31.12.2005  Beitrag drucken

Antisemitismus — gibt’s das überhaupt?

Oder: Was man in Deutschland alles nicht wahrhaben will.

02/2005

von Lothar Galow-Bergemann

Am 27.1.1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Damit begann das Ende des Leids, das der deutsche Nationalsozialismus über die jüdischen Menschen in Europa gebracht hatte. Neben Versuchen, den Ursachen für dieses beispiellose Verbrechen nachzugehen, sind die letzten 60 Jahre in Deutschland vor allem durch eine weit verbreitete Schuldabwehr gekennzeichnet. Schuld waren „die Nazis“, „die Bourgeoisie“, „die Richter und Henker“, „das Großkapital“ oder gar „Versailles“ – in jedem Fall aber immer irgendwelche andere, von denen man sich im Zweifelsfall distanzieren konnte. Der gesellschaftliche Diskurs in den Jahren seit 1945, sei es in der Rechten, in der Linken oder in der so genannten Mitte, ist geprägt von der geradezu panischen Abwehr der Erkenntnis, dass es schlicht und erschütternd die Deutschen waren, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die Shoah verbrochen haben.

Dieser kurze Text kann das Thema naturgemäß nur anreißen. Deswegen am Schluß die Verweise auf weiterführende Literatur und Links.

Antisemitismus ist kein Problem der Rechten oder der Bourgeoisie, sondern der ganzen Gesellschaft

Die gesamte deutsche Gesellschaft bildete die „Volksgemeinschaft“. Alle gesellschaftlichen Schichten ordneten sich ganz überwiegend und durchaus freiwillig in das deutsch-nationale und antisemitische System des Nationalsozialismus ein. Man konnte sich mit der nationalchauvinistischen und judenfeindlichen Politik und Propaganda identifizieren. Wirtschaftseliten und Mittelschichten: Durch die Zwangsenteignung jüdischen Eigentums („Arisierung“) wurden viele Konkurrenten ausgeschaltet und es kam zu ungeahnten Möglichkeiten der Bereicherung. Man achte nur einmal darauf, wie viele Geschäfte im Jahre 2008 ihr 70-jähriges Jubiläum feiern werden. Die Ausbeutung der Zwangsarbeiter brachte vorübergehend zusätzlichen Profit. Intelligenz: Die Entfernung der jüdischen Wissenschaftler aus dem Lehrbetrieb ermöglichte es auch zweitklassigen Forschern, sich zu profilieren. Juden wurden für verbrecherische Menschenversuche missbraucht. „Künstler“: Da die bedeutendsten Maler, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker, darunter viele Juden, auswanderten, interniert oder umgebracht wurden, erhielten die Protagonisten von Mittelmaß, Banalität, Trivialität, Primitivität und Brutalität endlich die Chancen, auf die sie schon lange gelauert hatten. Richter, Beamte, Militärs: Schon im Kaiserreich spielten Juden in diesen Bereichen, in denen der Antisemitismus besonders extrem verbreitet war, kaum eine Rolle. Es verwundert nicht, dass die mit der unmittelbaren Vernichtung der Juden betrauten Personen zu weit über 90 Prozent diesen „gutbürgerlichen“ Kreisen angehörten. „Pflicht, Gehorsam und Recht“, worauf diese Leute soviel halten, ermöglichte erst die industrielle Tötung. Auch die „Männer des 20. Juli“, die die Verbrechen lange genug mit betrieben bzw. getragen hatten und sich erst, nachdem sie den Karren an die Wand fahren sahen, von Hitler befreien wollten, haben sich nicht gegen die Judenvernichtung gestellt, ja sie haben sie noch nicht einmal kritisiert. Es ist im Übrigen entlarvend für das „neue Deutschland“, dass dessen rotgrüne Vordenker ausgerechnet diese Gestalten der Jugend als Vorbilder empfehlen. Kirchen: Es waren nur verschwindend wenige, die etwas gegen den Judenmord unternahmen. Die große Masse des Kirchenvolkes – als selbstverständlicher Bestandteil der „Volksgemeinschaft“ – nahm ihn mindestens billigend in Kauf bzw. unterstützte ihn direkt. Der Papst und der Führer schlossen das Konkordat. Die antisemitischen Traditionen der Kirchen, vom neuen Testament über die Judenpogrome bis hin zur hasserfüllten Mordhetze Luthers gegen die Juden trugen ihre Früchte. Arbeiter, Angestellte: Gerne wird die These vertreten, die Arbeiterschaft habe mehrheitlich im Widerstand zum NS-Regime gestanden. Dass dem nicht so war, hat sogar die KPD eingestanden (einmal, im Juni 1945). Verschwiegen hat sie, dass sie in der Weimarer Zeit selbst antisemitisch agitiert hat. So hat sie „das Judenkapital“ angeprangert, der NSDAP Unterstützung durch „jüdische Kapitalisten“ vorgeworfen und behauptet, die Nazis an der Macht würden nur die jüdischen Arbeiter, nicht aber die jüdischen Kapitalisten unterdrücken. Bezeichnend ist ebenso, dass das Nationalkomitee Freies Deutschland (kommunistische Vorfeldorganisation mit Sitz in Moskau) in seinen Flugblättern kaum die Deportation und den Mord an den

