28.12.2007  Beitrag drucken

Maske und Charakter

Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt

Franz Schandl

All the world’s a stage, and all the men and women merely players.
(William Shakespeare)1
Das Leben ist ein Film.
(Aktueller Spot)

Was sind das eigentlich für Menschen, die da heute herumlaufen, eben nicht ihr Leben leben, sondern eine oft zufällige Existenz fristen? Gibt es da etwas, das sie verbindet, sie gemeinsam kennzeichnet, so unterschiedlich sie sich auch dünken? Der folgende Beitrag will diese Fragestellungen anhand des Marxschen Begriffs der Charaktermaske näher erläutern. Ob alle Sprengversuche mit diesem Zünder gelingen, sei dahingestellt. Der Maskenbegriff wird jedenfalls extensiv gebraucht, er war aber auch bei Marx nicht auf das Figurenpaar Käufer-Verkäufer oder gar Lohnarbeiter-Kapitalist beschränkt. Explizit spricht er sogar von Charaktermasken vor dem Kapitalismus.2
Die Abhandlung ist alles andere als systematisch, da wird auch zusammengedacht, was auf den ersten Eindruck nicht unbedingt zwingend erscheint. Mal sehen. Unsere Methode gleicht vielmehr Probebohrungen, die auch anderswo stattfinden könnten. Die Auswahl ist zwar nicht beliebig, aber ebenso wenig von Zufällen frei. Die Analyse spannt einen Bogen über Gegenstände und Begriffe, Verhältnisse und Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht das bürgerliche Personal in seinen verschiedenen Spielarten und Äußerungsformen. Konzentrieren sich im Subjekt die grundgelegten apriorischen Verhaltensmuster des Exemplars als praktizierende und affirmierende Glieder warenförmiger Vergesellschaftung, so beschreibt die Charaktermaske das gesonderte Wahrnehmen und Verwirklichen funktionaler Zwangsrollen. Subjekt und Charaktermaske sind also nur tendenziell synonym. Im ausgebildeten Subjekt steckt das ganze Ensemble des bürgerlichen Wesens, während durch die Charaktermaske vorerst das fragmentierte Exponat vorgestellt wird. Subjekt ist eine universelle Kategorie bürgerlicher Geselligkeit, Charaktermaske eine spezielle.

Positionierungen

Die Frage, die das bürgerliche Subjekt sich zu stellen hat, ist nicht die Frage nach dem Ich, sondern die nach seiner Positionierung im gesellschaftlichen Getriebe. Also nicht: Wer bin ich?, sondern: Was bin ich?, bzw. umgekehrt: Was machst du? Wir fragen uns wechselseitig nach den Masken und wir erhalten dementsprechende Auskünfte. Die essenzielle Frage Wer bist du? erscheint im alltäglichen Zusammenhang als geradezu unverschämt, als Eingriff in die Intimität. Diesem Bereich wird sie zugeschlagen. Außerhalb der privatesten Sphären wirkt sie impertinent. Da wird einem nahe getreten, zu nahe getreten. Und zweifellos, so nahe sind wir uns tatsächlich nicht.
Die Genügsamkeit, an das verdinglichte Was zu denken und das individuelle Wer einfach auszublenden, ist absolute Konvention. Auftreten meint nicht bloß Präsenz, sondern Präsentation. Begegnungen sind keine profanen Erlebnisse, sondern Szenen mit verteilten Rollen. Dass es um Rollen zu gehen hat, steht dabei außer Zweifel. Es gilt, sich aufgrund von Positionen zu bestimmen und für deren Interessen einzutreten. Das bedeutet nun nicht, dass man auch immer mit seiner Rolle zufrieden wäre. Im Gegenteil, man strebt nach Rollen, die eine höhere Wertigkeit als die aktuelle aufweisen. Oft nennt sich das Karriere, was ja nichts anderes verkündet als auf der Rennbahn des Kommerzes erfolgreich zu sein. Gemeinhin soll der Beruf als Berufung angesehen werden. Er ist der Ruf, dem man zu folgen hat. Verlangt wird Identifizierung. Man hat nicht nur eine Aufgabe zu erfüllen und deren Standpunkt einzunehmen, man hat sich subjektiv dazu zu bekennen. Man ist, was man ist. Wenn es dann heißt, jemand sei in seinem Beruf aufgegangen, ist aus der Identifizierung eine Überidentifizierung geworden. Das abgedankte Ich wird hier sogar noch glorifiziert, keinesfalls bedauert oder beklagt. Es ist das vom Posten verschluckte Leben, das gepriesen wird. Totaler Einsatz für Etwas ist ein pathologischer Fall. Keine Sache rechtfertigt die bedingungslose Auslieferung.
Befreiung besagt vielmehr, nicht aufgehen zu müssen in einer Postierung, sondern Mannigfaltiges zu schöpfen, zu geben und zu nehmen, vor allem aber ein gutes Leben genießen zu können. Davon sind wir weit entfernt. Auch in unseren privaten Kontakten treten wir uns als Vertreter gegenüber, wir treffen uns nicht. Die Pseudobegegnung ist „das Spektakel, das als eine systematische Organisation des ‚Versagens der Begegnungsfunktion‘ und als deren Ersatz durch ein halluzinatorisches gesellschaftliches Faktum zu begreifen ist: das falsche Bewusstsein der Begegnung, die ‚Illusion der Begegnung‘. In einer Gesellschaft, in der niemand mehr von den anderen anerkannt werden kann, wird jedes Individuum unfähig, seine eigene Realität zu erkennen. Die Ideologie ist zu Hause; die Trennung hat ihre Welt gebaut.“3

Abgrenzungen

Mit dem lateinischen Wort „persona“ wird nichts anderes als die Maske bezeichnet. Nicht die Person ist daher von der Maske zu separieren, sondern der Mensch oder das Individuum. Ganz unverhüllt kommt das im Begriff des Personals zum Ausdruck, worunter Leute zu verstehen sind, die zur Erledigung gewisser Dinge angehalten werden. Der wahre Plural von Person ist Personal. Personalisierung verhält sich geradezu konform zur Maskierung, ja sie verstärkt diese dahingehend, indem sie jeden Zweifel a priori ausschließen will: Maske soll nicht mehr als Maskierung wahrgenommen werden, sondern als schier individuelles und selbstbestimmtes Dasein. Charakterbildung und Maskenbildung sind enge Verwandte. Persönlichkeiten etwa könnte man als Folge gelungener Maskenbildungen beschreiben, das sind dann Exponate, denen man ob ihrer scheinbaren Authentizität Originalität bescheinigt. Es ist auf jeden Fall zu vermuten, dass hier nicht jemand außerhalb des Rahmens agiert, sondern umgekehrt, dass es geglückt ist, den Bildern als Abbild sehr nahe zu kommen. Da ist jemand tatsächlich in Form, fit, würde man sagen. „Person, als Absolutes, negiert die Allgemeinheit, die aus ihr herausgelesen werden soll, und schafft der Willkür ihren fadenscheinigen Rechtstitel. Ihr Charisma ist erborgt von der Unwiderstehlichkeit des Allgemeinen (…) Die Person ist der geschichtlich geknüpfte Knoten, der aus Freiheit zu lösen, nicht zu verewigen wäre; der alte Bann des Allgemeinen, im Besonderen verschanzt.“4
Charaktermasken sind das Resultat ständiger Personifikation. Alltägliche Übungen tätigen dieses Ergebnis. Charaktermaske behauptet, dass bürgerliche Gattungswesen nicht als Individuen zu fassen sind, sondern als Agenten sozialer Rollen. Ausschlaggebend ist die spezifische Formsetzung. Um gesellschaftsfähig zu sein, bedarf es Zurichtungen, die sich eins kaum aussuchen kann, sondern an denen es sich zeitlebens abarbeiten und emporranken muss. Die Person ist subjektiver Ausdruck objektiver wie objektivierter Verhältnisse. Menschen dienen als Agenten den Interessen ihrer Rollen. Stets sollen die Leute etwas personifizieren. Sie sind Träger formatierter Anliegen. Wir beklagen daher auch nicht den Verlust der Persönlichkeit, sondern den Zwang zur Personifikation. Exponate nehmen sich als Exponenten von etwas wahr, sind also objektivierte Subjekte. Die Wahrnehmung der Rolle ist zwar Voraussetzung jeder Charaktermaske, aber nicht alleiniges Kriterium. Ebenso notwendig ist der positive Bezug auf jene, denn im Prinzip könnte das entsprechende Handeln auch in kritischer Distanz erfolgen. Auf Dauer ist es allerdings unmöglich, nicht Agent seiner Rolle zu werden, was heißt, Denken und Handeln nicht in Übereinstimmung zu bringen. Charaktermaske ist nicht einfach als Rollenvollzug zu übersetzen, sondern meint immer auch Rollenidentifikation durch implizite Beipflichtung. Sowohl Funktionalität als auch Personifikation müssen gegeben sein. Da ist aber kein autonomes Individuum, das sich auf besondere Vorgaben einlässt oder noch deutlicher: sich bewusst dafür entscheidet. Günther Anders sprach daher von Konformierten und nicht von Konformisten.5
Charaktermaske drückt aus, dass jedes Exponat in seiner fetischistischen Weltbezüglichkeit befangen bleibt, aber es nicht nur jene ist. Nehmen wir die beiden Aussagesätze: 1) Eins ist eine Charaktermaske. 2) Eins hat eine Charaktermaske. Beide Sätze treffen, aber sie treffen partiell. Erkenntnistheoretisch befindet sich das Verhältnis der Verhältnisträger zum bürgerlichen Weltverhältnis in einem Dazwischen, das weder als Differenz noch als Identität adäquat gefasst werden kann. Prozessierend in deren Vermittlung, hat es von beidem. Es könnte ohne sie nicht sein, ohne dadurch bloß sie zu sein. Vielleicht sollte man diese lästigen Uneindeutigkeiten vorerst akzeptieren, will man die Dynamik unserer zentralen Kategorie nicht eliminieren. Ohne dass wir eine endgültige Klärung vornehmen können, zielt der Begriff der Charaktermaske primär auf die objektiv von Produktion, Zirkulation und Konsumtion vorgegebenen Rollen und die unmittelbare Übereinstimmung der Rollenträger mit diesen, nicht in gleicher Weise auf die darüber hinausgehenden ideologischen Verarbeitungsmuster in politischen Haltungen. So sind der Arbeiter und der Kapitalist unzweifelhaft Charaktermasken, nicht jedoch der Sozialdemokrat oder der Faschist. Das notwendig falsche Bewusstsein ist, wenngleich in den Charaktermasken angelegt, ihnen nicht einfach inskribiert. Es bedarf einer „äußeren“ Aufladung. Womit freilich zur Ideologie nur gesagt ist, dass sie nicht auf einen automatischen Reflex reduziert werden darf, selbst wenn sie etwas von ihm hat. Auch hier ist das Denken in abhängigen und unabhängigen Variablen unzureichend. Die Aporien der Ideologiebildung sind in keinem theoretischen Handstreich zu lösen.

Maskierungen

Karl Marx entwickelt den Typus der Charaktermasken anhand von Kauf und Verkauf: „In jeder der beiden Phasen stehn sich dieselben zwei sachlichen Elemente gegenüber, Ware und Geld – und zwei Personen in denselben ökonomischen Charaktermasken, ein Käufer und ein Verkäufer.“6 Marx an anderer Stelle: „Diese bestimmten sozialen Charaktere entspringen also keineswegs der menschlichen Individualität überhaupt, sondern aus den Austauschverhältnissen von Menschen, die ihre Produkte in der bestimmten Form der Ware produzieren. (…) So albern es daher ist, diese ökonomischen bürgerlichen Charaktere von Käufer und Verkäufer als ewige gesellschaftliche Formen der menschlichen Individualität aufzufassen, ebenso verkehrt ist es, sie als Aufhebung der Individualität zu betränen. Sie sind notwendige Darstellung der Individualität auf Grundlage einer bestimmten Stufe des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.“7
Es ist demnach allerdings so, dass dieser Typus als Archetypus erscheint. Kaufen und Verkaufen, das ist Natur, der eins gar nicht entgehen kann. Da wird auch nicht einmal in Ansätzen eine Maske vermutet, sondern quasi organisch zugeordnet, gleich essen, trinken oder ausscheiden. Masken erscheinen daher auch nicht als bloße Gewohnheit oder Sitte, denn diesen ist – selbst wenn sie als feste Tradition gelten – doch ansichtig, dass sie vergänglich sind. Für Charaktermasken gilt das nicht, ihnen fehlt das Bewusstsein für ihr Dasein weitgehend, auch wenn oder gerade weil sie mit einer Unmenge Wissen ausgestattet sind, was dessen praktische Seite betrifft.
Zur Verdinglichung schreibt Marx: „So leben die Agenten der kapitalistischen Produktion in einer verzauberten Welt, und ihre eignen Beziehungen erscheinen ihnen als Eigenschaften der Dinge, der stofflichen Elemente der Produktion.“8 Der Tauschwert prägt das Wesen der Tauscher. Charaktermaske meint, man muss sich hier so anstellen, dass so teuer wie möglich verkauft und so billig wie möglich gekauft werden kann. Das ökonomische Gebot erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Maskierung erscheint geradezu als das nicht zugerichtete Gesicht. Täuschung im Kapitalismus ist objektiver Zwang, nicht subjektives Manko. Maske ist (Vor-)Täuschung durch Rolle. Das erfassen wir auch, sind also keine Betrogenen. Uns wird nicht nur übel mitgespielt, wir sind die üblen Spieler. Masken wissen von der Täuschung und auch von der Rolle, erkennen aber deren Bedeutung nicht, obwohl sie deren Handhabungen verstehen. Die Differenz zwischen Wissen und Erkennen ist konstitutiv für Charaktermasken. Masken tauschen sich aus, ihre Exponenten verkehren als Kommunikatoren dieser. Als Masken sind sie sich täuschend ähnlich. Maskiert erfüllen sie die Pflicht an der Position, die die folgsamen und hörigen Subjekte mit sich verwechseln. Der Tausch ist allgegenwärtig. Er ist nicht nur ein ökonomisches Prinzip, sondern er ist die Form unserer Begegnung und unseres Umgangs. Zweifellos, wir tauschen uns aus. Wenn wir uns treffen, sind wir austauschfähig und somit austauschbar. Wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir den anderen gegenüber in Kommunikation treten, aber die Rollen, die wir dann spielen, die spielen wir bis zum Ende.
Immanuel Kants diesbezügliche Rechtfertigung liest sich auch heute noch mit größtem Interesse. Ohne Umschweife schreibt er: „Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgendjemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, dass es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, dass es in der Welt so zugeht. Denn dadurch, dass Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über. – Aber den Betrüger in uns selbst, die Neigung zu betrügen, ist wiederum Rückkehr zum Gehorsam unter das Gesetz der Tugend, und nicht Betrug, sondern schuldlose Täuschung unserer selbst.“9
Die ständige Alltagsfrage „Wie geht es dir?“ ist, wäre sie keine rhetorische, völlig alltagstuntauglich. Die Abneigung, sie ernsthaft zu beantworten, ist durchaus verständlich. Die wohl am meisten gestellte Frage ist nicht ernst gemeint, sondern lediglich eine Redewendung, auf die eins „Gut“ zu sagen hat, auch wenn nichts gut ist. Zweifellos gibt es Momente, wo diese Frage zur wirklich ehrlichen wird, aber das geht nicht en passant, nur bei einer zum Treffen gewordenen Begegnung, nicht bei jedem zufälligen Passieren. Dort herrscht der Small talk. Der Small talk ist das absolut reduzierte Ritual von Floskeln, ein „tautologisches Tauschgeschäft„.10 Phrasen folgen einer vorgefertigten Performativität, sind Muster gegenseitiger Bestätigung. Es ist aber nicht die absolute Bedeutungslosigkeit, die sich hier aufführt, es dient vielmehr einer Konformitätsüberprüfung via Funktionsscan. Nicht was jemand gesprochen hat, ist von Belang, sondern ob jemand die obligaten Sprüche aufsagt.
Wir sind im Spiegelkabinett gelandet. Wir haben Vorstellungen von Vorstellungen. Es regiert ein eingespielter Verlauf, durchaus vergleichbar einem Mechanismus. Wir kommen uns zwar nicht nahe, aber wir wissen Norm und Abweichung gemäß unserer Formatierung zu interpretieren. Da sind wir äußerst sensibel. Der Bezug zum Theater macht schon Sinn. Das Verhalten von Personen ist ein Rollenverhalten, zu beurteilen wie die Aufführung eines Schauspielers. Klassisch ist jedes Verkaufs-, Werbe- oder Vorstellungsgespräch. Stets gilt es, bestimmte Gepflogenheiten an den Tag zu legen, um geschäftsfähig zu sein, es zu bleiben oder es zu werden. Es sind Menschen, die über Jahrhunderte ihre Rollen spielen in diesem bürgerlichen Drama, das jedoch immer mehr zur Tragödie tendiert, leben die Figuren ihre zusehends prekären Rollen aus. Der Vergleich mit dem Schauspiel hinkt aber auch. Schauspieler spielen ja tatsächlich eine Rolle, sie bleibt ihnen nicht verborgen. Charaktermasken nehmen sich als solche voll, aber nicht als solche wahr. Ihnen stellt sich das Interesse synthetisch her, der konkludente Vollzug ist intuitiv eingeherrscht. Nicht Verwandlung ist das Problem, sondern die traumatische Sicherheit des Vollzugs. Bei Charaktermasken ist keine besondere Aufführungspraxis vonnöten, die von ihren Lebenswelten zu scheiden wäre. Ihr Film ist ihre Welt, ihr Leben ihre Bühne.
Maske bedeutet zweierlei: Erstens, dass da etwas nicht gesehen, und zweitens, dass da etwas verborgen wird. Das mag zwar das Gleiche sein, allerdings macht es doch einen Unterschied betreffend die Perspektive, ob eins nun Beobachteter oder Beobachter ist. Maske funktioniert offensiv, aber auch defensiv, als Versteck. Man will andauernd etwas kaschieren, von dem man nicht so recht weiß, was es ist. Außerdem hat man Angst, dass es zu den Funktionen nicht so recht passen könnte. In der falschen Gesellschaft, die eine Gesellschaft der Falschen ist, ist die Maske auch Schutz: man tritt als Exponent in Erscheinung, nicht als Individuum. Man glaubt zu sehen, ohne gesehen zu werden. Freilich sieht man selbst nur Masken. Aber das hat auch etwas Beruhigendes: Masken sind berechenbar, zumindest hat es den Anschein, weil alle ähnlichen Anscheins sind. Umgekehrt ist die Angst vor der Demaskierung groß, die stets drohende Bloßstellung allgegenwärtig. Sie wird empfunden als das zwangsweise Abstreifen der Panzer und Verkleidungen. Da wird eins regelrecht ausgezogen. Solch Offenheit wird als Wehrlosigkeit betrachtet, und unter den aktuellen Umständen ist das keine falsche Einschätzung, wenngleich sie vieles aussagt über das Leben monadischer Existenzen in Zeiten des Kapitals. Das Bekenntnis zur Charaktermaske beherbergt indes den „Vorteil“, sich gar nicht erst in der Welt suchen zu müssen, da man sich doch schon vorgefunden hat. Auch wenn die Rolle nicht passt, haben Menschen in Rollen zu passen. Irgendetwas wird schon passen …

