31.12.2007  Beitrag drucken

Arbeit macht nicht frei

Eine kommentierte Zusammenschau zu Günther Anders

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von Franz Schandl

Wer guten Willens und nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, kann relativ mühelos Eintritt in das Universum des Philosophen finden. Günther Anders Sprache ist nicht nur meisterlich, sie ist auch im besten Sinne zugängig, ohne irgendwo banal zu werden. Bei Anders sind viele Türen weit offen, nirgendwo vermittelt er die erlauchte Erhabenheit einer Aura. Fragestellungen und Themen, ja literarische Formen wechseln je nach unmittelbaren Erfordernissen. Es ist ein genrelosen Schreiben, zu dem er sich bekennt 1 und das er für adäquat betrachtet. Einschränken lässt er sich nicht, freilich ist er auch schwer einzuordnen.

Günther Anders war nie ein Systematiker, nicht bloß in dem Sinne, dass er kein philosophisches System aufstellen wollte.2 Fragestellungen werden mehr aufgerissen als abgehandelt. Nicht ein Mangel an Prägnanz prägt das Werk, wohl aber, dass das Prägnante nicht immer zusammenpasste. Was aber nicht als Vorwurf zu verstehen ist. Widersprüchliches ist oft nur widersprüchlich darstellbar. Zweifellos müssen Rezipienten aber auf diese Widersprüche achten, von denen es einige gibt. Einer davon betrifft auch unser Thema: Arbeitsfetischistische und arbeitskritische Passagen stehen unvermittelt nebeneinander. Zu zeigen sein wird, dass Günther Anders einerseits den Mythos der Arbeit zerstörte, aber andererseits von deren Ethos nie ganz losgekommen ist.

Methodisch betrachtet ist die Kategorie „Arbeit“ also nicht ausdifferenziert, diverse Aspekte des Tätigsein werden durch jene beschrieben. Das stiftet gelegentlich Verwirrung. Hannah Arendt hat diesem Problem in der Weise Rechnung getragen, dass sie in „Vita Activa“3 dezidiert Arbeit, Herstellen und Handeln auseinander hält. Das hat terminologisch doch einige Vorteile, auch wenn diese Trennung nie eine säuberliche sein kann und andere Schwierigkeiten beherbergt. Berücksichtigt werden muss auch, dass anders als etwa im Englischen („labour“ and „work“) im Deutschen der Begriff „Arbeit“ in der Alltagssprache mehr oder weniger beides abdeckt. Das Substantiv „Werk“ und das dazugehörige Verb „werken“ gibt es zwar, aber sie führen ein Schattendasein.

1.

Beginnen wir mit dem wertkonservativen Anders. Diesem ist Arbeit die elementare und unhintergehbare menschliche Tätigkeit schlechthin. Nur so kann der Wiener Philosoph im zweiten Band der Antiquiertheit zur Auffassung kommen, dass eine „Existenz ohne Arbeit“ ein „höllisches Dasein“4 wäre. Der Zwang zur abgestumpften Nichttätigkeit ist ihm ein fürchterlicher Alptraum: „Auf deinem Hintern sollst du sitzen und TV anglotzen dein Leben lang.“5 „Aber was ich glaube, ist, dass der Mensch ohne Arbeit, zu der er nun einmal verflucht ist, nicht leben kann, dass er unfähig ist, around the clock Unterhaltung auszuhalten. (…) Die Frage ist nicht mehr die, wie man die Früchte der Arbeit gerecht verteilt, sondern wie man die Konsequenzen der Nichtarbeit erträglich macht.“6 Hier verfällt Anders doch in eine altbekannte Affirmation der Arbeit, die konventioneller nicht sein könnte. Ganz ungeniert referiert er Husserls Gedanken, dass der Mensch „wesensmäßig“ für das Arbeiten gebaut sei.7 Oder wie es der Alltagsverstand verkündet: Ohne Arbeit kann der Mensch nicht leben. Da wird doch tatsächlich Nichtarbeit mit Nichttätigkeit in eins gesetzt.

Aber weshalb? Ist es nicht vielmehr möglich, sich kreativ mit allerlei auseinanderzusetzen und praktisch zu werden, ohne dass man zu einer bestimmten Arbeit angehalten wird? Beginnt die freie Beschäftigung nicht gerade dort, wo der Zwang, einer Beschäftigung nachzugehen, aufhört? Soll man sich Nichtarbeit nur als Arbeitslosigkeit vorstellen, ist sie nicht auch als Befreiung von Arbeit denkbar? – Anders‘ Formulierungen wirken borniert.

