31.12.2005  Beitrag drucken

Wertkritik im Comic

Zwei Comic-Alben eröffnen interessante Einblicke in die Irrungen und Wirrungen der Arbeitsgesellschaft.

Streifzüge 35/2004

von Peter Samol

Wer sich den gesellschaftlichen Verhältnissen im Kapitalismus mit einer kindlich naiven Grundhaltung nähert, kann zu Erkenntnissen gelangen, die dem unbedarften Normalzeitgenossen schlichtweg entgehen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Hans Christian Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Während Andersens Text eher ein metaphorischer Charakter innewohnt, sollen im Folgenden zwei Beispiele aus der Spätphase des Kapitalismus vorgestellt werden, die sich stärker mit den konkreten Gegebenheiten unserer Gesellschaftsform befassen. Sie gehören dem Medium der Comics an.

„Um zu schlumpfen1, musst du irgendetwas arbeiten“

Eine Art „Grundkurs“ einer Wertkritik im Comic findet sich im Album „Der Finanzschlumpf“ von Thierry Culliford2, Alain Maury und Luc Parthoens.

Im übersichtlichen Dorf der kleinen blauen Wichte geht jeder Einwohner seiner Lieblingstätigkeit nach und alle leben dabei prächtig miteinander: Der Bastelschlumpf bastelt gern und erledigt nebenbei anstehende Reparaturen, der Kochschlumpf bekocht das ganze Dorf, der Schlafschlumpf schläft meistens und der Eitle Schlumpf ist ständig damit beschäftigt, der bestangezogene Mann des ganzen Dorfes zu sein. Verdrießlich stimmt sie eigentlich nur, wenn einmal eine große gemeinsame Anstrengung anfällt. Gilt es zum Beispiel, die Brücke über den Fluss zu erneuern, dann müssen eben alle dabei mithelfen. Den meisten macht das keinen Spaß. Außer dem Bastelschlumpf natürlich. Niemand behauptet, dass ein Leben ohne abstrakte Arbeit das Paradies ist – aber die Lebensweise der Schlümpfe scheint ihm schon recht nahe zu kommen.

Doch dann hält das Verhängnis seinen langsamen, aber unaufhaltsamen Einzug in das idyllische Dorf. Ein Schlumpf kehrt von einer Mission aus der Welt der Menschen zurück. Dort hat er beobachtet, dass fast jede Lebensäußerung mit dem Austausch von Goldmünzen verbunden ist. Das hält er für eine lustige Idee und überredet seine Mitschlümpfe, auch im eigenen Dorf das Geld einzuführen. Jeder erhält zu Beginn 100 Taler, mit denen er von nun an Dinge und Dienstleistungen, die er von anderen erhält, vergüten soll. Anfängliche Schwierigkeiten („Und wieviel schlumpfe ich dafür, ein Fenster zu streichen?“3) werden bald vom Finanzschlumpf, wie der Neuerer mittlerweile genannt wird, ausgeräumt: Schnell erkennt er, dass der Wert einer Ware durch die Arbeitszeit bestimmt wird, die in ihr steckt. Bald hält eine emsige Tauscherei Einzug in das Dorf. Zuerst scheint alles noch seinen ganz normalen Gang zu gehen, aber schließlich wird bei einigen das Geld knapp, während es sich bei anderen anhäuft. Der Finanzschlumpf weiß Rat: Es muss gearbeitet werden, denn „um zu schlumpfen, musst du irgendetwas arbeiten“, wie er dem inzwischen mittellos gewordenen Schlafschlumpf mitteilt. Eine günstige Gelegenheit bietet sich, als wieder einmal eine Erneuerung der Brücke fällig ist. Der Finanzschlumpf nimmt das Projekt unter seine Regie und betraut den Bastelschlumpf mit der technischen Durchführung. Jetzt hat aber nicht einmal der noch Spaß am Brückenbau, denn die zur Lohnarbeit gezwungenen Schlümpfe achten pingelig darauf, keine Sekunde zuviel zu arbeiten. Zur Finanzierung der Brücke muss nach ihrer Fertigstellung obendrein eine Mautstelle eingerichtet werden. Jeder muss sich von nun an gut überlegen, ob sich eine Brückenüberquerung für ihn lohnt.

