31.12.2007  Beitrag drucken

Vom Markt der Religionen zum Markt als Religion

Streifzüge 39/2007

Maria Wölflingseder

„Ein Aufatmen geht durch die bürgerliche Mitte, und auch die Gebildeten unter den Verächtern können es nicht mehr leugnen: Die totgesagte Religion ist ins Bewusstsein zurückgekehrt…“ So beginnt Thomas Assheuer seinen Leitartikel in der ZEIT vom 8. Februar 2007 anlässlich der anlaufenden Serie „Was soll ich glauben?“ über „Fluch und Segen der Weltreligionen“. Der Titel dieser Predigt lautet: „Am Ende ist das Wort. – Ihren Kritikern gilt die Religion als eine Plage der Menschheit. Das ist ein Aberglaube.“ Und er endet mit der dringenden Empfehlung: Die Notwendigkeit von Religion, das heißt, Religion als anthropologische Konstante „anzuerkennen kann auch für Kritiker der Religion eigentlich nur – vernünftig sein“.

Wohlgemerkt, wir haben hier nicht eine kirchennahe Zeitung vor uns, sondern die ZEIT. Das kann nur eins heißen: Dieser Standpunkt ist endgültig im linksliberalen Mainstream angekommen.

Was wird dem noch entgegengesetzt? – Religionskritik war schon in den letzten fünfzig, sechzig Jahren dünn gesät. Wo sie vorkam, beschränkte sie sich – selbst in der christlichen Gut-Böse-Dichotomie verhaftet – auf die Anprangerung der „Sünden“ der Kirche (Kreuzzüge, Hexenverbrennung und andere Gewaltverbrechen). Besonders deutlich zeigte sich diese Dichotomie auch in der Esoterik-Kritik: Da ging es mitnichten um das Erkennen und Erklären des Phänomens Religion und Gläubigkeit, sondern ganze Bücher wurden mit der Auflistung, wer mit wem Böses anstellt, gefüllt. Darüber hinaus wurde der „bösen Irrationalität“ die „gute Rationalität“ gegenübergestellt, die im demokratischen Mainstream verortet wurde. Oder wir hatten es – nach wie vor – mit antiklerikalen oder atheistischen Zirkeln zu tun, die sich in ihrem Feuereifer oft wie „umgedrehte“ Gläubige gebärden, als Klerikalen- und Theistenjäger, die ihr Objekt nicht analysieren und erkennen wollen, sondern darauf fixiert sind.

Hier soll versucht werden, tiefer zu schürfen und genauer zu beleuchten, was es mit der allseits beschworenen „Rückkehr der Religion“ auf sich hat. – Handelt es sich dabei überhaupt um Religion? Und vor allem: Haben nicht das Kapital bzw. der Markt und die Warenförmigkeit den herkömmlichen Gott bereits abgelöst?

Historisch betrachtet erlebte der Glaube bzw. der Aberglaube immer dann einen Aufschwung, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beispielsweise, in der Zeit der großen Wirtschaftskrise, boomte eine ähnliche religiöse Bewegung wie jene New-Age- bzw. Esoterik-Bewegung, die seit Mitte der 1980er Jahre in Westeuropa Fuß gefasst und bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat. Viele Praktiken und Glaubenssätze haben sich in der Gesellschaft etabliert, allen voran das Paradigma des Positiven Denkens. (Vgl. Wölflingseder)

In jüngerer Vergangenheit wurde jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs das in Umbruch und Krise entstandene geistige Vakuum sogleich mit Religiösem gefüllt. Die traditionellen Kirchen sowie unzählige andere Varianten von Gläubigkeit erlebten einen großen Aufschwung. Auch das traumatische Ereignis des Supergaus in Tschernobyl 1986 gehört zu den Eckdaten des deutlichen Anstiegs von „Gläubigkeit“. Seit dem Reaktorunfall steht der Glaube an Karma und Wiedergeburt hoch im Kurs. Dieser wird jedoch nicht im ursprünglichen buddhistischen Sinn verstanden, wonach das Nirwana und somit das Nicht-mehr-wiedergeboren-Werden das Ziel sind, sondern wiedergeboren zu werden dient einerseits jenen als Trost, die fürchten, bei einer Umweltkatastrophe umzukommen oder Angehörige zu verlieren, andererseits wird mit der karmischen Rechtfertigung der Unglücksaspekt in eine (gute) Notwendigkeit gewendet; eine Sinnkrücke, die heute weit verbreitet ist. Zwei Aspekte von Religion haben also in einer neuen Variante Platz gegriffen: der Glaube an eine höhere Macht, die erstens unser Schicksal lenkt und uns zweitens für alles Leid mit einem Weiterleben nach dem Tod entschädigt.

