30.12.2006  Beitrag drucken

Grillen statt Heuschrecken

Zu „Das Lebensmittel“ von Wolf Lotter, brand eins 03/06*

von Andreas Exner

Weder stinkt Geld, noch kann man’s essen. Nichts tut es, schon gar nicht schaden. Dennoch geht ohne Geld nichts. So eben geht es zu im Kapitalismus. Gespenster hat dieser Spuk bisher noch alle überlebt.

I. Tiere

Nicht nur Bullen und Bären tummeln sich in der New Economy. Wir treffen dort auch auf anderes Getier. Von einer Sorte, die wir freilich nicht erwartet hätten. So wies unlängst Chefentomologe Müntefering Vertreter der Ordnung Caelifera in entlegenen Börsenbiotopen nach. Aus Sicht des Biologen lassen seine Angaben durchaus zu wünschen übrig. Nur vermuten können wir, es handle sich um Locusta migratoria. Den Laien unter uns wird Locusta eventuell als „Wanderheuschrecke“ schon im TV begegnet sein. Andererseits entnehmen wir der „Systematischen Zoologie“ von Storch und Welsch, dass „bei manchen Wanderheuschrecken ein ziemlich regelmäßiger Hin- und Rückflug zwischen bestimmten Gebieten nachgewiesen“ ist, es sich also auch um Schistocera gregaria handeln könnte. Dagegen spricht vielleicht, dass Locusta bis Mitteleuropa vordringt, während sich Schistocera mit Afrika begnügt. Doch lässt die Börse sich so einfach lokalisieren? Müntefering lässt uns über die genauen Merkmale seiner Spezies und ihres Habitats im Dunkeln. Interessant scheint uns bei dieser Art freilich schon die Art des Interesses selbst; überhaupt legt der Sozialismus neuerdings besonderes Augenmerk auf das Insekt. So unterhält bekanntlich auch die IG-Metall, nicht bloß an Metall interessiert, eine zoologische Abteilung. Im Mai 2005 erst sichtete sie US-amerikanische Culicidae, allseits bekannt als „Stechmücken“, die im Nadelstreif, mit Stars und Stripes am Hut, goldenen Zahns frech grinsend Luftangriffe gegen deutsche Fabriken flogen. Das kam bekannt vor, das kam an. Da ging den Lesern reihenweis‘ ein Lichtchen auf.

Der historische Vergleich enthüllt in diesem Fall übrigens eine bemerkenswerte evolutive Rückentwicklung. Bevölkerte doch Marx die Börse mitunter noch mit Exemplaren aus der Gruppe der Canidae, Gattung Canis, vulgo: Wölfen. Selbst heute lässt manche das Kapital nicht an Insekten, sondern vielmehr an Säugetiere, namentlich an scheue Rehe denken. Wiewohl, nach Haien dünkt es wieder andere. Rehe wie Haie, sie jedenfalls sind’s, so die allgemeine Überzeugung, die für das Wohl des großen Ganzen sorgen, gleich den Bienen von Monsieur Mandeville; man erinnere sich: 1714 verglich er die Gesellschaft mit einem Stock voll Bienen, aus deren „privaten Lastern“ Monsieur „öffentliche Vorteile“ entspringen sah. Freunde der IG dachten in diesem Zusammenhang und bei Gelegenheit hinwiederum an Kühe. Gemolken werden sollen sie können – so ihr Credo.

Wie auch immer. Dieser Tiergarten ist, in der Tat, von besonderer Art. Mit rechten Dingen geht es offenbar nicht ganz zu, wollen wir folgendem Bericht denn Glauben schenken: „Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren, die gruppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u.s.w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs“. Man möge die etwas eigenartige Schreibweise nachsehen. Das war so üblich anno 1867 – den geneigten Lesern als Datum der Ersterscheinung von Marxens Kapital bekannt. Eben davon war übrigens soeben und dortselbst die Rede, wenn es heißt: „das Thier“. Genauer und unter uns und etwas später noch ausführlicher gesagt: vom Geld, als Verkörperung des Werts.

II. Grillen

Was hat es damit auf sich? Anstatt ganz nüchtern über das Nüchternste der Welt zu sprechen – so viele hat es schon ernüchtert -, sehen wir uns unversehens in einen Zoo versetzt. Alle möglichen Wesen, Heuschrecken, Mücken, Wölfe, Haie, Rehe treiben da ein Unwesen, mit Kühen und Bienen im Verein. Die Bullen und Bären nicht zu vergessen. Und dann noch sogar: „das Thier“. Unsinn aber auch! Schon mal was gehört von Wissenschaft? Wo sind die Formeln? Wo die Funktionen von Angebot und Nachfrage? Wo ist all das, was unseren Sinn für Sinn und Ordnung zu erfreuen vermag? Hat es nicht Marx selbst gesagt? – Ab nun seien, anstelle mysteriösen Quarks, „die Menschen endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“. Das war 1848, wohlgemerkt. Was geschah in den Jahren, die da folgten? Wohin ist die Nüchternheit verschwunden? Wolf Lotter hat ja, Sie erinnern sich, gerade sie – diese Nüchternheit – ins Treffen geführt. Als eine treffliche Beschreibung für das Kapital. 1848 hatte auch Marx nur „nüchterne Augen“ und nichts als Nüchternheit gesehen. 1867 ist davon keine Rede mehr. Stattdessen wimmelt es von Tieren. Wie das?

