31.12.2003  Beitrag drucken

Anmerkungen zum „Manifest gegen die Arbeit“

erschienen in: Krisis 27 (2003) [1]

Luca Santini

Diese kürzlich im Verlag DeriveApprodi erschienene Broschüre bringt dem italienischen Publikum in verständlicher und erschöpfender Weise die Gedanken zur Kenntnis, die Krisis, ein Kollektiv deutscher Intellektueller, in etwa zwanzigjähriger Tätigkeit erarbeitet hat.

Die Autoren dieses Bändchens entwickeln ihren Diskurs in kritischer und radikaler Konfrontation mit dem Kapitalismus, den sie als entkoppeltes, tautologisches warenproduzierendes System definieren. Sie zielen dabei nicht auf einen Teilaspekt der kapitalistischen Produktionsweise noch auf eine einzelne Phase ihrer historischen Entwicklung: Sie beziehen sich auf den wesentlichen Kern, der die kapitalistische Gesellschaftsformation charakterisiert. Und es geht ihnen erklärtermaßen um deren Negation und/oder Überwindung.

Charakteristisches Element dieser innovativen kritischen Theorie des Kapitalismus ist die von den Autoren behauptete Kongruenz von Kapital und Arbeit. So steht auf S. 16 (der deutschen Ausgabe) zu lesen: „Der soziale Gegensatz von Kapital und Arbeit ist aber bloß der Gegensatz unterschiedlicher (wenn auch unterschiedlich mächtiger) Interessen innerhalb des kapitalistischen Selbstzwecks.“ Mit anderen Worten: Der Zweck des Kapitals ist die Produktion von Waren im großem Maßstab, mit dem Ziel, Geld anzuhäufen. Ausgeschlossen aus seiner Logik bleibt folglich jede Betrachtung, ob die Herstellung dieser oder jener Ware nützlich ist; das Bewertungskriterium des Kapital ist stets abstrakt, losgelöst von der konkreten Welt der Gebrauchswerte der Waren, und beruht auf dem Selbstzweck der Geldvermehrung. Wenn die Arbeit auch oft dem Kapital entgegengesetzte Interessen repräsentiert, entzieht sie sich doch nicht dieser fundamentalen Logik: Auch sie vertritt die selbstzweckhafte Wachstumsideologie und übernimmt auf diese Weise die Programme, die der Kapitalismus von Mal zu Mal entwickelt, als eigene.

Auf diesem Fixpunkt (die Kongruenz von Kapital und Arbeit) beruht die zweite Überzeugung der Gruppe Krisis, diejenige, dass wir uns heute mitten in einer ausweglosen Krise der Arbeitsgesellschaft befinden: Die Arbeit geht aus, und kein Wohlfahrtsstaat sowie kein Rezept liberaler Prägung werden den untergehenden Mythos der Arbeit wieder herstellen können. Die Arbeitslosigkeit (in erster Linie infolge des Fortschritts der Technologie und der Informatik) nimmt immer weiter zu und stellt damit nicht nur den Lebensunterhalt der Arbeiter-Bürger in Frage, sondern auch die Fähigkeit des Kapitals weiter zu akkumulieren. Die Arbeit sei im Verschwinden begriffen und der Kapitalismus nähere sich als Folge davon seiner endgültigen Krise.

Wenn man die heutigen ökonomischen Tendenzen auf diese Weise nachzeichnet, versteht man die von der Gruppe Krisis favorisierte politische Option: Sie lehnen, wie es angesichts der bevorstehenden Katastrophe des Systems nahe liegt, jede reformistische Strategie ab, wie Arbeitszeitverkürzung, Anerkennung sozialer Tätigkeiten außerhalb der Arbeit, Grundeinkommen/Existenzgeld etc – jede dieser „Reformen“ würde ja tatsächlich nur den Bestand des inhumanen kapitalistischen Gesellschaftssystems verlängern, das doch eben jetzt an seine unüberwindlichen historischen Grenzen stößt.

Eine Politik auf der Höhe der Zeit muss hingegen auf theoretischer Ebene bewusst die Kritik der Arbeit vorantreiben, während sie auf der Ebene der Praxis Aktionen der Aneignung umsetzt, um einen neuen öffentlichen Raum zu schaffen und eine neue selbstorganisierte Zivilgesellschaft, die sich über ihre Bedürfnisse bewusst ist.

