31.12.2007  Beitrag drucken

Entkoppelt euch!

Kapitalismuskritik gibt es heute an jeder Ecke. Ein radikaler, emanzipatorischer Antikapitalismus muss sich vom Größenwahn revolutionärer Subjekte befreien und das System, das Menschen und ihre Bedürfnisse für überflüssig erklärt, selbst als überflüssig entlarven.

Jungle World 48/2007

Ernst Lohoff

Die gegenwärtige Phase kapitalistischer Entwicklung unterscheidet sich grundlegend von früheren. Seit den Tagen der industriellen Revolution hatte der Vormarsch der warengesellschaftlichen Formprinzipien – Arbeit, Recht und Politik – als ein Prozess repressiver Integration funktioniert. Heute dagegen ist deren Herrschaft identisch mit repressiver Entgesellschaftung. An der Weltmarktperipherie hat sich die Perspektive der Bildung funktionstüchtiger Nationalökonomien und der Einbindung der Bevölkerungsmehrheit in die moderne Arbeitsgesellschaft ein für allemal verflüchtigt. Selbst bei einem vermeintlichen Erfolgsmodell wie China läuft kapitalistische Entwicklung nur auf die Bildung minoritärer Weltmarktinseln hinaus, die von einem Meer des Mas­senelends umgeben sind.

Aber auch in den Weltmarktzentren trägt das System der Wertverwertung immer weniger zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Reproduktion bei, nachdem es diese von seiner eigenen abhängig gemacht hat. Nicht nur, dass immer mehr Menschen als unverwertbar ausgesondert werden; zur Disposition stehen auch kostenlose Bildung, eine vom Inhalt des Portemonnaies unabhängige medizinische Versorgung, ein flä­chen­deckendes öffentliches Verkehrsnetz und andere Teile der öffentlichen Infrastruk­tur.

Kein Kapitalismus ohne die Degradierung von Men­schen zu Anhängseln der Verwertungsmaschine, ohne die Zurichtung ihrer Bedürfnisse. Der globale Kapitalismus unserer Tage hebt sich insofern von früheren Entwicklungsstadien ab, als ein historisch neues Trauma Ausbeutung und Zurichtung überlagert. Die Knechte des Kapitals werden für ihren Gehorsam gegenüber den waren­gesellschaftlichen Formprinzipien Arbeit, Recht und Politik damit belohnt, dass sie und ihre kollektiven Bedürfnisse auch in ihrer zugerichteten Gestalt zunehmend als irrelevant unter den Tisch fallen. An die Stelle des Paradigmas der Ausbeutung tritt eine neue Urerfahrung, das Trau­ma der – vom kapitalistischen Standpunkt aus gesehen – überflüssigen Menschen mit überflüssigen Ansprüchen.

Die Zukunft der verschiedenen gesellschaftlichen Lager hängt entscheidend davon ab, wie sie mit diesem Trauma umgehen. Ist es möglich, dass es zum Ausgangspunkt eines neuen Antikapitalismus wird, und was ist dazu notwendig? Die Antwort hängt davon ab, was man unter Antikapitalismus versteht. Wer nicht nur an emanzipative Konzepte denkt, der muss auf die Renaissance des Antikapitalismus nicht mehr warten, sie ist bereits da. Angesichts der vom totalen Markt angerichteten Verheerungen schlägt das ideologische Pendel mittlerweile in die entge­gengesetzte Richtung aus. Ob das links-klientelistische Regime des Hugo Chávez, die islamistische Transnationale, die auf Querfront orientierten Nazis oder die sozialdemokratischen Heu­schreckenjäger, »irgendwie« kritisieren heute alle den Kapitalismus. Sogar die Zeit diagnostizier­te kürzlich ein globales »Marktversagen«.

Um den Gedanken eines bewussten Bruchs mit der kapitalistischen Logik und dem Ziel einer weltumspannenden »freien Assoziation der Produzenten« (Marx) ist es dagegen alles andere als gut bestellt. Sie gelten mehr denn je als abwegig und weltfremd, und de facto hat auch die radikale Linke die Idee einer emanzipativen Umwälzung ad acta gelegt.

Ein Grund für den Misserfolg des radikalen Antikapitalismus ist in dessen überkommenem Selbst­verständnis zu suchen, das ihn davon abhält, sich dem Urtrauma unserer Epoche zu stellen. Die großen antikapitalistischen Strömungen der Vergangenheit erwuchsen aus einem Gefühl der Stärke, und zwar einer Stärke innerhalb des mit dem Kapitalismus entstehenden Bezugsrahmens. Als erste hat die klassische Arbeiterbewegung ein solches Selbstverständnis formuliert. Antikapitalismus hieß für sie, den arbeitenden Massen einzubläuen, dass sie als »Schöpfer aller Werte« dazu aufgerufen seien, die Welt nach ihrem Bilde neu zu erschaffen und Politik, Arbeit und Recht mit einem menschenfreundlichen Inhalt zu füllen.

Die Stelle des Industrieproletariats nahmen später andere »revolutionäre Subjekte« ein. Das Grundmuster hat sich dabei beharrlich reproduziert. Quelle des antikapitalistischen Selbstbewusstseins blieb der Glaube, für jene sozialen Kräf­te zu stehen, auf die es ankommt, die auch die auf den Basisformen Wert, Arbeit, Recht und Politik beruhende kapitalistische Gesellschaft im Innersten zusammenhalten.

Diese Selbstüberhöhung hat es den emanzipatorischen Bewegungen der Vergangenheit erleichtert, die im Zeitalter repressiver Integration vorhandenen Spielräume zu nutzen. Unter den Bedingungen »repressiver Entgesellschaftung« zeitigt die Gewohnheit, Antikapitalismus mit dem Beschwören der eigenen Stärke auf dem Boden von Arbeit und Politik kurzzuschließen, aber desaströse Folgen. Entweder die Antikapitalisten verzweifeln an der Unveränderbarkeit der Verhältnisse, oder sie zahlen mit Realitätsverlust.

Im Rahmen dieser Disko-Serie wurden in der Jungle World mehrfach neo-operaistische Posi­tionen als theoretisch nicht satisfaktionsfähig ab­gewatscht. Das ist zwar berechtigt, angesichts der präsentierten Alternativkonzepte aber auch billig. Hardt/Negris Konstrukt der »Multitude«, deren unerschöpfliche Produktivität eigentlich schon den Kommunismus darstellt und die der parasitären Macht des »Empires« nur äußerlich unterworfen sein soll, stellt die verlorene form-immanente Stärke emanzipatorischer Strömungen halluzinatorisch her. Was unter den heutigen Bedingungen die Unterwerfung unter die Imperative von Arbeit und Politik bedeutet, verschwindet hinter Größenwahn.

Mit der Entsorgung der Ohnmachtserfahrung ist der Postoperaismus aber keineswegs allein. Mit etwas anderen Mitteln widmen sich die konkurrierenden Ansätze dem gleichen Geschäft. Insbesondere jene Positionen machen da keine Ausnahme, die empirisch die Schwäche der eman­zi­patorischen Kräfte einräumen, um diese dann zum Ergebnis mehr oder minder zufälliger gesell­schaftlicher Kräfteverhältnisse zu erklären und damit als auf dem Boden von Arbeit und Wert reversibel zu behandeln. Die Verteilungskämpfe zwischen den konkurrierenden Warensubjekten bilden eine neutrale Sphäre, in der, entsprechende Anstrengungen vorausgesetzt, alles passieren kann. Angesichts der strukturellen Entwertung der Ware Arbeitskraft im Gefolge der mikroelektronischen Revolution ist bereits das Schlachtfeld das Problem, nicht erst die Schlachtordnung.

Auch beim positiven Bezug auf die Politik, auf das Austarieren des warengesellschaftlichen Gesamtinteresses, ergibt sich das gleiche Dilemma. Wer als Antikapitalist in der gegenwärtigen Phase kapitalistischer Entwicklung die Herstellung eines Allgemeininteresses auf dem Boden von Arbeit, Wert und Co. als unhintergehbare Vorgabe akzeptiert, versucht, ein Ausschluss- und Ruhigstellinteresse in sein Gegenteil zu verkehren.

Die Verschärfung sozialer Ungleichheit, die in den vergangenen Jahrzehnten zu verzeichnen ist, wird in der linken Diskussion gern als die Ver­schär­fung des »Klassenkonflikts« gefasst. Diese Interpretation soll den antagonistischen Charakter der heutigen sozialen Gegensätze herausstellen. Näher betrachtet, beginnt indes schon mit dem Rückgriff auf die Klassenkategorie die Flucht vor der gegenwärtigen historischen Konstella­tion. Zieht man den revolutionsromantischen Über­schwang ab und reduziert den Klassenbegriff auf seinen analytischen Kern, dann sind Klassengegensätze Gegensätze zwischen unterschiedlichen Warenbesitzerkategorien. »Bourgeoisie« und »Pre­kariat« gleichermaßen als Klassen zu verstehen, bedeutet, deren Konflikt mit dem Gegensatz von Kapital und Arbeit aus der Aufstiegsphase der Warengesellschaft auf eine Stufe zu stellen, also diesem einen symmetrischen Charakter zuzuschreiben. Der Klassenkonflikt erscheint als eine Auseinandersetzung zwischen Gegnern, die einander auf dem Boden von Wert, Politik und Arbeit zumindest im Prinzip gewachsen wären.

Die Entstehung eines Prekariats geht aber nicht auf Klassenformierung zurück, wie die fälschliche Verwendung des Klassenbegriffs suggeriert, sondern ist Ausdruck von Deklassierungsprozessen. Auch wenn die Ausschlussgesellschaft auf Gegenwehr träfe, behielte der Konflikt asymmetrischen Charakter. Um an Gegenwehr auch nur zu denken, müssen die Antikapitalisten aber aufhören, das Urtrauma der gegenwärtigen Epoche wegzuretuschieren. Stattdessen gilt es, es möglich zu machen, die ebenso logische wie radikale Antwort auszusprechen: Das System, das Menschen und Bedürfnisse für überflüssig erklärt, ist überflüssig. Entkoppelt die Wertverwertung ihre Reproduktion von der gesellschaftlichen, dann bleibt als emanzipatorischer Ausweg nur die Entkoppelung der gesellschaftlichen Reproduktion von der Wertverwertung.