So beklagt der Autor, dass der Fleiß nun als Tugend antiquiert wäre.8 Doch Fleiß (lateinisch: industria) kann nicht unabhängig von dem betrachtet werden, wozu er denn genutzt wird. Als abstrakte Größe ist er eine dieser berüchtigten Sekundärtugenden, als Prinzip geradezu gemeingefährlich. Dass der Fleiß nicht mehr allgemein anerkannt wird, ist kein Nachteil. Damit nicht genug: Wir werden noch dazu heute „um die Lust an der Anstrengung, um die unverzichtbare voluptas laborandi, betrogen. Der Seinsbeweis, den Arbeiten früher geliefert hatte: ‚Ich schwitze, also bin ich‘, wird uns vorenthalten“.9 Der Sport sei daher Folge der zu leichten Arbeit.10 Gegen Anders sollte festgehalten werden: Ich will nur fleißig sein, wenn mir danach ist, wenn der Zweck kein Selbstzweck ist. Und ich will nur schwitzen, wenn ich schwitzen will. Ich bin auch, wenn ich nicht schwitze. Alles, was nach „im Angesicht deines Schweißes“ riecht, verbreitet ein furchtbares Aroma.

Anders Beschreibungen gehen hier schon Richtung Lustfeindlichkeit. So wendet sich der Philosoph auch ganz kategorisch gegen „Läufer, Schwimmer, Schifahrer“11, nimmt sie lediglich unter dem Blickwinkel der Konkurrenz und des verordneten Angebots wahr. Dass sich da auch verdinglichte und nichtverdinglichte Momente treffen könnten, will ihm gar nicht einleuchten. Auch der Sport, abseits von Kult und Fitnesswahn, richtig dosiert und angewandt, sorgt für das Wohlergehen der Körper, während die Arbeit aufgrund ihrer Einseitigkeit der Belastungen direkt der erste Krankmacher des menschlichen Organismus ist. Nicht einmal der Massensport kann auf die konkurrenzistische Dimension (die es in ihm zweifellos gibt) reduziert werden. Auch sollte man seinen Surrogat-Charakter nicht nur als Vorstufe von Krieg und Vernichtung sehen. Derlei Ersatzbefriedigungen sind gar nicht hoch genug zu veranschlagen. Sie sind also nicht bloß destruktiven Charakters. Das gilt sowohl für die eigene Betätigung als auch für das Zuschauen und Zuhören. Man will sich gar nicht vorstellen, was es hieße, würde man das alles den Menschen einfach wegnehmen.

So weit, so traditionell. Die kulturkonservative Schlagseite darf nicht unterschlagen werden, festnageln sollte man Anders auf diese Punkte allerdings nicht. Was der Übertreibungskünstler hier übertreibt, ist eine Seite einer bestimmten Entwicklung. Die bevorzugte Herausarbeitung regressiver Momente verstellt den Blick auf das Ganze. Die Methode der Ausleuchtung einzelner Aspekte lässt immer andere ins Dunkel fallen. Das ist vor allem dann problematisch, wenn man den jeweiligen Text als eherne Deutung eines Themas wahrnimmt. Das ist übrigens auch ein Nachteil jeder hermeneutischen Phänomenologie. Ihr Vorzug liegt aber darin, dass sie ohne allzu große Rücksichten und Einwände sich auf Punkte zu kaprizieren versteht und gerade in dieser Unausgewogenheit ein hohes Maß an Deutlichkeit gewinnen und an Sensibilität erzeugen kann.

Wer das Andersche Werk abseits einzelner Textsequenzen zur Kenntnis nimmt, weiß jedoch, dass es dem Autor stets um ein lebbares Leben ging, keineswegs um die Abschaffung von Freuden. „Freu dich“, „Freu dich, weil du du bist“12, lesen wir in seiner „Gutenachtgeschichte für Liebende“. Gegen die Heideggersche Geworfenheit heißt es ganz lebensbejahend: „‚Welch ein unverdienter Vorzug, dass der Wurf so gezielt war, und wir wurden, die wir wurden!‘ Ganz besonders aber gilt dies Dankesagen unserer Chance, frei zu sein in unserer Liebe; dafür, dass wir, wenn wir wollen, lieben dürfen, also nicht nur, wenn die allgemeine Dienstpflicht unseren Jahrgang gerade einzieht.“13

2.

