31.12.2006  Beitrag drucken

Krisis 30 – Editorial



Im Frühjahr 2006 kletterten die Börsenindizes auf seit dem Crash der „New Economy“ nicht mehr erreichte Stände. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverdächtigen Gewinne ausgewiesen hätte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren überschäumenden Erwartungen auf einen neuen kapitalistischen Frühling wieder? Aus der Perspektive der Anlageberatung mag diese Frage berechtigt erscheinen, was die gesamtgesellschaftliche Großwetterlage angeht, mutet sie dagegen absurd an. Von einer Wiederkehr jener Don’t-worry-be-happy-Stimmung, die in den „Roaring Eighties“ den Boom begleitete, kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Metropolenländern predigt der Zeitgeist stattdessen „Blut, Schweiß und Tränen“.

Die Verwerfungen, die mit der Durchsetzung des totalen Marktes im planetaren Maßstab einhergehen, werden heute anders verarbeitet als vor zwanzig oder fünfzehn Jahren. Eine Veränderung ist offensichtlich: Die nonchalante Behauptung, es gäbe überhaupt keine einschneidenden gesellschaftlichen Probleme, sondern höchstens vorübergehende und vernachlässigbare Kollateralschäden, deren Behebung getrost der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen werden könne, ist aus der Mode gekommen. Statt der schieren Krisenleugnung prägt heute der erbitterte Streit darüber, wer die Verantwortung für die Misere trägt, das gesellschaftliche Klima. Dieser Umschwung hat indes weder der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass die warengesellschaftlichen Basisformen obsolet geworden sind, noch ist die öffentliche Debatte auch nur um einen Deut unideologischer geworden. Lediglich die Methoden der Legitimationsproduktion haben sich den neuen Umständen angepasst. Unter der Hegemonie des Neoliberalismus beherrschte die Sachzwangideologie das Feld, mittlerweile ist sie von der gnadenlosen Personalisierung der diversen Krisensymptome in den Hintergrund gedrängt worden. Ob die Ursachen der Arbeitslosigkeit nun bei den „Nieten in Nadelstreifen“ gesucht werden, beim „Anspruchsdenken der Arbeitslosen“, der „Selbstsucht der Politiker“, einer „schwerfälligen und investitionsfeindlichen Bürokratie“ oder „bornierten Gewerkschaftern“; all diese konkurrierenden „Erklärungen“ eskamotieren die strukturelle Krise der Arbeit nach dem gleichen Grundmuster: Die Missstände werden letztinstanzlich auf den Missbrauch der glorreichen warenförmigen Ordnung durch einen abgrenzbaren Kreis von Akteuren zurückgeführt. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden „vereigenschaftet“ und verschwinden hinter den miesen Machenschaften bestimmter sozialer Gruppen. Der Streit dreht sich lediglich darum, welche davon sich am meisten am Gemeinwohl versündigt hat. So sehr aber bei diesem Spiel der symbolische „Schwarze Peter“ die Runde macht, das praktische Endergebnis steht von vornherein fest. Zur Rettung der Standortgemeinschaft müssen sich die unglücklichen Arbeitskraftbesitzer und Sozialstaatsklienten einschränken.

