30.06.2008  Beitrag drucken

Die Anatomie der Charaktermaske


Kritische Anmerkungen zu Franz Schandls Aufsatz „Maske und Charakter“

erschienen in: Krisis 32 (2008)
Ernst Lohoff

1.

Theorie bildet zwar eine eigene, vom übrigen gesellschaftlichen Zusammenhang gesonderte Sphäre, bei dieser Trennung handelt es sich aber natürlich um keine absolute. Theoriebildung hinterlässt im außertheoretischen Bezugsfeld Spuren, auch wenn diese nicht unbedingt immer den Vorstellungen und Wünschen der Protagonisten entsprechen mögen. Dass immer wieder Begriffe, die ihren Ursprung in der Welt von Philosophie und Theorie haben, auf Kosten ihres einstigen präzisen Sinns in den allgemeinen Sprachgebrauch einsickern, dokumentiert beides zugleich: die Existenz einer scharfen Scheidelinie und ihre partielle Durchlässigkeit. Gelegentlich machen solche Termini als „Plastikworte“ regelrecht Karriere, so wie etwa das Wort „Identität“. Im 18. Jahrhundert als Kunstprodukt der philosophischen Begriffssprache in die europäischen Landessprachen eingeführt, wabert er heute aus allen Mündern. Nicht nur Millionen auf dem Selbsterfahrungstrip befindliche Menschen, ganze Nationen sind auf der Suche nach etwas, womit die Philosophen einst die erste Setzung der Logik bezeichneten, die schlichte Dieselbigkeit von A und A.1
In den linken Soziotopen erfreuen sich in dieser Hinsicht insbesondere die Marx’schen Kategorien großer Beliebtheit. In unscharfe Assoziationsfelder verwandelt, führen Begriffe wie „Entfremdung“ ein von ihrer Bedeutung im Theoriekontext weitgehend abgelöstes Eigenleben. Wer einen Ausdruck wie „Warenfetisch“ in den Mund nimmt, muss deswegen noch lange nicht von dem Problemkreis sprechen, den dieser Begriff in der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie bezeichnet. Meistens findet er nur als ein anderes Wort für Konsumgeilheit Verwendung. Die Verselbstständigung kann so weit gehen, dass Termini post-theoretisch recycelt einen ihrer ursprünglichen theoretischen Bedeutung diametral entgegengesetzten Sinn annehmen. Dem Begriff der Charaktermaske, den Marx der italienischen Typenkomödie des 18. Jahrhunderts entlehnt und in die Kritik der Politischen Ökonomie eingeführt hatte, ist dieses Schicksal widerfahren.
Im Marx’schen „Kapital“ bildet die Kategorie der Charaktermaske das Scharnier, das im Hinblick auf den Binnenverkehr der ökonomischen Funktionsträger den Zusammenhang zwischen Handlungs- und Strukturebene herstellt. Der Begriff Charaktermaske hebt darauf ab, dass die verschiedenen Typen des homo oeconomicus (Grundrentner, Kapitalist, Lohnarbeiter, Käufer, Verkäufer etc.) auf dem Boden versachlichter Herrschaft agieren und in ihrem Tun einer ihren individuellen Eigenschaften und Wünschen vorausgesetzten gesellschaftlichen Zwangsform unterliegen. Solange Menschen als Träger ökonomischer Funktionskategorien, als Personifikationen von Waren handeln, exekutieren sie eine zerstörerische Logik, deren prima causa nicht in der Schlechtigkeit und im bösen Willen beteiligter Akteure zu suchen ist. In diesem Sinn setzt sich Marx im Vorwort zur ersten Auflage des „Kapitals“ von allen verkürzten Kapitalismusinterpretationen unmissverständlich ab und betont den anonymen und versachlichten Charakter kapitalistischer Herrschaft: „Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich um Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformationen als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“2
Diese für die Kategorie der Charaktermaske konstitutive Differenzierung ist in deren second life in der linken Agitation immer wieder eingeebnet worden. Der Begriff verkam über weite Strecken zum reinen Schimpfwort und diente zur Aussonderung einer speziellen Kategorie besonders perfider Menschen, bei denen angeblich die persönlichen Eigenschaften des Trägers und die ausgeübte Funktion miteinander verschmelzen. Gängige Praxis war diese Umdeutung etwa bei der Agitationssekte „Marxistische Gruppe“, deren Nachfolgeprodukte sich bis heute rührig zeigen. So wartete deren Organ MSZ 1984 mit einem Artikel über den damaligen bundesdeutschen Außenminister auf, der nicht nur bereits im Titel den kategorialen und metaphorischen Sinn des Marx’schen Begriffs auf den Kopf stellt, nämlich „Hans Dietrich Genscher – die politische Charaktermaske“, sondern auch entsprechend beginnt: „Dieser Mann … besitzt alle Eigenschaften, derentwegen man einen Menschen gemein nennt.“3 Eine höchst traurige, von der Grundlogik her ähnlich Rolle spielte der Ausdruck Charaktermaske im Jargon der RAF. In deren Kommandoerklärungen figurierten regelmäßig jene als Charaktermasken, die den Tod verdienen. Ausgerechnet der Begriff, der bei Marx die Analyse versachlichter Herrschaft von der Frage individueller Eigenschaften und persönlicher Verantwortung scheidet, wurde zur Legitimierung der Ermordung von Funktionsträgern exzessiv bemüht.

2.

