31.12.2003  Beitrag drucken

Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft: Schluss

Abschließende Bemerkungen

Ziel dieser Studie war es, die von Marx in seinem Spätwerk entwickelte kritische Theorie vermittels einer genauen Untersuchung ihrer grundlegendsten Kategorien neu zu interpretieren und von hier aus eine begriffliche Neubestimmung des Wesens der kapitalistischen Gesellschaft vorzunehmen. Ein wichtiges Anliegen bestand darin, die erheblichen Unterschiede zwischen der Marxschen Theorie und traditionellen marxistischen Interpretationen herauszuarbeiten. Ich habe gezeigt, daß die Theorie von Marx eine stringente Kritik dieser Interpretationen bereitstellen kann, eine Kritik, die diese Interpretationen als gesellschaftlich bestimmte begreift, indem sie sie in denselben Kategorien analysiert, die sie zur kritischen Analyse des Kapitalismus verwendet. Diese erneuerte Interpretation der Marxschen Analyse ermöglicht, mit anderen Worten, eine Kritik des traditionellen Marxismus, die zugleich eine andere kritische Theorie des Kapitalismus darstellt. Und sie transformiert die Bezüge zwischen Marxscher Theorie und anderen Gesellschaftstheorien.

Den Schlüssel der hier entwickelten Interpretation der Marxschen Theorie lieferte die Unterscheidung zwischen einer Kapitalismuskritik von einem Standpunkt der ›Arbeit‹ im traditionellen Sinne einerseits, und einer auf der kritischen Analyse des historisch bestimmten Charakters der Arbeit im Kapitalismus basierenden Kritik andererseits. Meine Untersuchung hat gezeigt, daß der zuerst genannte Standpunkt im Zentrum des traditionellen Marxismus steht und daß Marx so nicht verstanden werden sollte. Wir haben gesehen, daß dessen Analyse des historisch einzigartigen Charakters der Arbeit als einer gesellschaftlich vermittelnden Tätigkeit im Kapitalismus für seine Untersuchung der diese Gesellschaft charakterisierenden Verhältnisse und Subjektivitätsformen zentral ist. Nach Marx konstituiert die Doppelfunktion der Arbeit im Kapitalismus als abstrakte Arbeit und als konkrete Arbeit – als einer Tätigkeit, die die Verhältnisse der Menschen untereinander und mit der Natur vermittelt – die grundlegende strukturierende Form des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus: die Ware. Für ihn ist die Ware eine gesellschaftlich konstituierte Form und zugleich die konstituierende Form gesellschaftlicher Praxis – sowohl auf ›subjektiver‹ als auch ›objektiver‹ Ebene. Die Marxsche Theorie der zentralen Bedeutung der Arbeit für das gesellschaftliche Leben im Kapitalismus ist also eine Theorie des spezifischen Charakters der gesellschaftlichen Vermittlungsform in dieser Gesellschaft – einer durch Arbeit konstituierten Vermittlungsform quasi-objektiven Charakters – und nicht eine Theorie des notwendigen gesellschaftlichen Primats der durch Arbeit vermittelten Interaktion zwischen Mensch und Natur. Diese Fokussierung auf die gesellschaftliche Vermittlung statt auf die ›Arbeit‹ (oder die Klasse) bedeutet, daß die Marxsche gesellschaftliche Erkenntnistheorie, die Arbeit und Bewußtsein in Beziehung setzt, als Theorie verstanden werden sollte, die Formen gesellschaftlicher Vermittlung (konstituiert durch strukturierte Formen von Praxis) und Subjektivitätsformen als ineinander verschränkt begreift. Eine solche Theorie hat nichts gemein mit einer Wiederspiegelungstheorie oder mit der Auffassung, Denken gehöre dem ›Überbau‹ an. Auch der gängigen Identifizierung einer ›materialistischen‹ Subjektivitätstheorie mit einer auf Interessen reduzierten Theorie läuft sie zuwider.

Meine Untersuchung hat gezeigt, daß Marx die grundlegenden Züge der kapitalistischen Gesellschaft ausgehend vom Doppelcharakter der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Vermittlung rekonstruiert. Seine kategoriale Analyse charakterisiert das moderne gesellschaftliche Leben hinsichtlich mehrerer herausragender Merkmale, die sie in Beziehung zueinander setzt und gesellschaftlich begründet. Zu diesen Merkmalen gehören der quasi-objektive, ›notwendige‹ Charakter gesellschaftlicher Herrschaft – das heißt das unpersönliche, abstrakte und alles durchdringende Wesen einer Form von Macht, die persönlich-real oder institutionell-konkret nicht lokalisiert werden kann –, die ununterbrochene richtungsgebundene Dynamik der modernen Gesellschaft und ihrer durch Arbeit vermittelten Formen sowohl der Interdependenz wie der individuellen materiellen Reproduktion. Gleichzeitig greift diese kategoriale Analyse einige offensichtliche Anomalien des modernen gesellschaftlichen Lebens auf, um sie als inhärente Aspekte ihrer gesellschaftlichen Strukturformen erklären zu können: die fortgesetzte Erzeugung von Armut inmitten von Überfluß, die scheinbar paradoxen Effekte arbeits- und zeitsparender Technologie auf die Organisation gesellschaftlicher Arbeit und Zeit sowie das Ausmaß, in dem das gesellschaftliche Leben durch abstrakte und unpersönliche Kräfte gesteuert wird, trotz der wachsenden Fähigkeit der Menschen, ihre gesellschaftliche und natürliche Umwelt zu steuern.