Seit der Jahrtausendwende haben religiöse Erscheinungsformen abermals einen Kick bekommen. Spiritualität und religiöse Werte werden von Personengruppen verschiedenster Provenienz in seltsamer Eintracht bemüht: Von Gesellschaftskritikern bis hin zu Managern und Wirtschaftsbossen, von linken Geisteswissenschaftlern (etwa Jürgen Habermas oder Slavoj Zizek) bis hin zu Gen- und Atomtechnikern, die sich an die Fersen des Dalai Lama heften. Da heute emanzipatorische Perspektiven, die über die kapitalistische Marktwirtschaft hinausweisen, in Abrede gestellt werden, bleibt nur der vermeintliche Weg rückwärts zur Religion. So wird mit religiösen Argumenten versucht, dem „Raubtierkapitalismus“ die spitzesten Reißzähne zu ziehen.

Vielbeschworener „Sinn“ – ein Fetisch

Ein Charakteristikum der vielbeschworenen Rückkehr des Religiösen, ist seine kaum übersehbare marktwirtschaftliche Zurichtung. So spricht etwa der Philosoph Herbert Schnädelbach von einem „Interesse an Religion“, das sich „auf der kulturellen Nachfrageseite bemerkbar macht“. Die Nachfrage richte sich jedoch nicht auf „Religion mit ihren Inhalten, Verheißungen und Zumutungen“ – religiöse Welterklärungsmodelle sind heute keine konsistenten und abgeschlossenen theologischen Gebäude mehr, höchstens eklektische und instabile Gebilde -, sondern auf „Events“ einerseits (vom Papstbegräbnis oder Weltjugendtag in Köln bis zu Bikermessen mit Zehntausenden von Motorrädern) und andererseits auf das „Gefühl des Glaubens“, das in der Suche nach Sinn und Spiritualität seinen Ausdruck findet. Dabei bleibe aber alles vage und undeutlich. Man suche „ein Kontrastprogramm zu unserer profanen, von technologischen und ökonomischen Zwängen beherrschten Alltagswelt“. – Die neue Religiosität, die neue Spiritualität sind ein Füllhorn, das mit allem Möglichen gefüllt werden kann, sie stellen einen Container dar für alles, was im Leben fehlt. Insofern ist das – vermeintlich – Religiöse heute nur mehr ein Angebot unter vielen, wie sie auch die Freizeit-, Sport-, Fernseh-, Tourismusindustrie etc. anbieten. Ein Glaube jedoch, wie er einst den ganzen Menschen ergriff, alle seine Lebensbereiche und -aspekte bestimmte, ist heute kaum mehr vorhanden. Man bedient sich religiöser Versatzstücke, die untereinander austauschbar sind.

