31.12.2007  Beitrag drucken

Der Markt ist eine universale, totalitäre Religion

Oder: Warum nicht jenseits des Marktes konsumieren?

Aus: Versorgerin, Zeitung der Stadtwerkstatt Linz, #73, März 2007

von Maria Wölflingseder

Konsum bzw. konsumieren kommt vom italienischen consumo bzw. consumare und heißt Verbrauch, Verzehr (insbesondere von Lebensmitteln) bzw. verbrauchen, verzehren. In unserer kapitalistischen Marktwirtschaft gibt es kaum etwas, das wir konsumieren, verzehren oder gebrauchen dürfen, ohne es gekauft zu haben. Kaufen erscheint uns als das Natürlichste der Welt. So wie wir atmen, essen und trinken müssen, müssen wir auch kaufen, um zu überleben. Kaufen ist aber mitnichten eine naturgegebene Angelegenheit.

Verwertung unserer Güter und Handlungen wichtiger als diese selbst

Was ist Konsumieren? Was machen wir, wenn wir kaufen? Kaufen-Verkaufen ist keine unmittelbare Form von Geben und Nehmen. Wir erwerben eine Ware oder Dienstleistung mittels Geld. Es tritt also der Markt zwischen mich und die Ware. Kaufen ist Geld gegen Ware eintauschen. Dem Konsumenten geht es um den Gebrauchswert, dem Produzenten aber um den Tauschwert, der vom Kunden zu bezahlen ist. Dem Produzenten und dem Verkäufer ist das Produkt als solches völlig egal – ob er Atombomben oder Babyschnuller verkauft, ist einerlei. Ihm geht es um eine möglichst kostengünstige Produktion und um möglichst viele Käufer.

Die gesellschaftliche Normierung des Kaufens hat sich auf immer mehr Produkte und Dienstleistungen ausgedehnt. Ja, sogar Lebensäußerungen und Naturressourcen, die bisher nicht für kommerzialisierbar gehalten wurden, werden immer öfter in die Warenform gepresst: Luftverschmutzungskontingente, die Patentierung aller menschlichen, pflanzlichen und tierischen Gene sowie menschliche Organe. Auch die Befriedigung zwischenmenschlicher Bedürfnisse wird immer öfter gegen Geld eingetauscht: Der Markt der Psycho- und Körpertherapien, Flirt- und Trauerseminare, Partnervermittlungen, Begleitagenturen bis hin zu Kinderpornos und Kinderprostitution ist explodiert.

Das heißt erstens, wer Geld hat, kann sich alles kaufen, was angeboten wird. Zweitens werden immer mehr menschliche Bedürfnisse nur mehr befriedigt, wenn ein Rechtstitel erworben, sprich: ein Kaufvertrag erfüllt wurde. Drittens bleiben Bedürfnisse, die sich nicht mit Waren befriedigen lassen, unerfüllt.

Das System Kaufen und Verkaufen wird auch beibehalten, wenn es vom menschlichen Standpunkt aus widersinnig erscheint: Z.B. werden Lebensmittel lieber tonnenweise vernichtet anstatt hergeschenkt. Aber der Logik des Geldes entspricht diese Maßnahme durchaus: Die Preise müssen ja hochgehalten werden.

Kaufen bzw. Geld ist in unserer Gesellschaft also wichtiger als die vorhandenen Güter! Geld und Profit sind auch wichtiger als Bedingungen, die dem Wohl der Menschen oder der Tier- und Pflanzenwelt dienen. – Das Geld bzw. der Zwang zur Verwertung (Profit, Mehrwert erwirtschaften müssen) und damit der Markt bekommen so eine kultische Dimension. Geld an sich ist zu nichts gut: Ich kann es nicht essen, mich nicht damit zudecken, und Heizwert hat es auch nur einen sehr geringen. Geld kann nicht für sich selbst stehen, sondern nur für anderes. Trotzdem kreist all unser Wollen und Tun permanent, um „das Eine“, ums Geld. Es ist zu einem Fetisch, zu einem Götzen geworden, dem wir Tribut zollen müssen; zu einem unerlässlichen Zaubermittel zur Befriedigung unserer Bedürfnisse.

