30.10.2008  Beitrag drucken

Begrabt Haider

Andreas Exner

Sekretärinnen stellen an ihren Arbeitsplätzen Kerzen auf; Schulklassen pilgern in den Landtag, um seinen Sarg zu sehen; ein Meer von Kerzen macht aus der Unfallstelle einen Friedhof; der ORF wittert große Traurigkeit; sie lege sich auf den Klagenfurter Hauptplatz, breite sich aus über das ganze Land. Und wirklich, wer dieser Tage den Winden Südösterreichs lauschte, hörte sie leise weinen. Unsere Kärntnerinnen und Kärntner. Trauert, Leute, trauert. Und zwar um mich. Ich wohne hier, es ist entsetzlich.

Die Reaktion auf Haiders Tod ist ein soziales Phänomen, das wir analysieren müssen. Diese Hysterie ist eine Warnung. Ihre Gefühlswucht macht im ersten Moment nachgerade fassungslos. Noch fassungsloser aber macht, dass nicht nur seine Anhänger, sondern auch angebliche Kritiker von Haiders Tod betroffen sind. Jedenfalls wird der Sachverhalt so von den Medien dargestellt. An sich ist das bereits ein soziales Faktum, das befremden muss.

Haider war der Typ, dem man im NS besser nicht begegnet wäre, sofern man kein Nazi war oder kollaborierte. Haider wusste, was er tat; und ihm war klar, worauf seine Politik hinauslief. Wie funktionieren also Haider-Gegner psychisch, wenn sie angesichts seines Todes Trauer spüren, oder Betroffenheit?

Zweierlei ist denkbar. Entweder es gibt eine Identifikation mit dem Angreifer. So erklärt die Psychoanalyse die paradoxe Sympathie, die Opfer von Gewalt mitunter für die Täter fühlen. Das scheint fraglich, denn Basis dieses Mechanismus ist ein Gefühl großer Ohnmacht, die im Fall der Kritik an Haider nicht gegeben war. Es ist aber auch Folgendes möglich: Vermeintliche Kritiker übten ihre Kritik aufgrund ihnen äußerlicher Normen, und weniger aus dem Motiv, Haiders Politik zu brechen. Könnte es nicht sogar möglich sein, dass, wer Haider kritisierte, das weniger aus einer grundsätzlichen Ablehnung heraus tat, sondern eher weil sein Auftreten zu rabiat und rotzig, zu irrational war, inhaltlich aber durchaus Übereinstimmungen bestanden?

In diese Richtung deutet jedenfalls, dass man Haider nicht unbedingt dafür verurteilte, was er wollte, sondern weil er es nicht umsetze. So wurde zumal in Teilen der Linken argumentiert. Wetterte Haider gegen die Globalisierung, wollte er einen starken Staat, setzte er sich für die „kleinen Leute“ ein, denunzierte er arrogante Bonzen oder agitierte gegen „Schmarotzer“ und migrantische Billigarbeitskräfte, so wusste er in der Tat den sozialdemokratischen Volkskonsens unter sich, der Nation, Arbeit und Autorität hoch hält wie sonst nichts und sich von den Gewerkschaften bis in die Globalisierungskritik hinein erstreckt.

Wahre Haiderfans allerdings unterscheiden sich von einer solchen Übereinstimmung, die still bleibt und sich unter Kritik verbergen konnte, durch das Moment der Begeisterung. Woher rührt sie?

Ihre Quelle liegt darin, dass Haider der Idealtypus des konformistischen Rebellen war. Er war der Cop der Politik. Wie der Bulle abendlicher Krimiserien war Haider ein Zwitterwesen, das Widersprüchliches vereinte: Während er der Autorität ins Gesicht schlug, sehnte er sich zugleich nach Autorität, ja, er übte sie mit Genuss in Kärnten aus. So brachte er einen fundamentalen Zwiespalt adäquat zum Ausdruck – nämlich den Hass auf „die da Oben“, die „uns“ kanifeln und sich erheben, gegen die man dennoch nicht aufbegehrt, sondern lieber selbst kanifelt und sich erhebt. Aus diesem Hass wächst keine Sehnsucht nach Befreiung, sondern die Leidenschaft dafür, hart durchzugreifen. Man will sich nicht die Autorität vom Leib halten, sondern schlicht eine andere; will endlich selbst autoritär sein dürfen, am besten noch autorisiert. Das Progrom als Verhaltensvorlage.

Der konformistische Rebell verspottet das Gesetz, nur um es selbst noch härter einzufordern und zu setzen. War Haider der Polit-Cop, so die „Altpartei“ der Staatsanwalt. Der Polit-Cop wühlt auch ohne den Befehl zur Hausdurchsuchung, erpresst ein Geständnis und prügelt, er, der Arm des Gesetzes, braucht sich um Verfassungsnormen nicht zu kümmern – er nämlich ist des Gesetzes Ursprung, der nackte Wille zur Gewalt außerhalb des Raums des Rechts. Dieser Wille spannt diesen Raum erst auf. Der Polit-Cop Haider: Freiheit und Notwendigkeit in Personalunion. Seine Freiheit war Einsicht in das, was man als kleiner Mann für nötig hält. Arbeit muss sein. Österreich den Österreichern. Freiheit für uns, damit wir tun können, was wir müssen.

Damit bewegte sich Haider im weiten Feld der Schnittmenge im Gefühlshaushalt der Rechten und der Linken. Das konnte er so spielend leicht, nicht nur weil er eine psychobiografisch bedingte Begabung dafür aufwies, sondern weil die konformistische Rebellion in allen steckt, die es in dieser Gesellschaftsform aushalten sollen. Sein potenzielles Publikum war demnach groß. Denn Rebellion ganz ohne Konformismus heißt in der kapitalistischen Gesellschaft letztlich, die eigene Vernichtung zu betreiben. Konformismus ohne Rebellion jedoch ist ebensowenig möglich, weil dem Zwang am Individuum immer etwas entkommt – sexuelle Leidenschaft, ein Traum vom besseren Leben, Zweifel, Enttäuschung, Wut, die Erfahrung von Liebe.

Die besondere Gefährlichkeit von Haider und seinen Fans liegt allerdings darin, das, was in ihnen vorgeht, vollständig zu verdrängen. Sie können so ungeniert den Anderen zum Sündenbock, zur Ursache ihres Leidens erklären, weil sie ihr Leben für so richtig halten. Alles daran stimmt: die Heimat, die so schön ist; die Arbeit, die man tun muss; die Leistung, die belohnt wird; und dass man kein Slowene ist, ein Ausländer oder gar ein Jude; und auch kein Homosexueller (der Haider – Heuchelei verpflichtet – offenkundig war).

Das freilich ist wiederum Allgemeingut, in abgeschwächter Form. Und genau deshalb ist die kapitalistische Gesellschaftsform, gerade in ihrer Krise, so gefährlich: dass in dieser Sicht im Grunde alles daran stimmt – die Lohnarbeit, die man mitbestimmen will; die Steuern, die man zahlen soll; die Demokratie, die unser höchstes Gut ist und die man ausweiten müsste; der Nationalstaat und das Geld, beides feine Sachen; würde man nur richtig regieren und regulieren. Wären da nicht die Regellosen und die Deregulierten.

Anders als beim Polit-Cop Haider und in Leserbriefen an die /Kronen-Zeitung/, wo man hinter der Finanzkrise dunkle Personen ahnt, die ins Gefängnis gehören, steht man hier, im Allgemeinen, allerdings auf der Seite des Staatsanwalts. Man fordert Regeln für die Reichen, appelliert an die Autorität, in deren Händen die Macht zum Guten liegt. Ist Haider ein konformistischer Rebell, so handelt es sich hier um einen rebellischen Konformismus. Befreiung ist für ihn ein Fremdwort, die Regulierung ist sein Nonplusultra.

Wenn Bundespräsident Heinz Fischer Jörg Haider „Talente“ und „Begabungen“ nachsagt, so ist das deutlich zu relativieren. Haider glänzte weder intellektuell noch moralisch oder ästhetisch. Er war nicht integer und auch kein Visionär. Als Haider plakatierte, „Er hat Euch nicht belogen“, glaubten ihm das laut einer Umfrage nicht einmal seine Wähler. Hier ist eine Analogie zu Hitler ausnahmsweise stimmig. Allerdings springt diese Durchschnittlichkeit, mit dem Abstand der Jahrzehnte, bei Hitler noch frappierender ins Auge. Wer heute mit heutigen Augen und Ohren eine Rede Hitlers verfolgt, sieht einen unscheinbaren, ja, unappetitlichen Menschen, hört einen, der brüllt und undeutlich Sätze artikuliert, die keinen Sinn mehr haben. „Groß“ und „bedeutend“ war Hitler, war Haider, nicht aus eigener Kraft, sondern weil die Leute ihre Kraft auf sie projizierten, sich ihrer Eigenständigkeit enteigneten, die zum Idol gerann.