Bekannte

Im Geschäft beziehen sich nicht Menschen aufeinander, sondern Werte von Geschäftsträgern. Im Tausch erkennt man nicht den anderen an, sondern das, was er an Tauschwert zu bieten hat. Man sieht ihn nicht als Menschen, sondern als Wertinhaber und Warenbesitzer. Man schätzt sich nicht, man bewertet sich. Der immanente Zwang des Tausches erfordert Folgendes: Man muss die eigene Ware, sei es Produkt oder Arbeitskraft, stets besser machen, als sie ist; resp. umgekehrt fremde Ware für untüchtiger erklären, als sie ist. So wird das Pferd zum Esel und der Esel zum Pferd. Das wusste bereits Brecht. Gemeinhin nennt sich diese edle Tätigkeit Handeln. Wer es schlecht beherrscht, hat das Nachsehen, vor allem, wo die Fixpreise (Gebühren) rarer werden. Also, überall. Die Grundstruktur des Warentauschs verlangt von allen Mitgliedern (sich) so teuer wie möglich zu verkaufen und so billig wie möglich zu kaufen. Das kann wiederum nur zu allseitigem Misstrauen führen. Misstrauensverhältnis sagt, dass der andere nicht einen mag, sondern etwas von einem will. Die Befürchtung, übervorteilt zu werden, ist manisch, aber sie ist real. Die Grundeinbildung, die richtig und falsch zugleich ist, sagt: ich bekomme zu wenig, aber ich gebe zu viel. Nicht vertrauen zu können, bedeutet freilich auch, allen und jeden alles zuzutrauen. Alles, was uns zustößt, das fügen wir uns selber zu.
Die Achtung des Menschen erfolgt nicht direkt über eine bedingungslose Anerkennung, sondern über die jeweiligen Wertigkeiten der Rollen und ihrer Masken am Markt. Dieses Anerkennen setzt kein Kennen voraus, sondern verfährt mit Zuordnungen und Zugehörigkeiten. Gesellschaftliche Kommunikation gleicht einem Maskenball objektivierter Rollen. Die wahre Stellungskunst ist denn doch eine Verstellungskunst. Werbung als Täuschung vor dem Tausch will reüssieren. Aufstieg und Karriere sind Kriterien der Beurteilung, nicht Glück und Zufriedenheit oder gar ein gelingendes Leben. Stets ist Vergleichung und Bewertung angesagt. Auch das, was man als „Würde“ bezeichnet, ist davon wesentlich geprägt. Wir sind uns nicht zugetan, sondern bloß zugeordnet. Wir sind Selbstverwechsler. Der Begriff der Charaktermaske beschreibt so auch ein Nichteins-Sein mit sich selbst. Hegelisch formuliert ist sie das Nicht-sich-selbst-Kennende-Anerkennende. Wir kennen uns nicht. Weder den anderen noch uns selbst. Die Agenten sind nicht einander Kennende, sondern lediglich Bekannte. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle“11, schreibt Hegel in seiner „Phänomenologie“. Wir bewegen uns nicht, wohl weil wir uns auf der Stelle tretend gegenübertreten. Bekanntschaften zeugen, die anderen betreffend, von Ignoranz und Indifferenz. Diese werden nicht als Menschen wahrgenommen, sondern als Figuren. Als Auswechselbare und Verwechselbare.
Natürlich ist das nicht in erster Linie subjektiver Unwille, sondern auch objektive Schranke, was meint, dass die Subjekte in ihren Zeiten und Räumen derart eingeschränkt sind, dass unmittelbare Offenheit mehr Missverständnisse auslösen würde, als dass Verständnis erzielt werden könnte. Liebesverhältnisse und Freundschaften mögen zwar als versuchte Hinwegsetzungen betrachtet werden, doch sind sie selbst nicht frei von den aufgedrängten Maskierungen, ja scheitern regelmäßig an diesen. Wie oft wird etwas Wahrheit, was man dem anderen, aber auch sich selbst niemals zugetraut hätte. Wie oft stehen wir vor einem Scherbenhaufen, wie oft werden wir enttäuscht, gekränkt, beleidigt, wie oft verlieren wir jegliches Vertrauen. Konkurrenz bedeutet dessen systematische Untergrabung. Die ins Feuer gelegte Hand verbrennt eins sich häufig. Nicht wenige Freunde enden als Feinde.

Menschen

Goethes Diktum „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“12, verweist auf das traurige Schicksal der Spezies. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem Auftritt mit aufgesetzter und privatem Leben mit abgesetzter Maske ist zwar so nicht gegeben, aber jene hat als Realfiktion etwas Prägendes an sich, und zwar weil die gesellschaftlichen Exponate es partout so empfinden. Das Anliegen, nicht in der öffentlichen Sphäre aufzugehen, sondern sich davon abzuschotten, verweist auf ein Bedürfnis, dessen Stillung dort nicht zu holen und zu haben ist, sosehr die Kulturindustrie mit ihren Surrogaten auch alles überschwemmt, insbesondere die privaten Räumlichkeiten, die von ihren Geräten dominiert werden. Und doch dürstet der vereinnahmte Mensch nach einem Jenseits. Und sei’s auch nur als Refugium. Stets gilt die Suche dem Unverstellbaren, auch wenn es oft als das Unvorstellbare erscheint oder überhaupt diskreditiert wird. Allein das Versetzen in Hobby, Urlaub, Tick, Spleen, aber auch in Rausch und Sucht zeigt, eins will nicht bloß Rolle sein. Dass diese Wunderwelt der Realfiktionen selbst wieder einen Markt eröffnet, demonstriert indes ihre Befangenheit, ja letztlich Zugehörigkeit. Objektiv sind das Verschnaufpausen, notwendig zur Regeneration. Das Wort Erholung sagt alles.
Eins geht in der Maske zwar nicht auf, eins ist aber ohne Maske nicht zu haben. Die Maske ist das Notwendig-Aufgesetzte. Sie darf einem nicht runterfallen. Sie sitzt fest, kann nicht einfach nach Belieben abgenommen werden. Das Gespür, dass da noch etwas da ist oder zumindest da sein könnte oder auch lediglich: da sein sollte, ist gegeben. Wäre das nicht der Fall, wäre der Begriff der Maske unsinnig. Wenn mit dem Was alles bestimmt wäre, was zu bestimmen ist, dann wäre die Frage nach dem Wer absoluter Nonsens. Das Nichtentfremdete liegt aber nicht darunter oder dahinter verborgen, es ist also keine Gegebenheit, die man nur freizulegen bräuchte. Es findet sich vielmehr als Nein! gegen die zugemuteten Rollen wieder. Eins will nicht bloß Interessen vertreten, will nicht nur Agent seiner Lage sein. Das schwer Benennbare13 ist nicht nur überformt. Das Wahre ist, das hat schon Debord festgestellt, ein Moment des Falschen,15 jene Aktivität, die ihm widerstrebend nicht entsprechen will, raus möchte aus den Zwängen. Es ist nicht vorausgesetzt, aber es reproduziert sich durch den Widerspruch, ohne mit ihm identisch zu sein. Es wird einerseits bestimmt durch das Falsche, von dem es negiert wird und das es negieren will. Andererseits ist es bestimmt durch die Weltgebundenheit des Menschen und seine Aktivitäten. Und drittens ist es historisch und situativ gelenkt durch die je konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, in denen eins sich findet. Dies Andere ist aber nicht nur Potenz oder Virulenz, es ist in actu, zwar prekär, isoliert, temporär, zerstörbar, aber immer wieder auftauchend.
Die Maske ist ein zweites Gesicht, das ein erstes verunmöglicht, es dominiert, aber es doch nicht ganz zu verdrängen versteht. Da ist also noch was. Je größer eins hier Distanzen zu setzen versteht, desto mehr Möglichkeiten können sich jenseits der Maske eröffnen. Nur, wo hört diese auf und wo beginnen jene? Diese Scheidung ist analytisch schwer zu treffen, im Praktischen allerdings ist sie leichter auszumachen. Jeder Einzelne hat Kapazitäten zum Individuum. Wobei diese Potenz nicht organisch gesetzt ist, sondern sich als emotionale Contra-Positionierung entlang der Konditionen der Menschen zu entwickeln vermag, oder auch nicht. Manchmal ist es überraschend, ja verblüffend, wer einem hilft und wer einen im Stich lässt, ob jemand profane Erwartungen erfüllt oder nicht, ob jemand uneigennützig ist etc. – Von der Maske ist jedenfalls nicht auf die Güte der Menschen zu schließen. Hilfsbereitschaft, Zuvorkommenheit, Zuspruch, Zuneigung, Freundlichkeit, Anständigkeit, Bemühen, Akzeptanz, Gabe, Geschenk, sie spiegeln auch eine nichtmonetäre Reife. Diese ist keiner Maske ablesbar. „Human sind die Menschen nur dort, wo sie nicht als Person agieren und gar als solche sich setzen“15, schreibt Adorno.
Mitmachen erscheint selbstverständlicher als es ist, aber es gibt keinen Ort und wohl auch keine Person, wo die Infragestellung des gewöhnlichen wie unerträglichen Opportunismus nicht heranreifen könnte. Das Postulat des Systems, sich selbst als alternativlos darzustellen, mag noch so oft aufgehen, die auftretenden Widersprüche mögen zurückgewiesen oder parzelliert werden, sie sind nicht aus der Welt zu schaffen. Überall wo wir menschlich handeln, verstoßen wir gegen die Gesetze des Marktes. Wir ahnen es, aber wir dürfen es nicht erkennen, geschweige denn es als umfassende Möglichkeit begreifen. Darin liegt unser uns selbst auferlegter Kleinmut. Die Einfügung in gesellschaftliche Zwänge und die bereitgestellten Rollen ist normal wie prekär. Das Subjekt ist nicht einfach vorhanden, ein ontisches Faktum, sondern muss alltäglich hergestellt werden. Die Verhältnisse nötigen zwar dazu, aber trotzdem bedarf es prächtiger Apparaturen, wie z.B. die Kulturindustrie eine ist, um diese Reproduktion zu bewerkstelligen und abzusichern. Der energetische Aufwand für dieses Ergebnis ist ziemlich hoch. Nicht nur der Kampf dagegen ist schwer, auch die permanente Herstellung ist schwierig. Die objektive Gegebenheit ist hartnäckiger Schein, doch in seiner Matrix leben wir. Es träumt sich uns, weil wir es träumen. Wir leben in Zeiten der großen Verzauberung. Mehr denn je.
Menschen treten sich als Rollen gegenüber, aber sie treffen sich nicht ausschließlich als solche. Sie sind agierende Träger, keine bloßen Marionetten. Das Subjekt wird hier verstanden als das sich selbst herstellende Objekt. „Ein Subjekt ist ein Aktor, der sich selbst zur Außenwelt wird und sich damit selbst objektiviert.“16 Mit dem Subjekt beschreiben wir eine vorgegebene Rollensetzung, nicht eine individuelle Sonder-Setzung. Das postulierte Ich verbleibt auf der Ebene der Fiktion, dort aber ist es ein gar wichtiger Faktor der Selbstbehauptung via Selbsttäuschung. Doch nicht die Behauptung des Ich ist zu negieren, wohl aber, dass es sich schon behauptet hätte. Durchsetzung ist nicht erfolgt, aber nötig. Der bürgerliche Individualismus, sofern er nicht blanker Egoismus ist, verspricht stets mehr, als er halten kann. Trotzdem ist seine Beteuerung nicht eine glatte Lüge, sondern Antrieb und Ansporn, gläubiges Versetzen einer Norm ins empirische Diesseits. An der normativen Aussage ist festzuhalten: Der Mensch ist nicht das, wozu er gezwungen wird. Nicht sein zu dürfen, ist das große Urteil, das auf allen Leben lastet. Der kollektive Kult des Ichs bewegt sich genau auf dieser schiefen Schiene der Einbildung. Man hat sich nicht als Besonderheit, also Individuum zu setzen, sondern als Bestimmtheit, also Subjekt. Entgegen dem ideologischen Getöse geht es gar nicht darum, sich selbst zu finden, sondern sich zurechtzufinden, was meint abzufinden. Leben soll gelten als Suche nach Entsprechung und nicht als Ort offenen Sprechens. Ihr sozialer Kontext lässt die Subjekte vorgefertigte Texte rezitieren, die sie geringfügig modellieren dürfen. Sie bewegen sich frei in ihrem Betriebssystem.