Diese Personalisierung innerhalb des nationalen Rahmen wird ergänzt und überlagert durch eine wiedererstarkte antisemitische Grundstimmung, wie sie etwa Franz Müntefering mit seiner Polemik gegen die „Heuschrecken des Finanzkapitals“ im letzten Bundestagswahlkampf sattsam bedient hat. Hinzu kommt aber noch ein Weiteres. Je weniger die großen nationalökonomisch formierten Kollektive noch funktionieren, desto wichtiger wird die projektive Bestimmung externer Feinde, durch welche sich die Wertschöpfungsgemeinschaft flugs in eine Wertegemeinschaft verwandeln lässt. Das Irrationale und Destruktive der warengesellschaftlichen Weltordnung wird ideologisch eingebannt und praktisch entfesselt, indem es angeblich außerhalb der eigenen „Kultur“ stehenden Kollektivsubjekten zugeordnet und als deren spezielle Charaktereigenschaft behandelt wird. Freilich haben kulturalistische Zuschreibungen und Feindbilder für die Identitätsproduktion und die Organisation von Zugehörigkeit und Ausschluss auch schon in früheren Phasen warengesellschaftlicher Entwicklung eine Schlüsselrolle gespielt. Die Ethnisierungsprozesse gewinnen jedoch derzeit eine Virulenz, die alles in den Schatten stellt, was zumindest Europa in den letzten 60 Jahren gekannt hatte. Der von Huntington beschworene „Clash of Cultures“ wird zur self-fulfilling prophecy. Reichweite dieser Entwicklung und die genaue Frontstellungen sind noch gar nicht abzuschätzen. So viel deutet sich allerdings bereits an: Der alte autonome Klospruch „Nur Stämme werden überleben“, ist drauf und dran zu einem zentralen Motto der gesamten Weltgesellschaft aufzusteigen.

Bereits in den Reaktionen auf den Irakfeldzug der USA schien auf, wie sehr der Weltbürgerstandpunkt, zu dem die Mehrheitsgesellschaft nach dem Ende der Blockkonfrontation scheinbar endgültig gefunden hatte, im Bröckeln begriffen ist. Nicht nur hierzulande verschwamm die Kritik an dem aberwitzigen Militärunternehmen sofort mit einer Apologie des „alten Europas“. „Realpolitisch“ ging es nur um eine taktische Differenz zwischen den gesamtimperialen Mächten über die opportune Vorgehensweise im Nahen Osten. Diese wurde aber sofort mit einem mittlerweile allzeit abrufbaren kulturalistischen Deutungsraster unterlegt: der fiktiven Aufspaltung des Weltkapitalismus in eine gute „cisatlantische“ und eine gemeingefährliche „transatlantische“ Seite. Der Protest gegen die fatale Rolle der imperialen Vormacht bekam so eine gefährliche Schlagseite, indem er ein europäisches Gegenwesen zum „amerikanischen Unwesen“ konstruierte.

Besonders deutlich macht allerdings der Umgang mit der „islamischen Herausforderung“, wie gründlich durchweicht die Dämme inzwischen sind, die der großen Ethnisierungswelle bisher noch entgegenstehen. Die Konfrontation mit einer Ideologie, die statt dem Kapitalismus dem „Abendland“ den Krieg erklärt, nutzt „der Westen“ dazu, um seinerseits die warengesellschaftliche Krise zu einem externen Problem zu erklären. Nach dem Motto „Feindschaft verbindet“ erblüht hierzulande als Pendant zu den antiokzidentalistischen Strömungen in den islamischen Ländern ein neuer Antiorientalismus. In Frontstellung zur Imagination einer einheitlichen islamischen Kultur macht die Ideologie einer wehrhaften westlichen Wertegemeinschaft Karriere und schweißt identitätspolitisch zusammen, was ansonsten auseinanderstrebt. Ureigenste „Errungenschaften“ der westlichen Gesellschaft wie die zunehmende Gewalt an den Schulen werden so im Handumdrehen islamisiert.

Nicht, dass die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung und Meinungsmacher mit überschäumender Begeisterung in den heraufbeschworenen „Kampf der Kulturen“ ziehen würde; die Aussicht auf ein bisschen Weltbürgerkrieg weckt mehr Angst als Verzückung. In der Bemühung um Deeskalation erschallt momentan viel eher noch der Ruf nach einem „Dialog der Kulturen“. Aber gerade diese Wendung sagt eigentlich schon, wohin die Reise geht. Sie argumentiert nämlich bereits innerhalb des Huntingtonschen Bezugssystems, demzufolge die Weltgesellschaft in feste und klar abgegrenzte, kulturelle Entitäten zerfällt. Aus lebendigen Individuen mit unterschiedlicher Vorgeschichte und unterschiedlichen sozialen Hintergründen sind auf diese Weise Repräsentanten homogen gedachter kollektiver Identitätsblöcke geworden.

