27.12.2003  Beitrag drucken

Kontinuität und Singularität

Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation

erschienen in: Krisis 27

Franz Schandl

Wer vom Nationalsozialismus spricht, sollte dessen historische Bezüge nicht verschweigen. So ähnlich dürfte Enzo Traversos Imperativ gelautet haben, als er daran ging, seine „europäische Genealogie des Nazi-Terrors“ zu konzipieren. „Heute gibt es bei zahlreichen Historikern die Tendenz, die Verbrechen des Nationalsozialismus aus der Geschichte der westlichen Welt zu verbannen.“ (S. 13) Nun hat der aus der trotzkistischen Tradition kommende Autor ein knapp gehaltenes und flüssig geschriebenes Buch, das nie langweilt, vorgelegt. Einen Band, der auch ohne große Vorkenntnisse gelesen werden kann.

Traverso, der an der Universität Jules Verne der Picardie in Amiens Politische Wissenschaften und Zeitgeschichte lehrt, betont darin sehr wohl die Einzigartigkeit, spricht aber dezidiert nicht von einem Sonderweg: „Die Singularität des Nationalsozialismus liegt also nicht in seinem Gegensatz zum Westen, sondern in seiner Fähigkeit, eine Synthese aus den verschiedenen Formen der Gewalt zu finden.“ (S.152) Auschwitz erscheint so nicht als Abweichung von irgendeinem normalen Lauf der Geschichte, sondern als deren negativer Höhepunkt, als „ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation“ (S. 155) Die Shoa war zwar kein „natürliches Ergebnis“ dieser Entwicklung, wohl aber ein mögliches: „Schon eher wäre Auschwitz als ihr pathologischer Ausdruck zu interpretieren.“ (S. 152)

Historisierung ohne Relativierung

Dieser Standpunkt könnte als der einer Historisierung ohne Relativierung umschrieben werden. Der Aspekt der Einordnung des Nazismus wird allzu oft unterschlagen gegenüber seinen reellen Gräueln. Das mag seine moralische Berechtigung haben, führt jedoch zu einer inhaltlichen Verklärung dieses nicht zufällig so genannten „dunkelsten Kapitel“ in der Menschheitsgeschichte. Manchmal hat man das Gefühl, dass nicht wenige entschiedene Gegner des Nationalsozialismus jenes bewusst oder unbewusst im Dunkeln lassen wollen, wäre doch die angezeigte Verwandtschaft absolut erschreckend, außerdem würde dies das demokratische Ritual stören. Auschwitz wird dann zu einem negativen Sakrament, das nur noch Ehrfurcht zulässt, die ja nichts anderes als transformierte Furcht ist. Nach dem Motto: Nur Staunen ist erlaubt, Erkennen ist unmöglich. Natürlich, es gibt keinen Begriff, der den Schrecken wirklich adäquat erfassen kann. Nichtsdestoweniger ist der Versuch des Begreifens unabdingbar, will man nicht vor der gewesenen Tatsächlichkeit und den zukünftigen Möglichkeiten ideell kapitulieren. Denn „so bliebe Auschwitz ein völliges Rätsel.“ (S. 12).

Der von der stalinistischen KPD ausgeschlossene Karl Korsch schrieb bereits 1942 im amerikanischen Exil: „Die Neuheit der totalitären Politik ergibt sich aus der Tatsache, dass die Nazis auf die ,zivilisierten‘ europäischen Völker die Methoden ausgeweitet haben, die bisher den ,Eingeborenen‘ und den ,Wilden‘ vorbehalten waren, die außerhalb der sogenannten Zivilisation lebten.“ (S. 53-54) Diese Sicht mag inzwischen verkürzt wirken, trotzdem aber ist es wichtig, diesen aktuell vernachlässigten Zusammenhang aufzuzeigen. Das Konzentrationslager etwa ist eine Erfindung aus den Burenkriegen, letztlich eine direkte Ausgeburt des Kolonialismus. Aber erst die Nazis steigerten jenes ins Vernichtungslager vom Typus Auschwitz-Birkenau.

