31.12.2004  Beitrag drucken

Obszönität und Reichtum

spanische Version

Streifzüge 35/2004

von Franz Schandl

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein überarbeitetes und ausgebautes Referat im Zuge eines Forschungsprojekts zum Thema Ethik, das der Autor nach folgender vorgegebener Problemstellung ausgearbeitet hat:

Obszönität des Reichtums: Armut als strukturelle Gewalt: Demütigung, Desperados und Rebellen – Ist die Gegengewalt der sozial Chancenlosen ethisch rechtfertigungsfähig? Erläuterung: Armut ist strukturelle Gewalt. Armutsbedingungen steigern die Gewaltbereitschaft. Ein Autosticker der 1990er Jahre lautete: „Eure Armut kotzt uns an“. Wie gewaltförmig reagieren sozial Ausgegrenzte auf diese ihre Marginalisierung? Wie wird ihre Ausgrenzung und ihre allfällig gewaltförmige Antwort darauf öffentlich sichtbar? Handelt es sich dabei um gerichteten, politischen Widerstand oder um Formen der Verzweiflung oder Autoaggression? Stiftet dieser Widerstand den Beteiligten „Sinn“? Welche Erscheinungsformen des Widerstands lassen sich erkennen und welche Bedeutung haben sie für die gegenwärtige Regulationsweise der kapitalistischen Gesellschaft?

Beginnen wir in Belo Horizonte. Immer wenn ein guter Freund, der schon einige Jahr in Brasilien wohnt, auf Österreich-Besuch ist, muss er sich erst wieder daran gewöhnen, dass er hier am Abend ungestört durch die Straßen schlendern kann. In Belo Horizonte ist solches Flanieren praktisch unmöglich. Was sagt uns diese Geschichte? Was zeigt uns die lateinamerikanische Millionenstadt? Eine Vergangenheit? Eine Parallelwelt? Oder aber die Zukunft? Ist es ausgeschlossen, dass sich bei uns ähnliche Zustände durchsetzen können, die anderswo schon als Selbstverständlichkeit empfunden werden? Ich denke, die Schicht der Zivilisation ist dünn, und darunter liegt das nackte Leben und die nackte Gewalt.

Der Kapitalismus ist ein gewaltiges Verhältnis, auch und gerade dann, wenn die Gewalt nicht offen die Akzente setzt. Damit ist weniger das Verhältnis von Herrschenden und Beherrschten angesprochen, als vielmehr eine allgegenwärtige Gewalt, die sich über die gesellschaftliche Totalität legt und sie prägt, insbesondere dort, wo es gelungen ist, die Gesellschaft mit Waren zu befrieden, und die Gewalt nicht unmittelbar auf den Plan treten muss. Am gewaltigsten ist der Kapitalismus dort, wo die Gewalt überhaupt nicht mehr äußerlich wahrnehmbar ist, weil sie im innersten Wesen der Subjekte eingeherrscht ist. Die sich beherrschen, fühlen sich nicht mehr beherrscht. Ihr Zustand ist ihrer sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Die Wahrheit geht in ihrer Wirklichkeit unter.

Reichtum und Reichtum

Armut ist strukturelle Gewalt, die Pauperisierung ist fixe Verlaufsform und trifft die schwächsten Glieder wie ein Schicksal. Auch wenn der Einzelne der Armut entgehen kann, die vielen Armen können es nie. Sie gehören dazu, vor allem wenn wir den Planeten als globalen Wirtschaftsraum betrachten. Die Armen sind die systematische Auslese der Minderwertigen. Sie leiden an mangelnder Marktfähigkeit, die einer sozialen Immunschwäche gleicht.

Nicht der Reichtum erzeugt oder erzwingt die Armut, sondern beide sind abhängige Variablen und Positionierungen des gesellschaftlichen Verhältnisses. Sie verhalten sich zueinander über ein sie prägendes Drittes: die Verwertungsprozesse des Kapitals, deren Resultate sie sind, dimensionieren sie. Ihre Stellung, so unterschiedlich sie auch erscheint und ihren Trägern zu- bzw. abträglich ist, folgt realisierten oder eben nicht realisierten Möglichkeiten und Zwängen. Ökonomischer Reichtum meint Glückung an der vorgegebenen Struktur, Armut ist hingegen eine Vernunglückung an und in ihr. Reichtum und Armut kennzeichnen ein Gelingen oder Misslingen an der Form. Manche können es sich ökonomisch richten, andere werden ökonomisch zugerichtet.

Indes, Reichtum ist nicht gleich Reichtum. Der kapitalistische Reichtum ist ein Waren- und Geldreichtum. Er ist letztlich eine kommerzielle Größe. An sich ist Reichtum nichts Obszönes, sondern etwas Schönes. Ziel ist ja die Reichhaltigkeit, die Mannigfaltigkeit des Lebens. Angenehm zu wohnen, gut zu essen und zu trinken, zu lieben und zu genießen, Kontakte zu pflegen, sich um Kinder und Freunde kümmern, Musik zu spielen und zu hören, zu lesen, zu reisen, zu faulenzen und zu werken, nicht einsam und verlassen zu sein, zu stützen und gestützt zu werden, das alles kann oder könnte Leben auszeichnen. Von alledem kann man kaum genug bekommen. Ernst Lohoff schreibt: „Menschlicher Reichtum lässt sich etwas näher als Bedürfnis- und Beziehungsreichtum bestimmen. Der Reichtum einer Gesellschaft wäre demnach daran zu messen, ob und inwieweit sie ihren Mitgliedern erlaubt eine Vielzahl von Bedürfnissen zu entwickeln und ihnen die Voraussetzungen an die Hand gibt, diese auch zu erfüllen und weiter zu verfeinern. Reichtum zielt auf Fülle, also auf Befreiung von Beschränkung und Mangel ab.“1

Geradezu obszön wird Reichtum dort, wo er mit dem Elend der Vielen einhergeht, d.h., wo er eine Diskrepanz aufmacht. Herbert Marcuse: „Die Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt; obszön, weil sie sich und ihre Mülleimer voll stopft, während sie die kärglichen Nahrungsmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt; obszön in den Worten und dem Lächeln ihrer Politiker und Unterhalter, in ihren Gebeten, ihrer Ignoranz und in der Weisheit ihrer ausgehaltenen Intellektuellen.“2 Die Obszönität des Reichtums korrespondiert mit der Obszönität der mit ihr (aber nicht durch sie!) hergestellten Armut.

