31.12.2005  Beitrag drucken

DIE KRISE DER WARENGESELLSCHAFT

Viertes Kapitel des Buches von Anselm Jappe: Die Abenteuer der Ware (Unrast Verlag 2005)

Die Krise des Werts

Eine Produktionsweise wie der Feudalismus, die organisiert ist, um die Bedürfnisse und die Launen der herrschenden Schichten zu befriedigen, kann viele Fehler aufweisen, aber nie so zerstörerisch und selbstzerstörerisch sein wie die vom »automatischen Subjekt« gelenkte Gesellschaft. Ein System, das nicht tautologisch, sondern auf einen Zweck ausgerichtet ist, findet stets seine Schranke und seinen Gleich­gewichtspunkt. Man kann sicher sagen, dass alle bisherigen Gesellschaften blind gewesen seien. Keine hat wirklich bewusst über ihre Kräfte verfügt und ist frei von fetischistischer Vermittlung gewesen. Aber im Vergleich zur kapitalistischen Gesellschaft wiesen sie nur eine schwache Dynamik auf. Die moderne Gesellschaft ist so gefährlich, weil sie einer starken Dynamik unterliegt, die sie nicht zu kontrollieren vermag, da sie ganz und gar ihrem fetischistischen Medium ausgeliefert ist.

Diese Schrankenlosigkeit ist erst mit dem Geld in die Welt gekommen, und zwar als dieses zum Zweck der Produktion wurde. Das Geld als Verkörperung des Werts hat als einziges Ziel seine Selbstver­mehrung1:

»Als quantitativ bestimmte Summe, beschränkte Summe, ist es auch nur beschränkter Repräsentant des allgemeinen Reichtums […] Als Reichtum festgehalten, als allgemeine Form des Reichtums, als Wert, der als Wert gilt, ist es also der beständige Trieb, über seine quantitative Schranke fortzugehn: endloser Prozess« (MEW 42/196).

Es handelt sich dabei nicht um ein äußerlich hinzutretendes Merkmal, sondern um seine Grundstruktur. In der Tat leitet Marx auch die Schrankenlosigkeit des Kapitals aus dessen Begriff ab (was bedeutet, dass sie nur mit dem Kapital zusammen enden wird). Wir haben bereits gesehen, dass der Wert sich nur durch sein Wachstum erhält, da er sonst »in sich zusammenfällt«. Aber Marx leitet die Schrankenlosigkeit auch aus dem »Widerspruch der allgemeinen Charaktere des Werts mit seinem stofflichen Dasein in einer bestimmten Ware« ab, von dem er im Short outline von 1858 spricht. In seiner dritten Formbestimmtheit – das Geld als Geld – wird das Geld, das nur eine größere oder geringere Quantität des allgemeinen Reichtums darstellt, ein prozessierender Widerspruch, denn als allgemeiner Reich­tum ist es der Inbegriff aller Gebrauchswerte, und das Geld hat in dieser Form die Fähigkeit, alles zu kaufen. Aber zugleich ist es in dieser Form stets ein bestimmtes und beschränktes Quantum Geld, und damit ein beschränkter Repräsentant des allgemeinen Reichtums. Dieser Widerspruch zwischen qualitativer Schrankenlosigkeit und quantitativer Beschränktheit führt deshalb zu einem quantitativ unendlichen Progress, bei dem sich das Geld durch permanente Größenausdehnung dem Reichtum schlechthin anzunähern sucht. Das tritt ein, sobald das nicht mehr an konkrete Bedürfnisse gebundene Geld zum Zweck der Produktion wird:

»Während für den Tauschwerth in der Gestalt jeder anderen Waare das besondre Bedürfniß für den besondren Gebrauchs­werth, worin er incarniert ist, Voraussetzung bleibt, ist für Gold und Silber als abstrakten Reichthum keine solche Schranke vorhanden« (Urtext, S. 25).

Dieser zwanghafte Selbstzweckcharakter, der dynamische Aspekt des Kapitalismus und das Hineinreißen aller Gesellschaften in die ›Geschichte‹ sind nur verschiedene Aspekte derselben Sache2. Die auf Warenproduktion beruhende Gesellschaft mit ihrer veräußerlichten, abstrakten Allgemeinheit ist deshalb notwendigerweise schrankenlos, zerstörerisch und selbstzerstörerisch3, und das ist, wie Marx immer wieder unterstreicht, bereits in ihrem Begriff angelegt:

»Das Kapital aber als die allgemeine Form des Reichtums – das Geld – repräsentierend, ist der schranken- und maßlose Trieb, über seine Schranke hinauszugehen. Jede Grenze ist und muss Schranke für es sein. Es hörte sonst auf, Kapital – das Geld als sich selbst produzierend zu sein. Sobald es eine bestimmte Grenze nicht mehr als Schranke fühlte, sondern als Grenze sich in ihr wohl fühlte, wäre es selbst von Tauschwert zu Gebrauchswert, von der allgemeinen Form des Reichtums zu einem bestimmten substantiellen Bestehn desselben herabgesunken« (MEW 42/252-253).

Das Kapital, das nicht zu wachsen versucht, fällt in den Schatzzustand zurück: eine leblose Anhortung außerhalb der Zirkulation.

Auch die schließliche Aufhebung des Kapitals ist für Marx die Folge seiner Schrankenlosigkeit, durch die das Kapital selbst zur größten Schranke für sich selbst wird und auf seine eigene Aufhebung hinarbeitet4. Die Krisentheorie ist einer der originellsten Teile des Marx­schen Werks, und er selber warf der bürgerlichen Ökonomie vor, bei ihrer Behandlung der Krisen vollkommen »vulgär« zu werden (z.B. MEW 26.2/499-506). Seine eigene Krisentheorie ist durchaus fragmentarisch und nicht widerspruchsfrei. Aber seine ganze Kapi­talis­musanalyse ist im wesentlichen eine »Krisentheorie« bis hin zum »apokalyptischen« Ende, mit dem er seine Kritik der politischen Ökonomie ursprünglich hatte abschließen wollen (vgl. seine Planskizzen für Zur Kritik in MEGA II, 2, S. 14). Er hat, vor allem im dritten Band des Kapitals, ausführlich die zyklischen Krisen als normale Funktionsweise des Kapitalismus behandelt, in dem die Prosperität nie stabil ist. Er hat jedoch auch die Theorie der »Endkrise« entwickelt, die er für unvermeidlich hielt aufgrund der unüberschreitbaren inneren Schranke des Kapitalismus. Er hat das vor allem in den Grundrissen getan, aber bis zum Ende seines Lebens hat er darauf bestanden, dass die Dynamik des Kapitalismus diesen zum Zusammenbruch treibe (z. B. im Entwurf für seinen Brief an Vera Sassulitsch, MEW 19/392). Für Marx ist das wesensmäßige Zusammenfallen von Kapitalismus und Krisenzustand nicht nur das Ergebnis rein quantitativer Inkongruenzen zwischen den verschiedenen Faktoren der kapitalistischen Wirtschaft (diese Inkongruenzen waren die Grundlage der in keynesianischen Zeiten florierenden ›Unterkonsumtionstheorie‹). Die krisenhafte Natur des Kapitalismus ist bereits in der Struktur der Ware mit ihrer grundlegenden Trennung von Produktion und Konsumtion5, Einzelnem und Allgemeinem, Inhalt und Form angelegt. Jede neue Analysestufe bringt erneut dieses Krisenpotential zum Vorschein:

»Bleibt also, dass abstrakteste Form der Krise (und daher die formelle Möglichkeit der Krise) die Metamorphose der Ware selbst ist, worin nur als entwickelte Bewegung der in der Einheit der Ware eingeschlossne Widerspruch von Tauschwert und Gebrauchswert, weiter von Geld und Ware enthalten ist. Wodurch aber diese Möglichkeit der Krise zur Krise wird, ist nicht in dieser Form selbst enthalten; es ist nur darin enthalten, dass die Form für eine Krise da ist. Und dies ist bei Betrachtung der bürgerlichen Ökonomie das Wichtige. Die Weltmarktkrisen müssen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefaßt werden. Die einzelnen Momente, die sich also in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, andererseits die abstrakteren Formen desselben als wiederkehrend und enthalten in den konkreteren nachgewiesen werden. Man kann also sagen: Die Krise in ihrer ersten Form ist die Metamorphose der Ware selbst, das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf« (MEW 26.2/510-11)6.

Dieses lange Zitat ist angebracht, denn es beweist, dass man von einer Einheit von Werttheorie und Krisentheorie bei Marx sprechen kann. Die Krise ist keine zeitweilige Unterbrechung, die das ›normale‹ Funktionieren des Kapitalismus stört, sondern stellt dessen Wahrheit dar. Es ist also nicht nur bereits im »Begriff«, in der »Elementarform« des Kapitalismus angelegt, »verrückt« zu sein, sondern auch, sich nur unter pausenlosen Friktionen fortbewegen zu können und schließlich aufgrund seiner inneren Logik, oder besser gesagt Unlogik, zusammenbrechen zu müssen.

Im Grunde gehen alle Krisen darauf zurück, dass es kein konkret vermitteltes Gemeinwesen, keine gesellschaftliche Einheit gibt. Diese stellt sich in der Krise in gewisser Weise gewaltsam wieder her: »Und weiter ist Krise nichts als die gewaltsame Geltendmachung der Einheit von Phasen des Produktionsprozesses, die sich gegeneinander verselbständigt haben« (MEW 26.2/510). Auf den Grundrisse-Seiten über das voraussehbare Ende der wertschaffenden Arbeit, auf die wir uns im vorigen Kapitel bezogen haben, führt Marx den künftigen Zusammenbruch der Wertproduktion gerade auf die Entfaltung der Wertlogik zurück. Er sieht die Abschaffung der Arbeit als Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums voraus:

»Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muss aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozess erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift« (MEW 42/601)7.

Die Traditionsmarxisten haben sich, im Gegensatz zu einem hartnäckigen Gemeinplatz, in Wirklichkeit wenig für die Marxsche Krisentheorie interessiert. Wenn sie sich damit befassten, dann meistens auf der rein quantitativen Ebene und unter Verselbständigung der einzelnen Krisenelemente. Auch die wenigen Krisentheoretiker wie Rosa Luxemburg, Henryk Grossmann und Paul Mattick8 beriefen sich im Wesentlichen auf die Reproduktionsschemata im II. Band des Kapitals, auf Überproduktion und Unterkonsumtion; keineswegs leiteten sie den von ihnen prognostizierten Zusammenbruch des Kapitalismus aus der Warenstruktur ab. Für sie stellte der »tendenzielle Fall der Profitrate« das wirkliche Problem des Kapitalismus dar. Marx hat dem Fall der Profitrate tatsächlich große Bedeutung beigemessen. Dieser ist eine Folge des sichtbarsten Widerspruchs des Kapitalismus: Das Kapital muss ständig lebendige Arbeit aufsaugen, da diese die einzige Mehr­wert­quelle ist. Gleichzeitig treibt die Konkurrenz unerbittlich die Kapitaleigner dazu, die lebendige Arbeit durch den Einsatz von konstantem Kapital (Sachkapital), also von Maschinen, zu ersetzen und so die Produktivität jeder beschäftigten Arbeitskraft zu erhöhen. Auf die Dauer besteht das investierte Kapital zu einem immer höheren Prozentsatz in konstantem Kapital und zu einem immer geringeren in variablem, also für Arbeitslohn ausgelegtem Kapital. Marx nennt dieses Phänomen die »Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals«. Aber die Abnahme der angewandten Arbeitskraft, die der alleinige Schöpfer von Wert, damit von Mehrwert und deshalb von Profit ist, bedeutet, dass der Profit pro Ware abnimmt, selbst wenn der Ausbeutungsgrad steigt. Marx hat selber eine Reihe von Faktoren aufgezählt, die diesen tendenziellen Fall verlangsamen, wie die »Ver­wohl­feilerung der Elemente des konstanten Kapitals«. Er unterstreicht jedoch, dass der Fall der Profitrate sich auf die Dauer immer mehr beschleunige, da seine Hauptursache, die Ersetzung der Arbeitskraft durch Maschinen, unaufhebbar sei.