Alles in allem wird das Leben im Schlumpfdorf immer ungemütlicher. Während die einen rastlos ihr Vermögen mehren, wissen die anderen vor Geldsorgen weder ein noch aus. Die Errichtung eines riesigen Bankpalastes wird schließlich zum Stein des Anstoßes: Einige Schlümpfe wandern mit dem Ziel aus, ein neues Dorf zu gründen, in dem es garantiert kein Geld mehr geben soll. Einer nach dem anderen schließt sich dieser Bewegung an, am Ende sogar der Finanzschlumpf selbst. Damit wird die Errichtung eines neuen Dorfes überflüssig und alle kehren in das alte zurück.

„Arbeit für uns Sklaven“4

Der „Aufbaukurs“ der Wertkritik im Comic findet sich im Asterix-Band Nr. 23: „Obelix GmbH & Co.KG“. Es ist der vorletzte Band, an dem der verstorbene Asterix-Texter René Goscinny mitgewirkt hat und ein Highlight der besonderen Art.5

Während es den Schlümpfen gelingt, die Fetischform aus eigener Kraft abzuschütteln, müssen die Gallier die Krise erst vollständig durchlaufen, bevor sie in der Lage sind, den Irrsinn einer Produktionsweise zu erkennen, die nicht auf menschliche Bedürfnisse, sondern die Erfordernisse eines gänzlich anonymen Marktes abgestimmt ist. Das kleine Dorf der Titelhelden Asterix und Obelix ist im Jahre 50 v. Chr. bekanntlich das einzige von den Römern nicht besetzte gallische Fleckchen Erde. Der Grund dafür liegt in dem Zaubertrank, der den Dorfbewohnern Bärenkräfte verleiht und sie militärisch unbesiegbar macht. Im vorliegenden Band versuchen die Römer daher auf einem anderen Weg, das Dorf ihrem Imperium einzuverleiben. Nach dem Motto: „Der Reiz des Goldes wird sie schwach machen und sie beschäftigen!“6, begibt sich der römische Gesandte Technokratus7 mit viel Gold ausgestattet zu den Galliern. Als erstem von ihnen begegnet er Obelix, der zufällig gerade einen Hinkelstein bei sich trägt. Flugs erklärt sich Technokratus zum „Hinkelsteinaufkäufer“ und kauft Obelix den besagten Hinkelstein ab. Darüber hinaus verlangt er, dass immer mehr Exemplare dieser völlig nutzlosen Ware produziert werden und garantiert sie alle abzunehmen. Bald darauf ist Obelix ein reicher Mann, was die anderen Einwohner seines Dorfes dazu animiert, ihr Glück ebenfalls in der Hinkelsteinproduktion zu suchen. Auf diese Weise wird ein Produkt, das ursprünglich Ausfluss von Obelix‘ Privatmarotte war, ein Exportschlager. Bald wird das Dorf mit römischem Gold überschwemmt, was wiederum zu dramatischen Änderungen führt. Zwar waren die Dörfler schon zuvor mit dem Gebrauch von Geld vertraut, es spielte aber bis dahin im Rahmen ihrer Selbstversorgungswirtschaft und übersichtlichen Tauschökonomie keine wesentliche Rolle. Das ändert sich schlagartig. Bald ist die eine Hälfte der Männer des Dorfes mit der Hinkelsteinproduktion beschäftigt, während die andere mit der Beschaffung von Nahrungsmitteln (natürlich Wildschwein) betraut wird. Die Frauen des Dorfes werden eingespannt, indem sie lächerlich protzige Vorläufer der Businesskleidung herstellen, mit der die Hinkelsteinproduzenten sich gegenseitig sowie die anderen Dorfbewohner beeindrucken wollen.

