31.12.2005  Beitrag drucken

Lust auf Vernichtung

Der Genozid als universelle Kategorie der Moderne

Streifzüge 33/2005

von Franz Schandl

Ein Genozid ist gekennzeichnet durch die systematische Ausweitung der Opferung, durch die reale Inszenierung des totalen Opfers. Der als absolut böse geltende Feind soll nicht bloß niedergemacht, er soll weggemacht werden. Das exterministische Phantasma setzt sich als entschlossenes wie entscheidendes Kriterium. Die Opferung ist Trieb eines unbedingten Willens der Täter. Sie ist nicht mehr Aspekt, sondern will sein übergeordnete und universelle Instanz. Angesagt ist ausmerzen, ausradieren, auslöschen, austilgen, kurzum: vernichten.

Jeder Krieg birgt genozidale Komponenten und Momente, ohne die er gar nicht vonstatten gehen könnte. Das Gemetzel oder noch deutlicher das Massaker etwa sind exterministische Kulminationspunkte kriegerischen Treibens, aber sie sind doch Ausnahme und nicht Regel. Im Genozid verallgemeinern sie sich. Der Genozid ist daher mehr als ein Kriegsverbrechen, er hat den traditionellen Krieg „überwunden“. Über diesen schreibt Carl von Clausewitz: „Das Ziel ist, den Feind wehrlos zu machen.“ Was den Genozid kennzeichnet, ist aber jenseits davon.

Im Unterschied zum Genozid gibt es im herkömmlichen Krieg ein „Halt!“ beim Morden. Der herrschende Dualismus ist der von Sieger und Besiegtem. Der Genozid will diesen Dualismus abschaffen, indem er statt auf den Sieg auf den Endsieg und die Endlösung setzt. Nichts verheimlichend spiegelt der Nazismus dieses Vorhaben treffend in der Wortwahl wider. Die Opferung wird zur totalen Größe. Der Feind hat nicht nur zu opfern, er wird geopfert. Das Töten ist Mittel jeder kriegerischen Konfrontation, aber nicht deren Zweck. Im Genozid wird das Morden jedoch zum Ziel selbst. Das Programm ist ein Vernichtungsprogramm. Krieg kann gelten als etwas Begrenztes, Genozid muss gelten als etwas Entgrenztes, er ist schrankenlos wie das Kapital selbst. Die Leichenproduktion, im Krieg noch Nebenprodukt, wird im Genozid zum Produktionszweck schlechthin.

Auch wenn in vielen Kampfhandlungen des Dreißigjährigen Kriegs die Sieger alle anderen niedergemacht haben, wurde weder von der Liga noch von der Union die Vernichtung der anderen zum Programm erhoben, weder Katholiken noch Protestanten wären draufgekommen, dass es in diesem Krieg darum ginge, alle Katholiken oder alle Protestanten auszulöschen. Schrecken und Terror hat es in der zweiten Natur immer gegeben, aber die Ausbreitung des Exterminismus ist doch ein neuzeitliches Programm, kann nicht losgelöst von der Entwicklung des Kapitals und seiner Produktivkräfte gesehen werden. Nur sie konnten sowohl die reellen Zwangsmittel als auch die geistigen Bedingungen zur Verfügung stellen.

Unheimliche Fragen

Angesichts der Singularität der Shoa, der Vernichtung der europäischen Juden, fällt es insbesondere in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs schwer, über den Genozid als allgemeines und globales Phänomen zu sprechen. Gerade darin liegt aber durchaus ein Verdienst des vorliegenden Sammelbandes „Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert“* (Seitenzahlen im Text beziehen sich auf dieses Buch). Die Zurückweisung der Gleichsetzung und somit auch Relativierung darf doch nicht so verstanden werden, dass keine Vergleiche mehr gezogen werden sollen. Nur der Vergleich zeigt das Ungleiche, das Gleiche und das Ähnliche an. Solch Vergleich muss sich allerdings anhand qualitativer Kriterien ausweisen, nicht als Abgleichung und Aufrechnung von Opferzahlen, Übergriffen, Massakern, Diskriminierungen. Es gibt keine kritische Skala, die gleich dem Wert quantitativ misst und reiht, und somit alles unter einen Hut zaubern könnte. Die herstellbare Bezüglichkeit meint keine Austauschbarkeit. Singularität kann nur im qualitativen Vergleich festgestellt werden, und sie kann sich bloß auf die Form beziehen, denn dem Inhalt nach wäre jedes Ereignis singulär. Eine Zusammenschau der Genozide ist ebenso geboten wie ihre Differenzierung.

