Widerstand aber immer in die alten Formen zurückfallen, wird er retten wollen, was zu retten ist, auch wo gar nichts zu retten ist. Dieses Festhalten an vermeintlich emanzipatorischen Errungenschaften der Zivilisation gegen diese wird selbst immer weggetretener. Der positive Bezug auf herkömmliche Versatzstücke von Formprinzipien ist übrigens etwas, das von Bahamas bis ATTAC gar viele vereint. Ob dann mehr der Amoklauf oder die Biederkeit als Fluchtpunkt dient, ist oftmals eine Frage der persönlichen Psyche. Über die in Zukunft wahrscheinlich mehr gesprochen werden muss, als dies bisher üblich gewesen ist. In etwa: Wie konstituiert sich der Gesellschaftskritiker? Warum neigt dieses fragile Konstrukt in seiner Negation der Charaktermasken so überproportional zum Irresein? Welchen Stellenwert hat der grassierende Obskurantismus in der radikalen Linken? Nicht, dass wir das jetzt alles wüssten, aber fragen wird man schon noch dürfen, nein: müssen!

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Die Krisis schert einmal mehr aus. Nicht nur Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit stehen zur Disposition, nein, ebenso Aufklärung und Zivilisation, Vernunft und Sachlichkeit. Man wird sich ihrer ganz frevelhaft, vor allem ohne vornehme Zurückhaltung annehmen. Intensive Beschäftigung ist angesagt. Nicht nur ein Vorgeschmack, sondern bereits der erste Gang befindet sich in dieser Ausgabe. Wir wünschen guten Appetit und natürlich einen guten Magen, ob der nicht immer leicht verdaulichen Kost.

Eröffnet wird das Menü mit dem Beitrag Die Aufklärung und ihre Kehrseite. Zur Rettung einer „banalen Einsicht“ von Claus Peter Ortlieb. Angesichts der allgemeinen Aufklärungs-Renaissance nach dem 11. September insistiert er auf dem Grundgedanken der „Dialektik der Aufklärung“, dass der Irrationalismus der Aufklärungsvernunft nicht fremd und äußerlich gegenübersteht, sondern in ihr selbst angelegt ist. Weil die neuzeitliche Vernunft, die Vernunft der bürgerlichen Epoche, sich allein auf die Form und nicht auf den Inhalt des Denkens bezieht und das Gefühl zu einem ihr feindlichen Prinzip erklärt, bringt sie notwendig die Gegenaufklärung als ihr Komplement hervor. Beiden gemeinsam ist, dass sie Denken und Fühlen voneinander isolieren, der Unterschied liegt nur in der Betonung des einen oder anderen. Angesichts dieser Scheinalternative eine Lanze für die Aufklärung zu brechen, verkennt den Zusammenhang mit ihrer Kehrseite, verkennt die Selbstdestruktion der Aufklärung, die in ihrer Eigendynamik freilich über die bürgerliche Gesellschaft keineswegs positiv hinaus, sondern vielmehr auf die Zerstörung von Gesellschaftlichkeit überhaupt verweist.

Diese Diagnose wirft die Frage auf, wie denn dann Kritik überhaupt noch möglich sein soll. Ortlieb wendet sich gegen den Vorwurf, wer sich weigere, im aktuellen Krieg der spiegelbildlichen Wahnsysteme von Islamismus und „westlichen Werten“ Partei zu ergreifen, suggeriere eine Position außerhalb der Totalität. Wäre dieser Vorwurf schlüssig, träfe er jede Kritik am gesellschaftlichen Ganzen und würde sie damit für unmöglich erklären. Doch so beschränkt sind die Mittel der Aufklärung und die Möglichkeiten rationalen Denkens und Argumentierens nun auch wieder nicht. Die Trennung von erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt schließt nicht aus, sich selbst, das eigene Denken oder auch die Totalität der Gesellschaft, in der man sich bewegt, zum Erkenntnisobjekt zu machen. Kritik der Aufklärungsvernunft heißt nicht, dass wir nicht in ihren Formen denken müssten; als kapitalistisch konstituierte Individuen können wir gar nicht anders. Das schließt ein Bewusstsein von der eigenen Situation, das verbunden ist mit der Hoffnung, aus ihr hinauskommen zu können, aber nicht aus.

