31.12.2004  Beitrag drucken

Die Simulation der Simulation

EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG

Streifzüge 30/2004

von Achim Bellgart

(Dieser Text ist ein Vorabdruck aus „Dead Men Working – Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs“, hg. von Ernst Lohoff u.a.)

Die Hartz-„Reformen“ zielen bekanntlich darauf ab,die Kosten zu senken, die das allmähliche Verschwinden der Arbeit verursacht. Dazu gehört der Rausschmiss der Langzeitarbeitslosen aus der Arbeitslosenhilfe. Aber es kann auch noch zusätzlich gespart werden, denkt sich das Arbeitsamt. Und weil dessen Bürokraten sich inzwischen als Manager fühlen, haben sie schon was von kostensenkendem Outsourcing gehört. Gedacht, getan. Diejenigen, die gar nicht mehr zu vermitteln sind, sollen nicht mehr mit ihrer massenhaften Anwesenheit in den neuen Kundencentern der Bundesanstalt stören.

In Bremen muss seit Anfang 2003 ein Teil der Langzeitarbeitslosen die regelmäßige Meldung (früher hieß das Stempeln gehen) bei einem Unternehmen absolvieren. Die Simulationsmaschine Arbeitsamt wird von outgesourcten Dienstleistern nochmals simuliert. Die Vorladung der Firma verheißt neben der obligatorischen Drohung des Geldentzugs im Falle des Nicht-Erscheinens eine Informationsveranstaltung zum Thema Jobrecherche. Der Seminarraum des Mini-Unternehmens, das Coaching (wohl eher Ich-AG-Beratung) und Jobvermittlung betreibt, füllt sich nur zögerlich. Schließlich ist ungefähr die Hälfte der Vorgeladenen da, alle mit den Anfangsbuchstaben A und B. Alle mit den Buchstaben W bis Z fehlen. Das ist kein Wunder, bemerkt eine Frau, die ihrer zweiten Vorladung gefolgt ist, die erste kam zwei Tage nach der Veranstaltung an. Das betretene Schweigen des „Coachs“, Herrn P., nutzt ein kostenbewusster Arbeitsloser zu der Frage, ob dieses Procedere nicht viel teurer käme als das alte. Falsch, ist die Antwort, schon bei einer wegen Nichterscheinen verhängten Sperrfrist seien die Kosten der Veranstaltung drin, erfahrungsgemäß seien es mehr als eine.

Obwohl darauf hingewiesen wird, dass der nun folgende Informationsteil freiwillig ist, geht niemand. Das sollte sich für viele der Anwesenden als Enttäuschung herausstellen, für die anderen nicht, die haben sich glänzend amüsiert.

Zunächst dominiert Langeweile, zu oft haben die Teilnehmer die abgestandenen Tipps, wo Arbeitsplätze angeboten werden, gehört, zu sicher wissen sie, dass für sie nichts dabei ist. Auch das eingestreute Angebot, wer Herrn P. anmaile ,bekomme eine Link-Liste mit 200 (in Worten:zweihundert) Arbeitsplatz- Börsen im Internet zugeschickt, vermag niemanden vom Hocker zu reißen. Komischerweise wollten bisher erst drei Leute die Liste haben, mault der „Coach“.

„Ausgetretene Pfade verlassen!“ – Die Ankündigung des neuen Kapitels mit Hilfe einer vermeintlich professionellen Power-Point-Präsentation reißt einige aus dem Dösen. Hier hat sich Herr P. einen besonderen Leckerbissen ausgedacht: Aus zuverlässigen Quellen weiß er, dass Arbeitsplätze, die wegen lang andauernder Krankheit oder gar wegen eines Todesfalles verwaist sind, aus Pietät nicht gleich öffentlich ausgeschrieben werden. Während im Falle der Krankheit nur die besonders Pfiffigen den zum Erfolg nötigen Riecher entwickeln, werden im anderen Falle, dank der Todesanzeigen von Belegschaften, die Informationen frei Haus geliefert. Wieder keine Begeisterung, nur die Nachfrage, ob das Arbeitsamt im Falle des Auffliegens einer sich aufdrängenden nicht völlig gewaltfreien Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Rechtsbeistand gewähre.

