31.12.2007  Beitrag drucken

Der Schleier des Abendlands

Erkundungen im Reich des männlichen Blicks. Rechtzeitig zur Integrationsdebatte

Aus: „Freitag“, 20. Juli 2007

Franz Schandl

Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen. Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie: Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen Gewohnheitsrecht. Gerade im entwickelten Kapitalismus inszeniert sich die Ästhetik des Markts primär am weiblichen Körper, speziell in der flächendeckenden Werbung. Frauen haben sich nicht nur im Handeln zu verdinglichen, sondern vor allem auch im Aussehen. Das ist eine der ihnen zugeschriebenen Hauptaufgaben.

Kleidung fungiert doppelt: als Schutz (Kälte, Hitze, Regen, Wind) und als Maske, letztere aufgefächert durch diverse Moden. Die erste Maskierung ist wohl die, nicht nackt sein zu dürfen, nicht zu viel Blöße zu zeigen, Scham zu entwickeln. Doch damit hat es sich nicht. Kleidung als Verkleidung legt einen Schleier über die Person, die sie trägt. Bedeckung mag obligat sein, es ist aber zu fragen, wie weit sie reicht, welche Regionen ihr gehören, welche frei bleiben dürfen bzw. sollen. Weiterhin woraus das Material besteht, was es ausdrückt, ob es eng anliegt, somit Körperformen betont oder ob es gar durchsichtig ist, Haut nicht nur zeigt, sondern durchscheinend hervorhebt. Soll der Körperteil pointiert oder soll er versteckt werden? Ersteres exponiert sich in der Karriere des Netzes und seines prominentesten Vertreters, des transparenten Damenstrumpfs. Netz und Strumpf sind jedenfalls eindeutig dem Frauenkörper zugeordnet. Frauen sind Trägerinnen von Stoffen, bei denen angezogen und ausgezogen nicht unterscheidbar sind.

Netz und Strumpf sind der abendländische Schleier. Nicht in der Nacktheit, sondern in diesem Dazwischen liegt der Reiz, darin also, dass Kleidung den Körper verhüllend enthüllt. Frauen haben die Transparenz ihres Geschlechts am Markt zu demonstrieren. Sie amtieren als Sondermarke. Westliche Frauen haben sich doppelt zu präsentieren. Abseits von Schamlosigkeit und Verlogenheit sollte klar sein, dass sie sexy zu sein haben. Appeal ist gefordert. So und nicht anders funktioniert die männliche Aufforderung zum Aufputz: „Putz dich auf, eher red ich nicht mit dir“, lässt Nestroy in einem Dialog der Geschlechter einen Mann Namens Schlucker sagen. „Es ist ein wirkliches Verdienst für ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen“, schreibt Christian Grave in seinem Essay Über die Moden (1792). „Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem Geschlecht vorgesetzt hat, gehört, dass es gefallen soll, so ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern, seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfen.“

Was ihre Ansichtigkeit betrifft, wird die Differenz der Geschlechter ausdrücklich gefordert. Damen- und Herrenwäsche, von den Dessous ganz zu schweigen, sind leichter zu unterscheiden als Frauen und Männer. Geschlechtsspezifische Mode ist Usus. Die Konstruktion der Geschlechter wird wohl in keiner Frage so deutlich wie in dieser, denken wir nur an das ganze Arsenal: an Schminke, Make-up, Schuhe, Hüte, an Unterwäsche und Röcke, an Strümpfe, Frisuren und chirurgische Eingriffe, an Lippenstift und Nagellack. Dies alles und viel mehr hat der Markt für den Frauenköper entwickelt und bereit gestellt, auf dass es auch Anwendung findet. Hinter diesem Vorhang der Idealisierung des Weiblichen kann sich nicht wenig Verachtung verbergen.