Juden im Osten thematisierte, obwohl die Vernichtungslager längst bekannt waren. Fazit: Auch die Libidoobjekte der Traditionslinken, „die Arbeiterklasse und das Volk“, haben die Vernichtung der Juden entweder aktiv betrieben oder passiv geduldet.

Die „kleinen Leute“ waren nicht besser, als es um die Vernichtung der Juden ging

Im Stuttgarter Gewerkschaftshaus war vor drei Jahren wochenlang die Ausstellung „Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn“ zu sehen. Sie zeigt anhand vieler Belege, wie sich die so genannten kleinen Leute massenhaft am Eigentum zwangsenteigneter, vertriebener und ermordeter Juden bereicherten. Die gleichen „kleinen Leute“, die später von nichts wussten. Es ist erschreckend, wie tatsachenresistent das Bewusstsein vieler Linker auch nach dieser Ausstellung blieb. Oder haben sie sie gleich gar nicht angesehen? Es scheint jedenfalls auch in diesem Fall, als habe das Nicht-Wissen-Wollen hierzulande eine feste Tradition. Richtig ist, dass die KPD relativ noch am meisten Widerstand gegen die NS-Herrschaft organisierte. Nicht aber gegen die Judenvernichtung. Antisemitismus und Antifaschismus schlossen sich schon damals keineswegs aus. Das macht deutlich, wie selbstgerecht und undurchdacht die Haltung vieler Linker auch heute noch ist, die meinen, sich mit der Gleichung „Ich bin Antifaschist, also bin ich auch frei von Antisemitismus“ aus der Debatte stehlen zu können.

Die hilflose These, „die Interessen der Bourgeoisie“ seien der Motor der Judenverfolgung gewesen, hat sich schon immer derart augenfällig an den Tatsachen blamiert, dass man sich fragen muss, wie viel Verdrängungskünste eigentlich dazugehören, um nicht zu sehen, dass es weder unter dem Gesichtspunkt der Profitmacherei noch unter dem der imperialistischen Expansion Sinn gemacht hat, ausgerechnet in den Jahren größter deutscher Kriegsanstrengung sechs Millionen dringend benötigter potentieller Arbeitssklaven zu vernichten sowie erhebliche Kapazitäten der Reichsbahn der Kriegsmaschinerie zu entziehen und sie für die Organisation des Holocaust zu verwenden. In Auschwitz lag die Lebenserwartung eines Zwangsarbeiters zwischen zwei Wochen und sechs Monaten. Antisemitismus ist nicht „zweckrational“ zu erklären. Er ist ein Wahnsystem, das auf Vernichtung hinausläuft.

