31.12.2005  Beitrag drucken

Wechselseitige Geiselhaft

Die Beziehung von Kapital und freier Software

von Peter Samol

In der öffentlichen Debatte wird seit den Achtziger Jahren ein Bereich gehandelt, in dem sich künftig angeblich enorme Felder für produktive Arbeit auftun sollen. Es handelt sich um die Verheißungen der so genannten „Wissensgesellschaft“, in welcher Wissen zur wichtigsten Produktivkraft und zum Hauptfeld der Reichtumsproduktion werden soll.1 Angeblich gibt es hier viel Arbeit zu verrichten und große Scharen von Konsumenten warteten nur darauf, den Herstellern die entsprechenden Produkte aus den Händen zu reißen. Hier, so glaubt man, eröffnet sich ein Feld für enorme, „unbedingt nötige Zukunftsinvestitionen in Bildung und Forschung, um die notwendigen mentalen Produktivkräfte zu entwickeln“ – so und ähnlich lässt es sich immer häufiger vernehmen.

Eine wesentliche Eigenschaft der entsprechenden Produkte besteht allerdings darin, dass sie entweder gar nicht an materielle Träger gebunden oder sehr einfach und schnell auf lächerlich billige Trägermedien (Disketten, CDs, DVDs etc.) zu übertragen sind. Auch der räumliche Transport entfällt dank Internet. Zugegebenermaßen kostet die Erstellung von Software viel Zeit. Aber im Verhältnis zu den Möglichkeiten der nahezu kostenlosen Vervielfältigung, ihrer raschen Verbreitungsmöglichkeit und ihrer hohen Anwendungsbreite sind die Entstehungskosten von Software dennoch unglaublich gering. Der Anteil der Arbeit an der einzelnen Kopie wird dadurch nahezu homöopathisch. Eine jeweils einzelne Kopie weist mit anderen Worten einen Wert auf, der praktisch gegen Null tendiert.2

Im Grunde wird Wissen nie wirklich ausgetauscht oder verkauft, da derjenige, der es weitergibt, es nicht wirklich hergibt. Der „Austausch“ von Wissen ist in Wirklichkeit das Anfertigen einer Kopie (sei es im Kopf, sei es auf einem Trägermedium). Anschließend können sowohl der Hergebende wie auch der Empfangende neue Kopien anfertigen. Wissen kann auf diese Weise mit exponentieller Geschwindigkeit weiterverbreitet werden. Einmal auf den Markt gebracht neigt Wissen daher dazu, diesen in Windeseile zu überfluten und dabei jeden Wert zu verlieren. Um überhaupt handelbar zu sein, muss Wissen durch die künstliche Herstellung von Knappheit erst warenförmig gemacht werden: „Technisch durch verschiedene Möglichkeiten, die Kopierbarkeit von Wissen zu beeinträchtigen, bzw. zu verunmöglichen. Juristisch durch den permanenten Schrei nach dem Staat, der die Warenform per Jurisdiktion durchsetzen soll – eine ziemlich paradoxe Angelegenheit vom Standpunkt der herrschenden Marktideologie aus betrachtet.“3

Durch solche Barrieren werden immaterielle Güter aber lediglich in Scheinkapital verwandelt. Faktisch wird kein reeller Warentausch betrieben. Vielmehr wird gegen Zahlung die Gunst gewährt, am Wissen teilzuhaben.4 Eine solche Monopolisierung von Wissen verlangt häufig eine viel größere Investition in Zugangsbarrieren, Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten als die Produktion des Wissens selbst. Riesige Mengen unproduktiver Arbeit werden hier verrichtet: Im Rahmen der Zirkulationssphäre um die unentgeltliche Weitergabe zu unterbinden und nur bezahlten Konsum zuzulassen; im Rahmen der Staatstätigkeit, um mit Kontrollen und Strafen zu drohen. Und trotzdem sind solche Begrenzungen immer nur vorübergehend wirksam. Hacker, Codeknacker und Raubkopierer überwinden die Barrieren spielend, und bei den Anwendern will einfach kein Unrechtsbewusstsein in Bezug auf die Nutzung kopierten Wissens aufkommen.