Drinnen und Draußen

Wolfgang Pohrt schreibt: „Die provozierende Schamlosigkeit des neuen Reichtums, seine Rohheit, dient der Einschüchterung der verarmten Massen, die auch nicht besser sind.“3 Wie sollten sie es auch sein? Zweifellos, sie wollen nichts anderes, sie wollen nur eine andere Position. Darauf fixiert zu sein, aber daran zu scheitern, das zeichnet viele Wohlstandsverlierer aus, und es bildet auch den Grundstock andere Exklusionsbedingungen zu definieren und zu wünschen als die Gesetze des Marktes. Das Subjekt betätigt und befürwortet das Spiel von Inklusion und Exklusion, will zwar exkludieren, aber selbst nicht exkludiert werden. Es befürwortet etwas, wogegen es selbst geschützt werden will.

Der Sozialreformismus der Arbeiterorganisationen ist der (einst erfolgreiche) Versuch gewesen, die Exklusivität des Reichtums zumindest auf nationalstaatlicher Ebene in den Zentren zurückzudrängen. Das war einmal. Der Kapitalismus, hier verstanden als gelingende Verwertung, ist jedoch selbst in einer fundamentalen Krise, er zäunt sich immer mehr ein, nicht Integration zeichnet ihn aus, sondern Desintegration. Die Wohlstandszonen zoomen sich zusammen. Nicht, dass die Menschen reingeholt werden, ist das primäre Problem, sondern dass sie draußen gehalten werden.

Sozialabbau wirkt wie Medikamententzug bei Kranken. Was ihnen Kraft gibt, also in Kaufkraft versetzt, wird gestrichen oder in der Dosis reduziert. Ihre Abhängigkeit von Markt und Staat bringt sie auf einen verzweifelten Punkt. Zur Zeit ist die Stunde der Placebos ausgebrochen. Manchmal wirken sie sogar. Aber im Prinzip geht es den „Ausgesteuerten“ wie Drogenabhängigen auf Entzug. Wir sind auf Waren abgerichtet, sie nicht haben zu können, ist schlimm. Und Kaufen daher wahrlich eine Sucht, der nicht so leicht zu entkommen ist. Kapitalismus ist auch als System des Waren- und Geldfetischismus zu verstehen und seine Unterworfenen als Fetischdiener. „Die so genannte Konsumentenökonomie und die Politik des korporativen Kapitalismus haben eine zweite Natur der Menschen erzeugt, die sie libidinös und aggressiv an die Warenform bindet.“4 Ohne diese Waren und darauf aufbauenden Waren- und Geldbeziehungen ist der Mensch nichts.

Gewaltmonopol und Steuermonopol, Rechtsstaat und Sozialstaat, sie alle verband das Ziel gesellschaftlicher Integration. Dieses Ziel wird sukzessive aufgegeben werden müssen, da die monetäre Basis im Bröckeln begriffen ist. Heute steht vielmehr die Desintegration auf der Tagesordnung. Der maßgeblich von der Arbeiterbewegung erkämpfte Wohlfahrtsstaat war ein weitgehend gesamtgesellschaftlich getragenes Projekt. Er wollte auch jene, die rauszufallen drohen, nicht rausfallen lassen. Das war einmal. Mangels monetärer Masse versuchen öffentliche Institutionen diese Aufgaben abzuschütteln. Der Sozialstaat ist ein sterbender Staat. Und mit ihm auch die Sozialpolitik.

Das Soziale war der Marktwirtschaft nur aufgezwungen. An sich ist die Marktwirtschaft asozial, da sie Menschen nicht nach Bedürfnissen und Wünschen behandelt, sondern nach ihrem gesellschaftlichen Wert, also ihre Verwertbarkeit, bedient. Sie bringt nicht die Menschen zueinander, sie bringt sie gegeneinander auf. Nicht Menschsein, sondern Käufer und Verkäufer zu sein charakterisiert das bürgerliche Subjekt. Lebensfähigkeit meint Geschäftsfähigkeit. Charaktermasken ihrer Waren stehen sich am Markt gegenüber.

Armut als Schande oder: Tod den Elenden!

Es gibt kaum eine größere Schande als arm zu sein, weder Krankheit, Leid, ja nicht einmal Krieg werden bei aller Bedrohung als Schande empfunden. Armut schon. Armut schändet. Sie ist ihren Trägern nicht bloß äußeres Merkmal, besser eigentlich: Mahnmal, sondern sie ist innerstes Wesen, die Personen prägend. In einer Gesellschaft, die vom Wert beherrscht wird, kann sich der Arme nur als minderwertig fühlen. Der Satz „Armut ist keine Schande“ ist dezidiert falsch.