Der Antisemitismus war – ob manifest oder latent – in allen Bevölkerungsschichten verbreitet. Er war keine Sache der Rechten oder der Bourgeoisie allein, sondern eine Sache der ganzen Gesellschaft. Äußerungen wie „Ich hab von nichts gewusst“ sind oft genug als komplette Lüge, auf jeden Fall aber im Sinne von „Ich hab genug gewusst, um nicht mehr wissen zu wollen“ zu lesen.

Die philosemitische Tünche der Deutschen hielt nur kurz: Der Antisemitismus tritt schon längst wieder auf – als „Antizionismus“

Im Nachkriegsdeutschland hat sich dieser Antisemitismus konserviert. Er tritt selten so offen auf wie in den Reden Hohmanns und Günzels, dem Möllemann-Pamphlet „Auf ein Wort…“ und Walsers Roman „Tod eines Kritikers“. Wenn er anonym bleiben kann, traut er sich schon weit mehr aus der Deckung:

Uni Leipzig (Juni 2002): 36% der Deutschen geben an, sie könnten „gut verstehen, dass manchen Leuten Juden unangenehm sind“. Der Aussage „auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ stimmen 31% der Westdeutschen zu.

Uni Bielefeld (Dezember 2004): 44,4% der Deutschen sagen, dass es ihnen aufgrund der Politik Israels verständlich sei, warum Juden gehasst werden. 62,2% „haben es satt“, von den Verbrechen der Deutschen an den Juden zu hören.

Das ist der Humus, auf dem die zunehmenden Versuche gedeihen, die Shoah zu historisieren, zu bagatellisieren und zu verfälschen. Hierzu gehört das unverschämte Verhalten der deutschen Industrie hinsichtlich einer Entschädigung für die ZwangsarbeiterInnen, die Aufrechnung der vernichteten Juden mit den (selbstverschuldeten) Kriegstoten Deutschlands und, als Gipfel, die Behauptung, die Shoah sei nicht eigentlich ein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen. Unter dem Eindruck der Bilder aus den Vernichtungslagern, die man von der amerikanischen Besatzungsarmee zwangsweise vorgeführt bekam, hat man zwar gelernt, dass man fortan „nichts mehr gegen die Juden haben darf“, aber die kurze Blüte des (west)deutschen Philosemitismus (der nichts ist als Antisemitismus mit negativen Vorzeichen), währte grade mal zwei Jahrzehnte. Mit der israelischen Besatzung arabischer Gebiete, welche auf den Israel von seinen arabischen Nachbarn aufgezwungenen Sechstagekrieg 1967 folgte, hatte der Antisemitismus endlich die Chance, sich mit einem vermeintlich neuen Gewand zu schmücken und wieder an die Öffentlichkeit zu treten: Er firmiert seitdem als „Antizionismus“.

An dieser Stelle ertönt regelmäßig ein Aufschrei, auch von den meisten Linken, Friedensbewegten und Globalisierungskritikern. Es sei etwas völlig anderes, gegen die Juden zu sein oder gegen Israel, meinen sie. Und merken nicht, dass sie auch hier bis über beide Ohren in der deutschen Tradition des Nicht-Wahrhaben-Wollens stecken.

Warum der mörderische Antisemitismus gegen Israel im deutschen Bewusstsein nicht vorkommen darf

Ausgeblendet wird nicht nur, dass der jüdische Staat die Konsequenz aus Antisemitismus und Shoah ist, Anti-Zionismus folglich nichts anderes bedeutet, als den Juden das Recht abzusprechen, endlich in einem Staat leben zu können, in dem sie nicht mehr die Minderheit sind. Nicht wahrgenommen wird ebenfalls der virulente Antisemitismus, sei es in Deutschland, in Europa oder weltweit. Nicht wahr sein darf vor allem, dass es auch heute mörderischen antisemitischen Vernichtungswahn mit Massenbasis gibt, besonders (wenn auch nicht ausschließlich) in beträchtlichen Teilen der arabischen und islamischen Gesellschaften. In Kombination mit dem sowieso definitionsgemäß reinen Gewissen (siehe oben) lässt sich dann trefflich über israelisches Besatzungsregime urteilen. Verräterisch schnell rutscht es aus rechten wie aus linken Mündern: Dass Israel einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führe, „das gleiche wie die Nazis“ mache usw. Das Bedürfnis, den Juden nachzuweisen, dass „sie ja auch nicht besser“ seien, sitzt tief, dafür werden die absurdesten und obszönsten Vergleiche konstruiert. Und wieder wird der Antisemitismus ausgeblendet. Denn Tatsachen wie die folgenden gibt es für dieses Bewusstsein nicht:

Die Leugnung des Holocaust als „Erfindung der Zionisten“ ist in den Israel umgebenden arabischen und islamischen Gesellschaften gang und gäbe. Hitlers „Mein Kampf“, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und ähnlicher Dreck wandert massenweise über die Verkaufstheken der Buchläden. Übelste antisemitische Hetze im Fernsehen à la „Juden schlachten Kinder“ sind Alltag. Die Vernichtung Israels ist das in aller Offenheit ausgesprochene und mit Nachdruck verfolgte Ziel der Herrscher des iranischen Gottesstaates; sie lassen es schon lange nicht bei Propaganda bewenden, sind in Sachen Organisation des Terrors gegen Israel ganz vorne mit dabei und wollen sich bekanntermaßen sogar in den Besitz von Atomwaffen bringen, was die Vernichtungsdrohung gegen die Juden und ihren Staat noch wesentlich realer und beängstigender macht. Die Charta der Hamas, das Selbstverständnispapier einer Organisation, die die angeblichen Verzweiflungstaten junger Massenmörder ideologisch und praktisch organisiert, ist voller Wahnvorstellungen wie dieser: „Die Juden standen hinter der Französischen Revolution und hinter der kommunistischen Revolution“. Sie standen „hinter dem ersten Weltkrieg, um so das islamische Kalifat auszuschalten … und standen auch hinter dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie immense Vorteile aus dem Handel mit Kriegsmaterialien zogen… Es gab keinen Krieg an irgendeinem Ort, der nicht ihre Fingerabdrücke trüge.“ Hamas, Hisbollah, Islamischer Djihad, Al Aksa Brigaden und andere Terrorbanden wollen nicht etwa einen Palästinenserstaat neben Israel errichten, sondern Israel zerstören. Sie liegen damit nicht etwa neben dem Trend, sondern voll und ganz auf Linie. Denn es könnte schon über ein halbes Jahrhundert einen palästinensischen Staat geben. Der UNO-Teilungsplan für Palästina von 1947 sah die Gründung eines jüdischen und eines palästinensischen Staates vor. Der jüdische Staat wurde 1948 gegründet. Die arabischen Führer lehnten den Plan ab und führten sofort Krieg gegen Israel. Damit war die Möglichkeit verspielt, einen Staat zu gründen. Bis 1967 hätten Ägypten und Jordanien, zu deren Staatsgebiet die heutigen Palästinensergebiete damals gehörten, die Möglichkeit gehabt, einen palästinensischen Staat zu gründen. Sie dachten nicht im Traum daran. Es wurden noch mehrere Möglichkeiten in den Wind geschlagen. Das bisher letzte Mal durch Arafat, als sich durch den Barak-Plan von 2000 die Möglichkeit bot, einen Staat mit Gaza und 96% der Westbank zu gründen. Er erhob die unerfüllbare Forderung nach dem Rückkehrrecht aller Flüchtlinge, wohlwissend, dass dies den jüdischen Staat zerstören würde. Zu diesem Zweck werden die Flüchtlinge, ursprünglich waren es 700 000, mit Kindern und Kindeskindern auf heute bereits angeblich 3,7 Millionen hochgerechnet. „Wenn jeder Araber einen Juden tötet, werden überhaupt keine Juden mehr übrig bleiben“ ist nicht etwa eine marginalisierte Position, sondern ganz offiziell vertretene Strategie, in diesem Fall vom syrischen Verteidigungsminister Mustafa Tlas am 6.5.01 öffentlich geäußert. Platzgründe verhindern es, noch weit mehr Tatsachen dieser Art aufzuführen.