Da der Elan der Anwesenden nicht zu weiteren Fragen reicht, ist die Präsentation viel schneller vorbei als die veranschlagten eineinhalb Stunden. Da Herr P. flexibel ist, folgen Informationen über Neuerungen im Sozialrecht, z.B.die Verschärfungen der Zumutbarkeits- Regelungen. Die sind manchmal unzumutbar, ereifert sich der Impresario und erzählt die wahre Geschichte einer Frau aus Ostfriesland, die einen Arbeitsplatz an der Unterweser angeboten bekam. Da die Nahverkehrsverhältnisse dort sehr schlecht sind, hätte sie zwar die 70 Kilometer nach Hause am Feierabend schon bis 21 Uhr geschafft, hätte aber schon um 19 Uhr für den Arbeitsbeginn am nächsten Morgen aufbrechen müssen. Da hätte er wie ein Löwe für diese Frau gekämpft („Das habe ich gelernt, als ich noch bei der Gewerkschaft gearbeitet habe.“), mit dem Ergebnis, dass das Arbeitsamt der Frau einen Führerschein finanziert hätte. Für das Auto gingen dann zwar ihre Ersparnisse drauf, aber sie hätte einen Arbeitsplatz gehabt und – Kunstpause – hätte an eben demselben ihren Lebenspartner kennen gelernt. Erst hatte sie nichts, danach Führerschein, Arbeitplatz und Mann, alles dem Arbeitsamt und der famosen Vermittlungs-Firma zu verdanken.

Ob dieser Verarschung wird die Stimmung im Raum gereizter. Anlass für Herrn P., Mitleid zu erheischen. So hätten die Neuregelungen zur Umschulung zwar zu schmerzhaften Einschnitten in die Fortbildungsmöglichkeiten für Arbeitslose geführt. Darüber solle aber keinesfalls vergessen werden, dass diese Kürzungen allein in Bremen 300 Lehrkräfte im Weiterbildungsbereich arbeitslos gemacht hätte; bei rund 40.000 Arbeitslosen im Lande Bremen mache das immerhin fast ein Prozent Zuwachs aus. Jetzt ist die Geduld und die Humorfähigkeit der Anwesenden doch arg strapaziert, das Füßescharren wird intensiver. Der Unmut der Arbeitslosen bricht sich Bahn, die Bemerkungen bewegen sich zwischen „Alles Käse“ und „Die da oben machen sowieso,was sie wollen“. Schließlich wird die naheliegende Erkenntnis ausgesprochen, dass das alles keinen einzigen Arbeitsplatz bringe. Ein Blick zur Uhr lässt Herrn P. kühn werden: „Doch, meinen!“. Die Veranstaltung ist beendet.

Die Wirkung eines solchen absurden Theaters auf die Betroffenen in Hinblick auf eine mögliche Gegenwehr dürfte eher gering ausfallen. Beim Rausgehen wurde sich ausgiebig empört über die Veranstaltung und wie mit einem überhaupt umgegangen werde. Dass sich in dieser Absurdität die Krise der Arbeitsgesellschaft ausdrückt und weniger die Krise der Arbeitsverwaltung, schien wenig zu interessieren. Schließlich müsse man ja von was leben. Also weiter nach einem Platz in der Maschinerie suchen, wenn schon nicht oben, wie von vielen mal erhofft, dann wenigstens irgendwo. Und wie dieses Suchen aussieht, machte einer vor dem Auseinandergehen ganz reformkonform deutlich: „Alles muss man selber machen.“

Beim Casting für die Billig-Jobs beim neuesten Bremer Pleite-Projekt Space Park, einer Event-Schmiere zum Thema Raumfahrt, drängelten sich Tausende.