Was aber ist das Charakteristische dieser religiösen Bedürfnisse? „Nicht die Religion kehrt zurück und ergreift den Menschen“, schreibt Schnädelbach, „sondern die Menschen greifen nach etwas, was sie für das Religiöse halten; sie spüren ein Vakuum und möchten es gefüllt sehen. Da ist ständig von der Suche nach ,Sinn‘ die Rede.“ Das Christentum beantwortete die Frage nach Sinn mit der „ewigen Seligkeit“ im Jenseits. So ist die heutige Sinnsuche jedoch nicht gemeint, sondern es geht um die Frage: „Was macht mein Leben hier und jetzt sinnvoll und lebenswert?“ Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Der Sinnbegriff wird daher stets in einen Nebel gehüllt, der ihn „in schillernde Unbestimmtheit taucht“, ihn mit „einer metaphysischen Weihe“ umgibt und ihn „genau in dem Maße als religiöses Großobjekt erscheinen lässt, in dem niemand etwas Genaueres über ihn sagen kann“ (Schnädelbach). Er bezeichnet eine vage Sehnsucht nach etwas „Geistigem“, „Höherem“, nach „Transzendenz“, das aber völlig unbestimmt bleibt. Schnädelbach bezeichnet den vielbeschworenen „Sinn“ folgerichtig als „verbalen Fetisch, als leere Worthülse“, weil es „den Sinn“ an sich nicht gibt. Eines allerdings steht fest: Sinn verkauft sich gut: „Denn die Glücksversprechen werden in einer Marktgesellschaft (speziell in einer kapitalistischen) nicht erfüllt, da ja an den Versprechungen und nicht an der Erfüllung dieser Versprechungen verdient wird.“ (Karlheinz Geißler)

Religionsfetisch und Kapitalfetisch

Der Markt weiß Sinnkrisen perfekt zu nützen – eine neue Branche wurde kreiert, die Esoterik, eine gelungene Fusion aus Religion und Markt, die seit über zwanzig Jahren boomt. Sie stellt einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor im maroden Kapitalismus dar. Das Religiöse, das Spirituelle haben deutliche Züge der Warenform angenommen. War Religion – die eine, in die jemand hineingeboren wurde – früher etwas Rigides, so kann man sich heute der esoterischen Mannigfaltigkeit, ihres Laisser-faire kaum erwehren. Die Angebote sind wie jedes Wareangebot beliebig, austauschbar und gleich gültig. Wie in einem Supermarkt kann sich jeder an der Ware Sinn bedienen. Der Markt der spirituellen Therapien, Diäten, sexuellen Praktiken, Wochenendseminare, Urlaube, Ausbildungen, heilenden Accessoires und einschlägigen Bücher und Zeitschriften ist schier grenzenlos. Da die Konkurrenz groß ist, versuchen sich die Anbieter an Kuriosität, Pathos und Exotik gegenseitig zu übertrumpfen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es die protestantische Kirche war, die mitgeholfen hat, die Warenlogik durchzusetzen. Der Prunk und Pomp des Katholizismus sowie seine Marien- und Jesusverehrung, die starke Züge sublimierter Sexualität zeigen, wurden mehr und mehr abgelöst vom nüchternen protestantischen Arbeitsethos, dem Gelderwerb als Hauptquelle des Lustgewinns gilt. So wurde der Religionsfetisch mehr und mehr vom Kapitalfetisch verdrängt.

Heute wird in zahlreichen Esoterik-Seminaren der spirituelle Umgang mit Geld gelehrt bzw. verkündet, wie man mit dem richtigen Bewusstsein spielend reich wird. Auf diese Weise wird versucht, den Kapitalfetisch zu (re-)sakralisieren. Der systemimmanente Zwang, Geld haben zu müssen, um zu überleben, wird spirituell überhöht anstatt kritisiert.

In der evangelikalen Bewegung in den USA wird der Kapitalfetisch nicht nur sakralisiert, sondern Religionsfetisch und Kapitalfetisch fallen unmittelbar in eins. Die Giga-, Mega- und Mammut-Churches sehen nicht nur wie Shopping-Malls aus, sie funktionieren auch genau so: „Rolltreppen, gläserne Aufzüge, weitläufige Lobby, Air-Condition – hier ist der Mensch nicht Sünder, sondern Kunde mit allen Sorgen und Wünschen des modernen Lebens.“ (Andrea Böhm) Von Starbucks und Fitness-Studio über Multimedia-Shop, Arbeitslosenberatung, Kindergarten bis hin zu Gruppen für Alkoholiker, Singles, Verlobte oder Geschiedene ist alles unter einem Dach. Damit wird auch die fehlende Infrastruktur für die schnell gewachsenen Vorstädte der Vorstädte ersetzt. – Gottesdienste gibt es jeden Sonntag drei Mal, mit je 9.000 BesucherInnen. Sie ähneln Multimedia-Pop-Spektakeln, sie sind kommerzielle Events, die sich derselben Formen bedienen wie jene, die sie zu Gegnern auserkoren haben. Die Kollekte von bis zu 800.000 Dollar pro Sonntag wird von einem Aufgebot an bulligen Polizisten in Lederkluft bewacht. (Vgl. ebd.)