Dass man Armut zum Speiben findet, ist schon berechtigt, doch seit der Satz „Eure Armut kotzt uns an“ als Verachtung der Armen gilt und eben nicht der Armut, drückt er nichts aus als die Arroganz der Mehrhaber gegen die „Minderleister“. Ein Makel der Gesellschaft erscheint als Makel der Leute, die von ihm befallen sind. Da laufen welche mit zerschlissenen Kleidern durch die Gegend, sitzen bettelnd in den U-Bahnstationen und verärgern die Touristen in den Fußgängerzonen. Sie stören die Kreise, sie sind schwer zu kontingentieren und zu platzieren. Sie sind einfach lästig. Warum sollen wir sie uns anschauen müssen?

Schon die klassische politische Ökonomie zerbrach sich den Kopf, was man mit den Armen anstellen sollte. Ihre Muster erinnern einen durchaus an die aktuellen Debatten über so genanntes Schmarotzertum. David Ricardo: „Es ist eine nicht zu bezweifelnde Wahrheit, dass die Annehmlichkeiten und das Wohlergehen der Armen nicht auf die Dauer sichergestellt werden können ohne ihre eigene Einsicht oder ohne ein Bemühen der Gesetzgebung, ihr zahlenmäßiges Wachstum zu regulieren und die Zahl früher und unüberlegter Heiraten zu beschränken. Die Wirkung der Armengesetzgebung war dem direkt entgegengesetzt.“5 Die Armen müssen also kurz gehalten werden.

Und ein Zeitgenosse Ricardos, sein Gegenspieler und Freund, ein gewisser Thomas Malthus schreibt: „Da die Bevölkerung unaufhörlich die Subsistenzmittel zu überschreiten strebt, so ist die Wohltätigkeit eine Narrheit, eine öffentliche Aufmunterung für das Elend. Der Staat kann daher nichts tun als das Elend seinem Schicksal zu überlassen und höchstens den Tod der Elenden erleichtern.“ Marx dazu: „Mit dieser menschenfreundlichen Theorie verbindet das englische Parlament die Ansicht, dass der Pauperismus das selbstverschuldete Elend der Arbeiter sei, dem man daher nicht als einem Unglück zuvorkommen, das man vielmehr als ein Verbrechen zu unterdrücken, zu bestrafen habe. (…) Endlich wurde das Elend als die Schuld der Elenden betrachtet und als solche bestraft.“ 6 Klingt das nicht alles sehr modern?

Minderwert und Unwert

Gradmesser bürgerlicher Exponate (Personen wie Sachen) ist das Geld. Es drückt die Gewalt des Einzelnen am Markt aus. „Natürlich ist Geld in unserer Gesellschaft noch immer ein Wertmaßstab für die eigene Person“, sagt die Meinungsforscherin Helene Karmasin. „Der Kontostand gilt ja im professionellen Bereich noch als qualitative (sic!, F.S.) Aussage über den Menschen.“7

Wie muss sich eins fühlen, wenn es solcherlei ernst nimmt? Aber es ist die herrschende Sicht, die hier ausgesprochen wird, nichts anderes, und sie wird im Allgemeinen sehr ernst genommen, denn sie ist ernst. Die böse Wahrheit der Gesellschaft lautet: Wie viel jemand verdient, sagt aus, was eins verdient. Und zwar im Sinne von zusteht. Einkommen ist wie ein Anteilsschein, der die gesellschaftliche Teilhabe reguliert. Und das wird gespürt. Auch wenn es nicht begriffen wird, hat es einen ergriffen, ja regelrecht im Griff. Robert Musil lässt über das Geld sagen: „Es ist vergeistigte Gewalt, eine geschmeidige, hochentwickelte und schöpferische Spezialform der Gewalt. Beruht nicht das Geschäft auf List und Zwang, auf Übervorteilung und Ausnützung, nur sind diese zivilisiert, ganz ins Innere des Menschen verlegt, ja geradezu in das Aussehen seiner Freiheit gekleidet?“8 Wenn der eine Sohn des Handlungsreisenden in Arthur Millers wohl bekanntestem Stück zum anderen sagt: „Das Problem ist, wir haben nicht gelernt hinter dem Geld her zu sein“9, dann ist der zentrale Defekt ausgesprochen, aber nicht jener der Gesellschaft, die das verlangt, sondern jener der Individuen, die auf Gedeih und Verderb ihr ausgeliefert sind.

Schlimm ist, dass Menschen nichts wert sind, aber schlimmer noch ist, dass Menschen überhaupt etwas wert zu sein haben. Dass eine ökonomische Abstraktion – der WERT! – diese Gesellschaft beherrscht und die Rangordnungen der Mitglieder vorgibt. Dass sie wie selbstverständlich auf dieser Skala sich offenbaren müssen. Jede Kaufentscheidung ist Ausdruck dieses Zwangs. Geld dimensioniert Verfügungsgewalt.

Vor dem Geld sind alle Menschen gleich, aber durch das Geld erhalten sie verschiedene Wertigkeiten. Natürlich ist die monetäre Differenz einer radikalen Kritik zu unterziehen. Aber eben einer radikalen, die einhergeht mit einer umfassenden Abrechnung verschiedener Wertigkeiten menschlicher Tätigkeit. Bedingungen sind zu thematisieren, nicht bloß deren Auswüchse. Die Kritik an den Einkommensdifferenzen (etwa gar noch als unsägliche Privilegiendebatte) hat zu einer des Einkommens, ja zu einer Kritik von Arbeit und Geld aufzusteigen. Bleibt sie darunter, dann ist sie der Bodensatz, der es ermöglicht, die soziale Frage als populistische Veranstaltung zu inszenieren. Das Spiel „Wem schneiden wir was weg?“ hat kannibalistische Züge.

Indes, Geld wird heute nicht kritisiert, sondern eingefordert. Oft sind es zwei Grundeinstellungen, die viele bürgerliche Subjekte kennzeichnen: Erstens das Geldphantasma: Geld ist genug da. Zweitens das Gerechtigkeitsphantasma: Eins selbst bekommt stets zu wenig Geld. Aus der Koppelung dieser seltsamen, aber hartnäckigen Überzeugungen folgt dann die Projektion, dass es da jemanden geben muss, der ungerechtfertigterweise zuviel abzockt. Irgendwer ist schuld, zu gierig, schaut auf Privilegien, plündert die Sozialkassen etc.- Viele wollen sich nun vor der Konkurrenz schützen, indem sie andere Markt- und Sozialkonkurrenten (Ausländer, Sozialschmarotzer, Bürokraten, Politiker, Banken, Spekulanten, Juden) stigmatisieren und diese aus der Konkurrenz bzw. den sozialen Leistungen ausschließen oder doch abdrängen wollen. Sie möchten ihren sozialen Status sichern oder verbessern, indem sie nach politischer Abwertung anderer Gruppen schreien. Der Selektion am Markt werden alternative Selektionen gegenübergestellt. Konkurrenzsubjekte verfolgen Konkurrenzsubjekte als Sündenböcke.

Kannibalistische Konkurrenz gibt es natürlich nicht nur als Individuum gegen Individuum, Betrieb gegen Betrieb, Supermarkt gegen Supermarkt, Standort gegen Standort, Staat gegen Staat, sondern zunehmend auch als ein irres Gerangel öffentlicher Körperschaften um die Beute am Bürger. Gelegentlich kommt es da zu nicht beabsichtigten Folgen, kleinen und größeren Havarien. Denn, wo die einen zugreifen, können die anderen es nicht mehr oder sind sogar gesetzlich gezwungen hier einen Ausgleich zu schaffen. Die Kampfzonen erfassen ein Gebiet nach dem anderen. Wir erleben gegenwärtig die Zurückdrängung der Nischen und geschützten Zonen. Nicht „Die Welt ist eine Ware“ soll gelten, sondern umgekehrt: Alles hat Ware zu werden!

Wertlose Arbeitslose

Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten und bestehen kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

„Ich bin nichts!“ „Es geht nichts!“ „Aus mir wird nichts!“ So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Wohlgemerkt, hier und jetzt unter den Gesetzen des Kapitals, die nicht bloß Struktur bestimmen, sondern ebenso das Denken und die Gefühle. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz, er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz „Was bist du?“ oder „Was willst du werden?“ drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus wie alle anderen Fragen eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Sie ist eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Die sozialdarwinistische Faustregel lautet: Die, die nicht durchkommen, sollen umkommen. Ihr Leben ist nicht lebenswert, also lebensunwertes Leben. Eben dieser Doppelsinn drückt eine irre Identität aus, die einen das Fürchten lehrt. Richtig dechiffriert verkündet das Wort „lebenswert“ nicht anderes als Leben für den Wert, was weiters meint: ein Leben im Zeichen des Werts führen zu müssen, aber auch zu können. Es ist tückisches Vokabular, das wir da sprechen.

Angst und Entsicherung

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die Disqualifizierung am Markt, die Drangsalierung beim Arbeitsmarktservice, das und vieles mehr zerstört Menschen. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. „Ich tausche, also bin ich!“, so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.

Angst wird zum wohl vorrangigen, verdrängten, aber immer weniger verdrängbaren Gefühl: Angst um den Arbeitsplatz, Angst um die Aufträge, Angst um den Verlust der Sozialtransfers, Angst vor nicht getätigter bzw. nicht erhaltener Zahlung, Angst das Niveau zu halten, Angst vor der Konkurrenzsituation, Angst vor den Ansprüchen von Partnern, Kindern, Verwandten und Bekannten. Alle stehen unter dem Druck der In-Wert-Setzung. Sie macht Menschen zu rohen und gemeinen Wesen. Angst verdirbt das Leben, macht es bitter. Angst ist ein schlechter Geselle und Ratgeber. Sie erzwingt Anpassung, Unterwürfigkeit und Erniedrigung. Der Kapitalismus ist das System organisierter Ängstigung.

Gehen die Rechnungen nicht oder selten auf, kann nur Apathie oder Aggression folgen, zumindest dort, wo es keine weitergehenden Aussichten gibt. Die Unhaushaltbarkeit der Verhältnisse bricht sich Bahn, aber nicht indem sie bewusst wird, sondern weil es ganz einfach für viele Einzelne nicht mehr durchstehbar ist. Reflexartige Entladungen werden sich häufen. Das unbegriffene Unaushaltbare tendiert zum falschen Befreiungsschlag.

Die psychischen Verarbeitungen der Zumutungen liegen meist auf der gleichen Ebene wie diese. Bedrohte bedrohen. Eliminierte eliminieren. Opfer opfern. Gemobbte mobben. Das haben sie gelernt. Darauf sind sie trainiert. Warum sollen sie auf einmal andere Absichten hegen? Sie funktionieren auf der Ebene weiter, die sie disfunktionalisierte. Sie sind Konkurrenzsubjekte ohne Chance auf Durchsetzung. Doch was nun tun, wenn die letzten sozialen Stricke reißen? Sich einen Strick kaufen? Es wieder und wieder versuchen? Sich dem Schicksal ergeben? Kapitulieren? Sich ansaufen? Das Arbeitsamt stürmen oder ein Länderparlament und wahllos um sich schießen? Beschädigte wollen schädigen um sich zu entschädigen. Koma kippt in Amok.

