31.12.2003  Beitrag drucken

Informalisiertes Elend


Über den Zusammenhang von informellem Sektor und moderner Warenproduktion

Erschienen in: blätter des iz3w, Nr. 267, März 2003

von Norbert Trenkle

Der Trend der Informalisierung der Weltökonomie wird sich noch gewaltig beschleunigen und in weit größerem Maße als bisher auch die kapitalistischen Metropolen erfassen. Oberflächlich betrachtet, mag dies als eine Rückkehr des Frühkapitalismus erscheinen. Tatsächlich jedoch kündigt sich eine viel grundsätzlichere Krise an.

Die Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Klitschen, Hinterhofwerkstätten und Schraubenzieherfabriken, in den Slumhütten und verfallenen Mietskasernen im globalen Süden, Osten und zunehmend auch im Westen erinnern phänomenologisch gesehen in vielerlei Hinsicht an die Zustände im Europa des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts: Arbeitszeiten fast rund um die Uhr, extreme Ausbeutung unter ungeheuer gesundheitsschädlichen und gefährlichen Bedingungen, minimale Löhne oder gar direkte Sklavenarbeit, ein hoher Anteil von Heimarbeit in Kombination mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten der Selbstversorgung, unbeschreiblich elende Wohnverhältnisse usw. Allgemeiner noch ließe sich sagen, dass all dies ohnehin nichts Neues unter der kapitalistischen Sonne sei. In der Peripherie war das Massenelend sowieso immer präsent, und in den Metropolen sei es nur für ein paar Jahrzehnte des Fordismus und des „Kalten Krieges“ vorübergehend zurückgedrängt worden. Nun kehre der Kapitalismus eben auch in den Metropolen wieder zu seiner strukturellen „Normalität“ der Überausbeutung zurück.

So richtig es freilich ist, dass der Kapitalismus schon immer nur einem kleinen Teil der Weltbevölkerung Wohlstand beschert, den größten Teil dabei in ungeheures Elend gestürzt oder belassen hat und dass auch der informelle Sektor immer schon integraler Bestandteil des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs war, so wenig lässt sich mit dieser allgemeinen Aussage jedoch die aktuelle Entwicklung hinreichend erklären. Der entscheidende Unterschied wird verwischt: War das frühkapitalistische Elend in Europa und den europäischen Kolonien ein Moment im Durchsetzungs- und Aufstiegsprozess der kapitalistischen Gesellschaft, ist das heutige globalisierte Massenelend hingegen Resultat eines säkularen Verfalls- und Abstiegsprozesses eben dieser Gesellschaftsformation, die in ihrem Niedergang noch einmal all ihre Zerstörungskraft entfesselt.

Die gescheiterte Integration

Der Kern dieses Krisenprozesses besteht in der Zuspitzung eines grundsätzlichen inneren Selbstwiderspruchs der modernen Warenproduktion. Auf der einen Seite ist sie darauf angewiesen, möglichst viele Arbeitskräfte in Bewegung zu setzen, um das eingesetzte Kapital zu verwerten. Andererseits unterliegt sie einem permanenten Druck zur Produktivitätssteigerung und das heißt letztlich, zur Verdrängung von lebendiger Arbeit. Dieses Dilemma ließ sich über fast zweihundert Jahre hinweg durch immer schnellere Expansion auflösen. Aber mit der mikroelektronischen Revolution hat sich das Tempo der betriebswirtschaftlichen Rationalisierung so sehr beschleunigt, dass in den Kernsektoren der Weltmarktproduktion trotz wachsendem Warenausstoß immer weniger Arbeitskräfte benötigt werden. Damit hat die Produktivkraftentwicklung einen Punkt erreicht, an dem sie in jeder Periode absolut mehr Arbeitskraft überflüssig macht, als durch eine Ausweitung der Produktion zusätzlich benötigt werden. Unter kapitalistischen Bedingungen kann diese Produktivitätssteigerung nicht dazu genutzt werden, allen Menschen auf der Welt ein gutes Leben zu ermöglichen. Vielmehr führt diese Entwicklung zum Abschmelzen der Wertmasse und untergräbt damit die Funktionsfähigkeit der Kapitalverwertung. Die Konsequenz ist nicht nur eine ökonomische Krise im engeren Sinne, sondern eine grundsätzliche Funktionskrise des warenproduzierenden Systems, in deren Zuge ganze Weltregionen, aber auch wachsende gesellschaftliche Sektoren innerhalb der Metropolen vom Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und sozialer Anerkennung überhaupt ausgeschlossen werden. Sie sind nur noch das Objekt von Repression und werden ansonsten sich selbst in ihrer Verelendung überlassen.