Der Rechtswissenschafter Gregory Stanton unterscheidet acht Phasen des Genozids (S. 31-33), und will aufzeigen, wie es jeweils möglich wäre, mittels eines „Frühwarnnetzwerkes“ (S. 30) einzugreifen. „Genozid wird, wie Sklaverei, durch menschlichen Willen hervorgebracht“ (S. 39), schreibt er. Das ist richtig, doch woher kommt der energische Wille? Wo entspringt seine energetische Kraft? Was manifestiert solch elementares eliminatorisches Wollen? Was ermächtigt diesen Überdruck, der zur Tat schreitet, ja regelrecht danach giert? Wo liegt die Dynamik, die derartig ins Rasen gerät? Warum ist sie so ansteckend? Was spielt sich in den Köpfen ab? Gibt man sich nicht mit anthropologischen Mutmaßungen (,Menschen sind halt so‘, ,Das Böse lauert immer und überall‘) zufrieden, dann sind diese Fragen unabdingbar. „Der moderne Genozid ist ein Krieg der Gesellschaft gegen sich selbst“ (S. 105), schreibt der Schulbuchforscher Falk Pingel. Doch gerade diese These wäre in den Untersuchungen weiterzutreiben, denn sonst wird hier mehr ausgesprochen als verstanden.

Eine zentrale Frage ist wohl die: Woher rührt diese Lust auf Eliminierung ganzer Bevölkerungen? Was erzeugt die Mordabsicht in den Tätern? Wie kommen sie dazu? Welche Motive sind in den kollektivierten Psychen stärker als der doch ganz einfache humane Gedanke, in jedem anderen zunächst und zuletzt und überhaupt einen Menschen zu sehen, der gefälligst nicht zu drangsalieren und zu verfolgen, zu foltern und zu töten ist? Was ist das Mitreißende? Warum werden Leute zu einem Mob? Zu einer Horde? Denn selbst wenn die Massenmorde nicht von Massen verübt werden, sondern nur von Minderheiten, sind jene nur möglich, wenn viele zuschauen, die Mörder tolerieren oder ermutigen. Der Genozid braucht sowohl eine quasi-staatliche Planung als auch eine Massenbewegung. Aber was bewegt Massen in diese Richtung? Was bezwecken staatliche Ordnungen damit? Wie kommt der Zwang zu Identifikation und Überidentifikation, der dann in der Extermination mündet, in die Welt? Und abschließend: Können wir kategorisch behaupten, davon frei zu sein?

Der besprochene Band ist reich an Materialien, aber er ist arm an Theorie. Er verbleibt zumeist auf der empirischen Ebene, dringt kaum zur Psychologie des Identifikationswahns vor und klammert dessen gesellschaftliche Grundlagen aus. Die Beiträge sind ungemein praktisch gehalten, sie sagen mehr über Verlaufsformen und Verfahrensweisen aus als dass sie analytisch bestechen. Auch wenn das Buch einiges an Wissen vermittelt, drückt es sich doch um weitergehende Fragen. Auch wenn das Buch einiges an Wissen vermittelt, die Warum-Frage darf sich nicht um die bürgerliche Konstitution des Genozids drücken.

Von Ruanda bis Tschetschenien?