Da also die Verwertung, das Zu-Geld-Machen all unserer Güter und Handlungen wichtiger ist als diese Güter und Handlungen selbst, wissen wir nie, wie wir dran sind. Ist ein Produkt oder eine Dienstleistung wirklich zu etwas gut? Sein Hauptzweck ist ja, dem Verkäufer Geld zu bringen. Ein ganzer Wirtschaftszweig ist darauf aus, uns das Blaue vom Himmel zu versprechen. Werbespots, Werbeprospekte, Werbe-SMS, Spams, Werbeplakate und -inserate verstopfen sämtliche Kanäle, den Briefkasten, den Wohnungseingang und unsere Ganglien. Dass Produkte selten umwelt- und menschenverträglich sind, sondern billig hergestellt werden müssen, das wissen wir. Wir wissen auch, dass sie selten langlebig sind, weil ja bald neue gekauft werden sollen. Aber bedenken wir auch, dass das Verursachen von vielerlei Schäden ein willkommener Anlass für zusätzliche Verwertung und Profitproduktion ist? Z.B. die Herstellung problematischen Verpackungsmaterials und dessen – oft zweifelhaftes – Recycling; gesundheitliche Gefährdungen und deren versuchte Wiedergutmachung; Lärmproduktion und Produktion von Lärmschutzmaßnahmen. Das heißt, es wird gar nicht versucht, die Ursachen von Schäden und Gefahren zu beheben, weil ja aus dem Herumdoktern an den Folgeerscheinungen noch einmal Profit geschlagen werden kann. Das oberste Prinzip in unserer Marktwirtschaft ist nicht, für die Menschheit Sinnvolles und Notwendiges herzustellen oder zu verrichten, sondern Geld zu vermehren, Profit zu schaffen. Das verlangt unendliches Wachstum und bewirkt immer stärkere Konkurrenz. Das Hauptkriterium ist, was lässt sich verkaufen, was lässt sich am besten zu Geld machen.

Sämtliche Internet-Jobangebote beruhen darauf, dass man nicht Waren, sondern dubiose Versprechen, Geld zu verdienen, sprich nichts verkauft. Bis hin zur Börse sind ein Großteil aller Geschäfte nur mehr „Luft“-Geschäfte, „Pyramidenspiele“. Diese Entwicklung ist nichts Abnormes, sondern die logische Fortsetzung des blinden Zwangs zur gnadenlosen Verwertung. Auch Schmuggel, Menschenhandel, Waffenhandel, Organhandel sind nicht das böse Gegenteil der legalen, guten Geschäfte, sondern nur deren konsequente Fortführung – wobei die Grenzen immer schon fließend waren.

Die neue, universelle Form der Verzauberung

Das Geld hat Gott abgelöst und ist zu unserer neuen Religion geworden. Eine noch nie da gewesene universelle, totalitäre Religion! Wir können uns dem Zwang, unsere Arbeitskraft verkaufen und das Lebensnotwendige kaufen zu müssen, nicht entziehen.

Der Markt expandierte im 18. Jahrhundert derart, dass er reif wurde, „Staat zu machen“. Die Verhältnisse haben sich damit auf gespenstische Weise umgekehrt: „Während sich um den Markt ein säkularer Staat bildet, hört der Markt selbst auf, etwas bloß Profanes zu sein. Er bekommt eine existenzielle, um nicht zu sagen: kultische Dimension. Er ist nicht nur Umschlagplatz von Waren, sondern wird zur zentralen Vergesellschaftungskraft. Damit steigt der Markt zu der Instanz auf, die über Wohl und Wehe, Sinn und Unsinn, Sein und Nicht-Sein von Menschenleben entscheidet. Der Markt nimmt an und verwirft wie ein calvinistischer Gott. Der Markt verheißt nichts als sich selbst. Sein ,höchstes Gut‘ ist die Hochkonjunktur.“ (Der evangelische Theologe und Philosoph Christoph Türcke: „Der Markt hat’s gegeben, der Markt hat’s genommen“, in: Literaturen 12/2005)