Offenbar hat Marx ein wenig zu tief in die Ware geguckt. Das kann passieren. Er guckt und guckt, und je länger er hinsieht, desto komischer sieht die Ware zu ihm zurück. Ein „triviales Ding“ sei sie. Auf den „ersten Blick“, schränkt er gleich ein. Fürwahr: Geld hin, Ware her. Kommt Ihnen bekannt vor, nicht? – mir auch. Im nächsten Satz aber schimpft er sie schon ein „vertracktes Ding“, mit „theologischen Mucken“ obendrein. Davon hat im Supermarkt noch nie wer was gesagt. „Die Form des Holzes wird z.B. verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding“ – soweit waren wir schon. „Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“ Hier sind dem Tier wir auf der Spur. Es entspringt als Grille aus einem Tisch – als Ware.

III. Schafskopf

Mit dem Kapital ist es so eine Sache. Viel wird darüber geredet. Doch je mehr das geschieht, desto undurchsichtiger wird es. Das Kapital gebe es schon, seit es Menschen gibt, so hören wir etwa sagen. Es entschwindet uns geradezu im dunklen Nebel undenklich lang vergangener Zeiten. Warum dann aber noch von Kapitalismus sprechen? Ist das Kapital ein Spross kampanischer Schafweiden, leitet es sich her von Schafsköpfen und Schafhirten, wie Wolf Lotter sie beschreibt? Sicherlich, am Wortursprung steht das lateinische caput, also sozusagen der „Schafskopf“. Wäre das aber schon die ganze Geschichte, so wäre der Begriff „Schafsökonomie“ nicht nur anschaulich, sondern logisch durchaus adäquat. Mit der „Ökonomie des Schafs“ jedoch ist gerade soviel erklärt wie mit einer Ökonomie der Heuschrecken oder Mücken; mag es in der Ökonomie auch tatsächlich Schafe geben – auf die schwarzen werden wir noch zu sprechen kommen – und mag sich dort wirklich auch so mancher Schafskopf tummeln (ganz zu schweigen vom Marxschen „Schaf von Ökonom“).

Aber bleiben wir vorerst auf der Weide. Versetzen wir dem Beispiel zuliebe auch das Kapital dorthin. Wolf Lotter sieht dementsprechend die kapitalen Hirten in „nützliche Innovationen“ investieren – „zum Beispiel einen Schäferhund“. Gehen wir davon aus, dass unseren Hirten-Managern, ihrem frühen geschichtlichen Alter zum Trotz, Risikostreuung kein Fremdwort war. Sie wollten ihr Schafskopf-Portfolio diversifizieren und investierten nicht allein in Schäferhunde, sondern auch in Schäferstöcke. Ein simpler Vorgang. Und doch stehen wir alsbald vor einem Rätsel. Kapital? Kapital! Das ist ein- und dasselbe Wort für Ein- und Dasselbe. Wollen wir jedenfalls annehmen. Aber es tritt zugleich auf in drei verschiedenen Gestalten: Hund, Kopf und Stock. Das Kapital ist wunderlich. Doch halten wir uns fest an der, an die Gegenwart. Wie war das mit dem Kapital nochmal? Kapital teilt sich in Human-, Geld- und Sachkapital. In jedem Ökonomielehrbuch steht’s so geschrieben. Ja seltsam, auch hier eine Dreieinigkeit von Grundverschiedenem. Genauer betrachtet findet sich beinah die ganze Welt vereint in jenem Wort „Kapital“: Frau Müller, ihres Zeichens Personal Manager und Herr Maier, Dreher; „10.000 Euro“, kunstvoll geschrieben auf Papier, ein kleines Stück Metall mit Aufdruck „5 Cent“; ein Traktor, ein Software-Programm der Marke Microsoft, eine Fuhre Holz; Würstchen und Bier, die einen Trupp Arbeiter einen Vormittag lang nähren; ein Hochhaus in New York, eine Schuhfabrik in Bangladesh, Autowerke irgendwo in Deutschland, Maschinen aller Art, ein Buch, das zeigt, wie’s geht; die Landschaft, die unserem weiten Blick sich breitet – Naturkapital!