Dies alles wird nur zu gern verdrängt. Dafür wird sich die Welt so zurechtgelegt, dass sie in das eigene Nichtverständnis von Antisemitismus hineinpasst. Herausragendes Beispiel für solch verquere Wahrnehmung ist die ebenso verbreitete wie unsinnige Behauptung, der Selbstmordterror gegen Israel geschehe aus „Verzweiflung“ der Akteure. Wer den islamistischen Terror als eine (nicht selten sogar als verständliche) Reaktion auf Unterdrückung und Demütigung interpretiert, der blendet nicht nur die islamistische Unterdrückung und Demütigung, besonders gegenüber den Frauen, aus. Er hat sich offenbar auch noch nie gefragt, warum es keine Selbstmordattentäter in Kongo und Ruanda gibt, warum in den Slums von Rio de Janeiro und in den Elendsgebieten der Slowakei keine Gotteskrieger heranwachsen. Nein, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sind keine Erklärung dafür, dass junge Menschen mit strahlenden Augen in ihren Abschiedsvideos erklären, sie freuten sich darauf, nun bald im Paradies zu sein. Und die alles daran setzen, dabei möglichst viele Juden mit in den Tod zu nehmen. Der antisemitische Terror gegen Israel ist nicht das Gleiche wie die Shoah, aber ihn zur Folge der israelischen Besatzung zu erklären ist genauso oberflächlich und reaktionär wie die in Deutschland gern geglaubte Mär von „Versailles“, welches angeblich die wahre Ursache für den Nationalsozialismus gewesen sei. Oft genug kommen die Täter aus der vermögenden Oberschicht, die Mitglieder der Hamburger Zelle, die den 11. September organisiert haben genauso wie die Organisatoren des 11.März in Madrid, Bin Laden ist Milliardär.

Von alledem will man nichts wissen. Und hat auch eine schnelle (Selbst)rechtfertigung dafür zur Hand. Über „andere Völker und Kulturen“ negativ zu urteilen sei doch rassistisch. Gerade das sei doch schließlich eine Lehre aus „der deutschen Geschichte“ und man selber, da ist man sich außerordentlich sicher, hat doch diese Lehren gezogen. Aber abgesehen davon, dass „Völker und Kulturen“ aus emanzipatorischer Perspektive grundsätzlich nur negativ beurteilt werden können, seien es „fremde“ oder „eigene“: Ein „Antirassismus“, der nicht in der Lage ist, den Antisemitismus als ein grundlegendes Phänomen des kapitalistischen Alltagsbewusstseins zu begreifen, als ein ideelles und psychisches Wahnsystem, das letztendlich auf den Vernichtungswillen gegenüber allem hinausläuft, was es als „jüdisch“ begreift, ein „Antirassismus“, der nicht verstanden hat, dass dieser Wahn nicht Vergangenheit ist, sondern brandaktuelle Gegenwart, wo er im Zuge der kapitalistischen Krise um sich greift wie die Flammen im trockenen Unterholz, ein „Antirassismus“, der nicht wahrnimmt, dass sich dieser Wahn heute nicht nur gegen „die Juden“ allgemein, sondern vor allem auch gegen den jüdischen Staat richtet, ein solcher „Antirassismus“ verdient seinen Namen nicht. Er kann nur kläglich versagen und zu absurden Positionierungen führen, wenn er sich an die Erklärung der Welt heranmacht.

