31.12.2005  Beitrag drucken

Zurück in die Zukunft

Vorwärts in die Vergangenheit

05/2005

von Ernst Lohoff

Die neue deutsche Welle einer recht trüben Kapitalismuskritik schwappt durch Land und Feuilletons und hat mittlerweile sogar „Die Zeit“ erreicht. In den letzten Jahren fiel das Zentralorgan der altbundesdeutschen Intelligenz vornehmlich als marktradikales Hetzblatt auf; jetzt leitartikelt dort Günther Grass gegen die „Freiheit nach Börsenmaß“. Vom Geiste Münteferings beseelt setzte die Redaktion außerdem Wolfgang Englers gerade im Aufbau-Verlag erschienenes „Bürger ohne Arbeit – für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft“ auf Platz zwei der „Zeit-Liste empfohlener Bücher“. War diese Wahl ein Fehlgriff oder erntet die 400 Seiten starke Schwarte des aus Dresden stammenden Kultursoziologen damit genau das Lob, das sie verdient?

An einem zentralen Punkt hebt sich Englers Buch vom Mainstream der derzeitigen Kapitalistenschelte ab. Von den pflichtvergessenen Shareholdern und ihren politischen Helfershelfern verlangt er keineswegs wie üblich die Schaffung von Arbeitsplätzen; stattdessen fordert er die „Anerkennung des Verbrauchs als eines Menschenrechtes“ und die Gewährung eines hinreichenden „Konsumgeldes“. Der kapitalistische Arbeitsautomat ist ein Auslaufmodell, der kapitalistische Konsumidiot aber muss bleiben. Die „Verstaatlichung der Produktionsmittel“ war ein „rohes Missverständnis; es lebe die Vergesellschaftung der Lebensmittel im Einvernehmen aller“.

Angesichts der laufenden arbeitsterroristischen Generalmobilmachung mutet Englers Relativierung der Bedeutung der Arbeit und die Vision einer Entkoppelung der „Bürgerrolle“ von der „Arbeiterrolle“ vergleichsweise menschenfreundlich an. Wie steht es aber um die theoretische Tragfähigkeit der Vorstellung, den Kapitalismus vor der „Selbstzerstörung“ durch die Aufkündigung der strukturellen Einheit von kapitalistischer Produktion und Distribution zu retten?

En passant entsorgt Engler diese Frage schon auf den ersten Seiten. „Arbeit und Arbeitsgesellschaft sind … kollektive Produkt von Willen und Vorstellung“. Es reicht, dass sich diese Gesellschaft den alten Willen und die alten Vorstellungen aus den Kopf schlägt und schon verwandelt sich der kapitalistische Vergesellschaftungszusammenhang in eine Welt der Chancen und Möglichkeiten für alle. Zwei Drittel des Buches bestehen aus Wegdenkübungen, in denen Engler aus der Geschichte der Staatsbürgerherrlichkeit schöne und nette Momente herausgreift, immer in der Hoffnung durch Demokratisierung und Verallgemeinerung aus diesen Bruchstücken der Vergangenheit die Bausteine einer künftigen Gesellschaft zu gewinnen. Es gilt das keynesianische Regime zu reinstallieren, aber diesmal von seinem Bedingungszusammenhang von Massenarbeit und nationalstaatlicher Formierung befreit. Der pränationalstaatliche und ökonomieferne Rousseausche citoyen dient als Vorbild für den kommenden postnationalen Staatsbürger. Von Aristoteles und den alten Griechen übernimmt Engler die begriffliche Unterscheidung von „Herstellen, Handeln und Tätigsein“. Offiziell lehrt diese Differenzierung dem Leser, dass die „Arbeit“ nicht das einzige ist, was den Menschen ausmacht. Gleichzeitig erfährt er im Kleingedruckten, eine nach Befreiung strebende Gesellschaft könne die Produktion in aller Seelenruhe der kapitalistischen Logik überlassen und es akzeptieren, vom „Herstellen“ abgeschnitten zu sein.

Die darin angelegten Widersprüche sind ihm keine ernsthafte Überlegung wert. Weder thematisiert er die Destruktivität der kapitalistischen Produktion um der Produktion willen. Im Gegenteil: der unendliche Warenausstoß soll Englers Logik nach ungebremst weiter gehen und sogar noch schneller wachsen, wenn alle Menschen ausreichend mit Konsumgeld versorgt werden. Noch stellt er sich umgekehrt die Frage, wie die kapitalistische Produktion eigentlich weiterfunktionieren soll, wenn sein zentrales Strukturmoment, der Arbeitszwang, tatsächlich abgeschafft würde. Und schließlich kommt es Engler gar nicht erst in den Sinn, dass die Reduktion der gesellschaftlich-notwendigen Arbeitszeit innerhalb des Kapitalismus nichts anderes bedeutet, als dessen fundamentale Krise, weil sie die Selbstzwecklogik der Verwertung des Werts untergräbt. Woher sollen dann aber die famosen Geldeinkommen stammen, die so reichlich verteilt werden sollen? Engler fallen diese Widersprüche freilich nicht auf, weil er die Frage nach der gesellschaftlichen Form der Reichtumsproduktion gar nicht erst stellt. Das ist zweifellos der Grund, weshalb seine halbgaren Konzepte so bereitwillig rezipiert werden. Sie kommen einem Zeitgeist entgegen, der sich in seinem Unbehagen an den kapitalistischen Verwerfungen und Zumutungen lieber in heimelige Wunschwelten flüchtet, als nach ihren grundlegenden Ursachen zu fragen.