Folgende schemenhaft skizzierte Punkte sind eine kurze kritische Vertiefung wert:

Arbeit = Kapital

Die Kritik an der Arbeit als der Kehrseite des Kapitals ist richtig und anregend, sie ist eine Wahrheit, die, obgleich schon von Marx erahnt, erst heutzutage offenkundig wird. Die Autoren der Gruppe Krisis erfassen jedoch nicht das entscheidende Moment, auf dem die versteckte Allianz zwischen Kapital und Arbeit beruht; sie verdunkeln vielmehr das Moment der Schaffung und Auspressung des Mehrwerts, d.h. den Prozess, mittels dem die Arbeit Werte schafft, die das Kapital sich aneignet. Die Autoren handeln in einer einzigen Kritik Kapital und Arbeit ab, weil beide letztendlich instrumentell agieren ohne Rücksicht auf die konkreten Ziele und materiellen Zwecke, die in der produktiven Tätigkeit angelegt sind.

Eine solche Argumentation, unzweifelhaft im Stil der Frankfurter Schule, führt die Gruppe Krisis dahin, dass sie die gesamte Arbeiterbewegung in sehr verkürzter Weise charakterisiert; die Arbeiterparteien sollen aus der Niederlage der ersten antikapitalistischen Revolten (Bauernkrieg, Ludditen etc.) hervorgegangen und das Zeichen für die Übernahme des kapitalistischen Arbeitsparadigmas sein.

Die Gruppe Krisis verwischt auf diese Weise einen Großteil der Geschichte der Arbeiterbewegung und versäumt es insbesondere zu bedenken, dass diese Geschichte, weit davon entfernt monolithisch und einheitlich zu sein, von einer Vielzahl widersprüchlicher Optionen gezeichnet ist. Mindestens zwei Stränge sind im Schoß der Arbeiterbewegung auszumachen, der eine reformistisch, der andere revolutionär. Jener hat mit dem Kapitalismus ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, das auch vorsah dessen unerträglichste Aspekte abzumildern; dieser hingegen hat immer von einer Gesellschaft frei assoziierter Produzenten geträumt, die sich in einer demokratisch organisierten Gesellschaft bewegen könnten.

Die Kritik an der Arbeit als einem instrumentellen Handeln erscheint weiterhin deshalb verkürzt, weil sie den dialektischen und widersprüchlichen Charakter ignoriert, den die Beziehung zwischen Kapital und Arbeit in der Geschichte hatte. Die Gruppe Krisis verliert kein Wort gegen das Kommandoregime oder gegen die wesentliche Bestimmung der Arbeit im kapitalistischen Umfeld; die Arbeiter des vergangenen Jahrhunderts haben unermüdlich versucht, den Willen der Unternehmer zu bremsen und ihm Grenzen zu setzen, indem sie den kapitalistischen Plänen ein Element des Widerstands entgegensetzten. Die Arbeiterbewegung ist insgesamt eine Bewegung für die Menschenwürde gewesen; das ist die Gemeinsamkeit der oben genannten beiden Strömungen, die es ihnen erlaubte, sich trotz der vielen und tiefen politischen Unterschiede, die sie in jeder Phase der Geschichte trennten, doch als Teil einer einzigen Geschichte zu fühlen

Die verkürzte Beurteilung der Arbeiterbewegung ist folgenschwer: Indem sie die Brücken zur Tradition und zur Gesellschaft, so wie sie ist, abbricht, muss die Gruppe Krisis zu einer politischen Option Zuflucht nehmen, die marktschreierisch ein radikal subjektivistisches Szenario mit einer völlig objektivistischen Analyse vermischt. Das Subjekt der Aneignungspraxis ist in der Tat nicht soziologisch bestimmt, sondern ein Aggregat von Individuen, die sich aus heiterem Himmel auf die Idee geeinigt haben, die Arbeit (und das Kapital) abzulehnen. Was aber wird letztendlich diese neue revolutionäre Praxis möglich machen? Die Antwort ist: das Kommen der Krise. Nicht einer vorübergehenden Krise – wie sie uns sagen – sondern DER Krise, der lang erwarteten, jener, die zum Zusammenbruch der auf abstrakter Arbeit beruhenden Gesellschaft führen wird. Die Aneignungsbewegung wäre also nichts anderes als die halb spontane Aktivierung von sozialen Mechanismen der Kooperation, einer Art Antikörper, welche die kollektive Intelligenz der Menschen ohne sich dessen bewusst zu sein in sich hat. Kurz: Bevor die Menschen im Elend und in historischer Regression versinken, würden sie sich daran machen eine selbstbestimmte Ordnung zu schaffen. Wie erstrebenswert und politisch nützlich diese Neuauflage einer Verelendungsoption wäre, kann jeder selber beurteilen.

