31.12.2003  Beitrag drucken

Kommentare und Gedanken zur Krise der Arbeit

Les Éditions Rouge et Noir

erschienen in: Krisis 27 (2003)

Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifest gegen die Arbeit [1]

Die Arbeit befindet sich in einer Krise! Endlich, möchte man hinzufügen. Eine Lektüre des Manifestes der Gruppe Krisis zeigt, dass alle moralischen, ökonomischen oder politischen Argumente, die die herrschenden Mächte vorbringen, um die „Tätigkeit der Unmündigen“ (S. 20) [2] zu rechtfertigen, nicht standhalten. Krisis zufolge erleben wir das Ende der Arbeit. Die Folge ist ein gesellschaftlicher Sinnverlust, da alle unsere Tätigkeiten auf die Verwertung von Kapital via Lohnarbeit abzielen. Dieser Sinnverlust betrifft nicht nur den kapitalistischen und staatlichen Machtapparat, sondern auch die Linken, die die „Befreiung“ der Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das Krisis-Manifest zeigt sehr gut, dass es auf einem derartig repressiven Gebiet wie der Arbeit nichts zu befreien gibt. Jenseits der Trümmer der Arbeitsgesellschaft gilt es neue Praktiken zu erfinden, dem Sozialen einen neuen Sinn zu verleihen.

Um nun aber eine Diskussion über die gegenwärtige Entwicklung und die darin aufscheinenden Möglichkeiten einzuleiten, meinen wir, dass bestimmte Punkte der Krisis-Thesen ernsthaft kritisiert werden müssen. Diese Kritik soll keine leere Polemik sein, sondern einen bescheidenen Beitrag zu den Debatten über die Zukunft des Kapitalismus und den Alternativen zu ihm liefern. Zunächst stellen wir der Ansatz von Krisis zur Problematik des Patriarchats und der Beherrschung der Frauen infrage. Zweitens bezweifeln wir stark den deterministischen Charakter der Krise von Arbeit und Kapitalismus, so wie das Manifest ihn beschreibt. Und schließlich scheint uns die Frage der in den Prozess der krisenhaften Zuspitzung verwickelten Akteure nur sehr unbefriedigend gelöst zu sein. Grundsätzlich geht es um den Charakter der historischen Prozesse: haben wir es mit einer „Geschichte“ zu tun, die linear und auf bestimmte Weise abläuft und in einem Schlussmoment kulminiert (Kapitalismus, Endkrise, usw.) oder mit einer Verschränkung von Prozessen und Kämpfen, von denen man auf keine Finalität schließen kann?

Die Art der Unterdrückung der Frauen wirft die Frage nach des Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Instanzen von Herrschaft und Ausbeutung auf. Die gesellschaftliche Unterordnung der Frauen, u.a. über die Abwertung der ihnen zugeschriebenen Aktivitäten und Eigenschaften, geht nicht auf den Kapitalismus zurück, wie die feministischen Historikerinnen zeigen. Sie beruht auf Hierarchierungsprinzipien, die diesem und der Arbeitsgesellschaft vorgängig sind. Und nicht nur in den kapitalistischen Gesellschaften barbarisiert sich das Patriarchat. Das Abwälzen von Verantwortung auf die Frauen erscheint uns nicht nur als Folge der gegenwärtigen Umstrukturierungen, sondern als bewusste Strategie zur Reproduktion des Kapitals in Kontinuität mit der Zwangsverpflichtung der Frauen auf die Funktionen der gesellschaftlichen Reproduktion (Haushalt, Kindererziehung, Pflege von Bedürftigen, usw.). Unter anderem dank dieser Zwangsverpflichtung hat der Kapitalismus sich entwickelt.