Auch Norbert Trenkle setzt sich in seinem Text Gebrochene Negativität mit der Aufklärungskritik von Horkheimer und vor allem von Adorno auseinander. Er zeigt, dass diese Kritik trotz ihrer fraglosen Radikalität sich letztlich selbst zurücknehmen muss, weil sie bestimmte Basisannahmen der Aufklärung teilt und nicht in Frage stellt. Das Grundproblem besteht darin, dass Horkheimer und Adorno mit einem historisch unspezifischen Begriff von Vernunft operieren. Die neuzeitliche Vernunft erscheint als logischer Kulminationspunkt einer Entwicklung, die im Grunde schon mit der Menschwerdung überhaupt, mit der Ablösung des Menschen von der Natur, beginnt. Der qualitative Bruch, den die Aufklärungsvernunft mit ihrem strikten Formalismus und ihrer Subjekt-Objekt-Spaltung gegenüber dem Denken früherer historischer Epochen darstellt und der sie als spezifisch historische, an die Warengesellschaft gebundene Denkform ausweist, gerät darüber in Vergessenheit. In dieser Hinsicht stehen Horkheimer und Adorno mit beiden Füßen auf dem Boden der Aufklärung, die sich bekanntlich ja zum Höhepunkt einer epochenübergreifenden, universellen Entwicklung menschlicher Reflexion mystifiziert hat, um sich damit zugleich der Kritik zu entheben. Spiegelverkehrt pessimistisch reproduzieren die beiden Autoren diese Mystifizierung und kommen daher auch nicht umhin, die bürgerliche Gesellschaft als historisch notwendigen Fortschritt auf dem Weg einer möglichen menschlichen Emanzipation zu verklären. Auch wenn diese Möglichkeit vertan wurde, vermeinen sie doch, in der Aufklärungsvernunft zumindest noch ein „Residuum von Freiheit“ zu entdecken, das Anlass zur Hoffnung gibt. Die Kritik am herrschaftlichen Charakter insbesondere des Kantschen Denkens muss daher ständig zurückgenommen werden – notfalls auch gegen Sinn und Wortlaut des Textes. Dagegen hält Trenkle, dass die „Begierde der Rettung“ nicht in der Aufklärung, sondern trotz ihr fortlebt. Dass es der Aufklärung entgegen aller Anstrengung nicht gelingt, den Gedanken an Befreiung von Herrschaft auszulöschen, ist ihr nicht als Verdienst anzurechnen, sondern verweist nur darauf, dass sie an ihrem eigenen totalitären Anspruch scheitert. Insofern gibt es nichts zu Ende zu bringen, was die bürgerliche Gesellschaft verraten oder verdrängt hätte.

Diesen Grundgedanken spitzt Robert Kurz in seinen 20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die „westlichen Werte“ unter dem bezeichnenden Titel Blutige Vernunft weiter zu. Die apodiktische Thesenform rechtfertigt sich durch die unsägliche mediale Wiederaufbereitung von Eurozentrismus, Aufklärungshuberei und Selbstglorifizierung des westlichen Gesamtimperialismus nach dem 11. September, als hätte es nie eine kritische Reflexion über die „Dialektik der Aufklärung“, über Kolonialismus, „Subjekt“, „Fortschritt“ usw. gegeben. Hatte sich diese Tendenz schon bei den demokratischen Bombenphilosophen in den Weltordnungskriegen der 90er Jahre angedeutet, so ist sie nun hemmungslos und gesellschaftlich allgemein geworden, bis in das linksradikale Restsegment hinein.

Deshalb geht es dem polemischen „Thesen-Anschlag“ von Robert Kurz um eine längst überfällige intellektuelle Polarisierung in der Neuformulierung radikaler Kapitalismuskritik. Mit der Kritik der Arbeitsontologie ist die Kritik der bürgerlichen Konstitution noch nicht vollendet; sie muss auch durch die repressiven statt befreienden Konstrukte des in der modernen Theoriegeschichte sedimentierten Aufklärungsdenkens hindurch; erst dann ist der Rubikon überschritten. Dieser entscheidende Schritt der Wertkritik ist allerdings nicht möglich, ohne das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis systematisch aufzunehmen, wie es bislang eher parallel zur Theoriebildung der Krisis hauptsächlich in den Texten von Roswitha Scholz thematisiert wurde. Nur auf diesem Weg ist eine emanzipatorische radikale Kritik der Aufklärung möglich, die das Verhältnis von Aufklärung und reaktionärer Gegenaufklärung als negative Identität und als innerbürgerlichen Scheingegensatz dechiffrieren kann, ohne sich auf die falschen Alternativen der an ihr Ende gelangten kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte vergattern zu lassen.

