03.12.2008  Beitrag drucken

Das Gute und die Gier

Ressentiments und Blütenträume regressiver Kapitalismuskritik – zu einigen Defiziten der Debatte über die gegenwärtige Finanzkrise

konkret 12/2008

Lothar Galow-Bergemann

Als der Erzbischof von München und Freising – der Mann heißt tatsächlich Marx – kürzlich all jene zur „Umkehr“ aufrief, „die meinten, ohne Arbeit schnell reich werden zu können“ (Spiegel online, 25.10.), hat er vermutlich nicht an das Volk der Lottospieler gedacht. Ausdrücklich ermahnte er „die gescheiterten Banker“ zur Buße, denn, so der fürsorgliche Hirte: „Wilde Spekulation ist Sünde“. Seine jackpotgierigen Schäfchen dürfen spekulieren, ob sie dazu gehören. Sie werden’s verneinen, denn in Fragen der Finanzkrise herrscht Konsens, dass die Gierigen immer die andern sind. Ein Blick auf die deutsche Debatte der letzten Wochen offenbart drei unumstößliche Gewissheiten.

Erstens: Der ganze Schlamassel ist der Maßlosigkeit und Gier von Managern, Zockern und Spekulanten geschuldet. Horst Köhlers Klage über das Monster Finanzmarkt macht die Runde (der ehemalige Sparkassenchef kennst sich da aus.) Spiegel online bildet die „Master des Desaster“ ab und leistet Aufklärungsarbeit: „Nur acht Monate war XY Chef, dann musste die Investmentbank vor der Pleite gerettet werden“ Exbundeskanzler Schmidt, der seit gefühlten 500 Jahren seine Wiederauferstehung als moralisches Gewissen der Nation feiert, verblüfft in der „Zeit“ einmal mehr mit tiefsinniger Analyse: „Zugleich mit einem Spekulationismus erleben wir einen Verlust an Anstand und Moral… Dazu kommt vielfach eine grandiose Selbstbereicherung.“

Zweitens: So man nur will, kann man die Krise durch „Zivilisierung des Kapitalismus“ in den Griff bekommen. Die „Zeit“ mobilisiert eine weitere Mumie, um uns diese Botschaft nahe zu bringen – Marion Gräfin Dönhoff mahnt aus dem Grabe: „Was den Kapitalismus und die Marktwirtschaft angeht, so muss man sie unter allen Umständen erhalten und sie nicht abschaffen wollen – sie müssen nur sozusagen zivilisiert werden. Grenzen müssen gesetzt werden…“ Pikanterweise schreibt das gleiche Blatt eine Woche später über den Zusammenbruch der größten Bankhäuser der ehemals führenden Finanzmetropole Florenz in den Jahren 1343 bis 1346: „Der Frühkapitalismus des 14. Jahrhunderts war ein ebenso entfesselter wie der Kapitalismus heutiger Tage… mächtige Monopole und Oligopole, Spekulationsblasen,…. spektakuläre Konkurse.“ Was sagt uns das? In fast 700 Jahren ist es nicht gelungen, den Laden zu zivilisieren, aber natürlich krempeln wir jetzt die Ärmel hoch und biegen das mal kurz gerade.

Drittens: Die Krise ist letztlich „angelsächsischer“ Natur. Der „angelsächsische Finanzkapitalismus“ hat über die „kontinentaleuropäisch/japanische Form der Marktwirtschaft“ gesiegt. In der stehen nämlich „Produkt und Dienstleistung vielerorts im Vordergrund“, sie ist „nicht vom Geld dominiert“, sondern „es geht auch um die Mitarbeiter, die Kunden, die Gesellschaft“ berichtet Wolfgang Kaden auf „Spiegel online“ vom Kampf zwischen gutem und bösem Kapitalismus. „Maßlose Übertreibung, überzogene Renditeerwartung, spekulative Zügellosigkeit, Exzesse“ konstatiert mit Blick auf die USA auch Bundesfinanzminister Steinbrück Ende September im Bundestag. Der genannte Exkanzler weiß natürlich auch Bescheid: „Die Hauptschuldigen sitzen in New York. Diese Leute… gehen … mit ihrem Reibach nach Hause. An der Wall Street herrscht ein Defizit an Durchblick, aber es herrscht auch ein moralisches Defizit.“ Und das liegt irgendwie an den Amis überhaupt, denn: „Die amerikanische Leistungsbilanz ist seit Jahren hochdefizitär, weil die Amerikaner nicht sparen, sondern es gewohnt sind, sich zu verschulden… Dahinter steckt der bis heute ungebrochene Grundoptimismus der amerikanischen Gesellschaft.“ Kein Wort darüber, dass das US-Handelsbilanzdefizit und der Konsum der Amerikaner den „Exportweltmeister Deutschland“ überhaupt erst möglich gemacht haben, dass die US-Immobilienblase jahrelang die Weltkonjunktur befeuert hat, von der auch Schmidts deutscher „Zivilkapitalismus“ nach Kräften profitierte. Was soll auch ein Hinweis auf die Komplexität kapitalistischer Globalisierung, wo doch eine amerikanische Charaktereigenschaft an allem Schuld ist.