Es ist nicht ganz klar, ob Marx dieses Phänomen für eine absolute innere Schranke hielt, die es erlaubt, mit Sicherheit vorherzusagen, dass der Kapitalismus eines Tages nicht mehr ›funktionieren‹ wird. In Wirklichkeit stellte er sich die Frage nicht, da er, wie später alle Marxisten, erwartete, dass der Kapitalismus, lange bevor er seine innere Schranke erreichen und von selbst zusammenbrechen werde – was Rosa Luxemburg zufolge sich »ungefähr bis zum Erlöschen der Sonne« hinziehen könne – aus einem anderen Grund verschwinden werde: Mit dem Proletariat erschaffe das Kapital selber seinen Feind, seinen »Totengräber«. Jede zyklische Krise werde das Klassenbewusstsein des Proletariats verstärken und seine Geduld verringern. Die Krise sei also nur eine Verschärfung des Klassenkampfs und gleichzeitig dessen Resultat. Diese Rückführung der Krise auf die Kämpfe des Proletariats erreichte ihren Höhepunkt in der ›extremen Linken‹ und ihrem subjektivistischen Voluntarismus, der sich dem erstarrten »Objektivismus« der marxistischen Orthodoxie widersetzte. Für die Subjektivisten war bereits die Untersuchung der Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise gleichbedeutend damit, diese zu bejahen und sich in ihren Dienst zu stellen. Für sie ist jeder Moment geeignet, um ›loszuschlagen‹: Es genügt, es entschieden genug zu wollen. Ihr Vorwurf an die anderen Marxisten war dementsprechend rein moralistisch: sie seien Verräter, die die von ihnen befehligten Massen nicht in die Schlacht werfen wollen. In Wirklichkeit vereinigte – und vereinigt – die Marxisten aller Richtungen ihr stillschweigendes Ignorieren der inneren, logischen Schranke des Kapitalismus. Sie lehnen die Vorstellung ab, der Kapitalismus könne mit einer absoluten Krise enden, und in der Tat wäre eine solche Krise gerade eine Krise der Formen – Ware, Geld, Staat – die sie erobern wollen, um sie ›demokratisch‹ oder ›zum Wohle des Proletariats‹ zu verwalten. Sie verabscheuen die auf der Wertkritik beruhende Zusammenbruchstheorie auch deshalb, weil diese gleichzeitig das Ende des Proletariats und der Arbeit selber beinhaltet.

Die Hoffnung, dass der Kapitalismus eines Tages verschwinden werde, weil ein immer zahlreicheres, immer elenderes, immer konzentrierteres, immer bewussteres und immer organisierteres Proletariat ihn abschaffen werde, ist vor dem Kapitalismus selber zu einem Ende gelangt. In dieser Situation ist es der andere Teil der Marxschen Krisentheorie, der aktuell wird, nämlich der Nachweis, dass die innere Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise diese zu einer absoluten Schranke führt. Marx irrte sich nur darin, dass er die Krisen seiner Epoche, die noch Wachstumskrisen waren, und nicht besonders schwere, für Endkrisen hielt. Es war noch ein Jahrhundert nötig, um zu dem Punkt zu gelangen, wo der dem Kapitalismus innewohnende Selbstwiderspruch beginnt, sein Funktionieren zu verunmöglichen und das Getriebe in Stücke fliegt. Nunmehr ist eine Krise herangereift, die viel tiefer liegt als die früher von momentanen quantitativen Disproportionen erzeugten. Die gesteigerte Arbeitsproduktivität – die als solche natürlich ein Segen für die ganze Menschheit sein könnte – ruft letztlich den Zusammenbruch der auf dem Wert beruhenden Gesellschaft hervor.

Wir haben gesagt, dass der Fall der Profitrate die ganze Entwicklung des Kapitalismus begleitet hat. Aber lange Zeit ist sie durch die Steigerung der Profitmasse kompensiert und sogar überkompensiert worden. Dazu reichte es, dass die Warenproduktion schneller expandierte als die Profitrate fiel: Wenn in zehn Jahren dank dem Einsatz neuer Technologien der in einer Ware enthaltene variable Kapitalteil – also der Arbeitslohn – von 20 auf 10% fällt, und deshalb die Profitrate – unter Voraussetzung einer stabilen Mehrwertrate, also einem stabilen Ausbeutungsgrad, von 50% – von 10 auf 5% abnimmt, aber gleichzeitig dreimal mehr Waren erzeugt werden, dann ist die Profitmasse um 50% gestiegen und kann damit einen erweiterten Produktionszyklus in Gang halten. Diese Möglichkeit hatte Marx in seiner Analyse vorhergesehen, und tatsächlich ist der Kapitalismus über ein Jahrhundert lang durch beschleunigte Expansion die »Flucht nach vorne« angetreten. Aber es war klar, dass diese Entwicklung unweigerlich eines Tages den Punkt erreichen würde, an dem die Profitmasse des globalen Kapitals abzunehmen beginnt bis hin zur Erreichung einer absoluten Schranke9.

Die langfristige Abnahme der Profitmasse ist also eine Folge der Abnahme der vom Kapital angewandten wertproduktiven Arbeit. Denn es genügt dem Kapital nicht, einfach Arbeit aufzusaugen. Es muss das auf einem ausreichenden Rentabilitätsniveau tun, und dieses Niveau wird in jedem Moment von der Konkurrenz und dem durch sie vermittelten Gebrauch des Sachkapitals bestimmt. Wenn es möglich ist, mit hunderttausend in hochmoderne Maschinen investierten Euro durch einen einzigen Arbeiter, auch wenn man diesem dreitausend Euro im Monat zahlt, zehntausend Paar Schuhe herstellen zu lassen, dann ist es für diejenigen, die nicht so viel in Sachkapital investieren können, unrentabel, Arbeit anzuwenden, wenn selbst zehn Arbeiter, die jeder dreihundert Euro im Monat verdienen, mit archaischen Werkzeugen nur tausend Paar Schuhe im Monat produzieren. Anders gesagt: Damit die Arbeitskraftvernutzung rentabel ist, sind enorme Investitionen nötig, was sich in der wohlbekannten Tatsache ausdrückt, dass ein Arbeitsplatz immer mehr ›kostet‹10. Das bedeutet, dass eine Gesellschaft, in der die Arbeit das Wesen und der einzige Motor ist, die Arbeit tendenziell abschafft und so die Wertproduktion, und damit die Mehrwertproduktion, beinah unmöglich macht.

Paradoxerweise ist es aufgrund seines größten Erfolgs, nämlich der Entfesselung der Produktivkräfte, dass der Kapitalismus seine Grenze erreicht: Die individuelle Arbeitskraftverausgabung bildet immer weniger den Hauptproduktionsfaktor. Die angewandten Wissenschaften, ebenso wie die allgemein-gesellschaftlich verfügbaren Kenntnisse und Fähigkeiten werden direkt zur wichtigsten Produktivkraft. Die Notwendigkeit, den einzelnen Waren die auf sie entfallenden Arbeits- und Wertanteile zuzurechnen, verwandelt sich so in ein ›Korsett‹, denn das ist unter den gegebenen Bedingungen kaum noch möglich. Die Verausgabung der unmittelbaren Arbeitszeit am einzelnen Produkt wird gegenüber der allgemeinen Produktivkraft zur Restgröße und eignet sich daher zur Darstellung des gesellschaftlichen Reichtums ebenso wenig wie als Bedingung für die Teilhabe der Individuen an diesem. Die Wissenschaft als Produktivkraft hat die Identifizierung von ›Arbeit‹ und ›Stoffwechsel mit der Natur‹ aufgehoben, denn sie hat einen Produktionsprozess eingeleitet, in dem der ›Produzent‹ oft ›neben‹ den Produktionsmitteln steht und sich darauf beschränkt, sie zu kontrollieren und zu leiten. Diese neuen Produktionsformen sind das Werk der Gesamtgesellschaft; sobald eine neue Prozedur (zum Beispiel eine neue Software) erfunden ist, erscheint ihr ›Wert‹ nicht mehr in den Produkten wieder, oder nur in homöopathischen Dosen. Die von jedem einzelnen Produzenten verausgabte Arbeit zu bestimmen wird dann unmöglich. In dieser Situation verliert der ›Austausch‹ von Arbeitseinheiten seinen Sinn, wie Marx es in der Kritik am Gothaer Programm für den Kommunismus vorgesehen hatte (MEW 19/19). Denn der Austausch ist lediglich dort nötig, wo die Produzenten voneinander getrennt und nur die Dinge vergesellschaftet sind. Aber heute hat die Trennung der Produzenten keine materielle oder technische Grundlage mehr und geht ausschließlich auf die abstrakte Wertform zurück, die damit definitiv ihre historische Rolle verliert.

Die tatsächliche Funktionsweise der Produktion sprengt demnach mehr und mehr die Wertlogik. Gerade das ist es, was Marx in seiner Prophezeiung in den Grundrissen als einen möglichen Ausgang der Warengesellschaft vorhergesehen hatte. Leider erleben wir, dass es sich nicht um eine friedliche und schrittweise Überwindung der Warengesellschaft handelt, die nur auf die politische Ebene übersetzt werden müsste, wie es gewisse Konzeptheckereien vorsehen, die sich auf diese Marxstellen beziehen, oder wie es diejenigen verkünden, die, auch ohne alle Theorie, Einfälle wie die ›Free software‹ als die Überwindung des Kapitalismus beschreiben. Die Wertform besteht weiterhin, aber nicht, weil die herrschenden Klassen so entschieden haben, sondern weil es sich um eine nicht als solche von den Subjekten wahrgenommene fetischistische Form handelt. Die Warenform, auch wenn sie ›objektiv‹ überholt ist, ist nicht etwa im Verschwinden begriffen, sondern gerät immer mehr in Kollision mit dem materiellen Inhalt, den sie mitgeschaffen hat.

Der Widerspruch zwischen diesem Inhalt und der Wertform führt zur Zerstörung von ersterem. Sie wird besonders sichtbar in der ökologischen Krise und stellt sich dann als ›Produktivismus‹ dar, als ›Wachs­tums­zwang‹, als selbstzweckhafte Produktion von unnötigen Gebrauchsgütern – die allerdings nur die Folge der selbstzweckhaften Verwandlung von abstrakter Arbeit in Geld ist. Die Produktion als Selbstzweck bedeutet nicht den größtmöglichen Ausstoß von Gebrauchsgütern, als ob es sich um eine Art von Gier nach etwas Konkretem handeln würde, wie es oft in der Argumentation der Ökologisten erscheint. Wir haben es hier nicht mit einem unbändigen Trieb zu tun, sich mit materiellem Reichtum zu umgeben oder die Welt zu verwandeln. Der für den gegenwärtigen Kapitalismus bezeichnende gigantische Raubbau an den Naturgrundlagen ist auch nicht bloß Folge der Notwendigkeit, eine enorm angewachsene Weltbevölkerung zu ernähren, wie die zahlreichen Neo-Malthusianer dem Publikum einreden wollen, noch ihrer ›übertriebenen‹ Ansprüche. Er ist vielmehr das Ergebnis der tautologischen warengesellschaftlichen Logik. Sechs Milliarden Menschen könnten sogar viel besser leben als heute und trotzdem viel weniger produzieren und arbeiten als gegenwärtig.

Die Wert- und Mehrwertproduktion, das einzige Ziel der Warenwirtschaft, kann auch eine Verringerung der Produktion von Gebrauchswerten mit sich bringen, selbst der wichtigsten. Das wird im immer häufigeren Fall der Deindustrialisierung ganzer Länder sichtbar, wo die Produktion sich auf die wenigen Sektoren beschränkt, deren Erzeugnisse noch exportierbar sind, auch wenn es sich nur um Erdnüsse handelt. Die »Produktion um der Produktion willen« bedeutet die größtmögliche Akkumulation von toter Arbeit. Die Produktivitätsfortschritte, also die Steigerung des Gebrauchswert›outputs‹, ändern keinesfalls den pro Zeiteinheit produzierten Wert. Eine Stunde Arbeitszeit ist immer eine Stunde Arbeitszeit, und wenn in ihr sechzig Stühle statt einem hergestellt werden, bedeutet das, dass in jedem Stuhl nur der sechzigste Teil einer Stunde enthalten ist: Er ist nur eine Minute ›wert‹. Die konkurrenzvermittelte Steigerung der Produktivkräfte erhöht keinesfalls den Wert einer Zeiteinheit. Das bildet eine unüberschreitbare Grenze für die Schöpfung von Mehrwert. Um dieselbe Wertmenge zu erzeugen ist eine stets erweiterte Gebrauchswertproduktion notwendig, und damit ein steigender Verbrauch von Naturressourcen. Wenn der Kapitalbesitzer nicht von der Konkurrenz eliminiert werden will, muss er die sechzig Stühle herstellen und darauf hoffen, eine zahlende Nachfrage zu finden. Er kann sogar versuchen, sie hervorzurufen, ohne das wirkliche Verhältnis zwischen Bedürfnissen und Ressourcen in der Gesellschaft zu berücksichtigen. Der Fall der Profitrate bringt die Erfordernis mit sich, den Warenausstoß ständig zu erhöhen, um den Fall der Profitmasse aufzuhalten, die ihrerseits von der Wertmasse abhängt. Gerade weil die Produktivitätssteigerungen nur indirekt den Mehrwert steigern – durch die Vergrößerung der Profitmasse – muss die Produktivität ständig erhöht werden11. Die ganze konkrete Welt wird nach und nach aufgebraucht zur Aufrechterhaltung der Wertform12. In der Warengesellschaft verwandelt sich die Zunahme der Arbeitsproduktivität in ein Unheil, denn sie ist der eigentliche Grund der ökologischen Krise. Es handelt sich also um eine Äußerung des Gegensatzes zwischen abstrakter Form und konkretem Inhalt, der die gesamte Geschichte des Kapitalismus durchzieht.