Zuallererst war Günther Anders einmal ein genauer Beobachter. „Meine Überlegungen gehen stets von ganz konkreten Einzelphänomenen unseres heutigen Lebens aus“14, schreibt er. Kein Detail, das nicht einer gehaltvollen Interpretation zugeführt werden hätte können. So schöpfte er nicht wenig aus anderswo kaum theoretisierten Begebenheiten des Alltags. „Im Nebenzimmer wäscht der Fensterputzer meine Fenster – was gehen ihn meine Fenster an? Und was die Fenster der anderen, die er morgen und übermorgen, froh darüber, nicht arbeitslos zu sein, putzen wird? Was geht die Wäscherin meine Bettwäsche an? Und die ihrer morgigen und übermorgigen Kunden? Wenn ich bedenke, dass die meisten sich eine andere Art von Arbeit schon gar nicht mehr wünschen, gar nicht mehr wünschen dürfen oder sollen oder können! Und dass sie nicht nur alle froh darüber sind, diese jobs zu haben, weil diese Nichtarbeitslosigkeit bedeuten, dass viele von ihnen sogar ihren Stolz darein setzen, diese sie nichts angehende Arbeit, also diesen ‚Zeitverlust‘, so ‚getreulich‘ und so ‚freudig‘ wie möglich zu verrichten, so als wäre dies doch ‚ihre‘ Arbeit.“15

Auch wenn es nicht ihre Aufgabe wäre, ist es doch ihre Arbeit. Die Arbeiter müssen sich mit ihr identifizieren, denn sie sind existenziell auf sie angewiesen. Als Arbeiter sind sie angehalten zur Gleichgültigkeit: „Unser Arbeitsprodukt geht uns nicht an.“16 Darüber haben sie nicht zu befinden, dafür wurde ihre Arbeitskraft nicht gekauft. Hauptsache sie erledigen es ordentlich, seien es geputzte Fenster, gewaschene Kleidungsstücke, todbringende Mittelstreckenraketen. Über all das haben sie als Arbeitende nicht zu entscheiden. Was sie tun, ist primär Mittel zum Broterwerb und dafür ist jedes Mittel recht.

In den „Ketzereien“ findet sich in der sogenannten „schwarzen Liste“17 von Begriffen und Schlagwörtern (z.B. „Werte“, „Wesen“, „Sinn“, „Aura“, „echt“, „das Eigentliche“ etc.) auch das „Recht auf Arbeitsplatz“. Anders notiert: „Wenn ich, der ich schließlich mit Recht als extremer Linker verschrien bin, diesen Satz, der sich leicht hinschwätzt, bezweifle, so wird man mich ja nicht als ‚reaktionären Klassenfeind‘ zu bezeichnen wagen. Als Philosophierender frage ich aber: Worauf haben wir eigentlich diesen Anspruch, dieses ‚Recht‘? Was für eine Sorte von Seiendem ist dieses ‚angebliche Recht‘?“18 Das angebliche Recht entpuppt sich schnell als Pflicht. Dass der Sozialismus doch etwas anderes ist als ein Arbeitshaus mit Arbeitspflicht, will ja in die Köpfe vieler Sozialisten bis heute nicht hinein. Die Linke teilt mit der Rechten die Apologetik der Arbeit, im Arbeitsfanatismus steht sie ihr nicht nach. Nur wenige wie Paul Lafargue oder der Austromarxist Max Adler (1873-1937)19 können als Arbeitskritiker genannt werden. Marxens Standpunkt ist hier durchaus ambivalent, am bekanntesten sind jedoch jene Stellen aus dem Ersten Band des Kapitals, wo Marx die Arbeit als „ewige Naturbestimmung des menschlichen Lebens“ 20 setzt. In dieser Tradition steht auch der Marxismus. Indes gibt es im Marxschen Werk auch gar vieles, das dieser Sichtweise widerspricht. Moishe Postone hat das in seinem Buch „Zeit, Arbeit und Herrschaft“21 akribisch aufgearbeitet.