Die Zahl der Giga-Churches in den USA ist in den letzten 25 Jahren von 50 auf 880 gestiegen und sie steigt weiter rapide an. In jeder davon versammeln sich wöchentlich bis zu 100.000 Menschen. Die Anzahl der Amerikaner, die sich als evangelikale Christen bezeichnen, schwankt zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung, das sind etwa 60 bis 90 Millionen Menschen. „Megakirchen sind Megabusiness“, schreibt das Wirtschaftsmagazin Forbes. Das Heer an Freiwilligen hält überdies die Betriebskosten der Pastoren niedrig. Die evangelikale Parallelwelt reicht bis in die ganz normale Geschäftswelt hinein. Ein Werbespot im Radio lädt ein: „Lass deinen Wagen bei uns reparieren, wir streicheln ihn im Namen von Jesus Christus“. Ein Flugblatt bewirbt das „Abspecken für den Herrn“. Für diejenigen, die dem Säkularen nicht mehr trauen, gibt es ein „Christliches Branchenverzeichnis“, und Autohändler, Chiropraktiker, Klavierstimmer oder Reisebüros bieten Rabatte für Gottesfürchtige.

Dass die Mammut-Churches ausgerechnet in den USA entstanden sind, ist kein Zufall. Sowohl die neu gegründete USA als auch die französische Revolution trennten Staat und Kirche. Diese Prozesse waren jedoch nicht gleichförmig. Während in Frankreich der Staat vor der Religion bzw. vor dem katholischen Klerus geschützt wurde, war es in den USA umgekehrt: Die Religion wurde der Macht des Staats entzogen. Die ersten Siedler waren bekanntlich Puritaner, die vor der Bevormundung durch den englischen Staat flohen. Sie suchten „einen rechtlich garantierten Freiraum für jenes spezifisch amerikanische Gemeindeleben, in dem sich Frömmigkeit und Arbeitsethos, Bibelstudium, Selbstdisziplin, Eigeninitiative und wirtschaftliches Erfolgsstreben wechselseitig stützten“. (Christoph Türcke) Die Rechte, die es zu schützen galt, waren in erster Linie jene der protestantischen Christen, und Religionsfreiheit bezog sich weniger auf die Freiheit jedes Einzelnen, als vielmehr auf „die Entfaltungsmöglichkeit für jenen protestantischen Geist, der im Geschäftserfolg den einzig zuverlässigen Fingerzeig dafür sah, von seinem Gott nicht verworfen zu sein“. (Ebd.) Diese Variante der Säkularisierung wirkt bis heute fort und ist auch mit ein Grund dafür, warum die Totalisierung des Marktverhältnisses in den USA immer schon schneller vorankam als in Europa.

Neue, universelle Form der Verzauberung

Die Frage, ob wir in einer postsäkularen oder in einer postreligiösen Gesellschaft leben, wird in der bürgerlichen Presse heiß diskutiert. Neuerdings lautet die Antwort darauf sogar: Die Säkularisierung in Europa stelle eine Art Ausnahme dar, die wieder am Verschwinden sei. Wegbereiter dafür war Jürgen Habermas, der in seiner Frankfurter Friedenspreisrede, kaum einen Monat nach dem 11. September 2001, von der anbrechenden „postsäkularen Gesellschaft“ und dem „Wahrheitspotenzial“ der Religion sprach, über ihre „Sinn-Recourcen“ und „Sensibilitäten für verfehltes Leben“. Damit erstaunte er nicht nur, sondern stieß auch auf große Resonanz. Das „nachmetaphysische Denken“, für das sich Habermas stark macht, „wendet sich gegen eine szientistisch beschränkte Konzeption von Vernunft und den Ausschluss der religiösen Lehren aus der Genealogie der Vernunft.“ (Vgl. René Aguigah)

Im Gegensatz zum herrschenden Diskurs kann jedoch weder von einer historischen Überwindung der Religion noch von einer postsäkularen Gesellschaft gesprochen werden. Denn die Unterwerfung des gesamten Lebens unter die Religion bzw. die Vermengung aller Lebensbereiche und Betätigungen mit der Religion wurde nämlich nur durch die Unterwerfung des gesamten Lebens unter einen neuen Fetisch, den Wert, die Ware bzw. den Markt abgelöst.

Ernst Lohoff hat in seinem Artikel „Die Verzauberung der Welt“ die historische Kontinuität der Fetischform anschaulich nachgezeichnet. Die Bedeutung der klassischen Jenseitsreligionen hat in der Moderne entscheidend abgenommen, jedoch führte diese „Entzauberung“ nicht nur in die Irre – Max Weber sah ein „Gehäuse neuer Hörigkeit“ als dunkle Rückseite eines unaufhaltsamen Säkularisierungsprozesses entstehen -, sondern stellte den realen Zusammenhang sogar auf den Kopf. „Der Sieg von Ware und Vernunft über den klassischen Glauben fand nämlich innerhalb des Universums magischer Praktiken und magischen Denkens statt und hat es keineswegs gesprengt. Die vermeintliche ,Entzauberung der Welt‘ entpuppte sich … als eine neue, universelle Form von Verzauberung. Die allgegenwärtige ,Realmetaphysik‘ von Ware und Wert ist an die Stelle der religiösen Wunderwelt getreten und schlägt die Menschen in den Bann einer Mystik, die an Absonderlichkeiten und Widersinn all ihre Vorgänger in den Schatten stellt. … Der ,Stoffwechselprozess mit der Natur‘ wurde zur Kulthandlung am Selbstzwecksystem der Wertverwertung umorganisiert und die alltägliche Reproduktion der Menschen verwandelte sich in einen nicht enden wollenden Fetischdienst.“ (Lohoff)

Im Gegensatz zu den herkömmlichen Religionen bleibt dem warengesellschaftlichen Denken und Handeln sein eigener transzendental-religiöser Charakter verborgen. Bis zur Absurdität metaphysische Vorstellungen und jenseitige Riten wie das Geldverdienen und das Rechtssystem werden nicht als solche erkannt, sondern fälschlicherweise als völlig diesseitige verortet. Und als solche wird ihnen der Charakter unhintergehbarer gesellschaftlicher Naturgegebenheiten zugeschrieben.

Die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie stieß zwar auf den Zusammenhang von warengesellschaftlicher Grundstruktur und Religion, jedoch hat Marx die Reichweite und den Stellenwert seiner Entdeckung nicht erkannt. Sein Rekurs auf die Gedankenwelt der Theologie blieb lediglich metaphorisch-polemisch. Lohoff stellt fest, dass zwischen der Religion und der Herrschaft der Ware weit mehr als eine zufällige, äußerliche Entsprechung besteht. Es handelt sich vielmehr um eine strukturelle, innere Verwandtschaft: „Historisch betrachtet stammen die für die moderne Warensubjektivität konstitutiven Bewusstseins- und Praxisformen vor allem aus genuin religiösen Quellen, genauer gesagt, aus christlich-abendländischen. Die Realmetaphysik von Wert und Ware hat die christliche Religion verdrängt, indem sie deren Erbe antrat und transformierte.“ So wird das religiöse Bedürfnis beständig am Leben erhalten und mit neuem Leben gefüllt.

„Der Markt verheißt nichts als sich selbst“

Der Glaube an die Marktwirtschaft bzw. der Fetischcharakter der Ware ist also dabei, die herkömmlichen Religionen abzulösen. Das Geld hat Gott weitgehend ersetzt und ist zu unserer neuen Religion geworden, einer noch nie da gewesenen universalen, totalitären Religion: Niemand auf dem ganzen Globus kann sich dem Zwang entziehen, Geld haben zu müssen.