Das Wunderlichste am Kapital aber ist, dass es wächst. Nicht alles, was wächst, ist hingegen Kapital (meine Tomatenstauden z.B. nicht; aber ich gebe zu, sie könnten besser wachsen). Mithin kann der Umstand, dass „Etwas“ wächst, das Kapital nicht erklären. Was also ist dieses „Etwas“ namens Kapital? Ein Ding, das wächst und das zugleich in allen Dingen ist. Klingt schwer nach Metaphysik; Kirchen, Weihrauch, Priester und der ganze Kram. Sie wissen schon, was ich meine. Starker Tobak, in der Tat. Wie war das mit den „nüchternen Augen“? Kapital, wohin wir blicken? Die Grille, wir erinnern uns, lässt grüßen…

IV. Schafskopf x 2

Den historischen Quellen ist es zu entnehmen, das Kapital hat in der Tat etwas mit dem Schaf zu tun. Im Kampanien alter Zeit formte es womöglich seinen Wortlaut. In England freilich war’s, nur ein paar hundert Jahre später, dass das Schaf den Mensch zu formen antrat. Eine Redensart der Zeitgenossen damals weist uns darauf hin. „Schafe fressen Menschen“, hieß es da. Schafs- und Menschenköpfe vertrugen sich nämlich nur bedingt. Doch diese Zeiten waren schon einige Zeit danach vergessen. Gras wuchs über die Sache, Fabriken wuchsen auf den Weiden. Statt Schafsköpfen zählten nunmehr Menschenhände. Das Kapital hingegen schien alsbald so natürlich wie ein Schafskopf. Dieser Schein ist schön, doch trügt er.

Joseph Schumpeter kaute sich daran die Zähne platt. Was hatte der zu leiden! In seiner „Geschichte der ökonomischen Analyse“ stellt er fest: „Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Ansichten über das Geld ebenso schwer zu beschreiben sind wie wandernde Wolken.“ Allerdings, da hat er Recht. Dumm nur ist, dass Schumpeter die Aufgabe der Geldtheorie gerade darin sieht, die „logische Quelle“ des Geldes zu ermitteln. Explizit warnt er davor, den „historischen Ursprung“ des Geldes zu verwechseln mit seinem „Wesen bzw. seiner Logik“. In der Geschichte also finden wir nach Schumpeter keinen Halt. Und tatsächlich: Um eine Geschichte des Geldes schreiben zu können, um in der Geschichte nach den Wurzeln des Geldes fahnden zu können, dazu müssten wir ja bereits wissen, was wir denn beschreiben und wonach wir fahnden sollen, was also Geld eigentlich ist. Andersrum wär’s nämlich so, als würde jemand fragen: „Wer war der Dieb?“ und meine Antwort lautete: „Haltet ihn!“

Also: zuerst Steckbrief, dann Fahndung. Das gilt auch für das Geld, und ebenso gilt es für das Kapital. Die Sache wird noch durch die Frage kompliziert, was Kapital von Geld unterscheidet. Schumpeter hat sich auch über das Kapital den Kopf zerbrochen. Am Ende seiner Überlegungen will er einen „Januskopf des nichtmonetären Kapitals“ erblicken, einen Doppelkopf also, so eine Art Dr. Jekyll & Mr. Hyde. Das „Real-Kapital“ soll einen solchen Januskopf besitzen, da es „auf der einen Seite Wert (…) und auf der anderen Seite physische Güter darstellt“, wobei die „Kapitalkosten (…) in den Wertbegriff eingehen, nicht aber in den physischen Kapitalbegriff“. Nun wird’s aber wirklich schräg. Kein Wunder, dass Schumpeter sich im „Niemandsland des Zweifels“ wähnt, wie er schreibt, und zu seinen eigenen Erklärungen, was Geld und Kapital denn eigentlich seien, notiert: „All diese Erklärungen reichen bei weitem nicht aus und werden den tiefgründigen Problemen, die wir hier“ – in der „Geschichte der ökonomischen Analyse“ nämlich – „nur oberflächlich streifen, in keiner Weise gerecht.“ Schumpeter ist nicht zu beneiden. Es geht ihm wie Marx. Er hat zuviel ins Kapital geguckt. Er guckt und guckt, und das Kapital guckt ihm zurück. Zwei Schafsköpfe aus einem Hals, „Wert“ auf der einen, „physisches Gut“ auf der anderen Seite.

Mit dem Wert sind wir auf eine Spur gebracht. Der ist bis jetzt nicht vorgekommen. Kann der uns weiter helfen? Wir ringen mit den Händen. Geld, Kapital, Ware – ein Kreuzworträtsel ist dagegen ein Spaziergang. Wir hören ja schon die Grillen zirpen! Gleich tanzen uns Schafe vor den Augen! Wohin ist uns die Realwirtschaft entschwunden? Da hatten wir es noch mit unseren Händen und mit Software-Programmen zu tun und mit Traktoren und mit guten Ideen für neue Märkte. Und jetzt? Glücklich, wer Reales hier zu fassen kriegt und sich von der „gespenstigen Gegenständlichkeit“ (Karl Marx) des Werts nicht gleich ins Bockshorn jagen lässt.

V. Werte? Wert!

Wirtschaft schafft Werte. Bis vor kurzem schien das einleuchtend. Aber wir haben begonnen, in die Ware hineinzugucken, und ins Geld, und auch ins Kapital. Sie alle gucken nun zurück. Fragezeichen über Fragezeichen. Da kann die Wirtschaft nicht ganz unbehelligt bleiben. Und der Wert schon gar nicht. Also wagen wir noch einen Blick. Gucken wir ein wenig auf den Wert. Huch und Herrje – auch hier ein Januskopf! Was ist denn das nun wieder? Aber langsam.