Folglich ist die Marxsche Analyse der Ware als der widersprüchlichen Einheit von sowohl abstrakter als auch konkreter Arbeit, sowohl Wert als auch stofflichem Reichtum, zentral für seine Auffassung des Kapitalismus und dafür, was dessen Abschaffung mit sich bringen würde. Sie liefert die begriffliche Grundlage für die Dialektik von Transformation und Rekonstitution und gestattet dadurch eine kritische gesellschaftliche und historische Analyse der Form des Wirtschaftswachstums, des Charakters und des Entwicklungsverlaufs von Produktion, Verteilung und Verwaltung sowie des Wesens der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft. Die Marxschen Basiskategorien begründen eine gesellschaftliche Analyse dieser Grundmerkmale der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur, sondern setzen sie auch von innen heraus in Beziehung zur wachsenden Kluft zwischen der Ohnmacht und Fragmentierung individueller Arbeit und Existenz einerseits, Macht und Reichtum der gesellschaftlichen Totalität andererseits. Meine Untersuchung der Marxschen Analyse der Produktionssphäre hat gezeigt, daß seine Kritik des Gegensatzes zwischen der gesellschaftlichen Totalität und den Individuen nicht einfach eine Kritik des historischen Prozesses der ›gesellschaftlichen Differenzierung‹ schlechthin artikuliert, die vom Standpunkt einer romantisierten Auffassung der unmittelbaren Einheit von Individuum und Gesellschaft aus formuliert wird. Vielmehr basiert seine Kritik auf einer Analyse der Besonderheit dieses Gegensatzes im Kapitalismus. Er analysiert ihn als abhängig von der entfremdeten Form, in der allgemeine gesellschaftliche, menschliche Fähigkeiten und Kenntnisse historisch im Kapitalismus konstituiert werden, und erklärt diese entfremdete Form in bezug auf den Charakter der durch Arbeit vermittelten gesellschaftlichen Verhältnisse. Ausgehend von einer Analyse des Kapitals liefert Marx eine fruchtbare Kritik des spezifischen Charakters jenes Gegensatzes, den die kapitalistische Gesellschaft zwischen einer objektivierten allgemeinen, gesellschaftlichen Dimension und den Individuen konstituiert. Er widerspricht dadurch der Auffassung, daß dieser Gegensatz, wie er sich zum Beispiel in der Form kapitalistischer Industrieproduktion materialisiert, eine notwendige Begleiterscheinung jeder auf hochentwickelter gesellschaftlicher Arbeitsteilung beruhenden, technologisch fortgeschrittenen Produktionsweise sei. So vorgehend läuft seine Analyse auf den Nachweis der Möglichkeit einer grundlegend anderen Art und Weise der ›Differenzierung‹ hinaus.

Die historische Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ist für Marx gesellschaftlich konstituiert, nicht-linear und nicht-evolutionär. Sie ist weder kontingent beziehungsweise willkürlich, wie dies für historische Veränderungen in anderen Gesellschaftsformen der Fall gewesen sein mag, noch handelt es sich um eine transhistorisch evolutionäre oder dialektische Entwicklung. Vielmehr haben wir es mit einer historisch spezifischen dialektischen Entwicklung zu tun, die ihren Ursprung in besonderen und kontingenten historischen Umständen hat, dann aber einen abstrakt universellen und notwendigen Charakter annimmt. Diese historische Dialektik zeitigt einerseits fortwährende und sich beschleunigende Transformationsprozesse aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens und andererseits die fortwährende Rekonstitution der grundlegenden Strukturmerkmale des Kapitalismus. Es ist für unsere Zwecke wichtig, daran zu erinnern, daß die Dialektik von Transformation und Rekonstitution in der Marxschen Analyse letztlich im Unterschied zwischen Wert und stofflichem Reichtum gründet, also im Doppelcharakter der konstituierenden gesellschaftlichen Vermittlung des Kapitalismus. Mag der Markt auch das Mittel zur Verallgemeinerung dieser Dialektik im bürgerlichen Kapitalismus sein, so kann die Dialektik selbst nicht hinreichend aus den bürgerlichen Distributionsverhältnissen abgeleitet werden.

In der Marxschen Analyse konstituiert also der Doppelcharakter der Arbeit und nicht etwa der Markt und das Privateigentum an Produktionsmitteln den Kern des Kapitalismus. Ihre Darstellung des Entwicklungsverlaufs der Produktion etwa zeigt, daß bürgerliche Distributionsverhältnisse von zentraler Bedeutung in der frühen Entwicklung des Kapitalismus waren. Ist die Entwicklung aber abgeschlossen, verlieren diese Verhältnisse strukturell an Bedeutung. Meine Untersuchung hat gezeigt, daß eine ausschließliche Fokussierung auf diese bürgerlichen Aspekte des Kapitalismus die entscheidende Bedeutung der Unterscheidungen zwischen abstrakter und konkreter Arbeit, zwischen Wert und stofflichem Reichtum, verschleiern kann.

Eine ›Arbeitstheorie des Reichtums‹ zum Beispiel mag imstande sein, Klassenausbeutung theoretisch zu erklären; eine Theorie, die betont, daß im Kapitalismus um des Profits und nicht des Nutzens willens produziert wird, mag aufzeigen können, wie dieses Ziel zu technischen Innovationen in der Produktion führt; eine traditionelle marxistische Theorie mag in der Lage sein, den krisengeschüttelten Charakter des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses im Kapitalismus zu erklären. Indes sind all diese theoretischen Ziele zu erreichen, ohne die von Marx zu Beginn seiner Ausführungen eingeführten grundlegenden Unterscheidungen zur Kenntnis nehmen zu müssen. Wie ich aber gezeigt habe, enthält die Marxsche Theorie auch eine Kritik des Charakters der Form des Wirtschaftswachstums im Kapitalismus sowie des Charakters des Entwicklungsverlaufs des kapitalistischen Produktionsprozesses, also des ihm inhärenten Gegensatzes zwischen objektiviertem allgemeinem, gesellschaftlichen Wissen und lebendiger Arbeit. Diese Kritik, die auch eine Kritik des quasi-objektiven und richtungsgebundenen dynamischen Charakters gesellschaftlichen Zwangs im Kapitalismus und der Strukturierung des Gesellschaftszusammenhanges im Sinne eines Gegensatzes zwischen abstrakten und konkreten Dimensionen ist, basiert letztlich auf der Marxschen kritischen Analyse des Doppelcharakters der Arbeit im Kapitalismus. Sie unterscheidet sich grundlegend von einer Kritik des Kapitalismus vom Standpunkt der transhistorisch verstandenen ›Arbeit‹.

Darüber hinaus behandelt die Marxsche Analyse des Kapitals das Konzept der Totalität auf eine Weise, die im Widerspruch steht sowohl zum traditionellen Marxismus als auch zu zahlreichen aktuellen Kritiken am Marxismus. Wir haben gesehen, daß die Marxsche Theorie das Kapital als gesellschaftliche Totalität analysiert, als entfremdete Form, die letztlich konstituiert wird von der durch Arbeit vermittelten Form gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie enthält somit eine Kritik der gesellschaftlichen Totalität. Die Totalität wird von ihr nicht in der Manier des traditionellen Marxismus affirmiert als das im Sozialismus zu Verwirklichende; das also existiert, sobald der Partikularismus der bürgerlichen Gesellschaft erst überwunden ist. Anders als viele aktuelle Positionen, die ebenfalls kritisch Totalität mit Herrschaft assoziieren, leugnet die Marxsche deren gesellschaftliche Existenz jedoch nicht, sondern analysiert sie als von der herrschenden Form gesellschaftlicher Vermittlung abhängig und sucht die Möglichkeit ihrer Aufhebung aufzuzeigen. Einer solchen Interpretation dienen sowohl die Affirmation der Totalität als auch die Verneinung ihrer Existenz dazu, die Herrschaft des Kapitals aufrechtzuerhalten.