Der konformistische Rebell zieht alle Wünsche der Wunschlosen auf sich. Er verkörpert das, was ihnen abgeht: ihren Zusammenhang als Menschen. Das tut er, weil die, die ihn anhimmeln, sich nicht anders aufeinander beziehen können als durch ihn, das allgemeine Äquivalent ihrer Ohnmacht, Spektakel ihrer Unterwürfigkeit, in die sie selbst sich begeben haben. Wer Äußerungen zum Tod von Haider liest oder hört, dem wird dieses Moment ins Auge springen – Haider, der mir geholfen hat; Haider, ohne den ich Angst habe; Haider, der Sicherheit gab; Haider, ohne den wir nicht wissen, wie es weitergeht; Haider, der ein echter Haider war, bis in den Tod; das war einfach er, der Haider.

Ich und Haider, Haider und Ich. Wir, die Haiderianer. Nicht Du und Ich, keine freie Assoziation der Individuen, sondern die Uniformität der Isolierten, der voneinander Abgewandten und deshalb auf ihn Ausgerichteten – das wird hier deutlich sichtbar. Seine Fans existieren als Fans nur durch ihn und in ihm, wie Dr. Haider als Dr. Haider nur in ihnen und durch sie existiert, fleischgewordene Projektionsfigur ihres wunschlosen Unglücks.

Als Erich Fromm in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also am Vorabend der NS-Herrschaft, den Sozialcharakter von Arbeitern und Angestellten in Deutschland mit den Methoden der statistischen Psychoanalyse studierte, kam er zu folgendem Ergebnis: 10 % der mehr als 3.000 Befragten hatten einen autoritären, 15 % einen stark antiautoritären Charakter. 75 % fielen in die Kategorie des ambivalenten Charakters zwischen diesen Polen. Fromm wollte wissen, „in welchem Ausmaß die jeweiligen politischen Meinungen mit der Gesamtpersönlichkeit übereinstimmen.“ Seine These war, dass bewusst verfolgte Ziele, all das, was Menschen behaupten, politisch anzustreben, nicht unbedingt das sein muss, was sie tatsächlich mit Leidenschaft erhoffen, und wofür sie letztlich eintreten.

Diese These erwies sich nach Abschluss der Erhebungen, die in der Hauptsache zu Beginn der Großen Depression, 1929 und 1930 durchgeführt worden waren, von einer schlagenden Evidenz, „denn der Triumph des Nationalsozialismus enthüllte einen erschreckenden Mangel an Widerstandskraft in den deutschen Arbeiterparteien, der in scharfem Gegensatz zu deren numerischer Stärke stand, wie sie sich in den Wahlergebnissen und Massendemonstrationen vor 1933 gezeigt hatte“, schreibt Fromm. Tatsächlich entsprach der Massencharakter der Menschen, die in der Arbeiterbewegung aktiv waren, eher einem autoritären Muster, was es den Nazis leicht machte, ihre Ziele zu erreichen, als sie darum zu kämpfen begannen, die Ambivalenten auf ihre Seite zu ziehen.

So erklärt sich auch der politische Verlauf vieler Rebellionen und eine häufige persönliche Biografie politisch Aktiver. „Man könnte das politische Leben des zwanzigsten Jahrhunderts als einen moralischen Friedhof von Persönlichkeiten bezeichnen, die als angebliche Revolutionäre begannen und sich als bloße opportunistische Rebellen entpuppten“, schreibt Erich Fromm in /Der revolutionäre Charakter/ 1963.

Wohin wird die Globalisierungskritik tendieren, wenn die Krise erst einmal ihre Regulierungsillusionen überrollt hat? Wie werden die Gewerkschaften reagieren, wenn die Hoffnung, mit Wohlverhalten Zugeständnisse abringen zu können, zunichte ist? Wie handeln wir, wenn das Eintreten für eine gesellschaftliche Alternative schwieriger, aber auch entscheidender wird? Wollen wir auf Autoritäten vertrauen oder beginnen wir, ein anderes Leben praktisch ins Werk zu setzen? Wie können wir den Konformismus zurückdrängen und die Eigenständigkeit stärken, auch in uns selbst? Wie wird die Freiheit vom Leiden an der Gesellschaft attraktiv – und damit die einzige Perspektive, die uns bleibt, real.

Dass Haiders Tod massenhaft Trauer auslöst, ist schlimm genug. Schlimmer jedoch ist die Rücksichtnahme auf die Gefühle seiner Fans, die von allen geteilte Betroffenheit, die allgemeine Identifikation mit der Herrschaft. Der konformistische Rebell ist eine gefährliche Figur. Nun ist zu sehen, dass diese Charakterstruktur hierzulande dominiert. Begrabt Haider.