„Ich bin, was ich anziehe“. Welch Doppelsinn! Das spezifisch Angezogene fungiert als das spezifisch Anziehende. Mann sieht aber nicht nur, was Frau herzeigt, sondern was Mann im Auge hat. Die reizende Frau gibt die Sicht des Mannes wieder, die Sichtung des Körpers folgt einer maskulinen Vision. Ausziehen ist interessanter als das Ausgezogene, Verfügung interessanter als Nacktheit. Bürgerliche Erotik ist hochgradig auf dem Gegensatzpaar von Verfügung und Fügung aufgebaut. Die geschlechtliche Zuordnung ist eindeutig. Westlichen Gesellschaften dient die Frau jedenfalls auch zur Selbstaufreizung. Sie ist der zentrale Gegenstand penetrierender Blicke, es geht, wie die Sprache der Reklame es ausdrückt, um „eye-catching“. Nicht zu Unrecht wird verkündet, dass ihr Körper eine Waffe ist. Es ist nur die Frage, mit wessen Waffen wer hier scharf gemacht wird. Einmal mehr zeigt sich, wie Fiktion in Wirklichkeit umschlägt: Die Projektion ist reales Projekt, weil Projektil eines Projektors. Pornographie ist nichts anderes als die Zuspitzung dieses männlichen Voyeurismus. Die Frau ist das sexualökonomisch aufgeladene Projekt der westlichen Hemisphäre. Diese versprüht eine eigene Atmosphäre, die wir wiederum als eigene verspüren. Treten wir aus dieser Atmosphäre aus, sind wir sogleich eigenartig berührt, ergreifen mental ihre Partei, auch ohne Parteigänger geworden zu sein.

„Die Kultur des Westens hat einen vagabundierenden Blick. Die männliche Sexualität ist immer auf der Jagd, lässt den Blick immer schweifen“, schreibt die Antifeministin Camille Paglia in ihrem Buch Die Masken der Sexualität. Es ist schon bezeichnend, wie die Autorin einen korrekten historischen Befund sofort in eine Ontologie des Sexuellen überführt. Paglia ist pro Patriarchat, pro Kapitalismus, pro Mythos. Trotzdem ist ihr Werk von außerordentlichem Interesse, selbst wenn man ihre zentralen Aussagen für unrichtig erachtet. So, wenn sie Sexualität naturalisiert: „Die Masken der Sexualität sind das Produkt der unvermittelten, ursprünglichen Alchimie der Nerven im Spannungsfeld aus innerem Antrieb und äußeren Alternativen.“ Der männliche Blick etwa ist warenförmiger Ausdruck der Moderne und ihrer Reklame. Pornographie ist nicht „unverfälschter heidnischer Bilderkult“, sondern schärfstes Konzentrat kapitalistischer Ikonographie.

An der Frau offeriert sich vielmehr demokratische Zurschaustellung. Ihre Zurichtung als Sexualobjekt ist Tatsache. Als optisches Signal soll es dem Mann versichern, dass es seine Welt ist, in der sie beide zu Hause sind. Die Aufrüstung des weiblichen Körpers ist obligat. Sie ist der Ort demonstrativer Selbstbeschau und Selbstinszenierung am Objekt. Um uns nicht misszuverstehen: Es ist ein substanzieller Unterschied, ob Frau sich darstellen muss oder ob sie sich darstellen will. Wobei die kulturindustrielle Normierung diese Differenz permanent einebnet, sodass Frauen (aber auch Männer) öfter weder erkennen noch fühlen, was da was ist. Das führt auch zur Verunsicherung der Geschlechter, was unmittelbare Deutungen angeht, wechselseitig, aber auch selbstbezogen.