Maskenball

Personifikation erscheint zwar als selbstverständlich, was aber nicht heißt, dass sie gelingt. Es ist nicht gerade einfach, den jeweiligen Anforderungen zu entsprechen. Nicht nur Masken können scheitern, schon die Maskierung selbst kann danebengehen. Maskierung darf nicht als Maskerade erscheinen. In solchen Momenten wird sie unglaubwürdig. Natürlich hat es Charaktermasken nie als Idealtypus gegeben. Kein Mensch ist je mit einer solchen zusammengefallen bzw. nur ihr verpflichtet gewesen. Das gilt für den Singular wie für den Plural. Was wir gegenwärtig erleben, ist die am Exemplar exekutierte Enttypifizierung durch Multiplizierung eingeforderter Rollen. Die Masken halten nicht mehr dicht. Die Personifikation selbst ist störungsanfällig geworden. Nicht aufgrund unwilligen Menschenmaterials, sondern in ihrer Strukturbildung selbst. Je komplexer die Ansprüche an das Subjekt werden, desto unmöglicher ist es, diesen jeweils zu entsprechen. Zuordnungen verschwinden nicht, aber es wird schwieriger, sie anzubringen. Wie soll das selige Subjekt immanent vernünftig und selbstbewusst agieren, wo es doch vielen widersprüchlichen Charaktermasken verpflichtet ist? Tendenz steigend.
Ausgespielt haben nicht die Rollen, aber die feste Rolle gehört zunehmend der Vergangenheit an. Nicht nur aus dem Proletariat droht ein Prekariat zu werden, immer mehr Rollen geraten in eine missliche Lage. Der generelle Zug liegt in der Deklassierung und damit verbunden in der Entsicherung. Vorherrschend ist der stete Rollenwechsel bzw. die gleichzeitige Beherrschung verschiedener, ja widersprechender Rollen. Das Anforderungsprofil verlangt virtuose Flexibilität. Unmittelbar ist es daher für viele ein größeres Problem, aus den Rollen geworfen zu werden als den Rollen entsprechen zu müssen. Die Leute werden nicht befreit von ihren Rollen, sondern umgekehrt: immer weniger Rollen vermögen es, ihnen Sicherheit zu geben, geschweige denn Garantie. Subjekt und Charaktermaske sind selbst in die Krise geraten, weil sie sich – und zwar zu Recht – in ihrer Gewissheit bedroht fühlen, ohne freilich eine andere zu kennen oder genauer: für verallgemeinerbar zu halten. So korrespondiert dieses zähe Klammern und Versteifen mit einem Mangel an Perspektive.
Die Multiplizierung der Rollen ist typisch für das postmoderne Zeitalter. Man gehört nirgends mehr dazu, weil man zu so vielem gehört. Nicht nur als Käufer und Verkäufer, als Kapitalist und Arbeiter treten sie an, sondern als Rentner, Autofahrer, Staatsbürger, Steuerzahler, Leistungsempfänger, Rechtstitelinhaber, Studenten, Hausbesitzer, Sparer, Spender, Aktionäre, Versicherte, Patienten, Klienten, Krieger, Touristen, Interessensvertreter, Bürgerrechtler, Bürgerinitiativler, Umweltschützer, Parteigänger, Fans, Theoretiker, Praktiker, Kritiker, Demonstranten u.v.m. Markt und Politik, Kultur und Ideologie haben zahlreiche Möglichkeiten ausdifferenziert, in deren Rollen sich ihre Mitglieder fortwährend inszenieren können müssen. Man hat viele Texte zu lernen und in vielen Kontexten zu bestehen. Das Repertoire vergrößert sich. Lebenslanges Lernen nennt sich das neue Anforderungsprofil (nicht nur) am Arbeitsmarkt. Wobei nie das Warum zu interessieren hat, sondern das Wie. Einmal mehr geht es um Know-how.
Multiple Formatierung erfordert multiple Charaktere, die multiple Funktionen erfüllen können. Fragmentierung nimmt zu. Die hat ihre Tücken, ist fehleranfällig, eben weil die Masken, die den Einzelnen aufgezwungen werden, immer weniger miteinander kompatibel sind. Sie stürzen ab, die Programme wie die Programmierten. Ihr eigenes folgenrichtiges, aber widersprüchliches Handeln zeitigt Blockaden. Die Asynchronisierung des Subjekts ist weit fortgeschritten. Klassisch ist hier das Verhältnis des Steuerzahlers zum Empfänger sozialer Leistungen in ein und derselben Person. Aber auch der Antagonismus der Interessen eines Arbeiters, der gleichzeitig in einen Pensionsfonds einzahlt, ist offensichtlich. Als Letzterer muss er Interesse haben, dass Kosten eingespart werden, will er auf seine Kosten kommen, auf der anderen Seite hängt er geradezu inständig an seinem Lohn und will stets mehr davon. Er muss beides wollen. Unselige Zeiten, komplizierte Welt. Wie ist etwa der Klassenfeind effektiv zu bekämpfen, wo ich doch selbst wechselseitig mein eigener bin? Da bleibt einem nichts übrig, als sich aufgrund verschiedener Rollen selbst fertigzumachen. Die Seelen, die dann in ein und derselben Brust hausen, die bewerkstelligen das schon. So ist nicht nur in Hobbesscher Manier jeder jedes Feind, sondern auch zusehends sein eigener. Selbst der Egoismus hilft in solchen Lagen nicht mehr recht weiter, er richtet sich nämlich gegen seine Träger selbst.
Der Marasmus der Masken führt aber nicht dazu, diesen Verfall zu akzeptieren und über etwaige Alternativen nachzudenken, sondern auch in die Verschärfung diverser Identifizierungen. Kontrafaktisches Handeln steht auf der Tagesordnung. Wenn schon nichts mehr hält, halten wir uns noch fester fest. Die Widersprüche sind jedenfalls immer schwieriger auszutarieren. Die Kompetenz unterschiedlicher Masken in einem Körper hat destruktive Auswirkungen auf die Psyche jedes Einzelnen. Gefordert wird der Perspektivenwechsel in Permanenz. Aber dieses den Einzelnen sprengende Potenzial der uneinlösbaren Widersprüchlichkeiten hat auch einen produktiven Kern – er könnte das Individuum anregen, sich über seine ihm gesetzte Bevormundung zu setzen, gerade auch, weil es den widersprechenden Aufforderungen nicht mehr adäquat nachkommen kann. Die banale Frage: Wie komme ich dazu?, sollte man sich tatsächlich stellen. Und zwar in aller Konsequenz.

Interessen

Interessen folgen einer Standpunkt- oder Standortlogik. Sie setzen einen Teil gegen andere Teile des Ganzen. Da der Teil aber Bestandteil des Ganzen ist, affirmieren sie dieses. Das Gehäuse, in dem sie sich bewegen, ist das des Werts, der Kampf ist ein nicht abreißender Kampf um Geldmittel. Übersetzt man sie richtig, dann sind Interessen in erster Linie monetäre Ansprüche, die man hat oder stellt. Der Begriff selbst stammt aus dem römischen Schuldrecht. Die gesellschaftlichen Vertretungen treten im realen wie vermeintlichen Interesse der von ihnen Vertretenen gegeneinander an. Forderungen und Verwirklichungen von Interessen finden im Gegeneinander der Konkurrenz und nicht im Füreinander der Kooperation statt. In der Konkurrenz herrscht das Interesse, in der Konkurrenz zu bestehen, was freilich nur realisiert werden kann, wenn die Konkurrenz aktuell nicht bestehen kann. Es geht in diesem Kampf um Sieg und Niederlage, auch dort, wo alles domestiziert und rechtsstaatlich über die Bühne geht. Interessen müssen stets gegen andere Interessen abgewogen und durchgesetzt werden. Das Interesse stellt so das Eigene gegen das Nichteigene, das gemeinhin als das Andere oder das Fremde gilt. Das Interesse ist ein Instrument der Abgrenzung, eines, das handfeste Resultate erzielen muss. Wobei Einzel- und Gesamtinteressen der jeweiligen Charaktermasken auseinandertreten, sie müssen sowohl die Konkurrenz unter sich austragen als auch diese Konkurrenz gemeinsam gegenüber anderen organisieren. „Indes, der einzelne Kapitalist rebelliert beständig gegen das Gesamtinteresse der Kapitalistenklasse“17, schreibt etwa Marx.
Interesse meint Besonderheit gegen Besonderheit, aber auch Einzelheit gegen Allgemeinheit: „Eben, weil die Individuen nur ihr besondres, für sie nicht mit ihrem gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen, überhaupt das Allgemeine illusorische Form der Gemeinschaftlichkeit, wird dies als ein ihnen ‚fremdes‘ und von ihnen ‚unabhängiges‘, als ein selbst wieder besondres und eigentümliches ‚Allgemein‘-Interesse geltend gemacht, oder sie selbst müssen sich in diesem Zwiespalt bewegen, wie in der Demokratie. Andererseits macht dann auch der praktische Kampf dieser beständig wirklich den gemeinschaftlichen und illusorisch gemeinschaftlichen Interessen entgegentretenden Sonderinteressen die praktische Dazwischenkunft und Zügelung durch das illusorische ‚Allgemein‘-Interesse als Staat nötig.“18
Das Interesse, von dem hier die Rede ist, unterscheiden wir von profanen Anliegen, Wünschen und Begehrlichkeiten nach Gesundheit, Anerkennung, Zufriedenheit, Glück, Sättigung, Sexualität, Freundschaft. Demokratie bedeutet Akzeptanz der Interessen, aber Relativierung der Anliegen anhand jener. Interessen müssen gewichtet werden. Die entscheidenden Kriterien eines Interesses sind seine indirekte Vermittlung sowie seine Gegengerichtetheit. Anliegen hingegen fehlt weitgehend diese Gegengerichtetheit. Der Charakter der Interessen ist konkurrenzistisch und konfrontativ, darüber mögen auch die geschlossenen Kompromisse nicht hinwegtäuschen, ohne die immer offner Krieg wäre: „Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich.“19
Interesse könnte man definieren als formierte und uniformierte Bestrebung von Rollenträgern. Es ist ihren Masken eingeschrieben, eingeritzt. Sehe ich die Masken, weiß ich schon, wofür sie stehen. Überraschungen sind selten. Es ist eigentlich ziemlich abgeschmackt: Gewinner am Markt sind für dessen freie Entfaltung und Verlierer schreien nach Protektionismus. Und beide Gruppen bilden sich auch noch ein, sie vertreten sich selbst und nicht bloß das, was sie gesellschaftlich darstellen. Diese Verwechslung mit der Rolle ist konstitutiv für das Subjekt.
Allerdings sind weitere Differenzierungen notwendig. Interesse ersten Grades meint das Wahrnehmen und Eintreten der Charaktere für sich und ihresgleichen. Mit der Interessengemeinschaft alleine ist nicht viel getan, sie ist ideell notwendig, aber reell unzureichend. Die Absonderung selbständiger Organe ist unabdingbar. Verwaltung und Aufrechterhaltung dieser Interessen bedürfen eigener Körperschaften und Vereinigungen, kurzum Interessenvertretungen, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft für so ziemlich alles herausgebildet haben. Interessenvertretungen als Organisierung vergleichbarer Masken verdeutlicht, dass die unmittelbaren Interessen derselben einer mittelbaren Instanz bedürfen, um gesellschaftlich überhaupt relevant zu werden und medial auftreten zu können. Daher unterscheiden sich starke (Gewerkschaften, Steuerzahler, Autofahrer …) von schwachen Vertretungen (Konsumenten, Mieter, Hausfrauen, Kinder …) gerade in ihrer Potenz zur Organisation, was bedeutet, Unmittelbarkeit in Mittelbarkeit und Isolation durch Bündnis zu ersetzen.
Womit wir beim Interesse zweiten Grades angelangt sind: Hier nun stellt sich das Interesse der Interessenvertretung über die Interessen ihrer Klientel. Dieses abgehobene Interesse resultiert aus der Verwaltung der jeweiligen Basisinteressen. Aus dem Spannungsverhältnis speist dieses Interesse zweiten Grades seine Kraft, wie es aus der Mittelbarkeit seine Legitimation bezieht. Zum Basisinteresse hat es eine funktionale, ja oft instrumentelle Beziehung. Konflikte, die aus diesen Differenzen rühren, führen dann zum obligaten Gezeter gegen die da oben. Man spricht von Bürokratisierung und fordert dementsprechend Bürokratieabbau. Das gehört dazu. Die beklagte Abgehobenheit ist leicht erklärbar: Interessenvertreter haben bei der Interessenvertretung mehr mit sich und anderen Interessenvertretern zu tun als mit ihren Interessenten. In dieser logischen wie seltsamen Konstellation werden die Interessen der Interessenten nachrangig und die Interessen der Interessenvertreter vorrangig. Abgehobenheit ist Folge der notwendigen Selbstbezüglichkeit. Warum sollte gerade von den Funktionärsmasken anderes zu erwarten sein als die Vertretung der Funktionäre? Interessenvertreter haben Eigeninteressen, die sich von den Interessen der Vertretenen unterscheiden. Das stärkste Interesse der Interessenvertretung ist nicht das Interesse der Vertretung der Interessenten (Arbeiter, Bauern, Steuerzahler, Versicherte …), sondern das Interesse an ihr selbst, also an der Vertretung der Interessenvertretung. Aus Interessenvertretern werden Interessenvertreter.

Interessen können nicht mehr so klar und deutlich deduziert werden, weil die Rollen sich multiplizieren und Eindeutigkeiten weniger Platz haben. Die herkömmlichen Muster greifen nicht und flexiblere Modelle leiden an mangelnder Potenz. Der Einfluss des ehemaligen Blocks ist den Blockaden gewichen. Ohnmacht hat Macht ersetzt. Man hat wenig Erfolge vorzuweisen und spricht daher hilflos und abgeklärt von Sachzwängen. Steigende Selbstbeschäftigung ist Ausdruck zunehmender Wirkungslosigkeit. So geht man auf Fehlersuche, ohne fündig zu werden. Die fundamentalen Herausforderungen kann man gar nicht begreifen, ohne die eigene Existenz in Frage zu stellen. Wer tut das schon? Nichts verstrahlt mehr die Euphorie der Gründungstage oder der Aufstiegsphase. Da ist kein Aufbruch, nirgends. Man plündert die Schatzkammern und verwaltet Ruinen. Desinteresse hat Engagement abgelöst. Interessen wie Interessenvertretungen haben ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Was mit leichten Irritationen begann und sich in Wahrnehmungsdefiziten ausdrückte, hat sich zur manifesten Handlungskrise ausgewachsen. Am deutlichsten ist das bei den Gewerkschaften zu erkennen, da die gesellschaftliche Relevanz der in ihr organisierten Lohnarbeiterschaft rapide sinkt.
Das heißt nun gar nicht, dass manchmal nicht doch rauschende Feste gefeiert werden, diese werden sogar mehr statt weniger. Dort, wo Zumutung und Leere herrschen, erleben Events eine Hochzeit nach der anderen. Nur schärfste Surrogate übertrumpfen die unendliche Traurigkeit mangelnder Perspektiven. Deren Essenz freilich ist Fiktion. Im Zuge kulturindustrieller Durchsetzung und Nivellierung wurden nicht nur Gesinnungsvertretungen wie Parteien und Kirchen, sondern zunehmend auch die Interessenvertretungen immer mehr angehalten, der medialen Simulationsmaschine zu dienen und sich als Stimmungsvertretungen zu inszenieren. Dieser populistische Zug ist allerorten beobachtbar, auch die Politik ist ihm unterworfen. Wer auf jener Ebene nicht punkten kann, ist aus dem Spiel. Jede Initiative, die das klassische Interesse wieder in seine Rechte setzen will, wirkt anachronistisch, gleicht einem Fortbewegungsmittel aus untergegangenen Zeiten.
Wo sich die alten Interessenidentitäten verflüchtigen, steigen postmoderne auf, z.B. Markenidentitäten. Marken stiften kurzweilige Neogemeinschaften, wo langweilig gewordene Altgemeinschaften versagen. Ihre Ansprache ist die Werbung. Gefügigkeit realisiert sich im Kauf, der einem akuten oder chronischen Markenbewusstsein folgt. Die Marke des Produkts tritt auf als Korrespondenz zur Maske der Person. Man kann auch von Produktmasken sprechen. Da werden Communities suggeriert, wo Waren an die Kunden wollen. Wichtig ist aber, dass ähnlich dem Flaggezeigen Marke bezeugt wird, d.h. dass Identitätssucher sich als Werbeträger verwenden lassen. Aus Interessenten der Ohnmacht werden Inserenten unterschiedlichster Fiktionen. Dispositionen bestehen darin, sich selbst adäquat zu setzen. Sagt heute jemand stolz: „Ich bin Proletarier“, klingt das (außer in linken Sekten), wie wenn Großvatern auferstanden wäre; sagt jemand: „Ich trage Benetton“ oder „Ich fahre nur Mercedes“, dann verkündet das, zumindest auf der Höhe des Zeitgeists zu agieren. Sofern die Marke gerade in ist. „Gute Marken sind starke Persönlichkeiten“, weiß auch das neoliberale Frontmagazin brand eins. „Sie werden älter als jedes Produkt, überstehen Managementfehler und Allmachtsfantasien. Aber wer sich darauf verlässt, hat schon verloren.“20
Der unaufhaltsame Aufstieg der Marken verdeutlicht, wie porös und lose die Zuordnungen geworden sind. Klassische Interessen stellen nur noch einen matten Abglanz besserer Zeiten dar, sind lediglich ein Angebot am Markt der Sinnstiftungen. Diese Mattheit können sie lediglich übertünchen, indem sie diese mit Leuchtfarben grell überpinseln. Fiktionen sind immer leichter durchzudrücken, als Wahrheiten auszuhalten. Marke ist eine ganz entscheidende Illusion von Zugehörigkeit. Der sukzessiven Auflösung traditioneller Maskenvereine setzt man entschlossen halluzinierte Gemeinschaften gegenüber, die sich an ihren Markierungen erkennen und somit ihre „handfesten“ Interessen durch Zeichen und Signifikate ersetzen. In der Realität ist diese Zugehörigkeit freilich noch um vieles schwächer als der antiquierteste Arbeiterverein, in der mentalen Bezauberung der Dinge ist jene aber diesem haushoch überlegen. Sie elektrifiziert die Träger oft bis zur Betäubung. Wo nichts mehr trägt, wird man zum Werbeträger. Nichts glänzt so sehr wie die Etikette.