Die Rechnung der Römer geht auf. In der Tat sind alle Gallier dermaßen mit dem Gelderwerb beschäftigt, dass ihnen keine Zeit mehr bleibt, sich mit den Römern zu schlagen. Sie haben sich allerdings ein neues Problem eingehandelt. Die Gallier sind nämlich dermaßen fleißig, dass den Römern das Geld für den Aufkauf der Hinkelsteine auszugehen droht. Technokratus weiß auch diesmal Rat. Er lässt die Unmengen von Hinkelsteinen nach Rom transportieren und macht sie dort mit einer gezielten Marketingkampagne zum Verkaufsschlager. Tatsächlich sieht es zuerst so aus, als könnte auf diesem Wege obendrein noch die römische Staatskasse saniert werden. Doch dann kommt es, wie es kommen muss. Andere Produzenten erscheinen mit Nachahmerprodukten auf dem Markt: „Inländischer Hinkelstein. Billiger als Importhinkelstein! – Kauft römische Erzeugnisse!“8 Der Versuch der römischen Regierung, die heimische Hinkelsteinproduktion zu unterdrücken, scheitert an Sklavenaufständen. Deren Motto lautet: „Das einzige Recht des Sklaven ist das Recht auf Arbeit. Es darf ihm nicht genommen werden.“9 Schließlich muss der Markt wieder für römische Hinkelsteine freigegeben werden. Was alles noch schlimmer macht: Hinkelsteine sind ein grauenhaft langlebiges Produkt und kein Mensch braucht einen Ersatzhinkelstein. (Merke: Güter, die für die Ewigkeit produziert werden, sind der Tod jeder Wert-Verwertung.) Und auch in der Antike schlägt bereits die Globalisierung zu Buche. Phönizier, Griechen und sogar Ägypter (Hinkelsteine in Obeliskform) schließen sich der Hinkelstein-Manie an. Der Markt wird endgültig überschwemmt10 und die Hinkelsteine verfallen drastisch im Preis: „Beim Kauf eines Sklaven zwei Hinkelsteine gratis“.11 Schließlich kommt es zur Katastrophe. Die römische Regierung bleibt auf ihren gallischen Hinkelsteinen sitzen. Am Ende ist nicht nur die Staatskasse leer, sondern obendrein verfällt auch noch der Wert der römischen Währung drastisch. Das wiederum beseitigt automatisch die Reichtumsunterschiede im gallischen Dorf und bald geht dort wieder alles seinen gewohnten Gang.

Diskussion

Dogmatische Gralshüter werden an den vorgestellten Comics natürlich etliche „theoretische Mängel“ feststellen. Nichtsdestotrotz sind die Verfasser der vorliegenden Werke den zeitgenössischen neoliberalen und keynesianischen Dünnbrettbohrern haushoch überlegen. Beide Comic-Alben liefern auf je ihre Weise ausgesprochen präzise Schilderungen der ökonomischen Mechanismen. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier eigentlich um Vertreter der Comic-Gattung der so genannten „Funnies“ handelt, bei welcher vor allem Witz und leichte Unterhaltung im Vordergrund stehen sollen, ist also Beachtliches geleistet worden.

Beide Alben haben das Zeug dazu, ein guter Anfang dafür zu sein, im Umgang mit den scheinbaren Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft eine unbefangene Perspektive jenseits der Warenlogik einzunehmen. So wird etwa demonstriert, auf welche Weise die Installation des abstrakten Mechanismus von Arbeit, Ware und Geld eine solidarische Gruppe von Personen in eine zugleich lächerliche und traurige Ansammlung vereinsamter Individuen verwandelt, in der jeder mit seinen Sorgen ganz für sich allein ist. Während sich der Schlumpf-Comic besonders eingehend mit dieser Problematik beschäftigt, stellt der Asterix-Band sehr präzise dar, wie der ganz gewöhnliche Gang der Dinge in der Warengesellschaft schließlich zur Überproduktion mitsamt Marktüberschwemmung, Kapitalentwertung und Inflation führt.