Wert hat offenbar mit Wirtschaft viel zu tun. Soviel steht fest. Wir können ganze Seiten füllen unter diesem Stichwort: Wertzuwachs, Wertschöpfung und eine darauf bezogene Abgabe, Wertverlust und -berichtigung, Wertsteigerung, Wertanlage, Verwertung, Wertsicherung, Aktien-, Unternehmens- und Geldwert, Marktwert, die Mehrwertsteuer nicht zu vergessen; auch Adjektive gibt es in Fülle: wertbeständig, wertvoll, wertlos, verwertbar usw. Stellen Sie sich nun vor ein Gespräch beim Chef, der spricht: „Herr Y, Frau X, ich möchte Ihnen meine Wertschätzung aussprechen“. Und dann stellen Sie sich vor eine Bilanz, der wir entnehmen, dass unsere Vermögenswerte sich erhöhen, worunter wir nicht verstehen wollen, dass irgendwo ein Hochhaus höher wird, zwecks besserer Aussicht, sondern dass sich der Wert unseres Vermögens erhöht. Beides ein Anlass zur Freude, in der Tat, jedoch der Wert ist jeweils von ganz anderer Sorte.

Das ist der Unterschied zwischen Nutzen und Ökonomie. Was, Sie haben bis jetzt gedacht, das wäre eigentlich das Gleiche? So in der Art von: je ökonomischer, desto Nutzen? Ich weiß, ich weiß, von den Kathedern tönt es, und auch in den gelehrten Büchern lesen wir vom „Individuum“, das „seinen individuellen Nutzen maximiert“ mittels Ökonomie. Nun ja, nehmen wir das unter unsere Lupe. Keine Angst, Sie werden staunen.

Das mit dem Nutzen ist nämlich so eine Sache. Sicherlich nützen uns das Brot in der Dose und das Buch im Regal. Wir haben es ehrlich gekauft. In diesem Sinn hat der Nutzen wohl zu tun mit Wirtschaft. Aber hat Wirtschaft deshalb auch zu tun mit Nutzen? Wechseln wir den Standpunkt (der durchaus unser eigener bleiben mag, doch mit einer anderen Blickrichtung). Brot- und Buchproduzent haben von ihren Waren wenig Nutzen. Nicht in der rohen Menge, die sie herstellen. Ist Buchproduzent A, wenn schon nicht Illiterat, so doch z.B. Literaturbanause, und Brotproduzent B Mehlallergiker, tendiert ihr Nutzen sogar gegen Null. Dies gilt im übrigen für die Arbeiter ebenso wie für die Unternehmer. Ein Betrieb produziert, was seine Betreiber gerade nicht benötigen, für sie nutzlos ist. Ansonsten würden sie ihre Produkte ja nicht tauschen wollen und auch nicht tauschen können. Aber – großes ABER: sie beide, A ebenso wie B, machen Geld. Klare Sache, sagen Sie. Wo aber ist der Nutzen einer Menge Geld? Na, um etwas einzukaufen, höre ich die Antwort und sehe, wie Sie den Kopf ob dieser Frage schütteln. Im Kapitalismus gibt es eben keine Handlungsmöglichkeiten ohne Handel.

Soweit, so gut. Doch hier müssen wir schon noch ein wenig näher hinsehen. Was wird denn da gekauft und zu welchem Zweck? Geld für den bloßen Einkauf ist kein Kapital. Ansonsten wäre der Obdachlose von nebenan Kapitalist. Aber bleiben wir beim Unternehmer. Fall 1, schlechter Unternehmer: kauft Yachten, Häuser, Krimskrams. Profit weg, Kapital weg, Unternehmer weg. Fall 2, guter Unternehmer: kauft – ja was? Erraten: Maschinen, Werbefachleute, Produktentwickler, Finanzjongleure usw. Deren konkreter Nutzen ist für den Unternehmer als Mensch im Grunde Null. Jedenfalls erwirbt er sie nicht aus diesem Grund. Aber aus seinem Geld ist Kapital geworden, Geld, das sich vermehrt. Das liegt in der Natur des Geldes, nicht in der des Unternehmers. Geld kann man eben nicht essen und nicht trinken. Auch als Schmuck oder Klopapier ist es nicht gut geeignet. Vielleicht kann man damit seine Wohnung tapezieren, aber an sich (als Geld) befriedigt Geld kein konkretes Bedürfnis.

Limo löscht Durst, Mensch will Limo. Geld hingegen will bloß sich selbst. Der Hunger nach Geld ist rein abstrakt. Auch das beste Menü lässt diesen Hunger unberührt. Wenn Sie die Speisekarte anschauen, bestellen Sie das, was auf der linken Seite steht, nicht das auf der rechten. Genau deshalb ist dieser spezielle Hunger maßlos, rastlos, endlos. Geld unterscheidet sich von sich selbst ja nur der Menge nach. Aus eben diesem Grund wird aus Geld Kapital – Wert, der sich verwertet; Geld, das sich vermehrt; „das Tier“ wirft Junge. Der Hunger nach Geld ist maßlos: denn an sich selbst findet Geld kein Maß. Warum soll ein Gewinn von 10% ausreichen, wenn auch einer von 10,5% möglich wäre. Rastlos ist dieser Hunger noch dazu: Er ist, anders als der Hunger unserer Sinne, durch nichts und niemanden und niemals zu stillen. Warum auch soll ein Unternehmen z.B. nur alle fünf Jahre Gewinn machen wollen. Und schließlich ist dieser Hunger endlos: An sich selbst findet Geld keine Grenze. Warum soll ein Kapital von 1 Million e ausreichen, wenn wir es auf 1 Million e und 2 Cent erhöhen können …und so weiter.