Die Unterschiede zwischen der Marxschen Kritik und dem traditionellen Marxismus sind also erheblich. Tatsächlich sind die beiden in vielerlei Hinsicht entgegengesetzt: viel von dem, was letzterer affirmiert, wird von Marx kritisiert. So haben wir gesehen, daß die Marxsche Theorie nicht die – durch Privateigentum und Markt strukturierten – Klassenverhältnisse als die den Kapitalismus grundlegenden Verhältnisse erachtet. Ähnlich besteht die kritische Stoßrichtung der Kategorien von Wert und Mehrwert nicht einfach darin, eine Theorie der Ausbeutung zu begründen. Weder affirmiert die Marxsche Theorie den kapitalistischen Produktionsprozeß, um die kapitalistischen Distributionsmuster zu kritisieren, noch impliziert sie, das Proletariat sei das revolutionäre Subjekt, das sich in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft selbst verwirklichen werde. Für Marx ist der innere Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft weder ein struktureller – zwischen kapitalistischen Verhältnissen und Industrieproduktion – noch ein soziologischer – zwischen Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse –; wobei die jeweils an zweiter Stelle genannten ihrem Wesen nach als vom Kapitalismus unabhängig, auf eine mögliche sozialistische Zukunft verweisend, gesehen würden. Allgemeiner gefaßt: Marx behauptet nicht, daß Arbeit das transhistorische Strukturprinzip des gesellschaftlichen Lebens sei; er begreift die Konstitution gesellschaftlichen Lebens nicht als eine durch (konkrete) Arbeit vermittelte Subjekt-Objekt-Dialektik. Sie liefert keine transhistorische Theorie der Arbeit, der Klasse, der Geschichte oder des Wesens des gesellschaftlichen Lebens selbst.

Grundlegend unterscheidet sich meine Untersuchung der Kategorien der Marxschen selbstreflexiven Kritik von den traditionellen Marxinterpretationen in der Auffassung vom Charakter des Kapitalismus und dessen Aufhebung. Wir haben gesehen, daß Arbeit im Kapitalismus – weit davon entfernt der Standpunkt der Marxschen Kritik zu sein – deren Gegenstand ist. In seiner späten Theorie ist die Kritik der Ausbeutung und des Marktes eingebettet in eine weitaus grundsätzlichere Kritik: in die der konstituierenden Zentralität der Arbeit im Kapitalismus als letzter Grund für die abstrakten Herrschaftsstrukturen, die der zunehmenden Fragmentierung der individuellen Arbeit und individuellen Existenz sowie die Kritik der blinden, außer Kontrolle geratenen Entwicklungslogik der kapitalistischen Gesellschaft und der Großorganisationen, die die Menschen zunehmend subsumieren. Diese Kritik analysiert die Arbeiterklasse vielmehr als integralen Bestandteil des Kapitalismus, und nicht als Verkörperung seiner Negation. Indem sie die Aufhebung des Werts als möglich aufzeigt, zielt die Marxsche Kritik auf die Aufhebung der für den Kapitalismus charakteristischen Strukturen abstrakten Zwangs, die mögliche Abschaffung proletarischer Arbeit und die Möglichkeit einer anderen Organisation der Produktion, wobei sie zugleich auf deren inneren Zusammenhang verweist.

Zu Beginn dieser Studie bemerkte ich, daß die historischen Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre – wie die Entwicklung und Krise des staatsinterventionistischen postliberalen Kapitalismus, der Aufstieg und spätere Zusammenbruch der ›real existierenden sozialistischen‹ Gesellschaften, das Auftreten neuer gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Probleme auf globaler Ebene und das Entstehen neuer sozialer Bewegungen – die Unzulänglichkeiten des traditionellen Marxismus als einer kritischen und emanzipatorischen Gesellschaftstheorie deutlich gemacht haben. Diese Entwicklungen zeigen die Notwendigkeit einer fundamentalen Neubestimmung der kapitalistischen Gesellschaft. Meine neue Interpretation der Marxschen Theorie könnte einen fruchtbaren Ausgangspunkt für solch ein neues, grundsätzliches Nachdenken über das Wesen des Kapitalismus und die Möglichkeit seiner historischen Transformation liefern.

Da die von mir umrissene Interpretation den Brennpunkt der Kapitalismuskritik von der ausschließlichen Befassung mit Markt und Privateigentum abzieht, könnte sie die Grundlage einer dem postliberalen Kapitalismus angemesseneren kritischen Theorie der modernen kapitalistischen und auch der ›real existierenden sozialistischen‹ Gesellschaften legen. Ich habe beispielsweise gezeigt, daß der im Kapital entwickelte Widerspruch zwischen den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wesentlich keiner zwischen Industrieproduktion und liberalen kapitalistischen Institutionen ist und daß er nicht auf die Verwirklichung der Produktivkräfte hinausläuft. Weit davon entfernt, eine Kritik des Marktes und des Privateigentums vom Standpunkt der Industrieproduktion und des Proletariats an die Hand zu geben, liefert die Marxsche Theorie die Grundlage für eine Analyse des industriellen Produktionsprozesses als seinem Wesen nach kapitalistisch. Die Marxschen Kategorien von Ware und Kapital bringen sowohl das innere Organisationsprinzip der industriellen Großproduktion als auch die quasi-automatische Dynamik des Kapitalismus zum Ausdruck. Auch liefern sie einen Ausgangspunkt für die Analyse postliberaler Formen außerhalb der unmittelbaren Produktionssphäre, etwa kollektiver Formen gesellschaftlicher Organisation. Wir haben gesehen, daß die volle Entwicklung der Warenform tatsächlich die Entwicklung solcher kollektiver gesellschaftlicher Formen umfaßt. Erinnern wir uns: die Ware wird nur dann totalisiert, wenn die Arbeitskraft zur Ware geworden ist. Realisiert ist die logische Bestimmung der Arbeitskraft als einer Ware historisch indes nur dann, wenn Arbeiter effektiv die Kontrolle über diese Ware ausüben. Sie können das – folgt man der Marxschen Analyse – nur als kollektive Warenbesitzer; die Totalisierung des Werts erfordert kollektive Organisationsformen.