Freilich ist die Angst verpönt. Wer Angst hat, gilt als Schwächling. Sekundäre Angst ist Angst vor der Angst. Wir leben in einer Situation, wo Leute Angst haben ohne Angst haben zu dürfen. Verdrängung herrscht nicht nur in der Konkurrenz, Verdrängung herrscht auch in den Psychen der Konkurrenten. Nichts ist tödlicher als diese Anästhesie des Soseins. Ich bin ganz entschieden dafür, für die Zulassung der Angst zu kämpfen, ansonsten habe ich Angst, dass jene, die ihre Ängste nicht mehr aushalten, gierig in die Kiste der falschen Wünsche greifen. Das ist dann schon ziemlich beklemmend. Übungen in diese Richtung erleben wir ja permanent.

Angst wird größer, wo die Sicherheiten schwinden. Konnte der von der Arbeiterbewegung wesentlich mitgeprägte Fordismus in Europa als Ära des Versuchs einer sozialen Absicherung gelten, so leben wir nun in Zeiten der Entsicherung. Vor allem so genannte atypische Beschäftigungsverhältnisse bescheren uns immer mehr prekäre Zustände. Das berechnende Subjekt kann sich auf nichts mehr so richtig verlassen, außer dass es Ausgaben hat, die durch Einnahmen zu decken sind. Eine unmittelbare Korrespondenz ist aber immer weniger gegeben. Das berechnende Subjekt wird entsprechend seiner unberechenbaren Lage unberechenbar. Zu Monatsbeginn einen fixen Betrag am Konto aufscheinen zu sehen, wird seltener. Typisch ist der tendenzielle Verfall regelmäßiger Zahlungen im Geschäftsleben ebenso wie die hohe Fluktuation bei den Einkommen so genannter neuer Selbständiger. Die Erleichterung, wenn auf einmal Geld überwiesen ist, jeder Freelancer kennt sie.

Die Entsicherung ist Zeichen der Erschütterung der Struktur in ihren Grundfesten, nicht bloß Folge unglücklicher Kräfteverhältnisse, sondern Ausdruck eines maroden Systems, das immer weniger gewähren und leisten kann und jetzt auch noch dieses offensichtliche Unvermögen in einen positiven Unwillen übersetzt. „Grundsätzlich muss Vorsorge Vorrang vor Fürsorge haben“,10 heißt es im Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ aus dem Jahr 2000. Jeder soll schauen, wo er bleibt. Jeder ist seines Unglückes Schmied, verkündet das positive Denken.

Entsicherte Subjekte jedenfalls können nur überleben, wenn sie selbst beinhart agieren. Wollen sie von den (neuen) Märkten nicht ausgespuckt werden, müssen sie sich zu kleinen Konkurrenzmonstern entwickeln. Es ist nicht der freie Atem, den das bürgerliche Subjekt, der so genannte freie Bürger, atmen darf, es ist asthmatisches Hecheln. Die Angst, unter die Räder zu kommen, wird größer. Es gilt daher schnell, schlau und verschlagen zu sein. Vor allem aber rücksichtslos. Jeder gegen jeden bedeutet auch: Niemand traut jemandem, keiner vertraut einem. „Geld zerstört Freundschaft“, lautet eines der klügeren Sprichworte. Und das Leben ist voll mit solchen Erfahrungen.

Entsichert meint also mehr als verunsichert (nicht versichert bzw. unsicher), entsichert meint auch, dass die flexiblen Subjekte unter Spannung stehen, geladen sind, bereit sein müssen zu schießen, zumindest im Kampf der Konkurrenten andere abzuschießen. Das Instrumentarium, das ihnen aufgezwungen wird, ist ein aggressives. Entsichert beschreibt einen Zustand, wo der Verunsicherte zu einem Verunsicherer wird. Er tendiert zu unberechenbaren Reaktionen. „Dem hat es die Sicherungen durchg’haut“, heißt einer der Alltagssprüche oder: „Mir sind die Sicherungen durchgebrannt.“ Am Ende solcher Entwicklungen stehen dann Bandenbildung und Amokläufer. Es besteht die Gefahr, dass, wenn die Verwertung und ihre Besteuerung nicht mehr garantiert werden können, die bürgerliche Gesellschaft in einen „molekularen Bürgerkrieg“ (Hans-Magnus Enzensberger) zerfällt, dass menschliche Kommunikation sich auf ihren Gewaltkern konzentriert.

Gewaltpole

Der Begriff des Desperados scheint mir durchaus geeignet, bestimmte Verlaufsformen sozialer Degradierung und ihrer beschränkten Gegenwehr zu beschreiben. Der Desperado will etwa durch alternative Inklusion (z.B. Diebstahl) selbst seine Zugehörigkeit durch Ungehörigkeit demonstrieren. Der brutalen Exklusion versucht er durch eine brachiale Inklusion zu begegnen. Das hat mit Emanzipation nichts zu tun, sondern ist Regression, noch dazu eine, die die Macht zusätzlich legitimiert, indem sie den Wunsch befördert, gegen diese wie alle anderen Abweichungen vorzugehen.

Die gemeinen wie die organisierten Diebe sind nur bedingt Outlaws, man möge sie nicht als Rebellen verklären. Sie machen etwas außerhalb um innerhalb bleiben zu können. Sie erpressen und stehlen um kaufen zu können. Sie negieren in einem Moment etwas, um sich in allen anderen Momenten positiv drauf beziehen zu können. Sie verherrlichen das Privateigentum, das sie sich aneignen. Historisch erscheinen sie wie zu spät gekommene Nachläufer der so genannten ursprünglichen Akkumulation.