Meldungen aus Deutschland (Oktober und November 2004): – Köln: Witze über „J’s“ live im Fernsehen – Werl: Friedhof und Gedenkstein geschändet – Frankfurt/M: Antisemitismus auf der Buchmesse – Wickede: Hakenkreuze in Grabsteine eingeritzt – Jülich: Jüdischer Friedhof geschändet – Thüringen: Antisemitische Ausfälle nach Fußballspiel – Berlin: Stolpersteine nach zwei Tagen herausgerissen – Leinefelde: Antisemitische „Späße“ auf NPD-Parteitag – Wittstock: KZ-Überlebender von Jugendlichen angepöbelt – Bocholt: Grabsteine mit nationalsozialistischen Schriften beschmiert – München: Ex-„heute“-Sprecher erzählt in Gala-Rede Judenwitz (

Solange es Kapitalismus gibt, gibt es Antisemitismus. Solange es Antisemitismus gibt, ist nicht gewährleistet, dass die Shoah singulär bleibt.

So ist es auch nur folgerichtig, wenn dieses Bewusstsein glaubt, so etwas wie die Shoah könne es eh nicht mehr wieder geben. Es hat nicht begriffen, dass Antisemitismus notwendig falsches Bewusstsein in der kapitalistischen Gesellschaft ist. Weil die Herrschaft der abstrakten Verwertungszusammenhänge nicht durchschaut und folglich personalisiert wird. Raffgierige Mächte des Bösen spannen dann die Fäden in einer Welt, die so kompliziert ist, dass man sie sich nur so einfach zu erklären vermag. „Die Juden“ sind die Chiffre für das Böse in der Welt. Wo für die Folgen der Verwertungskrise die Juden und/oder der jüdische Staat verantwortlich gemacht werden – und das geschieht oft genug, in islamischen Gesellschaften sehr offen, in Deutschland meist noch hinter vorgehaltener Hand – ist der Antisemitismus manifest. Wo „nur“ „die Reichen“, „die Manager“, „die Zinsen“, „das Geld“, „die Monopole“, „die Raffgier“, „die USA“ dafür haftbar gemacht werden, kann man noch nicht von Antisemitismus sprechen, aber er schaut schon unverkennbar um die Ecke und reibt sich gewissermaßen die Hände über so viele Anknüpfungspunkte.

Literatur und Links:

  • Susanne Meinl/Jutta Zwilling: Legalisierter Raub, Campus-Verlag 2004 (Schildert faktenreich die Ausplünderung hessischer Juden durch die Reichsfinanzverwaltung unter aktiver Mitwirkung der „kleinen Leute“)
  • Betrifft: Aktion 3 – Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn, von Prof. Dr. Wolfgang Dreßen, Kontakt: Antifaschistische Initiative gegen das Vergessen, Ausstellungsgruppe aigdv@web.de
  • Olaf Kistenmacher: Vom „Judas“ zum „Judenkapital“ Antisemitische Denkformen in der Kommunistischen Partei Deutschlands der Weimarer Republik, 1918-1933 Olaf-Kistenmacher@web.de
  • Norbert Trenkle, Entsorgung nach Art des Hauses. Zur Verharmlosung antisemitischer Tendenzen durch den wissenschaftlichen Beirat von attac-Deutschland, Streifzüge Nr.32, November 2004 www.streifzuege.org
  • Kritik an Israel bzw. Antisemitismus“, Studie unter der Leitung von Dr. Wilhelm Heytmeyer, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld
  • Matthias Küntzel, Djihad und Judenhass, Freiburg, ISBN 3-924627-07-X
  • Abdelwahab Meddeb, Die Krankheit des Islam, Büchergilde, ISBN 3-7632-5385-8
  • Thomas Haury, Antisemitismus von links, Hamburg, ISBN 3-930908-80-0
  • H. Schatz/A.Woeldike, Freiheit und Wahn deutscher Arbeit, Hamburg/Münster, ISBN 3-89771-805-7
  • www.hagalil.com www.memri.org
  • Daniel Jona Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996
  • Eric A. Johnson, Der nationalsozialistische Terror – Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche, Siedler, ISBN 3-88680-619-7
  • I.Neidhardt/W.Bischof (Hrsg), Wir sind die Guten – Antisemitismus in der radikalen Linken, 2000, ISBN 3-89771-400-0
  • Gruppe Magma, „…denn Angriff ist die beste Verteidigung“ Die KPD zwischen Revolution und Faschismus, 2001, ISBN 3-89144-263-7