Die Religion – im Sinne eines irgendwie gearteten Glaubens an ein „höheres Wesen“ oder eine transzendentale Sphäre – ist nicht verschwunden, sondern nur in eine gesonderte gesellschaftliche Sphäre ausgelagert worden, die aber ihrerseits auf die Gesellschaft zurückwirkt, und zwar umso mehr, je weiter die Krise der Warengesellschaft voranschreitet und deren Sinngebungsinstanzen versagen.

Der evangelische Theologe und Philosoph Christoph Türcke – eine erhellende Ausnahme in der aktuellen Religionsdebatte – bringt es auf den Punkt: „Im 18. Jahrhundert war der Markt derart expandiert, dass er reif wurde, Staat zu machen‘. Die demokratische Verfassung ist als Form des Marktes konkret geworden. Ihm einen zivilisierten Rahmen und Rechtssicherheit zu geben, ist bis heute ihre primäre Funktion. Damit haben sich allerdings die Verhältnisse auf spektakuläre Weise umgekehrt. Während sich um den Markt ein säkularer Staat bildet, hört der Markt selbst auf, etwas bloß Profanes zu sein. Er bekommt eine existenzielle, um nicht zu sagen: kultische Dimension. Er ist nicht nur Umschlagplatz von Waren, sondern wurde zur zentralen Vergesellschaftungskraft. … Damit steigt der Markt zu der Instanz auf, die über Wohl und Wehe, Sinn und Unsinn, Sein und Nicht-Sein von Menschenleben entscheidet. Er beginnt Schicksal zu spielen. Der Markt nimmt an und verwirft wie ein calvinistischer Gott. Lässt er die Ware Arbeitskraft liegen, so leidet sie nicht nur Mangel; sie verfehlt auch ihre Bestimmung. Sie bekommt zu spüren, dass unverkäufliche Waren keinen Sinn haben. Daher trifft Arbeitslosigkeit existentiell. Es hilft den Betroffenen wenig, von allen Seiten zu hören, sie seien ,trotzdem‘ wertvolle Menschen. Der Markt spricht dagegen. Nimmt er die Arbeitskraft aber an, so ist sie keineswegs schon in Abrahams Schoß, vielleicht nur in einer Tretmühle – und gehört dennoch zu den Auserwählten. Niemand erwartet zwar ernstlich, dass der Markt von Leiden, Krankheit und Tod errette. Wohl aber erlöst er von dem Fluch, unverkäuflich zu sein. Seine Errettungen sind fad, aber real. Seine Göttlichkeit muss, im Unterschied zu der all seiner Vorgänger, nicht erst eigens bewiesen werden. Der allgemeine Erwerb von Lebensmitteln und Reichtum bestätigt sie unablässig. Diese Göttlichkeit ist allerdings im doppelten Sinne ,heruntergekommen‘: auf den Boden der Tatsachen, damit aber auch aufs platte Realitätsprinzip. Der Markt verheißt nichts als sich selbst. Sein ,höchstes Gut‘ ist die Hochkonjunktur.“

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die von einer dreifachen Gleichzeitigkeit geprägt ist: Erstens: Religionen im herkömmlichen Sinn sind noch wirksam, obwohl zweitens der Markt und das Kapital Gott weitgehend abgelöst haben. Und drittens dienen die neuen religiösen Formen, wie sie in der Esoterik-Bewegung, in der evangelikalen Bewegung etc. sichtbar werden, vielen als Wunsch, als Versuch, den Leiden und der Sinnlosigkeit in unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen und darin Halt zu finden. Religion im herkömmlichen Sinn erlebt aber keinen Aufschwung. Womit wir konfrontiert sind, ist höchstens ein verzweifeltes Sich-Aufbäumen. Religion und Glaube im ursprünglichen Sinn sind eine historische Form der Lebensbewältigung und des Umgangs der Menschen miteinander, die nicht zurückgeholt werden kann. Emanzipation hat nur eine Chance, wenn sämtliche Fetischformen – von den traditionellen Religionen bis zum kapitalistischen Markt mit seinen Anhängseln Politik, Recht und Arbeit – überwunden werden.


Literatur

René Aguigah: Die Hebamme der Religion, in: Literaturen 10/2005.