Herrschende Bilder herrschen in uns durch uns. Sie kennen vor allem eine Richtung, und zwar vom männlichen Auge auf den weiblichen Körper. Der erste Eindruck von einer Frau ist, sieht man vielleicht von der Stimme ab, ein ausschließlich visueller. Der Scharfblick des Mannes auf die Frau ist optisch überdeterminiert. Wenn Mann eine Frau betrachtet, wirft der Spiegel des Marktes ein Bild, das dessen Kriterien als relevante vorerst einmal repliziert und einen entsprechenden Scan liefert. Das dabei entstandene Bild mag absolut falsch sein, sich etwa im Falle eines näheren Kennenlernens als völlig haltlos herausstellen und sich entsprechend umgestalten. Indes, dieser engere Kontakt tritt selten ein, zu dieser Intimität sind wir nur ausnahmsweise fähig. So bleibt also meistens ein Eindruck prägend, der an wenigen Äußerlichkeiten hängt. Einschätzung meint Eindruck.

Wir sehen nicht einfach Gegenstände, wir werfen objektivierte Blicke. Der Blick ist alles andere als unbefangen, er ist eine formatierte Größe der zweiten Natur, auch wenn er sich als sinnliche Gewissheit glaubt. Er ist eine synthetische, keine analytische Leistung. Das liegt auch daran, dass das Blicken haltlos ist, abläuft wie ein Film. Optische Betrachtung ist ein weitgehend kritikfreier und unreflektierter Bereich. Noch viel weniger als über Sprache und Schrift verfügen wir über den Blick. Dieser folgt vielmehr seiner sozialisierten Linse. Das männliche Auge, von dem primär die Rede ist, kapriziert sich, mag dem Besitzer das nun passen oder nicht. Die Magie der Bilder ist omnipräsent. Unsere Welt ist von Bildern umstellt, konsumiert von „Zwangsvoyeurs“ (Günther Anders). Weder Wissen noch Gewissen regulieren den Blick. Wir sprechen auf Reize an, ob wir wollen oder nicht. Eine geschlechtsspezifische Analyse dieses Blicks ist evident. Ebenso wichtig wäre auch eine Debatte über die Hierarchie der Sinne, ihre Modellierungen und Zulassungen, ihre Gebote und Verbote und deren Grundlagen. Dies wäre aber von ungemeinem Interesse, nicht nur betreffend den besonderen Charakter westlicher Frauenemanzipation, sondern auch, um die gesellschaftlichen Substrukturen der Kommunikation überhaupt offen legen zu können.

Bestimmte Raster des Islams wollen die Frauen als inferiore Subjekte, das heißt Subsubjekte von Markt und Staat definieren, ja sie geradezu abschirmen, indem man ihre Mündigkeit beschränkt. Solche Vorstellungen verweisen auf Desexualisierung und Degradierung im öffentlichen Raum. In diesen Verhältnissen sollen Frauen als verhangene Wesen kein Antlitz zeigen, Stoff als Maske ist Pflicht. Haben diese Frauen im Extremfall kein Gesicht mehr, so sollen westliche Frauen entsprechende Körper und adäquate Ansichten nicht nur herstellen, sondern auch den Blicken zur Verfügung stellen. Sexualisierung ist aber nicht als weibliche Erhöhung zu verstehen, sondern als männliche Erbauung. Was die veröffentlichte Frau des Westens unbedingt sein soll, das darf die muslimische Frau partout nicht sein. Sollen Erstere sich den Blickfängen darbieten, so dürfen Letztere diese gar nicht erst zulassen. Der von strengen Auslegungen des Korans geprägte Schleier (aber auch schon das Kopftuch) etwa offenbart die ausschließliche Disponibilität der Frau für einen Mann. Ihre Privatisierung.

Öffentliche Dresscodes hingegen legen eine multiple Verfügung nahe, auf jeden Fall herrscht bezüglich Frauen optische Demokratie, zumindest bis zur Grenze des Stalking. Die gesellschaftliche Pflicht der Frau besteht darin, sich anschauen lassen zu müssen. Daher auch anschauen lassen zu können. Natürlich sind das hier idealisierte Masken, die herausgearbeitet wurden, nahe legen wollen wir aber, dass es sich um verschiedene Plateaus ein und derselben männlichen Werteskala handelt. Verschleierung ist nicht nur eine Form, die ausschließlich die orientalische Frau betrifft. Die Verschleierungen des Westens, was die Zurichtung des weiblichen Körpers betrifft, ist lediglich eine andere. Sie ist inzwischen fast ausschließlich impliziten Charakters. Sie fällt als Besonderheit nicht auf, weil sie Selbstverständlichkeit ist.

Verhüllen und Enthüllen haben mehr gemeinsam als angenommen. Der Blick führt da auf die falsche Spur, wenn er, Standpunkt beziehend, Norm und Abnorm scheidet. Indes, beide Modellierungen demonstrieren einen Zugriff auf das weibliche Objekt via Zurichtung. Beide Modellierungen wollen normierend sein, nicht bloß Möglichkeiten durchspielen, sondern Zwänge durchsetzen. Beide Modellierungen wollen den Körper der Frau und die Sicht darauf reglementieren, ihn auf keinen Fall ihr überlassen. Darf die Eine kein öffentliches Lustobjekt sein, so hat die Andere es zu wollen. Lust ist beide Male auf einer schiefen Ebene gelandet, so unterschiedlich die Varianz der Sexualität auch ausfällt. Privatisierung und Vergesellschaftung des Weiblichen setzen im Okzident wie im Orient auf unterschiedliche Akzentuierungen. Es ist bei aller Differenz aber nicht so, dass die einen einfach frei sind und die anderen unfrei. Doppelter Konsens ist, dass Frauen hier wie dort spezifischen Konventionen und Konditionierungen ausgeliefert sind, ihre Personifikation über die Präsentation einen hochregulierten Bereich darstellt.

Die berechtigte Kritik des orientalischen Patriarchats lenkt ab von der Kritik des westlichen. Dieses, um vieles subtiler, verkauft sich ja heutzutage als feministischer Hort der Emanzipation. Es gendert. Gleichberechtigung bedeutet, dass die gleichen männlichen Regeln für Männer und Frauen gelten, manchmal inklusive positiver Diskriminierung zur Erzielung bestimmter Quoten. Der Westen prämiert sich, weil er die Frauen direkt in den Markt hereingenommen hat; nicht nur reell unterworfen sind sie, sondern ihm auch formell zugehörig. Das Recht hat gesiegt, die Frau ist vollwertige Staatsbürgerin geworden. Das und nicht mehr meint Gleichberechtigung – und zweifellos, es ist auch eine. Der männliche Maßstab differenziert sich nicht in Zugangsbeschränkungen, auch wenn es diese noch gibt. „Frauen an den Herd!“ ist auf der politischen Ebene ein Minderheitenprogramm. Bürgerliche Frauenbefreiung besteht darin, männliche Maßstäbe auf einen einzigen zu reduzieren, auf dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Das führt dann oft zu grotesken Erscheinungen: zu Frauen, die partout ihren Militärdienst ableisten wollen oder zu Männern, die die Anhebung des Pensionsalters für Frauen einfordern. Derlei gerichtsanhängige Klagen haben ob der offensichtlichen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gute Erfolgschancen.

Was die sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre charakterisiert, ist wohl dies: Alle haben dezidiert oder uneingestanden den weißen Mann des Westens zum Leitbild. Alle wollen irgendwie seine Rechte in Anspruch nehmen: die Arbeiter, die Frauen, die Kolonisierten, die Minderheiten und die Mehrheiten. Der Kampf um Rechte, um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung war stets ein immanenter. Diese Begehren übernehmen den Maßstab der Herrschaft und schreien nach ihrem Quantum. Noch heute wandern viele in jene Länder ein, in denen solch persönliche Ziele am ehesten möglich erscheinen. Bürger wollen sie werden, in doppeltem Sinne: Staatsbürger und Besitzbürger. Die Anziehungskraft ist hier zweifellos immer noch um vieles stärker als jede Sprengkraft. Und jetzt sage niemand, erstere sei Folge einer Illusion. Aber selbstverständlich!