31.12.2006  Beitrag drucken

Corporate Identity


Die WM-Euphorie hat den Weg bereitet für die Modernisierung des Nationalismus

Aus: Jungle World 29/2006, 19.7.2006

von Norbert Trenkle

Der schwarz-rot-goldene Begeisterungstaumel während der WM, so ist überall zu lesen, sei bloß Ausdruck einer „Normalisierung“ im Verhältnis „der Deutschen“ zu „ihrer Nation“ und insofern durchaus erfreulich und positiv gewesen. Eine höchst merkwürdige Auskunft. Denn wieso eigentlich sollten massenhafte nationalistische Aufwallungen bei Fußballspielen erfreulich sein, nur weil damit nachvollzogen wird, was in England, Italien, Argentinien oder anderswo gang und gäbe ist? Über diese Art „Normalität“ kann sich nur freuen, wer über den besonderen Abscheulichkeiten des deutschen Nationalismus in der jüngsten Geschichte vergessen hat, dass der Nationalismus als solcher eine Abscheulichkeit ist – wenn auch eine in der bürgerlichen Gesellschaft höchst normale.

Man mag einwenden, dass die meisten, die da in Schwarz-Rot-Gold vor den Großleinwänden herumjohlten, einfach nur eine „geile Party“ feiern wollten. Sicher, die WM-Begeisterung hatte viel von der gängigen Eventkultur. Man ging zu den Public Viewings wie zu Popkonzerten, inklusive infantiler Kostümierung. Und doch war der Inhalt der Begeisterung kein völlig beliebiger und austauschbarer, sondern „unsere“ Nationalmannschaft. Das lässt sich nicht hinwegreden. Wo „Deutschland, Deutschland“ gegrölt wird, oder „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist“, geht es nun einmal nicht nur um Fußball. Hier schleift sich neu ein, was noch vor knapp 20 Jahren ziemlich abgeschliffen schien. Harmlos kann das allenfalls erscheinen, wenn man es mit den überkommenen Formen des nationalistischen Massenspektakels vergleicht. Nicht nur mit denen der Nazis, sondern auch mit denen des 20. Jahrhunderst überhaupt. Natürlich ist es nicht dasselbe, ob sich Hunderttausende auf einem Platz versammeln, um „ihrem“ Führer oder Caudillo zuzujubeln oder ob sie auf einer Großleinwand das Spiel „ihrer“ Mannschaft verfolgen. Eine Gemeinschaft die sich über die Zugehörigkeit zur „Nation“ definiert wird jedoch in beiden Fällen konstruiert.

Zweifellos hat sich der Nationalismus nicht nur dem Inhalt sondern auch der Form nach modernisiert. Auch und gerade hierzulande. Anders könnte er gar nicht zu neuer Blüte gelangen. Großangelegte Gemeinschaftserlebnisse lassen sich heute nicht mehr über den disziplinierten Massenaufmarsch, sondern nur noch über das kulturindustriell organisierte Spektakel herstellen. Das gilt übrigens auch für alle anderen Formen der Identitätskonstruktion, etwa für die neo-religöse Welle. Die evangelikalen Sekten in Lateinamerika mit ihren Massen-Gottesdiensten im Stile von Fernsehshows haben es vorgemacht, die katholische Kirche ist spätestens beim Papstbesuch im vergangenen Jahr auf den Zug aufgesprungen und auch der Islamismus existiert keinesfalls nur in der Bärte und Burka tragenden Talibanvariante, sondern bedient in modernen Städten wie Istanbul auch die popkulturell präformierten Bedürfnisse der jüngeren Generation. Die oberflächliche Lockerheit täuscht. Dahinter verbirgt sich eine Verhärtung, die zwar den Beteiligten zumeist nicht so recht bewusst ist, aber gerade deshalb umso gründlicher wirkt.

Dem Inhalt nach ist der modernisierte Nationalismus, der sich auch gerne Patriotismus nennt, weil das viel harmloser klingt, ein höchst hybrides Produkt. Dennoch beruht auch er weiterhin auf dem Prinzip von gewaltsamem Ausschluss und Zwangsintegration. Zwar sind die Kriterien für die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zum nationalen Kollektiv flüssiger geworden, jedoch keinesfalls völlig beliebig. Was sich unter den Bedingungen der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung herausgemendelt hat, ist eine Mischung aus altem Volksgemeinschafts- und modernem Leistungs- und Standortnationalismus. Der erste allein ist nicht nur ökonomisch vollkommen inadäquat, sondern entspricht keinesfalls mehr den identitären Bedürfnissen und dem Lebensgefühl der in die globalisierte Konsum- und Arbeitswelt hineinsozialisierten Generation. Der zweite dagegen bietet einfach zu wenig emotionalen Überschuss, der gerade jetzt wieder gefragt ist, wo sich die Folgen des globalen Krisenprozesses auch in den Weltmarktzentren schmerzhaft bemerkbar machen. Ähnlich wie der „mitfühlende Konservatismus“ und „New Labour“ ist der modernisierte Nationalismus eine Reaktionsform auf Neoliberalismus und dessen Fortsetzung zugleich. Er stellt den Versuch dar, den Bezug auf das nationale Kollektiv mit den Imperativen der Weltmarktkonkurrenz zu verbinden. Deshalb sind auch jene Einwanderer willkommen, die mit ihrer Leistung das Bruttosozialprodukt vermehren und ihre „Integrationsbereitschaft“ erkennen lassen, indem sie sich einen „Einbürgerungstest“ unterwerfen und eine Deutschlandfahne ans Auto hängen. Das erlaubt es auch dem links-liberalen und rot-grünen Milieu sich endlich wieder mit „Deutschland“ zu versöhnen und einem „Patriotismus“ das Wort zu reden, der so „natürlich“ sein soll, wie dass Frösche nun einmal quaken und Hühner gackern.

