01.06.2004  Beitrag drucken

Arbeitspack!

aus: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, Münster 2004, S.151 – 152

von Franz Schandl

»An 90 Arbeitstagen wird nur gebummelt!«, schlagzeilt die Wiener Gratisgazette UExpress an einem dieser tristen Novembertage. Die Botschaft an die LeserInnen, hauptsächlich Vormittagsmenschen, die gerade auf dem Weg zu irgendeiner Arbeit sind, könnte deutlicher nicht ausfallen. Ganze 40 Prozent der Arbeit werden da angeblich sinnlos vergeudet. Durch verbessertes Management könnten an die 60 Tage eingespielt werden.

Wenn es freilich welche gibt, die in 17 Arbeitseinheiten das erledigen, wozu sie vorher 21 brauchten, dann wird es jene, die nach wie vor 21 brauchen am Markt bald nicht mehr geben. Das ›Bummeln‹ dient ja auch dem gemeinsamen Schutz, nicht immer, aber oft ist es eine solidarische Größe, wo ArbeiterInnen im Interesse ihrer selbst die Herrschaft des Kapitals über ihre Arbeitskraft mildern. Was als sinnlose Vergeudung angeprangert wird, ist vielfach Regeneration, Restrukturierung und Reproduktion; notwendig, nicht nur um sich überhaupt zu spüren, sondern auch um zu funktionieren.

So deformiert und deformierend die Arbeit an und für sich schon ist, hier geht es darum, die letzten Refugien platt zu machen. Das Ziel solcher Kampagnen ist die Entsolidarisierung: Alle sollen auf alle gehetzt werden. Die Konkurrentenhetze ist die Zwillingsschwester der Arbeitshetze. So befehlen Betrieb und Standort. Geschaffen wird ein Klima des Neids und der Vernaderung; jeder ist sich selbst und der anderen Blockwart. Wer nicht ›produktiv‹ ist, wird angespuckt und ausgespuckt. Menschen haben nur eine Würde, wenn sie einen Wert haben. Nicht der Arbeitsdruck ist zu viel, lautet die Botschaft, sondern der Arbeitsdruck ist zu wenig. Wenn gearbeitet werden darf, dann hat gefälligst gearbeitet zu werden. Gefordert wird ein bewusster Schritt in die Bewusstlosigkeit. Innehalten ist nicht. Arbeiten ist keine Hetz nicht, sondern sie soll sein

Hetze pur. Eine Totlaufmaschine, an die Menschen angeschlossen werden. Der Arbeitswahn überfällt alles und jedes. Kein Platz soll sein, der nicht dem betriebswirtschaftlichen Kalkül und seiner Kontrolle unterstellt wird. Kein Moment, der nicht erfasst sein soll. Von der Bewegung des Ringfingers bis zur Länge des Stuhlgangs. Alles wird notiert und berechnet. So entstehen autistische Arbeitssubjekte, die vor lauter Konzentration und Stress nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, die unfähig werden, abzuschalten und auszurasten. Doch wer nicht ausrastet – auch und gerade im Arbeitsprozess! – der rastet oft ganz anders aus.

Was sich da ankündigt, hat insofern eine neue Qualität, weil es den Übergang von der offenen Minderheitenfeindlichkeit zur Bekämpfung von Mehrheiten, den so genannten ›braven Hacklern‹ oder ›kleinen Leuten‹ andeutet. Auch ihnen soll auf die Pelle gerückt werden. Keine Schonzeit ist. Wer nicht spurt, wird abgeschossen. Für bürgerliche Gemüter ist es nämlich eine ungeheuerliche Zumutung, dass da jemand existiert, ohne zu arbeiten, was meint: genug zu arbeiten. Denn entweder arbeitet eins oder es lässt arbeiten. Diskriminiert wird also nicht die Arbeit – was sinnvoll wäre –, diskreditiert werden die ArbeiterInnen – was eine Frechheit sondergleichen darstellt. Gerade auch, weil es niemandem mehr auffällt.