Der von Marx beschriebene Wert zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht im luftleeren Raum prozessiert, sondern stets mit der Wider­ständigkeit des Konkreten ringen muss. Die abstrakte Form versucht, sich vom konkreten Inhalt und seinen Gesetzen unabhängig zu machen. Aber der Inhalt holt sie stets erneut ein, denn eine Form ohne Inhalt kann es nicht geben. Das Denken von Marx zeichnet sich gerade durch die Bedeutung aus, die es der Natur, im weiteren Sinn, verleiht, so etwa, wenn er die von den klassischen Ökonomen vernachlässigte Rolle des Gebrauchswerts hervorhebt, oder wenn er unterstreicht, dass die Arbeit nicht nur Verwertungsprozess ist, sondern auch Produk­tions­prozess13. Beinah das gesamte bürgerliche Denken spiegelt die Wertlogik auch darin wider, dass es die Existenz einer verselbständigten Form annimmt, die sich ewig weiterentwickeln könne, ohne jemals auf Widerstand seitens des Inhalts oder einer Substanz zu stoßen. Die bürgerlichen Ökonomen räsonieren stets auf der quantitativen Ebene und glauben, der Wert könne nach Belieben erweitert werden, ohne irgendeine objektive Schranke wie die beschränkte Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft, die vom Gebrauchswert des Sachkapitals herrührenden Gesetze oder die Beschränktheit der Naturressourcen befürchten zu müssen. Während letzterer Faktor naturgegeben ist, gibt es viel zahlreichere Schranken, die zwar sozial sind, aber aufgrund ihres fetischistischen Charakters einen quasi-natürlichen Aspekt annehmen, wie der Fall der Profitrate oder die Überproduktion. Die Form, als etwas Gedachtes, ist quantitativ unbeschränkt, während der Inhalt stets Grenzen hat. Die Überzeugung, man könne die Realität unendlich manipulieren, zerbricht spätestens in der Krise, denn dann tritt die Existenz einer unumgänglichen Realität, einer Substanz mit eigenen Gesetzen hervor. Alle relativistischen Theorien, vom Positivismus bis zum Postmodernismus, haben das immer abzustreiten versucht. Das Vergessen der Naturgrundlagen ist gerade das, was das moderne bürgerliche Denken von Marx’ Theorie unterscheidet. Man versteht dann, warum, entgegen anderslautenden Behauptungen, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie nicht nur sehr wohl in der Lage ist, die ökologische Krise zu erklären oder sie zu berücksichtigen, sondern auch deren einzige strukturelle Erklärung liefert, die sich nicht auf moralische Appelle beschränkt.

Produktive und unproduktive Arbeit

Wir haben erwähnt, dass die Verringerung der Profitmasse auf die Verringerung der wertproduktiven Arbeit zurückgeht. Im Kapitalismus ist keinesfalls jede Arbeit eine wertproduktive Arbeit. Natürlich sprechen wir hier nicht von der konkret-stofflichen Nützlichkeit der Arbeit, denn diese Ebene existiert gar nicht für die Verwertungslogik. Es geht vielmehr darum, ob eine gewisse Arbeit Mehrwert produziert. Marx hat diese Frage aufmerksam untersucht, während die Marxisten sie im Allgemeinen vernachlässigt und erst recht nicht ihren Zusammenhang mit den kapitalistischen Krisen erkannt haben. Sie haben so das Terrain den bürgerlichen Ökonomien überlassen, die überall verkünden, dass jeder Verlust von Arbeitsplätzen in den traditionellen Bereichen (Schwerindustrie, Landwirtschaft usw.) reichlich kompensiert werde von den neuen Beschäftigungen und den phantastischen Verdienstmöglichkeiten, die sich angeblich im Dienstleistungssektor, der Informatik usw. eröffnen und in naher Zukunft noch mehr eröffnen werden. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass diese Arbeiten, ob sie nun ›nützlich‹ sind oder nicht, jedenfalls meistens keine ›produktive Arbeit‹ im kapitalistischen Sinn sind.

Laut Marx ist nur diejenige Arbeit im kapitalistischen Sinne produktiv, die Mehrwert schafft. Die anderen Arbeiten konsumieren lediglich die Einkünfte derjenigen, die sie bezahlen. Wenn ich zum Schneider gehe, um mir einen Anzug für mich selbst machen zu lassen, handelt es sich nicht um eine produktive Ausgabe, und der Schneider verrichtet keine produktive Arbeit im kapitalistischen Sinn. Wenn ich dasselbe Geld als Arbeitslohn für Konfektionsarbeiter auslege und die von ihnen hergestellten Kleider verkaufe, habe ich es mit einer produktiven Arbeit zu tun, denn sie dient der Vermehrung meines Kapitals. Beweis dafür ist, dass die erste Ausgabe, wenn ich sie oft genug wiederhole, mich ohne Geld zurücklässt, während die zweite Ausgabe aufgrund des den Arbeitern abgepressten Mehrwerts14 aus mir nach vielen Wiederholungen einen »reichen Mann« machen müsste. Selbstverständlich kann der Kapitalismus nicht völlig auf die »unproduktiven« Arbeiten verzichten. Aber da nur die produktive Arbeit sein »Wesen« ausmacht, muss er versuchen, die unproduktiven zu beschränken und sie so sehr wie möglich in produktive umzuwandeln. So ist zum Beispiel ein Lehrer als solcher kein »produktiver« Arbeiter. Aber wenn er, sagt Marx, in einer Privatschule arbeitet und dort Mehrwert für seinen Arbeitgeber erwirtschaftet, wird er (kapital)produktiv (MEW 23/532). Die von Marx getroffene Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit ist häufig angegriffen worden, und man hat ihr oft vorgeworfen, nur die materielle, oder sogar nur die industrielle, Arbeit als mehrwertproduktiv anzuerkennen unter Ausschluss der Dienstleistungen und aller immateriellen Arbeiten, die angeblich heute den Großteil der gesellschaftlichen Arbeit ausmachen. Das ist falsch, denn Marx hat auf der begrifflichen Ebene nie die Frage, ob eine Arbeit produktiv oder unproduktiv ist, mit deren materiellem oder immateriellem Inhalt identifiziert – selbst wenn das Überwiegen der materiellen Arbeit zu seiner Zeit ihm eine empirische Quasi-Identität nahe legte.

Heute kann die Frage der produktiven Arbeit besser bestimmt werden. Es ist nicht möglich, in einem isolierten Fall zu entscheiden, ob eine Arbeit produktiv ist oder nicht, denn das hängt von ihrer Stellung im Gesamtreproduktionsprozess ab. Nur auf der Gesamtkapitalebene wird der produktive oder unproduktive Charakter einer Arbeit sichtbar: Die Personen, die innerhalb eines Betriebs zum Beispiel die Buchhaltung verrichten, sind unproduktive Arbeiter. Sie stellen für den Betrieb ein notwendiges Übel dar. Ihre Organisierung in spezialisierte Unternehmen, die ihre Dienste den anderen Betrieben anbieten, die dann keine Festangestellten für diese Aufgaben mehr brauchen, schafft sicherlich Mehrwert für die Besitzer dieser Dienstleistungsbetriebe und macht das Geheimnis der sogenannten ›Tertiarisierung‹ aus. Aber diese Profite für einzelne Unternehmer heben sich auf der Gesamtkapitalebene wieder auf (leider hat Marx diesen Punkt in seiner Argumentation nicht genügend entwickelt, auch nicht beim oben erwähnten Lehrerbeispiel), da diese Aktivitäten dort stets einen Abzug vom durch das produktive Kapital erwirtschafteten Mehrwert darstellen. Damit ein Kapital produktiv ist, müssen seine Produkte wieder in den Akkumulationsprozess des Kapitals eingespeist werden und muss deren Konsumtion die Grundlage einer erweiterten Kapitalreproduktion bilden, indem sie von produktiven Arbeitern konsumiert werden oder Investitionsgüter für einen Zyklus werden, der tatsächlich Mehrwert produziert. Der so aufgefasste Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit entspricht nicht dem Unterschied zwischen materiellen Gütern und Dienstleistungen, noch dem zwischen Staatsausgaben und privaten Investitionen – auch wenn es wahr bleibt, dass die weitaus meisten Staatsausgaben eine unproduktive Konsumtion darstellen (Rüstung, Verwaltung, Erziehung, Gesundheit). Auch ein Teil der industriellen Produktion ist heute wertunproduktiv, da er vom fiktiven Kapital abhängt, wie wir sehen werden (siehe dazu Kurz, Himmelfahrt, S. 29-37).

Nicht nur die sichtbare Verringerung der Arbeit ruft die heutige Ver­wertungskrise hervor, sondern mehr noch das unsichtbare Schrumpfen der produktiven Arbeit. Nur ein sehr kleiner Teil der Tätigkeiten in der Welt schafft noch Mehrwert und hält damit den Kapitalismus in Gang15. Die Abnahme der produktiven Arbeit wird gleichfalls von der ständigen Zunahme der »faux frais«, wie Marx sie nennt, verursacht. Die produktiven Sektoren brauchen zahlreiche Tätigkeiten vor, nach und neben dem eigentlichen Produktionsprozess. Aber es handelt sich dabei um unproduktive Arbeiten, die oft nicht der Wertlogik gehorchen können. Zum Teil finden diese Tätigkeiten innerhalb des Betriebs statt, wie die vorher erwähnte Buchhaltung. Aber die meisten »faux frais« gehen zu Lasten des Staats. Mit den Steuern und seinen anderen Einkünften finanziert der Staat das, was selbst für die größten Unternehmen zu teuer wäre oder nicht nach den üblichen Profitkriterien organisiert werden kann, aber trotzdem unverzichtbar ist. So braucht die moderne Produktion qualifizierte Arbeitskräfte und deshalb ein gesamtgesellschaftliches Bildungssystem. Die innere und äußere ›Sicherheit‹, das Transportwesen, das Gesundheitswesen, die Verwaltung und vieles andere sind notwendig, damit die produktive Arbeit vonstatten gehen kann. Diese muss im Gegenzug einen Teil ihrer Profite dem Staat abtreten. Jedes Einzelkapital ist natürlich froh darüber, gut funktionierende und oft unentgeltliche Infrastrukturen vorzufinden. Aber für das Gesamtkapital handelt es sich um »faux frais«, die so sehr wie möglich einzuschränken sind, da sie sonst die Rentabilität der ganzen Produktion bedrohen können. Seit den Anfängen des Kapitalismus weisen die faux frais eine immerfort steigende Tendenz auf. Die Ursachen dafür sind die ständige Zunahme des konstanten Kapitals, vor allem in Gestalt der Verwissenschaftlichung der Produktion; aber auch die Auswirkung der Infrastrukturen auf die Konkurrenz (ein Kapital, dem keine Autobahnen, sondern Landstraßen zur Verfügung stehen, um seine Produkte zu verschicken, wird in der Weltmarktkonkurrenz verlieren), die Erfordernisse der sozialen Befriedung, der Rüstungswettlauf, die Notwendigkeit für das Kapital, immer qualifiziertere – oder jedenfalls an die Wertlogik angepasste – Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. Der für die neoliberale Offensive typische Versuch, auch diese Aktivitäten in Gestalt kapitalistischer Unternehmen zu organisieren, ändert die Lage auf der Gesamtkapitalebene nicht und bringt außerdem die Gefahr mit sich, den allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen in die Luft zu sprengen, in dem sich die Wertproduktion abspielt.