Die Anhänger von herkömmlichen Religionen wissen um ihre eigene Religiosität; sie bekennen sich zu ihr. Nicht so die Mitglieder der Waren- und Geldkirche. Die Theokratie von Ware und Geld durchdringt permanent unser alltägliches Handeln, sodass wir uns dieses Vorgangs gar nicht mehr bewusst sind. Das christliche Reich Gottes war nicht von dieser Welt – die Markt-Theokratie hingegen hat das Diesseits zu etwas Jenseitigem gemacht. Dabei stellt der Kultus des Geldes und der Ware an Absonderlichkeit und Widersinn alle seine Vorgänger in den Schatten. Die Güterreichtumsproduktion wurde dem Selbstzweck der Profitproduktion unterworfen und zu deren Anhängsel. Güter werden nicht der Bedürfniserfüllung wegen geschaffen, sondern zahlungsfähige Bedürfnisse sind umgekehrt dazu da, Gelegenheit zum Geldmachen zu schaffen. So verwandelte sich die alltägliche Reproduktion der Menschen in einen nicht enden wollenden Fetischdienst. Bis zur Absurdität metaphysische Vorstellungen und jenseitige Riten wie das Geldverdienen und das Rechtssystem gelten ihm als völlig selbstverständlich und unhintergehbar, als gesellschaftliche Naturgegebenheit.

Die Warenlogik ist aber kein krudes wirtschaftliches Ding, sondern totale gesellschaftliche Form, auch Subjekt- und Denkform. Das moderne demokratische Bewusstsein ist Ausdruck des warenförmigen Denkens, das seine eigenen Schranken nicht einmal mehr erkennen kann und sich deshalb jede Lösung der gesellschaftlichen Missstände nur auf der Basis von Geld und Verwertung vorstellen kann.

Anstatt weiterhin den Fetisch Verwertung und Markt anzubeten, müssen wir den Kult entzaubern und den konkreten Reichtum ins Blickfeld rücken. Reichtum existiert in der kapitalistischen Gesellschaft immer doppelt: als sinnlich-stofflicher Reichtum (Nahrung, Häuser, Kleidung etc.) und als Geldreichtum. Der sinnlich-stoffliche Reichtum hat aber keine eigene Existenzberechtigung, sondern nur eine als abstrakter Geldreichtum – also wenn er zur Ware wird. Heute wäre es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt kein Problem, genug Güter und Dienstleistungen für alle bereitzustellen. Es ist nur ein Problem, sie immerzu in Ware, in Profit, in Geld zu verwandeln. Das wiederum ist die logische Folge der Entkoppelung der Reichtumsproduktion von der Arbeit. Das heißt, um Güterreichtum zu produzieren, wird immer weniger menschlicher Einsatz gebraucht. Maschinen erledigen das viel besser und billiger. Die Menschen werden arbeitslos und haben wenig Geld zur Verfügung. Sie können sich die in Hülle und Fülle vorhandenen Güter nicht kaufen. So steht das Geld bzw. der Zwang Geld haben zu müssen als Hindernis zwischen ihnen und ihrer Versorgung!

Für die Meisten ist eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von Gütern, also eine direkte Aneignung ohne Kauf und ohne Tausch undenkbar. Dies ist aber die einzige Möglichkeit, allen Menschen ein Gutes Leben zu ermöglichen. – Woher rührt bloß die panische Angst, über die todbringende Logik des kapitalistischen Systems hinauszudenken?

Literatur

Gaston Valdivia: Zeitverschwendung Marktwirtschaft – Über die absurdeste Produktionsweise seit Menschengedenken, in: DEAD MEN WORKING – Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs, hg. von Ernst Lohoff, Maria Wölflingseder u.a., Unrast Verlag, 2004, 2. Auflage 2005.

Anselm Jappe: Das Abenteuer der Ware – Für eine neue Wertkritik, Unrast Verlag, 2005.

Franz Schandl: Vom Einkaufen; Vom Verkaufen, in: Streifzüge 37 und 38 /2006.

Zeitschrift Streifzüge: www.streifzuege.org.

Maria Wölflingseder, Dr. phil., geb. 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädagogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkte: Esoterik-Kritik; Arbeits-Kritik. Zahlreiche Publikationen. Mitherausgabe von DEAD MEN WORKING (siehe Literatur).

Seit 1996 Redakteurin der wertkritischen Zeitschrift Streifzüge. Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Poesie, insbesondere in der slawischen Literatur. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.