23.10.2008  Beitrag drucken

Wir sind wertlos!

Die Arbeit sei »mehr wert«, so begründen Gewerkschaften wie Verdi die aktuellen Arbeitskämpfe. Damit verkehren sie nur ökonomische Kategorien ins Moralische und riskieren, mögliche emanzipatorische Bewegungen im Keim zu ersticken.

Jungle World 8/2008

Roger Behrens

»Soziale Arbeit ist mehr wert!«, »Pflege ist mehr wert!«, »Wir sind mehr wert!« Die Parolen, welche die jüngsten Streikaktivitäten der Gewerkschaften, insbesondere Verdi, begleiten, muten paradox an. Es ist das ABC der Kritik der politischen Ökonomie, dass Lohnarbeitsverhältnisse im Kapitalis­mus darauf basieren, dass die Arbeit mehr wert ist: Arbeit ist nämlich die einzige Quelle, aus der ein Mehrwert abgeschöpft werden kann. Anders gesagt: Der Mehrwert ist die Kapitalismus-spezifische Form des Mehrprodukts und geht über ein bloßes Äquivalent für den Wert der Arbeitskraft, das ausreicht, um diese zu reproduzieren, hinaus.

Auch wenn man sich vermutlich in den PR-Abtei­lungen der Gewerkschaften bewusst für diese Parolen entschieden hat, gerade weil sie mit der assoziativen Nähe zum marxistischen Vokabular kokettieren und allein deshalb kämpferisch klingen, so meinen sie tatsächlich etwas anderes, der Kritik der politischen Ökonomie vollkommen Ent­gegengesetztes. Wenn es hier heißt, dass die Arbeit »mehr wert« sei, dann steckt dahinter die Vorstellung, dass es sozusagen noch eine mora­lische oder sittliche Wertdimension jenseits der rein ökonomischen Logik gebe. Wenn hier also von »Wert« die Rede ist, dann geht es scheinbar gegen das reine Profitmotiv um die kulturelle Dimension der Arbeit.

Hinzu kommt, dass diese Arbeiten, die in der modernen Gesellschaft dem Dienstleistungssektor zugerechnet werden, sich ohnehin nicht primär ökonomisch legitimieren, sondern sozial. Gerade in Hinblick auf Pflege, Kinder- und Altenbetreuung sowie andere Gesundheitsdienste ist »Wert« mit der Vorstellung menschlicher »Würde« verbunden, gemeinhin also mit Werten, die man gerade vor der ökonomischen Logik schützen möch­te. Das Logo einer Verdi-Broschüre zu diesem Thema zeigt ein Piktogramm-Männchen (wie man es von den Türen der Männertoiletten kennt), das von zwei schützenden Händen gerahmt wird (seit Albrecht Dürer fester Bestandteil der trivi­al-religiösen Ikonografie); darum ranken sich die Slo­gans »Mensch – nicht Kostenfaktor« und »Würde ist das Maß!«

Die Idee allerdings, dass die bestehende Gesellschaft auf Grundwerten basiere, die sich allein auf Humanität beziehen, also auf einen »Wert des Menschen an sich«, ist Ideologie im strengen Sinne: notwendig falsches Bewusstsein. Es ist das falsche Bewusstsein, wonach der angeblich tatsächliche Wert der Arbeit sich in ihrem moralisch-sittlichen Potenzial manifestiert: Gerade diejenigen Arbeitsverhältnisse, so wird mit dem Common Sense argumentiert, bei denen man un­mittelbar mit Menschen zu tun hat, sollten eine höhere Wertschätzung erfahren, die sich auch be­zahlt macht. »Was ist der Gesellschaft mehr wert: die Reparatur eines Autos oder die Pflege eines Kranken? Die Arbeitsstunde in einer Autowerkstatt kostet oft doppelt so viel wie die Arbeitsstun­de eines ambulanten Pflegedienstes. Es wird als ›natürlich‹ angesehen, dass soziale Dienstleistun­gen billig zu erbringen sind«, begründet Verdi die Kampagne »Soziale Arbeit ist mehr wert!« auf ihrer Internetseite.