Während der Warenwert eines Wissensgutes auf diese Weise schnell zerrinnt, ist sein gesellschaftlicher Nutzen jenseits von der Wertform umso größer, je weiter es verbreitet ist. Stefan Meretz sieht hier bereits eine mögliche „Keimform“ für eine Gesellschaft, die mit der Warenform bricht.5 Das macht er insbesondere an der freien Software-Bewegung fest, wo das Wissen von seiner Warenform abgelöst wird und sich für alle leicht zugänglich verbreitet. Dort kann es besser vermehrt und optimiert werden als unter einem Kapitalverhältnis. Dabei entzieht sich die freie Software der Befehlsgewalt des Kapitals sowie den Waren- und Geldbeziehungen. Hier zeichnet sich nach Meretz die Chance auf eine Gemeinwesenökonomie ab, in der nichts mehr im Hinblick auf die Vermarktung produziert würde.

Das Konzept hat allerdings den Haken, dass man freie Software nicht essen kann. Man kann in ihr auch nicht wohnen und sie hat auch keinen Heizwert. Die Mittel zur Erfüllung solcher Bedürfnisse muss man sich weiterhin auf dem Markt besorgen. Im Grunde ähnelt das Verhältnis zwischen dem Kapital, das in der Wissensproduktion neue Betätigungsfelder sucht und den Produzenten freier Software einer wechselseitigen Geiselhaft: Jede Seite verfügt über das, was die andere zum „Überleben“6 braucht. Sie ist aber nur bereit es herzugeben, wenn die andere ihre eigene Daseinsweise aufgibt. Zur Zufriedenheit der freien Softwareentwickler kann diese Situation erst aufgelöst werden, wenn es sehr großen anderen Teilen der Gesellschaft gelingen sollte sich aus der Wertform zu lösen und dabei gleichzeitig den stofflichen Reichtum weitgehend zu erhalten – eine Perspektive, die sich zur Zeit leider nicht abzeichnet.

Auf der anderen Seite sind aber auch die Hoffnungen der Softwareindustrie trügerisch. Die Rettung der Warengesellschaft in Form eines neuen Arbeitsfeldes für produktive Arbeit harrt ganz gewiss nicht auf dem Feld der so genannten Wissensproduktion. Das Gegenteil ist der Fall. Denn die Wissensproduktion „kann … sehr viel mehr Arbeit einsparen, als sie kostet und das in gigantischen, noch vor kurzem unvorstellbaren Ausmaßen. Das bedeutet, dass das formale Wissen unermesslich viel mehr ,Wert‘ zerstört, als es zu schöpfen erlaubt. Anders gesagt, es erspart Unmengen von bezahlter gesellschaftlicher Arbeit und verkleinert folglich den (monetären) Tauschwert einer wachsenden Anzahl von Produkten und Dienstleistungen… Früher oder später muss es zu einer Senkung des (Geld-)Wertes des insgesamt produzierten Reichtums sowie zu einer Schrumpfung des Profitvolumens kommen – unter Umständen zu einem Zusammenbruch der auf dem Tauschwert basierenden Produktion.“7

Statt ein neues Feld zur Rettung der kapitalistischen Produktionsweise zu sein, wohnt der „Wissensproduktion“ also vielmehr das Potential eines Totengräbers eben dieser Produktionsweise inne.


Anmerkungen

1 Siehe André Gorz: „Wissen, Wert und Kapital“, Zürich 2004.

2 Das gilt nicht nur für Wissen in Form von Software, sondern auch für Produkte der Musik- und der Filmindustrie. Daraus erklärt sich auch die hysterische Kampagne, die zur Zeit gegen so genannte „Produktpiraten“ geführt wird.

3 Lohoff, Meretz 2003 S. 7.

4 Die Geldäquivalente spiegeln ein Kräfteverhältnis und nicht ein Äquivalenzverhältnis (Gorz 2004, S. 66).

5 Siehe z.B. Meretz 2003.

6 „Überleben“ kann man mit Blick auf das „automatische Subjekt“ Kapital natürlich nur metaphorisch auffassen.

7 Gorz 2004, S. 41, Hervorhebungen im Original.

Literatur

Gorz, André: Wissen, Wert und Kapital, Zürich 2004.

Lohoff, Ernst; Meretz, Stefan: Unveröffentlichtes Seminarmanuskript, o.O. 2003.

Meretz, Stefan: Zur Theorie des Informationskapitalismus, in: Streifzüge 1/2003 und 2/2003.