27.11.2008  Beitrag drucken

Schöne Bescherung


In den USA fährt die Autoindustrie vor die Wand. Gleichzeitig schmiert die Weltwirtschaft weiter ab.

Peter Samol

Kreditklemme war gestern. Jetzt schlagen die Absatzausfälle weltweit voll zu Buche und lassen die so genannte „Finanzkrise“ als das in Erscheinung treten, was sie von Anfang an war: eine fundamentale Wirtschaftskrise. Als erstes hat es die Autoindustrie voll erwischt. Ungefähr zu Weihnachten 2008 wird die Branche weltweit in die größte Krise seit ihrem Bestehen geraten. Weitere Wirtschaftszweige folgen auf den Fuß. Auch die Arbeitslosenzahlen werden im Laufe des nächsten Jahres steil anwachsen. Gleichzeitig rutscht die Politik immer tiefer in das Dilemma, entweder immer mehr Unternehmen oder über kurz oder den lang den eigenen Staat bankrott gehen zu lassen.

Aufschwung am Ende
Der wirtschaftliche Niedergang rollt mit atemberaubender Wucht durch alle Branchen und Weltregionen. Im Wochentakt müssen die schlechten Prognosen weiter nach unten korrigiert werden. Viele der vermeintlich Sachverständigen verfügen über keinerlei Erfahrung mit einer solchen Krise. Es ist der heftigste Wirtschaftsniedergang seit 80 Jahren. Ihn zu verstehen erfordert eine Vorstellungskraft, mit der viele Menschen überfordert sind.

Nachdem es in den USA die Investmentbanken endgültig zerlegt hat – von den ehemals fünf großen sind nur noch zwei übrig, und die mussten sich ganz normale Banken verwandeln – geht die Krisendynamik jetzt definitiv auf die Realwirtschaft über. Die amerikanische Rezession ist gewaltig. Der Verkauf ist in allen Kategorien eingebrochen, von Immobilien über das Auto bis hin zum Buch. Die Einsicht wächst, dass es sich um die schlimmste Krise seit der globalen Depression von 1929 handelt. Ein richtig großer Knall wird sich ungefähr zu Weihnachten ereignen, und seine Auswirkungen dürften auf der ganzen Welt zu spüren sein. Es handelt sich um den absehbaren Zusammenbruch von General Motors (GM), einem der größten Autohersteller der Welt. Schon im Oktober fiel der gesamte Autoabsatz in den USA um 32 Prozent, bei General Motors gar um sagenhafte 47 Prozent. GM wird schon sehr bald das Geld ausgehen; die Aktie fällt bereits ins bodenlose und befindet sich auf dem tiefsten Stand seit dem zweiten Weltkrieg. Kredite bekommt GM auch keine mehr. Genauso wenig wie die meisten US-Verbraucher, die sich in Folge dessen keine Autos mehr kaufen können. Die verbleibenden zahlungsfähigen Kunden verlangen vor allem kleine Benzinsparer. General Motors hat aber, ebenso wie die bei den anderen großen amerikanischen Autobauer, Ford und Chrysler, fast nur monströse Spritschlucker im Angebot. Der Absatzeinbruch bleibt für alle drei nicht ohne Folgen. Sie kämpfen um ihr Überleben und müssen schon jetzt ihre sämtlichen Beteiligungen an anderen Firmen und sonstige Vermögensbestände verscherbeln, allein um ihre laufenden Verpflichtungen bezahlen zu können. Die Manager der „Großen Drei“ sowie die Bürgermeister der betroffenen Regionen stehen in Washington auf der Matte, um staatliche Hilfe zu erbetteln. Bisher wurden sie nicht erhört. Der noch amtierende US-Präsident George W. Bush und sein Finanzminister Henri Paulson machten deutlich, dass das Rettungspaket nur für die Finanzbranche vorgesehen ist und weder für ein Konjunkturprogramm noch für andere Gewerbezweige verwendet werden soll. Ihr einziges Zugeständnis besteht darin, dass ein schon bewilligtes Kreditpaket von 25 Milliarden Dollar, das bisher für die Entwicklung spritsparender Autos vorgesehen war, nun nicht mehr zweckgebunden sein soll. Insgesamt bräuchten die großen Drei aber mindestens 50 Milliarden Dollar schon allein, um ihre laufenden Kosten zu bedienen. Neben Löhnen handelt es sich dabei vor allem um den Unterhalt von Betriebsrenten und Betriebskrankenkassen. Auch die vormals angedachte Fusion von GM und Chrysler ist vom Tisch. Für sie wären ebenfalls staatliche Hilfen nötig, die nicht gewährt werden.