Die Marxsche Analyse ist also nicht notwendig an den liberalen Kapitalismus gebunden, sondern impliziert vielmehr, daß die volle Entwicklung der kategorial erfaßten gesellschaftlichen Formen über dessen liberale Phase hinausweist. Hinzu kommt, auch wenn diese Studie ihr Hauptaugenmerk auf die Strukturierung des Produktionsprozesses gerichtet hat, daß die Implikationen der Marxschen kategorialen Analyse weit über die unmittelbare Produktionssphäre hinausreichen. Ich habe gezeigt, daß seine Analyse der Strukturierung des gesellschaftlichen Lebens durch die Ware nicht auf diese Sphäre beschränkt bleibt: er analysiert die Ware als die grundlegendste und allgemeinste gesellschaftliche Vermittlung der kapitalistischen Gesellschaft. Ich habe auch gezeigt, daß Marx den Wert als gesellschaftliche Form begreift, die nicht manifest ist, aber eine tiefenstrukturelle Ebene des modernen gesellschaftlichen Lebens determiniert und hinter dem Rücken der gesellschaftlichen Akteure wirkt. Wert ist nach Marx konstituierend für Bewußtsein und Handlung und wird doch von den Menschen konstituiert – auch wenn ihnen seine Existenz nicht bewußt ist. Sein Wirken braucht sich deshalb nicht auf die unmittelbare Produktionssphäre, aus der er offenbar hervorgeht, zu beschränken. Dementsprechend bleibt auch die von mir skizzierte Analyse der durch Ware und Kapital erzeugten hierarchischen Organisationsform großen Maßstabs, in der die Menschen als Rädchen einer rationalisierten Mega-Maschine funktionieren, nicht auf die unmittelbare Produktionssphäre beschränkt.

Diese Betrachtungen legen nahe, daß die Marxsche Theorie eine allgemeine kritische Gesellschaftsanalyse der für den fortgeschrittenen Kapitalismus charakteristischen Entwicklung riesiger rationalisierter bürokratischer Produktions- und Verwaltungsorganisationen auf der Grundlage einer systematischen Analyse der Strukturierung des gesellschaftlichen Lebens durch die Warenform möglich macht.1 Sie ermöglicht, mit anderen Worten, eine Analyse, die das, was Max Weber als die Rationalisierung aller Sphären des gesellschaftlichen Lebens in der modernen Welt analysierte, gesellschaftlich begründen und als ihrem Wesen nach widersprüchlich begreifen könnte.2

Eine solche Analyse würde die Prämissen nicht teilen, die der Analyse des postliberalen Kapitalismus durch die Frankfurter Schule als einem eindimensionalen, total verwalteten Gesellschaftszusammenhang zugrundeliegen. Meine Untersuchung der Marxschen Analyse des Produktionsprozesses hat gezeigt, daß sein Verständnis des widersprüchlichen Wesens der kapitalistischen Gesellschaft sich stark von der traditionellen Auffassung unterscheidet, die Friedrich Pollocks Versuch prägte, die qualitativen Veränderungen im Kapitalismus des 20. Jahrhunderts zu erfassen. Eine auf der Marxschen Theorie fußende Analyse würde genau jene bedeutenden qualitativen Entwicklungen als kapitalbestimmt und im Kern widersprüchlich begreifen, die für Pollock die Aufhebung des Grundwiderspruchs des Kapitalismus anzeigten, ohne daß die Gesellschaft emanzipatorisch transformiert worden wäre.

Die in dieser Studie umrissene Interpretation der Marxschen Auffassung des widersprüchlichen Charakters der strukturierenden Formen des Kapitalismus und der darin enthaltenen Dialektik von Transformation und Rekonstitution ermöglicht – auf einer hoch-abstrakten logischen Ebene – auch eine Analyse jüngerer Entwicklungen, die eine neue Phase kapitalistischer Entwicklung zu markieren scheinen. Indem sie die Idee einer dialektischen historischen Entwicklung auf einer grundsätzlicheren Ebene als der der Distributionsweise wieder aufgreift, ist eine solche Interpretation weniger linear als die Pollocksche Auffassung, gemäß der der liberale Kapitalismus durch den Staatskapitalismus ersetzt worden sei. Sie könnte deshalb als Ausgangspunkt dienen, den möglicherweise neuen Übergang in die Entwicklung des Kapitalismus zu verstehen, der durch eine Schwächung staatszentrierter Formen im Westen und den Zusammenbruch staatskontrollierter Formen im Osten charakterisiert ist – das heißt durch die teilweise Umkehrung des Trends zu wachsender Staatskontrolle, der den Übergang vom liberalen zum organisierten Kapitalismus geprägt hatte. Aus dieser Perspektive behandelte Pollocks Analyse dieses Übergangs als linear, was heute als Moment einer dialektischeren Entwicklung erscheint. Der von mir vorgestellte Ansatz könnte dieser Entwicklung adäquater sein und erste Grundlagen dafür legen, die einander ähnlichen historischen Entwicklungsverläufe des staatsinterventionistischen Kapitalismus und des ›real existierenden Sozialismus‹ als zwei, wenn auch recht unterschiedliche Varianten einer gemeinsamen Phase der globalen Entwicklung des Kapitals zu begreifen.

Neu über das Wesen des Kapitalismus nachzudenken bedeutet, dessen Aufhebung neu zu bestimmen. Die Marxsche Theorie, wie sie hier interpretiert wurde, affirmiert weder die bestehenden Formen gesellschaftlicher Produktion und Verwaltung als notwendige Begleiterscheinungen der ›Modernität‹, noch fordert sie zu deren Abschaffung auf, sondern weist über den Gegensatz dieser zwei Positionen hinaus. Wir haben zum Beispiel gesehen, daß Marx den Produktionsprozeß nicht aus technischer Perspektive behandelt, sondern ihn gesellschaftlich, in bezug auf zwei gesellschaftliche Dimensionen analysiert, die im Kapitalismus zwar ineinander verquickt sind, jedoch konzeptionell getrennt werden können. Als eine kritische Theorie der modernen Gesellschaft analysiert die Marxsche Theorie gesellschaftliche Herrschaft als dem Produktionsprozeß und anderen ›Institutionen‹ dieser Gesellschaft inhärent. Dabei blickt sie nicht sehnsüchtig in die Vergangenheit zurück, sondern unterschiedet begrifflich, was auf einer unmittelbaren, praktischen Ebene im Kapitalismus ununterscheidbar ist – nämlich was aufgrund des Kapitals für eine Gesellschaft mit technologisch fortgeschrittener Produktion und einer hochgradig entwickelten, gesellschaftlichen Arbeitsteilung notwendig ist – von dem, was bei Abschaffung des Kapitals für eine solche Gesellschaft notwendig wäre. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist eine kritische Theorie der Modernität, deren Standpunkt nicht die vorkapitalistische Vergangenheit ist, sondern jene vom Kapitalismus geschaffenen Möglichkeiten, die über ihn hinaus weisen. Insofern die Marxsche Kritik die abstrakten, quasi-objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus und das Wesen der Produktion, der Arbeit und der Imperative des Wachstums in dieser Gesellschaft gesellschaftlich begründet und sich kritisch dazu verhält, könnte sie die Basis für eine Analyse aktueller Entwicklungen liefern, die die Ursachen vieler Besorgnisse, Unzufriedenheiten und Bestrebungen der heutigen Zeit adäquater ansprechen könnte als der traditionelle Marxismus.