Die Verweigerung einer Parteinahme im Kampf des westlichen Gesamtimperialismus gegen seine eigenen Barbarisierungsprodukte, in der aktuellen Situation die einzig mögliche wertkritische Position gegen das Ganze des weltgesellschaftlichen Bezugssystems, muss fundiert werden durch eine Kritik des blutigen immanenten Wechselspiels von kapitalistischer Rationalität und Irrationalität. Der vorliegende Thesentext versteht sich als Einstieg in diese Auseinandersetzung um den Zusammenhang von Wertvergesellschaftung, Abspaltungsverhältnis und bürgerlich-identitätslogischem Aufklärungsdenken. Es ist bewusst keine betulich differenzierende und relativierende Abhandlung mit Verbeugungen nach allen Seiten, sondern auch der Form nach eine scharfe Positionsbestimmung, die zum Ärgernis und Stachel für das in der radikalen Linken noch lange nicht überwundene „männlich“-identitätslogische Aufklärungsdenken werden will, wie es sich in den affirmativen Exzessen der letzten Monate von seiner dümmsten und hässlichsten Seite gezeigt hat.

Einem anderen nicht weniger aktuellen Thema wendet sich Ernst Lohoff in seinem Beitrag Antikapitalistisches Frühlingserwachen? zu: der „Antiglobalisierungsbewegung“. Auch wenn die verbreitete Euphorie sicherlich übertrieben war, die nach Genua bereits eine neue APO zu erkennen glaubte, stellt der Protest doch zweifellos einen oppositionellen Aufbruch nach langen Jahren der Bewegungsflaute dar. Darüber hinaus birgt er auch einige neue Qualitäten, wozu insbesondere sein transnationaler Charakter, aber auch sein Verzicht auf Vereinheitlichung, hierarchische Strukturen und identitäre Abgrenzung gehört. Doch diese Momente stellen zugleich auch eine Schwäche dar, denn sie verweisen auf eine äußerst unklare gesellschaftskritische Ausrichtung. Die proklamierte und praktizierte Offenheit ist oft nicht viel mehr als das beliebige Nebeneinander unvereinbarer Positionen. Darin birgt sich die Gefahr einer Fremdbestimmung durch den Markt der Meinungen und die Vorgaben der offiziellen Politik, die das Ringen um Autonomie zur Farce macht. Dagegen hält Lohoff, dass die bewusste Abkehr von der Vorstellung des politischen Einheitssubjekts weder Verbindlichkeit und Kohärenz noch die klare Abgrenzung des kritischen vom herrschenden Bewusstsein überflüssig macht. Eine radikal gesellschaftskritische Strömung kann sich nur formieren, indem sie beides in einer gegenüber dem alten Subjektmodus veränderten Weise herstellt.

Radikale Gesellschaftskritik darf sich nicht einreden, der Antiglobalisierungsprotest gehe schon von selbst in die richtige Richtung. Noch verkehrter ist es allerdings, ihn einfach nur äußerlich abzukanzeln – eine insbesondere in den Kreisen, die mit einem ideologiekritischen Reduktionismus operieren, verbreitete Unsitte. Wer sich weigert, im Dubiosen am Anti-Globalisierungsprotest wesentlich auch die Misere gesellschaftskritischer Theorieproduktion wiederzuerkennen, verrät völlige Ignoranz gegenüber der Frage, wie sich Widerstand und kritisches Bewusstsein unter den heutigen Bedingungen überhaupt formieren können und welche Rolle gesellschaftskritische Theorie dabei selber spielen kann. Eine praktische Neuorientierung auf radikalen Antikapitalismus ist nur denkbar, wenn sie mit einer theoretischen Neubestimmung zusammenfindet. Kritische Kritik, die als Gralshüter eines vorgeblich feststehenden antikapitalistischen Wissensschatzes auftritt, kaschiert mit ihrer Beckmesserei nur ihre eigene Zahnlosigkeit, ihr eigenes Versagen.

Im gleichen thematischen Zusammenhang nimmt Anselm Jappe sich in Des Proletariats neue Kleider jenes Buch vor, das derzeit im globalisierungskritischen Spektrum große Furore macht und von einigen sogar als das Kommunistische Manifest des 21. Jahrhunderts gefeiert wurde: „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri. Jappe kann diese Einschätzung gelinde gesagt nicht teilen. Er sieht in dem Buch im Grunde nur eine postmodern veredelte Neuversion des italienischen Operaismus der siebziger Jahre, der seinerseits nichts anderes war als eine Neuversion des Traditionsmarxismus. Was darüber hinwegtäuschen mag, ist zunächst vor allem der eklektische Umgang mit Theorie, wie ihn Hardt und Negri an den Tag legen, und die Tatsache, dass nicht mehr vom guten alten Proletariat, sondern von der „Multitude“ geredet wird, die sich bei näherem Hinsehen aber nur als dessen Wiedergeburt entpuppt. Hatte etwa der Operaismus in seiner radikalen Subjektemphase die Kämpfe der Arbeiterklasse und anderer Ausgebeuteter zum eigentlichen Motor der gesamten historischen Entwicklung des Kapitalismus, einschließlich seiner Krisen, verklärt, so soll nun auch die Herausbildung des supranationalen Empire eine Reaktion der Souveränität auf den Druck der „Multitude“ gewesen sein.