Die fortschreitende Erstickung der Wertproduktion aufgrund der Zunahme der »faux frais« und der unproduktiven Arbeit sowie die daraus hervorgehende Verringerung der Profitmasse sind – auf der logischen Ebene – eine unvermeidbare Folge der Grundwidersprüche der Ware. Die historische Wirklichkeit hat diese logische Ableitung bestätigt. Zuerst, weil der klassische Kapitalismus, der sich durch den Goldstandard – die unbeschränkte Konvertibilität der Währungen in Gold –, ausgeglichene öffentliche Haushalte und die freie Konkurrenz ohne Staatseingriffe auszeichnete, mit dem Ersten Weltkrieg zu einem Ende gekommen ist. Seitdem befindet sich der Kapitalismus in einer permanenten Flucht nach vorne, und er kann nur weiter funktionieren, indem er seine eigenen Gesetze suspendiert. Das Zeitalter, das von 1920, und spätestens von 1945 bis ungefähr 1975 reicht, wird heute zu Recht als ›Fordismus‹ bezeichnet. Ausgehend von der amerikanischen Automobilindustrie und den von Henry Ford und Frederick Taylor eingeführten Neuerungen (Fließband, ›wissenschaftliche‹ Arbeitsorganisation) hatte sich ein neues sozio-ökonomisches System ausgebreitet, zuerst in den Vereinigten Staaten und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, auch in den anderen westlichen Ländern. Der Fordismus ging mit keyne­sia­nischen wirtschaftspolitischen Maßnahmen einher; die Ergebnisse waren die Massenproduktion halb-dauerhafter Güter zu niedrigen Preisen, hohe Löhne, Vollbeschäftigung, politische Demokratie, massive Staatsinvestitionen in die Infrastrukturen und das soziale Netz, Geldstabilität und das Eindringen von Konsumgütern in alle Lebensbereiche. Das fordistische ›Wirtschaftswunder‹ war aber nicht selbsttragend. Es war der Staat, der mit seinen, meist kreditfinanzierten, Investitionen die rapide Ausdehnung der unproduktiven Sektoren erlaubte – zum Beispiel durch den Autobahnbau, ohne den die Automobilisierung der Welt nicht möglich gewesen wäre. Das so induzierte allgemeine Wachstum hat ein Wachstum der produktiven Sektoren in absoluten Zahlen möglich gemacht, das ausreichte, um die relative Profitverringerung in jedem einzelnen Produkt zu kompensieren. Indem er die Welt bis zum Rand mit Waren anfüllte, vermochte der Fordismus es, um mehrere Jahrzehnte die strukturelle Krise des Kapitalismus aufzuschieben, die bereits in den zwanziger Jahren aufgetreten war, um mit der großen Krise von 1929 zu explodieren.

Um 1970-1975 hat sich der fordistisch-keynesianische Zyklus erschöpft, weil es unmöglich geworden war, die ›Nebenkosten‹ zu finanzieren. Die Aufgabe des Goldstandards für den Dollar 1971 und die Rückkehr der Inflation in den westlichen Ländern waren die Anzeichen dafür. Diese Krise wurde ungemein verschärft durch die ›mikroelektronische Revolution‹, die anders als frühere Umwälzungen in den Produktionstechniken kein neues Akkumulationsmodell mehr in Gang setzte, sondern von Anfang an enorme Mengen von Arbeit überflüssig, ›unrentabel‹ machte. Im Unterschied zum For­dis­mus tut sie das mit einem solchen Rhythmus, dass keine Marktausdehnung mehr in der Lage ist, die Reduktion des in jeder Ware enthaltenen Arbeitsteils zu kompensieren. Die Mikroelektronik zerschneidet endgültig den Zusammenhang zwischen der Produktivität und der im Wert dargestellten Verausgabung von abstrakter Arbeit. Sie setzt den ›Teufelskreislauf‹ in Gang, den wir seit fast dreißig Jahren erleben. Um in einer Situation zu überleben, wo es selbst den Ast absägt, auf dem es sitzt – die Arbeit –, muss das kapitalistische System noch mehr als vorher nach Notbehelfen suchen, um momentan Zirkulation und Produktion zur Übereinstimmung zu bringen, indem das Wertgesetz praktisch suspendiert wird. Man darf nie vergessen, dass die Gebrauchsgüterproduktion als solche heutzutage keineswegs eine Krise durchmacht. Aber wenn die Wertlogik buchstäblich befolgt werden würde, müsste beinah die ganze gegenwärtige Produktion wegen ›mangelnder Rentabilität‹ aufgegeben werden. Um das zu vermeiden, stürzt sich das »automatische Subjekt« in eine immer verzweifeltere Flucht nach vorne.

Das fiktive Kapital

Diese Flucht geschieht mittels des fiktiven Kapitals, das heißt durch die Verselbständigung der Börsen und der Spekulation. Das Kapital verlängert seine Existenz über seine realen Grenzen hinaus, indem es bereits seine Zukunft konsumiert: Es lebt auf Kredit. Auch der Kredit ist embryonal bereits in der Elementarstruktur der Ware enthalten: Die Geldvermittlung trennt den Verkauf vom Kauf, da sie es ermöglicht, die Bezahlung zu verschieben. Arbeit und Geld sind zwei verschiedene Stadien desselben Verwertungsprozesses, aber sie können auch nicht übereinstimmen, und das Geld kann sich scheinbar schneller vermehren als die tote Arbeit. Das ruft die Illusion hervor, das Geld habe die mystische Macht, sich von selbst zu vermehren ohne die Vermittlung eines Produktionsprozesses, bei dem Arbeit verausgabt worden ist. Der Zins, wo sich Geld scheinbar direkt in eine größere Geldsumme verwandelt (G-G’ in der am Ende des zweiten Kapitels dieses Buchs gebrauchten Sprache), wird im Normalbewusstsein zur wirklichen Form des Profits, obwohl es sich lediglich um einen Abzug vom in der Produktion erzielten Profit handelt. In Wirklichkeit ist nur das aus einem gelungenen – also durch Arbeit vermittelten – Verwertungsprozess hervorgegangene Geld ›richtiges‹ Geld. Das die unproduktiven Arbeiten repräsentierende und das nur auf Vertrauen beruhende Geld – dessen Hauptform der Kredit ist – entwertet sich früher oder später.

Das erweiterte Kreditbedürfnis entsteht durch die ständige Erhöhung des Sachkapitaleinsatzes, der die Möglichkeiten der Einzelbetriebe übersteigt. Es ist also eine Folge der gesteigerten Arbeitsproduktivität. Es wird dann unvermeidlich, in der Gegenwart die für die Zukunft erwarteten Gewinne auszugeben. Solange diese Gewinne wirklich eintreffen, um die Zinsen zu bezahlen und die Schulden zu tilgen, ist die Verschuldung kein großes Problem. Anders als die Kapitalisten des 19. Jahrhunderts konnten sich bereits die Unternehmen der fordisti­schen Expansionsphase nur noch durch Kreditaufnahme finanzieren. Überdies diente aufgrund der Explosion der ›unproduktiven‹ Kosten, der »faux frais«, ein wachsender Teil der Kredite einzig dazu, einen unproduktiven Konsum zu finanzieren. Andererseits hatten die Staaten – die bis zum Ersten Weltkrieg mehr oder weniger ausgeglichene Haushalte aufwiesen – begonnen, sich zu verschulden, um die für ihre Volkswirtschaften notwendigen Infrastrukturen zu finanzieren. Während Keynes meinte, die Staatsintervention solle nur dazu dienen, die Akkumulation ›anzustoßen‹, damit sie selbsttragend wieder in Gang komme, erwiesen sich diese Eingriffe bald als conditio sine qua non für das Funktionieren der Ökonomie und gleichzeitig als ein ständig wachsendes Gewicht für die öffentlichen Finanzen.

Als der Mechanismus, der die Verringerung der Wertschöpfung in jedem Produkt durch Erweiterung der Gesamtproduktion kompensierte, sich erschöpft hatte, änderte die Kreditfinanzierung ihr Wesen. Nachdem die umlaufenden Kreditmengen die existierende Goldmenge bei weitem überschritten hatten, demontierte die Abschaffung der Goldkonvertibilität des Dollars (1971) das letzte Sicherheitsventil. Seitdem beruht das Geld ausschließlich auf Vertrauen und es gibt keine Grenze mehr für seine Vervielfältigung. Aber in Wirklichkeit ist das Geld nichts anderes als die Darstellung von in ausreichend rentablen Ver­wertungs­prozessen verausgabter abstrakter Arbeit. Natürlich kann der Staat Papiergeld ausgeben, ohne die Quantität produktiver Arbeit zu berücksichtigen, um so mehr, als es unmöglich ist, diese direkt zu messen. Die ökonomischen Akteure können Geld schöpfen in Form von Aktien, Schuldpapieren, Anleihen usw. Aber die überschüssige Geldmenge verliert unweigerlich ihren Wert in der Inflation oder der Deflation. Die drastische Reduktion der produktiven Arbeit auf globaler Ebene lässt auch das Geld seine Substanz verlieren: Es wird ›ungültig‹. Bezieht man das ganze auf der Welt zirkulierende Geld in all seinen Formen (Aktien, Obligationen, Schulden usf.) auf die Masse wertproduktiver Arbeit, kann von einer ungeheuren Aufblähung der Liquidität und somit von einer globalen Hyperinflation von wahrscheinlich mehreren hundert Prozent gesprochen werden. Wenn diese Hyperinflation noch nicht in Erscheinung getreten ist, dann deshalb, weil das Geld zum Großteil im finanziellen Überbau ›geparkt‹ bleibt – in Form von Aktien, ›virtuellem‹ Geld, ›Sonderziehungsrechten‹ und Krediten sowie Spekulationsobjekten wie überbewerteten Grundstücken und dergleichen mehr.

Die wundersame Geldvermehrung hatte starke Befürchtungen zu Beginn der siebziger Jahre hervorgerufen – aber die Summen, um die es damals ging, waren nur ein Bruchteil des »fiktiven Kapitals«, das dreißig Jahre später zirkulieren sollte. Der Begriff des »fiktiven Kapitals« ist von Marx im dritten Band des Kapitals entwickelt worden, um das Kapital zu bezeichnen, das ausschließlich auf der Spekulation und dem Kredit, also auf der Erwartung zukünftiger Gewinne beruht; sobald die Einlösung dieser Versprechen auf die Zukunft in größerem Maße verlangt wird, muss die ›Blase‹ platzen und reihenweise Bankrotte hervorrufen. Aber zu Marx’ Zeiten handelte es sich um eine Begleiterscheinung der realen Wirtschaftskrisen. Die Finanzkräche hatten damals eine Bereinigungsfunktion und bereiteten jeweils einen neuen Akkumulationsschub vor. Bis zum Ende des fordistischen Zyklus entsprach die Finanzspekulation mehr oder weniger dem Rhythmus und den Dimensionen der Realakkumulation.

Das hat sich tief greifend verändert, seit die Realakkumulation trotz aller Kredite zum Stillstand gekommen ist. Seitdem dient die Kreditaufnahme im Wesentlichen dazu, eine schwindende Akkumulation zu substituieren und durch diese Simulation künstlich das Leben einer bereits toten Produktionsweise zu verlängern16. Nur ein kleiner Teil dieser umlaufenden Liquidität ist direkt von den Staaten ausgegeben worden; der Hauptteil sind Aktien, Obligationen, Kredite, Immobilienwerte, ›elektronisches Geld‹ usw., was dazu beiträgt, diesen Prozess völlig unkontrollierbar zu machen. Mit einer grotesken Verkehrung, die nicht einmal Marx hat vorhersehen können, ist die reale Produktion zum Anhang des fiktiven Kapitals geworden. Die Schwindel erregenden Bewegungen an den Börsen seit 1987 haben nichts mehr mit den Konjunkturschwankungen der Reste der Realökonomie zu tun. Das fiktive Kapital ist sogar der eigentliche Wachstumsmotor geworden. Die mit rein spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne sind ein unverzichtbarer Posten im Haushalt von Unternehmen, Staaten und Privatleuten geworden – ob es sich nun um das mit der größten Verschuldung der Geschichte finanzierte amerikanische ›Wirtschaftswunder‹ handelt, um die zahlreichen amerikanischen Familien, die Bankkredite auf der bloßen Grundlage der ihnen gehörenden Aktien und ihrer erhofften Kurssteigerungen erhalten, oder um die – selbst ›seriösen‹ – Betriebe, die nur dank ihrer spekulativen Einkünfte scheinbar ausgeglichene Bilanzen aufweisen. In diesem Rahmen ist die berühmte Verschuldung der Dritten Welt nur ein kleiner Teil des weltweiten fiktiven Kapitals. Es sind nicht länger nur die Staatseinkünfte, sondern die der ganzen Gesellschaft, die im voraus ausgegeben werden.