Dieses Verständnis des widersprüchlichen Charakters des Kapitalismus ermöglicht die Unterscheidung zwischen drei Hauptformen gesellschaftlich konstituierter Kritik und Opposition im Kapitalismus. Die erste beruht auf dem, was Menschen als traditionelle Formen betrachten, und richtet sich gegen die Zerstörung dieser Formen durch den Kapitalismus. Die zweite gründet sich auf die Kluft zwischen den Idealen der modernen kapitalistischen Gesellschaft und deren Wirklichkeit. Diese Form ist charakteristisch für ein breites Spektrum verschiedenster Bewegungen, die von liberalen Bürgerrechtsbewegungen bis zu Bewegungen der Arbeiterklasse (sobald diese konstituiert worden ist) reichen. Meine Interpretation stellt eine dritte Hauptform von Kritik und möglicher Opposition dar – eine, die auf der wachsenden Kluft zwischen den durch den Kapitalismus geschaffenen Möglichkeiten und seiner Wirklichkeit basiert. Damit könnte für eine Analyse der neuen sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte eine fruchtbare Grundlage geschaffen sein.3

In ihrer hier vorgelegten Form beinhaltet die Marxsche Kritik auch einen Zugang zur Frage nach den Bedingungen von Demokratie in einer postkapitalistischen Gesellschaft, die ich an dieser Stelle allerdings nur streifen kann. Sie liefert jedenfalls die Basis für eine Analyse der gesellschaftlichen Grenzen der Demokratie in der kapitalistischen Gesellschaft, die über die traditionelle Kritik an der Kluft zwischen formaler politischer Gleichheit und konkreter sozialer Ungleichheit hinaus geht. Die traditionelle Position besagt, daß die Minimierung der riesigen Disparitäten von Reichtum und Macht, die in den kapitalistischen Distributionsverhältnissen ihren Grund haben, eine notwendige gesellschaftliche Bedingung für die Realisierung eines demokratischen politischen Systems im wirklichen Sinne sei. Im Lichte des hier Dargelegten betreffen solche Überlegungen aber nur einen Aspekt der gesellschaftlichen Grenzen für Demokratie in der kapitalistischen Gesellschaft. Was auch erfaßt werden muß sind die Beschränkungen, der die demokratische Selbstbestimmung aufgrund der abstrakten Form der Herrschaft unterliegt, eine Form, die in der den Kapitalismus konstituierenden quasi-objektiven, totalisierenden, historisch dynamischen Formen gesellschaftlicher Vermittlung angelegt ist.

Wir haben gesehen, daß für Marx diese Form gesellschaftlicher Herrschaft das Wesen des Wachstums, die Form gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion sowie das Verhältnis der Menschen zur Natur in der kapitalistischen Gesellschaft prägt. Diese Prozesse erscheinen jedoch keineswegs als gesellschaftliche, so daß die Diskussion über ihre Transformation einem im höchsten Grade utopisch vorkommen mag. Die Marxsche Analyse besteht jedoch darauf, daß diese Zwänge gesellschaftliche sind: sie sind ihrem Wesen nach weder technischer Art noch notwendige Aspekte der Modernität. Darüber hinaus sind die in Ware und Kapital angelegten Zwangsformen nicht statisch, sondern dynamisch. Die Abschaffung dieses Aspekts der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist meiner Rekonstruktion der Marxschen Analyse zufolge aber nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, soll die Menschheit sich von einer dynamischen Form gesellschaftlicher Herrschaft befreien, deren Auswirkungen in wachsendem Maße zerstörerisch werden.

Anders als viele traditionelle Interpretationen hat diese Auffassung der gesellschaftlichen Bedingungen für demokratische Selbstbestimmung nicht unbedingt etatistische Implikationen. Wir haben gesehen, daß für Marx die fundamentalen Produktionsverhältnisse des Kapitalismus nicht mit Markt und Privateigentum gleichzusetzen sind. Folglich würde die Ersetzung von Markt und Privateigentums durch den Staat nicht die Aufhebung von Wert und Kapital bedeuten. Tatsächlich läßt sich der Begriff ›Staatskapitalismus‹ – wie ihn Pollock verwendete, ohne ihn begründen zu können – rechtfertigen, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der kapitalistische Produktionsverhältnisse weiterhin existieren, während bürgerliche Distributionsverhältnisse durch einen staatsbürokratischen Verwaltungsmodus ersetzt worden sind, der den im Kapital angelegten Zwängen und Einschränkungen unterworfen bleibt.

Die diesbezüglichen Unterschiede zwischen dem Marxschen Vorgehen und dem traditionellen Marxismus entsprechen denjenigen hinsichtlich der gesellschaftlichen Vermittlung. Ich habe gezeigt, daß die Marxsche Kritik sich auf eine bestimmte, durch Arbeit konstituierte Form gesellschaftlicher Vermittlung bezieht; sie stellt keine Kritik gesellschaftlicher Vermittlung schlechthin dar. Während der traditionelle Marxismus dazu tendiert, Vermittlung mit Markt gleichzusetzen und auf dessen Ersetzung durch öffentliche Verwaltung zielt, ergibt sich aus der Marxschen Kritik ohne weiteres die Möglichkeit politischer Vermittlungsformen in einer postkapitalistischen Gesellschaft – also die Vorstellung einer politischen, öffentlichen Sphäre im Sozialismus –, die außerhalb des formalen Staatsapparates läge.

Es lag jedoch nicht in meiner Absicht, eine vollständige Theorie des Wesens, der Entwicklung und möglichen Aufhebung der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft oder der ›real existierenden sozialistischen‹ Gesellschaften auszuarbeiten. Diese Studie versteht sich als Vorarbeit, als Beitrag zur theoretischen Klärung und Neuorientierung auf einer grundlegenden logischen Ebene. Mir ging es vornehmlich darum, so kohärent und stringent wie möglich eine neue Interpretation der kategorialen Grundlagen der Marxschen Theorie zu liefern, ihre Unterschiede zum traditionellen Marxismus herauszuarbeiten und zu zeigen, daß sie imstande ist, die Grundlage einer angemessenen kritischen Analyse der heutigen Welt zu liefern. Ich habe dazu den Unterbau einer solchen Analyse beleuchtet – die grundlegenden Kategorien und Orientierungen, vermittels derer der Kapitalismus zu begreifen und in seinem historischen Entwicklungsverlauf zu verstehen wäre.