Ende der Arbeit

Interessant ist es auch, auf die Bedeutung der zweiten Voraussetzung der Überlegungen der Gruppe Krisis einzugehen, die Hypothese vom Ende der Arbeit.

Diese analytische Annahme wird dem Leser, ob sie nun richtig oder falsch ist, einfach apodiktisch vorgesetzt, ohne dass irgendein Argument auch nur für einen Teil-Beweis vorgebracht würde. Tatsächlich ist in Kreisen antagonistischer Theoretiker die Tendenz weit verbreitet abstrakte Begriffe einzuführen (wie z.B. reele Subsumtion, Verbreitung der immateriellen Arbeit, Ende der Arbeit etc.), die wichtige soziale Gegebenheiten beschreiben sollen, ohne die statistischen oder ökonomischen Daten anzuführen, welche die vorgeschlagenen Lesarten untermauern würden. Der von der Gruppe Krisis eingeführte Begriff betrifft jedenfalls ein grundlegendes Thema, das in der aktuellen politischen Auseinandersetzung eine Hauptrolle spielt. Auch die theoretische Anstrengung wird sich auf diese Thematik richten müssen, also darauf, die grundlegende Tendenz zu bestimmten, die im Inneren der Arbeitsgesellschaft wirksam wird.

Die aktuell dazu vertretenen Positionen sind ziemlich unterschiedlich und auf unterschiedliche Weise abgestuft; einen Eindruck der Komplexität der Debatte kann man gewinnen, wenn man wenigstens das eine oder andere der zahlreichen Bücher und Artikel aufschlägt, die sich mit der bekannten Studie von J. Rifkin „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ auseinandersetzen. Die Gruppe Krisis z.B. scheint die These des amerikanischen Ökonomen fast zur Gänze zu übernehmen; andere weisen darauf hin, dass die Arbeit zwar weniger wird, aber dazu tendiert ihre Einflusssphäre weiter auszudehnen; wieder andere, eher orthodoxe Marxisten, bestehen darauf, dass auf Weltebene Arbeit im engeren Sinn (Arbeit in Fabriken und Werkstätten)sogar zunimmt.

Bezüglich der „Rifkin-Debatte“ scheinen mir diejenigen am ehesten richtig zu liegen, die behaupten, wir seien nicht am Ende der Arbeit angelangt, wir befänden uns vielmehr bloß an einem (wenn auch wichtigen) Wendepunkt, an einem Punkt der Reorganisation. Die Arbeitslosigkeit ist nicht das explosive Problem, das die Moderne beenden wird, weil zugleich mit der Zerstörung der alten typischen „Arbeitsplätze“ neue Arbeiten entstehen und neue Möglichkeiten der Auspressung von Mehrwert ständig hinzukommen.

Es ist nur teilweise eine Provokation zu behaupten, dass es in Italien heute Arbeitslosigkeit nicht gibt.

Die offiziellen Statistiken sprechen für dieses Land von einer Arbeitslosenrate, die sich um 12 % bewegt, andere nicht minder glaubwürdige Statistiken weisen jedoch aus, dass die irreguläre Wirtschaft nach verschiedenen Schätzungen zwischen 20 % (nach Censis) und 30 % (nach einer Untersuchung der Banca d’Italia) zum BIP beiträgt; laut Eurispes gibt es in Italien noch einmal fünf Millionen irregulärer Arbeiter; Censis gibt darüber hinaus an, dass in den letzten Jahren die Schattenwirtschaft weitaus stärker gewachsen ist als die reguläre Ökonomie. Zur informellen Ökonomie ist – statistisch nicht erfasst – auch der ausgedehnte Sektor der Freiwilligenarbeit (vor allem im sozialen Bereich) zu rechnen. Es geht dabei um eine große Zahl von Personen, wahrscheinlich um einige Millionen ItalienerInnen, die ihre Zeit gratis oder teilweise gratis zur Verfügung stellen, und zwar in einer Art und Weise, die der Verausgabung von Arbeitszeit vergleichbar ist: Freiwilligenarbeit leistet man außer Haus, an einem büroähnlichen Ort; sie bindet eine(n) oft an Aufgaben und Arbeitszeiten, die typisch für Lohnarbeit sind, und erfasst eine(n) mental und emotional mit der gleichen Eindringlichkeit, wie es Arbeit im eigentlichen Sinn zu tun pflegt. Diese Angaben dürften genügen, um den Mythos von der wachsenden Arbeitslosigkeit zu entzaubern. Die heutige Produktion bietet in Wirklichkeit eine große Zahl von Arbeitsmöglichkeiten, der Begriff Arbeitslosigkeit sollte grundlegend revidiert werden.