Es ist hier nicht möglich, sich eingehender mit dem globalen Finanzlabyrinth zu befassen und die internationalen Defizitkreisläufe zu beschreiben (deren wichtigster der zwischen den Vereinigten Staaten und Japan ist). Der Zusammenbruch der Finanzstruktur wird erst nach einer gewissen Inkubationszeit eintreten. Aber er wird katastrophale Folgen haben, weil man dann sehen wird, dass die Realakkumulation bereits lange vorher zum Stillstand gekommen ist. Das immer phantastischere Abheben der Börsenmärkte geht mit der ostentativen Gelassenheit der internationalen Wirtschaftsinstitutionen einher, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Bankrott gegangenen Ländern wie Indonesien, Brasilien oder der Türkei Summen – Dutzende von Milliarden Dollar – überreichen, die noch wenige Jahre zuvor die internationalen Finanzmärkte bis ins Innerste hatten erzittern lassen, wie im Fall der mexikanischen Krise 1995. Trotzdem sind die überschnappenden Geldbewegungen nicht die Ursache, sondern die Folge der Störungen in der Realökonomie. Diese würde nicht besser funktionieren, wenn man die spekulativen ›Exzesse‹ abschaffen würde, wie es stirnrunzeln­de Beobachter wie der humanitäre Spekulant George Soros oder die Zeitschrift Le Monde diplomatique predigen. In Wirklichkeit würde die Weltwirtschaft gar nicht mehr funktionieren, wenn man die Speku­lationskrücken entfernen würde. Denn nach dem Platzen der Finanzblase wird man sehen, dass gerade sie es während einer gewissen Zeit verborgen hatte, dass die Wertakkumulation bereits an ihre historische Grenze gestoßen war. Natürlich muss das nicht das Ende der Produktion von Gebrauchsgütern bedeuten – unter der Bedingung allerdings, sie von der Wertproduktion abzukoppeln.

Die »Entwertung des Werts« ist nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern bedeutet eine totale Krise, nämlich den Zusammenbruch einer ganzen ›Kultur‹. Die Warenproduktion stellt nicht länger einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens dar, sondern nimmt dort, sowohl geographisch wie in der Tiefe der Gesellschaft, sowohl extensiv wie intensiv einen immer breiteren Raum ein. Ihr Ende wird umso katastrophaler für den ganzen Planeten sein. Ein Zusammenbruch des Kapitalismus um 1900 wäre in seinen Folgen viel beschränkter gewesen. Heute entzieht die Warengesellschaft, nachdem sie die gesamten Ressourcen der Menschheit beschlagnahmt hat, diese den Menschen. Diese können ihre eigenen Mittel nicht mehr in Gang setzen, weil der ›Rentabilitäts‹fetisch es ihnen nicht gestattet. Gleichzeitig vermag das »automatische Subjekt« es nicht mehr, die in großen Mengen verfügbare Arbeitskraft zu inkorporieren: Alle Produktivkräfte müssen durch das Nadelöhr ihrer Verwandlung in Wert gehen, und dieses Nadelöhr wird immer enger.

Es sind gerade die Erfolge des Werts, die letztlich zu seinem Untergang führen. Der Endsieg des Kapitalismus über die vorkapitalistischen Reste ist auch seine endgültige Niederlage. Wenn der vollkommen entwickelte Kapitalismus »mit seinem Begriff übereinstimmt«, bedeutet das nicht das Ende jeder Krisenmöglichkeit, sondern im Gegenteil den Beginn seiner wirklichen Krise und das Ende seiner historischen Laufbahn. Denn die Verwandlung von Arbeit in Wert hat es nötig, von zahlreichen anderen Aktivitäten umgeben zu sein, die ihrerseits nicht den Kriterien der Rentabilität und der Verwandlung in Wert gehorchen können oder bei denen die aufgewendete Arbeit nicht darstellbar ist. Die »faux frais« der Produktion machen nur einen Teil davon aus, und zwar einen Teil, der noch zum ›ökonomischen‹ Bereich gehört. Viel ausgedehnter, obwohl unkalkulierbar, sind alle für die gesellschaftliche Reproduktion unerlässlichen Tätigkeiten, die außerhalb der ›ökonomischen‹ Sphäre stattfinden. Man kann von einer ›dunklen Rückseite‹ der Verwertung sprechen, von einem enormen Schattenbereich, ohne den das Licht des als ›Produktion‹ Geltenden nicht existieren würde. Der wichtigste Teil der nicht als ›Arbeit‹ geltenden und deshalb nicht bezahlten Tätigkeiten wird von Frauen verrichtet. »Der Wert ist der Mann« besagt der Titel eines in der Zeitschrift Krisis Nr. 12 (1992) veröffentlichten Aufsatzes von Roswitha Scholz17. Trotz seines abstrakten Charakters ist der Wert nicht ›geschlechtsneutral‹, denn er beruht auf einer ›Abspaltung‹: Alles, was Wert schöpfen kann, ist strukturell ›männlich‹. Die Tätigkeiten, die nicht die Form abstrakter Arbeit annehmen können, und vor allem die Schaffung eines Schutzraums, wo der Arbeiter sich von seinen Mühen ausruhen kann, sind strukturell ›weiblich‹ und werden nicht bezahlt. Das ist einer der Gründe, warum die kapitalistische Gesellschaft den Frauen lange Zeit den ›Subjekt‹status (zum Beispiel das Wahlrecht) vorenthalten hat. In der Warengesellschaft wird nur derjenige, der abstrakte Arbeit verausgabt, als ein vollwertiges ›Subjekt‹ angesehen. Die anderen Tätigkeiten, so mühsam und so nötig sie auch sein mögen, die aber nicht zu der ›Würde‹ gelangen, sich direkt von der Verwertungsmaschine konsumieren zu lassen, bleiben mit dem Stigma der Inferiorität behaftet. Es ist also eine Folge der Warenlogik, wenn die Frau, die ihren alten Schwiegervater pflegt, ›nicht arbeitet‹, während ihr Bomben oder Schlüsselanhänger fabrizierender Mann ›arbeitet‹. Zwar sind in den letzten Jahrzehnten viele Frauen Waren›subjekte‹ geworden und manch­mal sogar auf Kommandoposten gelangt. Aber dafür haben sie ›männlich‹ werden müssen, und in der Tat impliziert die ›Wertabspaltung‹ auch, dass das Warensubjekt nur die zum Erfolg in der Arbeitswelt nötigen Eigenschaften entwickelt, und das sind die strukturell als ›männlich‹ geltenden: Selbstdisziplin, Vernunft, Logik, Härte gegen sich selbst und gegen andere. Sein ›weiblicher‹ Teil wird an die Frauen delegiert, die ihn benutzen müssen, um die Erholung des Kriegers zu ›möblieren‹. Diese offensichtlich kulturellen Eigenschaften können zwar heute von ihren biologischen Trägern abgelöst werden, aber das verstärkt nur den strukturellen Mechanismus: Wer, Mann oder Frau, in der Arbeitswelt traditionell ›weibliche‹ Verhaltensweisen, etwa Mitleid, an den Tag legt, wird es nicht weit bringen.

Die Vorschläge, diesen Sachverhalt zu ändern, indem man die Haus­›arbeit‹ oder die Kindererziehung bezahlt, führen zu nichts. Abgesehen von ihrem illusorischen Charakter in einer Phase, in der der Staat notgedrungen – und nicht aus bösem Willen – seine Sozialausgaben verringert, laufen diese Vorschläge darauf hinaus, die Logik des Werts und der abstrakten Arbeit auf neue Bereiche zu erweitern, statt das Scheitern dieser Logik anzuerkennen. Der Wert geht gerade in dem Augenblick unter, in dem er versucht, jede menschliche Regung, jeden Atemzug und jeden Gedanken in abstrakte Arbeit zu verwandeln, um dem Ausbrennen der Arbeit entgegenzuwirken. Aber die meisten dieser Tätigkeiten, darunter die Kinderpflege, die Gefühle in den menschlichen Beziehungen (die gleichfalls Teil der ›Reproduktion der Arbeitskraft‹ sind) und die Hausarbeit können ihrer Natur nach nicht in das Wertkorsett gepfercht werden. Es ist vorstellbar, die Logik zu zerbrechen, die nur den Vollstreckern der »abstrakten Arbeit« den Subjektstatus zubilligt, aber es ist unmöglich, auf Weltebene jeden in ein solches Subjekt gerade in dem Moment zu verwandeln, in dem das Schrumpfen der Wertmasse immer mehr Menschen aus diesem Status ausstößt – die Arbeitslosen und die Sozialhilfeempfänger, zum Beispiel, sind bereits eines Teils ihrer ›Würde‹ gegenüber dem Wert, und damit ihres Subjektstatus, verlustig gegangen.

Am Ende seiner historischen Laufbahn ist das Schlimmste, das der Kapitalismus den Menschen antut, nicht mehr die Ausbeutung, sondern die Ausschließung. Sein Endstadium zeichnet sich nicht durch die Existenz eines immer ausgedehnteren und immer revolutionäreren Proletariats aus – schon deshalb, weil die Abnahme des variablen Kapitals die Bedeutung der Lohnarbeit und damit des klassischen Proletariats stark verringert hat. Das Endstadium zeichnet sich im Gegenteil durch den Mangel an Personen aus, die auszubeuten sich lohnen würde. Man könnte hier einwenden, dass, wenn der Mehrwert nur eine abgeleitete Kategorie ist, daraus die Möglichkeit einer Wertproduktion ohne Mehrwert hervorgehen müsse. In Wirklichkeit ist das unmöglich. Mögen Mehrwertrate und -masse auch immer weiter sinken, sie müssen irgendwie weiter vorhanden sein, da sonst die Wertproduktion als solche keinen Sinn mehr hätte und es nur noch Gebrauchswertproduktion geben würde. Ergibt sich dann aber nicht daraus die notwendige Existenz einer ausgebeuteten Lohnarbeiterklasse? Formell ja in dem Sinne, dass es tatsächlich jemanden geben muss, der mehr Wert produziert, als er erhält. Allerdings braucht das keineswegs der traditionellen Vorstellung von ausgebeuteten Arbeitermassen zu entsprechen (während sich der Marxismus auf eine historische und empirische Existenzform der logischen Kategorie ›Arbeiter‹ fixiert hat). Heute ist – auf Weltebene – eine kleine Schicht oft hoch bezahlter produktiver Arbeiter mit enorm hohem Sachkapital(Technologie-)einsatz in der Lage, weit größeren Mehrwert für ihre ›Arbeitgeber‹ abzuwerfen als Massen von Billiglohnarbeitern es tun – auch weil sich ihre Produkte aufgrund der Konkurrenzmechanismen des Weltmarkts einen überproportional großen Anteil der weltweiten Wertschöpfung aneignen. Die strukturell im Kapitalismus fortbestehende Notwendigkeit der Mehr­wert­schöpfung äußert sich heute weniger in der ›Ausbeutung‹ (vor allem, wenn diese mit ›Armut‹ gleichgesetzt wird, denn ein europäischer Arbeiter, so groß seine Mehrarbeit auch ist, ist im Weltmaßstab reich) als in der Ausschließung eines immer größeren Teils der Menschheit aus dem Produktionsprozess überhaupt, und damit von allen Repro­duktions- und Überlebensmöglichkeiten. Das Aufsaugen lebendiger Arbeit bleibt zwar der ›Treibstoff‹ der kapitalistischen Produktionsweise, aber wo es weitergeht, garantiert es immerhin das Überleben der Ausgebeuteten. Ein immer größerer Teil der Menschheit ist aber für die Verwertungslogik überhaupt nicht mehr zu ›gebrauchen‹. Nicht ein ständig wachsendes Proletarierheer, sondern eine überflüssige Menschheit scheint das Endstadium des Kapitalismus und seines ständigen Zwangs zur Mehrwertschöpfung darzustellen. Der Kapitalismus hat über seine angeblichen Gegner triumphieren können, aber er kann nicht seine eigene Logik besiegen. Das ist das Ergebnis des Widerspruchs zwischen den von der Menschengattung erarbeiteten Fähigkeiten und ihrer tatsächlichen, nämlich entfremdeten Form18.

Die Politik ist keine Lösung

Auch wenn viele sich noch weigern, die unerbittliche Logik zu verstehen, die zu einem so finsteren Zustand der Welt geführt hat, verbreitet sich doch die Empfindung, dass die kapitalistische Ökonomie die Menschheit vor große Probleme gestellt hat. Die erste Antwort darauf ist jedoch beinah immer die folgende: »Man muss zur Politik zurückkehren, um dem Markt Regeln aufzuerlegen. Man muss die von der Übermacht der Multinationalen und der Aktienmärkte bedrohte Demokratie wiederherstellen«. Aber sind Politik und Demokratie wirklich das Gegenteil der verselbständigten Ökonomie, sind sie in der Lage, sie in ihre Schranken zu weisen?