Der Kontrast zur Situation während des neoliberalen Honeymoons könnte kaum schärfer ausfallen. Der damals dominante Traum von der Verwandlung der Welt in eine planetare Spielwiese von Konkurrenzmonaden kannte nur Individuen, keine Gesellschaft und erst recht keine geschlossenen kulturellen Metasubjekte. Der vom Postmodernismus in den 1980er und 1990er Jahren propagierte Gedanke der Dekonstruktion fester Kollektividentitäten und des freien Spiels der kulturellen Bedeutungen fügte sich in diese allgemeine Grundstimmung ein. Im Zuge des verschärften Krisenprozesses kehrt sich diese Entwicklung jedoch um und es kommt zu einer Wiederkehr miteinander in Feindschaft liegender „imaginierter Gemeinschaften“ (Benedict Anderson). Den Aufstieg der Warengesellschaft begleitete die „Erfindung der Nation“, der „Völker“ und anderer „organischer“ Kollektivsubjekte; mit ihrem Absturz feiern solche imaginären „Wir-Identitäten“ in neuer Gestalt fröhliche Urständ. Dass es sich dabei um Konstrukte handelt, tut weder ihrem Erfolg noch ihrer verheerenden Wirkung Abbruch.

Die Geschichte der Warengesellschaft ist voller ideologischer Wechselfälle. Indes fallen die angesprochenen Entwicklungen keineswegs in die Rubrik kurzfristige Konjunkturen, sondern haben besonderen historischen Tiefgang. Mit der Krise der Warengesellschaft werden deren im Verlauf ihrer Aufstiegsgeschichte sichtbar und wirksam gewordene destruktive Potenzen sukzessive auf neue Weise virulent – auch solche, von denen man in den 1980er Jahren annahm, sie hätten sich erledigt. Während die natur- und reichtumszerstörende Kraft der Verwertungsrationalität eine bis dato unbekannte Wucht entfaltet, gewinnt gleichzeitig ihre vergessen geglaubte Rückseite eine neue Bedeutung für den weiteren Gang der Entwicklung. Mit der Wendung von der Krisenleugnung zur ideologischen Krisenerklärung und hin zu imaginären Gemeinschaften wie der Umma und der christlich-abendländischen Wertegemeinschaft deutet sich der Übergang in ein Zeitalter an, in dem der „Terror der Ökonomie“ und der Irrationalismus eine bedrohliche Verbindung eingehen. Die Renaissance des Kulturalismus, die Auferstehung des Antisemitismus und die Wiederkehr apokalyptischen Denkens, das bei der Erstinstallation der modernen Subjektivität in der frühen Neuzeit eine Schlüsselrolle spielte, sind Symptome dafür.

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Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass auch diese Ausgabe der krisis wieder um die Subjektkritik zentriert ist. Sie setzt damit den Schwerpunkt der vorangegangenen Nummer fort, stellt diesmal allerdings primär die Frage des Handelns und der gesellschaftlichen Handlungsform in den Mittelpunkt.

In Kampf ohne Klassen setzt Norbert Trenkle sich mit dem wiederbelebten Klassendiskurs auseinander. Die Kritik der Klassenkampfideologie spielte schon früher in der Positionsbestimmung der krisis eine zentrale Rolle. Während aber älteren Texte vor allem den gemeinsamen Inhalt von Arbeit und Kapital im Durchsetzungsprozess der Warengesellschaft hervorhoben, setzt sich der Autor vor allem mit der Frage auseinander, welche Berechtigung die Kategorie des Klassensubjekts heute noch hat. Er zeigt, dass sie nicht dafür geeignet ist, die zunehmende soziale Polarisierung und die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse adäquat zu analysieren; vielmehr setze sich im kapitalistischen Krisenprozess eine allgemeine Tendenz der Deklassierung durch.