Thomas Assheuer: Am Ende ist das Wort, in: Die Zeit, 8.2.2007.

Andrea Böhm: Riesig für Gott, in: Die Zeit, 4.8.2005.

Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, Freiburg 2005.

Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt am Main 2005.

Ernst Lohoff: Die Verzauberung der Welt. Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte, in: krisis 29, 2005.

Franz Schandl: Fetisch Religion – Zur fundamentalen Kritik des scheinbar Unüberwindbaren, in: Weg und Ziel 5/1996. Gekürzte Fassung: Fetisch Religion – Eine kleine abendländische Glaubenskunde, auf: www.streifzuege.org.

Herbert Schnädelbach: Wiederkehr der Religion, in: Die Zeit, 11.8.2005.

Christoph Türcke: Der Markt hat’s gegeben, der Markt hat’s genommen, in: Literaturen, 12/2005.

Maria Wölflingseder: Rationale Irrationalität und irrationale Rationalität – eine mörderische Co-Produktion. In: Mission Klassenzimmer. Zum Einfluss von Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung, hg. v. Forum Demokratische AtheistInnen, Aschaffenburg 2005.


Verzeichnis der Buchpublikationen von Maria Wölflingseder

zum Thema Esoterik, Biologismus, Öko-Feminismus

Gesellschaftliche Veränderung – von oben oder von unten? Eine Studie über gesellschaftliche Veränderung aus der Sicht Paulo Freires und Fritjof Capras unter besonderer Berücksichtigung gegenwärtiger New-Age-Strömungen, Linz 1992. (Sandkorn Verlag)

Die Devise kann nur lauten: Kämpfen und genießen. In: Roman Schweidlenka / Eduard Gugenberger (Hg.): Mißbrauchte Sehnsüchte? Wien 1992. (Verlag für Gesellschaftskritik)

Biologistische und rassistische Tendenzen im spirituellen Öko-Feminismus. In: Charlotte Kohn-Ley / Ilse Korotin (Hg.): Der feministische „Sündenfall“?, Wien 1994. (Picus Verlag)

Kosmischer Größenwahnsinn. Biologistische und rassistische Tendenzen im New Age und im spirituellen Öko-Feminismus. In: Gerhard Kern / Lee Traynor (Hg.): Die esoterische Verführung. Aschaffenburg/Berlin 1995. (Alibri Verlag)

Gemeinsam mit Gero Fischer Herausgabe von: Biologismus – Rassismus – Nationalismus. Rechte Ideologien im Vormarsch, Wien 1995. (Promedia Verlag)

Darin der Beitrag: Biologismus – „Natur als Politik“. New Age und Neue Rechte als Vorreiter einer (wieder) etablierten Ideologie.

Fetisch Weiblichkeit. Über die diffizilen Zusammenhänge zwischen spirituellem Ökofeminismus und rechter Ideologie. In: Renate Bitzan (Hg.): Rechte Frauen. Skingirls, Walküren und feine Damen, Berlin 1997. (Elefanten Press Verlag)

Die Spirituellen, die aus der Kälte kamen. In: El Awadalla: Heimliches Wissen – unheimliche Macht. Sekten, Kulte, Esoterik und der rechte Rand, Wien/Bozen 1997. (Folio Verlag). www.streifzuege.org

Stichwort „Esoterik“ im Handbuch Psychologische Grundbegriffe, hg. von Siegfried Grubitzsch und Klaus Weber, Reinbek bei Hamburg 1998. (Rowohlts Enzyklopädie, rororo-TB)

Esoterik und die Linke. Oder: Warum Spiritualität eine völlig beliebige und keine emanzipatorische Größe ist. In: AntiVisionen (Hg.): Schicksal und Herrschaft. Materialien zur Kritik der Esoterik-Bewegung, Hamburg 1999. (Broschüre) www.streifzuege.org

Rationale Irrationalität und irrationale Rationalität – eine mörderische Co-Produktion. In: Mission Klassenzimmer. Zum Einfluss von Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung, hg. v. Forum Demokratische AtheistInnen, Aschaffenburg 2005. (Alibri Verlag)