Der wertkritische Versuch einer Reformulierung gesellschaftskritischer Theorie knüpft an die Marx’sche Kritik des Warenfetischs an. Das zwingt sie zu etwas, was ganz und gar nicht in die mittlerweile allem begrifflichen Denken entwöhnte linke Debattenkultur passt. Sie muss die Mühen des Begriffs auf sich nehmen und gerade den für die Marx’sche Fetischkritik zentralen Kategorien wieder einen präzisen, genuin theoretischen Sinn geben. Das wertkritische Unternehmen der Rückverwandlung von Sprachgummi in kategoriale Bestimmungen läuft dabei keineswegs zwangsläufig auf die Restauration irgendeiner Marx-Orthodoxie hinaus. Es ist nicht nur prinzipiell zulässig, Begriffe anders zu besetzen, als sie in den Marx’schen Schriften Verwendung fanden; Krisisautoren haben sich mehr als einmal an zentralen Punkten diese Freiheit herausgenommen, etwa in Hinblick auf die Arbeit. Während im „Kapital“ diese Basiskategorie als „ewige Naturnotwendigkeit“ figuriert, wird die Arbeit vonseiten der krisis als eine für die Warengesellschaft spezifische Tätigkeitsform gefasst. Solche Neubestimmungen bedürfen allerdings einer ausgewiesenen theoretischen, insbesondere Marx-kritischen Begründung und sind insofern an begriffsarchäologische Anstrengungen gebunden. Was das Problem der Arbeit angeht, um bei diesem Beispiel zu bleiben, fand denn auch dementsprechend von wertkritischer Seite eine explizite und ausführliche Auseinandersetzung mit der Marx’schen Position statt. Die Neufassung der Arbeitskategorie erfolgte nicht aus dem hohlen Bauch heraus, sondern fand ihre Rechtfertigung darin, dass sie Unschärfen und Mängel der Marx’schen Position beseitigt.4 Im Rahmen wertkritischer Theoriebildung ist eine solche Vorgehensweise bei jeder Neubestimmung von Schlüsselkategorien der Marx’schen Fetischkritik geboten.
Die wertkritische Debatte bewegte sich bis dato vornehmlich auf einer strukturtheoretischen Ebene. Ihre kategorialen Neubestimmungen betrafen von daher in erster Linie Begriffe wie „Tauschwert“, „abstrakte Arbeit“ usw. Keine große Aufmerksamkeit wurde dagegen der Kategorie der Charaktermaske zuteil, die eine Brücke von der Struktur- zur Handlungsebene schlägt, indem sie die Verwandlung der Warenlogik in die Willenshandlung konkurrierender ökonomischer Subjekte thematisiert. Die Kategorie fand nur beiläufig Verwendung. Dabei wurde meist unbesehen die Marx’sche Lesart übernommen, der zufolge Menschen immer dann (aber auch nur dann) als Charaktermasken agieren, wenn sie einander als Käufer und Verkäufer, als Kapitalist und Lohnarbeiter, als Grundeigentümer und Bodennutzer gegenübertreten und einander wechselseitig die Zwangsgesetze des Marktes aufherrschen.
Der in der krisis 31 erschienene Artikel „Maske und Charakter“ bricht in zweifacher Hinsicht mit dieser Praxis. Zum einen – der Titel deutet es schon an – bildet der bis dato in der wertkritischen Diskussion stiefmütterlich behandelte Begriff der Charaktermaske den kategorialen Dreh- und Angelpunkt von Schandls Beitrag. Zum anderen nimmt der Autor eine Bedeutungsverschiebung vor. Wie eingangs schon erwähnt, ist bei Marx von Charaktermasken ausschließlich im Kontext seiner „Kritik der Politischen Ökonomie“ die Rede. Mit diesem Begriff bezeichnet Marx ökonomische Funktionsträger. Dagegen sind laut Schandl „Subjekt und Charaktermaske … tendenziell synonym.“5 Damit erklärt dieser Text die Beschränkung des Charaktermaskenbegriffs auf das Feld der Kritik der Politischen Ökonomie für obsolet – was immer sich auch hinter dem Wort tendenziell verbergen mag. Egal welchem der zahlreichen in der Warengesellschaft existierenden Zwängen ein Mensch sich gerade fügt, sein Gehorsam macht ihn für Schandl zum Träger einer Charaktermaske.

3.

Auf eine dezidierte theoretische Begründung für die Neubestimmung einer Schlüsselkategorie wartet der Leser vergeblich. Nach kurzen begrifflichen Setzungen springt der Text auf eine rein deskriptive Ebene und der Charaktermaskenbegriff dient als äußere Klammer, die eine Vielzahl von Beobachtungen eher assoziativ denn analytisch auf einen gemeinsamen Nenner bringt. Der Text weist weder die Revisionsbedürftigkeit des Marx’schen Charaktermaskenbegriffs aus, noch macht er subjekttheoretisch plausibel, warum diese Kategorie als Universalschlüssel zum Verständnis der Warensubjektivität taugen soll.
Stattdessen lässt Schandl den Leser über die Tragweite seines Unternehmens im Unklaren und suggeriert, seine Interpretation des Charaktermaskenbegriffs decke sich zwar nicht unbedingt mit dem Wortlaut, aber doch mit dem Geist der Marx’schen Theorie. „Der Maskenbegriff war … auch bei Marx nicht auf das Figurenpaar Käufer-Verkäufer oder gar Lohnarbeiter-Kapitalist beschränkt. Explizit spricht er sogar von Charaktermasken vor dem Kapitalismus“.6
Gemessen an den weitreichenden Implikationen der Schandl’schen kategorialen Neuordnung ist dieses Argument etwas dünn geraten und auch um seine Tragfähigkeit könnte es besser bestellt sein. Schon die Materiallage ist etwas dürftig. Im ganzen Marx’schen Werk findet sich meines Wissens genau eine Passage, in der mit dem Begriff der Charaktermaske etwas anderes bezeichnet wird als die ökonomischen Funktionsträger im Kapitalismus, nämlich im Abschnitt über den Fetischcharakter der Ware und ihr Geheimnis im ersten Kapitel des „Kapitals“.7 Schwerer wiegt indes etwas anderes. Mit seiner Erweiterung des Charaktermaskenbegriffs bezieht Marx keineswegs die in „Maske und Charakter“ vertretene Position, sondern einen dazu entgegengesetzten Standpunkt. Indem Marx den vormodernen Pfaffen als ökonomische Funktionskategorie behandelt, dehnt er den Charaktermaskenbegriff unter Beibehaltung seiner Engführung auf die Frage der Produktion und Distribution des Reichtums auf vorkapitalistische Gesellschaften aus. Schandl dagegen möchte den Charaktermaskenbegriff nicht aus seinem historischen Rahmen lösen, sondern in Hinblick auf die kapitalistische Gesellschaft die Kategorie der Charaktermaske auf alle Bereiche ausgedehnt wissen, diesen also zu einem subjekttheoretischen Universalschlüssel machen.

4.