Das Zereißen der sozialen Netze erweist sich als Verstärker krimineller Energie. Gewaltbereitschaft nimmt zu, wo die politischen und sozialen Mechanismen versagen. Marod bedeutet, dass etwas zwar noch existenzfähig ist, aber kaum noch entwicklungsfähig. So würde ich den allgemeinen Zustand der Gesellschaft begreifen. Eine marode Gesellschaft erzeugt Marodeure. Eine Verbindung von Marodeuren zum Zweck des Marodierens nennt man Bande (gang, racket). Die Bande ist die praktische Inversion der Emanzipation. Sie kennt Konsequenz, aber nicht Perspektive. Diese Gewaltbereitschaft ist nicht umstürzlerisch, sie trägt usurpatorischen Charakter. Ziel ist die Beute.

In Zeiten, wo alles privatisiert werden soll, privatisiert sich auch die Gewalt. Gewaltpole lösen Gewaltmonopole auf und ab. Jene funktionieren wie outgesourcte Ministaaten, wie überhaupt eine substanzielle Identität von Staat und Bande behauptet werden soll. Staaten sind Banden im großen Maßstab. Banden bilden nicht bloß die Keime von Staaten, sie sind auch deren letzter Fluchtpunkt. Betrachten wir etwa das Schutzgeld. Es bedeutet nichts anderes als die Privatisierung von Steuer und Sozialleistung. Anstatt des Steuermonopols haben wir nun Steuerpole, wie wir anstatt des Gewaltmonopols Gewaltpole haben. Intern wird die Bande durchaus nach Regeln funktionieren, die wieder an ihren großen Bruder, den Staat erinnern. Dass jeder jeden bestiehlt, hält keine Bande aus geschweige denn zusammen. Wobei Banden fragile Gebilde sind. Stets selbst den Erosionsprozessen ausgesetzt sind sie Zusammenkünfte mit beschränkter Haltbarkeit und Dauer.

Widerstand oder Aufstand

Die Ohnmacht schreit: „Wir haben keine Chance, aber wir nützen sie“. Eigentlich ist das eine blöde Phrase, das Kapital sagt seinen Unterworfenen nichts anderes. Der Traum des Einzelnen basiert zwar erstens auf der reellen Chance, zweitens aber auf der Verdrängung der Gesamtchancen. Die Zahl der Chancenlosen steigt mit den verschwundenen Chancen. Schlimmer als die falsche Hoffnung erscheint freilich noch die blanke Hoffnungslosigkeit. Eine wirkliche Perspektive gibt es erst, wenn man sich der Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit bürgerlicher Existenz stellt, sie weder verdrängt, aber auch nicht als Schicksal akzeptiert. Erst wenn dieser Horizont nicht mehr als Grenze hingenommen wird, kann sich ein neuer öffnen. Und das gilt für alle, nicht nur für die, die unter die Räder kommen, sondern auch für jene, die diese überfahren.

Was eint Großindustrielle, Sozialhilfeempfänger und Diebe? Nun, sie alle wollen Geld. Ich will nun diese Ergänzungsfrage zu einer Entscheidungsfrage machen. Es geht darum, dass alle keins mehr wollen. Hier liegt der paradigmatische Bruch: Bezahlt wird nicht. Gekauft wird nicht. In Wert gesetzt wird nicht. Negatives Denken ist gefordert. Kooperation statt Konkurrenz ist angesagt. Emanzipation im Geist beginnt dort, wo das elementare Verlangen nach Geld hinterfragt und in Frage gestellt wird. Das Spiel von kommerzieller Exklusion und Inklusion ist zu überwinden. Das sind nun zwar keine Tageslosungen, aber es sind Forderungen der Zeit, selbst wenn oder gerade weil das alltägliche Handeln anders aussieht. Die „große Weigerung“ wie Marcuse sie nannte, sie muss denkbar werden. Wir müssen aufhören uns Güter als Waren und Menschen als Charaktermasken vorzustellen. In letzter Konsequenz geht es um die Dekommerzialisierung, um die Dekommodifizierung und um die Demonetarisierung aller gesellschaftlichen Beziehungen.

Problematisch hingegen ist die Kategorie des Widerstands. Sie ist nämlich ein inhärenter Begriff und kein transformatorischer. Politischer Widerstand meint gegen etwas zu drücken, was gegen einen drückt. Der Widerstand ist eine Resultante dessen, was ihn hervorbringt. Er ist also Bestandteil eines immanenten Kräfteparallelogramms und er bewegt sich auch ganz auf dieser Ebene. Er ist Reaktion, ein Dagegenhalten, erster Schritt, aber nicht mehr. Widerstand richtet sich jedoch nicht gegen das Spiel, im Gegenteil, man will sich besser im Spiel positionieren. Der Kampf der Interessen um ökonomische Verteilung in der Gesellschaft ist selbst destruktiv. Was als unmittelbare Notwendigkeit sich aufdrängt, wird zu einem ideologischen Fallstrick, weil durch die Affirmation der Form die generelle Destruktivität theoretisch unbegriffen und praktisch unangegriffen bleibt. Der Widerstand teilt die Voraussetzungen seiner Auseinandersetzung als eherne Bedingungen, er will diese gar nicht außer Kraft setzen. Nicht Widerstand ist angesagt, sondern Aufstand. Nicht: Wir wollen uns das nicht gefallen lassen, sondern: Wir wollen anstellen, was uns gefällt. Widerstand meint Reaktion, Aufstand meint Aktion!