Dem positiv definierten »Wert der Arbeit« setzt man ein anderes »natürliches« Maß entgegen, nämlich den Eigenwert der Beschäftigungen im sozialen Bereich, und führt perfide die ökono­mische Konkurrenz auf der Ebene der »menschlichen Qualität« fort. Die soziale Arbeit ist unter gegebenen Bedingungen der Leistungsökonomie eben doch nicht autonom als »mehr wert« begründbar, sondern ist auf den Vergleich mit anderen Lohnarbeitstätigkeiten wie dem Automechaniker angewiesen. Das schlägt in eine fatale Logik zurück: Je schärfer die ökonomische Ungleichheit innerhalb des Kapitalismus angegriffen wird, desto selbstverständlicher wird der Kapitalismus als solcher akzeptiert, desto mehr erscheinen die Produktionsverhältnisse selbst als »natürlich«.

Das ist aber die Crux an der Sache, denn es bleibt dabei, dass es sich um Arbeitsverhältnisse handelt, die prinzipiell nicht in Frage gestellt werden. Beständig wird affirmiert, dass es sich insgesamt um ein der Verwertungslogik unterworfenes System handelt, in dem menschliche Tä­tigkeit nur in Form der Lohnarbeit honoriert wird. Ein Gewerkschafter, der auf der Verdi-Home­page in der Rubrik »Soziale Arbeit ist mehr wert, weil … « zu Wort kommt – Berufsangabe: Heilpädagoge – bringt es auf den Punkt: »Auch mal gesagt zu bekommen ›Ja, Sie sind Ihr Geld wert‹. Nicht immer nur als Kostenfaktor behandelt zu werden. Soziale Arbeit ist menschliche Wertschät­zung.«

Der Begriff des Wertes – egal wie er in der allgemeinen oder individuellen Ideologie verortet wird – ist von seiner ökonomischen Bedeutung überhaupt nicht zu trennen. Ihm ist das Tauschprinzip wesentlich. Ein Blick in ein etymologisches Wörterbuch ist dabei hilfreich. Das Adjektiv »wert« gehört zu der unter »werden« behandelten indogermanischen Wortgruppe und bedeutet »gegen etwas gewendet« im Sinne von »einen Gegenwert habend«. Im Übrigen leitet sich auch das Wort »Würde« aus demselben Kontext ab. Die Vorstellung, die sich allerdings von »Wert« und »Würde« als besondere menschliche Qualitäten in der Moderne durchgesetzt hat, unterschlägt diese Bedeutungsdimension des abschätzenden Vergleichs und setzt Wert und Würde als selbstän­dige Größen.

Wert und Würde bekommen damit ihre sittlich-moralische Bedeutung, das betrifft schließlich sogar die Ethik, die gleichsam Eingang in die bür­gerliche Ideologie gefunden hat. Die neuzeitliche Philosophie unterscheidet Wertethiken von Pflicht­ethiken. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich die Konzepte der Wertethik im 20. Jahrhundert im Schatten der imperialistisch-kolonialen, hochkapitalistischen Ent- und Verwertung des Menschen herausbildeten. In derselben Zeit, in der im Namen ökonomischer Effizienz offiziell damit begonnen wurde, alles Menschliche in profitable Waren zu verwandeln und alles Wertlose zu vernichten, berief sich die Philosophie auf ideale, zeitlose Werte, die das Handeln der Menschen be­stimmen sollten. So argumentierte etwa Max Scheler gegen Immanuel Kant, der mit seiner Mo­ralphilosophie des kategorischen Imperativs die typische Pflichtethik formulierte; ein Sittengesetz, das allerdings auch wertmäßige Implikationen enthält, wenn es etwa heißt: »Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.«