Diskursiv stellt der modernisierte Nationalismus insofern eine Überwindung der rein ökonomisch begründeten Krisenverwaltung dar, faktisch jedoch ist er die Begleitmusik zu deren Verschärfung. Daraus machen seine Propagandisten auch keinerlei Hehl. Ganz offen reden sie darüber, dass die laufenden sozialen Zumutungen ohne eine gehörige Portion „Patriotismus“ nicht durchsetzbar sind, weil sonst jeder nur an seinen eigenen Vorteil denke. Und weil das viel zu rückwärtsgewandt und pessimistisch klingt, wird die nationale Begeisterung auch gleich noch zum Antriebsmotor einer Aufbruchsstimmung hochstilisiert, die endlich die Wende auf dem Arbeitsmarkt herbeiführen soll. In einer Art vulgär-psychologischem Idealismus wird so getan, als hinge der (ökonomische) Erfolg in erster Linie von Stimmung und Einstellung der Bevölkerung ab. Insofern steht Jürgen Klinsmann mit seinen aus dem Mutterland des „positiven Denkens“ ins Trainingslager der Nationalmannschaft importierten suggestiven Methoden an der Spitze der Bewegung. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass ausgerechnet dieser Prototyp des globalisierten Leistungsindividuums mit Wohnsitz in Kalifornien, zur neuen „Lichtgestalt“ (Matthias Matussek in einem Interview mit dem Deutschlandfunk) der deutschen Nation avanciert ist. Doch genau darin drückt sich präzise die Modernisierung des Nationalismus aus, der nicht zufällig der Form und den Methoden nach an die „Corporate Identity“ erinnert, die in Weltmarktfirmen wie IKEA oder Wal Mart in einer Mischung aus Gehirnwäsche und Kindergeburtstagen für Erwachsene eingebläut wird. Die zwangshaft-optimistische Vergemeinschaftung dient dem simplen Zweck, die Beschäftigten auf Leistung einzuschwören und die Opfer vergessen zu machen, die sie und andere dafür erbringen müssen. Sie auch nur zu benennen, gilt als Pessimismus und Miesmacherei und damit als die eigentliche Ursache für die Misere.

Was auf den ersten Blick kindisch und abergläubisch anmutet, ist in Wirklichkeit Ausdruck einer zunehmenden Verhärtung, die Leistungsdruck mit kollektivem Identitätszwang verbindet. Richtig dazugehört nur, wer ein stets steigendes Leistungsquantum abliefert oder zumindest erfolgreich so tut als ob. Wer jedoch nicht mithalten kann oder will, soll wenigstens aus der Öffentlichkeit verschwinden und still seine Armenspeisung an der „Tafel“ entgegennehmen, sonst verdirbt er den anderen auch noch den autosuggestiv erzeugten Optimismus, den sie zum Funktionieren brauchen. Deshalb werden die liberalen Meinungsführer auch äußert ungemütlich, wenn jemand ihren mühsam heraufbeschworenen „Patriotismus“ angreift, wie jene vaterlandslosen Gesellen aus der hessischen GEW oder von der Jungen Linken in Leipzig. Weil aber im Grunde jeder weiß, dass er schon morgen aus dem harten Kern der Leistungspatrioten ausgeschlossen und an den gerade noch mitgeschleppten Rand des nationalen Kollektivs gedrängt werden kann, ist die aufgekratzte Feierstimmung im Lande äußerst doppelbödig und labil. Jederzeit abrufbar lauern Rassismus und Antisemitismus knapp unter der Oberfläche. Auch während der WM brachen sie immer wieder hervor, was die Medien freilich verschwiegen, um die Imagekampagne für „Deutschland“ nicht zu beschädigen. Die Abgrenzung gegenüber „dem Islam“ gehört ohnehin zum Kernbestand des modernisierten Nationalismus. Denn schließlich braucht er das projektive Gegenbild eines „rückständigen“ und „unaufgeklärten“ Anderen, um sich selbst als „weltoffen“ und liberal gerieren zu können. Insofern ist der „Patriotismus“ absolut kompatibel mit der gleichzeitigen Stimmungsmache für einen „Kampf der Kulturen“, in dem „das Abendland“ seine „Werte“ gegen die totalitäre Bedrohung des Islam zu verteidigen habe.

Der modernisierte Nationalismus ist dabei in der Lage, die unterschiedlichsten Feindbilder zu kombinieren. In dieser Hinsicht ist er ganz ein Produkt der Postmoderne. Islamophobie geht sehr wohl zusammen mit Antiamerikanismus und Antisemitismus und die rassistische Abschottungspolitik der EU mit ethno-nationalistischen Konflikten innerhalb Europas. Es ist genau diese Flexibilität, die den modernisierten Nationalismus als Verarbeitungsideologie des laufenden Krisenprozesses so attraktiv macht. Wo die Rückkehr in den funktionierenden Nationalstaat versperrt ist und zugleich die Spielräume in der Weltmarktkonkurrenz immer enger werden, kann Nationalismus nur noch als hybrides Konstrukt existieren, das die unterschiedlichsten und scheinbar unvereinbaren Elemente in sich vereint. Gerade darin liegt seine Unheimlichkeit und seine Gefährlichkeit. Denn in seiner Dynamik wird er vor allem von Stimmungen gesteuert, die schnell und unvorhersehbar umschlagen können. Insofern war die WM-Party nur die Kehrseite rassistischer Hetze und national-populistischer Mobilisierungen gegen „Heuschrecken“ und andere „Schmarotzer“ am Volksvermögen.