Hervorzuheben ist der Aufsatz von Fatuma Ndangiza, der Generalsekretärin der „National Unity and Reconciliation Commission“ (NURC) in Kigali. Sie beschreibt die Ethnien Ruandas primär in Zusammenhang mit der belgischen Kolonialpolitik. Die wollte zwei einst durchlässige soziale Positionierungen nicht nur gegeneinander ausspielen, sondern versuchte diese vielmehr als unbedingte Identitäten festzulegen. Folge war die „Institutionalisierung von Separatismus“ (S. 70). Die Trennung in Bahutus und Batutsis sei zwar in der vorkolonialistischen Epoche grundgelegt, aber sie wurde erst in der Kolonialzeit als eherne Feindschaft zementiert. Aufgearbeitet wird der Genozid von 1994 nun durch die traditionelle Dorfgerichtsbarkeit, die Gacaca. „Wir ermuntern die Häftlinge, Geständnisse abzulegen und Reue zu zeigen, aber gleichzeitig auch die Überlebenden, den Reuemütigen zu vergeben und ein neues Kapitel in ihrer Beziehung zueinander aufzuschlagen“ (S. 76), schreibt Ndangiza. Als Vorbild dieser angestrebten Versöhnung dienen wohl ähnliche Versuche in der Republik Südafrika nach dem Ende der weißen Herrschaft.

Nicht sehr überzeugend wirkt der angestrengte Versuch Thami Tisanis, Apartheid als „Genozid sui generis“ (S. 80) zu etablieren. Die Toten, die das südafrikanische Rassistenregime verursachte, wurden nicht systematisch geplant, sondern als Opfer in Kauf genommen. Die Apartheid hatte aber nicht die Ausrottung zum Ziel, sondern Unterwerfung, Kontrolle und Diskrimnierung einer als minderwertig eingestuften Bevölkerung. Die ideelle oder reelle Apartheid ist notwendige Voraussetzung eines Genozids, aber sie ist nicht dieser selbst. Jeder Genozid hat eine Art von Rassifizierung zur Bedingung, aber nicht jede Rassifizierung führt zum Genozid. Bestimmte Dinge müssen zusammengedacht, aber doch auseinander gehalten werden. Selbst aus substanziellen Identitäten ist nicht auf eine tatsächliche Indifferenz zu schließen. Das Problem diverser Betrachtungen ist, dass da immer wieder vieles durcheinander gebracht wird.

Aber es ist auch alles andere als einfach. Wie ist etwa die Ausrottungspolitik gegen die amerikanischen Indianer zu beurteilen oder der Einsatz der Atombombe oder das Vorgehen der US-Streitkräfte im Vietnam-Krieg (siehe im nebenstehenden Kasten Text von Günther Anders)? Es kann doch nicht so sein, dass die USA aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit und ihrer politischen Sonderstellung nie einen offiziell anerkannten Genozid veranstaltet haben können. Vor einem inflationären Gebrauch des Begriffs ist aber trotzdem zu warnen. Es gilt schon aufzupassen, dass mittels einer maßlosen Verwendung nicht alles zum Völkermord dimensioniert wird: Chile unter Pinochet, die Bombardierung Dresdens oder die aktuellen Massaker in Tschetschenien.

Bezüglich der Letzteren schreibt die Schriftstellerin Irena Brezná: „Das Gebaren der Welt gegenüber den russischen Machthabern ist kriminell, kurzsichtig, unerträglich“ (S. 144). Nur, worum wird hier gebeten? Um Wirtschaftssanktionen gegen Putin? Um Luftschläge? Um einen Einmarsch von US- und NATO-Truppen? Werden dadurch solche Konflikte nicht bloß auf eine andere Ebene verlagert, angeheizt wie ausgeweitet? Die Behauptung eines laufenden oder drohenden Völkermords wird so oft auch als Mittel gebraucht, auf Interventionen zu drängen bzw. sie regelrecht zu erzwingen. Aus „Die Welt schaut zu“ wird dann oft „Die Welt macht mit“. Wobei mit dieser Welt ja niemand anderer gemeint sein kann als der schwer bewaffnete Westen und seine einzige Supermacht, die Vereinigten Staaten von Amerika. Die beschworene Anrufungsinstanz wird gar nicht erst hinterfragt, in der okzidentalen Befangenheit wird dieser Standpunkt einfach eingenommen.

