23.10.2008  Beitrag drucken

Unfassbar? Unvorstellbar?

Der Fall Fritzl verläuft einmal mehr nach den üblichen Mustern der Skandalisierung: sehr laut, aber wenig tief.

Langfassung eines Artikels aus dem Freitag 19, 9. Mai 2008

Franz Schandl

Die Moderatorin Barbara Stöckl ist „einfach nur fassungslos“. Die grüne Unternehmerin Monika Langthaler erleidet sogar eine „totale Fassungslosigkeit“, und der Kinderbuchautor Thomas Brezina bringt es schlussendlich auf den Punkt: „Unfassbar und unvorstellbar sind die Begriffe für die Qual der Menschen…“! „Blankes Entsetzen bei Bevölkerung und Prominenten“, schlagzeilte daher die Tageszeitung „Österreich“ am 29. April. Genau das ist der Fall. Leider.

Die Entsetzten

Zweifellos, das Vokabular ist blank, aber doch bezeichnend. Was soll man auch sagen, wenn man nichts zu sagen hat? Wie aufgezogen spulen unsere Promis ihre weggetretenen Statements vom Band. Man sagt, was halt in solchen Fällen gesagt wird: Eins ist entrüstet, die Sache sei „unglaublich“ und „unfassbar“, vor allem „unvorstellbar“. Warum eigentlich? Letztlich können Menschen, auch wenn ihnen die Taten durch deren Dynamik entgleiten, nur das Vorstellbare anstellen. Es sind geistige Reglosigkeit und emotionelle Unbedarftheit, die diesen banalen Gedanken stets ins Unvorstellbare verdrängen, die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen und nolens volens vor ihr kapitulieren.

Diese Haltungen sind jedoch Voraussetzung der allgemeinen Ignoranz, die jetzt allerorten beklagt wird. Warum haben alle weggeschaut, fragen alle ganz blauäugig. Ich frage mich, warum schauen die meisten noch immer nicht hin? Da ist nichts unglaublich und unfassbar. Die Wortwahl verrät von den Entsetzten mehr, als ihnen lieb sein kann. Es wäre nämlich vielmehr die Aufgabe, das Fassbare und Glaubhafte an der Geschichte aufzuarbeiten und zu analysieren. Das mag anstrengend sein und Selbstkritik erfordern, aber es ist notwendig. Ignoranz und Indifferenz sind jedenfalls kein individuelles Manko, sondern ein strukturelles Moment.

Ideelle Nachbarschaftshilfe besteht auch darin, dass man den Leuten gar manches durchgehen lässt. Überhaupt: Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, sagen viele, die wissen hätten können, wenn sie wissen hätten wollen. Der nun verhaftete Josef Fritzl hat alle an der Nase rumführen können, weil die das zuließen. Viele wurden getäuscht, weil sie sich täuschen lassen wollten. Nur nicht so genau hinsehen, und wenn, dann regiert mehr der Voyeurismus als der Wunsch nach Reflexion. Gestarrt wird ja nicht wenig, doch die flinken Narrenkästen in Television und Magazinen füttern das Publikum bloß mit geilen Bildern und grauslichen Details ab.

Im Hades des Hausherrn

Bis vor kurzem glaubte man lieber die Schauergeschichten des Herrn Fritzl. Die seit Jahren vermisste Tochter sei bei einer ausländischen Sekte, erzählte er den Behörden. Die glaubten das auch noch, als die Verschwundene drei Kinder vor des Vaters Haustüre legte. Da jettete die der Sekte Hörige dann über den Ozean, düste nach Amstetten, lieferte das Kind ab und schon war sie, von niemandem gesehen und beobachtet, wieder in Übersee. Derweil saß sie in der Unterwelt, im Hades des allmächtigen und grausamen Hausherrn, eingesperrt mit ihren vom Peiniger gezeugten und im Bunker geborenen Kindern.

Gerade nach den Fällen Kampusch und Fritzl ist anzunehmen, dass in den heimischen Kellern noch manche Gesuchte zu finden wären. Nicht wenige der verschwundenen Jugendlichen sind nicht durch Fremde (oder gar Fremdländische!) entführt, sondern von den Eigenen inhaftiert und der Außenwelt entzogen worden. Es ist wohl so wie bei den meisten sexuellen Nötigungen, auch die finden im engsten Freundes- und Bekanntenkreis statt. Der primäre gesellschaftliche Tatort ist die Familie. Die Keimzelle des Schutzes ist die Keimzelle des Übergriffs.

Galt der 73-jährige Fritzl früher als ein nach außen freundlicher, älterer Herr, als ein adretter und geschäftstüchtiger Zeitgenosse, so erscheint er plötzlich als ein bestialisches Ungeheuer, ja als ein Alien, als einer, der mit uns und den gesellschaftlichen Zuständen so gar nichts zu tun hat. Ein Sonderling eben, ein Irrer! Nur, wie kommt dieser Normalo dazu, so absonderlich irre zu werden? Gibt es hier einen Zusammenhang zwischen der Normalität und der Abnormalität, die wir besser gar nicht bereden sollten? Wie Josef Fritzl werden konnte, was er wurde, wird nicht gefragt, sondern lediglich, was er alles angestellt hat. Das ist das Thema, und daher wird kräftig gewühlt und gewütet. Daher wird viel Lärm sein, viel Dreck und vor allem viel Staub. Die Empörung ist groß, aber die Erkenntnis bleibt auf der Strecke. Im Skandal tritt die Banalität gerade so auf, als sei sie eine Sensation. Indes ist sie bloß eine Facette des Alltags, die ihre Herkunft konsequent leugnet. Wenn die Skandalisierungsmaschine anläuft ist nichts zu erwarten, was – trotz aller Enthüllungen – wirklich erhellend wäre.

Züchtig und tüchtig

Es ist der durch und durch autoritäre Charakter, der in Form eines Haustyrannen sein häusliches Gewaltmonopol über Frau, Kind und Hund errichtet hat. Und jenen gibt es, blickt man hinter die Kulissen, gar nicht so selten. In seinem Herrschaftsgebiet verfügt er über Zuwendung und Übergriff, da ist er ganz Gott. Es ist eine Sorte Mann, die sich nötigenfalls an Töchtern ebenso vergreift, wie sie Kinder systematisch unterdrückt und erniedrigt. Obligate Mittel sind Drill und Züchtigung. Nach außen sind diese Herren meist unauffällig und vor allem eins: tüchtig. Keine Zivilversager! Auch Josef Fritzl war geschäftstüchtig, hat es zu etwas gebracht, selbst wenn da vieles (aber so ist das bei Geschäften) sich an der Grenze der Legalität abspielte. Ein kleines Immobilienreich hat er sich in den Jahren so nebenbei „aufgebaut“. Was nicht ohne ist, denkt man an seinen familiären Stress.

Es handelt sich um Männer, deren Typus (nicht nur als einzelner Typ) sich in einer Krise befindet und die daher in ihrer Parallelwelt all das zu errichten trachten, was ihnen verloren zu gehen droht: die Macht über das Gesinde. Daraus schöpfen sie ihre vielzitierte „Potenz“. Leute wie Fritzl rennen viele durch die Gegend, gerade auch in der niederösterreichischen Provinz. Es gibt sie zuhauf, wenngleich nur wenige von dieser Energie und Durchschlagskraft besessen sind. Aber selbst diese „Wenigen“ sind noch „Einige“. Und sie sind unter uns. – Wäre es noch irrer gegangen? Zweifellos, denn wenn der alte Herr der Logik seines Spiel gefolgt wäre, hätte er wohl seine ganze Familie ausrotten müssen. Davor ist er, zum Glück, zurückgeschreckt.

Zweifellos wird der Fall an der Kleinstadt Amstetten hängen bleiben wie das KZ an Dachau. Und doch ist der Ort kein Zeichen besonderer Abnormalität, sondern einer ganz besonderen Normalität. Amstetten ist überall. Was alles andere als ein Trost ist. Über all das sollte man freilich diskutieren, unaufgeregt und nüchtern sich die Frage stellen, welche Bedingungen solche Unmöglichkeiten ermöglichen. Lasst uns doch über die Konstitution der Typen reden, nicht nur über die psychische, sondern in erster Linie über die gesellschaftliche Dimensionierung der Sexualtriebe. Es geht nicht einfach um „ein Verbrechen, das nicht zu verstehen ist“, wie die Süddeutsche vom 30. April behauptet. Die Frage nach dem „Warum“, ist nicht geradewegs zu entsorgen oder gar überflüssig. Sie entschuldigt auch nicht den Typus und seine Exponate, sie macht diese und jenen erst kenntlich.

Was sagt eigentlich der Hauptmann aller Niederösterreicher? Ist er schon auf Kriegspfad, der Erwin Pröll? Wer in Niederösterreich was anstellt, muss mit dem Schlimmsten rechnen, ließ er vor einigen Tagen verlautbaren, als die richtig bewaffnete Polizei einige als Polizisten verkleidete, aber unbewaffnete Gauner auf frischer Tat ertappte und einen von ihnen prompt erlegte. Denn offen gesagt, das missglückte Gesellenstück der rumänischen Autobahnbanditen ist, verglichen mit dem kriminellen GAU in Amstetten, ein Lausbubenstreich gewesen. Doch anders als dahergelaufene Rumänen bilden Altpatriarchen einen Kern der ÖVP-Wählerschaft. Dass der Erwin Pröll ihnen jetzt die Strasser-Bande ins Haus schickt, werden die auch in Zukunft nicht zu fürchten haben.