31.12.2004  Beitrag drucken

Tote arbeiten länger (Rezension zu DMW)

akin-Pressedienst der nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung ‚akin‘

 

14. September 2004

Bernhard Redl

Was bin ich? So hiess es früher bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangotänzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder Einkommensarbeit nachgeht, definiert man sich über den Beruf: Schülerin, Pensionist, Hausfrau oder arbeitslos. Das sind die gängigen Antworten.

So ist es kein Wunder, wenn ein Buch zur Arbeitsgesellschaft „Dead Men Working“ heisst. Was sind wir schon ohne unsere Arbeit? Sind wir irgendwas? Existieren wir überhaupt? Und falls doch: Haben wir denn überhaupt ein Recht, zu existieren?

Der Buchtitel spielt natürlich auf den Ausspruch „Dead man walking“ hin, jenen Ausruf, der in den USA Männer zur Hinrichtungsstätte begleitet, und der durch den gleichnamigen Film auch bei uns bekannt geworden ist. Man kann es auch so lesen: Wir sind schon tot, aber wir wissen es noch nicht, denn wir arbeiten ja noch. Die Arbeit tötet uns täglich und hält zugleich uns Tote auf einer untoten Existenzstufe, quasi „am Leben“.

Wir lieben unsere Arbeit — weil wir nichts anderes kennen, weil wir nicht anders können, weil wir es uns anders nicht leisten könnten, dieses Leben.

Doch die mutige, ja schöne neue Marktwirtschaft will nicht so ganz den Wohlstand für alle bringen. Überall kracht es im Gebälk. Dennoch: Die totale Entfesselung der Marktkräfte nach 1989, die „Empfehlungen“ des IMF, die Logik der neuen Freiheit durch Deregulierung bleibt von der landläufigen Kritik unangetastet.

Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes vergleichen in ihrem Vorwort die kapitalistische Arbeitsgesellschaft mit einer Kirche: „Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung: insofern liegt es allemal allein an den Jüngern, durch mehr Opferwillen und Einsicht noch die Erlösung zu erlangen.“ Das Volk muss endlich lernen, wie toll doch die Segnungen dieser neuen Freiheit sind und diese auch nützen und sich nur voll in die Arbeit knien, dann wird alles gut. Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut. Oder so.

Da aber nicht alle so denken, müssen sie zu ihrem Glück gezwungen werden. Und das bedeutet, es müsse auch die letzten Nischen anderer Existenzen zugekleistert werden, damit sich niemand mehr darin verstecken kann: Erschwernisse beim Zugang zur Arbeitslosenunterstützung, Aufhebung von Zumutbarkeitsgrenzen, Infragestellung der Pensionen — das alles beim gleichzeitigen Trommelfeuer des Konsumterrors, bei den Versprechungen des warenförmigen Glücks, das man sich halt immer weniger wird leisten können, wenn man nicht an die Grenzen seiner Arbeitsfähigkeit geht

Dass die Linke dabei ziemlich schmähstad geworden ist, liegt nicht nur an der Frustration, die durch den Niedergang der Sowjetunion — die trotz allem doch noch als Gegenmodell erschien — ausgelöst wurde, sondern auch daran, dass sie ihre Kapitalkritik nur selten auch als Arbeitskritik verstehen konnte. Man wusste zwar schon, dass es ziemlich sinnlos ist, Waren zu produzieren, die eigentlich niemand braucht, nur um sich Waren leisten zu können, die man selber nicht braucht — und alles deswegen, damit einige wenige sich jene goldenen Nockerln leisten können, die diese offensichtlich doch fressen können. Aber so wirklich vom Arbeitsfetisch trennen wollen sich weite Teile der Linken immer noch nicht so recht. Denn der Proletarier galt doch immer als revolutionäres Subjekt und die Arbeit hatte neben der Revolution sein höchstes Ziel zu sein. Arbeitslosigkeit war ein Übel, Faulheit gar eine Sünde. Der Lumpenproletarier hatte ganz einfach das falsche Bewusstsein — denn nach der Revolution hatte die Sonn´ ohn Unterlass aufs Arbeiter- und Bauernparadies zu scheinen.

Eine Warnung: Das vorliegende Buch ist an vielen Stellen ähnlich polemisch wie diese Rezension. Und es ist auch ziemlich dick: 302 Seiten sind für diese Art der Lektüre und für unsere heute so schnellebige Zeit schon viel und der Rezensent gesteht: Er hat das Buch nicht ganz gelesen. Denn es ist kein Werk zum zügigen Durchlesen. Es ist ein Buch zum Schmökern. Da trifft staubtrockene Theorie auf pointierte Polemik, Texte zum Thema Jugend- und Siegerwahn auf Texte zum Thema Hatz auf „Arbeitsscheue“, der sehr persönliche Bericht einer arbeitslosen Geisteswissenschafterin auf die fast nüchterne Schilderung der gesellschaftlichen Akteptanz des Selbstmords wegen Arbeitslosigkeit in Japan.

Es ist ein Lesebuch, das man immer in die Hand nehmen kann, wenn man sich fragt: Wozu das alles? Und: Bin ich der einzige, der sich diese Frage stellt?

Es ist ein Buch, das vielleicht mit dazu beitragen kann, dass man sich dazu entschliesst, a) sein Leben und b) die Gesellschaft verändern zu wollen. Ob man es dann aber tatsächlich auch ernsthaft versucht, ist eine andere Frage. Das kann das Buch — wie alle anderen seiner Thematik – natürlich nicht leisten, das müssen wir schon selber tun.

http://akin.mediaweb.at/2004/20/20buch.htm