Sie werden stocken und die Stirne runzeln. Das ist ja Geld-Geld-Wirtschaft! Das ist doch nicht unser Ding, werden Sie entgegnen, wir wollen aus Geld Ware machen, Geld-Ware-Wirtschaft treiben! Das mag durchaus so sein. Es mag Sie ehren. Wenn jedoch aus Geld zwar Ware wird, aus Ware aber nicht auch Geld, vermehrt um den Gewinn, so wird das nicht recht lange gut gehen. Von Verlusten einmal ganz zu schweigen. So schöpferisch ein Unternehmer auch zerstört, was er dabei nicht zerstören darf, ist sein Gewinn. Ansonsten würde er zugleich seine Schöpferkraft kastrieren. Gerade der Gewinn zeigt ihm, was gut ist und was nicht. Die Leute schicken ja keine Briefe mit ausgesuchten Worten, wie toll doch Limo Y schmeckt, wie schnittig Auto X flitzt. Nee – sie kaufen. Oder nicht. Der Gewinn ist Steuerinstanz des betrieblichen Autopiloten. Gewinn ist Zuckerbrot und Peitsche.

VI. Monetary Management of Diversity

„Werte sind in der Realität schwer zu beschreiben“, schreibt Wolf Lotter, „weil sie vielfältig sind“. Werte, die konkrete Nützlichkeiten meinen, sind in der Tat so vielfältig wie die weite Welt. Mit dem Geld gehen die aber vielfach schlecht zusammen. Dieses verkörpert nämlich nur einen einzigen Wert. Um ihn dreht sich die Ökonomie. Afrika etwa hätte großen Nutzen von Ernährung. Die wäre dort richtig wertvoll. Irgendwie scheint jedoch der Wert in Geld nicht ganz mit klar zu kommen. Ansonsten wär`s wohl anders. Bekanntlich kümmert sich das Kapital darum, dass Geld nicht verkümmert.

„Geld hat den Vorteil, dass es auf einen Nenner gebracht werden kann, es ist ein einheitlicher Messwert“, meint Wolf Lotter – „Ein Dollar ist nichts weiter als ein Grad Celsius oder ein Meter. Messwerte dienen der Quantifizierung, der Bestimmung einer Menge.“ Was Messung und Messwerte angeht, hat Wolf Lotter Recht. Aber hat er Recht, was das Geld betrifft? Irgendwie überzeugt das nicht. Das fängt schon an bei der Beziehungskiste von Geld und Ware. Die Waren könnten bekanntlich verschiedener nicht sein. Das Reich der Ware reicht von Brot, Büchern und Geburtstagstorten über Atombomben bis hin zu Sexspielzeug und Operettenmelodien; Pudelfrisuren nicht zu vergessen. Das Geld hingegen ist immer bloß das eine: Geld. Zu sagen, es könne auf einen Nenner gebracht werden, verfehlt den Sachverhalt. Im Grunde ist es gar nichts anderes als ein Nenner. Ganz anders jedoch die Waren. Sie auf einen Nenner zu bringen ist schlicht nicht möglich. Genau das aber tun wir tagaus tagein. Bei jedem Kauf setzen wir Ware und Geld als Gleiche, z.B.: 1 Zeitung = 2 e oder 6 Eier (Bodenhaltung, frisch vom Bauern) = 3 e.

Wenn wir Ware mit Geld gleichsetzen, setzen wir auch alle einzelnen Waren untereinander gleich. Wir können sagen: Eine Zeitung ist so viel wert wie vier Eier. Was aber ist der Wert, der sowohl in Zeitung steckt als auch in Ei? Und auch im Geld? Der Nutzen kann’s nicht sein. Denn wer hätte für die unendliche Vielfalt konkreter Nützlichkeiten ein einheitliches „Nutzenmaß“, eine „Nutzenskala“ und ein „Nutzenmessgerät“ zu erfinden vermocht? Wer hätte je die „individuellen Nutzenschätzungen“, wovon die ökonomischen Schriften uns erzählen, beobachtet oder gar gemessen? Eine Zeitung beispielsweise lesen wir und blättern darin um, wollen erfahren, wie das Wetter wird, oder per vorgetäuschter Lektüre die schöne Dame vom Nebentisch beeindrucken, vielleicht aber interessieren wir uns nur für Sport oder französische Innenpolitik; ein Ei löffeln wir dagegen in uns hinein, entweder sind wir hungrig oder wir haben bloß ein wenig Appetit darauf; Geld wiederum tragen wir in der Börse oder auf die Börse oder wir verbuchen es am Konto. Aber nur, solange es was wert ist! Mist, wir haben uns im Kreis gedreht. Nein, Nutzen kann man nicht mit dem Geigerzähler messen. Und den Wert schon gar nicht. Wert ist Wert und Werte bleiben Werte. So bleibt das Rätsel nur ein Rätsel. Wolf Lotter hilft nicht weiter.