Die oben angeführten Zitate verweisen aber doch darauf, dass Anders zeitlebens zur Ketzerei an der Arbeit neigte. Nicht die Verteidigung der Arbeit, sondern der Angriff auf die Arbeit war seine Sache. „Als ich dem arbeitswütigen G. gegenüber beiläufig erwähnte, dass es die Arbeit, gemessen am Alter der Menschheit, erst seit einer relativ kurzen Zeit gebe, da schnappte er nach Luft.“22 Nicht nur damit ist deutlich gemacht, dass es nicht die Arbeit schlechthin sein kann, die das Menschsein prägt, sie vielmehr historisch zuzuordnen ist und nicht als anthropologische Konstante gelten kann. Eine Zukunft der Arbeit sieht der Philosoph ebenfalls nicht, da zeichnet er ein düsteres Bild: „Denn die Arbeitslosigkeit, die nunmehr bevorsteht, wird die, die vor 50 Jahren geherrscht hatte, als harmlos erscheinen lassen. Wenn man bedenkt, dass schon die damalige eine der Hauptursachen des Nationalsozialismus gewesen war, dann kann einem der Mut vergehen, sich vorzustellen, was die bevorstehende hervorbringen wird. Gar nicht unmöglich, dass die (damals wirtschaftlich widersinnigen) Auschwitzer Gasöfen die Modelle für die ‚Bewältigung‘ der Tatsache, dass es, verglichen mit Arbeitsgelegenheiten, ‚zu viele Menschen gibt‘, abgeben werden.“23

„Das Postulat der Vollbeschäftigung wird also um so weniger erfüllbar sein, je höher der technologische Status einer Gesellschaft ist,“24 schreibt er. „Die Dialektik von heute besteht in diesem Widerspruch zwischen Rationalisierung und Vollbeschäftigung. Dies offen zuzugeben, bringt kein Politiker über sein Parteiherz.“25 „Tatsächlich sind die ‚Arbeitsplätze‘ heißenden Produkte so wichtig, dass Politiker, die nie welche erfinden oder organisieren, ebensogut gleich ihren Hut nehmen können. Die keine versprochen haben, gibt es keine. Freilich auch keine, die auf die Dialektik von heute, die Geläufigkeit von steigender Technik und sinkendem Bedarf an Arbeitern bzw. Arbeitsplätzen eine Antwort wüssten.“26

Ausgesprochen wird hier, dass Arbeit und Politik ehern verbunden sind: Arbeit als Konstituante des Kapitals und Politik als dessen Resultante werden zusammengedacht. Dem kann man nur zustimmen. Aufgabe der Politik und ihres Personals ist es, das Versprechen der Arbeit als Versprechen auf Arbeit immer wieder zu erneuern. Dass dies immer weniger geht, ist heute offensichtlich, viel offensichtlicher als vor mehr als 25 Jahren, als Günther Anders diese Zeilen veröffentlicht hat. Dass Lohnarbeit prekär wird, hat der Philosoph also schon in den Jahren der Vollbeschäftigung erkannt.

3.

Sprache war Günther Anders ein ganz besonderes Anliegen.27 Nicht bloß lesbar wollte er schreiben, es ging ihm auch stets darum, richtige Begriffe zu verwenden oder zu erfinden und falsche auf den Index zu setzen.28 „Statt sich des alten und soliden Wortes ‚Arbeiter‘ zu bedienen, sprachen sie ausnahmslos von ‚Arbeitnehmern‘.“29 „Wenige heutige Ausdrücke sind so rücksichtslos demaskierend wie der Ausdruck ‚Arbeitnehmer‘. Er stammt natürlich von den Arbeitgebern. Und da Geben seliger ist als Nehmen, fällt auf den dem Ausdruck ‚Arbeitnehmer‘ entsprechenden Ausdruck ‚Arbeitgeber‘ sogar ein gewisser religiöser Schimmer. In meiner Jugend gab es nur Arbeiter. Die wussten, was sie galten, wie sie sich ausgaben und was ihnen genommen wurde. Und der Schlachtruf: ‚Arbeitnehmer aller Länder, vereinigt euch!‘ wäre ungehört verhallt. Auch die Arbeiter hatten natürlich ans ‚Nehmen‘ gedacht, d.h. sie waren darauf bedacht, soviel Lohn zu kriegen wie möglich; und die sozialistischen unter ihnen auch darauf, die Produktionsmittel zu nehmen. Aber auf den Gedanken, sich die Arbeit, die sie ja (sofern sie nicht arbeitslos waren) ohnehin hatten, bzw. die sie hatte, zu nehmen, auf den Gedanken wäre natürlich keiner gekommen. Heute dagegen empfinden viele ihre neue Firmierung, die ja durch die falsche Bezeichnung dessen, was es zu nehmen gilt, den totalen Verzicht auf das ehemalige Ziel besiegelt, als ehrenvoll. Offenbar haben sie auf Grund der neuen Etikette das stolze Gefühl, sich wirklich etwas genommen zu haben und wirklich einen Gipfel erstiegen zu haben: nämlich den Gipfel der Sozialpartnerschaft. Dass es sich dabei um den kümmerlichen Gipfel des Godesberges handelt und nicht um den Gipfel, den ihre Großväter vor hundert Jahren im Auge gehabt haben, das spüren sie nicht nur nicht, das wollen sie auch nicht spüren.“30