Perspektivisch zu diskutieren heißt, auf der Ebene des Wollens zu debattieren, nicht in der staatlich zugelassenen Sphäre des Dürfens. Eine radikale transvolutionäre Potenz (und es ist auch fraglich, ob man sich diese noch als soziale Bewegung denken soll) hat die Fragen zu stellen, nicht sie sich stellen zu lassen. Weniger wichtig erscheint allerdings die Frage wie sich ein Aufstand legitimiert. Als enorme Setzung liegt er jenseits obligater Kriterien. Viel wichtiger ist es den Kapitalismus zu delegitimieren. „Die Legitimitätsfrage ist vielmehr von vornherein offensiv zu wenden. Wenn die kapitalistische Ordnung die gesellschaftliche Reproduktion nicht mehr vorsieht, welchen Grund gibt es dann für den Kotau vor ihrer Logik? Emanzipatives Denken fängt nicht dort an, wo Menschen aus Respekt vor der Heiligen Kuh des Geldes die vier Grundrechenarten verlernen und phantasieren, ‚Geld sei ja genug da‘, um sich als die besseren Maschinisten des kapitalistischen Gesamtbetriebs zu imaginieren. Emanzipatives Denken streicht vor allem anderen das Finanzierbarkeitsparadigma als das Kriterium aller Kriterien durch.“11

Mit ethischen Rechtfertigungen sollte man sich nicht allzu stark belasten. Die Zulässigkeitskriterien sind nicht jene, die anhand bürgerlicher Kategorien zu debattieren sind, vor allem sind deren Verbote nicht Handlungsanleitung, geschweige denn vorausgesetzte Moral. Wo die bürgerliche Normalität in das menschlich Anormale rutscht, ist das Enorme in Bewusstsein und Tat die Kraft der Transvolution. Gewalt ist ein Faktor, der nicht verdrängt werden soll, vor allem soll man sich nicht in Bekenntnissen ergehen, sondern die (versteckte) herrschende Gewalt zum Gegenstand der Kritik machen. Gewaltfreiheit ist nicht als Anerkennung des Gewaltmonopols zu übersetzen. Gewaltfreiheit ist zwar unbedingtes Ziel, aber bloß bedingtes Mittel, d.h., es kann nicht auf ihre Ausschließlichkeit gesetzt werden. Das wäre unredlich. Da steht man dann mit hilflosem Unverständnis vor den zu erwartenden Eskalationen. Der stete Versuch, auf alle Auseinandersetzungen befriedend einzuwirken, bedeutet auch zu wissen, dass das aufgrund ihrer Dynamik nicht immer gelingen kann.

Das Grundproblem ist aber, dass die gesellschaftliche Opposition unermüdlich meint, es ginge auf dieser Basis von Wert und Geld, von Arbeit und Demokratie, Sozialstaat und Rechtsstaat, Freiheit und Gerechtigkeit schon weiter, ließe man die Richtigen das Richtige machen. Immerwährend glaubt sie an den politischen Eingriff, ja an die große Stiftung der Politik. „Der politische Verstand ist eben politischer Verstand, weil er innerhalb der Schranken der Politik denkt. Je geschärfter, je lebendiger, desto unfähiger ist er zur Auffassung sozialer Gebrechen.“12 Das schreibt der junge Marx und der junge Engels präzisiert: „Aber die bloße Demokratie ist nicht fähig, soziale Übel zu heilen. Die demokratische Gleichheit ist eine Chimäre, der Kampf der Armen gegen die Reichen kann nicht auf dem Boden der Demokratie oder der Politik überhaupt ausgekämpft werden.“13

Schluss mit Jammern!*

Deutschland braucht mehr Optimismus

Reformstau, Finanznot, Wirtschaftskrise – nicht nur die Medien titeln zunehmend mit diesen Schlagwörtern. Auch in den Köpfen vieler Menschen machen sich angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und konjunkturellen Lage zunehmend Depressionen breit. „Schluss mit dem Jammern!“, fordern deshalb Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien: Am 29. April 2003 zeigen sie in der Reihe TALK IM FORUM im SiemensForum Erlangen neue Wege auf, wie innovative Ideen und kreative Ansätze zur Lösung unserer Probleme beitragen können.

Eine Mischung aus Hysterie, Pessimismus und „Katastrophismus“ ist über Deutschland hereingebrochen: In den Medien häufen sich Schlagzeilen, in denen von Niedergang und Desaster die Rede ist und nach Schuldigen für die angebliche Misere gesucht wird. Auf der Suche nach dem „Schwarzen Peter“ befinden sich momentan auch die deutschen Parteien, die sich mit populistischen Schuldzuweisungen in die Medien drängen. Von Reformwillen und dem Mut zu Visionen ist auch hier wenig zu spüren. Selbst deutsche Unternehmer und Wirtschaftsbosse werden nicht müde, über die „Wirtschaftskrise“ zu klagen und andauernde Stagnation und Rezessionen zu prognostizieren. Fest steht: Die Gesellschaft verändert sich immer wieder. Dieser Wandel macht das Leben jedes Einzelnen nicht immer leichter und stellt uns momentan vor große Herausforderungen.

Jammern hilft nichts – im Gegenteil: Jammern erzeugt ein Klima der allgemeinen Unsicherheit, Angst und Depression, das eine positive Auseinandersetzung unmöglich macht und neue Vorschläge hemmt. Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien fordern deshalb schon lange ein Ende der Pessimismus-Debatte. Im SiemensForum Erlangen räumen sie auf mit falschen Tatsachen und Panikmacherei.

Gäste können Ihre Meinungen, Fragen und Erfahrungen bereits im Vorfeld einbringen. Diese Fragen werden mit folgenden Talkgästen erörtert:

Prof. Dr. Andrea E. Abele -Brehm, Lehrstuhl für Sozialpsychologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Henning Krumrey, Leiter der Parlamentsredaktion Berlin, Magazin FOCUS

Karl-Ulrich Kuhlo, Aufsichtsratsvorsitzender n-tv und Geschäftsführer der Initiative

„Deutschland packt’s an!“, Berlin

Moderation: Steffen Seibert (ZDF)

Gerne bieten wir Ihnen nach telefonischer Terminvereinbarung vor oder nach der Veranstaltung exklusive Interviewtermine mit unseren Gästen an.