Gehen wir noch ein Stückchen weiter ins Detail. Wir wissen ja: Genau darin steckt der Teufel. Nehmen wir her Grad Celsius, die Maßeinheit der Temperatur. Diese ist von Grad Celsius verschieden, ebenso wie Temperatur und Celsius vom Messgerät namens Thermometer. Auch mit der Länge und ihrem Maß, dem Meter, verhält es sich auf diese Weise. In beiden Fällen haben wir es zu tun mit Dreierlei: einem physischen Gegenstand und seiner Eigenschaft (Temperatur, Länge), deren Maß und dem entsprechenden Messgerät. Wie aber verhält es sich mit dem Geld? Ein wenig seltsam, jedenfalls ganz anders. Es selbst stellt nämlich dar, was es misst und „misst“ es auch gleich selber. Heilige Dreifaltigkeit, wenn das kein Mysterium ist!

Der Vergleich des Geldes mit der Messung freilich – ob nun thermisch oder metrisch – hinkt nicht nur, es fehlt ihm glatt ein ganzes Bein. Der Nationalökonom Friedrich Gottl-Ottlilienfeld, ein Kollege von Joseph Schumpeter, raufte sich darüber etliche Haare und sprach, etwas unfreundlich – aber gut, er war genervt -, von den „Fabeleien von einer ,Wertmessung‘, (…) einem ,Wertmesserdienst‘ des Geldes“. „Wer soll da eigentlich messen, (…) und was in aller Welt soll da erst aus einer Messung hervorgehen“, fragt Friedrich und kommt zum Schluss: „Niemand misst und nichts wird gemessen“. Bekannt geworden ist sein Diktum: „Alle Messung kommt da längst zu spät, wo das Ausmaß gleich zahlenhaft geboren wird.“ Moderner ausgedrückt: im Supermarkt wird ein Kilo Äpfel zwar gewogen, doch mit Geld wird nicht sein Wert „gemessen“, sondern nur bezahlt. Außerhalb seines Geldausdrucks, abgesehen vom Preis also, existiert Wert überhaupt nicht. Ein Kilo Äpfel hingegen wiegt auch ohne Waage einen Kilo.

Halten wir mal einen Moment lang inne. Schhhh, leise! Hören Sie, wie die Grille zirpt? Marxens Tisch hat’s wahrlich in sich. Was hat es damit auf sich? Wir rufen uns ins Gedächtnis: „Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren, die gruppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u.s.w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs“. Das nämlich ist damit gesagt: dass neben den vielen verschiedenen Wertdingen in Warengestalt (Löwen, Tiger usw.) zusätzlich noch der Wert schlechthin existiert, nachgerade absoluter Wert. Und zwar im Geld.

VII. Wer ist hier blöd?

Kapitalismus ist zwar nicht gerade der Inbegriff von Nüchternheit. Auch real ist an dieser Wirtschaft nichts so wirklich wirklich. Zu unserem Bedauern war dies bereits festzustellen. Dennoch tut es mitunter gut, ihn ganz und gar mit nüchternen Augen anzusehen. Lassen wir einmal all das beiseite, was Kapitalismus in unseren Augen sein soll, nicht sein darf, niemals war oder gewesen sein kann, nicht wirklich ist, jedenfalls anderes sein könnte. Vergessen wir den Dusel „Ideologie“. Schauen wir einfach einmal hin. Und nichts weiter. Sicherlich, das Zocken würden wir gern ins Kasino bannen. Doch wo steht geschrieben, dass Geld der Ware dient, zum Wohle aller Wesen? Geld kauft alles. That’s it. König ist objektiv das Geld, die Ware Pöbel. Deshalb ist der Kunde König, nicht aber der Bettler. Reich machen jedenfalls keine vollen Warenlager. Reich ist, wer volle Konten hat. Wer auf seinen Waren namens Hyundai, Nike, Sony, Chiquita or whatever sitzen bleibt, ist arm, nicht reich. Wer Bedürfnisse befriedigt ohne Geld zu machen, ist vielleicht Franz von Assisi oder ein guter Kumpel, schwerlich aber Unternehmer.