Schon Friedrich Engels verwahrte sich übrigens im Vorwort zum Marxschen „Kapital“ gegen „jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben lässt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird“.31 Dieses elementare Wissen ist in der Arbeiterbewegung und ihren Ausläufern inzwischen völlig verloren gegangen und auch andernorts ist derlei kaum Gegenstand irgendwelcher Reflexionen. Günther Anders demontiert anhand einer einzigen falschen Vokabel ein mentales wie geistiges Fehlurteil. Diesbezüglich war er unerbittlich.

So scharf Anders den Unbegriff „Arbeitnehmer“ dekonstruierte, so unscharf war hingegen sein Begriff des Proletariats. Proletarier, so seine These, gebe es immer mehr32, wobei er jene am Freiheitsstatus festmachte33: Im Manuskript des Dritten Bandes der Antiquiertheit definiert Anders fünf Unfreiheiten. Abgesehen davon, dass die Proletarier „ihre Produktionsmittel nicht besitzen“,34 sind sie ebenfalls beraubt: „1. der Entscheidung darüber, welche Produkte sie erzeugen; 2. der Erfahrung der Endprodukte; 3. der Entscheidung über deren Verwendung; 4. einer eigenen Meinung (sogar des Interesses an eigener Meinung) über die Bewandtnis ihrer Produkte; 5. des Arbeitens (da dieses sich in eine Aktivität verwandelt hat, die diesen Namen nicht verdient).“35

Das Proletariat wird negativ bestimmt: „Die Nicht-Solidarisierung beweist nicht die Inexistenz des Proletariats, sondern definiert umgekehrt dessen Existenz. Proletarier ist, wer durch sein Dasein daran gehindert wird, den Gedanken der Solidarisierung zu fassen.“36 Er beklagt ausdrücklich den „aufgezwungenen Lebensstil, den Konsumzwang, die Einsamkeit des Fernsehens“.37 „Vegetier-Proletarier“38 nennt er sie. An einer Stelle versteigt er sich gar zur Aussage: „Der heutige Arbeiter ist deshalb unfrei, weil er zuviel Zeit hat.“39 Letztlich sind alle Zwangsbelieferten Proletarier.40 Aber macht diese exzessive Extensivierung des Begriffs, der doch ursprünglich an das Privateigentum an Produktionsmitteln geknüpft gewesen ist, vor allem auch von Klasse und von Klassenkampf sprach, dann noch einen spezifischen Sinn? Noch dazu, wo Anders Klasse und Klassenkampf selbst als antiquiert betrachtet. 41 „Es gibt kein Klassenbewusstsein der Bedrohten“, schreibt er in „Endzeit und Zeitenende“.42

4.

„Solange die maschinelle Arbeit glatt, das heißt: ohne Reibung zwischen Mensch und Maschine abläuft; solange der Arbeitende als ‚Konvertit‘, als ‚Rad‘, linientreu mitfunktioniert, solange ist das Ich gar nicht ‚bei sich‘, solange ist es überhaupt nicht, jedenfalls nicht als Ich. Erst in demjenigen Moment, da der Konformismus etwas zu wünschen übrig lässt, oder da die Arbeit schlagartig misslingt, kommt das Ich ‚zu sich‘, erst dann begegnet es sich: nämlich als etwas Anstößiges: als Versager.“43 Selbstbegegnung tritt als Störung auf. Als funktionale Dissonanz. Der Arbeiter wird hier als Charaktermaske gesetzt, nicht als Individuum: In der Arbeit ist der Mensch außer sich, ist Teil eines Betriebs, als dessen Glied er installiert ist.