Für sich genommen ist der Ausschlussmechanismus zwar nichts Neues. Die globale Grundtendenz ist heute aber nicht mehr die der partiellen, aber voranschreitenden kapitalistischen Inklusion gewisser Bevölkerungsteile bei gleichzeitiger Exklusion anderer, sondern ein Prozess massenhafter Exklusion, der weltweit auch diejenigen gesellschaftlichen Segmente erfasst, die einmal fordistisch eingeschlossen waren; und dieser Prozess lässt sich kapitalistisch immanent nicht mehr rückgängig machen, sondern beschleunigt sich zunehmend. Mit anderen Worten: Die Perspektive einer Integration in Massenarbeit und Massenkonsum, wie sie in den Weltmarktzentren vorübergehend gelang und an der sich auch die Konzepte der nachholenden Modernisierung in der „Dritten Welt“ orientierten, gibt es nicht mehr und wird es auch nicht wieder geben.

Die Grenzen der Verwertung

In scheinbarem Widerspruch dazu steht, dass heute weltweit mehr Menschen als jemals zuvor ihren Lebensunterhalt mit einer auf den Markt oder die Warenproduktion ausgerichteten Tätigkeit verdienen. Statistisch gesehen gab es in der Geschichte wohl nie so viele marktwirtschaftliche Subjekte im weitesten Sinne, vom westlichen Computerexperten bis zur Straßenverkäuferin aus einer Favela. Wie lässt sich dies mit der aufgestellten Krisendiagnose vereinbaren?

Erstens: Wenn die kapitalistische Verwertung auch an ihre absoluten Grenzen stößt, so ist es ihr in ihrem historischen Durchsetzungsprozess doch gelungen, den allergrößten Teil der Weltbevölkerung der Form nach in Ware-Geld-Subjekte zu verwandeln. Das heißt, sie sind gezwungen, in irgendeiner Weise Geld zu verdienen (und seien es auch nur ein paar Cents täglich). Denn die sozialen, kulturellen und materiellen Grundlagen anderer gesellschaftlicher Reproduktionsweisen (z.B. der agrarischen Subsistenzwirtschaft) sind fast vollständig zerstört. Elemente davon haben sich in Form nachbarschaftlicher Selbsthilfe zwar in den Slums und Favelas erhalten oder stellen sich teilweise wieder neu her. Doch damit kann die alltägliche Reproduktion nur sehr partiell gesichert werden, schon aus dem einfachen Grund, weil sich Nahrungsmittel in den Städten höchstens in sehr kleinen Mengen herstellen lassen. Wenn aber Menschen Cola-Dosen oder Kaugummis auf der Straße verkaufen oder Billig-„Dienstleistungen“ jeder Art anbieten (vom Putzen, über die Reparatur von Geräten bis hin zur Prostitution), dann handelt es sich dabei zwar um Ware-Geld-Kreisläufe, doch findet dort keine Kapitalverwertung und somit keine Kapitalakkumulation statt. Es sind Kreisläufe zweiter und dritter Ordnung, die letztlich davon abhängen, dass die globalisierte Weltmarktproduktion noch einigermaßen funktioniert, denn mit ihr sind sie über verschiedene Vermittlungsstufen verbunden; sie sind auf einen wenigstens geringen Waren- und Geldzufluss von dort angewiesen. Deshalb werden diese abhängigen Ware-Geld-Kreisläufe auch immer dann vollends verfänglich, wenn ein Land oder eine Region vom Weltmarkt abgekoppelt wird, wie etwa in großen Teilen Afrikas. Dann geht das Existieren am Existenzminimum sehr schnell in massenhaftes (Ver-)Hungern über, weil die letzten Reste einer marktwirtschaftlichen Existenzgrundlage wegbrechen.