Das Manifest gegen die Arbeit behauptet, dass „das Vordringen der Frauen in die Sphäre der Arbeit keine Befreiung bringen (konnte), sondern nur dieselbe Zurichtung für den Arbeitsgötzen wie bei den Männern“ (S. 19). Wenn auch die geschlechtsspezifische Prekarisierung der Arbeit und die Zwangsmaßnahmen, um Sozialhilfeempfängerinnen und arbeitslose Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse zu zwingen nichts Befreiendes hat, so lässt sich dennoch nicht leugnen, dass der Zugang zur Lohnarbeit und die Beschäftigungsentwicklung im öffentlichen Dienst eine wichtige Rolle im Leben der Frauen gespielt haben, die legitimerweise nach Autonomie und wirtschaftlicher Unabhängigkeit gestrebt haben. Damit reden wir aber nicht der vergeblichen Reaktivierung des Keynesianismus das Wort, der ohnehin seine Versprechungen nie gehalten hat, weder gegenüber den Frauen noch gegenüber vielen anderen. Selbstverständlich verurteilen wir auch nicht die Widerstandsstrategien gegen die Lohnarbeit. Wir sind bloß der Ansicht, dass der Ausschluss von der Lohnarbeit im Rahmen von Herrschaftsverhältnissen zwischen den Geschlechtern auch eine stärkere Unterdrückung der Frauen im häuslichen Bereich bedeuten kann.

In diesem Zusammenhang von Umstrukturierungsstrategien des Kapitalismus zu reden, setzt voraus, dass dieser nicht nur ein einfaches System darstellt, und dass ihn nicht „Gesetze“ regieren, sondern eine ganze Reihe von Tendenzen, die das Handeln von Subjekten implizieren. Genauer gesagt: eines der wesentlichen Postulate in der Analyse des Manifests geht davon aus, dass der Kapitalismus, mit der immer tiefgreifenderen Einführung von Technologie und Wissenschaft in die Produktionsprozesse seine endgültige Grenze erreicht hat. Dieser Widerspruch zwischen abnehmender „Produktinnovation“ und brodelnder „Prozessinnovation“ soll zur Folge haben, dass der Rückgriff auf die Arbeitskraft unweigerlich zurückgeht. Bislang sei dieser Produktivitätsanstieg durch die Expansion der Märkte absorbiert worden. Nun seien die Märkte endgültig gesättigt, was zu einem Sinken des Konsums und dadurch zu einer immer stärkeren Streichung von Arbeitsplätzen führe. Die Eliminierung lebendiger Arbeitskraft durch die technologische Entwicklung würde somit das Todesurteil der Lohnarbeit und folglich des Kapitals unterzeichnen.

Diese Sichtweise ist zutiefst deterministisch: die Entwicklung der Produktivkräfte führt zum Zusammenbruch des Kapitalismus. Die Behauptung vom „Ende der Arbeit“, also der Eliminierung menschlicher Arbeit zugunsten der Maschine, verschleiert die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit zwar ansteigt, dieser Prozess aber mit einer Intensivierung der Ausbeutung derjenigen Frauen und Männer einhergeht, die noch einen (oder mehrere) Job(s) haben. Verschleiert werden auch die Transformationen, welche der Lohnarbeitsstatus durchlaufen hat. Der feste und durch Tarifverträge garantierte Arbeitsplatz neigt tatsächlich dazu zu verschwinden. Jedoch macht er einer Vielfalt von Lohnarbeitsformen Platz: Zeitarbeit, Vertragsarbeit, Teilzeitarbeit, Selbstunternehmertum, Schwarzarbeit, usw. Ganz zu schweigen von der plötzlichen Begeisterung für private oder kooperative Mikro-Unternehmen, die über ein formelles Zulieferverhältnis mit dem kapitalistischen Betrieb den Wunsch nach Autonomie (im wahrsten Sinne des Wortes!) ausbeuten.

Diesen technologischen Determinismus überwindend, sehen wir dort, wo Krisis von „Prozessinnovation“ spricht, vor allem die Reorganisierung der Arbeitsprozesse, durch die die „mikroelektronische“ Revolution  gerade ihren Sinn erhält. Diese neue Organisation des Systems lässt verschiedene Formen der Arbeitsorganisation nebeneinander  bestehen (zusätzlich zu der Vielfalt der von uns erwähnten Lohnarbeitsverhältnisse) und zwar nicht nur im Produktionssektor sondern auch in der Grauzone der Dienstleistungen. Diese verschiedenen Organisationsweisen der Arbeit haben gemeinsam, dass sie dem Kapital die maximale Flexibilisierung der Arbeitskraft ermöglichen. Sie gehen einher mit Sozialpolitiken, die darauf ausgerichtet sind, die arbeitslosen Frauen und Männer in Zwangsarbeitsverhältnissen zu halten oder sie hinein zu zwingen. Diese verschärfen so die Konkurrenz und tragen, über ihre ideologische Rolle hinaus, zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei.