Betreffend Arbeitsteilung lesen wir: „Dass sich der Stil unseres heutigen Machens, also der Arbeit, von Grund auf verwandelt hat, darüber gibt es keine Meinungsdifferenzen. Bis auf uncharakteristische Restbestände ist Arbeiten heute zu einem vom Betrieb organisierten und dem Betrieb gleichgeschalteten ‚Mit-Arbeiten‘ geworden.“44 Handeln habe sich in Tun transformiert, Tun in Mittun. Jeder Teilarbeiter ist also nur verantwortlich für das formale Gelingen seines Teils, für das Gesamte trägt er keine Verantwortung. „Die Zuspitzung der heutigen Arbeitsteilung bedeutet ja nichts anderes, als dass wir als Arbeitende und Handelnde dazu verurteilt sind, uns auf winzige Stücke des Gesamtprozesses zu konzentrieren; dass wir in die Arbeitsphasen, denen wir zugeteilt sind, so eingeschlossen sind, wie Häftlinge in ihre Gefängniszellen.“45 Oder kürzer ausgedrückt: „Arbeitsteilung idiotifiziert.“46

„Der Betrieb ist also der Ort, an dem der Typ des ‚medial gewissenlosen‘ Menschen hergestellt wird; der Geburtsort des Konformisten. Der dort geprägte Mensch braucht nur in einen anderen Aufgabenkreis, in einen anderen ‚Betrieb‘ versetzt zu werden, und plötzlich wirkt er, ohne sich wesentlich zu verändern, monströs; plötzlich erfüllt er uns mit Grausen; plötzlich nimmt die Suspension seines Gewissens, die schon zuvor ein fait accompli gewesen, das Aussehen nackter Gewissenlosigkeit, die Suspension seiner Verantwortung das der nackten ‚moral insanity‘ an. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge blicken, also nicht erkennen, dass der heutige Betrieb die Schmiede, der Arbeitsstil das Vorbild der Gleichschaltung ist, bleiben wir unfähig, die Figur des konformistischen Zeitgenossen zu verstehen; also zu verstehen, was es mit jenen ‚verstockten‘ Männern auf sich hatte, die sich in den erwähnten Prozessen weigerten, ihre ‚mit-getanen‘ Untaten zu bereuen oder zu verantworten.“47

Der Mittuer ist vom Typus freilich der Mitläufer, der sich für alles zu entschuldigen versteht:48 „Was hätten wir denn tun sollen?“, stammelt der gemeine Menschenverstand in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Der Faschismus etwa zeichnete sich dadurch aus, dass die Menschen das, was ihnen angetan wurde, auch noch freudig entgegennahmen, ja sich mit ihm blind und übersteigernd identifizierten. Das Leiden wurde perfektioniert, indem das Opfer bewusstlos aber energisch, sich zum Täter aufschwang: „Die totale Hörigkeit genossen als totale Zugehörigkeit. Das total Negative als total Positives“49, so charakterisiert Günther Anders andernorts den Nationalsozialismus.

Wer kennt hierzulande nicht diesen unseligen Satz: „Ich habe nur meine Pflicht getan!“ Egal was, egal wie, egal wozu. Manche hatten tatsächlich ‚bloß‘ ihre Pflicht getan, nicht jeder Täter war ein Überzeugungstäter, manche waren überhaupt ‚nur‘ Schreibtischtäter. „Der Angestellte im Vernichtungslager hat nicht ‚gehandelt‘, sondern, so grässlich es klingt, er hat gearbeitet.“50 „Da er an Tätigkeit gewöhnt ist, bei der Gewissen zu haben, sich erübrigt, ja nicht gewünscht wird, ist er gewissenlos. Mit bestem Gewissen.“51 Gewissenlosigkeit ist eine Konstituante der Arbeit. Da wird etwas verrichtet, egal was, egal wie, egal wozu. Im Ernstfall definiert sich eins dann als Untergebener, der für sich in Anspruch nimmt, nicht anders zu können, auch wenn er anders hätte wollen. Der Teufelskreis der Arbeit schließt sich.