„Man muss also in den Kolonialkriegen und nicht im bolschewistischen Russland ,das logische und faktische Prius‘ der Naziverbrechen suchen,“(S. 78) behauptet Traverso. Laut dem österreichischen Sozialdarwinisten Ludwig Gumplowicz waren die „Hottentotten“ als „Geschöpfe zu betrachten, die man wie das Wild des Waldes ausrotten darf.“ Ähnlich dachten auch die Frontiers über die Indianer: „Der Wilde musste aufhören zu existieren“ (S. 64), sagte der US-amerikanische Historiker Frederick J. Turner 1893. Die Auslöschungsphantasien betreffend bestimmter Sorten von Menschen sind älter als der Nationalsozialismus. „Die Gaskammern und die Verbrennungsöfen stellen den Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der Industrialisierung des Todes dar, in den die instrumentelle Rationalität sowohl der Produktion wie der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die Bürokratie, das Gefängnis) Eingang gefunden hat.“ (S. 24-25)

Das System der Lohnarbeit ist laut Marx jenes, in das „hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert“ (MEW23:765) werden muss, um die notwendige Disziplin, die wir heute intus haben, durchzusetzen. An anderer Stelle nannte Marx die von ihm als „Arbeitshaus“ titulierte Fabrik, das „Haus des Schreckens“ (MEW23:293). Der größte analytische Unsinn ist der, in der nationalsozialistischen Barbarei etwas „Vorzivilisatorisches“ auszumachen. Die Unmenschlichkeit war jedoch keine prämoderne, sie war ganz auf der „Höhe“ ihrer Zeit. Henry Friedländer hat in seiner Studie „Der Weg zum NS-Genozid“ wohl zu recht die Vernichtungslager als „Schlachthöfe für menschliche Wesen“ definiert (S. 41).

Günther Anders schreibt im zweiten Band seiner „Antiquiertheit des Menschen“ (S. 22): „Die Verwandlung des Menschen in Rohstoff hat wohl (wenn wir von Kannibalen-Zeiten absehen) in Auschwitz begonnen. Dass man aus den Leichen der Lagerinsassen (die selbst bereits Produkte waren, denn nicht Menschen wurden getötet, sondern Leichname hergestellt) gewiss die Haare und die Goldzähne, wahrscheinlich auch das Fett entnahm, um die Stoffe zu verwenden, das ist ja bekannt. Ebenso, dass die amerikanischen Soldaten mit japanischen Goldzähnen aus dem Pazifik heimkehrten: mit eigenen Augen habe ich Beutel voller Zähne gesehen, die GI’s zeigten mir diese – ich weiß, wie unglaubhaft das klingt: arglos. Arglos eben deshalb, weil es ihnen selbstverständlich war, in der Welt einen Rohstoff zu sehen, und ebenso selbstverständlich, dieser Welt eben auch die japanischen Mitmenschen zuzurechnen (die man freilich vorher durch systematische Diffamierung zu ,Affen‘ degradiert hatte.)“ Ähnlich auch Traverso: „Die Entwertung des menschlichen Lebens war von einer Entmenschlichung des Feindes begleitet, die von der militärischen Propaganda, der Presse und der wissenschaftlichen Literatur verbreitet wurde.“ (S. 95)

Die Analogien zum Wertbegriff sind erschreckend wie erhellend: Tötung wird zur Bedingung, um die Entwerteten als Getötete (wieder) verwerten zu können. Genau wie Anders anmerkte, die Leiche wird zum Produkt. Ist das „rest in peace“ aber aufgehoben, dann beginnt ein regelrechter Wettlauf bei der Produktion und der Ausschlachtung von Leichen. Die Sprache, die uns der Wert in seinen Worten sprechen lässt, ist verräterisch, aber ebenso unsere Ignoranz, die ausgesprochene Wahrheit wahrnehmen zu können. Vor allem im Begriff des „lebensunwerten Lebens“ findet der Wertbegriff wirklich seine sprachliche Endlösung.