Sowenig wie die streikenden Gewerkschafter offenbar Marxisten sind, sowenig werden sie Kan­tianer sein; ohnehin sind die Handlungsmaximen des bürgerlichen Individuums weitgehend diffus und widersprüchlich. Dennoch sind Parolen wie »Arbeit ist mehr wert!« Ausdruck moralischer Wertvorstellungen, die sich – wenn eben auch inkonsistent und inkonsequent – zum Teil aus der Wertethik, zum Teil aus der Pflichtethik speisen. Für die gesellschaftliche Praxis ist indes entscheidend, inwiefern sich das bürgerliche Bewusstsein vom moralischen Wert des Menschen mit den konkreten, klassenspezifischen Lebensverhältnissen verbindet.

Die alte Arbeiterbewegung hat vorgemacht, was heute nach wie vor von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften wiederholt wird: Die Würde des Menschen sei mit dem Wert der Ar­beit identisch – und der Zweck des Menschen durch den Homo Oeconomicus definiert. Sofern mit der Losung, dass die Arbeit »mehr wert« sei, bloß wiederholt wird, was ohnehin den fortgeschrittenen Kapitalismus in seiner Struktur charakterisiert, laufen die kämpferischen Gewerk­schaftsparolen um den Wert der Arbeit auf Scheingefechte hinaus. Denn weder der Wert noch der Mehrwert der Arbeit wird ja gesellschaftlich infrage gestellt; lediglich glaubt man verhandeln zu können, wem der Wert oder Mehrwert zukommt.

Dass in den Debatten auch noch von Lohngerech­tigkeit die Rede ist, offenbart den affirmativen Charakter der aktuellen Arbeitskämpfe. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch eine politische Ohnmacht, nicht nur der Gewerkschaften, sondern auch der Streikenden selbst. Sie vermögen ihre Interessen nur noch mit dem System wahrzunehmen, nicht mehr gegen das System. Dass das System selber kaum noch Möglichkeiten der positiven Bezugnahme bietet, wird nicht mit so­zialer Phantasie pariert, sondern mit hilflosem Konformismus. Insofern verläuft diese Auseinandersetzung ähnlich wie die um das Grundeinkommen und auch die letzten Studentenproteste: Mit den strukturellen Zwängen des Systems hat man sich immer schon abgefunden und versucht, durch den Kompromiss zu provozieren. »Bildung ist keine Ware!« ist auf den Transparenten der Studierenden zu lesen – dabei ist die Funktion der Universität keine andere als die, Bildung als Ware zu produzieren. Und in ausgefeilten Rechnungen kalkuliert man das garantierbare Grundeinkommen – dabei wäre die Forderung nach Spitzengehältern als Grundeinkommen genauso realistisch. Und man proklamiert schließlich, dass soziale Arbeit mehr wert sei, statt sich gegen die Verwertungslogik selbst zu wenden und die Arbeit als wertlos zu verteidigen.

Kurzum: Dass gestreikt wird und dass Menschen bereits sind, für bessere Lebensbedingungen solidarisch zu kämpfen, ist ein guter Ausgangspunkt für eine Politik, die in letzter Instanz nicht anstrebt, die bestehende Ökonomie zu verbessern, sondern zu überwinden. Dafür braucht es eine konkrete Utopie, die ihren Begriff nicht aus den herrschenden Verhältnissen gewinnen kann. Wenn aber gerade von Gewerkschaften, die es nach der historischen Erfahrung des Schei­terns der Arbeiterbewegung besser wissen sollten, der Ausgangspunkt zum Ziel gemacht wird, und als Kampfbegriffe bloß ökonomische Kategorien ins Moralische verkehrt werden, dann ersticken mögliche emanzipatorische Bewegungen bereits im Keim. Für diejenigen, die weiterhin in das Treibrad kapitalistischer Ökonomie eingespannt sind, gerät eine solche Kampagne, die ausgerechnet die Ideologie des »Wertes« in ihr Zentrum rückt, zum Selbstbetrug über das Elend ihrer wertlosen Existenz.