Auch wenn diese Interpretation der grundlegenden Kategorien der späten kritischen Theorie von Marx die Auffassung plausibel erscheinen läßt, daß diese Theorie als Grundlage für eine fruchtbare kritische Gesellschaftstheorie der heutigen Welt dienen kann, so erhebe ich dennoch nicht den Anspruch, die Angemessenheit dieser Theorie als Analyse der kapitalistischen oder modernen Gesellschaft in jeder Hinsicht nachgewiesen zu haben. Gleichwohl verwandelt meine neue Interpretation grundlegend die Begrifflichkeiten, in denen die Frage nach dieser Angemessenheit der Marxschen Analyse gestellt werden muß. Diese Frage ist bisher durchweg auf der Basis der traditionellen Interpretation diskutiert worden, das heißt so, als seien ihre Kategorien transhistorische Kategorien einer Gesellschaftskritik vom Standpunkt der ›Arbeit‹ und nicht die einer Kritik der politischen Ökonomie. So haben beispielsweise Diskussionen zur Gültigkeit der Marxschen ›Arbeitswerttheorie‹ diese in den meisten Fällen als eine auf einer transhistorischen Auffassung von ›Arbeit‹ beruhende Preis- oder Ausbeutungstheorie betrachtet. Sie haben dabei Unterscheidungen, die, wie ich gezeigt habe, für Marx fundamental sind – wie die zwischen Wert und stofflichem Reichtum, abstrakter Arbeit und konkreter Arbeit – eingeebnet.4 Die Frage nach der Gültigkeit einer transhistorischen ›Arbeitstheorie des gesellschaftlichen Reichtums‹ ist jedoch eine völlig andere als die nach der Angemessenheit einer historisch spezifischen ›Arbeitswerttheorie‹. Die Frage nach der Gültigkeit historisch spezifischer, dynamischer und an eine bestimmte Zeit gebundener Kategorien ist gänzlich verschieden von der nach der Gültigkeit vermeintlich transhistorischer Kategorien. Darüber hinaus hat meine Untersuchung aufgezeigt, daß genau jene grundlegenden Unterscheidungen, die der traditionelle Marxismus einebnet, die Grundlage für den Versuch von Marx bilden, zu erfassen, was er als die wesentlichen Erscheinungsformen der kapitalistischen Gesellschaft ansah. Mit anderen Worten, der Gegenstand der Marxschen Theorie, sein kritischer Fokus, ist ein anderer als der von Theorien, die nicht zwischen Wert und stofflichem Reichtum unterscheiden. Aus diesen beiden Gründen kann eine sachgemäße – positive und negative – Einschätzung der Angemessenheit der Marxschen kritischen Theorie nicht auf der Basis von Argumenten erfolgen, die im Grunde seine Kategorien in Termini der politischen Ökonomie übersetzen.

Die Frage danach, ob die Marxsche Theorie ihrem Gegenstand adäquat ist, muß also im Sinne der darin behaupteten historischen Besonderheit ihrer Kategorien und ihres Gegenstandes formuliert werden. Wir haben gesehen, daß Marx mit seiner kategorialen Analyse die kapitalistische Gesellschaft hinsichtlich einer ihr zugrundeliegenden Form gesellschaftlicher Vermittlung erfassen will, die durch Arbeit konstituiert wird, die einen Doppelcharakter besitzt und die eine komplexe richtungsgebundene Dialektik hervorbringt. Auf dieser Basis sollen die von ihm deutlich hervorgehobenen grundlegenden Merkmale dieser Form gesellschaftlichen Lebens in einer Form begründet werden, die gesellschaftlich deren inneren Zusammenhang aufzeigt. Diese Merkmale umfassen die quasi-objektive und dynamische Natur der gesellschaftlichen Notwendigkeit im Kapitalismus, das Wesen und den Entwicklungsverlauf der Industrieproduktion und arbeit, das spezifische ökonomische Wachstumsmuster und die besondere, für den Kapitalismus charakteristische Form der Ausbeutung (sowie die sich ändernden Formen von Subjektivität).

Die Frage nach dem Erklärungsvermögen der Marxschen historisch spezifischen kategorialen Analyse muß letzten Endes im Hinblick auf diese Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft gestellt werden. Ich habe seine Analyse des Werts als einer Form des Reichtums und der gesellschaftlichen Vermittlung untersucht und mich bemüht, das Argument von Marx zu erhellen, daß, allem Anschein zum Trotz, der Wert – der eine Funktion der Verausgabung unmittelbarer Arbeitszeit ist – und nicht stofflicher Reichtum die vorherrschende gesellschaftliche Form von Reichtum im Kapitalismus ist. Ich habe gezeigt, daß der Wert sich der Marxschen Theorie gemäß strukturell als Kern des Kapitalismus rekonstituiert, selbst wenn er Bedingungen hervorbringt, die ihn anachronistisch werden lassen – und daß die kapitalistische Gesellschaft demnach durch die Dialektik der Wert- und Gebrauchswertdimensionen des Kapitals und die wachsende Spannung zwischen ihnen geprägt wird. In diesem Sinne sollte diese Studie das Wesen und die entscheidenden Umrisse der Marxschen Werttheorie und ihr Verhältnis zu den grundlegenden Merkmalen des Kapitalismus klären. Sie hat dies jedoch nur auf einer einleitenden, logischen Ebene geleistet und müßte demnach erst noch weiterentwickelt werden, bevor man die Frage nach ihrer Tragfähigkeit angemessen stellen kann.

Ein wichtiges, noch offenes theoretisches Problem ist das Verhältnis zwischen Struktur und Handlung. Bei meiner Untersuchung der Dialektik von Transformation und Rekonstitution im Zentrum der Marxschen Analyse des Kapitals führte ich aus, daß die Dialektik, so wie sie dort dargestellt wird, nur die zugrundeliegende strukturelle Logik der Dynamik erfaßt. Eine vollständigere und weitergehende Erforschung hätte der Frage nachzugehen, wie der Wert durch die Menschen konstituiert wird und wirken kann, obwohl ihnen seine Existenz nicht bewußt ist. Die Marxsche Analyse unterstellt, daß auch dann ein systematisches Verhältnis zwischen den Strukturformen der kapitalistischen Gesellschaft und den gesellschaftlichen Handlungen besteht, wenn den gesellschaftlich Handelnden diese Formen nicht bewußt sind. Was beide miteinander vermittelt ist, daß die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Formen (zum Beispiel der Mehrwert) notwendigerweise in manifesten Formen erscheinen (zum Beispiel als Profit), die sie zugleich ausdrücken und verschleiern – und als Handlungsgrundlage dienen. Wie bereits bemerkt würde eine eingehendere Diskussion dieses Problems bedeuten, das Verhältnis der Marxschen Analyse zwischen dem ersten und dritten Band des Kapitals zu untersuchen. Und zu fragen wäre auch, ob Menschen, die auf der Grundlage der Unmittelbarkeit der manifesten Formen handeln, das rekonstituieren, was für Marx die grundliegenden gesellschaftlichen Formen des Kapitalismus sind.

Andere Aspekte der Marxschen Analyse müßten weiter entwickelt werden, bevor ihre Erklärungskraft hinreichend eingeschätzt werden kann. Um etwa dem Problem weiter nachzugehen, ob das grundlegende Wachstumsmuster im Kapitalismus durch die Dialektik der von Marx analysierten zwei Dimensionen der konstituierenden gesellschaftlichen Vermittlung dieser Gesellschaft adäquat erfaßt werden kann, wäre es notwendig, seine Analyse der Zirkulation im zweiten Band des Kapitals sowie seine Analyse der wechselseitigen Durchdringung von Zirkulation und Produktion im dritten zu untersuchen. Dies hätte auf der Grundlage der von mir betonten fundamentalen Unterscheidung zwischen Wert und stofflichem Reichtum zu geschehen – und dies brächte ein Überdenken der Marxschen Analyse der strukturellen Grundlage von Krisen im Kapitalismus mit sich.

Eine solche Analyse wäre notwendig, um die Tragfähigkeit der Marxschen Kategorien für das Begreifen der zeitlichen und räumlichen Dimensionen der Kapitalexpansion zu prüfen –, das heißt die in wechselseitiger Beziehung zueinander stehenden Prozesse der qualitativen Transformation der kapitalistischen Gesellschaft und des sich wandelnden Charakters der kapitalistischen Globalisierung. Ein wichtiger Ausgangspunkt für ein solches Unterfangen wäre die – von mir eingeleitete – Analyse der Marxschen Wertkategorie als strukturierende Kategorie der Organisation von Großproduktion unter den Bedingungen der reelen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Weiterentwickelt könnte diese Analyse dann als Grundlage einer genaueren Untersuchung eines Problems dienen, auf das ich mehrfach hingewiesen habe: die mögliche Beziehung zwischen der Strukturierung der industriellen Produktion durch eine Dialektik der von Marx analysierten Wert- und Gebrauchswertdimension des Kapitals einerseits und der in großem Maße rationalisierten und bürokratisierten Organisation gesellschaftlicher Produktion und Verwaltung im Industriekapitalismus andererseits. Eine solche Untersuchung wäre ein wichtiger Schritt hin auf zwei Ziele: erstens, zu bestimmen, ob die Marxsche Theorie tatsächlich die Grundlage für ein Verfahren liefern könnte, das qualitative Veränderungen in Wesen und Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften zu erfassen vermag, und zweitens, ob sie als Grundlage für eine Analyse qualitativer historischer Veränderungen von Subjektivität, von Formen des Denkens und Fühlens dienen könnte. Eine derartige Untersuchung könnte so auch als Ausgangspunkt für die Analyse der oben angesprochenen jüngeren Veränderungen des Kapitalismus dienen und helfen, die neuen sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte besser zu verstehen. Die von mir umrissene Theorie gesellschaftlicher Vermittlung könnte so auch imstande sein, die Grundlage für eine fruchtbare begriffliche Neubestimmung der gesellschaftlichen Konstitution und historischen Transformation von Gender und Ethnie in der kapitalistischen Gesellschaft zu bilden.

Schließlich müßte eine umfassendere Ausarbeitung meiner Interpretation die Implikationen des Arguments, daß (der Logik der Marxschen Analyse zufolge) das Proletariat nicht das revolutionäre Subjekt ist, für jedes Verständnis möglicher Aufhebung des Kapitalismus ernst nehmen.

Solche Erweiterungen und Ausarbeitungen meiner Interpretation wären notwendig, um näher überprüfen zu können, ob die Marxsche kategoriale Analyse die Grundlage für eine Theorie der heutigen Gesellschaft liefert. Daraufhin wäre eingehender das Erklärungsvermögen des Marxschen Begriffes vom Wert als einer durch Verausgabung abstrakter Arbeitszeit konstituierten Form gesellschaftlichen Reichtums und gesellschaftlicher Vermittlung zu untersuchen, als auch die Marxsche Auffassung zu verifizieren, daß der Wert in zunehmendem Maße anachronistisch wird und, insofern er dennoch strukturell für den Kapitalismus zentral bleibt, eine richtungsgebundene Dynamik konstituiert, aufgrund der die Institutionen des Kapitalismus hinsichtlich der daraus resultierenden Spannung zu analysieren wären.

Ich habe argumentiert, daß zwar die Marxsche Theorie des Werts – seine Behauptung, daß trotz aller wissenschaftlichen Entwicklungen und ihrer technischen Anwendungen gesellschaftlicher Reichtum im Kapitalismus eine Funktion der Verausgabung von Arbeitszeit bleibt – auf den ersten Blick höchst unplausibel wirkt, sie aber nur beurteilt werden kann in bezug auf das, was sie zu erklären versucht. Ich wollte zeigen, daß die Marxsche Werttheorie keine Theorie der Konstitution und Aneignung transhistorischer Formen von Reichtum ist, sondern Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft – etwa das Wesen ihrer historischen Dynamik und ihrer Produktionsweise – gesellschaftlich erklären soll. Meine Interpretation ist natürlich kein ›Beweis‹ der Marxschen Werttheorie, zeigt jedoch, daß die Frage nach deren Adäquanz nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Im allgemeinen hängt also die Plausibilität der Marxschen Theorie, wie ich sie dargelegt habe, davon ab, ob sie die wesentlichen Merkmale der modernen Gesellschaft in angemessener Weise beschreibt und diese mit ihrer kategorialen Analyse der grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus adäquat erklärt. Es geht um die Frage nach dem Wesen des Kapitalismus. Diese Frage kann auf einer bestimmten Ebene in bezug auf die Plausibilität der Behauptung aufgeworfen werden, daß Kapitalismus und Sozialismus sich nicht nur durch die Art und Weise unterscheiden, in der gesellschaftlicher Reichtum angeeignet und verteilt wird, sondern auch durch das Wesen dieses Reichtums und seiner Produktionsweise selbst. Meine Untersuchung hat die weitreichenden Verästelungen dieser Behauptung gezeigt. So konnte ich zeigen, daß in der Marxschen Analyse der Wert keine Form des Reichtums ist, die der Produktion oder anderen gesellschaftlichen ›Institutionen‹ im Kapitalismus äußerlich wäre, sondern vielmehr eine ihnen inhärente, sie prägende. Als eine Form von Vermittlung bringt sie einen Prozeß fortlaufender Transformation und Rekonstitution hervor. Sozialismus kann folglich nicht als Gesellschaft mit einer unterschiedlichen Aneignungs- und Distributionsweise derselben Form von gesellschaftlichem Reichtum verstanden werden, die auf derselben Form der Produktion basiert, sondern läßt sich begrifflich als eine Gesellschaft bestimmen, in der gesellschaftlicher Reichtum die Form stofflichen Reichtums hat. Folglich kann er als eine völlig andere Art von Gesellschaft aufgefaßt werden, als eine, die frei ist von der Art gesellschaftlich konstituierter abstrakter Zwänge (in der Form von sowohl abstrakter als auch historischer Zeit), wie sie für den Kapitalismus charakteristisch sind. Dies wiederum schließt die Möglichkeit einer technologisch fortgeschrittenen Produktionsweise und einer hochentwickelten gesellschaftlichen Arbeitsteilung keineswegs aus, sondern wäre nur anders als im Kapitalismus strukturiert. Diese Reformulierung der Bestimmungen, aufgrund der Kapitalismus und Sozialismus sich unterscheiden lassen, ist fruchtbar, theoretisch aussagekräftig, und für die heutigen Bedingungen relevant genug, um eine weitere, ernsthafte Entwicklung des von mir hier vorgelegten theoretischen Ansatzes zu rechtfertigen.