Schandl legt keine explizite Kritik des Marx’schen Charaktermaskenbegriffs vor. Stattdessen behauptet er, dass dieser Begriff, so wie er von Marx bestimmt wurde, auf alle Aspekte warengesellschaftlicher Subjektivität übertragbar sei. Hält diese These einer kritischen Überprüfung stand? Gelingt es dem Autor, den Charaktermaskenbegriff aus dem Bezugsrahmen der Kritik der Politischen Ökonomie herauszulösen, ohne dass er seine Bedeutung verliert, oder findet sich unter dem gleichen Label „Charaktermaske“ bei Schandl ein anderer Inhalt als bei Marx?
Die Frage lässt sich nicht beantworten, ohne den Gehalt des Marx’schen Charaktermaskenbegriffs zu rekapitulieren. Der Marx’sche Begriff der Charaktermaske vereint drei Dimensionen in sich, die ihn für die wertkritische Fetisch- und Subjektkritik fruchtbar machen. A) Zunächst einmal verdeutlicht er den Fetischcharakter der Beziehung von Ware und Warenbesitzer für das gesamte Warenuniversum, also auch für die Ware Arbeitskraft.8 B) Er trifft fernerhin Aussagen über das spezifische Verhältnis der Warenbesitzer zu sich selber und C) er hält schließlich die besondere Qualität der Beziehung der Warenbesitzer zueinander fest.
Ad A): Die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie hat die Kritik des Warenfetischs zum Ausgangspunkt, das Paradox, dass die für die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums maßgeblichen gesellschaftlichen Beziehungen mit dem Aufstieg der Ware zur Elementarform des gesellschaftlichen Reichtums die Gestalt von Dingbeziehungen annehmen. Waren haben allerdings keine Beine und können nicht alleine zu Markte gehen. Menschen müssen dieses Geschäft für sie erledigen. Dieser Umstand konterkariert indes keineswegs die Verkehrung der Dingbeziehungen zu einer dem Handeln und Denken der ökonomische Akteure vorausgesetzten Macht. Die freie Verfügungsgewalt des Warenbesitzers über seine Ware, von der die liberale Ideologie und der Alltagsverstand so gerne schwadronieren, hat nämlich ihr genaues Gegenteil zur Grundlage, die Ware hat ihren Besitzer am Gängelband. Als „Stellvertreter“ und „Repräsentant“ seiner jeweiligen Ware agiert der Warenbesitzer als Besitz seines Besitzes.
Alle Waren bedürfen der Personifikation. Während in der christliche Religion als monotheistischer Religion Gott ausschließlich in der Gestalt Christi Mensch geworden ist, werden in der Warenreligion die Waren in unterschiedlichen Charaktermasken Mensch. Schon der Doppelcharakter der Ware verhindert, dass der einheitliche Zwang zur Personifikation zu einer Einheitspersonifikation führt. Weil die Elementarform des kapitalistischen Reichtums zugleich Tauschwert und Gebrauchswert ist, bedarf es auch auf Seiten ihrer Personifikation der Verdopplung, nämlich der von Käufer und Verkäufer und andere Paare mit jeweils komplementären Funktionen. Das Urpaar der Personifikation differenziert sich indes insofern weiter aus, als unterschiedliche Klassen von Waren die Märkte bevölkern, und dementsprechend die ihnen jeweils adäquaten Personifikationspaare ausbilden. Die Verwandlung der allgemeinen Naturressource, Grund und Boden, in eine Ware gebiert den kapitalistischen Grundrentner mitsamt seinem Pendant, den Pächter. Schwingt sich die allgemeine Ware, das Geld, selber zur gehandelten Ware auf, entsteht also so etwas wie ein Geldmarkt, findet diese Ware in zweiter Potenz im Leiher und Verleiher die ihr entsprechenden Personifikationen. Bei langlebigen Waren, bei denen statt der Ware selber ein zeitlich limitiertes Nutzungsrecht an ihr veräußert wird, nimmt der Käufer die Gestalt des Mieters und der Verkäufer die des Vermieters an. Und auch die Basisware der Warengesellschaft, die Ware Arbeitskraft, schafft sich ein spezifisches Käufer-Verkäufer-Paar. Die Ware Arbeitskraft hat bekanntlich einen ganz spezifischen Gebrauchswert, der sie von allen anderen Waren unterscheidet: Sie kann Mehrwert schaffen, sie kann als variables Kapital dienen. Dieser besondere Gebrauchswert macht ihren Käufer und Nutzer zum fungierenden Kapitalisten, während ihr ursprünglicher Besitzer und Verkäufer mit dem Erhalt ihres Tauschwerts sich in den Lohnarbeiter verwandelt. Als Oberbegriff fasst die Kategorie der Charaktermaske die diversen Personifikationspaare unterschiedlicher Waren terminologisch zusammen.

5.

Ad B): Die Paradoxie, dass in der Warengesellschaft die sozialen Beziehungen die Gestalt ihres Gegenteils annehmen, nämlich die Gestalt von Dingbeziehungen, ist mit einer zweiten Paradoxie verschwistert. Bei Marx bleibt die Darstellung dieser intrasubjektiven Paradoxie zwar über weite Strecken implizit, sie ergibt sich aber zwingend aus seiner Fetischkritik. Die Warengesellschaft stellt ein System ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit dar, ein soziales Beziehungssystem, in dem Individuum und Gesellschaft zueinander in ein antinomisches Verhältnis treten. Individualität in einem emphatischen Sinne, konkrete Individualität, hat keinen anderen Entfaltungsraum als den realen sozialen Zusammenhang und ist an dessen individuelle Aneignung gebunden. Das Warensubjekt dagegen wird gerade dadurch zum (abstrakten) Individuum, dass es sich zum gesellschaftlichen Kontext wie zu etwas ihm Äußeres und Fremdes verhält und einen Standpunkt prinzipieller Distanz bezieht. Die für die Warengesellschaft grundlegende Antinomie von Individuum und Gesellschaft reproduziert sich unweigerlich in der Konstitution des Warensubjekts. Wenn das Warensubjekt sich nur in Abstraktion von seinen realen gesellschaftlichen Bezügen als Individuum begreifen kann, dann muss ihm auch seine eigene reale Teilhabe am warengesellschaftlichen Verkehr, seine Praxis als Warenrepräsentant notwendigerweise als etwas seiner (abstrakten) Individualität Akzidentelles gelten. Das moderne Subjekt setzt sich dementsprechend nicht unmittelbar mit seinem Dasein als Warenrepräsentanten identisch. Es zerfällt vielmehr in die personifizierte Ware einerseits und deren Gegenstück, ein im Nebelhaften verbleibendes „eigentliches Selbst“ anderseits.9
Diese Spaltung lässt sich bis in die Beziehungen des Warenbesitzers zu seiner Ware zurückverfolgen. Gesellschaftlicher Reichtum nimmt nur dann Warenform an, wenn er nicht als unmittelbarer Genussgegenstand erzeugt wird, wenn er, aus der kapitalistischen Binnenperspektive betrachtet, für seine Produzenten und ursprünglichen Besitzer keinen Gebrauchswert hat. Die eigene Ware – und das gilt natürlich auch für die Ware Arbeitskraft – liegt erst einmal außerhalb des Bedürfnishorizontes ihres Besitzers, sie ist ihm bereits vor ihrer Veräußerung etwas Äußeres. Sie hat für ihn den Charakter einer gesellschaftlichen Chiffre, die ihm indirekt Zugang zu den Weiten des Warenuniversums verschafft. Wie zur Ware selbst so steht das Warensubjekt damit indes auch zu seiner Funktion als Warenrepräsentant in einer instrumentellen Beziehung. Wer als Warenrepräsentant agiert, dem ist seine Repräsentationsleistung Mittel zur Erreichung eines vom Inhalt dieses Tun entkoppelten Zwecks. Das setzt aber das Konstrukt einer außerhalb der Warenrepräsentanzbeziehung angesiedelten zwecksetzenden Instanz voraus und damit die angedeutete Aufspaltung. Der Marx’sche Charaktermaskenbegriff hält die für das Selbstverständnis aller Warenbesitzer konstitutive Unterscheidung zwischen abstrakter Individualität und ökonomischer Repräsentationsfunktion kategorial fest. Das Aufsetzen einer Charaktermaske ist der Preis, den der von seiner Gesellschaftlichkeit getrennte Einzelne zu entrichten hat, um zum Warenreichtum in Beziehung zu treten. Bei der Differenz von Charaktermaske und (abstrakter) Individualität handelt es sich dabei wohlgemerkt keineswegs um eine an den Gegenstand herangetragene normative Vorstellung, sondern um ein Strukturelement sowohl der Warensubjektivität als auch der warengesellschaftlichen Denkform.