Unselbständige

Auch das Beziehen des Klassenstandpunkts ist nichts anderes als die positive Übernahme einer Rolle. Wer sich als Kapitalist oder Proletarier versteht, hat sich als Agent des Kapitalverhältnisses geoutet. Nicht das Menschliche wird hervorgestrichen, sondern das Dingliche betont. Je größer die Identifikation mit der Rolle, desto schlimmer. Fanatismus meint so etwas wie das Unbedingt-Setzen des Vorgesetzten, ist nicht das Eingehen, sondern das Aufgehen, die Überidentifikation mit der Form. Beide, Arbeiter wie Kapitalist, sind Charaktermasken der Arbeit: „Vergegenständlichte Arbeit und lebendige Arbeit sind die beiden Faktoren, auf deren Gegenübersetzung die kapitalistische Produktion beruht. Kapitalist und Lohnarbeiter sind die einzigen Funktionäre und Faktoren der Produktion, deren Beziehung und Gegenübertreten aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringt.“21
Was will die Charaktermaske des Arbeiters? Das Übliche: sich teuer verkaufen, um viel kaufen zu können. Kaufkraft, das ordinärste, aber überzeugendste aller Leitbilder, steht im Zentrum dieses Interesses, das sich somit vom Generalinteresse irgendeines anderen Käufers resp. Verkäufers nicht unterscheidet. Wie die Arbeiter keine besseren Menschen sind, so sind die Unternehmer keine schlechteren. Solidarität gilt also nicht der Klasse, sondern betroffenen Individuen in ihren Lagen. Jede Idealisierung eines Klassenstandpunkts ist zurückzuweisen. Oder noch deutlicher: Eine transvolutionäre Perspektive ist nur möglich, wenn der positive Bezug auf die gesellschaftliche Klassifizierung überwunden wird. Nicht Klassenbewusstsein ist gefragt, sondern klassenloses Selbstbewusstsein.
Sich nicht als Charaktermaske zu begreifen, das fällt dem Subjekt gar nicht erst ein: „Die praktischen Agenten der kapitalistischen Produktion und ihre ideologischen Zungendrescher sind ebenso unfähig, das Produktionsmittel von der antagonistischen gesellschaftlichen Charaktermaske, die ihm heutzutage anklebt, getrennt zu denken, als ein Sklavenhalter den Arbeiter selbst von seinem Charakter als Sklave.“22 Sagt Puntila zu seinem Knecht Matti, der als Mensch behandelt werden will: „Was heißt: einen Menschen? Bist du ein Mensch? Vorhin hast du gesagt, du bist ein Chauffeur. Gelt, jetzt hab ich dich auf einem Widerspruch ertappt! Gib’s zu!“23 Puntila nimmt Matti als Chauffeur wahr. Als ein Objekt, das für vorgegebene Dienste Geld erhält. Nicht als Mensch interessiert Matti, sondern als Knecht, als Ausübender der ihm zugeteilten Funktion. Dieser Widerspruch ist zweifellos elementar, wohlgemerkt nicht der zwischen Puntila und Matti, sondern der in Matti und der in Puntila.
John Stuart Mill, einer der bedeutendsten Vordenker des Liberalismus, verkennt völlig, was etwa einen Arbeitskraftverkäufer ausmacht: „Das Prinzip der Freiheit kann nicht fordern, dass er die Freiheit haben sollte, nicht frei zu sein. Es ist nicht Freiheit sich seiner Freiheit entschlagen zu dürfen.“24 Genau der angeführte Un-Fall ist aber des Arbeiters Fall. Lohnabhängige dürfen nicht bloß, sie müssen sich dieser Unfreiheit als Freiheit unterwerfen, ja noch mehr der Zumutung: sich diese Unfreiheit akkurat als Freiheit vorstellen. – Der Selbstbestimmte kann nie Arbeiter sein und der Arbeiter niemals selbstbestimmt. Als Verkäufer seiner Ware Arbeitskraft darf er sich nicht darin einmischen, was mit dieser alsdann geschieht. Er hat sie als Verkäufer übereignet. „Was der Käufer der Ware mit derselben anfangen will, ist dem Verkäufer durchaus gleichgültig.“25 Indes, der Verkäufer der Ware Arbeitskraft hängt so lange an ihr, solange sie verkauft wurde. Er hat zwar gleichgültig zu sein, obwohl es ihm freilich nicht gleichgültig sein kann, was da mit ihm geschieht. Er tappt in die Falle des freien und gleichen Tausches, sie ist, was die Arbeitskraft betrifft, Selbstauslieferung mit Haut und Haaren.
Lohnabhängig sagt aus, dass so definierte Subjekte abhängig sind vom Lohn, sich verdingen müssen, um leben zu können. Man sollte nicht vergessen, dass Menschen in die Lohnarbeit „hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert wurden“ (Marx).26 Unterwerfung und Unterdrückung wurden nicht beseitigt, wie das der Liberalismus unterstellt, sondern lediglich auf eine andere Ebene gestellt. Aus der persönlichen Abhängigkeit wurde eine strukturelle. Erstere ist damit nicht verschwunden, aber sie agiert primär als Vermittler Letzterer. Der Begriff des unselbständig Erwerbstätigen offenbart auf entlarvende Weise mehr, als seinen Erfindern je bewusst gewesen ist. Er streicht nämlich den „freien Bürger“ gleich einmal entschieden durch. Er verrät die Unselbständigkeit der Nichtselbständigen, womit natürlich noch nicht gesagt ist, dass die Selbständigen sind, was sie von sich behaupten. Selbständigkeit und Markt sind letztlich unvereinbar. Hört man das tolle Wort „unabhängig“, denkt man sofort an Geld oder an in Geld transformierbare Vermögenswerte. Jeder Unabhängige ist somit ein Geldabhängiger. Die Menschen sind – allen aufklärerischen Schlagern zum Trotz – noch gar nicht in Selbständigkeit und Mündigkeit entlassen.

Selbständige

Darüber sollte auch das neue Unternehmertum nicht hinwegtäuschen: „Es herrscht Gründerzeit – oft jedoch unfreiwillig. Je schwieriger die Situation auf dem Arbeitsmarkt, desto häufiger stürzen sich viele ins Unternehmertum“, lesen wir in einem Zeitungsartikel mit der symptomatischen Überschrift „Volles Risiko statt stempeln gehen“.27 Laut diesem Bericht starten 15 Prozent der Firmengründungen direkt aus der Arbeitslosigkeit. Die Geboomten sind nicht selten in die Selbständigkeit Getriebene. Sie gründen, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Unabhängigkeit wird zum Fluch, Abhängigkeit wirkt als Segen, solange sie die Versorgung sicherstellt. Das Gegenteil zur Abhängigkeit ist nicht die Unabhängigkeit, sondern das Abgehängt-Werden. Den Anschluss zu verlieren erscheint zusehends schlimmer, als eingeschlossen zu sein. Die Sicherheit für den Lohnsklaven besteht zumindest darin, sein monatliches Salär ausbezahlt zu bekommen. Das hat nicht jeder. Noch nie hatte diese Abhängigkeit so viele Anhänger. Sosehr es die Ideologen des Markts auch austreiben wollen, Anhänglichkeit ist direkt ein Massenphänomen geworden.
Doch nicht alle hängen an der Vergangenheit, manche sind auch von der Gegenwart hellauf begeistert. So kommt es vor, dass Betroffene die neuen Zustände nicht nur nicht beklagen, sondern gleich Konditoren des Trends abfeiern. Es zeugt schon von einer grandiosen Originalität gerade in Zeiten der Auflösung von Festanstellungen, ihnen den Kampf anzusagen. Bekennungstäter dieser Sorte sind etwa Holm Friebe und Sascha Lobo, die als Vordenker der digitalen Boheme gelten und ein Buch mit dem bezeichnenden Titel „Wir nennen es Arbeit“27 veröffentlicht haben. „Sie verzichten dankend auf einen Arbeitsvertrag und verwirklichen den alten Traum vom selbstbestimmten Leben“29, heißt es lapidar wie paradigmatisch in der Ankündigung des Heyne-Verlags.
„Sei frei und selbständig“, lautete das Motto des 15. Jungunternehmertags am 5. Oktober 2005 im Austria Center Vienna. Auch die medialen Marktschreier von brand eins sind in diesem Sinne unterwegs. Es geht darum, in den Schützengräben der auf sich gestellten Selbständigen die nötige Euphorie zu verbreiten: „Selbständige sind die Grundlage alles Unternehmerischen, der Motor der Ökonomie. Anderswo. In Deutschland sind sie Bürger zweiter Klasse, die von einem verbiesterten System zu Außenseitern gemacht werden.“30 „Als Selbständiger ist man in Deutschland ganz unten“, wird zustimmend ein Professor für Innovationsforschung zitiert. Der Kampf um die Selbständigkeit wird gar zum antifaschistischen Befreiungskampf, zumindest suggeriert das der Titel des Januarheftes: „Der deutsche Kampf gegen die Selbständigkeit“. Das ist neu, ansonsten kommen die renovierten Vorurteile in neuem Styling zum Einsatz: „Selbständige sind Menschen, die etwas unternehmen und vielfach die Grundlage weiterer Unternehmen regeln. Leute, die auf eigenes Risiko, mit eigenem Geld und Geschick etwas tun und in der Regel hart dafür arbeiten.“31
Das mit dem eigenen Risiko blamiert sich freilich ständig dadurch, dass jeder Konkurs und jeder Ausgleich nichts anderes zeitigt als die Auslagerung resp. Sozialisierung der Verluste. Nicht selten sind es ausgerechnet die verpönten öffentlichen Anstalten (Krankenkassen, Pensionsversicherungen, Förderstellen, Kommunen), die hier zum Handkuss kommen und via Abschreibung zur Kasse gebeten werden. So genau nimmt man es nicht. Passt auch nicht zu den ideologischen Schrullen. Dafür vertritt Lotter eine neue Klassentheorie: „Die herrschende Klasse ist in Deutschland die der Arbeitsplatzbesitzer, der Sozialversicherungspflichtigen. Und wie alle herrschenden Klassen vor ihr verteidigt auch sie ihre Pfründe.“32 Arbeitsplatzbesitzer sind folglich zu enteignen. Das läuft zwar, aber wahrscheinlich nicht radikal genug.
„Das Kapital ist pure Welt und reale Wirtschaft“33, schwärmt der Leitartikler. Skeptiker oder Kritiker müssen in die Schranken gewiesen werden, denn „es ist ein fester Bestandteil der Folklore, dass das Kapital und der Kapitalist an und für sich etwas Fremdes sind und etwas Bedrohliches.“34 Nicht dass Lotter nicht solche auch kennt, aber das sind dann nicht die Schaffer seiner Realwirtschaft, sondern die Raffer eines „Geld-Geld-Kapitalismus“.35 Diese glaubt er tatsächlich von jenen unterscheiden zu können: „Zocken und Wirtschaft sind allerdings zwei grundlegend verschiedene Dinge, auch wenn Geld in beiden eine Rolle spielt. (…) Ein Spieler spielt und nimmt das gewonnene Geld, um daraus mehr Geld zu machen. Das ist der Zweck des Spiels. Das Geld arbeitet für sich. Es ist nutzlos und wertlos.“36 Lotter spricht ausdrücklich von „Lumpenkapitalisten“37, „sie denken nur ans Geld und sind genau deshalb, nun ja, das Gegenteil von Kapitalisten, nämlich asozial“38. Was tun mit nutzlosen, wertlosen, asozialen Lumpen, fragt man sich da als Vertreter der Kategorie „Ehrliche Arbeit“. Genauso heißt auch der unmittelbar an Lotter anschließende Beitrag. Darin wird der Stahlunternehmer Jürgen Großmann als Vertreter dieser edlen Spezies interviewt.39
brand eins ist zweifellos heute ein führendes Frontmagazin des schaffenden Kapitals. Abarbeiten und Aufbereiten kapitaler Leitbegriffe ist zentrale Aufgabe. In anspruchsvoll gestalteten Themenheften (Führung, Risiko, Luxus, Vorurteile, Erfolg, Marken, Verkaufen, Arbeit, Apparat, Plan, Verantwortung, Wachstum, Geld, Eliten etc.) wird stets Richtung und Tempo vorgegeben. Ganz unrecht hat Lotter natürlich wiederum auch nicht, denn zweifelsfrei, der Spekulant ist eine üble Figur. Aber nicht als Solitär. Er ist eine üble Figur unter gleichen, keine üble Figur sondergleichen. Üble Figuren der Konkurrenz sind doch ausnahmslos alle: der Unternehmer als Agent des konstanten Kapitals, der Kaufmann als Agent des zirkulierenden Warenkapitals, der Spekulant als Agent des zirkulierenden Geldkapitals und der Arbeiter als Agent des variablen Kapitals. Kommunismus ist mit diesen Figuren keiner zu machen, Kommunismus meint Abschaffung aller Agenturen des Kapitals. Keine Agenturen, keine Agenten.