›Politik‹ und ›Ökonomie‹ sind Sphären oder komplementäre Subsysteme der gesellschaftlichen Totalität. So wie die vorkapitalistischen Gesellschaften keine ›Ökonomie‹ im modernen Sinn hatten, fehlte ihnen auch das, was wir ›Politik‹ nennen. Indem der Wert sich als gesellschaftliche Totalitätsform durchsetzt, ruft er die Entstehung dieser und anderer ausdifferenzierter Subsysteme hervor. Der Wert mit seinem unpersönlichem Trieb zur tautologischen Selbstvermehrung ist keine rein ›ökonomische‹ Kategorie, der man die Politik als Sphäre des freien Willens, der Diskussion und der gemeinsamen Entscheidung entgegensetzen könnte, wie es die Linke meint, die seit eh und je das politische Leben ›demokratisieren‹ will, um dann der die Wirtschaft Regeln aufzuerlegen. In der fetischistischen Warengesellschaft ist die Politik jedoch ein sekundäres Subsystem. Sie existiert, weil der Warentausch keine direkten gesellschaftlichen Beziehungen vorsieht und deshalb eine Sondersphäre nötig wird, in der die allgemein-gesellschaftlichen Interessen geregelt und vermittelt werden. Ohne politische Instanz würden die Marktsubjekte unmittelbar zu einem Krieg aller gegen alle übergehen, und selbstverständlich würde niemand sich um die Infrastrukturen kümmern wollen19. In ihrer Eigenschaft als Warenrepräsentanten können die Menschen sich nicht in ihrer Individualität begegnen und kein Gemeinwesen bilden. Die Wertlogik beruht auf nicht vergesellschafteten Privatproduzenten, und deshalb muss sie eine getrennte Instanz für die gesamtgesellschaftlichen Angelegenheiten hervorbringen. Der moderne Staat ist also ein Ergebnis der Warenlogik. Er ist die andere Seite der Ware: Staat und Ware sind miteinander verbunden wie zwei untrennbare Pole. Ihre Beziehung hat sich mehrfach im Lauf der kapitalistischen Geschichte verändert, aber es ist ein großer Irrtum, sich von der gegenwärtigen Polemik der Neoliberalen gegen den Staat (die im Übrigen von ihrer Praxis dementiert wird, sobald sie am Steuer sitzen) zum Glauben verleiten zu lassen, dass Kapital habe eine fundamentale Abneigung gegen den Staat. Trotzdem haben der Arbeiterbewegungsmarxismus und beinah die ganze Linke stets auf den Staat gesetzt, manchmal bis zum Delirium, und in ihm das Gegenteil des Kapitalismus sehen wollen. Die zeitgenössische Kritik am neoliberalen Kapitalismus beschwört oft eine ›Rückkehr des Staats‹, der einseitig mit dem Wohlfahrtsstaat der keynesianischen Phase identifiziert wird. In Wirklichkeit hat der Kapitalismus sich während seiner Durchsetzungsphase (zwischen dem 15. und dem Ende des 18. Jahrhunderts) selber massiv des Staats bedient und das auch später dort getan, wo die kapitalistischen Kategorien noch ihrer Einführung harrten, nämlich in den ›zurückgebliebenen‹ Ländern im Osten und Süden der Welt im 20. Jahrhundert. Außerdem greift er auf ihn stets und überall in Notzeiten zurück. Nur in den Phasen, in denen der Markt auf eigenen Füßen zu stehen scheint, würde das Kapital gern die faux frais reduzieren, die ein starker Staat bereitet.

Die Linke irrt sich sehr, wenn sie dem Staat souveräne Eingriffsmöglichkeiten zuschreibt. Erstens, weil die Politik mehr und mehr reine Wirtschaftspolitik ist. So wie in manchen vorkapitalistischen Gesellschaften alles religiös motiviert wurde, dreht sich jetzt jede politische Diskussion um den Ökonomiefetisch. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs besteht der Unterschied zwischen der Rechten und der Linken hauptsächlich in ihren verschiedenen wirtschaftspolitischen Rezepten. Die Politik ist weit davon entfernt, der ökonomischen Sphäre äußerlich oder ihr überlegen zu sein, sondern sie bewegt sich vollkommen in deren Rahmen. Das ist nicht einem bösen Willen der politischen Akteure geschuldet, sondern beruht auf einem strukturellen Grund: Die Politik hat keine eigenen Eingriffsmittel. Sie muss sich stets des Geldes bedienen, und jede Entscheidung, die sie trifft, muss ›finanziert‹ werden. Wenn der Staat versucht, sein eigenes Geld zu schöpfen, indem er Papiergeld druckt, entwertet dieses Geld sich umgehend. Die Staatsmacht funktioniert nur, solange sie es vermag, von gelungenen Verwertungsprozessen Geld abzuschöpfen. Wenn diese Prozesse erschlaffen, beschränkt und erstickt die Wirtschaft immer mehr den Handlungsspielraum der Politik. Es wird dann offenbar, dass die Politik in der Warengesellschaft in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Ökonomie steht. Mit dem Verschwinden seiner Finanzmittel beschränkt sich der Staat auf die – immer repressivere – Armutsverwaltung. Am Ende laufen selbst die Soldaten weg, wenn sie nicht bezahlt werden, und die Streitkräfte werden zum Privateigentum der barbarisierten Reste des Staatsapparates, wie es bereits in vielen Ländern der Dritten Welt geschehen ist, aber auch im ehemaligen Jugoslawien.

Wir haben die Hauptelemente der Krise der Wertgesellschaft angegeben: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus und sie setzt ganze Länder außer Kurs. Der Nationalstaat als Regulationsmechanismus ist im Verschwinden begriffen. Die ökologische Krise bedeutet, dass zwecks Aufrechterhaltung der Wertschöpfung die ganze Welt in die Retorte der Verwertung geworfen wird. Das traditionelle Geschlechterverhältnis ist in Frage gestellt worden, weil die weibliche Tätigkeit als ›dunkle Rückseite‹ der Verwertung nicht mehr unumschränkt zur Verfügung steht. Diese Probleme bleiben außerhalb der Reichweite der Politik, die deshalb anfängt leer zu laufen. Sie verkommt endgültig zu einem Werbespektakel, das die Regierungen der nationalen Einheit verdeckt, die in Wirklichkeit in allen westlichen Ländern den ständigen Notstand verwalten.

Das Problem besteht nicht darin, dass die Politik nicht ›demokratisch‹ genug ist. Die Demokratie ist die Kehrseite des Kapitals, nicht sein Gegenteil. Der Demokratiebegriff im emphatischen Sinn setzt voraus, dass die Gesellschaft aus Subjekten mit freiem Willen besteht. Aber um eine wirkliche Entscheidungsfreiheit zu genießen, müssten sich die Subjekte außerhalb der Wertform befinden und über die Waren als ihre Objekte verfügen können. In der fetischistischen Gesellschaft kann ein solches bewusstes und autonomes Subjekt jedoch nicht existieren. Der Wert beschränkt sich nicht darauf, eine Produktionsform zu sein; er ist auch eine Bewusstseinsform. Er ist, wie andere historische Fetischismen, eine »Form a priori« im Sinne Kants20 – ein Schema, dessen sich die Subjekte nicht bewusst sind, weil es sich als ›natürlich‹ und nicht als historisch geworden präsentiert. Anders gesagt, alles, was das Warensubjekt denken, vorstellen, wollen oder tun kann, stellt sich ihm bereits in den abstrakten Formen von Wert, Ware und Geld und den davon abgeleiteten wie Recht und Staat dar21. Der ›freie Wille‹ ist nicht frei gegenüber seiner eigenen Form, also gegenüber der Waren- und Geldform und deren Gesetzen. In einer fetischistischen Konstitution gibt es keinen Willen des Subjekts, der der ›objektiven‹ Wirklichkeit entgegengesetzt werden könnte. So wie die Gesetze des Werts sich außerhalb der Reichweite des freien Willens der Einzelnen befinden, sind sie auch der politischen Form dieses Willens unzugänglich. In dieser Situation kann man sagen: »Demokratisierung ist nichts anderes als die vollständige Unterwerfung unter die subjektlose Logik des Geldes« (Kurz, Ende der Politik, S. 86). In der Demokratie sind es nie die fetischistischen Basisformen selbst, die zur ›demokratischen Debatte‹ stehen. Sie sind bereits allen Entscheidungen vorausgesetzt, die deshalb nur die Frage betreffen können, wie man am besten dem Fetisch dient. In der Warengesellschaft ist die Demokratie nicht ›manipuliert‹, ›formell‹, ›falsch‹ oder ›bürgerlich‹. Sie ist die passendste Form für die kapitalistische Gesellschaft, in der die Individuen völlig die Notwendigkeit verinnerlicht haben, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Da, wo es noch nötig ist, den Menschen die Unterwerfung unter das Kapital mit Knüppeln einzubläuen, ist der Kapitalismus noch sehr unvollkommen. Es geht am Wesentlichen vorbei, wenn man, wie die Linke es unermüdlich tut, hervorhebt, dass die Multinationalen, die Medien, die Kirchen usw. die Wähler manipulieren und die Demokratie in etwas verwandeln, das sich sehr vom Text der Verfassungen unterscheidet – obwohl solche Manipulationen natürlich existieren. Die Demokratie ist vollendet, wenn alles zur Verhandlung steht – außer den von Arbeit und Geld geschaffenen Zwängen. Die Subjekte, für die die Verwandlung von Arbeit in Geld die unhinterfragbare Grundlage ihrer Existenz darstellt, werden sich, selbst wenn sie völlige ›Wahlfreiheit‹ haben, stets für das entscheiden, was ihnen die ›Marktgesetze‹ in Gestalt von ›Sachzwängen‹ oder ›technischen Notwendigkeiten‹ auferlegen. Die hinter den ›Sachzwängen‹ versteckten ›wirklichen Interessen‹ ›aufzudecken‹ ist ein Lieblingssport der Linken. In Wirklichkeit muss das fetischistische System in Frage gestellt werden, das die – in seinem Rahmen durchaus realen – Sachzwänge schafft22.

Die Linksdemokraten sind sich besonders kühn vorgekommen, wenn sie die ›Arbeiterselbstverwaltung‹ in den Betrieben forderten, also die Ausdehnung der ›Demokratie‹ auf den Produktionsprozess. Aber wenn der Gegenstand der Selbstverwaltung ein Unternehmen ist, das Profit machen soll, können die Selbstverwalter nichts anderes tun als das, was alle Marktsubjekte tun: danach streben, ihre Produktionseinheit in der Konkurrenz überleben zu lassen. Das Scheitern aller Selbstverwaltungsversuche, selbst der in großem Stil organisierten wie in Jugoslawien, ist nicht nur der Sabotage durch die Bürokratien zuzuschreiben (obwohl diese natürlich eine Rolle gespielt hat). Aber wo die Produktionsweise nicht direkt vergesellschaftet ist, haben die untereinander getrennten Produktionseinheiten keine andere Wahl als die, den fetischistischen Rentabilitätsgesetzen zu folgen. In der voll entwickelten Warengesellschaft tun die Individuen, die sich kein Leben außerhalb von Arbeit und Ware vorstellen können, aus eigener Initiative alles, was dieses System verlangt. Es gibt in der Tat immer mehr Marktsubjekte, die in sich selbst die logischen Kategorien des Produk­tionsmittelbesitzers und des Lohnempfängers vereinigen: Im Rahmen der enormen Zunahme der ›Selbständigen‹, die in manchen Ländern bereits zahlreicher als die Lohnempfänger geworden sind, hat die Gestalt des Selbstausbeuters eine große Verbreitung gefunden. Unter den noch existierenden Lohnempfängern verteidigen viele tatsächlich ihre ›Interessen‹, indem sie sich totarbeiten, um die ›Wettbewerbsfähigkeit‹ ›ihres‹ Betriebs aufrechtzuerhalten. Die ›Arbeiterselbstverwaltung‹ ist schließlich grausam parodiert worden in der Idee einer ›Aktionärsdemokratie‹, also einer »Gesellschaft von Lohnempfängern, die – in Aktien entgolten – kollektiv zu ›Mitbesitzern ihrer Unternehmen‹ werden und so die vollkommene Vereinigung von Kapital und Arbeit verwirklichen sollen« (Bourdieu, Gegenfeuer, S. 212). Man kann sich tatsächlich, jedenfalls auf der rein logischen Ebene, eine weiterhin kapitalistische Gesellschaft vorstellen, wo der Besitz der Produktionsmittel unter alle Subjekte verteilt wird, statt in wenigen Händen konzentriert zu sein. Die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft ist das Aneignungsverhältnis, nicht die Zahl der Besitzer. Die ›Aktionärsdemo­kratie‹ wird nie existieren, aber ihre bloße Möglichkeit zeigt auf, dass der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nicht den Kern der kapitalistischen Gesellschaft bildet.

All diese Betrachtungen führen zu der Schlussfolgerung, dass es kein ›an sich‹ dem Kapitalismus ontologisch entgegengesetztes und ihm bloß äußerlich unterworfenes Subjekt gibt. Wenn dem so wäre, würde es reichen, dass dieses Subjekt sich seiner Lage bewusst wird, um auch ›für sich‹ ein antikapitalistisches Subjekt zu werden, so dass seine Entfaltung mit dem Zusammenbruch des Kapitalismus gleichbedeutend wäre. Aber im Kapitalismus kann es nur ein einziges Subjekt geben: das automatische Subjekt, das abgeschafft und nicht entwickelt werden muss. Wie wir jedoch gesehen haben, geht für den traditionellen Marxismus das automatische Subjekt, also der Wert, auf die Klassen zurück, die das wirkliche Subjekt seien. Der Kapitalismus wäre dann das Ergebnis des Willens der Kapitalisten und seine Abschaffung das Ergebnis des proletarischen Willens. In Geschichte und Klassenbewusstsein kombinierte Georg Lukács die marxistische Verherrlichung des Proletariats mit dem Hegelschen Subjektbegriff. Diesem Buch zufolge »erscheint das Proletariat als das identische Subjekt-Objekt der Geschichte« (Lukács, Geschichte, S. 385) und als »das wahre – wenn auch gefesselte und unbewusste – Subjekt dieses Prozesses« (Lukács, Geschichte, S. 366). Wenn die Proletarier, so Lukács, sich selbst als Waren begreifen, können sie den Fetischcharakter jeder Ware erkennen und die »wirklichen«, hinter der Warenform verborgenen Beziehungen verstehen.

Unter den meisten heutigen Marxisten ist es nicht mehr Mode, das Proletariat, im Sinne von Fabrikarbeitern, als das Subjekt anzugeben, das den Kapitalismus überwinden wird. Aber seit den sechziger Jahren sind viele andere Prätendenten auf den vakanten Thron des revolutionären Subjekts erhoben worden, ohne die dahinter liegende Diskursstruktur zu verändern. Es wurde weiterhin vorausgesetzt, dass es im Kapitalismus ein Subjekt gebe, das nur oberflächlich Teil der kapitalistischen Beziehungen sei und sich auch in seiner gegenwärtigen Form ›an sich‹ bereits jenseits der kapitalistischen Logik befinde. Es muss stattdessen anerkannt werden, dass die Interessen der Lohnempfänger nicht wesentlich verschieden sind von den anderen Konkurrenzinteressen innerhalb der Warengesellschaft. Die Verteidigung ihrer Interessen kann sicherlich gerechtfertigter als die anderer Interessen sein, weil die Arbeiter – oder andere entsprechende Gesellschaftsgruppen – zahlreicher oder ausgebeuteter oder ärmer als andere Marktsubjekte sind, oder Opfer einer größeren Ungerechtigkeit. Aber in dieser Verteidigung liegt nichts notwendig ›Emanzipatorisches‹. Es geht bei ihr nur darum, einer bestimmten Kategorie von Warenver­käufern (in diesem Fall ihrer eigenen Arbeitskraft) gegenüber anderen Warenverkäufern zur Geltung zu verhelfen. In der feti­­­schis­tischen Gesellschaft kann es keine »Klasse des Bewusstseins« geben, die von einer der Funktionskategorien der Ware konstituiert wäre, aber gleichzeitig die historische Mission hätte, der Klassengesellschaft ein Ende zu bereiten.

Die Dynamik der Warengesellschaft geht nicht auf die Subjektivität der Ausbeuter zurück, der sich die Subjektivität der Ausgebeuteten widersetzt. In Wahrheit kann in der Warengesellschaft keine echte gesellschaftliche Subjektivität entstehen. Das ist letztlich auch die Schranke, an der sie zerschellen wird. Das automatische Subjekt vermag es nicht, die von ihm ausgelöste Dynamik zu beherrschen. Es kann nur die Elemente einer neuen Subjektivität zur Verfügung stellen; aber auch das nur um den Preis der Zerstörung historisch früherer Subjektivitätsformen.

Anmerkungen

1 »Man könnte sagen, dass Hegel ab 1803 diese Bewegung der Produktion um der Produktion willen bemerkt, von der Ricardo sprechen sollte und die sich bei K. Marx in der Idee ausdrückt, dass die Verwertung des Werts den ganzen kapitalistischen Produktionsprozess beseelt« schrieb der französische Hegelexperte und -übersetzer Jean Hyppolite 1955 (Hyppolite, Études, S. 93).

2 Reichelt behauptet, in den Grundrissen kenne Marx nur zwei Strukturen: »Verhältnisse, in denen der Reichtum eine von ihm selbst unterschiedene Form annimmt, und solche, wo das nicht der Fall ist. Wie sehr sich darum die verschiedenen Gesellschaftsformationen auch immer voneinander unterscheiden mögen, sofern sie auf der Aneignung des Reichtums in seiner besonderen Form beruhen, haben sie keine Geschichte; geschichtlich ist nur die verkehrte Welt, in welcher der Stoffwechsel selbst zum Vehikel der permanenten Jagd nach dem abstrakten Reichtum herabsinkt, von der immanenten Logizität dieses Prozesses erfasst und selber noch von ihm strukturiert wird«. So dringt die Geschichte in ahistorische Strukturen ein und zersetzt sie. Für Marx hat die indische Kultur, zum Beispiel, keine Geschichte (Reichelt, Zur logischen Struktur, S. 263).

3 Bereits Hegel sagte: »Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören« (Hegel, Geschichte der Philosophie, zitiert bei Krahl, Konstitution, S. 31).

4 Zum Beispiel: »Die Universalität, nach der es [das Kapital] unaufhaltsam hintreibt, findet Schranken an seiner eignen Natur, die auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung es selbst als die größte Schranke dieser Tendenz werden erkennen lassen und daher zu seiner Aufhebung durch es selbst hintreiben. […] Andrerseits hat Ricardo und seine ganze Schule die wirklichen modernen Krisen, in denen dieser Widerspruch des Kapitals [sich] in großen Ungewittern entladet, die mehr und mehr es selbst als Grundlage der Gesellschaft und Produktion selbst bedrohen, niemals begriffen« (MEW 42/323).

5 Die Ware trennt die Konsumtion von der Produktion. Einheit von Konsumtion und Produktion heißt nicht, dass jedes Individuum oder jede Produktionseinheit (z.B. ein großer traditioneller Bauernhof) in einem Zustand völliger Selbstversorgung das konsumieren, was sie selber produzieren. Diese Einheit bedeutet vielmehr, dass die Produktion auf im voraus bekannte Bedürfnisse hin ausgerichtet ist, wie es etwa bei den mittelalterlichen Zünften der Fall war, die Quantität und Qualität der Produktion regelten. Diese Einheit ist nicht mehr gegeben, wenn die Produktion für anonyme Märkte erfolgt, wo es nur die ›unsichtbare Hand‹ ist, die entscheidet, ob der Produzent seinen Konsumenten findet. Eine Überwindung der Warenlogik muss eine Wiederherstellung dieser Einheit in Gestalt von gemeinsamen Entscheidungen über den Ressourcengebrauch beinhalten.

6 Bereits im Short outline von 1858 schrieb Marx an Engels: »Bemerke nur noch, daß das Auseinanderfallen von W-G und G-W die abstrakteste und oberflächlichste Form, worin die Möglichkeit der Krisen ausgedrückt« (MEW 29/316). In den Grundrissen sagte er es ausführlicher: »Das einfache Faktum, dass die Ware doppelt existiert, einmal als bestimmtes Produkt, das seinen Tauschwert in seiner natürlichen Daseinsform ideell enthält (latent enthält), und dann als manifestierter Tauschwert (Geld), der wieder allen Zusammenhang mit der natürlichen Daseinsform des Produkts abgestreift hat, diese doppelte verschiedene Existenz muß zum Unterschied, der Unterschied zum Gegensatz und Widerspruch fortgehen. Derselbe Widerspruch zwischen der besondren Natur der Ware als Produkt und ihrer allgemeinen Natur als Tauschwert, der die Notwendigkeit erzeugte, sie doppelt zu setzen, einmal als diese bestimmte Ware, das andre Mal als Geld, der Widerspruch zwischen ihren besondren natürlichen Eigenschaften und ihren allgemeinen sozialen Eigenschaften enthält von vornherein die Möglichkeit, dass diese beiden getrennten Existenzformen der Waren nicht gegeneinander konvertibel sind. Die Austauschbarkeit der Ware existiert nur als ein Ding neben ihr im Gelde, als etwas von ihr Verschiednes, nicht mehr unmittelbar identisches« (MEW 42/82).

7 Natürlich halten wir Ansichten von Autoren wie Karl Korsch für falsch, der (in Marxismus und Philosophie [1923] wie in Karl Marx [1938]) bei Marx den subjektiven »Revolutionär« vom objektiven »Wissenschaftler« unterscheiden und die »unmittelbar revolutionären Frühschriften«, vor allem das Kommunistische Manifest, der angeblichen Resignation der zum Reformismus führenden Spätschriften gegenüberstellen will. In Wirklichkeit sind, jedenfalls vom heutigen Standpunkt aus gesehen, gerade Marx’ ökonomiekritische Werke die »revolutionärsten«, da sie die Hoffnung auf eine Veränderung nicht auf das subjektive Unbehagen einer unterdrückten, soziologisch definierten Klasse gründen, die es in der von Marx beschriebenen Form nicht mehr gibt, sondern auf die innere Widersprüchlichkeit und schließliche Unhaltbarkeit der kapitalistischen Vergesellschaftungsform. Es sind gerade die Anhänger einer Theorie à la Korsch, die heute resigniert sind.

8 Vgl. Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals (1913); Gross­mann, Henryk: Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik [1940], Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1969; Mattick, Paul: Krisen und Krisentheorien, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1974.

9 Viele der übrig gebliebenen Marxisten verleugnen mit besonderem Eifer die globale Wertverringerung (während die bürgerlichen ›Wirtschaftswissenschaftler‹ seit langem jedes Interesse an dieser Thematik verloren haben: Sie versuchen nicht einmal mehr, die Marxsche Theorie zu widerlegen). Zu diesem Zweck müssen sie abstreiten, dass der Wert in der Produktion entsteht. Der Wertkritik zufolge ist in der kapitalistischen Gesellschaft bereits das einfache Produkt von Anfang an eine Ware, statt dazu erst bei seinem Eintreten in den Austausch, in die Zirkulation, zu werden. Diese Behauptung wird allerdings von vielen Autoren bestritten, die sich dabei auf Marx’ eigene Unsicherheit hinsichtlich dieses Punkts stützen können, von der die Schwankungen in seinen Schriften, manchmal von einer Zeile zur anderen, zeugen. In Wirklichkeit kann man dieses Problem nicht untersuchen, ohne den grundlegenden Unterschied zwischen den vorkapitalistischen Gesellschaften und der kapitalistischen zu berücksichtigen: In Ersteren nimmt das Produkt tatsächlich erst in der Zirkulation Warenform an, oder kann sie annehmen. Bei der kapitalistischen Produktionsweise wird, im Gegenteil, das Produkt bereits als Ware hergestellt und weist deswegen von Anfang an eine bestimmte Wertgröße auf. Diese braucht allerdings den Austausch, um zu erscheinen. Wenn der Wert in der Produktion entsteht, ist er das Ergebnis der abstrakten Arbeit, die ihrer Natur nach quantitativ beschränkt ist und tatsächlich aufgrund der Zunahme des Sachkapitals abnimmt. Wenn der Wert hingegen in der Zirkulation entstehen würde, wäre er das Ergebnis kommerzieller Transaktionen, und seine Quantität würde nur vom Gelingen dieser Operationen abhängen. Der Wert hätte dann keine immanente Tendenz zur Verringerung. Das ist der Grund, warum die traditionellen Marxisten, die die Krise des kapitalistischen Systems abstreiten, sich darauf versteifen, den Ursprung des Werts in die Tauschhandlung zu verlegen.

10 Jemand wird hier einwenden, dass in der sogenannten Dritten Welt, und vor allem in Asien, eine gewaltige Ausbeutung billiger Arbeitskraft stattfinde, die die Grundlage der ›Exportwunder‹ dieser Länder bilde. Aber es handelt sich dabei nur um bestimmte Segmente der Weltmarktproduktion (vor allem die Textilindustrie), in denen vorübergehend die Billiglohnarbeit eine Alternative zur Automatisierung darstellt. Natürlich sind die Kapitalisten dieser Länder sehr wohl in der Lage, alle Schrecken der ersten Industrialisierung in Europa zu wiederholen, aber sie haben nicht die Möglichkeit, weltmarktsfähige Industrien auf großer Stufenleiter aufzubauen, schon deshalb, weil sie sich nie die Konstruktion der notwendigen Infrastrukturen werden leisten können.

11 Postone betont, dass das der Ursprung des ›dynamischen‹ Charakters sei, der den Kapitalismus von allen vorhergehenden Gesellschaften unterscheid: »Dieser Tretmühleneffekt unterstellt, schon auf der abstrakt logischen Ebene des Problems der Wertgröße – anders gesagt : schon bevor die Kategorie Mehrwert und das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital eingeführt worden ist – eine Gesellschaft, die richtungsgebunden dynamisch ist, was sich im Drang nach ständig erhöhten Produktivitätsniveaus ausdrückt« (Postone, Zeit, S. 290).