* Dokumentiert nach: Siemens AG, Press Office. Regionale Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. An die Politikredaktionen. Erlangen, 16. April 2003

Fürs Jammern

Über notwendige Differenzierungen

Angeblich jammern die Leute, insbesondere die Deutschen, zuviel. Das ist Unsinn. Wo die Welt ein Jammertal ist, kann gar nicht genug gejammert werden. Wer nicht jammert, das gilt es ganz kategorisch festzuhalten, ist krank. Der Jammer ist zu bejammern, was denn sonst. Das Problem ist also überhaupt nicht, dass gejammert wird, sondern lediglich, dass erstens das Jammern beim Jammern verbleibt, Ventil ist, selbst nicht zum Zündfunken von Reflexion und Kritik wird. Und zweitens, wie gejammert wird: Das Jammern ist in der Unart seines Gegenstands befangen. Schon aus diesem Grund hat es nichts Befreiendens an sich, wirkt selbst beklemmend, mehr als eigene Störung denn als Störung des Störenden.

Die Aufgabe der Kulturindustrie und aller sonstigen Ideologie-Regimenter besteht darin, uns das Jammern auszutreiben. „Nur nicht jammern“, wer kennt ihn nicht, diesen Satz. „Bloß nicht lamentieren!“, verkündet auch das positive Denken, das nichts anderes will als das Negative positiv deuten und ja keine weitergehenden Überlegungen anstellen. Positiv denken meint das Negative gut zu heißen. Die Allmacht der Affirmation liegt darin, dass tagtäglich von allen Gesellschaftsmitgliedern positiv, d.h. ganz im Sinne der herrschenden Matrix und ihrer Vorgaben, gehandelt werden muss. Die Analogisierung funktioniert auf der Ebene, dass das, was geschieht, wohl schon seinen Sinn haben muss, denn sonst würde es ja nicht passieren. Positives Denken regiert auch die Köpfe der Kritiker.

Schon von Kindesbeinen an werden wir trainiert, nicht nur etwas auszuhalten (das ist durchaus sinnvoll), sondern alles durchzuhalten. Das Leben gilt es nicht zu leben, sondern die Zumutungen zu überstehen. Man denke bloß an Dummsprüche wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Keinen Schmerz kennen zu wollen, bedeutet auch, ihn ungehemmt verbreiten zu dürfen, da man ja den anderen ebenso zumutet, was einem zugemutet wird. Das Unzumutbare sich und anderen anzutun ist ein bürgerlicher Imperativ. Wir müssen uns zusammenreißen. In doppeltem Wortsinn. Wir sind abgestumpfte Unwesen sondergleichen. Das ist freilich unerträglich und darf auch nicht akzeptiert werden. Der Mensch ist nicht so, aber er wurde so abgerichtet.

Wenn es dem bürgerlichen Subjekt schlecht geht, dann hat es gelernt, dieses Gefühl entweder umzuinterpretieren oder zu verdrängen. Es darf nicht sein. Schon die Alltagsfrage „Wie geht es dir?“ funktioniert als rhetorische Frage, die nur eine Antwort zulässt: Gut hat es einem zu gehen, was denn sonst. Die Erkundigung nach dem Befinden ist keine nach der Befindlichkeit, sondern eine Kontrollfrage die gesellschaftliche Rolle betreffend. Eine Floskel, die schon die Antwort vorwegnimmt.

In einer falschen Gesellschaft wird auch falsch gelitten. Es gilt, das Leiden an sich heranzulassen (es ist ja auch da!), sich ihm aber nicht zu überlassen. Nur das Anerkannte kann negiert werden, nicht das Verleugnete. Den Jammer ernst nehmen, sich aber nicht ihm hinzugeben, das ist keineswegs eine leichte Aufgabe. Da mag die Verdrängung näherliegend sein. Wir sind konditioniert den Jammer zu ertragen, aber das Jammern nicht ertragen zu wollen. Umgekehrt wäre besser: Die Leute sollen also nicht einfach mit dem Jammern aufhören, sondern Zustände schaffen, damit sie mit dem Jammern aufhören können. Wer dialektisch denkt, denkt heute so: Nein zum Jammer, ja zum Jammern!

Anmerkungen

1 Ernst Lohoff, Zur Dialektik von Mangel und Überfluss, krisis 21/22 (1998), S. 57.

2 Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung, Frankfurt am Main 1969, S. 21-22.

3 Wolfgang Pohrt, Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs, Berlin 1997, S. 83.

4 Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung, S. 26.

5 David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung (1821), Marburg 1994, S. 91-92.

6 Thomas Robert Malthus; zit. nach Karl Marx, Kritische Randglossen zu einem Artikel eines Preußen (1844), MEW, Bd. 1, S. 398.

7 Der Standard, 5. Jänner 1997.

8 Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (1930), Reinbek bei Hamburg 1987, S. 508.

9 Arthur Miller, Tod eines Handlungsreisenden, Frankfurt am Main 1988, S. 19.

10 Zit. nach Emmerich Tálos, Vom Siegeszug zum Rückzug. Sozialstaat Österreich 1945-2005. Innsbruck-Wien-Bozen 2005, S. 60.

11 Ernst Lohoff, Out of Area – Out of Control. Warengesellschaft und Widerstand im Zeitalter von Deregulierung und Entstaatlichung, Streifzüge, Nummer 32, November 2004, S. 16.

12 Karl Marx, Kritische Randglossen zu einem Artikel eines Preußen (1844), MEW, Bd. 1, S. 402.

13 Friedrich Engels, Die Lage Englands (1844), MEW, Bd. 1, S. 592.