Es droht ein Domino-Effekt. Der zu erwartende Kollaps von GM allein wird den US-Staat schon 200 Milliarden Dollar für Arbeitslosenversicherung und andere Sozialleistungen kosten. Ferner werden weltweit wichtige Zulieferer bankrott gehen, was wiederum den beiden anderen großen US-Autoherstellern unüberwindliche Schwierigkeiten in der Produktion bereiten wird. Wenn alle drei Autoriesen sterben sollten, hätte das dramatische folgen für die Wirtschaft. Allein in den USA würden 2,5 Millionen Jobs verloren gehen; Einkommen in Höhe von 125 Milliarden Dollar würden entfallen und den privaten Konsum weiter bremsen. Noch mehr Menschen könnten ihre Immobilienkredite nicht bedienen. Nicht nur die berüchtigten Subprime-Kredite, sondern auch immer mehr solide Hypothekendarlehen würden dann ausfallen. Die Grundstückspreise würden weiter in den Keller gehen, noch mehr Kreditkarten und Autokredite als jetzt schon gesperrt werden. Die Finanzsystem bekäme einen weiteren Schlag und eine weitere Runde in der Abwärtsspirale der Krise wäre eingeläutet.

Zwar setzt sich der baldige US-Präsident Barack Obama für staatliche Hilfen an die Autobranche ein, aber bis er die Geschäfte übernimmt, wird es zu spät sein. Und selbst wenn seine Hilfe noch rechtzeitig käme, wäre damit nur das aktuellste aller Probleme gelöst. Schon drängen Fluggesellschaften und der Bausektor ebenfalls auf staatliche Hilfen. Zwar plant Obama ein Konjunkturpaket in Höhe von 700 Milliarden Dollar. Damit sollen die öffentliche Infrastruktur und Schulen ausgebaut sowie Alternative Energien in den USA etabliert werden. Diese Maßnahmen sollen bis 2011 ca. 2,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Aber das Programm wird gerade einmal die absehbaren Jobverluste der Automobilbranche und ihrer Zulieferer ausgleichen. Obama spricht zwar von „einer Wirtschaftskrise von historischen Ausmaßen“ und prognostiziert, dass es erst einmal schlechter wird, bevor es wieder besser wird. Aber es stellt sich die Frage, ob er sich wirklich darüber im klaren ist, was den USA und in ihrem Gefolge noch der ganzen Welt bevorsteht.

Auch in Deutschland brechen die Aufträge quer durch alle Branchen im Rekordtempo weg. Wie in den USA macht sich die Absatzkrise zuerst in der Autoindustrie bemerkbar. Hierzulande brach der Auto-Absatz im Oktober immerhin um acht Prozent ein. Für die Beschäftigten dieser Industrie brechen harte Zeiten an. Fast überall wird die Produktion zurückgefahren und die Autofirmen entlassen zunehmend ihre Leiharbeiter, die bis vor kurzem noch einen zweistelligen Prozentanteil der Belegschaft ausmachten. Etliche Produktionsstätten wurden für Wochen geschlossen und Zehntausende weniger Autos gebaut als noch vor kurzem geplant. Die Krise der Autoindustrie betrifft ferner die Zulieferbranche und die Autohändler. Schon jetzt wird damit gerechnet, dass es im Branchenumfeld bis Ende 2009 mindestens 100.000 Stellen weniger geben wird. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt in Deutschland direkt oder indirekt von der Autoindustrie ab.

Auch in anderen Wirtschaftszweigen beginnt das große Zittern. So leiden etwa die Chemiefirmen unter hohen Absatzeinbußen. Das wiederum ist ein wichtiges Indiz bezüglich andere Branchen, denn die Chemieindustrie beliefert praktisch das gesamte produzierende Gewerbe mit ihren Ausgangsstoffen. Im Maschinenbau kommen weder aus dem Ausland noch aus dem Inland neue Aufträge; noch kann diese Branche alte Aufträge abarbeiten, aber in ca. einem halben Jahr ist auch hier der große Einbruch zu erwarten. Im deutschen Wohnungsbau droht die größte Flaute seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der Baugenehmigungen sank erneut um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, das seinerseits bereits einen Minusrekord darstellte. Zur Wirtschaftskrise kommt in dieser Branche auch noch der Wegfall der Eigenheimzulage vom Ende 2006. Fluggesellschaften melden einen drastischen Rückgang der Passagier- und Frachtzahlen. Selbst in der Chipindustrie trübt sich langsam die Stimmung ein. Ausgerechnet der Einzelhandel, wegen der fehlenden Binnennachfrage seit vielen Jahren als das Sorgenkind schlechthin unter den Wirtschaftsbranchen gehandelt, wirkt gegenwärtig stabilisierend. Und das bei verschwindend geringen Zuwächsen. Dieser Befund bedeutet nichts anderes, als dass sich nahezu alle anderen Branchen auf Talfahrt befinden. Schon jetzt lassen sich langlebige Güter kaum noch absetzen, immer weniger Leute kaufen Kühlschränke, Fernseher oder gar Autos. Spätestens wenn der absehbare Jobabbau um sich greift dürfte, die Kauflaune in den Keller gehen und auch diesen Wirtschafssektor in eine Abwärtsbewegung versetzen.