12 Marx hat diesen Aspekt am schärfsten in den Resultaten des unmittelbaren Produktionsprozesses betont: »Produktion im Gegensatz zu, und unbekümmert um, den Produzenten. Der wirkliche Produzent als blosses Produktionsmittel, der sachliche Reichtum als Selbstzweck. […] Ihr Zweck, dass das einzelne Produkt etc. möglichst viel unbezahlte Arbeit enthalte, und dies nur erreicht durch die Produktion um der Produktion willen« (Resultate, S. 63). Das hat sich auf sehr verkürzte und rein quantitative Weise in der ›Unterkonsumtionstheorie‹ niedergeschlagen, die immerhin, wie Rosdolsky sagt, auf der Erkenntnis des »Widerspruch zwischen dem schrankenlosen Trieb der Kapitalverwertung und der beschränkten Konsumtionskraft der kapitalistischen Gesellschaft« beruht, den viele Marxisten übersehen (Rosdolsky, Zur Entstehungsgeschichte, S. 393).

13 Man muss stets berücksichtigen, dass Marx die Dialektik von konkret und abstrakt, Gebrauchswert und Tauschwert analysiert und nicht nur die Abstraktion und den Tauschwert als solche. Er unterstreicht, dass bei ihm »der Gebrauchswert eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie« (MEW 19/371), vor allem als bei Ricardo, bei dem er »als einfache Voraussetzung tot liegen bleibt« (MEW 42/240), der von ihm abstrahiert (MEW 42/193) und auf ihn »bloß exoterisch Bezug« nimmt (MEW 42/546). Marx hat es den bürgerlichen Ökonomen gerade vorgeworfen, sich ausschließlich mit rein quantitativen Verhältnissen zu befassen (MEW 25/270). Um nur ein Beispiel für die Bedeutung des Gebrauchswerts bei Marx zu geben: In seiner Gestalt als gesellschaftliche Konsumtionskraft stellt der Gebrauchswert eine Schranke für die Expansion des Werts dar; »die Gleichgültigkeit des Werts als solchen gegen den Gebrauchswert ist damit ebenso in falsche Position gebracht wie andrerseits die Substanz und das Maß des Werts als vergegenständlichte Arbeit überhaupt« (MEW 42/320). Trotz dieser Klarstellungen hat man Marx oft dieselbe Vernachlässigung des Gebrauchswerts zugeschrieben. Rosdolsky hat nicht nur als einer der ersten auf die Bedeutung des Gebrauchswerts bei Marx aufmerksam gemacht, sondern seine Rolle auf den verschiedenen Stufen von Marx’ Analyse auch sehr gut zusammengefasst (Rosdolsky, Entstehungsgeschichte, S. 98-125). Noch früher hatte sich bereits Grossmann darum verdient gemacht.

14 Adam Smith behauptete, dass »der Souverän mit allen seinen Justizbeamten und Offizieren, die unter ihm dienen, die ganze Armee und Flotte unproduktive Arbeiter« sind. »In die gleiche Klasse gehören … Geistliche, Juristen, Ärzte, Literaten und Gelehrte aller Art; Schauspieler, Possenreißer, Musiker, Opernsänger, Ballettänzer usw.« (zitiert in MEW 26.1/130). Die Polemik gegen die »unproduktiven« Schichten war Teil des von der Industriebourgeoisie im Aufklärungszeitalter gegen die alten herrschenden Schichten geführten Angriffs, auch wenn »produktiv« im Gebrauchswertsinn und im Sinn des kapitalistischen Werts oft miteinander verwechselt wurden.

15 Das ist einer der Punkte, an denen der Gegensatz zwischen der Wertkritik und den Resten des Traditionsmarxismus am ausgeprägtesten ist. Von einer gigantischen Mehrwertproduktion in den Slums der Dritten Welt oder den Schuhfabriken in Rumänien zu reden zeugt nur von einer völligen Unkenntnis der Kritik der politischen Ökonomie. Auch wenn viele Arbeiten im informellen Sektor geld- und warenvermittelt sind, tragen sie nichts zur Verwertung des Kapitals bei, sondern dienen nur der eigenen unmittelbaren Reproduktion (Austausch von Dienstleistungen und Waren). Und auch dort, wo die Arbeiten in die Kapitalverwertung eingehen, werden sie auf extrem unterproduktivem Niveau verrichtet und stellen daher nur ein sehr kleines Wertquantum dar, gemessen am vorherrschenden Produktivitätsniveau.

16 Diese ›fiktive‹ Phase des Kapitalismus ist die reale Basis des Erfolgs, den in den achtziger und neunziger Jahren Begriffe wie ›Simulation‹, ›virtuell‹ oder ›hyperrealistisch‹ gehabt haben.

17 Siehe von derselben Autorin Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Horlemann-Edition Krisis, Bad Honnef 2000.

18 Es sollte deutlich sein, dass unsere Aufforderung an diejenigen, die nur von Mehrwert und Ausbeutung sprechen, erst einmal den Wert und die abstrakte Arbeit zu betrachten, keine intellektuelle Stilübung ist, bei der man sich nicht die Hände schmutzig machen will mit der schnöden Empirie der Arbeitsrealität, sondern im Gegenteil dazu dient, vielleicht noch traurigere Realitäten zu analysieren.

19 Die Infrastrukturen können nicht völlig von Angebot und Nachfrage abhängen. Die massiven Stromausfälle in Kalifornien, Brasilien, England und anderswo in den letzten Jahren haben eine kleine Vorstellung davon gegeben, was geschehen kann, wenn versucht wird, die infrastrukturellen Dienstleistungen zu privatisieren.

20 Es kann versucht werden, mit Hilfe von Marx’ Kategorien Kants Fragestellung – das sogenannte ›Konstitutionsproblem‹ – zu lösen: Wie entstehen überhaupt Subjekt und Objekt, wie konstituieren sich die Formen a priori, in denen sich dann jeder Inhalt darstellt? So könnten die Kant­schen Fragestellungen für eine Erneuerung der Marxschen Ideen fruchtbar gemacht werden, aber auf eine Weise, die nichts mit dem ›ethischen‹ kantischen Marxismus vom Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam hat, noch mit dem Rückgriff auf Kants politische Theorie, die zur Zeit bei manchen orientierungslos gewordenen (Ex-)Marxisten im Schwange ist. Das Thema des Fetischismus ist latent auch bei Kant vorhanden in seiner Thematisierung der Hypostase der Begriffe, obgleich er darin nur einen Denkfehler sehen konnte. Der Wert ist eine Form a priori im Kantschen Sinne, ein dem Einzelnen unbewusstes Raster, das bereits vor jeder Wahrnehmung liegt und deren Gegenstände konstituiert. Kants Apriori ist eine Ontologisierung und unhistorische Individualisierung des Werts, der in der modernen Gesellschaft das wahre Apriori darstellt – aber ein gesellschaftliches, kein natürliches. Einer von Hegels und Marx’ revolutionären Beiträgen zur Konstitutionsfrage, und damit auch gewissermaßen zur Ontologie, besteht in ihrer Weigerung, die Gesellschaft als äußerliches Band vorausgesetzter, als autonom vorgestellter Individuen aufzufassen, also in der Erkenntnis, dass die abstrakte Einheit eine eigene Realität aufweist und eine eigene Seinsebene darstellt, statt nur Zusammenfassung der Einzelnen zu sein: »Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehen« (MEW 42/189).

Es geht nicht darum, dass die Bewusstseinsstruktur einer Klasse sich auf die anderen ausdehnt, sondern um die Frage, welche die allen Klassen gemeinsame Bewusstseinsstruktur im Kapitalismus ist, von der die Bewusstseinsformen der einzelnen Klassen nur Ausdifferenzierungen sind. Eine solche Untersuchung müsste nicht nur eine materialistische Deutung der Inhalte des gesellschaftlichen Bewusstseins liefern – das ist in der Tat schon überreichlich getan worden, bis hin zu Karl Kautskys berüchtigter Zurückführung von Spinozas Philosophie auf die Interessen des holländischen Wollhandels –, sondern auch seiner Formen. Diese Diskussion des ›Konstitutionsproblems‹ ist, wenngleich nur andeutungsweise, von Adorno begonnen worden, für dessen Spätwerk die Aufwertung der Kantischen Fragestellungen überhaupt kennzeichnend ist. Darin ist ihm Alfred Sohn-Rethel, der ihn beeinflusst hat, vorausgegangen und ist ihm sein Schüler Hans-Jürgen Krahl gefolgt. Letzterer fasst das Verhältnis von Kant, Hegel und Marx so auf: Die Ich-Identität, die Kant in den Tiefen der menschlichen Seele verortet, als formal-apriorische Beziehung auf eine mögliche Gegenstandswelt, löst Hegel in das gesellschaftliche, konkrete Subjekt-Objekt-Verhältnis auf und Marx in die Produktionsverhältnisse (Krahl, Konstitution, S. 400). Die konkrete Arbeit liefert das Wahrnehmungsmaterial, »die wertsetzende Tätigkeit der abstrakten Arbeitsteilung liefert den nicht transzendentalen Apper­zep­tions­rahmen einer ideologisierten Kategorienwelt«, konstituiert Wissenschaft und Begriffe (Krahl, Konstitution, S. 404). Die Analyse der Vergesell­schaftungskategorien als das allen anderen Fragen vorgeschaltete Formproblem führt zu einer Theorie der gesellschaftlichen Vermittlung, die zu einer Überwindung der bisherigen subjektivistischen und objektivistischen Ansätze statt zu deren meist versuchten oberflächlichen Synthese beitragen könnte. – Hans-Jürgen Krahl war einer von Adornos brillantesten Studenten und gleichzeitig einer der Anführer der deutschen Studentenrevolte 1968. Im Verlauf seiner kurzen Existenz (er starb Anfang 1970, kaum dreißigjährig, bei einem Autounfall) produzierte er eine große Anzahl von Schriften, die eine Radikalisierung der Kritischen Theorie darstellten. Sie wurden sofort nach seinem Tod unter dem Titel Konstitution und Klassenkampf herausgegeben und sollten bedeutenden Einfluss auf die neue Linke in Deutschland, aber auch in Italien haben. Besonders bemerkenswert ist, dass Krahl bereits 1967, als dieses Thema noch kaum diskutiert wurde, in Adornos Seminar einen Vortrag zur »Wesenslogik der Marx­schen Warenanalyse« hielt (Krahl, Konstitution, S. 31-81).

21 Es ist trotzdem festzuhalten, dass, wie wir bereits gesagt haben, die Wertlogik nicht den ganzen Lebensraum einnimmt, noch es jemals tun könnte. Selbst in den am stärksten durch die Ware vergesellschafteten Individuen verbleibt stets ein nicht-warenförmiger Rest, obwohl die Ware ständig versucht, diese Räume mit der ›Kolonisierung‹ des Alltags und der psychischen Strukturen aufzubrechen. Allerdings bilden die nicht-warenförmigen Gedanken und Wünsche nicht unbedingt einen nicht-entfremdeten Bereich, den man einfach gegen die Warenlogik mobilisieren könnte, denn sie befinden sich oft in einer der herrschenden Logik untergeordneten und von ihr abhängigen Rolle.

22 Die radikale Linke hat gleichfalls die Bedeutung des ›Verrats der Anführer‹ sehr übertrieben, den sie in der Russischen Revolution am Werk sah, in den anderen Revolutionen, die zur Bildung besonders autoritärer Staaten geführt haben, sowie innerhalb beinah aller Protestbewegungen. Zwar ist das moralische Urteil über die Totengräber der Revolutionen völlig richtig, aber es muss betont werden, dass diese lediglich der Logik des automatischen Subjekts folgten, die die ›Verratenen‹ selber nicht überwunden hatten. Die manchmal bis zur Besessenheit gehende Beschäftigung der radikalen Linken mit der Organisationsfrage, der Kritik an Parteien und Gewerkschaften und der Definition der Bürokratie als neuer parasitärer Ausbeuterklasse beruhte zwar auf einer zutreffenden Beschreibung, aber hätte sich, als Erklärung, statt auf Marx eigentlich viel besser auf Robert Michels, Vilfredo Pareto oder Max Weber, wenn nicht gleich auf Nietzsche, berufen können. Die Entwicklung der Gesellschaft wird hier durch das Wollen der Akteure und ihren »Willen zur Macht« erklärt. Der ›Soziologismus‹, der aus den soziologischen Kollektivsubjekten die Demiurgen des Gesellschaftslebens macht, muss offensichtlich in einer pessimistischen Anthropologie enden, die stets das Böse triumphieren sieht.