31.12.2007  Beitrag drucken

Lifelong Guidance

Anläufe zum Verstehen und zur Kritik eines Features postmodernen Lebens

Streifzüge 41/2007

Lorenz Glatz

0. Vorspiel

„Lifelong guidance“ ist nicht nur eine Fortentwicklung und Ausweitung von ebensolchem „learning“, es ist auch ein deutlicher und ehrlicherer Name für das, was derzeit als Erfordernis postmoderner Lebensweise über uns hereinbricht. Erwerb von Wissen und Fertigkeiten ist schon lange nur ein Teil der „guten Führung“, ohne die eins in der Arbeitsgesellschaft keine Stellung bekommen und halten kann. Schließlich war bereits am Anbeginn der Schulpflicht die Disziplin der Schulglocke und des Rohrstocks mindestens ebenso wichtig wie das Lesen und Schreiben. Und die Armee der allgemeinen Wehrpflicht erklärte als „Schule der Nation“ ihren Rekruten gleich nach dem ersten Wecken, dass sie hier „zu Menschen“ gedrillt werden sollen.

Die bürgerliche Gesellschaft begann mit der Lektion für die Massen, dass die Arbeits- und die Kampfmoral allemal noch vor dem Fressen stehen, und auch die radikal linke Variante dieser Ordnung proklamierte mit Lenin1 die aktualisierte Bibelweisheit: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Solcherlei Programm braucht Erziehung, Führung und guten Rat. Die Menschen waren Derartiges schlicht nicht gewohnt. In den ersten 99 Prozent der Geschichte hatten sie nämlich ein meist kürzeres, zuweilen auch armes, aber vergleichsweise recht gemächliches, entspanntes Leben.2 Selbst schlafen darf eins heutzutage weniger. Man braucht in diesen Zeiten gar nicht alt werden, um meist beträchtlich mehr Zeit im Wachzustand3 und mit Geldverdienen und Geldausgeben verlebt zu haben als ein durchschnittlicher Gleichaltriger noch vor hundert Jahren, von der vervielfachten Intensität der Arbeit gar nicht zu reden.

Die Rede von der „lifelong guidance“ ist zwar gewiss nicht kritisch gemeint, sie steht aber doch auch in einem bemerkenswerten Gegensatz zum propagierten Ideal, in diesen schlaflos-aufgeweckten Zeiten4 „selbst seinen Weg zu gehen“ und die allerorts verlangte Selbständigkeit und Selbstverantwortung auch wirklich zu leben. Zumindest auf die Sprünge muss einem heute allüberall geholfen werden. Wir brauchen eine ständig aktualisierte Bedienungsanleitung für unseren psychischen Apparat, wie wir mit der zunehmend artfremden Menschenhaltung in dieser Gesellschaft doch noch zu Rande kommen können.

1. Auf der schiefen Bahn

Soll ja niemand sagen, dass wir nicht auch bisher einiges gelernt hätten. Die Basics der Geld- und Arbeitsgesellschaft bekommen wir heutzutage fast mit der Muttermilch verabreicht – Kauf, Verkauf, Leistung und Konkurrenz stehen in der öffentlichen Meinung im Rang von Naturgegebenheiten des gesellschaftlichen Lebens. Und doch braucht es mehr denn je begleitendes „fine tuning“, „guidance“ eben, und das gleich lebenslang. „Lebenslänglich“ ist hierzulande die Höchststrafe, die gegen als Mörder entgleiste Leute sozusagen als sehr enge und strikte Führung verhängt wird. Nach fünfzehn, zwanzig Jahren Haft aber gilt der Delinquent im Allgemeinen wieder als auf Spur gesetzt und geht bei „guter Führung“ frei.

Beim beruflichen Lernen ist seit geraumer Zeit „lebenslang“ allerdings viel ernster gemeint, die Dauer beträchtlich weitergesteckt. In den Weiterbildungskursen sitzen heutzutage noch Leute in den Fünfzigern zur Nach-, Neu- und Umschulung, und den grünen Jungen erklärt man, noch bevor sie einen Beruf lernen, dass dies nur ihr erster sein wird.

Dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, war einmal ein Trost, eine Hoffnung, dass es nach dem Lernen besser wird. Der Spruch war insofern realistisch, als er noch zugab, dass Lernen nicht grad ein Segen sein muss (auch wenn es mit dem Herrentum danach für die meisten schon immer nicht weit her war). Inzwischen wird aber auch hier der Weg zum Ziel und Lernen wird, da offenbar nichts Besseres nachkommt, selbst zum hohen Gut, um das sich eins sein Leben lang reißen soll. Nicht das Ob wird noch diskutiert, bloß noch das Wie, Was und Wieviel.

Den Hintergrund dafür haben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest beschrieben, vermutlich ohne sich vorzustellen zu können, wohin das noch führen würde: „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. … Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht…“5 Die Seele dieser hektischen Lebensweise ist ein Wirtschaften, für das das Werken der Menschen und die Stillung ihrer Bedürfnisse nur ein Mittel, ständige, exponentielle Vermehrung investierten Gelds hingegen der (Selbst-)Zweck ist. Und zwar in Form der Konkurrenz, wo sich nach dem olympischen Prinzig nur verwerten kann, was „citius, fortius, altius“ (schneller, stärker, höher) unterwegs ist.

Einmal in Gang gesetzt, ist diese Entwicklung eine schiefe Bahn samt der dazugehörigen Beschleunigung. Nach ein paar Jahrhunderten Bearbeitung des Mittels Mensch, seiner Arbeitskraft und seiner Bedürfnisse, ist dieser zwangsweise weitgehend vom Zweck der Verwertung geprägt. Einerseits hat sich das Kapitalverhältnis über die ganze Gesellschaft ausgedehnt, immer mehr Bereiche von Subsistenz aufgesogen und die menschlichen Beziehungen in hohem Maße monetarisiert und verrechtlicht. Andererseits wird all das von uns selbst schon nicht mehr als uns aufgeherrscht und uns äußerlich erlebt, sondern wohl oder übel als Lebensaufgabe akzeptiert. Ja, es braucht daher zunehmend nicht mehr diverse Institutionen und Agenten der Gesellschaft, des Staats und der Wirtschaft, um uns anzutreiben, das erledigen wir meist selber. Und wenn wir nicht mehr weiterwissen, was bei dem steigenden Druck nicht selten ist, gibt es kaum mehr Menschen unseres Vertrauens, die uns da helfen könnten – wer hat noch viel Zeit und Energie für Freunde, und welche Freundin kennt sich noch aus bei den wechselnden Problemen? Dafür gibt es einen ganzen Marktplatz voll von professionellen Beraterinnen, Coaches, tröstenden Begleitern und ähnlich Kompetenten, die für Geld zu haben sind, wenn man Geld hat. Wem da nicht mehr zu helfen ist, der scheidet aus. Die permanente Revolution hetzt die Menschen und frisst jene, die nicht weiterkönnen. Denn eins ist auch neu in dieser „fortwährenden Umwälzung“: Der Sockel der Unbrauchbaren wächst. Einmal langsamer, dann wieder schneller. Und nach der Systemlogik ist dort „tilt“, Endstation.

2. Identifikation mit dem Aggressor

Die Alternative Arbeiten um zu leben oder Leben um zu arbeiten verschwimmt, weil Leben und Arbeit verschmelzen und es wird schwierig, sich vorzustellen, dass es jenseits der Arbeit ein Leben geben könnte, das mehr und Schöneres bereithält als das verdiente Geld für „all inclusive“ auch wieder auszugeben, Arbeit durch Konsum zu ergänzen und Etappe zu sein für den nächsten Einsatz. Es wird einem da dringend nahegelegt, sich der „Herausforderung“ eines Daseins für die optimale Verwertung der eigenen Lebenszeit zu stellen, sie zum eigenen, ganz persönlichen Anliegen zu machen. Schließlich sind heute selbst relativ unkomplizierte Tätigkeiten gar nicht mehr zu schaffen, ohne dass eins seine ganze Person dafür einsetzt und nicht lang fragt, wofür denn eigentlich das Ganze gut ist.