Unternehmer

Chronologisch wie logisch gilt: Die letzte Instanz der Konkurrenz ist auch ihre erste, ihr Kern ist die nackte Gewalt. Die Ursprünge des modernen Unternehmertums liegen in systematischer Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit, in Aneignung durch Enteignung. Karl Marx hat dies im 24. Kapitel des ersten Bandes des Kapitals mit dem Titel „Die so genannte ursprüngliche Akkumulation“ ausführlich dargelegt.40 Herbert Marcuse schreibt: „Von Anbeginn war die Freiheit des Unternehmens keineswegs ein Segen. Als die Freiheit zu arbeiten oder zu verhungern bedeutet sie für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Plackerei, Unsicherheit und Angst. Wäre das Individuum nicht mehr gezwungen, sich auf dem Markt als freies ökonomisches Subjekt zu bewähren, so wäre das Verschwinden dieser Art von Freiheit eine der größten Errungenschaften der Zivilisation.“41
Kann man derlei noch behaupten? Wirkt das nicht ziemlich deplaziert? Vorgestrig? Macht man sich da nicht lächerlich? – Soll sein. Vom Ende des freien Unternehmertums, wie es etwa Joseph A. Schumpeter42 oder James Burnham43 nach dem Zweiten Weltkrieg noch vorausgesagt hatten, ist nichts mehr zu hören. Im Gegenteil. Heute ist der Prototyp des freien Subjekts der freie Unternehmer. Daher sollen fortan auch alle welche sein. Der Soziologe Ulrich Beck etwa ist inzwischen zum Werbetexter eines neuen Unternehmertypus geworden, man achte auf die Wortwahl: „Die Figur des Gemeinwohl-Unternehmers bezeichnet eine personifizierbare Verdichtung von Initiativenreichtum, wie sie empirisch oft genug außerhalb und in Opposition zu den traditionellen Wohlfahrts- oder staatlichen Dienstleistungsorganisationen anzutreffen ist.“44 „Ihre unternehmerische Kunst und Fertigkeit liegt darin, dass sie unbefriedigte Bedürfnisse, ungelöste Aufgaben identifizieren und dafür brachliegende Ressourcen mobilisieren können. Sie vermitteln also in ihrer Person und Aktivität die Nachfrage und die Aufgaben der Bürgerarbeit.“45 Glaubt man den neuen Ideologen, dann ist die Zeit der Unternehmer erst angebrochen.
Dementsprechend hauen die Standesvertretungen auch auf den Putz: „Wir sind die eierlegende Wollmilchsau. Wir sind die Wiener Wirtschaft“, inserierte im Jahr 2000 der Wiener Wirtschaftsbund. Unternehmer gelten jedenfalls als innovative Köpfe und leistungsstarke Macher der Wirtschaft. Ihre Kreativität ist unser Wohlstand. Sie stellen nicht nur die Produkte her und beliefern die Märkte, sie schaffen auch die Arbeitsplätze. Obwohl Arbeitnehmer, werden sie Arbeitgeber geheißen. Wir haben ihnen dankbar zu sein. Dass sie sich in der Konkurrenz behaupten, dass sie dem sozialdarwinistischen Motto von „Fressen oder gefressen werden“ dienen, wird ihnen nicht nur nachgesehen, nein dieser Umstand fördert ihr Ansehen. Die Durchsetzungsvermögen genannte Rücksichtslosigkeit gilt in keiner Weise als Delikt, sondern als Tugend. Wir haben Respekt zu haben. Vergöttert werden gerissene Halunken, kaltblütige Ausbeuter, beinharte Rationalisierer, wendige Abstauber. Nichts wird so vergötzt wie profitfähige Exponate, leibliche Verkörperungen des konstanten Kapitals. Sie gelten als Heilsbringer, als Hohepriester, als Tatmenschen, kurzum Täter des Markts. Opfer, die hier getätigt werden, sind allemal Kollateralschäden. Sie werden einfach in Kauf genommen. Der Business geheißene Existenzkampf geht so.
Über den klassischen Bourgeois schreibt Marx: „Der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operation, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital.“46 „Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalistenseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen.“47 „Die kapitalistische Produktionsweise vorausgesetzt, ist der Kapitalist nicht nur ein notwendiger Funktionär, sondern der herrschende Funktionär der Produktion.“48 Jedes empirische Arbeitsverhältnis wird das bestätigen. Doch der herrschende Funktionär – der Begriff sagt es – ist kein Selbstherrscher. Er, der anders als der klassische Proletarier keinen Herren über sich hat, musste schon immer Herr seiner selbst sein. Der Kapitalist funktioniert nur, wenn er seine Funktion erfüllt. Es herrscht nicht Willkür, und wo sie herrscht, herrscht sie nicht lange.
In seinen „Randglossen zu Adolph Wagner“ hält Marx dezidiert fest: „Ich stelle umgekehrt den Kapitalisten als notwendigen Funktionär der kapitalistischen Produktion dar und zeige sehr weitläufig dar, dass er nicht nur ‚abzieht‘ oder ‚raubt‘, sondern die Produktion des Mehrwerts erzwingt, also das Abzuziehende erst schaffen hilft; ich zeige ferner ausführlich nach, dass, selbst wenn im Warenaustausch nur Äquivalente sich austauschen, der Kapitalist – sobald er dem Arbeiter den wirklichen Wert seiner Arbeitskraft zahlt – mit vollem Recht, d.h. dem dieser Produktionsweise entsprechenden Recht, den Mehrwert gewänne.“49 Ein produktives Unternehmen ist daher ein solches, das fremden Reichtum abzieht. „Ist die Überproduktion des Arbeiters Produktion für andre, so die Produktion des normalen Kapitalisten, des industriellen Kapitalisten, wie er sein soll, Produktion um der Produktion Willen.“50 Was der Unternehmer von anderen Käufern unterscheidet, ist: „Der Unternehmer kauft Produktivfunktionen.“51
Der Kapitalist gilt Marx als „Fanatiker der Verwertung des Werts.“52 Dieser Fanatismus rührt aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals. Daher ist es auch ausgesprochen falsch, diesen aus der Profitgier abzuleiten. „Die Wirkungen, die die Dinge haben als gegenständliche Momente des Arbeitsprozesses, werden ihnen im Kapital zugeschrieben, als von ihnen besessen in ihrer Personifizierung. Selbständigkeit gegen die Arbeit. Sie würden aufhören, diese Wirkungen zu haben, wenn sie aufhörten, in dieser entfremdeten Form sich der Arbeit gegenüber zu verhalten. Der Kapitalist als Kapitalist ist bloß die Personifikation des Kapitals, die mit eignem Willen, Persönlichkeit begabte Schöpfung der Arbeit im Gegensatz zur Arbeit. Hodgskin fasst dies als rein subjektive Täuschung auf, hinter der sich der Betrug und das Interesse der ausbeutenden Klassen versteckt. Er sieht nicht, wie die Vorstellungsweise entspringt aus dem realen Verhältnis selbst, das letztere nicht Ausdruck der erstren, sondern umgekehrt.“53

Kommando

„Ebenso erschien ursprünglich das Kommando des Kapitals über die Arbeit nur als formelle Folge davon, dass der Arbeiter statt für sich, für den Kapitalisten und daher unter dem Kapitalisten arbeitet. Mit der Kooperation vieler Lohnarbeiter entwickelt sich das Kommando des Kapitals zum Erheischnis für die Ausführung des Arbeitsprozesses selbst, zu einer wirklichen Produktionsbedingung. Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld.“54 Der Produktionsprozess selbst wird „seiner Form nach despotisch“.55 Das Kommandosystem in den Fabriken kann aber nicht auf Willkür und Unterdrückung zurückgeführt werden, selbst wenn es unmittelbar so erscheint: „Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen (den Arbeitern, F.S.) daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft.“56 Und noch einmal: „Der Kapitalist selbst ist nur Gewalthaber als Personifizierung des Kapitals.“57 Diese Autorität ist lediglich der Transmissionsleitriemen der Realisierung, nicht die schaffende Kraft der industriellen Leistung. Willkür und Repression sind Beigaben, untergeordnete Bedingungen des Funktionierens, nicht dessen Mechanismus. Was sich inzwischen auch an den flachen Hierarchien in der Betriebsführung demonstriert. Der Druck ist meist kein direkter, von einem Außen diktierter, sondern ein verinnerlichter und logischer. Der Befehl ist heute, zumindest in entwickelten Betriebsformen, eine Ausnahmeerscheinung, obgleich der Zwang nicht geringer geworden ist. Ziel ist Vollzug ohne Aufforderung. Die Leute sollen wissen, was zu tun ist. Sie sollen wollen, was sie sollen.
Zweifellos, das Kommando hat an Offensichtlichkeit verloren. Die Unterdrückung des Subjekts ist von außen nach innen gewandert. Wir sprechen von einer Verinnerlichung der Herrschaft. Unter Druck ist jenes nach wie vor, doch den großen Druck macht es sich selbst. Die kapitalistische Unterdrückung übt sich in den metropolitanen Demokratien in vermeintlich behutsamer Diskretion, der man die Gewalt der Verhältnisse oft gar nicht mehr anmerkt. Es geht um Selbststeuerung. „Seit der Facharbeiter weiß, was er sich schuldig ist, seit Angestellte die Regelungen des Arbeitstages akzeptieren, als handelte es sich um Naturgesetze, und vollends seit die Mitarbeiter eines Unternehmens mehr und mehr die Informationen selbst reproduzieren, in deren Genuss sie früher nur qua Anweisung kamen, muss dieses Bild korrigiert werden.“58 Der Druck des Marktes kommt als sachliches Konzentrat über die Mitarbeiter. Disziplin ist zur Selbstdisziplin geworden. Das Ich wird mit sich selbst fertig. Einen Pünktlichen muss man nicht zwingen, pünktlich zu sein, einen sich mit der Arbeit Identifizierenden muss man nicht anherrschen. Die Zwänge sind subtiler geworden, nicht geringer. Autoritäres Durchgreifen ist aber nicht abgeschafft, sondern lediglich aufgehoben. Nicht überwunden, sondern sistiert. Unter anderen Bedingungen kann es auch wieder abgerufen werden. Das Kapital vermag auf restriktive Maßnahmen zu verzichten, wo es diese nicht (mehr) braucht; werden sie nötig, ist das ganze Arsenal wieder einsetzbar. Womit freilich noch nicht gesagt ist, dass es sodann auch die gewünschten Ergebnisse zeitigt.
Ist das Kapital noch immer despotisch, wenn Befehlen und Gehorchen nicht mehr die elementaren Kommunikationsmuster darstellen? Nun, was soll man sagen? – Eine der dümmsten wie erhellendsten Fragen zugleich ist wohl diese: Ist ein Betrieb eine Demokratie oder eine Diktatur? Dumm, weil der konventionelle Begriffscode hier, oberflächlich betrachtet, gar nichts erkennen lässt. Erhellend, weil hier Freiheit und Kommando wunderschön in eins fallen, Selbstbestimmung und Unterwerfung derselbe Akt sind. Es ist nur mehr eine Frage der Perspektive, nicht irgendwelcher Prinzipien.

Leader

Lassen wir noch einmal den Wolf Lotter ran: „Die neuen Führer und Geführten folgen dem alten Heldenbild, sie tun, was sie immer getan haben: Sie begreifen Wirtschaft als moderne Form von Krieg und sich selbst als die Helden dieses Kampfes.“59 Dass Krieg und Unternehmen viel gemeinsam haben, liegt auf der Hand. In militärischem Kampfanzug referiert der SVP-Recke Christoph Blocher das, was er unter Führung versteht. Für Zweideutigkeiten ist in diesem egomanischen Autoritätskult von Befehlen und Gehorchen kein Platz. Blocher behauptet, „dass sich die Qualität der Führung und der Führenden an einer einzigen Größe zu messen hat, nämlich am erreichten Ziel, am Erfolg. Und weil jeder Führende stets sowohl Vorgesetzter als auch Untergebener ist – und damit stets einen Auftrag hat – ist seine Führungsqualität an der Erfüllung eines Auftrages zu messen.“60 „Der Auftrag steht im Mittelpunkt – und zwar der eigene.“ Sendungsbewusst verkündet er, dass es wieder einmal um Pflicht, d.h. um „Auftragstreue“ geht: „Der Verantwortliche ist einem Auftrag unterworfen, untertan.“ „Es gibt keine schlechten Mitarbeiter, nur schlechte Chefs.“ „Das Vorschieben der Sachzwänge ist nichts anderes als die Begründung des Misserfolges auf Vorrat.“ Zum Typus der Führungspersönlichkeiten schreibt Blocher, „dass sie trotz verschiedensten Charakteren vor allem eine gemeinsame Eigenschaft auszeichnet: eine – manchmal fast unheimliche – Verpflichtung gegenüber der Sache, ein Ernstnehmen ihres Auftrages. Alle – auch und gerade die eigene Person – ordnen sie diesem unter.“ Schon Hegel nannte die Pflicht „ein Sollen gegen den besonderen Willen“.61 Auf jeden Fall gibt man uns doch deutlich zu verstehen: Unternehmer sind Offiziere des Kapitals und ihre Beschäftigten sind nichts anderes als Söldner des Marktes. Was man in Zürich weiß, weiß man auch in der Wiener Tageszeitung Der Standard: „Rekrutieren muss gelernt sein.“62 Und das ebenfalls an der Donaumetropole ansässige Wirtschaftsblatt titelt: „Manager mit Militärausbildung sind die besseren Chefs.“63 Da würde auch Blocher applaudieren.
Diese kultische Selbstinszenierung verweist auf die Masken des Kapitals und ihre primären Exponenten, die Kapitalisten. Gesungen wird das Hohelied der sekundären Tugenden: Pflicht, Auftrag, Ordnung, Erfüllung, alles unterworfen einer unbedingten Führung. Beim Unternehmer seiner selbst geht es darum, dass jeder sich zu dem bekennt, was er zu sein hat: Träger oder besser noch Überträger seines eigenen Humankapitals, das sich zu verwerten verstehen muss. Jeder fürsorgliche Klimbim wird hier als störend empfunden, geht es doch um die Entfaltung und Erhaltung einer sich selbst reproduzierenden Form.
Aktuell nimmt der Glaube an das freie Unternehmertum direkt fundamentalistische Züge an. Die Wirtschaftsliteratur verkündet die Wiederkehr des Wirtschaftsführers. Man wird nicht nur in der NZZ fündig, jeder Wirtschaftssteil jeder Zeitung und jedes Magazins beherbergt dieselbe Propaganda, die sich heute in der Verschiebung vom Manager zum Führer akzentuiert: „Darin sehe ich den Unterschied zwischen Management und Führung. Manager sind mit der Abwicklung komplexer Prozesse betraut, Führung mit jener der Veränderung“64, weiß die Harvard-Professorin Linda Hill. Leader seien „Change Agents“. „Leader sind keine Manager“, behauptet auch Edgar H. Schein, ehemaliger Professor für Organisationspsychologie an der Soan School of Management am MIT, der Leader gilt ihm als Kulturschaffer und Kulturveränderer, wobei mit Kultur die Unternehmenskultur gemeint ist: „Wenn die Kultur mit dem Markt übereinstimmt, dann ist das Unternehmen erfolgreich.“ Veränderung rührt aus Angst vor Misserfolgen: „Dann muss es im Unternehmen ein Gefühl der Angst, der Bedrohung geben, ein Gefühl: Wir müssen uns verändern, wenn wir überleben wollen.“65 Angst vor dem Gefressen-Werden wird zu einem positiven Trieb aller Gefräßigen. Kapitalismus bedeutet allemal, das zu tun, was einem nicht angetan werden soll.
„Die Planungszyklen der Unternehmen werden immer kürzer. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer weniger vorhersehbar. Manager reagieren, Leader antizipieren Entwicklungen“, lesen wir im Vorspann zum Artikel „Warum jetzt Leader gefragt sind“.66 Vom Manager setzt sich diese Konzeption bewusst ab. Im liberalen Wiener Blatt, das natürlich weiß, was sich gehört, wird der Führer auch ganz korrekt Leader genannt. „Der Leader wird zum Visionär“, „letztendlich beginnt Leadership dort, wo Konsens aufhört.“ „Die Headhunter Helmut Neumann und Tamas Toth sind dabei, in Österreich und Osteuropa eine Leader-Schmiede zu etablieren.“ Man steckt einmal mehr im „Gründungsfieber“. Neudeutsches Zitat Toth: „The leader doesn’t transport the message, the leader is the message.“
Wer sich nur die Mühe nimmt, die Blätter zu durchforsten, wird immer wieder auf den Hymnus stoßen, geradezu anbetungs- und salbungsvoll wird diesen Exponaten ein Heldenlied gesungen. Die Strophen dieses Werbefeldzugs sind oft identisch bis ins kleinste Detail. Der Unternehmer ist der Gesandte des Kapitals. Gepriesen sei er. Anbetung der Maske gibt es nicht nur im Proletkult oder im Starkult, sie ist insbesondere auch Programm des konstanten Kapitals, sei es fix, zirkulierend oder rein fiktiv. Fabrikanten, Broker, Makler, Grundbesitzer, Hauseigentümer, Großaktionäre, die gelten schon was. Und selbst wenn dieses System zunehmend eklatiert und eskaliert, wird dies achselzuckend zur Kenntnis genommen: „Die Hälfte der Führungskräfte ist überzeugt, Konflikte in Unternehmen nehmen zu. Schuld ist der zunehmende Druck am Markt. Getan wird trotzdem nichts“67, heißt es lapidar im Wirtschaftsblatt.
Wie denn auch. Der Ablauf muss ablaufen und er läuft ständig schneller, auch was seine Destruktionen betrifft. Schöpfung meint Zerstörung. Zögerlichkeit oder Genügsamkeit sind jedenfalls Mängel, die beseitigt werden müssen. Wenn der oft zitierte Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter von der Potenz der „schöpferischen Zerstörung“68 spricht, dann behandelt er die Frage völlig formzentriert. Er fasst sie theoretisch so, wie das Kapital sie praktisch löst. Schumpeter fragt in keiner Weise, was zerstört wird und was an seine Stelle tritt. Er konstatiert, dass das unaufhörlich der Fall ist, vergisst aber in seinem innovativen Eifer, worum es geht. Die schöpferische Zerstörung ist nichts anderes als das Rationalisierungsprogramm des Kapitals. Um Wert zu schaffen, muss es Werte vernichten, alles Stoffliche ist hier bloß Beiwerk, was zählt, sind Ziffern des Umsatzes und des Profits. Nicht ob eine Maschine besser ist als eine andere, ist die Frage, sondern ob sie billiger produziert. Nicht ob ein Produkt verbessert werden kann, sondern wie es besser verkauft werden kann, ist die ganz energische Frage, die der schöpferischen Zerstörung zugrunde liegt. Sie ist nichts weniger als eine Instanz des Werts.

Risiko

Klassisch war: Eins bietet seine Arbeitskraft an und hofft, dass auf diese zugegriffen wird. Man erwartet Anstellung und Arbeitsvertrag, verbunden mit diversen Sicherheiten (Pensionsversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankengeld etc.), kurzum ein ordentliches Beschäftigungsverhältnis. Der „atypische“ Unternehmer seiner Arbeitskraft besitzt derlei Sicherheiten kaum noch, er ist befristeter Tagelöhner, Job-Hopper, der mal dies und mal jenes erledigt. „Die neue Arbeitskraft verkauft ihre Arbeit nicht mehr zum fixen Stunden- und Monatstarif, sondern sie wird nach Leistung oder erst bei Auftragserfüllung entschädigt; sie verbessert laufend ihr persönliches Leistungsangebot und ihr Qualifikationsprofil nach unternehmerischen Erfolgskriterien.“69 Sie verfügt über keine Anstellung, sie verfügt über Fertigkeiten und Geschicklichkeiten, die abgerufen werden. Angst als Konsequenz allseitiger Entsicherung soll Folgsamkeit erhöhen. Dazu passt auch die immer öfter erhobene Forderung, Gehälter überhaupt an Gewinne zu koppeln.
Das positive Wort für Entsicherung heißt Risiko. Einst den Unternehmern zugeordnet, wurde es zwischenzeitlich demokratisiert und allen zugängig gemacht. Denn auch das Leben als besetztes Terrain ist zu einem Unternehmen geworden, das ordentlich gemanagt werden muss. Alles ist verplant, und man plant es zu allem Überfluss auch noch selbst. It’s all business. Jeder soll werden sein eigener Unternehmer. Eigenverantwortung nennt sich dieser Zwang zur Ausübung und Anwendung seiner selbst als ungeschütztes Konkurrenzwesen. Wobei Eigenverantwortung eine zynische Vokabel sondergleichen ist: Sie verlangt Folgen und Kosten zu tragen, bei den vorlaufenden Bestimmungen und Entscheidungen aber weitgehend einflusslos zu sein. Es geht um die Privatisierung der Lasten zuungunsten der schlechter Positionierten. Aber auch dies sollte nicht als Klasse übersetzt, sondern den jeweils deklassierten Elementen zugerechnet werden.
Der Werbesprüche sind viele. Man denke nur an das unerträgliche No risk, no fun. Da geht es um den Kick. Bereitschaft zum Scheitern ist eine zentrale Bedingung. Eine nach oben wie unten offene Skala von Plus und Minus geht davon aus, dass auch welche draufzahlen müssen, um anderen den Erfolg zu sichern. Die Positivierung des Risikos führt dazu, erlittene Schäden a priori zu akzeptieren. Sie sind Teil des Spiels nach akzeptierten Spielregeln. Verluste werden individuell zugerechnet. Selbst Krankheit soll immer mehr als persönliches Versagen empfunden werden. Zwischen der Reparatur des Autos und der des Körpers ist ja auch kein Unterschied. Ökonomisch betrachtet. Schutz erscheint als Kostenfaktor, der sich nicht rechnet. Risikoscheu und Risikofeindlichkeit gelten als verpönt. Risiko ist angesagt. „Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden“70, wusste Ulrich Beck noch vor zwanzig Jahren. Risiko und Konkurrenz funktionieren als Einschluss- und Ausschlussmechanismen betreffend den monetären Fluss in der Gesellschaft. Da die In-Wert-Setzung Pflicht ist, ist die Exklusion freilich eine (nicht gewollte) Verletzung der Pflicht, eine Verunglückung oder ein Unfall. Die ultimative Zuspitzung des Risikos ist das Hasard, immer dort zugegen, wo die verzweifelte Entschlossenheit jede Rücksichtnahme gegen sich wie gegen andere verbietet. Die Mentalität des „Alles oder nichts“ liegt in der Bereitschaft zu vernichten oder vernichtet zu werden. Jene zeitigt Tat und Opfer. Der Zug zum Nichts ist handgreiflich und offensichtlich.
Die aktuelle Risikofreudigkeit hat zwei Gründe; einen banalen, was meint, vielen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich dem Risiko zu überantworten. Zweitens, und da wird es komplizierter, gibt es hier aber auch eine mentale Ursache. Lust aufs Abenteuer verdeutlicht, wie wenig Lust eigentlich im Leben ist. Tristesse drängt zur Risikofreude. Der Alltag ist so angelegt, dass die Subjekte geradezu ob des Mangels an erlebter Intensität der außertourlichen Kompensation bedürfen. Es hat was von einer traurigen Notwendigkeit, die man aber deswegen nicht affirmieren müsste. Wer Fun nur mit Risk erzielen kann, ist sowieso ein armes Wesen. Freude ist weder Appendix noch Amplitude der Gefahr. Ziel sollte sein, sich auch in Normalsituationen zu spüren, nicht bloß in extremen Lagen. Für Charaktermasken gilt: Fun is function. Oder noch deutlicher: Fun is a function for functionaries. Keineswegs ist Fun mit Glück zu verwechseln. Glück erwächst nicht wie etwa der Triumph auf der Niederlage oder dem Leiden anderer Personen. Ist nicht Abzug, sondern Selbstzweck. Glück ist keine Kategorie der Konkurrenz, auch wenn Letztere dieses Bild zeichnet. Erfolg in der Konkurrenz ist lediglich Sieg im Kampf. Glück jedoch ist keine Rechnung, und schon gar keine Berechnung.
Zum Glück braucht man kein Risiko. Man kann in der Gefahr Glück haben, aber es gilt nicht umgekehrt, dass nur aus der Gefahr Glück erwächst. Im Gegenteil, nur wenig beschert so viel Unglück wie die Gefahr. Warum sollte man also unbedingt darauf erpicht sein? Ganz kategorisch gefragt: Warum soll man bereit sein zum Risiko? Den Absturz mitkalkulieren? Die Schulden? Den Konkurs? Die Obdachlosigkeit? Ja, die existenzielle Vernichtung? Why? Niemandem sei die Freude missgönnt, einem Risiko entronnen zu sein, aber ist es deswegen zu suchen? Das ist kein Argument für die totale Behütung und absolute Vorsicht, aber doch die Erkenntnis, dass die Einmaligkeit des Lebens ein Gut ist, dem höchster Schutz angedeihen zu lassen ist. Das schließt nicht aus, dass es mitunter notwendig ist, Wagnisse einzugehen, aber diese sind eben nicht als vorgegebene Form, in der man sich bewegt, hinzunehmen. Vom Müssen ist keineswegs auf ein Sollen zu schließen. Natürlich ist man in Momenten, wo man etwas riskiert hat, was dann gelungen ist, überglücklich, denn schließlich könnte man auch unglücklich sein. Indes, Glück reicht, Überglück ist nicht anzustreben. Überglück ist bloß das Glück, mal wieder davongekommen zu sein. Es ähnelt dem Triumph im Krieg, wo die Beseitigung oder Niederwerfung des Feindes die eigene Existenz sichert. Glück ist selbsttüchtig, wächst auf individueller Entfaltung, nicht auf Wegnahme.
Der Imperativ des Risikos ist eine zentrale Botschaft des Markts. Das berechnende Wesen soll aufgrund zunehmender Unberechenbarkeit mehr oder weniger gezwungen werden, volles Risiko zu nehmen. Wie ein Hochamt wird es zelebriert. Man blättere einmal mehr in den Wirtschaftsseiten: „Ohne Risiko keine Chancen“, heißt es in der KarriereLounge der Wiener Tageszeitung Die Presse 71: „Risk Management bei Banken als Personalthema“. Und ganz selbstverständlich: „Österreich hat in Sachen Risikokultur unbestritten Nachholbedarf.“ „Aber riskieren wir ganz einfach ein bisschen mehr Zukunft!“, schreibt resümierend die Kolumnistin, ohne allerdings zu schnallen, was sie da resignierend wahrheitet. Diese Beiträge sind austauschbar, die Botschaft ist stets die gleiche. Chance wird als Risiko begriffen. Der Kanon vom „unternehmerischen Wagnis“ wird vom medialen Chor lautstark abgesungen. Risiko ist zu einer Geschäftssparte geworden. Allerorten Risikobetreuer und Risikoberater, allzeit bereit zum Coachen.
Vom Gipfel zum freien Fall ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Das österreichische Wirtschaftsmagazin Trend wählt jährlich den Manager des Jahres. Inzwischen ist das eine zweifelhafte Ehre geworden, stellte sich doch heraus, dass viele der Geehrten nur wenige Jahre später ökonomisch abstürzten, aus den Galionsfiguren schnell Pleitiers wurden. Die Ehrung gilt neuerdings als „Fluch der Pharaonen“.72 Aber vielleicht ist dieser Zusammenhang durchaus ein eherner. Mut folgt Übermut folgt Absturz. Je höher man aufsteigt, desto tiefer kann man fallen. Typen, die sich etwas trauen und permanent auf der Suche nach dem ökonomischen Kick sind, leben gefährlich. Dass dabei Herren die Charts bevölkern, sollte sich von selbst verstehen. Hasardeure sind fast ausschließlich männlichen Geschlechts. „Frauen verdienen weniger, weil sie das Risiko scheuen“73, entnehmen wir der Tageszeitung Die Presse. Was Männer zeichnet, ist das konsequente, aber sorglose Handeln, eines, das sich gerade deswegen unmittelbar auf das Ziel zu konzentrieren vermag. Durchziehen, lautet der Imperativ, mögen die Folgen auch sein, wie sie sind. Diese fixe Orientierung ist absolut weltvergessen, sie soll von keiner Ganzheit berührt werden. Frauen sind im Allgemeinen aufgrund ihrer Sozialisierung hin zur Fürsorge gehandicapt. In der gesellschaftlichen Ausbildung oder besser: sozialen Ausstattung der Geschlechter werden Männer auf Rücksichtslosigkeit und Frauen auf Rücksichtnahme hin dimensioniert. Das hat Auswirkungen auf deren Verhalten in Kampf und Konkurrenz.

Verschleiern

Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen. Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie: Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen Gewohnheitsrecht. Gerade im entwickelten Kapitalismus inszeniert sich die Ästhetik des Markts primär am weiblichen Körper, speziell in der flächendeckenden Werbung. Frauen haben sich nicht nur im Handeln zu verdinglichen, sondern vor allem auch im Aussehen. Das ist eine der ihnen zugeschriebenen Hauptaufgaben.
Kleidung fungiert doppelt: als Schutz (Kälte, Hitze, Regen, Wind) und als Maske, Letztere aufgefächert durch diverse Moden. Die erste Maskierung ist wohl die, nicht nackt sein zu dürfen, nicht zu viel Blöße zu zeigen, Scham zu entwickeln. Doch damit hat es sich nicht. Kleidung als Verkleidung legt einen Schleier über die Person, die sie trägt. Bedeckung mag obligat sein, es ist aber zu fragen, wie weit sie reicht, welche Regionen ihr gehören, welche frei bleiben dürfen bzw. sollen. Weiters woraus das Material besteht, was es ausdrückt, ob es eng anliegt, somit Körperformen betont oder ob es gar durchsichtig ist, Haut nicht nur zeigt, sondern durchscheinend hervorhebt. Soll der Körperteil pointiert oder soll er versteckt werden? Ersteres exponiert sich in der Karriere des Netzes und seines prominentesten Vertreters, des transparenten Damenstrumpfs. Netz und Strumpf sind jedenfalls eindeutig dem Frauenkörper zugeordnet. Frauen sind Trägerinnen von Stoffen, wo angezogen und ausgezogen nicht unterscheidbar sind.74
Netz und Strumpf sind der abendländische Schleier. Nicht in der Nacktheit, sondern in diesem Dazwischen liegt der Reiz, darin also, dass Kleidung den Körper verhüllend enthüllt. Frauen haben die Transparenz ihres Geschlechts am Markt zu demonstrieren. Sie amtieren als Sondermarke. Westliche Frauen haben sich doppelt zu präsentieren. Abseits von Schamlosigkeit und Verlogenheit sollte klar sein, dass sie sexy zu sein haben. Appeal ist gefordert. So und nicht anders funktioniert die männliche Aufforderung zum Aufputz: „Putz dich auf, eher red ich nicht mit dir“75, lässt Nestroy in einem Dialog der Geschlechter einen Mann namens Schlucker sagen. „Es ist ein wirkliches Verdienst für ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen“, schreibt Christian Grave in seinem Essay „Über die Moden“ (1792). „Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem Geschlecht vorgesetzt hat, gehört, dass es gefallen soll, so ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern, seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfen.“76
Was ihre Ansichtigkeit betrifft, wird die Differenz der Geschlechter ausdrücklich gefordert. Damen- und Herrenwäsche, von den Dessous ganz zu schweigen, sind leichter zu unterscheiden als Frauen und Männer. Geschlechtsspezifische Mode ist Usus. Die Konstruktion der Geschlechter wird wohl in keiner Frage so deutlich wie in dieser, denken wir nur an das ganze Arsenal: an Schminke, Make-up, Schuhe, Hüte, an Unterwäsche und Röcke, an Strümpfe, Frisuren und chirurgische Eingriffe, an Lippenstift und Nagellack. Dies alles und viel mehr hat der Markt für den Frauenkörper entwickelt und bereitgestellt, auf dass es auch Anwendung findet. Hinter diesem Vorhang der Idealisierung des Weiblichen kann sich nicht wenig Verachtung verbergen.
„Ich bin, was ich anziehe.“ Welch Doppelsinn! Das spezifisch Angezogene fungiert als das spezifisch Anziehende. Mann sieht aber nicht nur, was Frau herzeigt, sondern was Mann im Auge hat. Die reizende Frau gibt die Sicht des Mannes wieder, die Sichtung des Körpers folgt einer maskulinen Vision. Ausziehen ist interessanter als das Ausgezogene, Verfügung interessanter als Nacktheit. Bürgerliche Erotik ist hochgradig auf dem Gegensatzpaar von Verfügung und Fügung aufgebaut. Die geschlechtliche Zuordnung ist eindeutig. Westlichen Gesellschaften dient die Frau jedenfalls auch zur Selbstaufreizung. Sie ist der zentrale Gegenstand penetrierender Blicke, es geht, wie die Sprache der Reklame es ausdrückt, um „Eye-catching“. Nicht zu Unrecht wird verkündet, dass ihr Körper eine Waffe ist. Es ist nur die Frage, mit wessen Waffen wer hier scharf gemacht wird. Einmal mehr zeigt sich, wie Fiktion in Wirklichkeit umschlägt: Die Projektion ist reales Projekt, weil Projektil eines Projektors. Pornographie ist nichts anderes als die Zuspitzung dieses männlichen Voyeurismus. Die Frau ist das sexualökonomisch aufgeladene Projekt der westlichen Hemisphäre. Diese versprüht eine eigene Atmosphäre, die wir wiederum als eigene verspüren. Treten wir aus dieser Atmosphäre aus, sind wir sogleich eigenartig berührt, ergreifen mental ihre Partei, auch ohne Parteigänger geworden zu sein.
„Die Kultur des Westens hat einen vagabundierenden Blick. Die männliche Sexualität ist immer auf der Jagd, lässt den Blick immer schweifen“77, schreibt die Antifeministin Camille Paglia. Es ist schon bezeichnend, wie die Autorin einen korrekten historischen Befund sofort in eine Ontologie des Sexuellen überführt. Anzumerken ist freilich, dass gerade die überzeugte Antimarxistin dezidiert Maske als zentrale Kategorie verwendet, auch wenn ihr Begriffspaar „chthonisch“ und „appollinisch“ jene anders besetzt als Marx oder auch dieser Aufsatz. Paglia ist pro Patriarchat, pro Kapitalismus, pro Mythos. Trotzdem ist ihr Werk von außerordentlichem Interesse, selbst wenn man ihre zentralen Aussagen für unrichtig erachtet. So wenn sie Sexualität naturalisiert: „Die Masken der Sexualität sind das Produkt der unvermittelten, ursprünglichen Alchimie der Nerven im Spannungsfeld aus innerem Antrieb und äußeren Alternativen.“78
Wir argumentieren anders: Der männliche Blick etwa ist uns warenförmiger Ausdruck der Moderne und ihrer Reklame. Pornographie ist nicht „unverfälschter heidnischer Bilderkult“79, sondern schärfstes Konzentrat kapitalistischer Ikonographie. An der Frau offeriert sich vielmehr demokratische Zurschaustellung. Ihre Zurichtung als Sexualobjekt ist Tatsache. Als optisches Signal soll es dem Mann versichern, dass es seine Welt ist, in der sie beide zu Hause sind. Die Aufrüstung des weiblichen Körpers ist obligat. Sie ist der Ort demonstrativer Selbstbeschau und Selbstinszenierung am Objekt. Um uns nicht misszuverstehen: Es ist ein substanzieller Unterschied, ob Frau sich darstellen muss oder sich darstellen will. Wobei die kulturindustrielle Normierung diese Differenz permanent einebnet, sodass Frauen (aber auch Männer) des Öfteren weder erkennen noch fühlen, was da was ist. Das führt auch zur Verunsicherung der Geschlechter, was unmittelbare Deutungen angeht, wechselseitig, aber auch selbstbezogen.
Herrschende Bilder herrschen in uns durch uns. Sie kennen vor allem eine Richtung, und zwar vom männlichen Auge auf den weiblichen Körper. Der erste Eindruck von einer Frau ist, sieht man vielleicht von der Stimme ab, ein ausschließlich visueller. Der Scharfblick des Mannes auf die Frau ist optisch überdeterminiert. Wenn Mann eine Frau betrachtet, wirft der Spiegel des Marktes ein Bild, das dessen Kriterien als relevante vorerst einmal repliziert und ein entsprechendes Scan liefert. Das dabei entstandene Bild mag absolut falsch sein, sich etwa im Falle eines näheren Kennenlernens als völlig haltlos herausstellen und sich entsprechend umgestalten. Indes, dieser engere Kontakt tritt selten ein, zu dieser Intimität sind wir nur ausnahmsweise fähig. So bleibt also meistens ein Eindruck prägend, der an wenigen Äußerlichkeiten hängt. Einschätzung meint Eindruck.
Wir sehen nicht einfach Gegenstände, wir werfen objektivierte Blicke. Der Blick ist alles andere als unbefangen, er ist eine formatierte Größe der zweiten Natur, auch wenn er sich als sinnliche Gewissheit dünkt. Er ist eine synthetische, keine analytische Leistung. Das liegt auch daran, dass das Blicken haltlos ist, abläuft wie ein Film. Optische Betrachtung ist ein weitgehend kritikfreier und unreflektierter Bereich. Noch viel weniger als über Sprache und Schrift verfügen wir über den Blick. Dieser folgt vielmehr seiner sozialisierten Linse. Das männliche Auge, von dem primär die Rede ist, kapriziert sich, mag dem Besitzer das nun passen oder nicht. Die Magie der Bilder ist omnipräsent. Unsere Welt ist von Bildern umstellt, konsumiert von „Zwangsvoyeurs“80. Weder Wissen noch Gewissen regulieren den Blick. Wir sprechen auf Reize an, ob wir wollen oder nicht. Eine geschlechtsspezifische Analyse dieses Blicks ist evident. Ebenso wichtig wäre auch eine Debatte über die Hierarchie der Sinne, ihre Modellierungen und Zulassungen, ihre Gebote und Verbote resp. deren Grundlagen. Dies wäre aber von ungemeinem Interesse, nicht nur betreffend den besonderen Charakter westlicher Frauenemanzipation, sondern auch, um die gesellschaftlichen Substrukturen der Kommunikation überhaupt offen legen zu können.
Bestimmte Raster des Islams wollen die Frauen als inferiore Subjekte, d.h. Subsubjekte von Markt und Staat definieren, ja sie geradezu abschirmen, indem man ihre Mündigkeit beschränkt. Solche Vorstellungen verweisen auf Desexualisierung und Degradierung im öffentlichen Raum. In diesen Verhältnissen sollen Frauen als verhangene Wesen kein Antlitz zeigen, Maske als Stoff ist Pflicht. Haben diese Frauen im Extremfall kein Gesicht mehr, so sollen westliche Frauen entsprechende Körper und adäquate Ansichten nicht nur herstellen, sondern auch den Blicken zur Verfügung stellen. Sexualisierung ist aber nicht als weibliche Erhöhung zu verstehen, sondern als männliche Erbauung. Was die veröffentlichte Frau des Westens unbedingt sein soll, das darf die muslimische Frau partout nicht sein. Sollen Erstere sich den Blickfängen darbieten, so dürfen Letztere diese gar nicht erst zulassen. Der von strengen Auslegungen des Korans geprägte Schleier (aber auch schon das Kopftuch) etwa offenbart die ausschließliche Disponibilität der Frau für einen Mann. Ihre Privatisierung.
Öffentliche Dresscodes hingegen legen eine multiple Verfügung nahe, auf jeden Fall herrscht bezüglich Frauen optische Demokratie, zumindest bis zur Grenze des Stalking. Die gesellschaftliche Pflicht der Frau besteht darin, sich anschauen lassen zu müssen. Daher auch anschauen lassen zu können. Natürlich sind das hier idealisierte Masken, die rausgearbeitet wurden, nahe legen wollen wir aber, dass es sich um verschiedene Plateaus ein und derselben männlichen Werteskala handelt. Verschleierung ist nicht nur eine Form, die ausschließlich die orientalische Frau betrifft. Die Verschleierungen des Westens, was die Zurichtung des weiblichen Körpers betrifft, lediglich eine andere. Sie ist inzwischen fast ausschließlich impliziten Charakters. Sie fällt als Besonderheit nicht auf, weil sie Selbstverständlichkeit ist.
Verhüllen und Enthüllen haben mehr gemeinsam als angenommen. Der Blick führt da auf die falsche Spur, wenn er Standpunkt beziehend Norm und Abnorm scheidet. Indes, beide Modellierungen demonstrieren einen Zugriff auf das weibliche Objekt via Zurichtung. Beide Modellierungen wollen normierend sein, nicht bloß Möglichkeiten durchspielen, sondern Zwänge durchsetzen. Beide Modellierungen wollen den Körper der Frau und die Sicht darauf reglementieren, ihn auf keinen Fall ihr überlassen. Darf die eine kein öffentliches Lustobjekt sein, so hat die andere es zu wollen. Lust ist beide Male auf einer schiefen Ebene gelandet, so unterschiedlich die Varianz der Sexualität auch ausfällt. Privatisierung und Vergesellschaftung des Weiblichen setzen im Okzident wie im Orient auf unterschiedliche Akzentuierungen. Es ist bei aller Differenz aber nicht so, dass die einen einfach frei sind und die anderen unfrei. Doppelter Konsens ist, dass Frauen hier wie dort spezifischen Konventionen und Konditionierungen ausgeliefert sind, ihre Personifikation via Präsentation einen hochregulierten Bereich darstellt.
Die berechtigte Kritik des orientalischen Patriarchats lenkt ab von der Kritik des westlichen. Dieses, um vieles subtiler, verkauft sich ja heutzutage als feministischer Hort der Emanzipation. Es gendert. Gleichberechtigung bedeutet, dass die gleichen männlichen Regeln für Männer und Frauen gelten, manchmal inklusive positiver Diskriminierung zur Erzielung bestimmter Quoten. Der Westen prämiert sich, weil er die Frauen direkt in den Markt reingenommen hat; nicht nur reell unterworfen sind sie, sondern ihm auch formell zugehörig. Das Recht hat gesiegt, die Frau ist vollwertige Staatsbürgerin geworden. Das und nicht mehr meint Gleichberechtigung – und zweifellos, es ist auch eine. Der männliche Maßstab differenziert sich nicht in Zugangsbeschränkungen, auch wenn es diese noch gibt. „Frauen an den Herd!“ ist auf der politischen Ebene ein Minderheitenprogramm. Bürgerliche Frauenbefreiung besteht darin, männliche Maßstäbe auf einen einzigen zu reduzieren, auf dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Das führt dann oft zu grotesken Erscheinungen: zu Frauen, die partout ihren Militärdienst ableisten wollen, oder zu Männern, die die Anhebung des Pensionsalters für Frauen einfordern. Derlei gerichtsanhängige Klagen haben ob der offensichtlichen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gute Erfolgschancen.
Was die sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre charakterisiert, ist wohl dies: Alle haben dezidiert oder uneingestanden den weißen Mann des Westens zum Leitbild. Alle wollen irgendwie seine Rechte in Anspruch nehmen: die Arbeiter, die Frauen, die Kolonisierten, die Minderheiten und die Mehrheiten. Der Kampf um Rechte, um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, war stets ein immanenter. Diese Begehren übernehmen den Maßstab der Herrschaft und schreien nach ihrem Quantum. Noch heute wandern viele in jene Länder ein, in denen solch persönliche Ziele am ehesten möglich erscheinen. Bürger wollen sie werden, in doppeltem Sinne: Staatsbürger und Besitzbürger. Die Anziehungskraft ist hier zweifellos immer noch um vieles stärker als jede Sprengkraft. Und jetzt sage niemand, Erstere sei Folge einer Illusion. Aber selbstverständlich!

Unbehagen

Das Schwanken zwischen Fatalismus und Personalismus ist kennzeichnend für bürgerliche Subjekte. Als fragmentierte Exponate neigen sie einerseits zur bedingungslosen Unterwerfung, andererseits haben sie immer etwas auszusetzen. Unstimmigkeiten lösen sie dahingehend auf, dass sie anderen (oft vorbestimmen) Subjekten etwas zuordnen resp. negativ ausgedrückt: etwas anhängen wollen. So bleiben sie mit den Verhältnissen, an denen sie leiden, in eigentümlicher Weise versöhnt, eben weil sie eine bestimmte Substruktur für ihre Misslichkeiten verantwortlich machen. In einer Gesellschaft, in der alles personalisiert wird, findet jedwedes Übel irgendwelche Schuldigen. Suche gilt den Sündenböcken und Verfolgung. Die Rede von Schurken und Teufeln, Gemeingut von Bush bis Chavez, liegt hier begründet. Propagandistischer Eifer ist stets zugegen. Vor allem in der Politik, und da nicht nur bei irgendwelchen Populisten. Was nicht gefällt, wird nicht den Zuständen zugeschrieben, sondern Missständen, die von subjektiven Fehlleistungen oder Böswilligkeiten irgendeines Personals herrühren. Handlungen finden sich in den Zuwiderhandelnden ausreichend erklärt. Charaktermasken bezichtigen Charaktermasken.
Es geht nicht darum, in objektivistischer Manier das Handeln der Agenten als strukturell bedingt zu verteidigen, wohl aber doch ganz entschieden dieses Agieren in seinen Kontext zu setzen. Wenn man den Masken den freien Willen abspricht, heißt das ja nicht, dass sie fortan für ihre Taten entschuldigt sind bzw. anstellen können, was sie wollen. Sie sind die Ausführenden, und das gilt es stets zu betonen. Nicht Grund, aber doch die letzte Instanz des Vollzugs. Ohne sie ginge nichts. Struktur kann sich nur über ihr Personal in Bewegung setzen, ist nicht selbsttätig. Sie wird nur real, wenn sie kommuniziert wird. So ist es auch schwierig, eine Seinsebene von einer Handlungsebene zu scheiden. Sein kommt nur durch Handeln zu sich. Es gilt aber auch zu konstatieren, dass es eine Basis für Handlungen gibt, die ihre Ursache nicht in ihren Verursachern haben. Widersprüche sollen auf diese Weise begreifbar und angreifbar gemacht werden. Nur wenn dies erkannt wird, aber auch wirklich emotional berührt, ist eine Ablöse oder zumindest ein Liften der Masken möglich.
Unbehagen ist vorerst ein Reflex, der konkreten Gegebenheiten und Entwicklungen in ihrem Sosein und Daherkommen nicht zustimmen will. Unbehagen ist unbeholfener Unwille, unbestimmte Negation. Sinnlich aufgeladen, aber inhaltlich diffus, kann jenes seine Befangenheit nicht überwinden. Die Frage nach dem „Warum“ interessiert kaum. Des Unbehagens Streben geht auch gar nicht Richtung Analyse und Kritik, sondern möchte in weiterer Folge das, was jedes bürgerliche Subjekt immer wieder tut, muss und will – es schreit nach Abrechnung. Irgendjemand hat etwas angestellt und hat dafür zu büßen resp. zu bezahlen. Im Ressentiment schließlich verengt sich die Gegengerichtetheit des Interesses auf die Personalisierung des Übels. Der vermeintlichen eigenen Harmlosigkeit und Ehrlichkeit tritt das Böse in der Form bösartiger Charaktere gegenüber.
Nicht nur nebenbei ist auch zu fragen, welchen Stellenwert bei alledem die herrschenden Grundmythen bürgerlicher Geselligkeit haben. Ein ergiebiges Thema wäre es wohl, die fatale Rolle der Hausmärchen (nicht nur) bei der Maskenausbildung junger Menschen zu untersuchen. Im Märchen werden das Gute und das Böse strikt getrennt und personalisiert. Sie treten auf als unbegründete Instanzen. Die Rede ist von guten Königen und bösen Frauen, habgierigen Juden und braven Untertanen. Und die Bösen sind immer Personen, keine Umstände werden ihnen zugute gehalten, jene sind auf sich selbst gestellt und werden als solche auch gerichtet, oft hingerichtet, auf jeden Fall aber bestraft. Grautöne sind unbeliebt. Märchen halten kaum etwas in Schwebe, sondern enden mit einem voraussehbaren wie herbeigesehnten Schluss. Die Guten heiraten, bleiben an der Macht oder kommen zu Reichtum. Nicht Kinder brauchen Märchen, sondern Bürger. Der moderne Spielfilm als Tonbild in Serie ist nichts anderes als die konsequente Fortführung dieser Art von Erzählung.
Reflexionsarmut transzendiert nun Unbehagen ins Ressentiment. „Wie dagegen im engsten Umkreis Menschen dort verdummen, wo ihr Interesse anfängt, und dann ihr Ressentiment gegen das kehren, was sie nicht verstehen wollen, weil sie es allzu gut verstehen könnten, so ist noch die planetarische Dummheit, welche die gegenwärtige Welt daran verhindert, den Aberwitz ihrer eigenen Einrichtung zu sehen, das Produkt des unsublimierten, unaufgehobenen Interesses der Herrschenden. Kurzfristig und doch unaufhaltsam verhärtet es sich zum anonymen Schema des geschichtlichen Ablaufs. Dem entspricht die Dummheit und Verstocktheit des Einzelnen; Unfähigkeit, die Macht von Vorurteil und Betrieb bewusst zu vereinen. Sie findet mit dem moralisch Defekten, dem Mangel an Autonomie und Verantwortung regelmäßig sich zusammen, während so viel zutrifft am Sokratischen Rationalismus, dass man einen ernsthaft klugen Menschen, dessen Gedanken auf Gegenstände gerichtet sind und nicht formalistisch in sich kreisen, kaum je als Bösen sich vorstellen kann. Denn die Motivation des Bösen, blinde Befangenheit in der Zufälligkeit des Eigenen, tendiert dazu, im Medium des Gedankens zu zergehen.“81
Der Konkurrenz tritt das Ressentiment nicht antikonkurrenzistisch, sondern als Konkurrenz auf anderer Ebene gegenüber. Ziel aller bürgerlichen Vergemeinschaftungsbestrebungen durch Klasse, Staat, Nation, Betrieb, Familie, Clan, Gewerkschaft, Bande etc. ist es, dem Ausschluss zu entgehen und sich irgendwo und irgendwie zu integrieren. Die Identitätssucht der Leute korrespondiert mit der Differenzierungswut des Kapitals. Wir oder die? ist die konfliktbeladene Conclusio. Diese besondere Inklusion ist nur über spezifische Exklusionen zu bewerkstelligen. Der Club der Inländer muss die Ausländer draußen halten, im Krieg der Standorte werden Standorte minimiert oder liquidiert. Das Spiel wird also nicht durchbrochen, man will nur zusätzliche Sicherungen und Garantien für sich und seinesgleichen haben, die der Markt unmittelbar nicht bietet. Je weniger die Hereinnahme über den Markt gelingen kann, desto entscheidender werden diese Verlagerungen, die seinen Grundbedingungen nicht widersprechen, sondern sie bloß ergänzen und korrigieren. Die ideologische Aufladung ist die logische, aber nicht zwingende Zuspitzung der Formvorgaben. Sie ergänzt die nicht mehr aushaltbare Immanenz durch eine falsche Transzendenz.
Vergemeinschaftungen sind Versuche, ihre Mitglieder vor der Konkurrenz zu schützen bzw. sie in ihr zu unterstützen. Letztlich Reglementierungen, Eingeständnisse, dass verfolgte Subjekte Schutz brauchen und finden in Kollektiven, die aber wiederum als Verfolger bestimmter Interessen in Erscheinung treten müssen. „Markt pur“, das wäre nicht auszuhalten. Das Vorenthaltene braucht neben der Identifikation aber auch einen Feind, dem es die Übel zuschreiben kann. Jede bürgerliche Gemeinschaft definiert sich durch das Andere oder die Anderen. Jede Schutzgemeinschaft wird zu einer Drohgemeinschaft. Feindlichkeit (in welcher Form auch immer) bleibt Motiv dieser unglücklichen oder verunglückten Gemeinschaften. Das gilt für den Sozialstaat ebenso wie für den Faschismus, für die Kulturkämpfer der westlichen Werte genauso wie für islamische Glaubenskrieger oder proletarische Klassenkämpfer. Das ist nun kein Bekenntnis zu einer indifferenten Betrachtungsweise, der alles gleich schwarz ist, aber doch die Einsicht, dass auf ähnlichen Mustern aufgebaut wird. Freilich ist es ein Unterschied, welchen Strömungen möglicher Vergemeinschaftungen sich eins anschließt, denn ganz ohne Anschluss gibt es keine bürgerliche Existenz. Kriterium hiebei ist, zu fragen, mit welchen apriorischen Wesensmerkmalen die jeweiligen Kollektive sich ausstatten. Es soll sich nur niemand einbilden, frei vom Ressentiment zu sein. Es ist nicht einfach so, dass die einen bereits wissen, wovon die anderen keine Ahnung haben. Auch mag es Befangenheiten geben, die wir gegenwärtig noch gar nicht erkennen (können).
Vorherrschend ist, wie könnte es anders sein, die affektive Verarbeitung der Form durch ihre Reproduktion. Stimmung macht dem Begreifen des Öfteren einen Strich durch die Rechnung, ja sie desavouiert nicht selten Erkenntnis in vollem Umfange. Mental ist da etwas tief eingesenkt: das Bekenntnis zur Arbeit, der Glaube an Nation und Volk, die Erotik des Geldes, die Rolle der Frau, die Freiheit des Marktes, die Natürlichkeit der Konkurrenz, die Selbstverständlichkeit des Tauschs, die Anhänglichkeit an diverse Gemeinschaften, die Aversion gegen Abweichler. Auch fleißige Arbeitskritiker verachten praktizierende Arbeitsverächter. Zumindest gelegentlich. Und niemand sage, er oder sie erwische sich nicht dann und wann. Auch wenn wir wissen, dass wir das alles nicht wollen, heißt das noch lange nicht, dass wir es wirklich nicht wollen. Es ist nicht so, dass mentale Haltung und inhaltliche Erkenntnis schon eins sind, und wenn nicht, nur die Systemzwänge dies verhindern. Das ist denn doch eine billige Ausrede. Die Realität ist kein Alibi für jedwede Gemeinheit. Es ist also nicht nur systemischer Zwang oder schlichte Bequemlichkeit, denen wir uns unterwerfen. Die mentale Basis liegt zwar in den Verhältnissen, doch die Verhältnisse sind wir durch unser Verhalten selbst. Diese Erkenntnis, die einem Zirkelschluss gleicht, ist absolut schrecklich. Sie deutet nämlich an, dass die Konvention der Verstellung möglicherweise auch jede Perspektive verstellt. Es sich eins in seinem Innersten gar nicht anders vorstellen kann – auch wenn es das nicht wahrhaben möchte.
Man lacht etwa über einen Witz, wo es nichts zu lachen gibt. Und es ist nicht äußerer Druck, sondern innerer Ausdruck, der sich da den Weg bahnt, auch wenn man im nächsten Moment weiß, dass da eine falsche Regung entfleucht ist. Man ist nicht Souverän solcher Empfindungen, die sich einfach Luft machen, ob das die Träger nun für zulässig halten oder nicht. Nichts ist so enteignet wie der Gefühlshaushalt. Unsere Ansicht ist nun nicht, dass sich unterdrückte Triebe „befreien“, sondern dass verschiedene Strömungen der Vergesellschaftung des Subjekts und/oder des Individuums, also mehr synthetische und mehr reflexive aufeinandertreffen und es oft nicht aus und ein weiß, welchen Vorgaben und Verlockungen es sich fügen soll oder darf. Innere Sicherheit ist sowieso ein Popanz. Das fragmentierte Bündel Mensch weiß vielfach nicht, wie ihm geschieht, was es will, geschweige denn, wer es ist. Es läuft auf verschiedenen Frequenzen in verschiedenen Geschwindigkeiten. In seiner Zerrissenheit vermag es die einzelnen Partikeln immer seltener zu einem für sich stimmigen Ganzen zu gestalten. Naheliegend ist daher geradezu die Flucht aus dem Nachdenken. Doch das löst nichts, führt lediglich in Ignoranz und Indifferenz. Abgeklärtheit ist die Folge.
Die Frage, die sich uns stellt, ist die, wie es gelingen kann, diverse „Selbstverständlichkeiten“ des Daseins zu durchkreuzen. Praktische Kritik hat das zu können, will sie nicht versagen. Ohne diese Anstrengung ist jede Auseinandersetzung a priori verloren. Ohne vermittelbare und konkrete Perspektive wird Regression um sich greifen. Unaufhaltsam. Bestenfalls kann man recht behalten. Solch Erkenntnis setzt allerdings voraus, dass man das Unbehagen ernst nimmt, nicht aufgrund seiner chron(olog)ischen Entwicklung vorab diskreditiert. Die bloße Distanzierung ist meist hilflos, es geht darum, die Partikularität der Sichtung durch eine Totalität der Sicht zu ersetzen. Die Verrücktheit der Aktienmärkte ist nicht abzustreiten, sie ist aber zu integrieren in das Ensemble der verrückten Formen, die das Kapital auf Grundlage seiner Bewegungsgesetze hervorbringt. Dass die Banken die Leute ausnehmen, ist ja nicht falsch, so wenig wie es falsch ist, dass im System der Konkurrenz alle alle übervorteilen wollen; Banken jedoch aufgrund ihrer Position als Geldinstitute in einer besseren Situation sind als etwa Arbeiter oder gar Arbeitssuchende. Indes, wenn die Leute Zinsen kassieren möchten, bekunden sie praktisch, am Mehrwert partizipieren zu wollen und an einer hohen Profitrate interessiert zu sein. Notwendig wäre es hier, bis in die kleinsten Details des Alltags vorzudringen und die vom Wert gesetzten Zumutungen als solche fassbar zu machen.
Bei aller Problematik liefert das Unbehagen an den Zumutungen Ansatz- und Entwicklungspunkte. Ein viel größeres Problem als jenes ist etwa die Affirmation in all ihren Verkleidungen, was meint, dass Menschen ihr Leiden leiden sollen. Diese fanatische Ignoranz sich selbst betreffend ist um einiges schwieriger aufzubrechen. Gesellschaftskritik, die den Anspruch hat, Alternativen zu entwickeln, darf nicht an der Rohheit des Unbehagens verzweifeln oder, was nur eine Flucht darstellt: gegenüber ihm zynisch werden. Es und die Seinigen dem Schicksal überlassen, kann schon deswegen nicht angehen, weil es auch das eigene tangiert. Kritik hat weder grobschlächtig noch hochnäsig zu sein, sondern sich einmischungsfähig zu gestalten. Distanzierung als Grundeinstellung ist verheerend. Die kalte Zurückweisung, das verdammende Urteil, selbst wenn es dem Gegenstand zukommen mag, es kommt ihm nicht bei. Die Frage ist immer wieder die: Will man etwas ermöglichen oder will man jemanden verunmöglichen? Solange sich Letzteres als Unsitte bewährt, wird der linke Minimundus nichts anderes bewerkstelligen als eine schlechte Kopie der großen Welt, was bedeutet: die selbstdestruktiven Kräfte werden sich in ihrem Autokannibalismus durchsetzen. Und dieser ist auf kleinem Raum sogar noch schlimmer als im normalen Leben, dort gibt es zumindest größere Flucht- oder Sturzräume.