Insgesamt ist das Buch theoretisch sehr viel altbackener, als es zu sein vorgibt. Zu einer Kritik des gesellschaftlichen Formprinzips dringt es nicht ansatzweise vor und eine ökonomiekritisch entwickelte Krisenanalyse sucht man vergeblich, auch wenn andauernd von der Krise die Rede ist, die aber nur das ganz normale Funktionieren des Kapitalismus anzeigen soll. Es verwundert daher auch nicht, dass von einer kategorialen Arbeitskritik in Empire nichts zu finden ist. Im Gegenteil. Ganz wie im traditionellen Marxismus wird die Arbeit sogar zum Ausgangspunkt der Emanzipation, wobei es allerdings nun die „immaterielle Arbeit“ sein soll, der diese Ehre zukommt. Begrifflich gerät dabei einiges durcheinander. Die Kooperation soll der immateriellen Arbeit völlig immanent sein, sie trete nicht von außen hinzu. Deshalb könne diese Arbeit sich selbst verwerten und sei kein variables Kapital. Kein Wunder, dass dieses Loblied der lebendigen Arbeit die mehr als bloß dubiose Vorstellung nach sich zieht, sie werde von der ihr äußerlichen, toten Arbeit ausgesaugt wie von einem Vampir.

Im Kommentar- und Debattenteil knüpft Udo Winkel zunächst am Schwerpunkt dieser Krisis-Nummer an und legt einige Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik vor. Es folgt der Artikel von Roger Behrens Jeder ist sein eigenes Würstchen. Oder: Naive und kritische Theorie – eine nicht ganz unpolemische Besprechung des Buches von Axel Honneth „Das Andere der Gerechtigkeit“. Anschließend liefert Ernst Lohoff in Frankenstein kann es nicht richten einige kritische Anmerkungen zu Anselm Jappes Artikel „Gene, Werte, Bauernaufstände“ aus Krisis 24. Die Debatte zu diesem Text wird in der nächsten Nummer fortgesetzt. Torsten Liesegang nimmt in Die Wiederkehr der Popliteratur als Farce die literarischen Ergüsse einer jüngeren Generation von Modeautoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Florian Illies u.a. auseinander. Es folgt ein weiterer Artikel von Ernst Lohoff, Die Geister, die sie riefen, in dem vor aktuellem Hintergrund die Korruption als endogenes Phänomen des Kapitalismus analysiert wird. Und abschließend rezensiert Udo Winkel in Legende vom Werden und Mythos der Nation zwei neuere Publikationen von Patrick J. Geary und Andreas Dörner, die sich kritisch mit der Nationenbildung in Europa und in Deutschland auseinandersetzen.

Es bleibt der Ausblick auf die nächste Nummer: Sie wird sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis von gesellschaftskritischer Theorie und Praxis auseinandersetzen, eine Fragestellung also, die ganz unmittelbar auch die Krisis selbst und ihre Aktivitäten betrifft, weshalb ihre Behandlung natürlich auch selbstreflexiven Charakter haben wird. Außerdem werden weitere Beiträge zur Kritik der Aufklärung folgen, ein Schwerpunkt, der uns noch über längere Zeit beschäftigen wird. Auf Widerspruch zu den in dieser Krisis-Ausgabe dazu veröffentlichten Artikeln, die auch unter uns nicht unumstritten waren, sind wir gefasst. Ja wir würden uns wundern, käme er nicht. Es sei also dazu eingeladen, ihn auch schriftlich zu äußern. Die Debatte ist eröffnet.

Ankündigungen sind an dieser Stelle schon viele gemacht worden, doch da wir es mit dieser Nummer geschafft haben, weitgehend in unserem Zeitplan zu bleiben – woran die Tätigkeit der neuen Redaktion nicht ganz unschuldig war – wagen wir die Aussage, dass Krisis 26 noch im Spätherbst dieses Jahres erscheinen wird.

Franz Schandl und Norbert Trenkle für die Redaktion

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