„Wenn es heute überhaupt eine anerkannte ‚equality‘ gibt, dann besteht diese eben darin, dass alle Arbeiten qua Arbeiten gleichberechtigt, und deshalb gleich viel wert, sind. Moralistisch formuliert: darin, dass keine Arbeit den Arbeiter schuldiger macht als eine andere, weil Arbeiten gar nicht schuldig machen kann.“52 „Kein noch so übles Arbeitsziel kann den Arbeitenden beflecken.“53Arbeit erscheint als die geborene Unschuld. Sie ist die konformistische Tätigkeit des Subjekts, beliebig austauschbar nicht nur in den obligaten Tauschvorgängen des Kaufens und Verkaufens, sondern auch eindringliches Prinzip alle Handlungen, Begriffe, Lebenslagen betreffend. „Die Gerätewelt schaltet uns diktatorischer, unwiderstehlicher und unentrinnbarer gleich, als es der Terror oder die dem Terror untergeschobene Weltanschauung eines Diktators jemals tun könnte, jemals hat tun können.“54

Das Zusammendenken des Angestellten der Vernichtungslager mit den Biedermännern des technokratischen Zeitalters“55 war für Anders immer eine Selbstverständlichkeit. Der Sonderort des Grauens ist in seiner Grundstruktur ein gewöhnlicher Ort. Ihre Gemeinsamkeit liegt im Betrieb oder vielleicht, um einen Ausdruck aus der Computertechnologie zu wählen, im Betriebssystem.

Für Anders war es daher geradezu eine Pflicht, sich den Pflichten zu widersetzen, sich nicht irgendwelchen Sachzwängen zu ergeben. „Wer sich umgekehrt auf die angebliche Pflicht beruft, ‚bei seiner Sache zu bleiben‘, sich auf diese zu konzentrieren, sich so borniert zu machen, dass er weder rechts noch links etwas sieht, der ist nicht nur unmoralisch, sondern unmoralisch aus Prinzip. Moralischsein heißt: sich um diejenigen Dinge zu kümmern, die, obwohl außerhalb der eigenen oder einem zugeteilten Absichten oder durch Arbeitsteilung definierten Kompetenz befinden, eben doch nicht außerhalb der eigenen Einflusssphären liegen. Moralischsein heißt: die durch Administration oder Arbeitsteilung gezogenen Grenzen durchbrechen; sich um das zu kümmern, wovon man vorgibt, dass es einen, obwohl man es ‚angeht‘ und tangiert, gefährdet oder vernichtet, nicht ‚angehe‘.“56 „Sag mir, was du ‚sollst‘, und ich werde dir sagen, was du (…) nicht darfst“57, heißt es im Manuskript zum Dritten Band der Antiquiertheit.

Auch wenn es nicht gleich ins Auge springt, schließt Günther Anders implizit an die Analysen von Karl Marx an: „Aus der lebenslangen Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität, einer Teilmaschine zu dienen“,58 schreibt dieser. „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus, unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.59 Menschen als verlängerte Glieder des Maschinellen und Seriellen, das genau ist auch Anders‘ Thema. Bei Marx wird der Wert als „automatisches Subjekt“60 gesetzt. Das sagt allerdings auch, dass der Wert der Ware Arbeitskraft automatische Subjekte in Menschenform kreiert.

Die in diesem Kapitel referierten Überlegungen Günther Anders‘ gehören zweifellos zum Radikalsten und Besten, was Arbeitskritik im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Der Kern der mentalen Konformität, die Reduzierung des Menschseins auf Funktion und Charaktermaske, liegt in der Monstrosität der Arbeit. Im zweiten Band der Antiquiertheit spricht er von der „negativ-intentionale(n) Struktur unseres heutigen Arbeitens“.61 „Die allerorten beliebte Rede von der fälligen ‚Humanisierung der Arbeit‘ ist daher unredliches Gerede, eine contradictio in adjecto. Eine solche Humanisierung kann es genau so wenig geben wie eine solche des Krieges, weil das angeblich zu Humanisierende hier wie dort das Prinzip der Inhumanität von vornherein in sich einschließt.“62

Das Programm der Arbeit ist also nicht definiert durch seine hervorragende Rolle bei der „Menschwerdung des Affen“ (Friedrich Engels)63, sondern ganz anders zu dechiffrieren. Gesellschaftliche Befreiung meint nicht Befreiung der Arbeit, sondern von der Arbeit. Allen Selbstverständlichkeiten zum Trotz: Arbeit macht nicht frei.