Rassifizierung und Klassifizierung

Rassifizierung setzt auf biologische Gewissheit, Zuordnung wird zu einer organischen Größe, festgemacht an menschlichen Geschöpfen, denen nunmehr keine körperliche Unversehrtheit mehr garantiert werden kann. Diese Bezichtigung ist die Extremform einer Personalisierung. Wichtig wäre daher auch, die Begriffe Klassifizierung und Rassifizierung substanziell zu scheiden. Will man die Juden oder die Armenier oder die Tutsi beseitigen, muss man sie töten, das gilt keineswegs für Großgrundbesitzer oder Kapitalisten. Man braucht diese lediglich enteignen, schon ist der Grund- oder Fabrikseigentümer keiner mehr. Dieser Unterschied darf nicht, wie es für gewöhnlich die Totalitarismustheorie tut, verwischt werden.

Auch Klassifizierung kann biologisiert werden, aber an sich ist die Klassifizierung (selbst wo sie stark personalisiert) nicht biologisch vorbestimmt. Sie definiert Charaktere oder besser noch Charaktermasken anhand ihrer sozialen Stellung im gesellschaftlichen System. Selbstverständlich kann im Extremfall die Auflösung sozialer Rollen auch an den Massenmord gekoppelt sein, aber sie muss es nicht zwangsweise. Die Beseitigung von rassisch Disqualifizierten hingegen muss die physische Liquidierung direkt ansteuern, weil die Eigenschaft der Feinde unmittelbar an deren leibliche Gestalt geknüpft ist. In der Logik der Ausrottung (die von der der Zerstörung scheidbar ist) gilt es nicht loszuwerden, was sie sind, sondern dass sie sind. Sie hält das wirklich oder vermeintlich Funktionelle für eine körperliche, nicht für eine gesellschaftliche Disposition. Die physische Existenz gerät daher in den Mittelpunkt, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes Inkarnation.

Zerstörung will Auflösung einer Totalität, was über deren Träger und Teile nur aussagt, dass sie nicht mehr in diesem Gesamtensemble fungieren sollen. Die Zerstörung ist eine Zerschlagung, aber sie ist keine Auslöschung, sondern setzt trotz aller Destruktivität auf ein Weiter. Produktive Zerstörung steht auch für neue Zusammenfügung, sie steht auch für Transformation des sich nun ebenso verändernden wie veränderten Materials. Vernichtung, Auslöschung und Ausrottung meinen systematische Beseitigung eines definierten Anderen, und nicht bloß in seiner inhaltlichen und formalen Bestimmung, sondern auch des Stoffes.

Weitere Fragwürdigkeiten

Der von uns in diesem Aufsatz nicht verwendete deutsche Begriff Völkermord ist ein äußerst merkwürdiger Terminus, weil er den Ermordeten (aber auch den Mördern) eine bestimmte positive Qualität außerhalb des Menschseins aufdrängt, nämlich die eines Volkes. Völkermord denkt sich als Konfrontation Volk gegen Volk, aber anders als im Krieg als eine einseitige zwischen Tätervolk und Opfervolk. Die Bezeichnung ist ähnlich unglücklich gewählt wie die Kategorie des Völkerrechts. Das führt etwa zu dem schrägen Schluss, dass man Völker nicht morden darf, Menschen aber schon. Ja, im Krieg ist Letzteres nicht nur erlaubt, sondern geboten.

Ebenso fragwürdig ist auch die mehrfach im Band angedeutete Ausweitung des Begriffs des Zivilisationsbruchs. Wir würden vorschlagen in eine ganz andere Richtung zu denken, nämlich, dass der Genozid kein Zivilisationsbruch ist, sondern die fatale Pointe der bürgerlichen Zivilisation schlechthin. Die viel radikalere Annahme ist zweifellos die, dass die vielgerühmte Zivilisation absolut keinen Halt darstellt, sondern die Ungeheuerlichkeiten geradezu Ausdruck, untrennbare Aspekte und Sequenzen jener sind. „Sowohl die Atombombe wie die Vernichtungslager der Nazis gehören zum ,Prozess der Zivilisation‘, in dem sie keine Gegentendenz oder Verirrung darstellen (…), sondern Ausdruck einer ihrer Möglichkeiten, eines ihrer Gesichter, ein in ihr mögliches Abgleiten sind“, schreibt Enzo Traverso. „Zwischen den Massakern der imperialistischen Eroberungen und der ,Endlösung‘ gibt es nicht nur ,phänomenologische Affinitäten‘ noch entfernte Analogien. Dazwischen besteht eine historische Kontinuität, die aus dem liberalen Europa des 20. Jahrhunderts und aus Auschwitz ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation machte.“ (Moderne und Gewalt, Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors, Köln 2003, S. 154-155.)