Blöd wär‘ so betrachtet, wer Geld zum Fenster rauswirft anstatt danach zu trachten, dass es mehr wird. Kein Unternehmer produziert gern auf Halde. Es geht vielmehr darum, möglichst viel Ware gegen Geld zu tauschen, das wieder investiert wird. Aber Geld ist ebenfalls eine Ware. Und das mit Fug und Recht. Arbeitskraft ist eine Ware; warum also nicht auch das Geld? Geld als Ware wird verkauft als Kapital, das heißt: Geld, das Geld machen soll. Mal geht das besser mit der Produktion von Waren; ein andern Mal aber mittels Spekulation. Irgendwie eine Binsenweisheit. Überhaupt: Die Spekulation auf dem Finanzmarkt ist ein Fall des Normalfalls. Die schwarzen Schafe gehören zu den weißen wie das Sonderangebot zum Angebot und wie der Populist zur Politik. Schließlich kann niemand sicher sagen, eine Fabrik, ein Call-Center oder eine x-beliebige Bananen-Plantage oder Software-Bude würden auch Gewinn abwerfen. Und unter uns gesagt: Wer hätte sich oder jemanden aus der Verwandtschaft noch nicht dabei ertappt, mit dem Kauf von Schafwollpullis bis in den Februar zu warten. Macht ja nichts, ich werde Sie nicht verraten. Denn spekuliert wird immer. Geht gar nicht anders. Oder können Sie in die Zukunft sehen?

VIII. Welcome to the Fetish Club

Unseren Rundgang durch die kapitale Tierwelt haben wir nun fast beendet. Bleibt allerdings eine Frage offen. Was ist nun das Geld? Wir können uns die Antwort redlich schwer machen und viele Bücher lesen. Die Antwort kann aber auch ganz einfach sein: Es ist das Band, das uns zusammenhält, weil wir selbst nicht zusammenhalten. Sie können sich das vorstellen wie in der Geschichte mit Gottvater. Je kleiner wir uns fühlen, desto größer dünkt uns ER. Je weniger wir uns leiden können, desto mehr leidet ER für uns. Je weniger ein Mensch als Mensch gilt, desto mehr gilt dieser als Kind Gottes, DER uns alle eint (deshalb fanden nicht wenige Christen Ketzer unsympathisch).

Projektion nennt man das in der Psychologie. Das Patent darauf hat Sigmund Freud. Jeder rennt mit sowas rum. Zum Beispiel: Sie ärgern sich, doch ihr Über-Ich sagt: „Sei lieb!“. Den Ärger schlucken Sie also besser runter. Da treffen Sie einen lieben Freund. Irgendwie kriegen Sie was in die falsche Kehle und plötzlich platzt es raus: „Hey, was starrst Du mich so an?“ Sie haben projiziert. Jetzt haben Sie den Salat. Sie haben Ihr Gefühl scheinbar zum Gefühl eines anderen gemacht. Jetzt macht es mit Ihnen, was es will. So ähnlich ist das mit dem Geld. Wo Gesellschaft – frei nach Lady Thatcher – die Summe aller Egos ist, da muss das Summenzeichen eben ins Exil gehen. Von dort aus mischt es sich ganz kräftig ein in die Ego-Trips. Wenn wir den simplen Umstand, dass kein Mensch für sich lebt (schon gar nicht tut das ein Unternehmer), ignorieren, beginnt die Gesellschaft den Ignoranten eine Menge Umstände zu machen. Wenn Sie nach einer Eheschließung nichts mehr tun für die Beziehung, einen Vertrag zum Fetisch machen, ihn für das reale Leben halten und so tun, als könne der andere Ihnen getrost den Buckel runter rutschen, dann wird das in Stress, Streit und Scheidung enden.

Böse Menschen haben solchen Phänomenen das Etikett „Fetischismus“ drauf geklebt. Die europäischen Kolonialisten haben sich ja ziemlich lustig gemacht über Leute, die sie um Pfähle herum tanzen sahen, in der Hoffnung, Regen damit herbei zu zaubern. Solche Storys haben die jedenfalls erzählt (wer weiß schon, was sie wirklich sahen). Später lernte Sigmund Freud Typen kennen, die einen Damenschuh für eine Frau hielten. Fetischismus heißt, einer Sache eine Eigenschaft zuzuschreiben, die sie nicht hat – und die ganz toll zu finden. Es ist eine Art von Projektion. Im Fall der Pfähle unserer Kolonialisten handelt es sich um eine von der kollektiven Sorte. Schwer waren die guten Christen vor den Kopf gestoßen, als die Leute, die sie auf karibischen Inseln trafen, das Gold für den Fetisch der Spanier hielten. Die Spanier glaubten sich nämlich frei von Fetischismus. Das Wort hatten sie doch dafür reserviert, die Verwirrung der armen Heiden im Unterschied zu ihrem nüchternen Gottglauben zu bezeichnen. Tja, Ironie der Geschichte.

Aber vielleicht können wir daraus etwas lernen. In gewissem Sinn ist Geld ja ein weit „realerer Fetisch“ als Pfahl und Regentanz der Heiden in der kolonialen Saga. Während der Fetisch „Pfahl“ für all jene sofort zum ordinärsten Holz mutiert, die sich erfrechen, den Regentanz für ausgemachten Humbug anzusehen, wird aus dem Ikea-Möbel noch lange kein normaler Tisch, nur weil Marx ihm Grillen aus der Lade zieht. Nichts tut die Weltanschauung hier zur Sache, wenn wir im Kaufhaus einem Tisch begegnen. Bezahlt muss werden. Voilá c’est tout. Er scheint Wert genauso darzustellen, wie es seine Eigenschaft ist, ein Tisch zu sein mit allen Kanten und vier Füßen. Im Unterschied zu seiner kantigen Natur aber hat er Wert nur im Verhältnis zu – sagen wir: einem Stuhl (Sie können aber auch Katzenfutter dafür nehmen oder Blumenerde; oder, wie in der Wirklichkeit, Geld, das den puren Wert verkörpert). X Tisch ist Y Stuhl wert (oder so und soviel Euro). „X Tisch ist wert“ geht nicht. Das eben meint Marx mit „Grillen“ und mit der „gespenstigen Gegenständlichkeit“ des Werts. Wo wir ihn an einer Ware fassen wollen, entschwindet er uns auf der Stelle.