Ernst Lohoffs Beitrag Ohne festen Punkt schließt direkt an seinen in krisis 29 vorgelegten Aufsatz „Die Verzauberung der Welt“an. Während dort jedoch das Handeln in der Subjektform als die spezifische warengesellschaftliche Praxisform dechiffrierte wurde, setzt sich der neue Text mit den emanzipationstheoretischen Implikationen einer wertkritischen Subjektformkritik auseinander. In der Kritik an den überkommenen subjektemphatischen Befreiungskonzepten, versucht er einen Zugang zur Frage emanzipativer Praxis zu schaffen. Emanzipation, so die grundlegende These, hätte die Befreiung von der Subjektform zum Inhalt.

Aus einer etwas anderen Perspektive beschäftigt sich Marco Fernandes mit der Frage nach den Konstitutionsbedingungen und Ansatzpunkten sozialer Emanzipationsbewegungen. In seinem Beitrag Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt untersucht er auf der Grundlage empirischer Erfahrungen, mit welchen Schwierigkeiten die argentinischen Arbeitslosenbewegungen zu kämpfen hatten und wie es ihnen trotzdem gelungen ist, zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Kraft zu werden.

Karl Heinz Lewed präsentiert mit seinem Aufsatz Eine Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft? eine ausführliche Kritik an John Holloways Buch „Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen“. Lewed hebt die Bedeutung dieses Buches hervor, weil es die Kritik des Warenfetischismus in den Mittelpunkt stellt, verweist aber zugleich auch auf deren Beschränkungen. Holloway wird, so Lewed, dem eigenen Anspruch einer Überwindung des traditionellen Marxismus nicht gerecht, sondern reproduziert dessen Denkfiguren in vieler Hinsicht. Das gilt nicht zuletzt für Holloways Schlüsselbegriff des „Tuns“, der alle Züge der warengesellschaftlichen Basiskategorie der Arbeit trägt.

Den Schluss dieser Ausgabe bildet Ernst Lohoffs Kategorie ohne Eigenschaften. Dieser Debattenbeitrag setzt sich mit dem in der letzten krisis erschienenen Artikel von Peter Klein „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ auseinander. Lohoff kritisiert vor allem, dass Klein die Kategorie des freien Willens als bloße inhaltleere Form behandle und verweist auf die Implikationen dieser Sichtweise. Ihr entgingen die geschlechtshierarchischen, rassistischen und gewaltförmigen Momente in der Konstitution des modernen Subjekts, welche dann auch für die Einschätzung der Krisendynamik keine Rolle spielten.

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Zwanzig Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen, seit im März 1986 – damals noch unter dem Titel „Marxistische Kritik“ – die erste Ausgabe dieser Zeitschrift erschien. Es würde den Rahmen dieses Editorials bei weitem sprengen, die in dieser Zeit vollzogenen theoretischen Entwicklungen nachzuzeichnen und zu reflektieren. Daher möchten wir uns an dieser Stelle einfach bedanken bei unseren Leserinnen und Lesern und allen, die uns über die Jahre hinweg begleitet und unterstützt haben. Wir sehen darin vor allem einen Ansporn, den wertkritischen Ansatz weiterzuentwickeln und im Hinblick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu konkretisieren. Mehr denn je wird die Wertkritik zukünftig ihre Stärke darin beweisen müssen, den fortschreitenden Krisenprozess in seinen objektiven und subjektiven Momenten adäquat zu analysieren und ausgehend davon Möglichkeiten widerständigen Handelns aufzuzeigen, das sich mit einer Perspektive der Aufhebung der Warengesellschaft verbinden lässt. Dafür werden wohl noch viele Ausgaben der krisis notwendig sein. Auf eure und Ihre Unterstützung – zum Beispiel in Form einer Mitgliedschaft im Förderverein krisis – sind wir dabei auch weiterhin unbedingt angewiesen.

Übrigens blickt auch unsere Schwesterzeitschrift aus Wien bereits auf ein 10jähriges Bestehen zurück. Wir gratulieren den Streifzügen und möchten sie bei diesem Anlass noch einmal als Ergänzung zur krisis besonders anempfehlen. Inhaltsverzeichnis der Jubiläumsausgabe und Bestelladresse finden sich im hinteren Teil dieser Ausgabe.

Ernst Lohoff und Norbert Trenkle für die Redaktion

Mai 2006