Der Exterminismus liefe dann der Gesellschaft nicht zuwider, sondern sie liefe auf ihn hinaus. Etwas, das in den bürgerlichen Subjekten steckt, nicht a priori, aber doch ehern, weil ihre Kommunikation auf Konkurrenz und somit Eliminierung programmiert ist. Die häretische Frage ist wohl die, ob der Kantsche Imperativ nicht auch oder sogar: vor allem als inverse Zuspitzung funktioniert: „Tu ihnen an, was sie dir antun (könnten).“ Der Verdacht spielt hier natürlich eine zentrale Rolle und er wird umso mächtiger, weil man die eigenen negativen Begierden kennt und sie daher mühelos den anderen unterstellt. Tatsächliches, mögliches aber auch halluziniertes Leiden wird in ein (oft prophylaktisches!) Recht auf Rache umgewandelt. Immer will man verhindern, was man nicht will, daher man es tut. Das ist zwar irre, aber nur in diesem gemeinsamen Irresein gewinnt das Undenken seine beispiellose Kraft. Es schöpft sich aus pathischen Projektionen, die allgegenwärtig sind.

Im systematisierten Massenmord kehrt nicht das Archaische zurück, sondern das Industrielle bricht durch. Ohne dessen Instrumente (Waffen, Medien, Industrie und Infrastruktur) könnte man das auch gar nicht anstellen. Raubritter des Spätmittelalters hätten nie einen Völkermord zusammengebracht. Die Inquisition und der Dreißigjährige Krieg waren indes der Prolog dessen, was noch alles kommen sollte. Die Todesfabrik (idealtypisch verwirklicht im nazistischen Vernichtungslager) ist schließlich wie jede Fabrik eine Erfindung der Neuzeit. Diese Gesellschaft hat den Genozid entwickelt und diese Gesellschaft hält ihn in petto. Er ist ihr schwarzer Talon.

Dieser Talon muss freilich nicht zur Verwirklichung führen, aber er ist vorhanden als latente Bedrohung. Im Genozid hätte sich damit ein immanenter Drang Durchbruch verschafft. Die bürgerliche Gesellschaft der Metropolen kennt zwar auch (oder vielleicht: noch) sozial- und rechtsstaatliche Sicherungsvorrichtungen, die jenen bis zu einem gewissen Grad in Schach halten können, aber sie widersprechen ihm nicht grundsätzlich. Stets ist er bloß eingedämmt, nicht ausgeräumt. Die Schicht der Menschlichkeit ist dünn. Zu dünn, um in angespannten und extremen Situationen nicht wegzubrechen. Der Ausnahmezustand sagt die Wahrheit über diese Gesellschaft.

Insofern wäre auch die Verdrängung diverser Ereignisse und Vorkommnisse immanent betrachtet nur logisch. Wie sonst will man mit einem Drang umgehen, den man zwar wahrnehmen muss, aber nicht wahrhaben will. Sich darüber Rechenschaft abzulegen, ist nur als große Abrechnung möglich. Sie erforderte ein enormes Bewusstsein, das sich jenseits der heutigen Abwehrmechanismen und Beschwörungsformeln entfaltete. Davon scheinen wir weit entfernt zu sein.

* Verena Radkau, Eduard Fuchs, Thomas Lutz (Hg.), Genozide und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhundert, Studienverlag, Innsbruck-Wien-München-Bozen 2004, 174 Seiten, 14 Euro.