Wir fühlen uns versetzt in ein Theaterstück. Möbel tanzen auf der Bühne. Wir schauen zu. Wir wissen, der Wert muss irgendwie mit uns zu tun haben. Doch springen Tisch und Stuhl miteinander um, als wäre ihnen der Wert ins Holz gewachsen. Das Stück kennen Sie bereits von irgendwo? Wundert mich nicht. Gucken Sie nur in die Börsennachrichten. Ein Blick in eine ganz normale Unternehmensleitung allerdings tut’s auch. Oder schauen Sie sich beim nächsten Einkauf über die Schulter.

IX. Heilige Kühe, imaginäre Blumen

Die Grillen hüpfen von der Ware hinein ins Geld. Geld verkörpert Wert schlechthin. Alle Waren, alle Wertdinge tauschen sich gegen Geld, nicht weil’s dann leichter geht, sondern weil’s anders gar nicht geht. Das Warenuniversum ist die ganze Welt in ihrer Vielfalt, wie sie der eine kapitale Gott erschaffen hat. Analogien fallen uns nun nicht mehr schwer, geübt in Metaphysik, wie wir nun sind. Gott Geld ist aus seinem Sohn Ware heraus geschlüpft und auf den Thron gestiegen – Pardon: in den Himmel des Finanzkapitals aufgefahren. Beide sind sie beseelt von Geist Wert. Eine spezielle Priesterschaft befasst sich damit, ihn von einer Ware in die andere zu tun und dabei noch tunlichst zu vermehren. Sie müssen die Ware dazu dem Markt darbringen, und Gott Geld spricht bei guter Laune seinen Segen. Die Grillen springen vom Geld weiter bis zum Kapital. Auf dass die ganze Welt in seinem Glanz erstrahle. Manch Bischof hält sich allerdings von derlei irdischer Befleckung fern und sucht derweil die reine Transzendenz im Geist, der Shareholder-Value ist sein Bekenntnis. Sonntags heißt es dann für alle: Lasset uns beten, auf dass die Wettbewerbsfähigkeit garantiert und der Markt unserem Standort gnädig sei. Auf den Wirtschaftsseiten lesen wir die Woche drauf allenthalben: der Jahreswert der Produktion, er wächst. Hallelujah.

Mit Entwicklung hat dies übrigens nichts zu tun. Wir kennen das von unseren Tomatenstauden am Balkon. Entwicklung ist, wenn sie rote, runde Früchte kriegen. Wachstum ist, wenn sie große grüne Triebe treiben (die nach einem Monat umkippen, weil wir zuviel Dünger in den Topf gestreut haben). Im Fall der Tomaten wollen wir rote runde Früchte. Im Fall der Wirtschaft wollen wir große grüne Triebe. Keine Tomate wächst in den Himmel, wie wir wissen (glücklicherweise, denn der Balkon hat oben eine Decke). Wirtschaft allerdings will genau das. Warum das so ist, das verstehen wir jetzt besser. Hat irgendwie zu tun mit Grillen. Aber vielleicht sollten wir ja bloß ein paar heilige Kühe schlachten. Noch ein bischen Poesie gefällig? Also Marx auf ein Letztes, ganz nüchtern diesmal: „Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern…“ …lassen wir einfach unsere Innovationskraft spielen.

* Der Text von Wolf Lotter ist abrufbar unter: http://www.brandeins.de Zum Hintergrund: Am 23. Juni 2006 luden der Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung (VÖGB) und die Arbeiterkammer Wien (AK) zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Ist das Andere noch möglich?“. Es handelte sich dabei um das 23. „Gesellschaftspolitische Diskussionsforum“. Der Einladungstext lobte Wolf Lotter, Redakteur des liberalen Wirtschaftsblattes brand eins, in den höchsten Tönen. Lotter hielt das Eröffnungsreferat zur Frage „Neue Navigation. Wie bestimmt man den Kurs?“, Dwora Stein (Bundesgeschäftsführerin der GPA und Vizepräsidentin der AK Wien) das Schluss-Statement zu den „Zukunftsperspektiven der ArbeitnehmerInnenvertretung“.

Andreas Exner ist Redakteur der Streifzüge (http://www.streifzuege.org) und Mit-Herausgeber von Exner u.a., in Kooperation mit Attac (Hg.): „Losarbeiten-Arbeitslos? Globalisierungskritik und die Krise der Arbeitsgesellschaft“, erschienen im Unrast-Verlag.