„Amerikas Absturz“ titelte die die „Zeit“ und präsentierte das amerikanische Wappentier in freiem Fall. Welch Triumph derer, die seit Jahr und Tag inbrünstig ihr Credo vom bösen Amerika und vom guten Europa herunterbeten. Taktische Differenzen bleiben da eher marginal: Während Jan Ross den USA „ein Management des Schwächerwerdens“ empfiehlt, warnt Uwe Jean Heuser, die Europäer sollten die Potentiale der USA nicht unterschätzen: „Europäer, die ihre Zeit kommen sehen, freuen sich zu früh.“ Dass es da – wann immer – einen Grund zur Freude gibt, stellt allerdings auch er nicht in Frage.

Kein Ressentiment kotzt sich so offen aus wie der Antiamerikanismus. Nichts kann seine feiste Selbstgefälligkeit irritieren. Horace Engdahl, Sekretär des Nobelpreiskomitees, hält amerikanische Schriftsteller für „zu isoliert und unwissend, um große Literatur zu schreiben“. Es sei daher kein Zufall, dass die meisten Literaturnobelpreisträger Europäer seien. Gabor Steingart, US-Korrespondent des „Spiegel“, greift bis ins Erbgut: „…die Pragmatiker… sparen und leihen, aber in dieser Reihenfolge. Ihr Wagemut befindet sich in Sichtweite des Ersparten. Diese Glaubensrichtung ist vor allem im Germanischen weit verbreitet. Ihr Schrein ist die Sparkasse. Und dann ist da noch die Religionsgemeinschaft der Enthemmten, die sich vor allem in Amerika großer Beliebtheit erfreut. Diese Menschen bekennen sich zu vorsätzlicher Sorglosigkeit, lustvoller Verschwendung und allgegenwärtiger Gier. ‚American way of life’ nennen sie das…“ Auch Steffen Kampeter, haushaltspolitischer Sprecher der CDU, weiß zu unterscheiden: „Wir wollen nicht die Zocker absichern. Unser Fokus ist ein etwas anderer als in anderen Ländern.“ Auffällig ist bei alledem, dass der Gedanke, Ursache der Immobilienblase sei das Ziel der US-Politik gewesen, möglichst vielen Menschen zu einem Eigenheim zu verhelfen, nie auch nur erwogen wird, wiewohl er doch mindestens so plausibel ist wie die Mutmaßung, es sei den USA ja nur ums Reibachmachen auf Kosten der ganzen Welt gegangen. Natürlich, platte Welterklärungen sind immer verkehrt, aber der grassierende Antiamerikanismus sorgt zuverlässig dafür, dass nur die bösartigen und fast nie die wohlwollenden zum Zuge kommen.

Der Antiamerikanismus wird übrigens auch nach Bushs Abgang weiter gedeihen. Hätte McCain die Wahl gewonnen, so hätten die Kommentatoren Krokodilstränen über Amerikas verpasste Chance vergossen und Attac hätte den Stoff für eine neue Dumpfbackenparole gehabt: „McDonalds – McWorld – McCain“. Da nun aber der neue US-Präsident Obama heißt, muss sich das Ressentiment zunächst noch sortieren. Schon vor der Wahl schrieb Josef Joffe in der „Zeit“ von Obama I und Obama II.: „Obama I war Endstation Sehnsucht. Obama II ist die real existierende Politik.“ Er verwies damit nicht nur auf die realpolitischen Zwänge des Kandidaten, sondern benannte auch das Gleis, auf das man früher oder später gewohntermaßen wieder einschwenken wird. Wenn man Obama lese, „klingt es denn auch streckenweise wie Bush pur“, flicht er zwei Tage nach der Wahl schon mal vorsorglich in seinen Leitartikel ein.

Die Mainstreamlinke unterscheidet sich nur graduell vom herrschenden Diskurs. „Diese Krise ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager“, stellt attac bestechend originell fest (www.casino-schliessen.de) und verlangt, dass „den Zockern… endlich ihre Spielgeräte weggenommen werden“. Jean Ziegler setzt noch einen drauf, schimpft über „Banken-Banditismus“, „Bankhalunken“ und „Dschungel-Wegelagerer“ und schiebt geradezu zwanghaft einen Vergleich nach: „Die Spekulanten sollten jetzt vor ein Tribunal kommen, wie die Nazi-Verbrecher nach dem Krieg in Nürnberg angeklagt wurden.“

Auch der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad liefert eine tiefschürfende Analyse der Finanzkrise. Der UN-Vollversammlung berichtete er Ende September von „einer kleinen, aber hinterlistigen Zahl von Leuten namens Zionisten“: „Obwohl sie eine unbedeutende Minderheit sind, beherrschen sie einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise“ (vollständige Rede in englischer Übersetzung: http://www.un.org/ga/63/generaldebate/pdf/iran_en.pdf )

Die „Junge Welt“ zitierte ausführlich und zustimmend aus der Rede: „Die Welt steht hinter Teheran“ meldete sie in offener Sympathie und bildete einen entschlossenen iranischen Präsidenten ab, der mit erhobenem Zeigefinger die Erfüllung des größten Traums deutscher Antiimperialisten verhieß: „Das amerikanische Imperium steht vor dem Ende.“

Denn dass bessere Zeiten anbrechen, wenn es den verhassten USA an den Kragen geht, davon ist man überzeugt. Hinweise darauf, dass sich diese Hoffnung erfüllen könnte, gibt es bei nüchterner Betrachtung allerdings keine, denn der Niedergang der Supermacht geht keineswegs mit der Durchsetzung einer emanzipatorischen Alternative einher, sondern mit dem Aufschwung der reaktionärsten Communities und Ideologien. Aber wer Antikapitalismus mit Antiamerikanismus verwechselt, ist dafür blind. Der regressive Antikapitalismus ordnet das „Negative“ des Kapitalismus bestimmten Menschen, Gruppen von Menschen oder auch Staaten/Gesellschaften zu, die die Gemeinschaft der ehrlich Arbeitenden ausbeuten. Wo Menschen zur Ware degradiert werden, redet er nicht von Durchkapitalisierung, sondern von „Amerikanisierung“. Er sehnt sich nicht nach freier Assoziation der Individuen, sondern nach Zwangskollektivierung unterm Signum von „Allgemeinwohl“ und „Volk“. Auch wenn sich Geschichte nicht einfach wiederholt, so weiß man doch im Prinzip, wohin das führen kann.

Es ist kein Zufall ist, dass dem Verbalradikalismus die Luft ausgeht, sobald er Alternativen formuliert: „Wir wollen eine Marktwirtschaft“ lautet etwa Zieglers originelles Rezept. Und auch Marx, der gute Hirte, spricht uns von dieser Erlösung: „Die soziale Marktwirtschaft ist ein Zivilisationsprodukt. Das haben viele vergessen.“ Ressentiment und Glaube an das Funktionieren eines „guten“ Kapitalismus vertragen sich eben blendend. „Spiegel online“ macht ebenso wie die „taz“ kluge Rechnungen auf, was man mit 700 Milliarden Dollar so anstellen könnte: „Arbeit für 22 Millionen Menschen bezahlen“, „den deutschen Haushalt eineinhalb Jahre bezahlen“ oder „die Erde statt die Banken retten“ -, und bestätigt damit das gesunde Volksempfinden. Das ist nämlich davon überzeugt, die Unsummen der Bankenrettungspakete tatsächlich als reales Geld existieren, das auch anderweitig ausgegeben werden könnte und sein linker Flügel fragt sich unwillkürlich, in welchen Tresoren die Bourgeoisie denn das Geld bunkert, das sie den Massen so schnöde vorenthält.

Doch der Traum von einer sozialen Marktwirtschaft, die Vollbeschäftigung und Wohlstand garantiert, ist eben bloß ein Traum, eine Luftnummer in der Art einer Finanzblase: Er hat keine reale ökonomische Basis mehr. Denn womit in der kapitalistischen Ökonomie seit langem vornehmlich hantiert wird, ist fiktives Kapital. Zwar versucht das Kapital seit jeher und mit gewissem Erfolg, sich mittels „illusorischer Kapitalwerte“ aus der Falle herauszumanövrieren, in der es steckt, weil es einerseits nur von der Ausbeutung der Arbeitskraft leben kann, andrerseits aber diese seine Basis immer weiter wegrationalisieren muss.

Doch über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren hat sich dieses luftige Kapital, in dem nicht mehr steckt als der Glaube an irgendwann in der Zukunft einmal zu realisierende Profite, in bis dato unbekanntem Umfang aufgebläht. Hintergrund war das Auslaufen des fordistischen Nachkriegsbooms: Massen von Arbeitskräften waren bis in die siebziger Jahre hinein notwendig, um Massen von Waren herzustellen, die sie mit ihren Löhnen auch kaufen konnten. Mit dem Rationalisierungsschub der aufkommenden Mikroelektronik war es jedoch mit diesem selbsttragenden realwirtschaftlichen Aufschwung vorbei: Die Menge der Waren explodierte, die der benötigten Arbeit implodierte. Schon damals erwies sich die vermeintlich feste Burg, auf die die Möchtegernzivilisierer des Kapitalismus auch heute wieder schwören, als windschiefe Bretterbude. Denn bald zeigte sich, dass der realökonomische Widerspruch durch Konjunkturprogramme, Staatsinterventionen und keynesianische Regulation nicht aus der Welt geschafft werden konnte.

Erst die zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte und die monetaristische Politik der Neoliberalen boten einen Ausweg. Das Kapital, das in der Realwirtschaft keine rentable Anlagemöglichkeit mehr fand, konnte in die Sphäre des fiktiven Kapitals ausweichen. Die Krise wurde aufgeschoben und der Neoliberalismus wurde zum weltweit hegemonialen Programm. Die Implosion des sogenannten Realsozialismus bescherte ihm einen zusätzlichen Legitimierungsschub und beflügelte die Akteure des Sozialabbaus. Doch der Übergang zum „Shareholderkapitalismus“ der neunziger Jahre ist nur die Eskalationsstufe eines Prozesses, der bereits in den Siebzigern begonnen hatte: Das fiktive Kapital wurde zur „Basisindustrie“ des Verwertungsprozesses. Und im Platzen der Finanzblase wird nichts anderes sichtbar als das verdrängte und aufgeschobene Krisenpotenzial von drei Jahrzehnten.

Zwar werden die Regierungen jetzt den Lohnabhängigen und Steuerzahlern ordentlich in die Tasche greifen, aber die Billionen für die Rettungspakete können daraus nicht annähernd geschöpft werden. In erster Linie werden sie mit exorbitant wachsender Staatsverschuldung erkauft, die zusätzlich noch durch die diversen Konjunkturprogramme, die jetzt angesagt beziehungsweise gefordert werden, weiter zunehmen wird. Und so offenbaren sich die scheinradikalen Forderungen einer marktwirtschaftsgläubigen Linken als der letzte Strohhalm, an den sich auch Bush, Merkel, Brown und Sarkozy schon längst klammern. Nichts zeigt deutlicher, wie überflüssig Parteien und Bewegungen sind, deren „gesellschaftskritischer“ Impuls sich in der Forderung nach „Regulierung der Finanzmärkte“ erschöpft.

Das Ergebnis all dieser „Verstaatlichungen“ und Investitionsprogramme steht bereits fest: noch stärkeres Wachstum des fiktiven Kapitals, extreme Staatsverschuldung und Stagflation. Bestenfalls – wenn es denn überhaupt noch einmal „funktioniert“ – wird die nächste Blase aufgepumpt, deren Platzen dann noch katastrophalere Folgen haben wird. Was die Sachwalter des Systems jetzt versuchen, ist ein globaler Salto rückwärts, der leicht zum Salto mortale werden könnte. Denn mit den hektischen Forderungen an den reparierenden Staat beziehen sie eine Linie, hinter die es kein Zurück mehr gibt. „Die aktuelle Bankenkrise kann der Staat noch den Bankern in die Schuhe schieben. Für die nächste muss er selbst geradestehen“, schreibt die „Zeit“. Wenn er dann noch kann, wäre hinzuzufügen. Denn die innere Logik des Systems folgt der Maxime: Schafft zwei, drei viele Islands. „Die Industriestaaten“ gehen „aufs Ganze“, meint die „Zeit“, „die größte Wette der Wirtschaftsgeschichte bleibt es gleichwohl.“

Rosige Aussichten. Unser Schicksal hängt am globalen Lotteriespiel eines Systems, das ohne fiktives Kapital keinen Tag mehr länger die Realproduktion gewährleisten könnte. Nicht die Gier einzelner Menschen ist die Ursache kapitalistischen Gewinnstrebens, sondern das systemimmanente und –notwendige kapitalistische Gewinnstreben fördert Gier und bestraft Solidarität. Dem Herrn Erzbischof wird das vermutlich nicht einleuchten. Ein Mensch gleichen Namens wusste aber schon vor geraumer Zeit: „Der Pfaff verwechselt Ursache und Wirkung“ (MEW 25, 256).