6.

Ad C): Um den spezifischen Charakter der versachlichten Herrschaft der Ware herauszuschälen, kontrastiert Marx im ersten Kapitel des „Kapitals“ diese mit vorkapitalistischen Herrschaftsformen. Während in älteren fetischistisch verfassten Gesellschaften Individuum und Herrschaftsfunktion miteinander verschmolzen waren, löst sich in der Warengesellschaft diese quasiorganische Einheit für sämtliche ökonomischen Funktionsträger auf.10 Das betrifft nicht allein das Selbstverständnis der Warensubjekte, sondern auch deren Verkehrsform, also den inter-subjektiven Raum. Was diese dritte Dimension angeht, macht der Charaktermaskenbegriff die Interaktion der verschiedenen Warenbesitzerkategorien zunächst einmal als anonyme Beziehung kenntlich. Das beteiligte Personal ist austauschbar, und weiß sich auch als austauschbar. Darin erschöpft sich die Bedeutung dieses Terminus allerdings noch nicht. Setzen sich zwei Warenbesitzer ins Verhältnis, dann verkehren insofern Charaktermasken miteinander, als sich beiden Beteiligten ihr jeweiliges Gegenüber auf die Funktion des Warenrepräsentanten reduziert. Gerade diese Reduktion ist aber daran gebunden, dass dem anderen Warenbesitzer eine außerhalb der Verkehrsbeziehung verortete, abstrakte Individualität zugeschrieben wird. Indem die Warenbesitzer sich selbstinstrumentell verhalten und sich anderen als Warenrepräsentanten anbieten, erkennen sie sich wechselseitig als freie Willenssubjekte an, die sich selber ihre Zwecke setzen. Lohnarbeiter und Kapitalist, Leiher und Verleiher, Käufer und Verkäufer lassen sich gleichermaßen als Charaktermasken klassifizieren. Das macht sie nicht nur als freie, sondern trotz der Funktionsdifferenzierung prinzipiell gleiche Subjekte kenntlich.

7.

Selbstverständlich kann meine stichpunktartige Rekapitulation eine eingehendere kritische Auseinandersetzung mit der Marx’schen Charaktermaskenvorstellung nicht ersetzen. So viel zeichnet sich in ihrem Licht allerdings schon ab: In dem Text „Maske und Charakter“ wird der Ausdruck „Charaktermaske“ in einer Weise verwendet, die sich von den Problemen, die in der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie mit diesem Begriff kategorial gefasst werden, ziemlich weit entfernt. Die exzessive Anwendung der Kategorie hat ihren Preis und zu den Hauptposten gehört die Ausdünnung ihres fetischismuskritischen Gehalts.
Dreh- und Angelpunkt der Marx’schen Fetischkritik ist die Verkehrung sozialer Beziehungen in ihr Gegenteil, in Dingbeziehungen. Wie in Punkt 4 kurz skizziert, ordnet sich in diesen Kontext auch der dem Charaktermaskenbegriff zugrunde liegende Mechanismus der Personifikation ein. Schandl führt diesen auch an und schreibt: „Charaktermasken sind das Resultat ständiger Personifikation.“11 Diese Aussage bekommt bei ihm allerdings einen von der Fetischproblematik abgelösten Sinn. Marx verwendet im Kontext der Warenformanalyse den Personalisierungsbegriff, um mit ihm festzuhalten, dass die Waren das eigentliche gesellschaftliche Agens bilden und sich ihre Logik im Verkehr der Warensubjekte darstellt. Die Waren personifizieren sich also. Diese Verrücktheit überspringt Schandl und bezeichnet mit Personifizierung stattdessen die Anpassungsleistung der menschlichen Subjekte an die gesellschaftlichen Zwänge. Zu dieser nicht ausgewiesenen Bedeutungsumkehr gelangt Schandl, indem er etymologische Überlegungen zum Terminus der Person einführt. Marx hatte diesen Begriff nicht weiter hinterfragt, Person als Synonym für Individuum verwendet und der so verstandenen Person die Personalisierung gegenübergestellt. „Dass die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten“12, macht im Marx’schen Verständnis diese Personen als Warensubjekte zu unpersönlichen Personen. Schandl beharrt dagegen darauf, dass „mit dem lateinischen Wort »persona« nichts anderes als die Maske bezeichnet“13 wird. Mit dem so begründeten Gegensatz von Individuum und Person nimmt der Begriff der Person bereits eine negative Färbung an, bevor das von Marx mit diesem Terminus gefasste Problem der Transformation von Warenbeziehungen in Warenbesitzerbeziehungen überhaupt aufgetaucht ist . Diese Analyseebene spielt dann auch keine Rolle mehr in Schandls Argumentation und das erst verschafft ihm die Freiheit, den Charaktermaskenbegriff auf alle möglichen Zusammenhänge zu übertragen. Person und Personalisierung, bei Marx streng geschieden, verschwimmen ineinander und von der Marx’schen Fetischkritik bleibt nicht viel mehr übrig als die Feststellung, dass in dieser Gesellschaft die Menschen nicht in Übereinstimmung mit sich leben.
So unscharf die spezifische Bedeutung von Personalisierung bei Schandl auch bleibt, eins wird allerdings schon klar: Er unterstellt, alle sozialen Zwänge ließen sich auf diesen Generalnenner bringen. Diese Behauptung ist zwar durchaus folgerichtig, wenn das Tragen von Charaktermasken und die Existenz als modernes Subjekt identisch gesetzt werden und an die Marx’sche Vorstellung von der Charaktermaske als Ergebnis von Personifikation angeknüpft wird; ganz wohl scheint sich aber selbst der Autor an diesen Punkt seiner kategorialen Neuordnung nicht zu fühlen. Er dient denn auch nur als Trittstein, um schnellstmöglich auf vermeintlich sicheres Terrain zu gelangen. Schon nach ein paar Zeilen verschwindet die Frage der Personifikation endgültig in der Versenkung und wird durch das Problem der Identifikation mit der Charaktermaske ersetzt.
Nachdem Schandl den Bezugspunkt des Personifikationsprozesses aus dem Bezugsrahmen der Warenfetischanalyse herausgenommen hat, liegt dieser Themenwechsel durchaus nahe. Indem er Identifikation und Identifizierung zu seinem Gegenstand macht, widmet sich der Aufsatz Mechanismen, die im Gegensatz zur Personifikation tatsächlich ihren logischen Ausgang beim unterworfenen Menschen und nicht bei der Ware haben; allerdings verdeutlicht dieser Ebenenwechsel auch, wie dünn die Verbindung zwischen der Schandl’schen Sicht und der Marx’schen Fetischkritik ist. Die für den Rest des Textes „Maske und Charakter“ bestimmenden Stichworte Identifikation und Identifizierung spielen bei der Marx’schen Analyse von Warenfetisch und Charaktermaske keine Rolle. Hinter dieser terminologischen Differenz verbirgt sich eine Differenz in der Sache.

8.

Bei Marx entspringt die Bildung von Charaktermasken der fetischistischen Beziehung von Ware und Mensch. Indem Waren sich personalisieren, also eine menschliche Haut überstreifen, verwandeln sie die in Besitz genommenen Menschen in Charaktermaskenträger. Dieses grundlegende Problem überspringt Schandl, um die Charaktermaske zum Resultat von Identifikation und Identifizierung zu erklären. Auch an diesem Punkt fällt die Begründung lakonisch aus: „Auf Dauer ist es … unmöglich nicht Agent seiner Rolle zu werden, was heißt, Denken und Handeln nicht in Übereinstimmung zu bringen. Charaktermaske ist nicht einfach als Rollenvollzug zu übersetzen, sondern meint immer auch Rollenidentifikation.“14
Diese Schlüsselstelle ist zunächst einmal der verwandten Terminologie wegen aufschlussreich. Schandl setzt den bei Marx klar bestimmten Strukturzwang, der zur Entstehung von Charaktermasken führt, umstandslos mit dem unscharfen Rollenbegriff in eins. Im weiteren Fortgang seiner Darstellung verzichtet er auf die Unterscheidung von Rolle und Rollenidentifikation und behandelt Charaktermaske, Rolle und auch die Metapher Maske als Synonyme. Und in der Tat, solange man im Charaktermaskenträger nur einen „Selbstverwechsler“15 erblickt und mit „Charaktermaske“ lediglich „ein Nichteins-Sein mit sich selbst“16 bezeichnet, lässt sich der Begriff jederzeit durch Rolle und Maske ersetzen. In der allgemeinen Negativ-Bestimmung, dass Menschen als Charaktermasken außer sich sind, geht die Charaktermaskenkategorie indes keineswegs auf. Wie in den Punkten 4-6 angerissen, handelt es sich beim Tragen einer Charaktermaske um eine ganz spezifische Form des Außer-sich-Seins. Austauschbar mit Rolle und der Metapher Maske wird der Charaktermaskenbegriff, weil Schandl diesen unterbestimmt lässt und ihn wichtiger Bedeutungsdimensionen entkleidet.
Die Charaktermaske ist bei Schandl nicht das Ergebnis der Personifikation von Waren, sondern der Rollenidentifikation von Menschen. Damit verschwimmt ihm diese Kategorie ins Ungefähre. Diese Ursprungsverlegung hat indes eine weitere, noch problematischere Konsequenz. Sie tritt beim Versuch zu Tage, doch noch eine gewisse Differenz zwischen Rolle und Charaktermaske einzuführen. Der Unterschied soll nämlich folgendermaßen aussehen: „Der Vergleich mit dem Schauspiel hinkt aber auch. Schauspieler spielen ja tatsächlich eine Rolle, sie bleibt ihnen nicht verborgen. Charaktermasken nehmen sich als solche voll, aber nicht als solche wahr.“17 Die Vorstellung, den Charaktermaskenträgern entginge, dass sie noch etwas anderes wären als ihre jeweilige Charaktermaske, kollidiert nicht nur mit dem metaphorischen, sondern vor allem mit dem analytischen Gehalt des Charaktermaskenbegriffs. Es gehört zu den integralen Momenten der Warensubjektivität, einen prinzipiellen Unterschied zwischen ökonomischer Funktion und (abstrakter) Individualität aufzumachen. Anders als der Aufsatz unterstellt, muss Gesellschaftskritik den Charaktermaskenträgern keineswegs mühsam nahe bringen, dass sie etwas anderes wären als ihre Charaktermaske. Der Charaktermaskenbegriff bleibt zumindest bei Marx ausschließlich sozialen Funktionen vorbehalten, die von den Warensubjekten von vornherein als etwas von ihrem „eigentlichen Selbst“ prinzipiell Geschiedenes erlebt werden. Natürlich identifizieren sich Menschen mit der Funktion, die sie übernehmen. Diese Identifikation setzt aber gerade die strukturelle Trennbarkeit von Person und Funktion voraus und macht aus dem zur Deckung bringen eine Leistung, die der Charaktermaskenträger jeden Tag neu unter Beweis stellen muss.

9.

In Schandls Verständnis nimmt der Charaktermaskenträger sich nicht als solcher wahr, sondern betrachtet seine Charaktermaske als einen quasiorganischen Bestandteil seiner selbst. Diese These wird folgendermaßen begründet: „Kaufen und Verkaufen, das ist Natur, der eins gar nicht entgehen kann. Da wird auch nicht einmal im Ansatz eine Maske vermutet, sondern quasiorganisch zugeordnet, gleich essen, trinken oder ausscheiden.“18 So viel ist an dieser Aussage natürlich richtig: Das Warensubjekt setzt selbstverständlich voraus, dass der gesellschaftliche Verkehr in der Form von Kauf und Verkauf abgewickelt wird. Es kann sich keine Gesellschaft vorstellen, die ohne diese Form sozialer Vermittlung auskommt. Davon lässt sich freilich keineswegs auf eine „quasiorganische“ Einheit zwischen den einzelnen Individuen und ihren jeweiligen Charaktermasken schließen, wie das Schandl tut.
Marx betonte, dass die versachlichte Herrschaft der Ware die für die vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen typische Verschmelzung von Individuum und Herrschaftsfunktion aufgesprengt hatte. In diesen Kontext ordnet sich auch der Charaktermaskenbegriff analytisch ein, und zwar indem er gerade die Ablösbarkeit der ökonomischen Funktionskategorien von ihren jeweiligen Trägern festhält.19 Von der Charaktermaske des Kapitalisten heißt es dementsprechend bei Marx: „die ökonomische Charaktermaske des Kapitalisten hängt nur dadurch an einem Menschen fest, dass sein Geld fortwährend als Kapital funktioniert.“20 Diese Aussage lässt sich zum einen verallgemeinern. Auch der Arbeiter, der Pächter, der Verleiher und alle anderen Charaktermaskenkollegen müssen ihre Funktion immer wieder neu ausfüllen, um ihre jeweilige Charaktermaske aufzubehalten. Zum anderen bleibt diese Einsicht keineswegs dem Gesellschaftskritiker vorbehalten; die Charaktermaskenträger sind sich ebenfalls darüber im Klaren, wie schnell ihnen ohne formgerechtes Handeln die jeweilige Charaktermaske von der Nase rutscht. Kein Arbeiter wird davon überrascht, dass er seinen Status als Arbeitskraftverkäufer verliert, wenn er seine Ware nicht mehr beim Käufer abliefert. Jeder Verkäufer weiß ganz genau, er muss Kunden auftun, sonst ist es um seine Verkäuferherrlichkeit geschehen.
Indem Schandl das Verhältnis der Träger zu ihren Charaktermasken zu etwas von diesen als quasiorganisch Wahrgenommenem erklärt, stellt er den Gehalt des Charaktermaskenbegriffs im engen Marx’schen Sinn analytisch auf den Kopf. Das hat allerdings auf verquere Weise doch eine gewisse merkwürdige Logik. Es gibt nämlich durchaus Schichten der modernen Subjektkonstitution, bei denen man mit Schandl tatsächlich von „quasiorganischen Zuordnungen“ sprechen muss. Sie sind freilich jenseits der Binnenbeziehungen sich wechselseitig anerkennender Warensubjekte angesiedelt und damit auch jenseits der Charaktermaskenwelt. Die Konstruktion des männlich weißen Subjekts in der Abgrenzung zu seinem inferior gesetzten „Anderen“, dem weiblichen oder nicht-weißen Nicht-Subjekt, funktioniert über biologische Zuschreibungen und damit im wahrsten Sinne des Wortes „quasiorganisch“. Sowohl Sexismus wie Rassismus laden biologische Merkmale mit gesellschaftlicher Bedeutung auf. Kapitalist und Lohnarbeiter müssen durch ihr individuelles Handeln Tag für Tag aufs Neue dafür sorgen, dass sie ihrer ökonomischen Funktion Genüge tun. Das weist sie als Charaktermaskenträger aus. Bei Gegensatzpaaren wie Mann und Frau oder Schwarz und Weiß erscheinen dagegen gesellschaftliche Bestimmungen als etwas unmittelbar in das biologische Sein der Individuen Eingeschriebenes.
Schandl setzt Subjekt und Charaktermaske synonym. Trotz dieses Universalanspruchs spielen die Beziehungen des Warensubjekts zu seinem Anderen, die nun einmal Teil und Grundlage der Subjektkonstitution sind, in seinem Text keine Rolle. Er versucht erst gar nicht die Subsumierbarkeit der rassistischen und sexistischen Dimensionen der Warensubjektivität unter den Charaktermaskenbegriff plausibel zu machen. Erstere kommt nicht vor, während die Frage des Sexismus zwar mit dem Phänomen der Verschleierung des weiblichen Körpers in Orient und Okzident Thema ist, aber umstandslos als beliebiges Fallbeispiel für die auf die bloße Maske zusammengestutzte Charaktermaske verhandelt wird. Bei dieser rein assoziativen Einbindung in die Einheitswelt der Charaktermasken findet der spezifische Charakter patriarchaler Unterdrückung keine Berücksichtigung. Mit der Ausdehnung des Charaktermaskenbegriffs auf alles verschwimmen der Binnenraum, in dem die anerkannten Subjekte miteinander in Beziehung treten, und dessen Gegenreich zu ein und demselben.
Dieses Zusammenwerfen bleibt nicht ohne Folgen. Auf eine sind wir bereits gestoßen. Indem Schandl die Charaktermaske als „quasiorganischen Bestandteil“ ihres Trägers missversteht, verkehrt sich ihm ironischerweise ein spezifisches Kennzeichen der ausgeblendeten Schicht zu einem allgemeinen Merkmal der Charaktermaske. Im Gegenzug wird mit der Gleichsetzung von Subjekt und Charaktermaske die für den Binnenraum der Warensubjekte charakteristische soziale Beziehungsform zur auf dem Boden der Wertvergesellschaftung universellen Beziehungsform überhöht. Wie in Punkt 6 schon angetippt, treten Menschen, wenn sie als Charaktermasken miteinander verkehren, in ein wechselseitiges Anerkennungsverhältnis und behandeln einander als freie und gleiche Subjekte. Das macht ihr Verhältnis zueinander natürlich nicht spannungsfrei. Sie stehen für unterschiedliche Waren und haben von daher gegenläufige Interessen, die aufeinanderprallen. Bei diesen Konflikten handelt es sich aber stets um symmetrische Konflikte zwischen freien und gleichen Konfliktpartnern und bei ihren Beziehungen um Konkurrenzbeziehungen. Patriarchale und rassistische Beziehungen sind mit diesem Schema nicht befriedigend zu fassen. In ihnen schwingen sich weiße männliche Menschen zu Subjekten auf, indem sie anderen den Subjektstatus aberkennen. Mit der Gleichsetzung des Subjekts mit der Charaktermaske verlieren die sexistischen und rassistischen Aberkennungsverhältnisse ihren logisch-kategorialen Ort. Der Charaktermaskenbegriff lässt sich schwerlich zum Universalschlüssel der Subjektkritik hochstilisieren, ohne eine Umdefinition der auf geschlechtliche und rassistische Zuschreibungen zurückgehenden asymmetrischen Konflikte zu simplen symmetrischen Konkurrenzbeziehungen vorzunehmen. In und außerhalb der krisis war die wertkritische Diskussion der letzten Jahre bemüht, den rassistischen und sexistischen Momenten der Subjektkonstitution auch kategorial Rechnung zu tragen.21 Mit seiner monokategorialen Subjektvorstellung erklärt Schandl solche Überlegungen implizit als gegenstandslos.

10.

Charaktermasken exekutieren soziale Zwänge. Diese Gesellschaft produziert eine schier endlose Kette verschiedenster Zwänge, also auch eine fast endlose Zahl unterschiedlichster Charaktermasken. Dieses Motto scheint Schandls exzessivem Umgang mit dieser Kategorie zugrunde zu liegen. Jedenfalls firmieren in „Maske und Charakter“ außer den ökonomischen Funktionsträgern auch Figuren wie die des „Autofahrers, des Fans, des Sozialleistungsempfängers, des Umweltschützers“ als Charaktermasken. Schandls Argumentation kennt kein Kriterium, das es verbieten würde, diese Liste beliebig zu verlängern und etwa um den Fahrgast, die Mutter, den Philatelisten, die Brillenträgerin oder den Schlittschuhläufer zu ergänzen.
Anders der Marx’sche Charaktermaskenbegriff. Er hebt keineswegs unterschiedslos auf alle sozialen Zwänge ab, sondern ist auf einen ganz bestimmten, eng umschriebenen Typus ausgerichtet. Das Reich der Charaktermasken liegt für Marx dort, wo verschiedene Warenbesitzer einander die Zwangsgesetze der Konkurrenz aufherrschen. Charaktermasken stehen für Zwänge, die unmittelbar der Subsumtion gesellschaftlichen Reichtums unter die Warenform entspringen. Analytisch hilft es keinen Millimeter weiter, das, was dem Autofahrer im Straßenverkehr widerfährt, auf der gleichen Folie abzubilden. Auch ohne Stau rollen sie und ihre Fahrzeuge natürlich nicht durchs Reich der Freiheit, die Zwänge, mit denen sie es zu tun haben und für die sie stehen, haben ihren Ursprung aber an der stofflichen Gestalt, in der sich der Reichtum der Warengesellschaft darstellt, nicht unmittelbar an der Warenform als solcher. Ganz eng auf die spezifischen Relationen bei der Produktion und Zirkulation von Waren bezogen, versagt der Charaktermaskenbegriff seinen analytischen Dienst, wenn es um die mit dem Warenkonsum verknüpften Verrücktheiten (Schandl erwähnt die Figur des Touristen) geht.22
Damit ist nicht gesagt, dass es prinzipiell nur ökonomische Charaktermasken geben kann. Die Übertragbarkeit des Begriffs beschränkt sich allerdings auf das unmittelbare, über ein allgemeines Medium vermittelte Interaktionsverhältnis freier und gleicher Subjekte. Insbesondere beim Verhältnis von Kläger und Beklagtem im Vertragsrecht handelt es sich um das Verhältnis von Charaktermasken. Wie dem Käufer und Verkäufer die Notwendigkeit dem Formzwang der Ware Genüge zu tun, in der Gestalt seines Tauschpartners gegenübersteht, so der Zwang zum Gehorsam gegenüber der Rechtsform als das Recht des Pendants. Von solchen Relationen ist die Tiefenschicht des warengesellschaftlichen Formzwangs abzugrenzen. Alle Alltagsäußerungen als das Agieren von Charaktermasken zu deuten, überstrapaziert diesen Begriff. Sie setzt nicht nur Äpfel mit Birnen gleich, sie läuft vor allem auf eine Überdeterminierung der Zwänge hinaus, die Menschen im warengesellschaftlichen Alltag bewältigen müssen. Niemand entgeht in dieser Gesellschaft dem Zwang zum Kaufen und Verkaufen. Dem Zwang zur Elternschaft oder zum Fan kann man sehr wohl ausweichen und solche Zwänge lassen gleichzeitig einen viel größeren Interpretationsspielraum zu, als die harten Regeln der Konkurrenz den Charaktermasken lassen.
Kapitalismusanalytisch bringt die Überdehnung des Charaktermaskenbegriffs, wie sie Schandl vornimmt, nicht weiter. Ihr Nutzen ist denn wohl auch eher in der Aufwertung der Beschäftigung mit den Problemen des Alltags zu suchen. Indem er den Charaktermaskenbegriff von der Kritik der Politischen Ökonomie ablöst und auf jedes Problem klebt, mit dem es Menschen in dieser Gesellschaft zu tun haben, gewinnen diese Alltagsfragen eine bis dahin unbekannte, scheinbar kategorial fundierte Dignität. Die kategoriale Aufladung dient primär der Legitimierung eines diffusen, eher apolitischen als antipolitischen Verständnisses antiherrschaftlicher Praxis. Wenn der Kapitalist, der Autofahrer und der unfreundliche Nachbar gleichermaßen als Charaktermasken zu klassifizieren sind, dann geraten auch die private Einschränkung der Autofahrerei und die Nachbarschaftspflege in den Geruch, dass sie mindestens in dem gleichen Grad als Äußerungsformen emanzipativen Kampfes zu würdigen sind, wie der einst als das Allerhöchste gefeierte betriebliche Kampf gegen die Charaktermaske des Kapitalisten. In Sätzen wie Folgendem ist denn auch der Unterschied zwischen der täglichen guten Tat des Pfadfinders und emanzipatorisch-gesellschaftskritischer Praxis verschwunden: „Überall wo wir menschlich handeln, verstoßen wir gegen die Gesetze des Marktes.“23
Nichts dagegen, älteren Herrschaften über die Straße zu helfen. Nichts gegen eine Analyse des kapitalistischen Alltags. Flankiert diese Wendung allerdings die Abkehr von der viel geschmähten „Großtheorie“ und gerät sie zur Flucht ins Mikrologische, wie das etwa in den 1980er Jahren der Fall war, als weite Teile der Linke plötzlich den Alltag für sich entdeckten, dann ist das bedenklich. Heute hat die Tendenz zur Überhöhung von Alltagsverhalten zu emanzipativer Praxis eine gewisse Konjunktur. Bei Autoren wie Holloway und Hardt/Negri fährt der Zug genau in diese Richtung. Wertkritik hat solche Entwicklung weiterhin zu kritisieren24, nicht mitzumachen.