Die Nazis und der Westen

Die Nazis verstanden sich als durchaus proeuropäisch, das Dritte Reich war laut Goebbels der „Erretter der europäischen Kultur und Zivilisation“(S. 79). „Die Vorstellung, dass die Zivilisation die Eroberung und Vernichtung der ,minderwertigen‘ oder ,schädlichen Rassen‘ erforderlich mache, oder die instrumentelle Konzeption der Technik als Mittel zur organisierten Vernichtung des Feindes sind von den Nazis nicht erfunden worden, sie stellen einen ,mentalen Habitus‘ Europas seit dem 19. Jahrhundert und der Entstehung der Industriegesellschaft dar. Die in dieser Studie skizzierte Genealogie betont die Zugehörigkeit der Gewalt und der Verbrechen des Nationalsozialismus zum gemeinsamen Fundus der westlichen Kultur.“(S. 152)

Von der britischen Kolonialpolitik waren die Nationalsozialisten durchaus beeindruckt. Hingegen waren Bündnisse mit Bewegungen (oder auch Völkerschaften) in der sogenannten Peripherie höchst taktisch motiviert. „Was für England Indien war“, meinte Hitler im September 1941, kurz nach dem Beginn der Offensive gegen die UdSSR, „wird für uns der Ostraum sein.“ „Wenn die Engländer aus Indien hinausgetrieben würden, so würde Indien verkommen.“ Hitler sprach von einer „historischen Mission“, die er mit der Eroberung des Wilden Westens verglich: „Die Eingeborenen? Wir werden dazu übergehen, sie zu sieben. (…) Es gibt nur eine Aufgabe: eine Germanisierung durch Hereinnahme der Deutschen vorzunehmen und die Ureinwohner als Indianer zu betrachten“ (alles zit. nach S. 75-76)

„Deswegen wurden 1941 im Krieg gegen die UdSSR die Vernichtung des Kommunismus und die Ausrottung der Juden als absolut untrennbare Aufgaben geplant.“ (S. 123; vgl. auch S. 72f.) In dieser Zeit erlebten auch die Bekenntnisse zu Europa und das Gerede vom Kreuzzug seinen Höhepunkt. Der Krieg gegen den Westen war nicht zu vergleichen mit dem Vernichtungsfeldzug gegen den Osten, dort ging es „bloß“ gegen Arier zweiter Klasse. Auch der Antisemitismus wurde diesen Leuten – siehe Ford, siehe Churchill – erst im Zweiten Weltkrieg so richtig ausgetrieben. Übrig blieb dann ein vom Antisemitismus gereinigter Antikommunismus.

Der offene Antisemitismus war fester Bestandteil der Vorkriegsmentalität des Abendlandes. Hitler hat ihn nicht erfunden, er hat auf ihm aufbauen können. Das macht nun die Verbrechen der Nazis überhaupt nicht kleiner, sondern demonstriert bloß, welch monströse Kraft die antijüdische Grundhaltung darstellte. Auch in der Sowjetunion, wo der Bolschewismus zwar die im Zarismus üblichen Pogrome beseitigte, gleichzeitig aber der siegreiche Stalinismus immer wieder die antisemitische Karte gegen die innere Oppositon (Trotzki-Bronstein, Sinowjew-Radomilski, Kamenjew-Rosenfeld) zückte. Und es gab Rotarmisten, die die Deutschen abgrundtief hassten, aber gleichzeitig ihnen zur Beseitigung der Juden gratulierten. Dies zeigt nur an, wie verroht selbst die Befreier aus diesem Krieg herausgegangen sind. Die großen Verbrechen sind nun nicht durch die kleineren zu relativieren, aber die kleineren dürfen sich auch nicht im Schatten des Enormen verborgen halten, so als hätte es sie gar nicht gegeben.

Die Mär, der Nationalsozialismus sei primär eine antiwestliche Kraft gewesen, ist hartnäckige Ideologie, vor allem verbreitet von den westlichen Alliierten und ihren ideellen Nachfahren, den Anbetern der metropolitanen Zivilgesellschaften. Hier werden vorhandene Ressentiments der Nazis falsch dimensioniert, um ja nicht die Fährte aufzunehmen, die Enzo Traverso empfiehlt. Die Nazis waren Bewunderer des Taylorismus, des Le Bon’schen Sozialdarwinismus oder der neuen Lehren des John Maynard Keynes. Adolf Hitler war begeistert von Henry Fords antisemitischem Traktat „International Jew“. Es erreichte im Dritten Reich 37 Auflagen. Ford und Volkswagen waren Namen ein und derselben Automobilisierung der Gesellschaft.