Ähnlich wie in Washington stehen auch in Berlin die Vertreter der Autoindustrie auf der Matte. Auch hier zeigen ihnen die Politiker vorzugsweise die kalte Schulter und verweisen dabei auf das magere staatliche Konjunkturpaket. Darin seien schließlich auch die Autohersteller bedacht worden. Weitere Kaufanreize wie etwa eine Verschrottungsprämie für Altwagen oder zinsgünstige Kredite für den Kauf neuer Modelle sind nicht vorgesehen. Dabei droht auch Deutschland ein ähnlicher Domino-Effekt wie in den USA. Angedacht ist allenfalls eine Ausnahme für Opel. Die deutsche Firma ist seit 1929 eine hundertprozentige Tochterfirma von General Motors. Geht die amerikanische Mutter in den Ruin, wird die deutsche Tochter schwer ins Schlingern geraten, die hiesigen Zulieferbetriebe gefährden und damit auch die anderen deutschen Autobauer in eine bedrohliche Lage bringen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte zu, dass bis Weihnachten über eine eventuelle(!) Bürgschaft für Opel entschieden werden soll. Sie und ihre Politikerkollegen haben Angst, mit der Unterstützung von Opel einen Präzedenzfall zu schaffen und weitere Begehrlichkeiten aus der Wirtschaft zu wecken. Dann könnte es kein Halten mehr geben und die Wirtschaft würde in Berlin die Türen einrennen. Dabei könnte der Staat sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Hinzu kommt, dass die große Koalition krampfhaft an ihren Sparbemühungen zum Zweck eines ausgeglichenen Haushalts festhält. In diesem Sinne wird auch keinerlei Vorsorge für den Anstieg der Arbeitslosenzahlen getroffen.

Ende des „Jobwunders“
Mit dem Aufschwung geht auch das „Jobwunder“ definitiv zu Ende. Schon sehr bald dürfte sich die Lage am Arbeitsmarkt deutlich verschlimmern. Bei genauerer Betrachtung sieht es dort jetzt schon sehr schlecht aus. Das zurückliegende so genannte „Beschäftigungswunder“ ging fast ausschließlich auf das Konto prekärer Arbeitsverhältnisse wie Ein-Euro- und Minijobs sowie Leiharbeit und befristeter Stellen. In Deutschland arbeiten mittlerweile nur noch 27 von 40 Millionen Erwerbstätigen Vollzeit und unter ordentlichen sozialversicherungspflichtigen Bedingungen. Damit liegt der Anteil der „Normalarbeitsverhältnisse“ nur noch bei 62 Prozent, Tendenz weiter sinkend. Leiharbeiter, Teilzeitkräfte, geringfügig Beschäftigte usw. dienen als „Konjunkturpuffer“ und sind in der Krise die ersten, die gehen müssen. Leiharbeiter zählen für die ausleihenden Firmen nicht als Betriebsangehörige. Daher kann beispielsweise die Autoindustrie behaupten, dass bei ihr noch keine Entlassungen stattfanden, denn es wurden bisher lediglich Zeitarbeiter nach Hause geschickt. Noch ist die vollzeitbeschäftigte Kernbelegschaft nicht betroffen. Das könnte sich jedoch ändern. Zuvor werden aber erst einmal Arbeitszeitkonten abgebaut, Resturlaub gewährt und zur Not Kurzarbeit gefahren. Es war Teil des jüngsten Konjunkturpaketes, die Gewährung von Kurzarbeitergeld von 12 auf 18 Monate zu verlängern. Aber über kurz oder lang wird wohl auch die Kernbelegschaften der Autobauer und ihrer Zulieferer von Entlassungen bedroht sein. Weitere Branchen werden in Kürze folgen.

Weltweite Konkursverschleppung
Euroland steht zum ersten Mal seit seiner Existenz vor einer Rezession. Im dritten und vierten Quartal ist hier die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent gesunken. Noch schlimmer hat es das nicht zur Eurozone gehörende Großbritannien getroffen. Hier sank die Wirtschaftsleistung zweimal hintereinander um 0,5 Prozent. Von den USA war bereits die Rede. Mittlerweile befinden sich auch Asien, Südamerika, Australien und Osteuropa in einem Abwärtsstrudel. Afrika ist indirekt über das noch weiter sinkende Interesse an diesem Kontinent betroffen. Der weltweite Abschwung hat bereits jetzt Rekordtempo und steigert sich weiter. Alle Wirtschaftssektoren sind betroffen, niemand kann sich auf Dauer dem Abwärtstrend entziehen. Diese Entwicklung kann allenfalls durch eine aktive Gegensteuerung mittels weltweiter staatlicher Interventionen abgebremst werden. Die wiederum können nur durch massive Verschuldung der Staaten bezahlt werden. Die Regierungen der Welt sind somit hin und hergerissen sehen zwischen der Wahrung ihrer Kreditwürdigkeit und dem Erhalt der in ihnen angesiedelten Wirtschaft. Es ist im Grunde eine Konkursverschleppung, die möglichst lange hingezogen werden soll. Dabei müssen die Staaten immer wieder neu zwischen den Folgen von Unternehmenspleiten und der Verschlechterung ihrer eigenen Finanzlage abwägen. Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera.