31.12.2007  Beitrag drucken

Müßiggang ist aller Tugend Anfang

Streifzüge 40/2007

„Nicht Arbeit, sondern Muße ist das Ziel des Menschen – oder schöne Dinge herstellen oder schöne Dinge lesen oder einfach die Welt mit Bewunderung und Entzücken betrachten.“ — Oscar Wilde: Oscariana – Oder Wildes Denken, Zürich 2000.

Maria Wölflingseder

Ein aktueller Bestseller über den Müßiggang? Erstaunlich! Die Welt am Sonntag nennt ihn „eine fulminante kulturgeschichtliche Rechtfertigung der Faulheit“. „Je länger man in dem Band liest, desto idiotischer erscheint ein Großteil der emsigen Routine, die unser Leben dominiert“, schreibt die Sunday Times.

Die Übersetzung von „How to be idle“ des Briten Tom Hodgkinson ist nun bei Heyne unter dem Titel „Anleitung zum Müßiggang“ als Taschenbuch erschienen. Es wurde in England 2004 bei Penguin Books herausgebracht und im selben Jahr erstmals im Rogner und Bernhard Verlag bei Zweitausendeins auf deutsch aufgelegt.

Was macht dieses Buch zum Bestseller? Welchem Autor ist dieses Kunststück gelungen ist? – Tom Hodgkinson, geboren 1968, hat englische Literatur studiert und in vielen Jobs gearbeitet. Nach dem Rauswurf bei einer bekannten Boulevardzeitung hat er von der Sozialhilfe gelebt, bevor er die Zeitschrift The Idler (www.idler.co.uk) gründete. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in North Devon. Hodgkinson weiß, wovon er schreibt. Er ist kein Workaholic, der als Fleißaufgabe zu all seinen anderen Verpflichtungen noch den Müßiggang strapaziert. Der Autor ist über seine eigene „Praxis“ zur „Theorie“, genauer: zur Geschichte des Müßiggangs bzw. zu der seiner weitgehenden Abschaffung gestoßen. Mit den im Buch eingestreuten Plaudereien aus dem Nähkästchen lässt der Autor die Leser an seinen persönlichen Bemühungen um den Müßiggang teilhaben. Das Werk ist das Ergebnis seines Durchforstens der Geschichte auf der Suche nach literarischen und philosophischen Gustostückchen zum Thema Müßiggang. Das 365 Seiten lange, großteils sehr kurzweilige, flüssig und flott zu lesende Buch ist in 24 Kapitel unterteilt: in die 24 Stunden eines Tages. Jedes Kapitel behandelt ein Thema, das zur Stunde passt.

Was das Buch jedoch nicht bietet, sind theoretische Analysen über die tieferen ökonomischen Ursachen der Muße verhindernden Verhältnisse. Das Fernziel, das der Autor benennt, ist zwar durchaus die Schaffung von menschengerechten Verhältnissen, aber der Fokus der Perspektive, die öfter angesprochen wird, richtet sich eher auf kurzfristige, individuelle Möglichkeiten innerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Situation.

Es macht wohl den Erfolg des Buches aus, dass es sehr unterschiedlich gelesen werden kann. Erstens als spannende, amüsante Kulturgeschichte des Müßiggangs sowie als Anregung, die Bücher der Autoren, aus denen die Fülle an historischen Zitaten und Beispielen stammt, auch selber aufzuschlagen. Zweitens als Anstoß für den Leser, sich – trotz der widrigen Lebensumstände – mehr Müßiggang zu verschaffen. Und drittens als Ermunterung, weitreichende Konsequenzen zu ziehen bzw. gesellschaftlich einzufordern und mitzugestalten. – Es ist bestens – auch als Geschenk – für jene geeignet, die nicht gerne trockene Theorie lesen, sich aber zu vergnüglicher und gleichzeitig radikaler Arbeits- und Stresskritik verführen lassen wollen. Jedoch auch Theorie-Versierte werden staunen, was die 141 bekannten und unbekannten, großteils aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Werke, in die sich Tom Hodgkinson vertieft hat, zum Thema Müßiggang, bzw. zu den Bedingungen, die ihn verhindern, zu bieten haben.

Eine illustre Runde bedeutender Denker und Dandys durchwandert das Buch:

  • Karl Marx‘ Schwiegersohn Paul Lafargue (1842-1911) mit seinem „Recht auf Faulheit“.
  • Der britische Mathematiker, Nobelpreisträger für Literatur, Friedensaktivist und Verfasser gesellschaftskritischer und philosophischer Schriften Bertrand Russel (1872-1970) mit seinem „Lob des Müßiggangs“.
  • Der britische Wirtschaftshistoriker, Journalist, Essayist und Friedensaktivist Edward P. Thompson (1924-1993), der 1956 aus der Kommunistischen Partei austrat, mit seinen historischen Arbeiten über die britischen radikalen Bewegungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, insbesondere mit seinem Buch „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“, das Historiker der Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt beeinflusste.
  • Der deutsche Philosoph, Literaturkritiker, Übersetzer und Flaneur Walter Benjamin (1892-1949) mit seinem mehr als tausendseitigen unvollendeten „Passagen-Werk“.
  • Der englische Maler und Dichter William Blake (1757-1827), ein früher Kritiker der „tyrannischen Zahnräder“.
  • Und die bekannteste Koryphäe in Sachen Müßiggang: Oscar Wilde (1854-1900) mit seinem Leben im Allgemeinen – er verband Kunst und Kritik auf exquisite Weise -, seiner Literatur im Besonderen und ganz speziell mit seinen Essays „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ und „Der Kritiker als Künstler“. Letzteres „Mit einigen Anmerkungen über die Bedeutung des Nichtstuns“.

Diese exzellenten Köpfe und Genießer Ihnen und Euch ganz besonders ans Herz zu legen möchte ich nicht versäumen.

Ein fröhliches Durcheinander

Die Themen der 24 Kapitel sind sehr vielfältig. Sie lesen sich großteils wie eine Auflistung all dessen, was im Laufe der Zeit scheibchenweise abgeschafft wurde oder heute gerade dabei ist, abgeschafft zu werden zugunsten des einzigen Zwecks, der noch zählt, des Selbstzwecks Wertverwertung, sprich Geldvermehrung: Das Im-Bett-Bleiben am Morgen, das Bummeln und Flanieren, das Mittagessen, das Mittagsschläfchen, die Teezeit, das Kranksein, das Angeln („Wasser kann hypnotisieren und beruhigen, inspirieren und elektrisieren wie kaum ein anderes Medium“), das Nichtstun daheim, der Sex (jenseits von Tantra-Sex und jener kruden „Mischung aus Religion und Sport“), die Kunst der Unterhaltung, Meditation, genügend Schlaf oder das Betrachten von Mond und Sternen.

Im 9-Uhr-morgens-Kapitel „Müh‘ und Plagen“ geht es um die Herrschaft der Arbeit, also um jene Ideologie, die jedem Müßiggang den Garaus machte. „Die Vorstellung, dass der ,Job‘ die Antwort auf alle Sorgen ist, individuelle oder soziale, ist eines der bösartigsten Märchen der heutigen Gesellschaft. Es wird von Politikern, Eltern, Zeitungsmoralisten und Industriellen auf der politischen Linken und Rechten verbreitet: Das Paradies, sagen sie, ist die ‚Vollbeschäftigung‘.“ (S. 28) Auf das weitverbreitete Argument von der Wichtigkeit der Arbeit der sozialen Aspekte wegen entgegnet Hodgkinson: „Nimmt denn irgendjemand allen Ernstes an, jedes menschliche Miteinander würde aufhören, wenn wir ohne Job wären?“ (S. 30)

Forschungsergebnisse von E.P. Thompson werden präsentiert, Schritte in der Entwicklung von „Tätigkeiten“ hin zum alles bestimmenden „Job“. Die Weber beispielsweise waren vor der Erfindung der Dampfmaschine größtenteils selbständig und arbeiteten, wann und wie sie wollten. Wo die Menschen ihr Arbeitsleben selbst unter Kontrolle hatten, wechselten Perioden intensiver Arbeit und der Muße. Das ist heute höchstens noch bei Künstlern, Kleinbauern und Studenten der Fall. Seit der Industrialisierung wurde der „Lebensqualität ein schrecklicher Schlag versetzt. Fröhliches Durcheinander, Arbeit im Einklang mit den Jahreszeiten, die Uhrzeit am Sonnenstand erkennen, Vielfalt, Abwechslung, Eigenregie: All das wurde durch eine brutale, genormte Arbeitskultur ersetzt, an deren Auswirkungen wir noch heute leiden.“ (S. 34) „Der Kapitalismus hat den Job zu einer Religion gemacht, tragischerweise aber auch der Sozialismus.“ (S. 42) – William Blake über den Schaden, den die industrielle Revolution angerichtet hat: „Und alle Künste des Lebens verwandelten sie in Künste des Todes“. (S. 353)

Hodgkinson resümiert die Rolle der Massenmedien: Sie propagieren die „Arbeits- und Konsumethik“, indem sie einerseits mit ihrer Berichterstattung Angst schüren, andererseits mit der Warenwerbung Lösungen anbieten (von Alarmanlagen und Versicherungen über Autos und Kühlschränke bis hin zu Sexberatung und Duftkerzen), für die man allerdings Geld, also einen Job braucht.

Oscar Wilde hat auf die Absurdität der Arbeit folgendermaßen hingewiesen: „Zu bedauern bleibt, dass ein Teil unserer Gemeinschaft praktisch im Zustand der Sklaverei dahinlebt, aber es wäre kindisch, dieses Problem dadurch lösen zu wollen, dass man die ganze Gemeinschaft in die Sklaverei zwingt.“ (S. 43). Und er stellte lakonisch fest: „Es ist tragisch, dass so viele gutaussehende junge Männer ins Leben treten, um in einem nützlichen Beruf zu enden.“ (Oscar Wilde, Sämtliche Erzählungen, Zürich 1981) – Dass dasselbe nun auch fürs weibliche Geschlecht gilt, nennt sich Emanzipation der Frau!

Aufschlussreich auch der Hinweis auf den ILO-Bericht von 2004, wonach durch Arbeit jährlich 2,2 Millionen Menschen bei Arbeitsunfällen und aufgrund arbeitsbedingter Krankheiten sterben. Weitere 270 Millionen Menschen erleiden jährlich Arbeitsunfälle; allein in Deutschland sind es rund eine Million, davon 20.000 mit besonders schweren Verletzungen. Viele Unfälle, auch im Auto-, LKW-, Flug- und Zugsverkehr haben überdies ihre Ursache schlicht in Schlafmangel! Angeblich auch der Supergau von Tschernobyl.

Flaneure und Schläfer

Gegen all diesen höllischen Nonsens setzt Hodgkinson so unterschiedliche Müßiggänger und Flaneure wie Sherlock Holmes und John Lennon, Baudelaire und Walter Benjamin, Victor Hugo und Jim Morrison, William Blake und Beethoven, sowie große Schläfer und Im-Bett-Schreiber wie Cicero, Horaz, Jonathan Swift, Rousseau, Voltaire, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Proust, Colette und Winston Churchill. Schön zu erfahren, welche der Philosophen und Künstler zu den sinnlichen Müßiggängern zählten! Die große Epoche der vornehmen flanerie in London war das 18. Jahrhundert, Dies spiegelte sich auch in den Namen der Zeitschriften wider, die in diesem literarischen Jahrhundert gegründet wurden: Spectator, Observer, Tatler (Plauderer), Wanderer, Rambler (Flaneur), Adventurer.

Für Walter Benjamin ist „der Müßiggang des Flaneurs … eine Demonstration gegen die Arbeitsteilung“. 1926 und 1927, als er in Paris lebte, entstand sein schon erwähntes „Passagen-Werk“, eine umfassende Sammlung alltäglicher Beobachtungen, kurze Reflexionen, Notizen zur Stadt- und Mentalitätsgeschichte von Paris im frühen 19. Jahrhundert, ein Klassiker der flanerie. Flanieren, das bedeutet für Benjamin, die Augen offen zu halten: „Aus der Haustür treten, als sei man gerade aus einem fremden Land angekommen; die Welt entdecken, in der man bereits lebt; den Tag so beginnen, als sei man gerade vom Schiff aus Singapur gestiegen und habe noch nie seine eigene Fußmatte oder die Leute auf dem Treppenabsatz gesehen … es ist dies, was die menschliche Natur vor dir enthüllt, unbekannt bis zu diesem Augenblick.“ (S. 144) – Der Inbegriff des Flaneurs war Baudelaire, dessen Bedeutung sich Benjamin im „Passagen-Werk“ ausführlich widmete. Er berichtete auch, dass es 1839 elegant war, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen, was das „Tempo“ des Flanierens in den Passagen veranschaulicht.

Ohne Geld viel Musik

Ein großes Manko des Buches sind inhaltliche Vereinfachungen, bedingt durch fehlende theoretische Analysen. Beispielsweise gibt es zwar historische Zitate, in denen die Maschine als Erleichterung bzw. als Ersatz für die menschliche Arbeitskraft genannt wird, aber der brisante springende Punkt in Sachen Arbeit bzw. Müßiggang kommt nicht zur Sprache: Während es bis dato nur gewissen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten war, ein müßiges Leben zu führen, wäre das heute aufgrund der enorm gestiegenen Produktivkraft allen Menschen auf der Welt möglich. Mit geringem personellen Aufwand könnten alle bestens versorgt werden, und es bliebe viel Zeit für ein Leben jenseits von Fremdbestimmung oder der reinen Reproduktion. Um dies tatsächlich zu verwirklichen, ist jedoch der Bruch mit der Waren-, Geld- und Arbeitsgesellschaft Voraussetzung. In einer befreiten Gesellschaft könnte der Schwerpunkt dann tatsächlich auf „Kunst und Leben“ anstatt auf „Arbeit und Tod“ liegen. Von ersterem ist im Buch viel die Rede. Kunst ist aber auch eine der schönsten Arten, Unnützes, Träume, Möglichkeiten bereits vorwegzunehmen.

Als Mangel kann auch empfunden werden, dass viele spannende Details oft zu wenig ausgeführt werden, wenngleich sie zum Weiterdenken und Weiterlesen anregen. Weiters mutet manches oberflächlich und trivial an und persönliche Muße-Vorlieben des Autors kommen mitunter als allgemein Gültiges daher. Begriffsklärungen gibt es keine: etwa bezüglich der gelegentlich auftauchenden „Anarchie“. Der Übersetzer Benjamin Schwarz, der in der Heyne-Ausgabe keinerlei Erwähnung findet, hat die zahllosen englischen Zitate offenbar nicht, wie bei Profis üblich, in einer deutschen Ausgabe nachgeschlagen, sondern selbst – unzureichend – übertragen. Es fehlt auch ein Namensregister und im Literaturverzeichnis das Ersterscheinungsjahr.

Jenen, die einen ersten Anstoß zum Müßigsein oder einen geschichtlichen Einblick in den Müßiggang wünschen, sei dieses Buch empfohlen, die anderen sollten lieber gleich zur zitierten Original-Literatur greifen oder sich dem Müßiggang selbst hingeben.

Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang, Heyne Verlag, München 2007, 360 Seiten, 8,95 Euro (D).