Das alles ähnelt sehr dem so genannten Stockholm-Syndrom, der Sympathie von Geiseln für ihre Entführer, der Identifikation mit dem Aggressor. Aber wer eben so lebt, kann sich diese Einsicht nicht leicht leisten. Wie sollte er/sie dann weiterlaufen, mit Optimismus und ständig einem Lächeln im Gesicht? Dafür braucht man „guidance“, davon leben Millionen von Beratern, Therapeuten usw. usf. Erkenntnis braucht Distanz, Zeit hinzuschauen, Kraft und Mut, und vor allem Hoffnung, dass es auch anders ginge. Denn wer streicht schon so einfach durch, was einen Großteil seines Lebens ausmacht, wenn es schwer geworden ist, sich auch nur vorzustellen, was eins anders hätte machen können und vor allem: was wir Besseres machen könnten.

Das Gefühl, dass „für dieses Leben der Mensch nicht gut genug“ ist und er daher entschieden nachgebessert gehört, nimmt zu. Lehrpläne und regen Kursbetrieb für dies und das gibt es bereits für Kindergärten, und erst unlängst hat ein alpenländischer Schulpolitiker überprüfbare Leistungsnormen für Dreijährige verlangt6, was die Experten für lächerlich halten, es sei denn, sie selber dürften was Gescheites daraus machen, was Kreatives, Kindgerechtes usw. Es gibt jede Menge Leitfäden und Beratungsstellen für den beruflichen und privaten Erfolg von der Wiege bis zur Bahre, speziell massenhaft Literatur für Eltern, wie sie der Entwicklung ihres Nachwuchses auf die rechte Weise nachhelfen können.

Es ist schon seit längerem nicht mehr so, dass Staat und Wirtschaft dem Volk die Schulung erst verordnen müssten. „Bildung“ und „Beratung“ ist im Gegenteil stark nachgefragt, man lässt sie sich was kosten. Eltern z.B. engagieren sich mehr denn je für die Schule, für die beständige Motivation der Kinder, für die Ausbildung der verschiedenen Sorten ihrer Intelligenz, Emotionalität und Kreativität. Sie nutzen die dafür geschaffenen öffentlichen Dienste und kaufen, was auf dem Markt sich an Einschlägigem drängt. Sie haben, wenn sie an das Glück der Kleinen im Leben denken, nicht einfach Freude und Unbeschwertheit im Auge, sondern wissen sehr gut, dass auch die Jüngsten auf einem Dauerprüfstand stehen, ob sie für den Dschungel dieser Gesellschaft auch wirklich taugen. Weil Eltern ihre Kinder ja oft lieben, reagieren sie auf absehbare Schwierigkeiten mit gesteigerter Förderung, und da das Leben nun einmal ein Kampf um einen der knappen Plätze an der Sonne ist, sparen sie nicht mit gutem Zureden, einigem Zusetzen und mit Zusatzangeboten und tun ihr Möglichstes, dass die Sprösslinge im Licht stehn. Dazu muss man andere in den Schatten stellen, aber das ist halt so, das hat man weder gewollt noch sich ausgesucht. Ob man will oder nicht: Es beruhigt klammheimlich ungemein, zeigt es doch, dass das Junge auf dem rechten Weg ist. Und immerhin hatten doch die „im Schatten“ auch ihre Chance, und wenn nicht, dann war es doch ihre Schuld. Schlimmstenfalls gibt es immerhin noch ein bisschen Sozialstaat und die Caritas.

Die adoleszenten Checker haben die Sache dann selber in die regen Hände zu nehmen, sie nutzen, kaufen zu und konsumieren möglichst in Rekordzeit alles an Qualifikationen, was Kraft, Zeit, Stipendien und das elterliche Konto hergeben. Doch Auslernen, Erwachsen werden ist nicht mehr: Wir haben zu arbeiten, aber mehr denn je sind wir selbst zu bearbeiten. Dabei ist Lernen bald schon im Hintergrund; es geht um Orientierung, Motivation, Supervision, Coaching, Counselling, Therapie und was es sonst noch an „guidance“ geben mag), damit unsere Einstellungen, „Vorstellungen und Anschauungen“ nicht „veralten“, unsere Kraft nicht versiegt und wir, Gott möge abhüten, unverkäuflich, unverwertbar werden.

Diese ganze Strebsamkeit ist im Grund (post-)modernisierte bzw. internalisierte Prügelpädagogik, „lebenslänglich“ Auto-Strafvollzug – state of the art, voll auf der Höhe des historischen Stands der Geld- und Arbeitsgesellschaft. Ein solcher Befund kommt allerdings bei den angestrengt Bemühten leicht als persönlicher Angriff an und muss mit Unverständnis, wenn nicht Feindseligkeit rechnen.

3. Sisyphos hat nachgelernt

Albert Camus hat das Leben in der modernen Arbeits- und Konsumgesellschaft vor 65 Jahren als so absurde wie unvermeidliche Sisyphosarbeit7 dargestellt. Doch auf dem Rückweg zu seinem Stein, der so wie immer den Berg wieder hinuntergerollt ist, „während dieser Pause“, in dieser „Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil“, in dieser „Stunde des Bewusstseins“ kann sich der von den Göttern verdammte Sisyphos in seinem Denken über Gott und Verhängnis erheben, „ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels“.

Diese „Stunde des Bewusstseins“ ist heutzutage die Zeit der „guidance“. Der Stein lässt Sisyphus auch beim Freigang nicht los. Der ist knapp, dient dem Kräfteholen und der Nachschulung, bis er zum Felsblock zurückgeführt hat. Die sichere Absurdität der Mühe ist zum ungewissen Abenteuer der Arbeit geworden. Fürs Steinewälzen muss eins sich unermüdlich weiter-, um- und neu qualifizieren, mental und moralisch neu einstellen, nachjustieren, denn der Stein ändert sich, ist auf neuer Route, auf neue Art und vor allem schneller wieder den Berg hinaufzubringen. Sisyphos ist wohlberaten, lernt dazu: er muss nicht, er will. Das Steinewälzen hat vielleicht einmal nach Verdammnis ausgesehen, mittlerweile ist es eher etwas, das man von Herzen wünschen muss, denn es gibt Schlimmeres als den Stein: gar keine Arbeit. Der „ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter“ fürchtet vor allem eins: überflüssig zu sein.

Und so verbraucht er die „Stunde des Bewusstseins“ mit Denken, zielgerichtet, technologisch, lösungsorientiert, ob es den Stein, das Wälzen oder ihn selbst betrifft. Er ist „forever young“, sein Denken führt nicht weiter als immer wieder bis zum Stein, die Anstrengung macht bloß müde, nicht erfahren, das Können bleibt kindisch und neu, das Alter macht bloß schwach, schwerlich weise. Camus‘ Sisyphos nimmt seine Verdammnis als sein Leben an, er überwindet das auferlegte Schicksal „durch Verachtung“ und macht es zu seinem, indem er „die Götter leugnet und die Steine wälzt“. Zwei Generationen später mischt sich hinter Lächeln versteckte Angst in die Ergebenheit, und aus dem trotzigen Aufschauen des Verdammten wird der Tunnelblick des positive thinking.

4. Freud hat recht, wenn wir ihm nicht alles glauben

Gesund ist diese Postmoderne nicht. Erst im Frühjahr 2007 wurde auf einem Kongress „Depression und Gesellschaft“8 dazu festgestellt: Es ist eine „fließende Moderne“, das Ideal ist der „modulare Mensch“. Er hat keinen stabilen, festen Charakter, sondern stellt ein Wesen mit mobilen, disponiblen und austauschbaren Qualitäten dar. Der Mensch lebt in einer grundlegenden Unsicherheit; sein Leben gleicht einem „Navigieren auf Sicht“, einem Dahintreiben im Ungewissen. Depression ist daher eine „Volkskrankheit“ geworden. Immer mehr Menschen klagen über tief greifende Erschöpfungszustände, Antriebslosigkeit und das Gefühl, völlig „ausgebrannt“ zu sein. Berufliche Überforderung, erhöhter Stress, der Zwang, immer zu funktionieren, die Anforderung, mobil zu sein, die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, die Sorge um eine gesicherte Pension sind Komponenten, die für die Verbreitung der Depressionen verantwortlich sind.

In den Kategorien der herrschenden Ordnung sind das entfallene Arbeitszeit, Gesundheitskosten, Ansporn für Reformen und vermehrte „guidance“, um den Verwirrten und (Ver-)Zweifelnden doch noch den rechten Weg zu weisen. Für Menschen jedoch kann dieses Krankheitsbild das aktuellste Update einer langen Kette von Hinweisen sein, dass diese Gesellschaftsordnung auch nach Jahrhunderten noch immer nicht und erst recht nicht zu uns passt. Man kann gewiss nicht sagen, dass die Menschheit es nicht versucht hätte. Um jede Kurve und auf jede Steigung, jeden Absturz und in jede Sackgasse sind wir mitgelaufen, und doch: Nicht nur Loser, auch Checker saufen, koksen, schlucken, rauchen, spritzen, um mit den Lebensumständen fertig zu werden9 – und sind trotz aller Profi-Hilfe höllisch deprimiert oder bloß chemisch high. Nicht eine Handvoll, sondern viele, und es werden mehr.

Nun, neu ist die Erkenntnis gerade nicht, dass die Gesellschaft Menschen krank macht. Sehr beachtet ist sie aber auch nicht: „Unbehagen in der Kultur“10 hat schon Sigmund Freud diagnostiziert. Und zwar als grundsätzlich und unvermeidlich, denn eine andere Zivilisation als die gegebene hält er nicht für möglich. Die menschliche Triebstruktur und ihr Lustprinzip sind asozial und widersprechen fundamental dem Realitätsprinzip der Leistung und Verwertung, das für Kultur/Zivilisation erforderlich ist und daher die menschlichen Triebe unterdrücken und eng kanalisieren muss. Kultureller Fortschritt, wachsende Beherrschung der Natur sind mit Unterdrückung von Lust und Glück erkauft – und steigern zwangsläufig Aggression und Destruktivität. Therapie vermag in diesem Rahmen nur „hysterisches Elend in gemeines Unglück“ zu verwandeln. Und das ist wohl auch das Beste, wozu heute „lifelong guidance“ auf ihre Weise (von Fall zu Fall vielleicht noch) imstande ist.

Freud ist in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs als Exilant gestorben. Ob er geahnt hat, wie stark noch technischer Fortschritt und Destruktivität gegen Mensch und Natur, von der Atombombe bis zum drohenden Klimakollaps, zusammenwachsen werden und in welchem Ausmaß noch der Wohlstand der Stärkeren von Kriegen, Fanatismus, Antisemitismus, Ausrottung ganzer Völker und bitterer Armut und/oder alltäglichem seelischen Unglück eines Großteils der Menschheit flankiert sein werden?

Die Theorien, die den von Freud analysierten Gegensatz von menschlicher Konstitution und den Erfordernissen der herrschenden Gesellschaftsordnung leugnen und jene schlicht mit diesen identisch setzen, herrschen – wenig verwunderlich – in der Geschichte vor. Seit etlichen Jahrzehnten wird solches Bewusstsein kulturindustriell flächendeckend und in steigender Intensität produziert. Es sind die individuellen „Funktionsstörungen“ und die sozialen Eruptionen, die auch auf der Oberfläche anzeigen: „Es is‘ alles net wahr“. Trotz aller brutalen Prügel, trotz der freundlichsten „guidance“ – für dieses Leben sind wir nicht geschaffen. Auch Freuds freundliche Resignation ist nicht jedermanns Sache, und die der Frauen hoffentlich noch weniger. Was nach wie vor ansteht, leider aussteht, ist – um in der Terminologie des Wiener Doktors zu bleiben – die praktische „Kritik des geltenden Realitätsprinzips im Namen des Lustprinzips“ (Herbert Marcuse)11, der Utopie der Fantasie zur Wirklichkeit zu verhelfen, die sich nie mit einer Realität abfindet, die nicht glücklich macht. Unverdrossen.


Anmerkungen

1 Lenin 1917 in Staat und Revolution (Werke Bd. 25, Berlin 1960, S. 481). Ein Jahr später in „Über die Hungersnot“ schreibt er dazu: „In dieser einfachen, überaus einfachen und offenkundigen Wahrheit liegt der Grundgedanke des Sozialismus, die unerschöpfliche Quelle seiner Kraft…“ (Werke Bd. 27, Berlin 1974, S. 386). Der Spruch im 2. Thessalonicherbrief (3,10) der christlichen Bibel meint mit „ergazesthai“ (werken) natürlich die zeitgenössische Hauswirtschaft und noch nicht Arbeit für Lohn und (privat oder staatlich organisiserten) Markt.

2 Dazu sehr erhellend: M. Sahlins, The Original Affluent Society (aus: Marshall D. Sahlins, Stone Age Economics, Aldine Pub. Co, Chicago, 1972) im Netz erreichbar auf: http://www.awok.org/original_affluent_society (zuletzt abgefragt: 23.8.07).

3 Pascal Wallisch, Zeiterleben in der Tempogesellschaft, University of Chicago, auf: http://www.lascap.de/Zeiterleben_in_der_Tempogesellschaft.pdf (zuletzt: 13.8.07).

4 Vgl. dazu Kathrin Rögglas zum Roman montierte Interviews aus der IT-Arbeitswelt: wir schlafen nicht. roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2004.

5 Im Netz findet sich der Text z.B. unter: http://www.vulture-bookz.de/marx/archive/volltext/Marx-Engels_1848–90~Das_Kommunistische_Manifest.html (zuletzt: 17.8.07).

6 ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer, Der Standard 31.7.07 und 1.8.07.

7 Albert Camus, Der Mythos von Sisyphus, Hamburg, rororo-Taschenbuch 62004, das 4. Kapitel „Der Mythos von Sisyphos“ auch im Netz auf: http://www.fmp-berlin.de/schmieder/collectibles/pdf/sisyphos.pdf (zuletzt13.8.07).

8 Veranstaltet von der Evangelischen Akademie Tutzing, 23. bis 25.3.07 in Rothenburg ob der Tauber, Teilnehmer u.a. der Psychoanalytiker Heinrich Deserno (Sigmund Freud Institut, Frankfurt a. M.) und der Sozialpsychologe Heiner Keupp (Ludwig-Maximilians-Universität, München). Siehe: http://science.orf.at/science/news/147748 (zuletzt 19.8.07).

9 Die Zahlenangaben zu Sucht und Süchtigen schwanken erheblich. Zur ersten Orientierung kann dienen: http://www.medizinfo.com/sucht/

10 Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930). Wohlfeil als Fischer-Taschenbuch erhältlich.

11 Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Suhrkamp, 1997. Marcuse unternimmt es, aus Freuds Metapsychologie heraus über ihn hinausgehend den „historischen Charakter und die historische Begrenztheit des Leistungsprinzips“ und die Möglichkeit einer freien, dem Menschen gemäßeren Gesellschaft aufzuzeigen. Er tut dies weitgehend im Rahmen der Marxschen Fortschrittskonzeption, die die Möglichkeit der Freiheit sehr stark an die erreichten Fortschritte der Produktion gebunden sieht, einer Vorstellung, der ich nicht folgen mag. Das tut aber der Großartigkeit und Aktualität seiner Analyse keinen Abbruch.