Zweitens: Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die Kapitalverwertung schon seit dem Kriseneinbruch der 70er Jahre – dem Ende der Fordismus – nicht mehr aus einer selbsttragenden Akkumulationsdynamik heraus funktioniert, sondern von einem stets wachsenden Zustrom „fiktiven Kapitals“ (Spekulation und Kredit) künstlich angefeuert wird. Nur so ließ sich bisher der volle Durchschlag der Krise auf die Kernsektoren der Verwertung und auf die Metropolen vorübergehend verhindern. Daher beruht ein Großteil der Warenproduktion auch dort, wo sie der Form nach wertschöpfend ist, in Wirklichkeit auf ungedeckten Wechseln auf zukünftige Wertschöpfung, die aber niemals stattfinden wird. Nur aus diesem Grund war überhaupt die enorme Verschiebung des Gewichts hin zum tertiären Sektor möglich, der oberflächen-soziologisch als Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gefeiert worden ist. Sie ist nichts anderes als ein Sekundärprodukt des kapitalistischen Krisenaufschubs mittels einer Aufblähung der Finanzmärkte. Auch der informelle Sektor hängt – insofern er auf den Zufluss von Geld und Waren aus dem formellen Sektor angewiesen ist – direkt und indirekt am Tropf der Finanzblase.

Bisher ist mit dem Zusammenbruch der „New Economy“ nur ein vergleichsweise kleiner Teil des „fiktiven Kapitals“ vernichtet worden (nämlich ein Teil der fiktiven Wertakkumulation seit 1996), aber schon dies hat die Stabilität der Weltwirtschaft gehörig erschüttert. Der eigentliche Entwertungsschub des seit den 70er Jahren aufgehäuften Kredit- und Spekulationsgebirges hat jedoch noch gar nicht stattgefunden, weil die westlichen Regierungen und Zentralbanken massenhaft ungedeckte Liquidität in die Finanzmärkte pumpen, um noch einmal ihre Haut zu retten. Zentralbankgeld gibt es in den USA heute praktisch umsonst, wie schon seit 1991 in Japan. Doch dauerhaft lässt sich dieser Börsenkeynesianismus nicht aufrecht erhalten, schon aufgrund der explodierenden Staatsdefizite. Wenn aber die Finanzblase platzt, bedeutet dies nicht nur den Rückschlag des lange aufgeschobenen Krisenpotenzials auf die Realökonomie, die Staatshaushalte, die Sozialsysteme und damit das Leben der Menschen in den Metropolen. Diese Entwicklungen werden auch die Peripherie in starkem Maße treffen. Das gilt ebenso für die abgeleiteten Ware-Geldkreisläufe zweiter und dritter Ordnung des informellen Sektors und damit für jene Abermillionen von Menschen, die so bisher noch auf Elendsniveau indirekt von der Weltökonomie abhängen.

Drittens: Keinesfalls im Widerspruch zu dieser Krisendiagnose stehen die vielen Millionen der weltweit direkt oder indirekt für transnationale Unternehmen produzierenden Billiglohnarbeiter- und SubunternehmerInnen. Richtig ist, dass sie durchaus eine wichtige Rolle in den brutalen betriebswirtschaftlichen Kostensenkungsstrategien spielen. Doch heißt das nicht, dass die billige Massenarbeit die gleiche Rolle für die Kapitalverwertung spielt wie in der Aufstiegsphase des warenproduzierenden Systems, also der ersten industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Auf dem damals noch insgesamt sehr niedrigen Niveau der Produktivkraftentwicklung war eine Akkumulation von Kapital in großem Maßstab überhaupt nur unter der Voraussetzung überlanger Arbeitszeiten und extrem niedriger Löhne möglich. Marx nennt diese Periode bekanntlich die Periode „absoluter Mehrwertproduktion“. Mit der Steigerung der Produktivkraft trat dann jedoch eine andere Form der Vernutzung von Arbeitskraft in den Vordergrund: die „relative Mehrwertproduktion“. Die Arbeitszeiten verkürzten sich, dafür wurde die Arbeit jedoch intensiver. Der Anteil des Lohns (genauer gesagt: des „variablen Kapitals“) an der gesamten produzierten Wertmasse sank zwar relativ, was umgekehrt bedeutete, dass der Mehrwert relativ wuchs; weil sich aber gleichzeitig die Produktivität der Arbeit insgesamt erhöhte (d.h. mehr Waren pro Zeiteinheit hergestellt wurden), konnten sich die ArbeiterInnen mit diesem Lohn die gleiche oder sogar eine größere Menge an Waren kaufen.

High-Tech-Elend

Die heutige Situation ist jedoch eine völlig andere. In der massenhaften Existenz von extrem schlecht bezahlter und informalisierter Elendsarbeit drückt sich nicht etwa eine noch relativ geringe gesellschaftliche Produktivkraft aus, sie ist umgekehrt die Rückseite der extrem weit fortgeschrittenen Anwendung von Wissenschaft auf die Produktion. High-Tech und prekarisierte Massenarbeit ergänzen sich zwar einerseits im Rahmen globalisierter Unternehmensstrategien, doch liegt die Dynamik stets auf Seiten der Produktivkraftentwicklung. Die Kluft zwischen den beiden Segmenten wird daher immer größer, der Produktivitätsstandard ständig angehoben und der Wert, den eine Stunde Arbeit darstellt immer weiter herabgesetzt. Stößt beispielsweise eine hochautomatisierte Bekleidungsfabrik in Europa mehrere tausend Hemden pro Stunde aus und kommt eine Näherin in einer Favela auf vielleicht drei oder vier Stück am Tag, dann liegt sie damit weit über der Norm gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, die von der High-Tech-Fabrik gesetzt wird. Und das bedeutet wiederum, dass ihre Arbeitsstunde gemessen am herrschenden Produktivitätsstandard nur ein verschwindend geringes Wertquantum repräsentiert. Die überlangen Arbeitszeiten der prekarisierten Arbeitskraft stellen sich also keinesfalls in einer großen Wertmasse dar und können daher auch nicht die Grundlage für einen neuen selbsttragenden Schub der Kapitalakkumulation sein – auch wenn sie natürlich die Profite der betreffenden Einzelunternehmen und Handelsketten füttern. Sie kompensieren nicht etwa die Verdrängung von Arbeitskraft durch Kapital in den fortgeschrittensten Segmenten der Weltmarktproduktion, sondern sind nur eine andere Form, in der sich dieser Verdrängungsprozess ausdrückt. Zwar wird durch diese Art der Ausbeutung, ganz im Sine der neoliberalen Theorie, teures Kapital durch billige Arbeit ersetzt, doch dies trägt nicht zu einer erweiterten Verwertung des Kapitals auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bei, wirkt also dem säkularen Krisenprozess, dem ja das Abschmelzen der Wertbasis im globalen Maßstab zugrunde liegt, nicht entgegen, sondern ist nur eine seiner Verlaufsformen.

Für die Betroffenen mag dieser Sachverhalt zunächst als irrelevant erscheinen, doch hat er entscheidende Konsequenzen für ihre Arbeits- und Lebensperspektiven und ebenso für die Ausrichtung sozialer Kämpfe. Zunächst bedeutet es für die Elendsarbeiterinnen und -arbeiter, dass sie einem ständig wachsenden Druck ausgesetzt sind, sich für noch weniger Geld und zu noch schlechteren Arbeitsbedingungen anzubieten. Dies nicht nur, weil die Konkurrenz untereinander weltweit schärfer wird, sondern vor allem, weil es die einzige Möglichkeit ist, im Wettbewerb mit den High-Tech-Segmenten der Produktion wenigstens zeitweise mitzuhalten. Damit übt aber die Produktivkraftentwicklung einen Druck aus, der genau entgegengesetzt ist, zu jenem in der Aufstiegsperiode des warenproduzierenden Systems in den westlichen Metropolen des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn es der Arbeiterbewegung dort gelang, weitgehende Verbesserungen in der materiellen Lebenslage für breite Schichten der Bevölkerung zu erkämpfen – was notwendigerweise auch mit einer Formalisierung der gesellschaftlichen Beziehungen einherging (Arbeitsrecht, Sozialstaat, Bürgerrechte etc.) – dann lag das nicht zuletzt daran, dass sie gewissermaßen mit ökonomischem Rückenwind agierte. Ihre Kämpfe standen im Kontext, einer historisch nicht wiederholbaren Doppelbewegung von rasanter Produktivitätsentwicklung und gleichzeitiger Expansion der kapitalistischen Produktionsweise.

Eine soziale Emanzipationsbewegung am Beginn des 21. Jahrhunderts müsste jedoch von völlig anderen Voraussetzungen ausgehen. Selbst wenn sie es wollte, kann es für sie nicht mehr um die massenhafte Integration in den formellen Sektor des warenproduzierenden Weltsystems gehen. Denn das hat nicht einmal mehr eine ohnehin schon erbärmliche sozialstaatliche und rechtliche Absicherung des Daseins als Arbeitstier zu bieten, sondern nur noch die fortschreitende Degradierung und den Ausschluss von immer mehr Menschen und Regionen. Schon aus diesem Grund haben soziale Kämpfe heute, auch wenn sie sich zunächst „nur“ um die Durchsetzung und Erhaltung simpler materieller und zivilisatorischer Standards drehen mögen, nur dann eine Perspektive, wenn sie sich gegen die Warengesellschaft und ihre Institutionen richten.