Der Arbeitslose ist nicht das inaktive und deprimierte Subjekt, unwiderruflich außerstande, seine Fähigkeiten auf dem Markt zu verkaufen. Der Arbeitslose ist fast immer in kurzfristigen Arbeitsverhältnissen beschäftigt, befindet sich in Schulungskursen, ist in vielerlei Gestalt in heutige Produktion eingebunden. Aber, so wird man einwenden, kann dies als Arbeit definiert werden? Gewiss, alles das passt in den postfordistischen Begriff von Arbeit.

Man sollte lieber aus Gründen wissenschaftlicher Klarheit den Begriff und Ausdruck „Arbeiter“ gänzlich aufgeben und ihn durch „Einkommensbeschaffer“ (procacciatore di reddito) ersetzen. Der heutige „Einkommensbeschaffer“ ist auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit für ökonomischen Erfolg; er beobachtet aufmerksam die Strömungen der Gelder, der Märkte und Dienstleistungen und bemüht sich in eine davon hineinzukommen um davon etwas für seine Fähigkeiten und Möglichkeiten abzuzweigen. In dieser Umwandlung des Arbeiters zum Einkommensbeschaffer liegt die ganze Bedeutung des derzeitigen Übergangs. Nur dann versteht man die gewaltige Tendenz zum „Selbstunternehmertum“ (ca. 13 Mio. „selbständige“ Arbeiter in Italien, d.h. 50 % der Beschäftigten), dann versteht man auch die Bedeutung der starken und unübersehbaren Tendenzen zur Entsolidarisierung der Gesellschaft und den Grund der aktuellen Krise der Politik und der Interessenvertretung etc.

In diesem spezifischen und historisch eingebetteten Sinn macht die Behauptung von Krisis vom Ende der Arbeit Sinn. In der geistigen Einstellung der Einkommensbeschaffer ist die Arbeit nicht länger eine Lebensweise noch ein Ort der Identifikation oder der sozialen Bestätigung – sie ist eine bloße Gelegenheit des Einkommenserwerbs, die fast mechanische Betätigung eines Geldspenders.

Zwei soziale Fragen zeichnen sich daher am Horizont ab und scheinen dazu bestimmt sich in Konflikten zu entladen: 1) das Problem des Einkommens samt dem Problem, wie sich die Zeit für die Jagd nach Einkommen einteilen lässt; 2) die Frage der Bewertung der sozialen Tätigkeiten vom Typ der Freiwilligenarbeit, die sich von den entlohnten Tätigkeiten nicht mehr unterscheiden lassen und doch insofern benachteiligt sind, als sie gesellschaftlich nicht als eines Einkommens wert anerkannt werden.

Diese beiden Spannungselemente schaffen eine „soziale Frage“ gänzlich neuer Art, die nicht mehr vom Elend und der Knappheit der Ressourcen herrührt, sondern dazu drängt, den überströmenden Reichtum der Gesellschaft in einer Art zu steuern, dass er sich nicht in einer paradoxen Form von Armut an Zeit und Einkommen konkretisiert.

Eine Politik der Wiederaneignung

Natürlich ist kein prinzipieller Einwand gegen diese Option zu machen, die von der Gruppe Krisis befürwortet wird. Die politische Umsetzung jedoch ergibt sich aus der Analyse, aus der richtigen Bestimmung der gesellschaftlichen Tendenzen. Wenn plausibel erscheint, was über die „neue soziale Frage“ gesagt wurde, ergibt sich von selbst, dass das Spektrum möglicher neuer Politik erheblich breiter ist, als die deutschen Autoren glauben.


[1] Erschienen in INFOXOA 016, Rom, Juni 2003 unter dem Titel: Appunti su il „Manifesto contro il lavoro“; Übersetzung von Lorenz Glatz.