31.12.2007  Beitrag drucken

Wanted: Facharbeiter

Deutschland sucht den Facharbeiter! Weil im Zeitalter der lean production weniger in die Ausbildung investieren, herrscht zu bestimmten Zeiten ein Mangel an Fachkräften. Solche Phasen müssen aber nicht von Dauer sein.

Aus: Jungle World vom 09.08.2007

Ernst Lohoff

Angesichts der Wirtschaftsnachrichten der letzten Monate könnte man sich in die sechziger Jahre zurückversetzt fühlen. Nicht nur, dass die amtlichen Statistiken derzeit Wachstumsraten verzeichnen wie seit Jahrzehnten nicht und eine wundersame Arbeitsplatzvermehrung ausweisen; neuerdings hat auch noch das Lieblingsklagelied der Unternehmerorganisationen aus den Wirtschaftswunderjahren die Spitze der Jammer-Charts zurückerobert. „Facharbeitermangel auf breiter Front – Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft in der Welt ist in Gefahr“. Dem „Verband der deutschen Wirtschaft“ zufolge hat der Standort Deutschland allein dieses Jahr 3,7 Milliarden Euro Wertschöpfungsausfall zu verzeichnen, weil ihm die geeigneten Arbeitskräfte fehlen – Tendenz steigend. Die Politik reagiert prompt.

Bereits im Herbst wolle die Große Koalition Lösungsvorschläge vorlegen, sagte der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Volker Kauder, dem „Handelsblatt“. Über die einzuschlagende Richtung ist man sich insbesondere in den Reihen von CDU und CSU freilich noch nicht so ganz einig. Bildungsministerin Annette Schavan denkt primär daran, qualifizierten ausländischen Arbeitskräften den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Kauder hingegen propagiert standortinterne Arbeitskraftrekrutierung und will die Ausbildung von Jugendlichen gefördert sehen. „Ich möchte nicht, dass es in der Wirtschaft zugeht wie bei vielen deutschen Fußballklubs: Daheim wenig ausbilden und die guten Spieler im Ausland einkaufen“. Geht es nach Kauder, dann sollen die Bundesländer zur Bildungsoffensive antreten und mit „schulbegleitenden Programmen“, den jungen Menschen den Start in das Arbeitsleben erleichtern.

Welche Maßnahmen die Bundesregierung auch beschließen wird, allzu viel dürften sie zur Deckung des beklagten Arbeitskräftemangels nicht beitragen. Selbst wenn die Union ihren „Kinder-statt-Inder“- Flügel zum Schweigen bringt, und allen ausländischen Fachkräften aufenthaltsrechtlich entgegenkommt, bleibt ein kleines Problem: Arbeitskräfte, die dem erwünschten Anforderungsprofil gerecht werden, sind auf globalen Arbeitsmarkt derzeit insgesamt knapp, und für die wenigen, die zur Verfügung stünden, ist Deutschland schon wegen der exotischen Landessprache und des Lohnniveaus nicht unbedingt die aller erste Adresse. Nicht nur hierzulande, in sämtlichen Staaten, die an der überhitzten Weltkonjunktur partizipieren, suchen die Unternehmer derzeit nach Fachpersonal mit entsprechenden Schlüsselqualifikationen.

Keine Frage: Es ist seltsam, dass in Europa weiterhin viele Millionen Menschen keine Arbeit finden, während gleichzeitig in bestimmten Segmenten des Arbeitsmarktes ein Mangel an Arbeitskräften herrscht. Auf dem Boden des globalisierten Kapitalismus hat dieser Widerspruch aber durchaus seine strukturelle Logik.

Der Kapitalismus unserer Tage ist ein Kapitalismus der lean production mit einer stark reduzierten Fertigungstiefe. Jede Form von Vorratswirtschaft ist ihm ein Gräuel, denn sie verursacht vom einzelkapitalistischen Standpunkt gesehen nur unnötige Kosten. Alles, was nicht zur Kerntätigkeit gehört, wird ausgelagert und eingekauft – das reduziert die Gesamtausgaben des Unternehmens und erhöht dessen Profitrate. Das gilt für die materiellen Produktionsbedingungen, aber erst Recht für die Ressource Mensch.

Der kühl rechnende global player übt sich in Sachen Ausbildung und Qualifizierung generell in Zurückhaltung, weil die betriebswirtschaftliche Amortisation dieser Ausgaben viel zu oft fraglich ist. Das beginnt schon mit dem Problem der Entwertung von Qualifikationen. Ein Zulieferteil, das eine Automobilfabrik auf Lager hält, veraltet in der Regel nicht vor dessen Einbau. Was das über Jahre mühsam geschaffene „Humankapital“ angeht, sieht das vor allem in den technisch fortgeschrittenen Bereichen anders aus.

Die Schlüsselqualifikationen von heute können morgen bereits Makulatur sein. Schon aus diesem Grund wäre es eine betriebswirtschaftlich unverantwortliche „Fehlallokation von Ressourcen“, sprich pure Verschwendung, über den unmittelbarsten Bedarf hinaus zu qualifizieren. Ein zweites, gravierenderes Problem kommt hinzu. Investitionen in Sachkapital sind für alle Unternehmen Investitionen in den eigenen Besitzstand. Investitionen in Humankapital fließen dagegen in eine einem fremden Eigentümer gehörende Ware.

Mühsam aufgebautes Humankapital kann sich jederzeit auf und davon machen, und anders als im fordistischen Zeitalter mit seiner Betriebstreuekultur ist diese Praxis im Zeitalter der Flexibilität auch gang und gäbe, ja gesellschaftliche Norm. Einzelkapitalistisch ist daher eine restriktive Qualifizierungspolitik eine Gebot betriebswirtschaftlicher Vernunft, die gesamtkapitalistisch allerdings einen Preis hat: die periodische Unterversorgung mit entsprechenden Arbeitskräften.

Das System der dualen Berufsausbildung wird in Deutschland, anders als in vielen anderen Ländern, sehr geschätzt. Die Kombination von betrieblicher und schulischer Bildung soll einst die Grundlage für den verflossenen Weltruf der „deutschen Wertarbeit“ gelegt haben. Unter den Bedingungen des auf Kostenexternalisierung geeichten Flexikapitalismus ist diese von der politischen Klasse noch immer gerne beschworene Ordnung allerdings längst zum Anachronismus geworden. Die Haltung von Azubis mag im klassischen Handwerk als solche rentierlich sein, aber am allerwenigsten in den vielbeschworenen High-Tech- und Zukunftssektoren. Wie überall ist deren Anteil an der betrieblichen Ausbildung auch hierzulande in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen. Die auf dem Arbeitsmarkt angebotenen betrieblichen Ausbildungen entsprechen ganz und gar nicht den von den Betrieben insgesamt nachgefragten Qualifikationen.

Märkte reagieren verzögert auf Nachfrageveränderungen, je nach der Produktionsdauer der jeweiligen Güter. Dieses Problem, das Betriebswirtschaftsstudenten früher gerne am Beispiel des so genannten „Schweinehälftenzyklus“ nahegebracht wurde, trifft die Ware „qualifizierte Arbeitskraft“ besonders hart. Ausbildung nimmt Zeit in Anspruch, deutlich mehr Zeit als die Förderung und Verarbeitung eines Barrels Erdöls oder eben die Erzeugung von Schweinehälften. Wer heute beschließt, einen gefragten Beruf zu erlernen, findet sich als Absolvent garantiert auf einem gründlich veränderten Teilarbeitsmarkt wieder, und gerade in konjunkturellen Überhitzungsphasen wie der gegenwärtigen wird der künftige Arbeitskraftbedarf gerne maßlos überschätzt.

Im April 2000, als der „New Economy“ Boom, die letzte große Welthochkonjuktur, gerade seinen Wendepunkt erreicht hatte, veranschlagte das Wall Street Journal im April 2000 den zusätzlichen Arbeitskräftebedarf allein der us-amerikanischen EDV-Branche mit 1,6 Millionen neuen Mitarbeitern bis zum Jahresende. Die Hälfte dieser Stellen würde unbesetzt bleiben, lautete die Prognose. In Wirklichkeit saß im Dezember 2000 die Hälfte der gerade noch gesuchten IT-Experten auf der Straße. Möglicherweise mutet schon in ein paar Monaten die gegenwärtige Diskussion über den Fachkräftemangel ähnliche befremdlich an wie die damaligen Prognosen.