01.06.2004  Beitrag drucken

Die Post geht ab

aus: Lohoff, Ernst; Trenkle, Norbert; Wölflingseder Maria; Lewed, Karl-Heinz (Hg): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, Münster 2004, S.60 – 61

Was sich nicht rechnet, hat sich erledigt, auch wenn es weiter nötig wäre. Nach den Wirtshäusern und Lebensmittelläden, Molkereien und öffentlichen Verkehrsverbindungen sind nun die Postämter dran. Weg damit! Der Markt schafft an, und er schafft auch ab. Nach Belieben, egal, was die Betroffenen empfinden oder erleiden. Das sind ökonomisch nur relevante Größen, wenn sie wiederum verwertbar sind, d.h. geschäftsträchtig gemacht werden können. Wo der Profit stets vor dem Menschen geht, die Verwertung vor der Unschätzbarkeit der Individuen, kann es gar nicht anders sein. Wo das Kapital herrscht, ist der Mensch klein.

In vielen ländlichen Regionen kann man heute weder einkehren noch einkaufen. Zur Arbeit fährt man längst in die Städte, oft viele viele Kilometer. Einige wenige schleppen in den Dörfern ihre oftmals schwer defizitären Geschäfte und Gaststätten noch bis in den Ruhestand, auch wenn sie schon lang nicht mehr konkurrenzfähig sind, sei’s mit dem Supermarkt, sei’s mit der Fast-Food-Kette.

Da ist Widerstand angesagt. Und er formiert sich auch. Das Schlimme ist nur, dass der Widerstand immer wieder meint, er könnte das Rad der Geschichte zurückdrehen, Entwicklung ungeschehen machen, anstatt von den neuesten Gegebenheiten aus sich Perspektiven zu überlegen. Winzige Erfolge, die meist nur kurze Verzögerungen darstellen, werden wie große Siege gefeiert. Geradezu krampfhaft klammert man sich an die Marktwirtschaft, sucht Heil im kleinen Kapital gegen das große und erliegt des Öfteren unerträglichsten Verschwörungstheorien. Anstatt Strukturen zu begreifen und anzuprangern, ist man auf der Suche nach Feinden.

Das Grundproblem ist: Solidarität dimensioniert sich nicht über die stoffliche Basis (z.B.: Ja zur Nahversorgung; Ja zum Umtrunk, ohne mit dem Auto fahren zu müssen, etc.), sondern sie kapriziert sich auf eine formale Einrichtung, das Kleingewerbe. Die allermeisten Leute können sich den Inhalt nur in einer bestimmten Form vorstellen, ignorierend, dass gerade die kapitalistische Form diesen sinnvollen Inhalt zerstört. Es ist schon tückisch: Obzwar die Form den Inhalt frisst, schreien die Opfer nach des Inhalts alter Form. Viele Betroffene vermögen die materielle Notwendigkeit lediglich als kapitalistische Wirklichkeit zu denken. Das ist naheliegend wie grundfalsch.

Wahrlich, die Post geht ab. Nur, wer sich gegen die Abschaffung der Postämter wehrt, aber gleichzeitig nicht für die Abschaffung des Kapitalismus ausspricht, ist ein Idiot des Marktes. Das ist nun gar nicht denunziatorisch gemeint, es macht bloß traurig.