31.12.2003  Beitrag drucken

Krisis 27 erschienen

Der Epochenbruch von 1989 versprach, davon waren die westlichen Sieger fest überzeugt, den Beginn eines friedlichen Zeitalters. In einer im Zeichen von Demokratie, Menschenrechten und globalisierten Märkten geeinten Welt würden Krieg und Gewalt zu Auslaufmodellen. Diese Hoffnung griff zwei uralte Basisannahmen des Aufklärungsdenkens auf, um sie in sich zu vereinen. Zum einen wiederholte sie die seit dem 18. Jahrhundert umgehende Fama, im Herrschaftsbereich der Grundprinzipien der Moderne, Vernunft, Freiheit und Recht, sei für Blutvergießen eigentlich kein Platz. Kriege wären stets von staatlichen Akteuren losgetreten worden, die nicht auf dem Boden dieser Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stünden. Mit dem Endsieg des Westens seien solche Kräfte verschwunden, ergo verwandle sich damit die Erde in einen Hort des Friedens. Zum anderen wurde der laufende Globalisierungsprozess als Verfriedlichungsgarant verstanden, weil mit dem Triumph des totalen Marktes die potentielle Kriegsmacht Staat gegenüber der vermeintlichen Friedensmacht Markt zusehends ins Hintertreffen gerät.

Die Entwicklung der letzten Dekade hat die Erwartungen, die Welt würde mit dem Endsieg des Westens friedlicher, gründlich dementiert. Dieses Dementi ist freilich nicht so zu verstehen, dass Optimisten aus richtigen Voraussetzungen voreilige Schlüsse gezogen hätten. Unhaltbar sind vielmehr die aus dem Fundus des Aufklärungsdenkens stammenden Basisannahmen. Sie stellen die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Zum einen reimen sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keineswegs auf Friede und Versöhnung. Näher berochen, entströmt diesen Prinzipien vielmehr seit jeher ein unangenehm süßlicher Geruch, ein Fluidum von Tod und Mord, das heute verstärkt freigesetzt wird.

(Ernst Lohoff, Gewaltordnung und Vernichtungslogik)

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