Ein besonderes Plus der vorgestellten Comics liegt darin, dass in beiden Fällen die Krise, in die die Betroffenen durch die Einführung der Geld- und Warenwirtschaft gestürzt werden, als systemisches Geschehen dargestellt wird. Keine Person und keine Gruppe wird für die Misere verantwortlich gemacht; es gibt keine Klassen, keine Rassen und auch sonst keine vermeintlichen Bösewichter, die an der selbstgeschaffenen Misere die Schuld tragen sollen. In beiden Fällen erleben die Betreffenden vielmehr, wie das Geld selbst und die mit ihm einhergehende abstrakte Arbeit alle bestehenden Bindungen auflösen und schließlich in die Katastrophe führen.

Solche spielerischen ersten Einblicke in die fundamentalen pathologischen Prozesse der Gegenwart sind nicht zu unterschätzen und stellen eine Möglichkeit zum Einstieg in die Wertkritik sein. Aber sie eröffnen auch für Fortgeschrittene erheiternde Einblicke in den Gegenstand ihrer Reflexionen. So würde ein Schlumpf beispielsweise auf die Frage, wer denn die Brötchen backen soll, wenn keiner mehr arbeitet, mit größter Selbstverständlichkeit antworten: „Der Bäckerschlumpf natürlich!“. Der kann das nämlich und hat auch noch Spaß daran. Im Klartext: Auch ohne Arbeitszwang kann man den nützlichen und notwendigen Tätigkeiten nachgehen. An denen hat man dann nicht nur seine Freude, sondern sie führen darüber hinaus auch zu brauchbaren Ergebnissen.


Literatur

Der Finanzschlumpf. Carlsen Comics, Hamburg 1999 (Orig.: Le Schtroumpf Financier, Brüssel 1992).

Obelix GmbH & Co.Kg. Delta Verlag GmbH, Stuttgart 1991 (Orig.: Obélix et compagnie, Paris 1976).


Anmerkungen

1 Der Platzhalter „schlumpfen“ (Subst.: Schlumpf, Adj.: schlumpfig) wird von den Schlümpfen eingesetzt, um ein beliebiges Verb, Substantiv oder Adjektiv zu ersetzen. Das hat für den Leser häufig den Effekt, dass er eigene Vorstellungen in die entsprechende Stelle hineinlesen kann. Im Fall der Zitates in der Überschrift (Der Finanzschlumpf , S. 26) bieten sich die Worte „essen“ oder „leben“ an.

2 Thierry Culliford ist Sohn des Schlümpfe-Erfinders Pierre Culliford, besser bekannt als „Peyo“.

3 Der Finanzschlumpf, S. 20.

4 Obelix GMBH & Co.KG, S. 39.

5 Die Besprechung dieses Asterix-Bandes geht auf eine Anregung von Ernst Lohoff zurück. Dieser Abschnitt erfuhr außerdem durch seine kritische Durchsicht zahlreiche Verbesserungen. Dafür sei ihm an dieser Stelle pauschal gedankt.

6 Ebd., S. 12.

7 Angeblich eine Karikatur des jüngeren Jaques Chirac (siehe http://www.htw-dresden.de/~htw8195/asterix/guest.htm).

8 Ebd., S. 38.

9 Ebd., S. 39. Diese „Weisheit“ dürfte Hartz IV-Betroffenen und anderen Arbeitslosen nur allzu bekannt vorkommen.

10 Bildlich sehr schön dargestellt anhand der unglückseeligen Piraten, deren Schiff in fast jedem Asterix-Band mindestens ein Mal obligatorisch versenkt wird. Diesmal wird ein völlig neuer Weg in den Untergang beschritten. Das Schiff säuft nämlich ab, weil es mit erbeuteten Hinkelsteinen überladen wurde. Der Piratenkapitän rechtfertigt sein Missgeschick mit den Worten: „Bin ich vielleicht daran schuld, dass zur Zeit alle Schiffe, die wir plündern, Hinkelsteine geladen haben?“ (ebd., S. 40).

11 Ebd., S. 41.