Franz Schandl, geb. 1960, lebt als Historiker und Publizist in Wien, Redakteur der Zeitschriften Krisis (Nürnberg) www.krisis.org und Streifzüge (Wien) www.streifzuege.org

1 Günther Anders, Philosophische Stenogramme, Philosophische Stenogramme (1965), München 2002, S. 132-133.

2 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 411f. (in der Folge zitiert als Band II.)

3 Hannah Arendt, Vita activa (1958), München 1981.

4 Band II, S. 27.

5 Band II, S. 28.

6 Band II, S. 98.

7 Band II, S. 103.

8 Band II, S. 101.

9 Band II, S. 102.

10 Band II, S. 103.

11 Band II, S. 104.

12 Günther Anders, Mariechen. Eine Gutenachtgeschichte für Liebende, Philosophen und Angehörige anderer Berufsgruppen, München 1987, S. 79.

13 Ebenda, S. 36.

14 Band II, S. 414.

15 Günther Anders, Ketzereien (1982), München 1991, S. 92.

16 Band II, S. 364.

17 Ketzereien, S. 130ff.

18 Ketzereien, S. 134.

19 Max Adler, Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus (1914), Wien 1965, S. 202.

20 Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 198.

21 Moishe Postone, Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003. Eine französische Veröffentlichung ist in Vorbereitung.

22 Ketzereien, S. 230.

23 Band II, S. 98-99.

24 Band II, S. 99.

25 Band II, S. 99-100.

26 Günther Anders, Sprache und Endzeit IV (Mauskript zum Dritten Band der „Antiquiertheit“), FORVM, Nummer 430-431, Oktober/November 1989, S. 41.

27 Stenogramme, S. 126, 131, 137-140.

28 Ketzereien, S. 95f., 107f., 130ff. Das Anders selbst gelegentlich dagegen verstieß, sollte man ihm nicht zum Vorwurf machen. Nicht immer können wir aus unseren obligaten Sprachverwendungen aussteigen. Klar war für ihn aber, dass „man der Sprache zu misstrauen hat“ (S. 136.).

29 Ketzereien, S. 262.

30 Günther Anders, Visit beautiful Vietnam, Köln 1968, S. 130-131.

31 Friedrich Engels, Vorwort zur Dritten Auflage des „Kapitals“ (1883), MEW, Bd. 23, S. 34.

32 Band II, S. 93.

33 Band II, S. 91, vgl. auch S. 174.

34 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Proletariats (Mauskript zum Dritten Band der „Antiquiertheit“), FORVM, Nummer 462-464, 24. Juli 1992, S. 10.

35 Ebenda.

36 Ebenda, S. 7.

37 Ebenda.

38 Ebenda, S. 10.

39 Ebenda.

40 Ebenda.

41 Ebenda, S. 11.

42 Günther Anders, Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen (1972 als „Endzeit und Zeitenende“ publiziert), München 1986, S. 61.

43 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, S. 91. (In der Folge zitiert als Band I.)

44 Band I, S. 286.

45 Günther Anders, Wir Eichmannsöhne (1964), München 1988, S. 48.

46 Günther Anders, Sprache und Endzeit III (Mauskript zum Dritten Band der „Antiquiertheit“), FORVM, Nummer 428-429, August/September 1989, S. 50.

47 Band I, S. 289-290.

48 Band I, S. 287-288.

49 Günther Anders, Notstand und Notwehr. Das Ende des Pazifismus, FORVM, Heft 395-396, Jänner/Februar 1987, S. 28.

50 Band I, S. 291.

51 Band I, S. 294.

52 Günther Anders, Sprache und Endzeit IV, S. 40.

53 Die atomare Drohung, S. 101.

54 Band II., S. 205.

55 Band II., S. 178.

56 Günther Anders, Notizen aus dem Tagebuch. Heiratsannoncen, FORVM, Nummer 436-438, April bis Juni 1990, S. 58-59.

57 Günther Anders, Sprache und Endzeit III, S. 51.

58 Karl Marx, Das Kapital. Zur Kritik der poli

tischen Ökonomie. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 445.

59 Ebenda.

60 Ebenda, S. 169.

61 Band II, S. 362.

62 Band II, S. 363.

63 Friedrich Engels, Dialektik der Natur (1873-1886), MEW, Bd. 20, S. 444-455.