Solche Erkenntnis entlasten nun Deutschland überhaupt nicht, aber sie belasten Europa und die ganze Welt. Und noch immer. Der Nationalsozialismus kann somit nicht zur Rechtfertigung des „normalen“, westlichen Kapitalismus dienen, einer Rechtfertigung, die mit dem Verweis auf den Genozid die Bombardierung Belgrads oder die Eroberung Bagdads geradewegs zum Gebot erhebt, um ein neues Auschwitz zu verhindern.

Ein Antifaschismus , der eine Apologie des Westens betreibt (z.B. Daniel Goldhagen) verkennt den Nazismus, wenn er ihn trotz aller richtigen Zentrierung auf ein deutsches Phänomen reduziert. Eine notwendige Debatte darüber ist freilich überschattet von den oft beliebigen und inflationären Vorwürfen des Relativismus und der Verharmlosung. Was als Schlagwort zur Abfertigung revanchistischer Literatur durchaus sinnvoll ist, ist in einer reflektierten kritischen Debatte reines Gift.

In einem Punkt muss Enzo Traverso allerdings widersprochen werden. Er schreibt: „Der Judenmord war kein Ausbruch einer bestialischen und primitiven Gewalt, sondern eine dank eines geplanten industriellen Systems ,ohne Hass‘ vorgenommene Massentötung.“ Der Judenmord war beides, und jede Diskussion darüber, was denn da „besser“ gewesen sei, sollte sich erübrigen. Es gab sowohl reine Schreibtischtäter als auch unzählige antisemitische Triebtäter (und auch Mischtypen). Nicht alle antijüdischen Pogrome waren von den Nazis organisiert, der völkische Mob wurde des Öfteren selbst tätig. Hass und Kalkül schließen sich nicht aus, im Nazismus ergänzten sie sich „hervorragend“. Diese Gewalt war so vielleicht nicht primitiv, weil seriell hergestellt, wohl aber bestialisch. Die Eigengesetzlichkeiten der Bürokratie, das Interesse am reibungslosen Ablauf der „Endlösung“ (vgl. S 48ff.) ist lediglich eine Ebene, die ebenfalls nicht überstrapaziert werden sollte.

Kein Sonderweg

Die Endlösung ist eine „historische Zäsur“ (S. 12) gewesen, aber eigentlich kein Zivilisationsbruch. Der Westen darf durch die Nazis nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Die Differenzen zum Singulären sollen nicht das Allgemeine vergessen machen, was jenes auf den Weg brachte. Der Sonderweg war demnach eher ein Sonderzug auf den Geleisen der Zivilisation, von Freiheit, Demokratie, Aufklärung, nicht etwas, das jener kategorisch widersprochen hätte. „Wenn die Gaskammern heute als Zivilisationsbruch angesehen werden, dann deswegen, weil sie die Aporien dieser Zivilisation und ihr Zerstörungspotential aufzeigen.“ (S. 7)

„Sowohl die Atombombe wie die Vernichtungslager der Nazis gehören zum ,Prozess der Zivilisation‘, in dem sie keine Gegentendenz oder Verirrung darstellen (…), sondern Ausdruck einer ihrer Möglichkeiten, eines ihrer Gesichter, ein in ihr mögliches Abgleiten sind“ (S. 154-155) schreibt Traverso. „Zwischen den Massakern der imperialistischen Eroberungen und der ,Endlösung‘ gibt es nicht nur ,phänomenologische Affinitäten‘ noch entfernte Analogien. Dazwischen besteht eine historische Kontinuität, die aus dem liberalen Europa des 20. Jahrhunderts und aus Auschwitz ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation machte.“ (S. 155)

Dieses Zerstörungspotential ist ja nun keineswegs demokratisch entsorgt oder gar erloschen. Es dürfte um ein Vielfaches gestiegen sein, schon alleine, was das Arsenal seiner Mittel betrifft. Und auch wenn es sich kaum nationalsozialistisch wird konfigurieren können, „ist diese Feststellung nicht sonderlich beruhigend. Denn nichts schließt aus, dass andere Synthesen, die genauso oder vielleicht noch zerstörerischer sind, sich in Zukunft noch herauskristallisieren können.“ (S. 154)

Enzo Traverso, Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors, Neuer ISP Verlag, Köln 2003, 160 Seiten, 15 Euro