Zusammenfassend sollte bemerkt werden, daß die von mir vorgelegte Interpretation nicht nur traditionelle marxistische Theorien infrage stellt, sondern auch für die Gesellschaftstheorie im allgemeinen von Bedeutung ist. Ich habe die Marxsche Theorie als selbstreflexive, historisch bestimmte Theorie vorgestellt, die sich der historischen Besonderheit ihrer Kategorien ebenso bewußt ist, wie ihrer eigenen theoretischen Form. Über ihre historische Bestimmtheit hinaus ist die Marxsche Kritik eine Theorie gesellschaftlicher Konstitution – der Konstitution einer historisch bestimmten Form gesellschaftlicher Vermittlung, die im Kern der kapitalistischen Gesellschaft liegt und für Formen gesellschaftlicher Objektivität und Subjektivität konstitutiv ist – durch eine bestimmte Form gesellschaftlicher Praxis. Einerseits ist sie eine Theorie der gesellschaftlichen Konstitution einer bestimmten richtungsgebundenen Dynamik, die diese als einen Prozeß erklärt, durch den historisch bestimmte, gesellschaftliche Praktiken und historisch spezifische gesellschaftliche Strukturen sich gegenseitig konstituieren. Indem die Marxsche Theorie die historisch dynamischen Strukturen und Institutionen der kapitalistischen Gesellschaft in bezug auf eine durch Arbeit konstituierte Vermittlungsform analysiert, schreibt sie diesen Strukturen eine quasi-unabhängige gesellschaftliche Wirklichkeit zu und analysiert sie zugleich als gesellschaftlich konstituiert (durch Formen gesellschaftlicher Praxis, die wiederum von solchen Strukturen geprägt werden). Sie kritisiert dabei ebenso Positionen als einseitig, die von der gesellschaftlichen Wirklichkeit solcher Strukturen ausgehen, ohne sie als gesellschaftlich konstituiert zu begreifen, als auch jene, die den Prozeß der gesellschaftlichen Konstitution auf einer Weise verstehen, die die Vermittlungsstrukturen in der Vielzahl jeweils stattfindender Praxen auflöst.

Auf der anderen Seite ist die Marxsche Theorie auch eine Gesellschaftstheorie des Bewußtseins und der Subjektivität, die gesellschaftliche Objektivität und Subjektivität ineinander verschränkt; sie begreift beide als bestimmte Vermittlungsformen, als objektivierte Formen von Praxis. Doch selbst als eine Gesellschaftstheorie des Bewußtseins ist sie historisch spezifisch: Aufgrund ihrer Analyse der Besonderheit der Formen gesellschaftlicher Vermittlung verweist die Marxsche Theorie darauf, daß Bewußtseinsinhalte ebenso wie die Form der gesellschaftlichen Konstitution von Sinn im Kapitalismus historisch spezifisch sind. Sie impliziert, daß Sinn nicht notwendigerweise in allen Gesellschaften auf dieselbe Weise entsteht und stellt damit transhistorische und transkulturelle Theorien der Konstitution von Sinn und folglich der ›Kultur‹ zur Disposition.

Was der Marxschen Theorie der gesellschaftlichen Konstitution ihre Stärke verleiht ist eben ihre historische Bestimmtheit. Marx stellt seine Analyse nicht als eine allgemeine, unbestimmte Theorie mit behaupteter universeller Anwendbarkeit dar, sondern in einer Form, die von den grundlegenden gesellschaftlichen Formen, die die kapitalistische Gesellschaft konstituieren, nicht zu trennen ist. Diese Darstellungsweise selbst liefert, wenngleich implizit, eine stringente Kritik jedes theoretischen Ansatzes, der universalisiert, was Marx in theoretisch konsequenter Weise als bestimmten Aspekt der kapitalistischen Gesellschaft entfaltet hat – einschließlich der Theorie dieser Gesellschaft selbst.

Die Analyse der modernen Gesellschaft als kapitalistisch ist also ein theoretisch elaborierter Versuch von Marx, diese Gesellschaft aus der Perspektive ihrer möglichen Transformation durch eine gesellschaftlich selbstreflexive, historisch bestimmte Theorie der gesellschaftlichen Konstitution zu begreifen. Wir haben zum Beispiel gesehen, daß die Marxsche Kategorie des Kapitals die richtungsgebundene Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft, den Charakter des ökonomischen ›Wachstums‹, das Wesen und den Entwicklungsverlauf des Produktionsprozesses im Kapitalismus gesellschaftlich zu begründen vermag. Seine Analyse verlangt implizit von anderen theoretischen Positionen, daß sie den gesellschaftlichen Grund dieser Charakterzüge der kapitalistischen Gesellschaft angeben. Darüber hinaus stellt sie durch ihre Herangehensweise alle Auffassungen infrage, die die industrielle Produktion lediglich in technischer Hinsicht behandeln, ebenso wie jene, die entweder die Existenz von Geschichte schlicht voraussetzen oder das, was die Marxsche Theorie als gesellschaftlich entstandene, historisch spezifische Form von Geschichte analysiert, als transhistorische Entwicklung hypostasieren. Allgemeiner gesagt, steht Marx allen transhistorischen Theorien ebenso kritisch gegenüber wie allen Theorien, die Gesellschaftsstrukturen oder gesellschaftliche Praxisformen behandeln, ohne ihre wechselseitigen Beziehungen zu begreifen.

Die Frage nach der Angemessenheit der Marxschen Theorie bezieht sich also nicht nur auf die Tragfähigkeit seiner kategorialen Analyse des Kapitalismus. Sie wirft auch allgemeinere Fragen auf, die den Charakter von Gesellschaftstheorie betreffen. Die kritische Theorie von Marx, die die kapitalistische Gesellschaft mittels einer Theorie der durch Arbeit konstituierten richtungsgebunden-dynamischen, totalisiesenden Vermittlung historisch spezifischen Charakters erfaßt, stellt eine brillante Analyse dieser Gesellschaft dar. Sie ist zugleich ein überzeugendes Argument in der Auseinandersetzung darum, wie eine angemessene Gesellschaftstheorie beschaffen sein muß.