Nein!

Die Frage nach einem revolutionären Subjekt dementiert sich von selbst. Das Subjekt ist eine absolut immanente Kategorie des Kapitals, Träger einer Transvolution können daher nur Anti-Subjekte sein, d.h. Menschen, die gegen ihre Charaktermasken handeln. Nicht Einlösung von Position und Interesse steht an, sondern Ablösung von den Zwangsformen bürgerlicher Vergesellschaftung. Diese ist nur als Entsubjektivierung zu haben. Das Subjekt ist nicht der Ausgangspunkt, sondern Ablösungspunkt. Bisher waren alle Bewegungen aufgeladene Glaubensbewegungen. Regelmäßig gab es Situationen, in denen bestimmte Interessen so stark gewesen sind, dass sie ihre Partikularität der Allgemeinheit aufdrängen wollten und teilweise auch konnten. Die Transvolution der Antibewegung kann gerade das nicht sein. Da geht es nicht mehr um Vergatterung, sondern um Entgatterung. Das macht den alten und jungen Kadern, den Stiefgeschwistern der disziplinierten Bürger, also uns, doch mehr zu schaffen, als wir uns eingestehen. Vor allem gilt es, jede überzogene Überzeugung zu relativieren. Lockerung könnte man das auch nennen.
Befreiung ist klassenunspezifisch und klassenlos. Entscheidend darf nicht sein, welche Rolle den Subjekten in der Gesellschaft zufällt, sondern was die Menschen, sich davon absetzend, wollen. Wir sind nicht wir. Noch nicht. Es ist niemandem zuzumuten, sich den Interessen seiner Rollen unterordnen und ausliefern zu müssen. Das Interesse als Mittel der Konkurrenz muss sich selbst aufheben, indem es sich gegen seine Formierung richtet. Nicht in Bewegung haben sich Proletarier oder sonst wer zu setzen, sondern als potenzielle Menschen gegen ihre Funktion Stellung zu beziehen, kurzum auszudrücken, nicht mehr funktionieren zu wollen. Der erste Schritt ist: Nein! zu sagen. Diese Negation richtet sich nicht bloß gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern ebenso gegen die eigene Person. Eins darf sich nicht so nehmen, wie es ist, sondern hat ernsthaft zu überlegen, wie es sich abseits gesellschaftlicher Zwänge haben möchte. Nichts hat eine Ware zu sein, niemand eine Maske zu tragen, keins eine Marke wahrzunehmen! Wie das Nein subversiv, aber auch offen in die gesellschaftlichen Praxen einfließen, ja zur „großen Weigerung“82 (Marcuse) verdichtet werden kann, ist nach wie vor eine offene, aber dringende Frage.
Abschaffung der Maskenpflicht ist notwendig, sie ermöglicht erst wirklich die Freiheit etwaiger Maskierungen. Mit Maskierungen spielerisch umgehen zu können, kann durchaus reizvoll sein. Ziel ist ein authentisches Wesen, das sich in diversen Lagen des Lebens in Bewegung setzt oder auch nicht. Bezaubernd wird die Welt erst sein, wenn sie entzaubert ist.

Fußnoten:
01 William Shakespeare, As you like it, Act II, Scene 7.
02 Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 91f.
03 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, § 217 (1967), Berlin 1996, S. 184.
04 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main 1992, S. 273.
05 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 201f.
06 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 163.
07 Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (1859), MEW, Bd. 13, S. 76-77.
08 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.3, S. 503.
09 Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht (1798), Werkausgabe Band XII, Frankfurt am Main 1991, S. 442-443.
10 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II., S. 153.
11 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 35.
12 Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, Vers 940 (1806), Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band 3, München 1998, S. 36.
13 In einigen Passagen gab und gibt es terminologische Schwierigkeiten, die nicht verschwiegen werden sollen. Zu falsch etwa lassen sich vier Gegensätze behaupten: richtig, wahr, ehrlich und echt. An zwei Stellen war hier vom „Echten“ die Rede, es wurde zwischenzeitlich eliminiert, da es zu Recht gravierende Einwände gibt. Es suggeriert unter anderem eine zeitlich konnotierte Herkunft, der ein prägendes und positives Apriori anhaftet. Das wollte ich nicht nahe legen. Das „Echte“ hingegen als Kategorie der Zukunft zu etablieren, war mir denn doch etwas zu gewagt. Ähnlich gelagerte Vorbehalte gibt es übrigens auch gegen den widersprüchlichen Terminus der Entfremdung. Indes muss eins auch aufpassen, sich durch eine radikale Entziehungskur nicht sprachlos zu machen. Entsorgt man z.B. den Begriff „progressiv“ und lässt „regressiv“ bestehen, so ist das methodisch untragbar, womit allerdings nicht gesagt ist, was tragfähig ist. Aber so ist das: Entledigt man sich einer Kategorie, beeinträchtigt man andere gleich mit.
14 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, § 9, S. 16.
15 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main 1992, S. 274.
16 Robert Kurz, Subjektlose Herrschaft, krisis 13 (1993), S. 76.
17 Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 3. Kapitel (1861-63), MEW, Bd. 43, S. 173.
18 Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845/46), MEW, Bd. 3, S. 34.
19 Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951), Gesammelte Schriften 4, Frankfurt am Main 1997, S. 149.
20 brand eins, Heft 02, Februar 2006. http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=1615&MenuID=130&MagID=60&sid=su841121041232120193
21 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.2, S. 148.
22 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 635.
23 Bertolt Brecht, Herr Puntilla und sein Knecht Matti (1940), Gesammelte Werke 4, Frankfurt am Main 1967, S. 1614.
24 John Stuart Mill, Über die Freiheit (1859), Stuttgart 1988, S. 141.
25 Karl Marx, Das Kapital. Zweiter Band (1884), MEW, Bd. 24, S. 219.
26 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 765.
27 Der Standard, 29. Dezember 2006.
28 Holm Friebe/Sascha Lobo, Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, München 2006.
29 http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=216237
30 Wolf Lotter, Einsame Klasse, brand eins, Heft 01, Januar 2007, S. 54.
31 Ebenda.
32 Ebenda, S. 61.
33 Wolf Lotter, Das Lebensmittel, brand eins, Heft 03, März 2006, S. 59.
34 Ebenda.
35 Ebenda, S. 63.
36 Ebenda, S. 62.
37 Ebenda, S. 64 – 65.
38 Ebenda, S. 65.
39 Ebenda, S. 68-71.
40 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 741-802; insb. S. 777ff.
41 Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (1964), Darmstadt 1978, S. 22.
42 Ganz deutlich noch im Vorwort zur 3. Auflage (1950) von Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942), Tübingen 2005, S. 500-525.
43 James Burnham, Die Revolution der Manager (1941), Wien 1949.
44 Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie: Bezahlte Bürgerarbeit; in: ders. (Hg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt am Main 2000, S. 428-429.
45 Ebenda, S. 430.
46 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 167-168.
47 Ebenda, S. 247.
48 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.2, S. 38.
49 Karl Marx, [Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“] (1879/80), MEW, Bd. 19, S. 359.
50 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.1, S. 254.
51 Alfred Sohn-Rethel, Soziologische Theorie der Erkenntnis (1936), Frankfurt am Main 1985, S. 96.
52 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 618.
53 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.3, S. 290.
54 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 350.
55 Ebenda, S. 351.
56 Ebenda. Vgl. dazu auch die Passagen in: ders., Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 397.
57 Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.1, S. 365.
58 Dirk Baecker, Die Form des Unternehmens, Frankfurt am Main 1993, S. 165.
59 Wolf Lotter, Goodbye, Johnny, brand eins, Heft 02, Februar 2006. Lotter, das sei hier der Vollständigkeit halber angemerkt, vertritt freilich schon eine postmoderne Variante von Leadership, nicht mehr den klassischen Helden.
60 Christoph Blocher, Der Auftrag ist das Entscheidende. Keine Führungsunterschiede nach gesellschaftlichen Bereichen, Neue Zürcher Zeitung, 21. November 2000. Die folgenden Zitate (samt Hervorhebungen) stammen alle aus angeführtem Artikel.
61 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik I., (1812), Werke 5, Frankfurt am Main 1986, S. 147.
62 Der Standard, 1./2. Juli 2006 (Beilage KarrierenStandard).
63 Wirtschaftsblatt, 29. Juli 2006.
64 Der Standard, 1./2. Juli 2006 (Beilage KarrierenStandard).
65 Zit. nach Die Presse, 18. Februar 2006 (Beilage KarriereLounge).
66 Der Standard, 29./30. September 2001. Folgende Zitate aus dieser Ausgabe.
67 Wirtschaftsblatt, 15. Juli 2006.
68 Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942), Tübingen 2005, S. 137f.
69 Walter Schöni, Die unternehmerische Arbeitskraft, Widerspruch, Heft 39, Juli 2000, S. 5.
70 Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 31.
71 Dieses und die folgenden Zitate stammen aus: Die Presse, 18. November 2006 (KarriereLounge)
72 Vgl. Die Presse, 24. Dezember 2005, S. 26.
73 Die Presse, 25. März 2006.
74 Vgl. ausführlicher: Franz Schandl, To catch with the eyes. In den Fängen des Netzes, Streifzüge 3/2002, S. 25-27.
75 Johann Nestroy, Zu ebener Erde und im ersten Stock (1838), 2. Aufzug, 10. Auftritt, Stuttgart 1990, S. 62.
76 Christian Garve, Über die Moden (1792), Frankfurt am Main 1987, S. 138-139.
77 Camille Paglia, Die Masken der Sexualität, München 1995, S. 50.
78 Ebenda, S. 115.
79 Ebenda, S. 53.
80 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, S. 311.
81 Theodor W. Adorno, Minima Moralia, S. 225-226.
82 Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, S. 83f.