11.

Nicht nur aufgrund der Entdifferenzierung des Charaktermaskenbegriffs hat der Text „Maske und Charakter“ gegenüber solchen Tendenzen eine offene Flanke. Auch die von der Schandl’schen Charaktermaskenkritik evozierte Gegenvision ist in dieser Hinsicht nicht unproblematisch. Die Charaktermaske steht bei Schandl für das „Nichteins-Sein mit sich selbst“.25
Im Umkehrschluss liegt das Ziel folglich im „Eins-Sein mit sich selbst“.
Man kann das Schandl’sche „Nichteins-Sein“ als ein anderes Wort für die Marx’sche Entfremdungsvorstellung interpretieren, und über die terminologische Nähe zur gegenaufklärerischen Ganzheitlichkeitsrhetorik hinwegsehen. Schandl geht es ja schließlich um die Kritik von Identifizierung und Identifikation und nicht um Identitätssuche und Identitätskonstruktion, was ja der Inhalt dieser Strömungen war und ist. Dieser Umgang wird allerdings durch die erkenntnisleitende Frage erschwert, die der Text den Warensubjekten im Kampf gegen ihre Charaktermaskenexistenz an die Hand geben möchte. Schon ganz am Anfang von „Maske und Charakter“ wird behauptet, die bürgerliche Gesellschaft ließe „die essenzielle Frage Wer bist Du?“26 nicht zu, um diese dann zur Fahne der Emanzipation zu machen. Diese Einschätzung ist aber schwer nachvollziehbar. Von einer Tabuisierung der „Wer-bist-Du-Frage?“ kann in der Warengesellschaft beim besten Willen nicht die Rede sein. Sie gehört vielmehr geradezu zu den Obsessionen warengesellschaftlichen Denkens und ist mit dem Warensubjekt omnipräsent geworden. Von der Romantik bis zur Esoterikbewegung, stets war die Beschwörung des „eigentlichen Selbst“ das Parallelprogramm zum Konkurrenztreiben. Die Schandl’sche Identitäts- und Identifizierungskritik visiert also genau denselben Leitstern an, an den sich die warengesellschaftliche Identitätssuche und Identitätskonstruktion stets orientiert hat. Das ist übrigens kein rein ideologiekritisches Problem. Die „Wer bin ich Frage?“ gehört nämlich nicht von ungefähr zu den Evergreens warengesellschaftlichen Bewusstseins. Das ist ein geistiger Reflex auf die strukturelle Spaltung des Warensubjekts in ein ominöses „eigentliches Selbst“ einerseits und in seine Funktion als Warenrepräsentant andererseits – allerdings ist das ein Reflex, der diese Spaltung noch befestigt. Schandls Identitätskritik bleibt darin stecken, eine Seite der warengesellschaftlichen Subjektivität gegen die andere in Stellung zu bringen.

1 Vgl. Lutz Niethammer, Kollektive Identität, Hamburg 2000, S. 40.
2 MEW 23, S. 3.
3 MSZ 6/1984, nach: http://gegenstandpunkt.com/msz/html/84/84_6/genscher.htm (Stand: 4.9.2008).
4 Diesen Grundgedanken hat als erster Robert Kurz in seinem 1995 in der krisis 15 erschienenen Aufsatz „Postmarxismus und Arbeitsfetisch“ ausführlich entwickelt.
5 krisis 31, S. 124.
6 a.a.O., S. 124.
7 Die Textstelle lautet folgendermaßen: „Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher immer die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich Menschen hier gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eigenen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte.“ MEW 23, S. 91.
8 Diese Konsequenz macht Marx allerdings nicht explizit. Der Arbeitskraftbesitzer wird in der Regel bei der Aufzählung der Charaktermasken nicht erwähnt.
9 Ausführlich habe ich diesen Gedanken in dem Aufsatz „Zur Kernphysik des bürgerlichen Individuums“ entwickelt. krisis 13, S. 118-150.
10 Im Mittelalter musste man einen König schon entleiben, um ihn seines Nimbus zu entkleiden und selbst das half nur bedingt. Beim Kapitalisten reicht schon ein gewöhnlicher Bankrott und beim Lohnarbeiter eine simple Kündigung.
11 krisis 31, S. 126.
12 MEW 23, S. 100.
13 a.a.O., S. 126.
14 krisis 31, S. 127.
15 a.a.O., S. 132.
16 a.a.O., S. 132.
17 a.a.O., S. 130.
18 a.a.O., S. 128.
19 Wie erwähnt hat Marx an einer Stelle im ersten Kapitel des Kapitals den Charaktermaskenbegriff auf eine vorkapitalistische Formation übertragen. Das ist bei ihm eine theoretische Inkonsistenz.
20 Zitiert nach Günther Jacob, Zur Theorie des bürgerlichen Individuums bei Marx, Teil IV, http://www.trend.infopartisan.net/trd0505/t090505.html (Stand 5.8.2008).
21 Was die krisis angeht, legte zuletzt die krisis 29 den Fokus auf diese Problematik. Vgl. dazu die Beiträge Karl-Heinz Leweds „Schopenhauer on the Rocks – Über die Perspektiven postmoderner Männlichkeit“ und meinen Beitrag „Die Verzauberung der Welt“.
22 Rein phänomenologisch gelesen präsentiert „Maske und Charakter“ durchaus aufschlussreiche Beobachtungen. Zu diesem Erkenntnisgewinn verhilft der Aufsatz aber trotz, nicht aufgrund des unterlegten kategorialen Bezugssystems.
23 a.a.O., S. 135.
24 Vgl. Karl-Heinz Lewed „Eine »Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft«?“ krisis 30.
25 krisis 31, S. 132.
26 a.a.O., S. 125.