Die Restrukturierung der Arbeitsprozesse schreibt die gesellschaftlichen Herrschaftsbeziehungen in aktualisierten Formen fort, ob es sich dabei um die Standortverlagerung der Arbeitsausbeutung in so genannte Dritte-Welt-Länder handelt, um die von klandestinen Migrantinnen und Migranten (Standortverlagerung nach innen) oder um von Frauen geleistete bezahlte oder unbezahlte Funktionen. Die Flexibilisierungsstrategien auf dem Arbeitsmarkt inspirieren sich übrigens an den Managementstrategien gegenüber weiblichen Arbeitskräften, wie dem Rückgriff auf Teilzeitarbeit und die Schaffung besonderer Statusformen entsprechend den Bedürfnissen des Unternehmens. Bei diesem Zerfall des Lohnarbeitsystems sind die Frauen übrigens noch besonders betroffen, so dass man von einer geschlechterspezifischen Flexibilisierung sprechen kann.

Berücksichtigt man, dass das System sich der Ein- und Ausgrenzungsverhältnisse noch in Räumen bedienen kann, die noch nicht völlig der kapitalistischen Logik unterworfen sind (wie die Geschlechter- und interkulturellen Beziehungen), so stellt sich die Frage, ob man behaupten kann, das Kapital habe seine Grenze erreicht. Gewiss, das Wachstum, das das System zwischen 1945 und 1975 gekannt hat, ist nicht mehr möglich. Deshalb ist der Zusammenbruch des Systems aber nicht sicher, hat der Kapitalismus doch schon gezeigt, dass er seine Widersprüche überwinden kann. Wenn es keine so vielversprechenden neuen Märkte mehr gibt wie zuvor (Asien und die osteuropäischen Länder haben die vom Kapital in sie gesetzten Erwartungen bislang nicht erfüllt), so gibt es doch, neben der Hausarbeit, noch Felder (Gentechnik, „Öko-Business“, Pharmaindustrie, neue Reproduktionstechniken), die bearbeitet werden können, auch wenn dies noch genauer diskutiert werden muss. Und dann sind da noch die alten Rezepte, die wieder benutzt werden können (und werden!): Stärkere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Dritten Welt, Militarismus, usw. Weniger eine absolute als eine relative Grenze sehen wir sich hier abzeichnen.

Was sich hier grundsätzlich stellt, ist die die Frage nach den Akteuren dieser Krise. Denn in der von Krisis entwickelten deterministischen Perspektive, erfolgt der Zusammenbruch des Kapitalismus als Konsequenz seiner Entwicklung und nicht als Ergebnis menschlichen Handelns. Wer sind also die Subjekte, die die Arbeitsdiktatur in Frage stellen? Das Manifest antwortet nur vage darauf: die Lohnabhängigen werden als ins Kapital „integriert“ gesehen. Es bleiben nur noch Individuen, die das Lohnsystem in Frage stellen. Tatsächlich macht sich die systemische Sichtweise des Manifests an gewissen Aspekten der Krise des Kapitalismus in den 70er Jahren fest. Die Fähigkeit der tayloristischen Organisation, ihre früheren Produktivitätsniveaus aufrecht zu erhalten, mögen sich erschöpft haben, doch wie kann man die technisch-ökonomischen Grenzen, die die „Prozessinnovation“ einschränken, hervorheben, ohne den Widerstand der Arbeiter gegen das Kapital innerhalb der Produktionsverhältnisse zu erwähnen? Dieser Widerstand beinhaltete sowohl Lohnforderungen als auch die implizite und explizite Ablehnung der tayloristischen Arbeitsorganisation. Minoritäre Gruppen von Arbeiterinnen und Arbeitern haben in der Vergangenheit nicht nur die Herrschaft des Kapitals, sondern auch die Lohnarbeit selbst in Frage gestellt und versucht, alternative Produktionsweisen zu erproben (theoretisch erfolgte diese Infragestellung, oft widersprüchlich, durch Lafargue, die Situationisten und die italienischen Operaisten). Mögen diese Experimente innerhalb der verschiedenen linken Bewegungen auch nicht hegemonisch gewesen sein, so scheinen sie uns doch einen historischen Erfahrungsschatz darzustellen, aus dem man schöpfen kann.

Diese Ablehnung der Arbeit verweist auch darauf, dass das Proletariat, in seinen Kämpfen, um zum Subjekt „für sich“ zu werden, sich als partikulare gesellschaftliche Kategorie nur negieren kann. Mit Recht verwirft das Manifest von Krisis den Interessenkampf der verschiedenen Sozialkategorien, die in der Logik des Systems gefangen bleiben. Die Gruppe denkt über die Bedingungen eines Bruchs mit den Kategorien der Arbeit nach, nur kann dieser Bruch, so Krisis, auf kein „bestimmtes gesellschaftliches Lager“ (S. 41) zählen. Wir müssen uns dann die folgende Frage stellen: welches sind die Bedingungen einer Verschärfung der Krise der Arbeit außerhalb ihrer ausdrücklichen Formulierung als kritische Reflexion? Mit anderen Worten: wie lässt sich, um es mit der deutschen Gruppe zu sagen, eine „Gegenöffentlichkeit“ (S. 41) bilden. Die – fundamentale – Praxis der theoretischen Debatte kann sich nicht selbst genügen, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Daraus ergibt sich eine zweite Frage: wer sind die gesellschaftlichen Subjekte und welche gesellschaftlich-historische Erfahrung steht hinter dieser Arbeitskritik? Wir können nicht umhin, skeptisch zu sein angesichts des Krisis-Programms, das sich mit der Idee „weltweiter Verbünde frei assoziierter Individuen“ (S. 42) begnügt. Es wird so ausgeblendet, dass die Subjektivität der Subjekte der Arbeitsverweigerung sich innerhalb eines Prozesses bildet, in dem Frauen und Männer die Erfahrung der Arbeit und ihrer Kritik machen.

Die oben erwähnen früheren Entwürfe einer globalen Alternative zum Kapitalismus lassen sich vermitteln mit bestimmten Kämpfen, die heute an den Arbeitsplätzen stattfinden (Zurückweisung der Produktivität, der Überstunden, der Diskriminierungen, der Ungleichheiten usw.), mit Widerstand gegen die Zwangsarbeit und mit gewissen Initiativen am Rande. Es ist klar, dass diese Initiativen nur Teilaspekte betreffen und schwerlich anders als als bloße individuelle Lösungen erscheinen; ihre kollektive und politische Dimension tritt kaum zutage unter dem Druck, sich durchzuschlagen und die eigene Misere selbst zu verwalten. Opposition ist nicht selbstverständlich in einer Welt, wo selbst die Illusion Dinge umzuwandeln – eine Illusion, die die Idee der Arbeit transportierte – verschwindet. Eine Welt, in der – wie Krisis zeigt – die Mythen von Wachstum und Fortschritt zusammenbrechen zugunsten der Herrschaft, die sich auf die Entwicklung der Techno-Wissenschaft stützt sowie auf Netzwerke und Symbolmanipulateure, die das gesellschaftliche Potential ausbeuten. Opposition ist nicht selbstverständlich: was aber nicht selbstverständlich ist, muss diskutiert werden und verlangt nach der Rückkehr kritischer Subjektivität. Denn wer darauf wartet, dass die Maschine des Kapitals von selbst stoppt, läuft Gefahr, auf den eigenen Tod zu warten.


[1] Manifeste contre le travail, Québec 2003, übersetzt von Olivier Galtier, Wolfgang Kukulies und Luc Mercier

[2] Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die deutsche Ausgabe (d. Ü.).